Samstag, 31. Dezember 2022
Freitag, 15. Juli 2022
Sterben nach Bonaventura
Lasst uns darum sterben und eintreten in das geheimnisvolle Dunkel; gebieten wir den Sorgen, Gelüsten und Phantasiegebilden Schweigen; gehen wir mit Christo, dem Gekreuzigten, aus dieser Welt hinüber zum Vater (vgl. Joh 13,1), und wenn uns der Vater gezeigt ist, so sprechen wir mit Philippus: "Es genügt uns" (Joh 14,8). Dann werden wir wie Paulus hören: "Es genügt dir meine Gnade" (2Kor 12,9) und mit David jubeln: "Es verzehrt sich mein Fleisch und mein Herz. Gott meines Herzens, du mein Anteil ewiglich! Gepriesen sei Gott in Ewigkeit! Und alles Volk soll sprechen: Es geschehe, es geschehe. Amen." (Ps 72,26 u. 105,48)
(Itinerarium 7,6 [Schlussworte])
Sonntag, 10. Juli 2022
Redet nicht nur über den Barmherzigen Samariter™!
Dabei ist der Barmherzige Samariter™ gar nicht das eigentliche Thema dieses Abschnitts aus dem Evangelium, er ist nur eine Figur in einem Gleichnis, das zur Erläuterung des eigentlichen Themas dient.
Statt es das "Evangelium vom Barmherzigen Samariter™" zu nennen, müsste es eigentlich heißen: Das Evangelium von der Frage nach dem ewigen Leben. So fängt es an:
»Da stand ein Gesetzeslehrer auf, und um Jesus auf die Probe zu stellen,
fragte er ihn: Meister, was muss ich tun, um das ewige Leben zu
gewinnen?
Jesus sagte zu ihm:
Was steht im Gesetz? Was liest du dort?«
Die Antwort gibt die erste Lesung (Dtn 30,10-14), über die komischerweise ähnlich selten gepredigt wird:
»Mose sprach zum Volk: Du sollst auf die Stimme des Herrn, deines Gottes,
hören und auf seine Gebote und Gesetze achten, die in dieser Urkunde
der Weisung einzeln aufgezeichnet sind. Du sollst zum Herrn, deinem
Gott, mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele zurückkehren.
Denn dieses Gebot,
auf das ich dich heute verpflichte, geht nicht über deine Kraft und ist
nicht fern von dir.
Es ist nicht im
Himmel, so dass du sagen müsstest: Wer steigt für uns in den Himmel
hinauf, holt es herunter und verkündet es uns, damit wir es halten
können?
Es ist auch nicht
jenseits des Meeres, so dass du sagen müsstest: Wer fährt für uns über
das Meer, holt es herüber und verkündet es uns, damit wir es halten
können?
Nein, das Wort ist
ganz nah bei dir, es ist in deinem Mund und in deinem Herzen, du kannst
es halten.«
Nächstenliebe ist schön und recht. Nächstenliebe um der Nächstenliebe willen ist aber noch nicht christlich. Für Nächstenliebe braucht es kein Christentum, braucht es keinen Jesus Christus. Worum geht es im Letzten? Ja, wir sollen so handeln wie diese Figur in dem Gleichnis und uns fragen "handle ich auch so?". Aber die wesentliche Frage, die wir zu stellen aufgefordert werden durch dieses Evangelium, lautet wohl eher: "was muss ich tun, um das ewige Leben zu
gewinnen?"
Freitag, 24. Dezember 2021
Montag, 25. Oktober 2021
Die Blindheit des Bartimäus
Zunächst wurde auf den Namen Bartimäus abgehoben, der einen "Mann ohne Eigenschaften" bezeichne, weil es eigentlich kein "richtiger" Name sei, da er wörtlich soviel wie "Sohn des Timäus" bedeute, was im Text selber ja auch so drinsteht. Nun ist es zwar richtig, dass Bar-Timäus wörtlich übersetzt "Sohn des Timäus" heißt, aber darum ist weder der Name noch sein Inhaber Bedeutungs- oder Eigenschaftslos.
1. sagt dieser Name bereits so Manches aus: Offenbar war Bartimäus Sohn eines griechischen Vaters (denn Timaios ist ein griechischer Name) und einer jüdischen Mutter (darum jüdisch "bar": Sohn). Diese Tatsache mag für ihn bereits zu einer gewissen sozialen Ausgrenzung geführt haben.
2. ist es durchaus ein "richtiger" Name, der in der Kultur, in der er steht, sogar höchst bedeutungsvoll ist: Den Juden war ihre Abstammung ausgesprochen wichtig, so auch die Fortführung von Namen über Generationen hinweg. Darum das Unverständnis der Leute, als Elisabeth ihren Sohn Johannes nennt: "Es gibt doch niemanden in deiner Verwandtschaft, der so heißt." (Lk 1,61) Die Auslöschung oder das Vergessen eines Namens ist in dieser Kultur bis heute das schlimmste Schicksal, wogegen das Bewahren des Namens große Ehre und Gnade ist, weswegen Gott auch seinem Volk, mit dem er den Bund schließt, sagen kann, dass er ihm "Denkmal und Name" (Jes 56,5) gibt (hebr. jad waschem; davon hat jene große Holocaust-Gedenkstätte in Jerusalem [sie ist mehr als das, es ist u.a. auch eine Behörde, die Zurückkehrenden Juden die Staatsbürgerschaft verleiht] ihren Namen). Namen sind auch dann "richtig", wenn sie nicht besonders tiefgründig sind... In Italien heißen bis heute manche Männer "Primo" und "Secondo", wörtlich: "Erster" und "Zweiter" (erster Sohn, zweiter Sohn); der in Deutschland nicht seltene Name "Andreas" ist griechisch und bedeutet einfach nur "Mann" (gr. andros)... ist also ein Mann namens "Andreas" eigenschaftslos, weil sein Name einfach nur "Mann" bedeutet? (Und was sagt dieser Name über Frauen aus, die "Andrea" heißen?) [Besonders krass ist der Name Barrabas: bar abbas = Sohn des Vaters...]
Soviel dazu. Achja, und in Skandinavien ist es bis heute üblich, dass der Nachname "Sohn von..." lautet: z.B. Olafsson = Sohn des Olaf.
Was mich aber v.a. ins Grübeln brachte war das Insistieren des Predigers darauf, dass es hier angeblich gar nicht um eine körperliche, sondern um eine geistig/seelische Blindheit (gegenüber der Wahrheit) gehe. Dem muss man vom Textbefund her entschieden widersprechen. Zwar wird Blindheit biblisch häufig als eine geistige verstanden (aber nicht "immer", wie der Prediger meinte), die gegenüber Gott und seinem Heil als Blindheit des Verstandes oder Verirrung des Geistes gilt - darum ist Gott das Licht in der Finsternis, der "blinde Augen öffnet" (vgl. Jes 42,7; Offb 3,17) -, aber das ist hier offenkundig gerade nicht der Fall.
Einen Schritt zurück: Dass es sich um einen Bettler handelt stützt bereits eine körperliche Blindheit, denn es waren oft gerade die Lahmen und Blinden, die im Betteln ihren Broterwerb hatten, weil sie für andere Tätigkeiten nicht zu gebrauchen waren. Lahm war Bartimäus offenbar nicht, denn er springt auf und geht Jesus entgegen.
Dass Bartimäus nicht blind gegenüber Gott und seinem Heilswerk ist, nicht geistig blind oder verirrt, ist sofort überdeutlich, denn er hat offenkundig bereits von Jesus gehört und setzte bereits sein Vertrauen, seinen Glauben in ihn. Als er erfuhr, dass dieser Jesus in seiner Nähe ist, ruft er ihn sofort. Und nicht nur ruft er Jesus, etwa als "Jesus, Zimmermann aus Nazareth", wie ihn Leute benennen, die ihn nicht wirklich erkannten (vgl. Mk 6,3), sondern er ruft ihn als "Jesus, Sohn Davids", was nichts weniger als ein messianischer Hoheitstitel ist, denn aus dem Geschlecht Davids erwarteten die Juden ihren Retter (vgl. 2Sam 7,16; Röm 1,3). So heißt es in einem "Psalm Salomos" (aus dem 1. Jhd v. Chr., nicht in der Bibel, geben einen sehr getreuen Einblick in das religöse Denken der Zeit unmittelbar vor Jesu auftreten): "Sieh, Herr, darein! Lass ihren König wiederum erstehen, den Davidssohn, zur Zeit, die du erkoren, Gott, dass Israel, dein Knecht, ihm diene!" (PsSal 17,23 [Riessler])
Bartimäus ist nicht geistig/seelisch blind oder von Gott weg verirrt, im Gegenteil: Dieser (körperlich) blinde Bettler sieht mehr als alle anderen in dieser Episode, er erkennt den Messias und glaubt an ihn, dass er ihn heilen und (so wörtlich im Text) erretten kann.
Der Blinde sieht von Anfang an besser als die Sehenden, denn er sieht mit den Augen des Glaubens. Er wirft sein Obergewand fort (ein lebenswichtiges Kleidungsstück, das gerade Bettlern Nachts das Überleben sicherte) und wirft sich selbst mit aller Kraft und gegen den Schweigeruf der Umstehenden (alles körperlich Sehende!) Jesus entgegen und folgt ihm schließlich nach.
Freitag, 22. Oktober 2021
Johannes Paul II. und der Umweltschutz
Für den Christen aber ist die Sorge für die Erde eine moralische Verpflichtung, "damit sie Frucht bringe und eine würdige Wohnstätte für die gesamte menschliche Familie werde" (Gaudium et spes, Nr. 57).«
(Predigt in Visdende am 12 Juli; in: ApSt 1987, 1565)
»Es ist bezeichnend, dass in unserer Zeit angesichts dessen, was die Gefahr des "Umwelt-Holocausts" genannt wird, eine große kulturelle Bewegung entstanden ist mit dem Ziel, die Umwelt zu schützen und neu zu entdecken. Für dieses dringende Anliegen muss besonders die Jugend sensibilisiert werden. Das achtungsvolle Genießen der Natur ist als wichtiger Bestandteil ihres Erziehungsprozesses zu betrachten. Wer wirklich sich selbst finden will, muss lernen, die Natur zu genießen, deren Zauber eng mit der Stille der Kontemplation verbunden ist. Die Tonarten der Schöpfung sind gleichfalls Mittel von außerordentlicher Schönheit, durch welche die empfängliche und gläubige Seele mühelos das Echo der geheimnisvollen, höheren Schönheit vernehmen kann, die Gott selbst ist, der Schöpfer, von dem jede Wirklichkeit ihren Ursprung und ihr Leben hat.
Das heutige Fest des hl. Benedikt von Nursia, des Schutzpatrons von Europa, lädt zu dieser Suche ein. Er lebte in einer Zeit der Krise der antiken Zivilisation und gründete Klöster, die Oasen der Kontemplation und zugleich Baustellen wurden. Das Mönchtum wusste klugerweise, wie Papst Paul VI. gut beobachtet hatte, "das Kreuz, das Buch und den Pflug" miteinander zu verbinden (Pacis nuntius, 24. Oktober 1964): drei Elemente, die nie voneinander getrennt werden dürfen, will man nicht das Gleichgewicht der Person, der Gesellschaft und der Umwelt gefährden. Der benediktinische Leitspruch "Ora et labora" ist eine weise Formel, dazu bestimmt, die Herzen und die Geister zu erbauen, aber auch "die Wüsteinei und Wildnis in fruchtbare Felder und schöne Gärten zu verwandeln" (ebd.) Das Beispiel von Benedikt, den wir heute besonders verehren, helfe dem Menschen dieser Zeit, die Fähigkeit der Synthese, an die großteils die Qualität der Zukunft der Menschheit gebunden ist.«
(Angelus in Santo Stefano di Cadore am 11. Juli; in: ApSt 1993, 119-120)
»Die Schöpfung ist sozusagen die große göttliche Erzählung. Der tiefe Sinn dieses wunderbaren Buches der Schöpfung jedoch wäre für uns schwer verständlich, wenn nicht Jesus, das menschgewordene Wort, gekommen wäre, um es uns "zu erklären", indem er unsere Augen befähigt hat, in den Geschöpfen leichter die Spur des Schöpfers zu sehen.
Jesus ist das Wort, das den Sinn all dessen enthält, was lebt. Er ist das Wort, in dem der "Name" aller Dinge ruht, vom kleinsten Teilchen bis zu den riesigen Galaxien. Er selbst ist also das "Wort", voll der Gnade und Wahrheit (vgl. Joh 1,14), durch das der Vater sich selbst und seinen Willen, seinen geheimnisvollen Liebesplan und den tiefsten Sinn der Geschichte offenbart (vgl. Eph 1,9-10). In Jesus hat Gott uns alles gesagt, was er uns zu sagen hatte.
"Ein Sämann ging aufs Feld, um zu säen" (Mt 13,3). Die Menschwerdung des Wortes ist die größte und wahrhaftigste "Aussaat" des Vaters. Am Ende der Zeiten wird die Ernte kommen: Der Mensch wird dann vor das Gericht Gottes gestellt Wenn er viel erhalten hat, wird er über vieles Rechenschaft ablegen müssen.
Der Mensch ist nicht nur für sich selbst verantwortlich. sondern auch für die anderen Geschöpfe. Er ist es im weltumspannenden Sinn: Denn an ihn ist ihr Schicksal in der Zeit und jenseits der Zeit gebunden. Wenn er dem Plan des Schöpfers gehorcht und sich ihm anpasst, führt er die gesamte Schöpfung ins Reich der Freiheit, so wie er sie durch den Ungehorsam am Anfang mit sich ins Reich der Zerstörung gerissen hat. Dies wollte der heilige Paulus uns heute in der zweiten Lesung sagen.
Seine Worte sind geheimnisvoll, aber faszinierend. Indem sie Christus aufnimmt, ist die Menschheit imstande, einen neuen Lebensstrom in die Schöpfung zu leiten. Ohne Christus bezahlt der Kosmos selbst die Folgen der menschlichen Weigerung. dem göttlichen Heilsplan in Freiheit zuzustimmen. Für unsere Hoffnung und die aller Geschöpfe hat Christus im Herzen des Menschen den Keim neuen, unsterblichen Lebens eingepflanzt. Das Samenkorn des Heils, das der Schöpfung eine neue Ausrichtung gibt: die Herrlichkeit des Reiches Gottes,
"Denn wie der Regen und der Schnee - so haben wir aus dem Buch des Prophe ten Jesaja gehört - vom Himmel fällt und nicht dorthin zurückkehrt, sondern die Erde tränkt und sie zum Keimen und Sprossen bringt.... so ist es auch mit dem Wort, das meinen Mund verlässt: Es kehrt nicht leer zu mir zurück, sondern bewirkt, ... wozu ich es ausgesandt habe" (Jes 55,11). Jeder hat deshalb die Verantwortung, "gute Erde" zu sein und Christus aufzunehmen, damit das Evangelium schon in dieser Welt und für das ewige Leben Frucht bringe. Der Christ muss darauf achten, nicht oberflächlich oder unbeständig zu sein; er darf sich nicht von den Sorgen dieser Welt und dem trügerischen Reichtum ersticken lassen (vgl. Mt 13.19-22). Indem er den Anregungen der Gnade entspricht, hat er die Aufgabe, "gute Erde" zu werden, fähig, nicht nur das Wort aufzunehmen, sondern es auch in Fülle Frucht tragen zu lassen.
Liebe Schwestern und Brüder von Santo Stefano di Cadore! Die herrliche Naturumgebung, in der sich euer Leben abspielt, hilft euch, eure Berufung als Glaubende besser zu verstehen. Indem ihr in der Umwelt die Spuren des himmlischen Vaters erkennt, sollt ihr dankbaren Herzens seine Größe preisen und euch bemühen, durch das Zeugnis eines wahrhaft christlichen Lebens auf Gottes Hochherzigkeit zu antworten.
Eure Täler hier "jauchzen, ja sie singen" wirklich (vgl. Antwortpsalm). Handelt so, dass euer ganzes Dasein die aus der Natur aufsteigende Botschaft wiedergibt und zum Lobpreis des Herrn wird, der auf die Erde kommt, sie tränkt und mit seinen Gaben erfüllt.«
(Predigt beim Sonntagsgottesdienst in Santo Stefano di Cadore am 11. Juli; in: ApSp 1993, 1002-1003)
Freitag, 17. September 2021
Folgen der Abirrung
»Wer sich nicht an die gesunden Worte Jesu Christi, unseres Herrn, und an die Lehre unseres Glaubens hält, der ist verblendet; er versteht nichts, sondern ist krank vor lauter Auseinandersetzungen und Wortgefechten. Diese führen zu Neid, Streit, Verleumdungen, üblen Verdächtigungen und Gezänk unter den Menschen, deren Denken verdorben ist; diese Leute sind von der Wahrheit abgekommen...« (1Tim 6,3-5)
Kyrie eleison!
Sonntag, 22. August 2021
Sonntag, 18. Juli 2021
Traditionis custodes
zu Deutsch: "Wächter des Verrats"?
Darum - so spricht der Herr, der Gott Israels, über die Hirten, die mein Volk weiden: Ihr habt meine Schafe zerstreut und versprengt und habt euch nicht um sie gekümmert. Jetzt ziehe ich euch zur Rechenschaft wegen eurer bösen Taten - Spruch des Herrn.
Ich selbst aber sammle den Rest meiner Schafe aus allen Ländern, wohin ich sie versprengt habe. Ich bringe sie zurück auf ihre Weide; sie sollen fruchtbar sein und sich vermehren.
Ich werde für sie Hirten bestellen, die sie weiden, und sie werden sich nicht mehr fürchten und ängstigen und nicht mehr verlorengehen - Spruch des Herrn.
Seht, es kommen Tage - Spruch des Herrn -, da werde ich für David einen gerechten Spross erwecken. Er wird als König herrschen und weise handeln, für Recht und Gerechtigkeit wird er sorgen im Land.
In seinen Tagen wird Juda gerettet werden, Israel kann in Sicherheit wohnen. Man wird ihm den Namen geben: Der Herr ist unsere Gerechtigkeit.
Sonntag, 30. Mai 2021
Symbolum Athanasianum
John Henry Newman schätzte das aus dem 6. oder 7. Jahrhundert stammende sog. „Athanasianische Glaubensbekenntnis“ über alles, weil es die Essenz des christlichen Glaubens in unübertrefflicher Klarheit und Eindeutigkeit formuliert... früher wurde es am Sonntag Trinitatis im Stundengebet gebetet, heute ist es fast völlig in Vergessenheit geraten (auch der KKK erwähnt es nur einmal eher beiläufig).
Wer er immer selig werden will, der muss vor allem den katholischen Glauben fest halten.
Wer diesen nicht in seinem ganzen Umfange und unverletzt bewahrt, wird ohne Zweifel ewig zugrunde gehen.
Es ist aber katholischer Glaube, dass wir einen Gott in der Dreifaltigkeit und die Dreifaltigkeit in der Einheit anbeten.
Ohne Vermengung der Personen und ohne Trennung der Wesenheit.
Denn verschieden ist die Person des Vaters, die des Sohnes und die des Heiligen Geistes.
Aber nur eine Gottheit ist im Vater und im Sohne und im Heiligen Geiste, gleich ist Ihre Herrlichkeit, gleich ewig Ihre Majestät.
Wie der Vater, so der Sohn, so der Heilige Geist.
Unerschaffen ist der Vater, unerschaffen der Sohn, unerschaffen der Heilige Geist.
Unermesslich ist der Vater, unermesslich der Sohn, unermesslich der Heilige Geist.
Ewig ist der Vater, ewig der Sohn, ewig der Heilige Geist.
Und doch sind es nicht drei Ewige, sondern nur ein Ewiger.
Wie auch nicht drei Unerschaffene und nicht drei Unermessliche, sondern ein Unerschaffener und ein Unermesslicher.
In gleicher Weise ist allmächtig der Vater, allmächtig der Sohn, allmächtig der Heilige Geist.
Und doch sind es nicht drei Allmächtige, sondern ein Allmächtiger.
Ebenso ist der Vater Gott, der Sohn Gott, der Heilige Geist Gott.
Und doch sind es nicht drei Götter, sondern es ist nur ein Gott.
Ebenso ist der Vater Herr, der Sohn Herr, der Heilige Geist Herr.
Und doch sind es nicht drei Herren, sondern nur ein Herr.
Denn wie wir nach Vorschrift der christlichen Lehre jede Person einzeln für sich als Gott und Herrn bekennen, so verbietet uns anderseits der katholische Glaube, drei Götter oder Herren anzunehmen.
Der Vater ist von niemand gemacht, auch nicht geschaffen, auch nicht gezeugt.
Der Sohn ist vom Vater nicht gemacht, nicht geschaffen, sondern gezeugt.
Der Heilige Geist ist vom Vater und Sohn, nicht gemacht, nicht geschaffen, nicht gezeugt, sondern hervor gehend.
Es ist also ein Vater, nicht drei Väter; ein Sohn, nicht drei Söhne; ein Heiliger Geist, nicht drei Heilige Geister.
Und in dieser Dreieinigkeit ist nichts früher oder später, nichts größer oder kleiner, sondern alle drei Personen sind sich gleich ewig und voll kommen gleich.
So ist in allem, wie schon vorhin gesagt, die Einheit in der Dreifaltigkeit und die Dreifaltigkeit in der Einheit anzubeten.
Wer daher selig werden will, muss in dieser Weise an die heiligste Dreifaltigkeit glauben. Zum ewigen Heile ist es weiterhin notwendig, dass man auch an die Menschwerdung unseres Herrn Jesus Christus aufrichtig glaube.
Der wahre Glaube fordert also, dass wir glauben und bekennen: dass Jesus Christus, der Sohn Gottes, Gott und Mensch zugleich ist.
Gott ist Er, weil Er aus der Wesenheit des Vaters von Ewigkeit her gezeugt, und Mensch ist Er, weil Er aus dem Leibe der Mutter in der Zeit geboren ist.
Vollkommener Gott und vollkommener Mensch, der aus einer vernünftigen Seele und einem menschlichen Leibe besteht.
Er ist dem Vater gleich der Gottheit nach, Er ist geringer als der Vater der Menschheit nach.
Obgleich Er Gott und Mensch zugleich ist, so sind doch nicht zwei, sondern nur ein Christus.
Einer aber, nicht als ob die Gottheit in Fleisch verwandelt wäre, sondern weil Gott die Menschheit angenommen hat.
Einer ganz und gar, nicht durch Vermischung der Wesenheit, sondern durch Einheit der Person.
Denn wie die vernünftige Seele und das Fleisch nur einen Menschen ausmachen, so ist auch Gott und Mensch nur ein Christus.
Um unseres Heiles willen hat Er gelitten, ist zur Hölle abgestiegen und am dritten Tage wieder von den Toten auferstanden;
Er ist in den Himmel auf gefahren, sitzet zur rechten Hand Gottes, des allmächtigen Vaters, von dannen Er kommen wird, zu richten die Lebendigen und die Toten.
Bei Seiner Ankunft werden alle Menschen auferstehen mit ihren Leibern und Rechenschaft ablegen über ihre eigenen Handlungen.
Und die, welche Gutes getan, werden hingehen zum ewigen Leben; die aber Böses getan, werden eingehen ins ewige Feuer.
Das ist der katholische Glaube; wer diesen nicht getreulich und fest bekennt, kann nicht selig werden.
[entnommen aus der deutschen Ausgabe des Breviarium Romanum von P. Morant, 1965]
Hat nicht speziell mit dem Athanasianum zutun: Etwas skurril fand ich es heute in der Predigt (fremder Prediger) als gegen Ende wie aus dem Nichts gegen die seit dem Mittelalter oft anzutreffende Darstellung des „Gnadenstuhles“ (s. Bild) geschossen wurde (die Predigt war insgesamt eher flach und wenig erbaulich). Diese Darstellung sei kalt und starr und nicht einladend. Diese Bemerkung trug zum Thema der Predigt nichts bei und war im Grunde überflüssig.
Zunächst
muss man wissen, dass unter „Gnadenstuhl“ eine ganze Palette an Nuancen zu finden ist. Wesentlich ist, dass Gott Vater seinen Sohn
(mit oder ohne Kreuz) hält und (meist) der Heilige Geist in Gestalt der
Taube bei ihnen ist. Eng verwandt ist die Darstellung der Taufe Jesu mit der Hand Gottes im Himmel, die den Geist als Taube auf Jesus herabsendet. Es gibt sogar Varianten als „Pietà“,
wo Jesus im Schoß des sitzenden Vaters liegt, was, mittelalterlicher Mystik entsprechend, die Trauer des Vaters besonders stark ausdrückt (manchmal hat der Vater auch die gleichen Wundmale, das ist aber theologisch eher fragwürdig). Der Prediger hatte wohl
eine frontale Darstellung mit Kreuz im Sinn. Trotzdem
ist seine Äußerung fragwürdig: Mag ja sein, dass in seinem
Kunstempfinden eine
bestimmte Variante des Gnadenstuhls keine besonders einladende oder
schöne oder sinnvolle
Darstellung ist, aber
so eine persönliche, pauschale, hingeworfene, und zudem wenig
erleuchtete „Kunstkritik“ gehört nicht in eine Predigt. Aber sei's drum...
Dabei hätte so ein Verweis auf diese Darstellungsweise der Trinität an diesem Trinitatis-Sonntag eine Steilvorlage für eine nicht nur biblische, sondern auch liturgische Predigt geboten: Der „Gnadenstuhl“ ist nämlich untrennbar vom Römischen Kanon (1. Hochgebet), dem er bis heute (nur nicht im deutschen, völlig schmucklosen Messbuch) oft vorangestellt ist: "Dich, gütiger Vater, bitten wir durch deinen Sohn, unseren Herrn Jesus Christus…" Im Grunde ist diese Darstellungsweise eine Verbildlichung dieses Hochgebets, insbesondere der drei auf die Wandlung folgenden Gebete:
„Darum, gütiger Vater, feiern wir, deine Diener und dein heiliges Volk, das Gedächtnis deines Sohnes, unseres Herrn Jesus Christus. Wir verkünden sein heilbringendes Leiden, seine Auferstehung von den Toten und seine glorreiche Himmelfahrt. …“
„Blicke versöhnt und gütig darauf nieder und nimm sie an…“
„Wir bitten dich, allmächtiger Gott: Dein heiliger Engel trage diese Opfergabe auf deinen himmlischen Altar vor deine göttliche Herrlichkeit…“
Der Vater empfängt seinen Sohn, nachdem „alles vollbracht“ war (vgl. Joh 19,28-30), zurück, und er gibt ihn zugleich, reicht ihn uns dar zur Speise im Sakrament.
Die früheste Darstellung in Verbindung mit der Bezeichnung „Gnadenstuhl“ zeigt Gottvater, wie er den Gekreuzigten hält, und zwar über dem „Deckel“ der Bundeslade, denn der (neuzeitliche) Begriff „Gnadenstuhl“ stammt aus der Lutherübersetzung von Hebr 4,16; das gleiche griechische Wort meint in Hebr 9,5 den „Deckel“ der Bundeslade (vgl. Ex 37,6: Sühneplatte) und bezeichnet somit aus alttestamentlichem Blickwinkel nichts weniger als den Ort der Offenbarung Gottes. (Genau wie das Athanasianische Credo, das sich auch unter den lutherischen Bekenntnisschriften findet, ist also auch die Gnadenstuhl-Darstellung ausgesprochen ökumenisch.) Wiederum das gleiche Wort gebraucht Paulus in Röm 3,25 („Sühnopfer“) und er beschreibt damit wunderschön, was wir in einer solchen Darstellung sehen:
»Ihn hat Gott aufgerichtet als Sühnemal - wirksam durch Glauben - in seinem Blut, zum Erweis seiner Gerechtigkeit durch die Vergebung der Sünden, die früher, in der Zeit der Geduld Gottes, begangen wurden; ja zum Erweis seiner Gerechtigkeit in der gegenwärtigen Zeit, um zu zeigen: Er selbst ist gerecht und macht den gerecht, der aus Glauben an Jesus lebt.«
Nicht
starr und kalt ist diese Darstellung, die es immerhin seit über 700
Jahren gibt, sondern ausgesprochen warm, denn sie stellt das Heilsmysterium selbst dar, das Gott Vater, Sohn und
Heiliger Geist für uns vollbracht haben und vollbringen. Es ist hoch dynamisch: Der Sohn hat uns erlöst, der Vater empfängt ihn und gib ihn zugleich, der Geist wirkt und beschirmt das Heilsgeschehen mit seinen sprichwörtlichen Flügeln. Das Athanasianische Glaubensbekenntnis macht passend dazu überdeutlich, dass und wie wir diesen einen Gott in drei Personen anbeten...
Montag, 24. Mai 2021
Pfingstliches Zeugnis
»Von gestern erst sind wir, und doch haben wir schon den Erdkreis und all das eurige erfüllt, die Städte, Inseln, Kastelle, Munizipalstädte, Ratsversammlungen, sogar die Heerlager, Zünfte, Dekurien, den Palast, den Senat und das Forum; wir haben euch nur die Tempel gelassen. […] Jetzt nämlich ist die Zahl der Feinde, die ihr habt, geringer als die Zahl der Bürger, wegen der Menge der Christen, die fast die Gesamtzahl der loyalen Bürger ausmachen. Und indem ihr in den Christen beinahe alle Bürger für Feinde haltet, wolltet ihr sie doch lieber Feinde des menschlichen Geschlechts nennen, als Feinde der menschlichen Irrtümer. Aber wer würde euch dann jenen verborgenen, euch die geistige und körperliche Gesundheit beständig verwüstenden Feinden entreißen, ich meine, den Angriffen der Dämonen, welche wir von euch ohne Belohnung, ohne Bezahlung vertreiben? […] Ihr habt es aber vorgezogen, anstatt auf eine angemessene Belohnung für solchen Schutz Bedacht zu nehmen, eine Menschenklasse, die euch nicht nur nicht lästig, sondern sogar unentbehrlich ist, für Feinde anzusehen, was wir fürwahr sind – aber nicht des menschlichen Geschlechts, sondern vielmehr des menschlichen Irrtums. […] Aber fahrt nur so fort, treffliche Präsidenten, die ihr beim Pöbel viel beliebter werdet, wenn ihr ihm Christen opfert; quält, martert, verurteilt uns, reibt uns auf; eure Ungerechtigkeit ist der Beweis unserer Unschuld! Deswegen duldet Gott, daß wir solches dulden. […] Und doch, die ausgesuchteste Grausamkeit von eurer Seite nützt nichts; sie ist eher ein Verbreitungsmittel unserer Genossenschaft. Wir werden jedesmal zahlreicher, so oft wir von euch niedergemäht werden; ein Same ist das Blut der Christen.«
In Deutschland haben wir keine solche Feindseligkeit zu fürchten, weil wir auch kein Zeugnis geben…
Samstag, 22. Mai 2021
Wider die alte Leier
Der Text zu Dokumentationszwecken (vom Computer getippt und von mir bereinigt):
»Diese Geschichte von Saul und David [die wir eben gehört haben: 1 Sam 16,14-23] findet man z.Z. in keiner Leseordnung. Sie mögen sich wundern, warum ich diese Stelle ausgesucht habe, aber vielleicht wundern sie sich gleich nicht mehr.
Ich kann sie nicht verbergen. Meine Liebe zur Musik und auch meine Prägung durch die Musik. Die Musik ist mir ein Geistlicher Nährboden. Neben der Theologie natürlich und der christlichen Spiritualität. Und vor diesem Hintergrund erlaube ich mir heute morgen mit Ihnen einen Gedankengang vorzunehmen und einen Gedanken aufzugreifen des Märtyrerbischofs Ignatius von Antiochien (um das Jahr 107). Da sagt er ganz einfach, an die Gemeinde in Ephesos geschrieben: „Nehmt Gottes Melodie in euch auf.“
Hat Gott ein Lied für uns ein Lebenslied? In diesem Brief vergleicht Ignatius die Gemeinde mit einem großen Chor. Da sagt er: „Nehmt Gottes Melodie in euch auf, so werdet ihr alle zusammen zu einem Chor. Und in eurer Eintracht und zusammenklingenden Liebe ertönt durch euch das Lied Jesu Christi, das ist das Lied, das Gott der Vater hört, und so erkennt er euch alle als die, die zu Christus gehören." Ein Wort voller Poesie.
Das schreibt ein Mann der gefesselt in einer Soldatenkohorte daherzieht, auf Rom zu, und er weiß, dass er den gewaltsamen Tod durch wilde Tiere entgegengeht. Dieser Bischof Ignatius hat die Vorstellung, dass Gott für jeden eine Stimme, eine Lebensmelodie hat. Und wenn jeder die ihm zugedachte Melodie Gottes wirklich hört und in sich aufnimmt, dann wird der zusammen aller Stimmen eine Symphonie. Symphonie heißt der wörtlich „Zusammenklang“.
Fragst du dich, lieber Weihekandidat, am Tag deiner Priesterweihe: „Was ist Gottes Melodie, Gottes Lied für mich? Welche Stimme hat er mir zugedacht?“
Ich bewundere und verehre den großen Geigenvirtuose Yehudi Menuhin. Einer der ganz großen Musiker des 20. Jahrhunderts. Er hat Lebenserinnerungen geschrieben unter dem Titel „Unvollendete Reise“. Da denkt er an einer Stelle über die Interpretation eines Musikstücks nach und schreibt: Im Idealfall würde man eine Passage ganz gleichmäßig spielen und gerade soviel Unregelmäßigkeit zulassen, dass ein Element der Lebendigkeit spürbar bleibt. Dieses Element der Lebendigkeit nennt er „la part de Dieu – Gottes Part“. Jede große Aufführung lebt davon. Gottes Part.
Die Noten die Partitur so exakt wie möglich, aber dann jener Spielraum zwischen den Noten den wir nicht in der Hand haben, und der Alles bewegt und belebt: „la part de Dieu – Gottes Part“. Und heute: Gottes Part im Dienst des Priesters.
Ein beachtenswertes Bild Schwestern und Brüder: Nehmt Gottes Melodie in euch auf. Gott ist wie eine unerschöpfliche Melodie die in uns zum Klingen kommen will. Die Seiten sind in uns angelegt, wir können sie schwingen lassen und der ganze Körper mit allen Fasern unserer Seins kann zum Resonanzboden werden.
Meine Lieben Weihekandidaten: Gott hat für jeden von uns eine eigene Stimme vorgesehen. Eine unverwechselbare Lebensmelodie. Ihre Lebensmelodie erfährt heute eine sakramentale Linienführung. Das Sakrament der Weihe schlägt den Ton in ihnen und durch sie an. Jenen Ton, den wir als Gottes Part erkennen dürfen. Wenn jeder seinen Part hört und in sich aufnimmt, dann kommt es zu einem guten Zusammenklang zu einer Sinfonie und im Urtext des Bischofs Ignatius steht buchstäblich Symphonie. Die mir und dir zugesagt und zugedachte Lebensmelodie kommt erst im Zusammenklang mit den anderen Stimmen zur Geltung und da soll ein Chor entstehen in dem jeder seine Lebensmelodie einbringen. So kann durch uns das Lied Jesu Christi erklingen und Gott erkennt uns Menschen, die zu Christus, seinem Sohn, gehören.
Gesang, Chor, Gottes Melodie: Das hat hier in unserem Dom einen festen und würdigen Platz und das soll auch den Christen prägen, daran soll man ihn auch erkennen. Jetzt können Sie sagen: „Ist das nicht ein bisschen zu harmonisch oder zu romantisch, lieber Bischof?“ Mancher wird denken – auch hier in Dom –: „Naja, ihr vier heute morgen, an einem Tag wie heute, ihr habt gut singen. Aber wisst ihr denn nicht, was wirklich gespielt wird? Wartet nur ab. So wie es in der Kirche aussieht, wird euch das Siegen bald vergehen!“
Wirklich? Sie wissen wie es in der Kirche aussieht und sie meine Lieben Kandidaten machen sich auch nichts vor. Sie gehen nicht mit Scheuklappen durch das Bistum und auch nicht durch ihre ersten diakonalen, seelsorglichen Gemeindefelder. Und trotzdem hören Sie den Ruf: „Nehmt Gottes Melodie in euch auf.“ Es geht um einen anderen Ton, der hier angeschlagen wird. Es geht hier nicht um die übliche alte Leier.
Die alte Leier: Wir kennen Sie zur Genüge. Wo Kirchenleute aller Ebenen heute zusammensitzen, sprechen sie in aller Regel die meiste Zeit darüber, wie schwierig es doch alles jetzt ist und wie es bergab geht, und dass ihn Grunde „Rom“ oder „Paderborn“ oder „Köln“ an allem Schuld ist.
Schwestern und Brüder, es gibt so eine negative Genüsslichkeit innerhalb der Kirche. Diese Genüsslichkeit ergeht sich auf den Schattenseiten – die zweifellos da sind – und kommt sich dabei äußerst „progressiv“ vor. Jemand hat es einmal sehr markant ausgedrückt: „Je progressiver desto hoffnungsloser.“ Da gehört es zum guten Ton sich als ohnmächtig gegenüber der „Institution“ zu empfinden; man erschöpft sich in Selbstmitleid und psychologischer Selbstpflege. Die alte Leier.
Von solchem Lamentieren kann man nicht leben. Wenn ich der Kirche immer nur wieder nachweisen möchte, dass man ja eigentlich in ihr gar nicht leben kann, dann kann ich sie nicht, und auch in ihr nicht leben, nicht arbeiten und auch nicht, wenn es sein muss, leiden oder sogar kämpfen.
Ich zitiere Dorothee Sölle: „Aus der Perspektive der Armeen betrachtet, ist solche Hoffnungslosigkeit eine Art Luxus für diejenigen, die nicht in die waren Kämpfe vor Ort verwickelt sind. Solche Hoffnungslosigkeit können wir uns nur in unserem Wohlstandskirchen leisten. Den jungen armen Kirchen im Süden ist sie ganz fremd und sie ist auch nicht mit Argumenten, so habe ich oft den Eindruck, zu besiegen.
Aber man könnte ja, wie der Junge David im Falle des depressiven Saul, zur Zither greifen um die Schmermut zu lindern oder gar zu vertreiben. David hat die Lieder angestimmt, die bis heute Tag für Tag in der Kirche erklingen, auch in der Liturgie. Das liebe Weihekandidaten soll nun ihre Lieder werden. Diese Gotteslieder, vor allem die durch Jahrtausende alten Psalmen, wollen und sollen sie anstimmen, das weitet den Raum und das eröffnet Perspektiven.
Im letzten Buch der Heiligen Schrift, in der Geheimen Offenbarung des Johannes, heiß es: Und die Sieger trugen die Harfen Gottes. Sie sangen das Lied des Mose, des Knechtes Gottes, und das Lied zu Ehren des Lammes. Das muss es geben in unserer Welt. Das muss es geben durch die Zeiten hindurch: Menschen, die die Harfen Gottes tragen und das Lied zu Ehren des Lammes anstimmen. Es muss sie geben: Menschen die sich in all ihrer Gebrechlichkeit rufen lassen, damit sie im Konzert der Menschen den Part Gottes durchkommen lassen. Wenn der Part Gottes verstummt in der Kirche – und dann in der Welt – dann gute Nacht!
In einem altkirchlichen Hymnus ist zu lesen: Wie der Wind durch die Harfe streicht und die Saiten erklingen, so fährt der Geist des Herrn durch unsere Glieder und ich fange an zu singen von seiner Liebe berührt. Part Gottes.
Ich kenne noch einen anderen großen Geiger des 20. Jahrhunderts, Isaac Stern. Er wurde kurze Zeit nach der Kulturrevolution nach Rotchina eingeladen und sollte dort das neu beginnende Musikleben kennenlernen und auch beurteilen. Er hat die Einladung unter einer Bedingung angenommen: Er wollte das was sich ihm darbot festhalten, mit der Kamera dokumentieren. Da ist ein aufschlussreiches Dokument zustande gekommen, in dem man alles sieht: Alles perfekt eintrainiert, ganz exakt ausgeführt, aber es klingt nicht. Es fehlt der Spielraum aus dem die Musik ihre Strahlkraft bekommt: „la part de Dieu – Gottes Part“.
Ja liebe Schwestern und Brüder, das treibt mich schon um: Wir könnten im großen Konzert unserer Kirche in Deutschland sein wie ein Orchester, das die Noten und die Partitur beherrscht, mit äußerster Perfektion spielt. Aber es fehlt der Spielraum Gottes. Vom Spielraum Gottes sind die Menschen bewegt und werden sie bewegt werden und belebt werden. Ja, wir müssen mit den Noten korrekt umgehen, wir müssen sie spielen. Es geht nicht nur um unsere eigenen Improvisationskünste. Aber die Noten allein bringen es nicht. Mit all unseren erlernten pastoralen, Künsten und Medien allein, werden wir es nicht vollbringen. Es wird alles darauf ankommen, dass Gott durchkommt sein Atem, sein schöpferischer Geist, der Menschen begeistern kann – der Part Gottes. So spreche ich Ihnen heute, meine Lieben Kandidaten, am Tage ihrer Priesterweihe und uns allen, Schwestern und Brüder, die wir uns den Resonanzboden unseres christlichen Zeugnisses und unserer christlichen Freude nicht zerstören lassen wollen, ich rufe uns allen zu: „Nehmt Gottes Melodie in euch auf!“ Der Part Gottes ist mächtiger als wir es uns denken können.
Liebe Neupriester unseres Erzbistums: Er spielt ihn nicht zuletzt in ihrer Lebensmelodie als Priester Jesu Christi. Dazu gilt Ihnen mein herzlicher Segenswunsch an dieser Stelle.«
Donnerstag, 20. Mai 2021
Glühende Kohlen
Über Bernhardin von Siena, dessen Gedenktag heute ist:
»92. Ein sehr gelehrter und tüchtiger Prediger des Franziskanerordens wurde einmal gefragt, warum er bei der Bekehrung des Volkes nicht auch solche Erfolge aufzuweisen habe wie Bernhardin, den er doch an Wissen und Beredsamkeit weit übertreffe. Der Bruder gab zur Antwort: "Ich selber gleiche einer Kohle ohne Glut; wenn man auf diese Kohle andere, gleichfalls erloschene Kohlen legt, wer den sie nie neu erglühen. Bernhardin dagegen ist eine vom Gottesgeist erglühende Kohle; bei der Berührung mit ihr werden andere Kohlen, auch wenn sie bereits erloschen sind, sich an der Glut ihres Feuers sogleich entzünden."« (Aus: "Das Leben des heiligen Bernhardin von Siena" in der Serie "Heilige der ungeteilten Christenheit")
In Deutschland scheinen wir ein riesengroßer Haufen erloschener Kohlen zu sein, wo sind die glühenden Kohlen, die etwas entfachen?
Samstag, 15. Mai 2021
Ida Friederike Görres († 15. Mai 1971)
»Weil sie die Wahrheit trägt: das, das macht unsre Herzen erzittern vom unaussprechlichen Schauer der Gottesbegegnung: weil sie, genau wie Christus von sich sagt: "dazu geboren und in die Welt gekommen ist, um von der Wahrheit Zeugnis zu geben". (Joh. 18, 37). Darum allein: Wenn das nicht wäre! Alles sonst, was andre, was zum Beispiel Sie an der Kirche bewundern, uns vielleicht beneidend: der pädagogische und künstlerische und kulturelle Reichtum, das seelische Geborgensein in einem Kosmos von unerhörter, einziger Fülle, - alles das könnte uns gestohlen werden, wäre es auf einer Lüge, einem Traum, einer Illusion aufgebaut. Nie habe ich begreifen können, wie Andersgläubige, auch Sie, verehrter Freund, um ihrer Caritas oder Kunst oder Ordnungsmacht oder Weisheit willen der katholischen Kirche so lächelnd und großmütig Reverenz bezeugen können, wenn Sie doch glauben, dass die Macht über den Menschen, welche alle diese geistige Fruchtbarkeit hoch trieb, letztlich auf einem falschen Anspruch fußt. So ungefähr: "Wenn es die katholische Kirche nicht gäbe, müsste man sie erfinden, ob das, was sie als Dogma zu ihrer Begründung darstellt, im übrigen wahr ist oder nicht." Ganz im Gegenteil! Auf das Letzte allein kommt es uns an. Wenn dieses Eine nicht stimmt, wenn nicht sie, sie allein, als Ganzes, als Körper, als "Anstalt", das Gesamt der geoffenbarten Wahrheit, das heißt der Botschaft Gottes über sich selbst, über den Menschen, über die Welt enthält und trägt, so ganz, so eins, dass nicht ein Stückchen abgebrochen werden oder verloren gehen darf, und mit der unfehlbaren Entscheidung darüber, was eigentlich in diesem un geheuren Konglomerat von Lehre, Kult, Auslegung, herauskristallisiertem Brauch und Ansatz das Ur-Erbe ist und was Menschenwerk, darüber, was man glauben muss und was man glauben darf und kann und soll: wenn die Kirche also nicht das Organ der vollen Botschaft Gottes auf Erden ist, Ver mächtnis und Stiftung Jesu Christi, dann gibt es doch für den, dem an der Wahrheit etwas liegt, nur die eine Lösung: écrasez l'infame vernichtet die Verfluchte. Dann ist sie nämlich der Antichrist, das fleisch- und formgewordene Prinzip der Lüge, und ihre sämtlichen "kulturellen Werte und Verdienste" sind nichts als der riesenhafteste Apparat der Verführung. Darum liebe und ehre ich die Protestanten, die aus solchem Ernst heraus die Kirche den Antichrist nennen, - auch Newman tat es, viele Jahre hindurch, und bei diesem Liebenden der Wahrheit war es ja auch gar nicht anders möglich -, weil sie der Kirche die Ehre antun, ihren ungeheuren Anspruch an das christliche Gewissen ernstzunehmen, und seine Ungeheuerlichkeit, wenn er falsch wäre. Wir aber, die wir diesen ihren Anspruch hören und glauben: dass, wer die Kirche hört, Gott hört, die wir glauben, dass, wenn ein Engel vom Himmel käme mit andern Ansprüchen, so sei er verflucht, - wir "suchen" bei ihr zu erst weder Kultur noch Weisheit der Menschenführung noch Ordnung der Völker und der Gesellschaft noch die gewaltige Macht der nothelfenden, tränentrocknenden Caritas: wir suchen die Wahrheit Gottes in ihr und das "Amt der Versöhnung" (2. Kor. 5, 18), das Kommen Seines Reiches, - und siehe, all das andre wird uns nachgeworfen!«
(Aus dem "Brief über die Kirche" vom 01.08.1946)
Dienstag, 27. April 2021
Petrus Canisius und die Bücher
»Es will die Zeit, so voll Sünden und Aergerniß ist, aufs Höchste erfordern, daß wir Christen uns selbst und auch die Unsrigen, so viel unser Seelenheil belangt, recht fleissig versorgen, besonders in diesen gefährlichen, zänkischen und verführerischen Läuften; denn leider (wie vor Augen) christlicher Glaube und Andacht je länger, je mehr abnimmt, die Lieb erkaltet, die Bosheit geht in Schwung, und nach Christi Weissagung nimmt sie überhand allenthalben.
Nun findet man aber gleichwohl viel Bücher und Büchlein, welche im Druck ausgegangen, die sich dermassen ansehen lassen, als ob sie nichts Anderes, als den wahren und christlichen Weg uns weiseten, und als ob sie uns und die Unsrigen in der Gottseligkeit genugsam bewahrten und versorgten. Im Grund aber erfindet sich, daß mehrentheils in solchen allgemeinen Büchlein nur ein Schein und eine schöne Farb der Wahrheit angestrichen wird, haben aber sonst allerlei irrige, verführerische und schädliche Lehren eingemischt, welche doch von dem gemeinen Mann nicht leicht gemerkt und verstanden werden. Soll darum ein jeder fromme Christ ernstlich ermahnet und bei seiner Seele Seligkeit gewarnet sein, daß er wohl zu und umsehe, was er für Büchlein habe und lese, besonders von Katechismen und Betbüchlein, und dergleichen anderen mehr. Denn wie St. Johannes sagt: ‚Glaubet nicht jeglichem Geist,‘ so mag man auch wohl sagen: ‚Glaubet nicht jeglichem Büchlein und Katechismo, weil viel falsche Propheten und Scribenten (Schriftsteller) in die Welt ausgegangen sind.‘ Und wie wohl viel andere Katechismi gefunden werden, welche die reine ungefälschte christliche Lehre in Kürze begreifen und vortragen, so wird doch dies Büchlein vielleicht nicht weniger Frucht als diese schaffen, weil es ohne alle Weitläufigkeit kurz und gründlich alle vornehmsten, nothwendigsten Stücke anzeiget und vorstellt; denn in diesem findest du, christlicher Leser, die Grundveste und Hauptartikel unserer wahren, christkatholischen und seligmachenden Religion. Es hängt doch Alles am Glauben, Hoffnung, Liebe, Sakramenten und Gerechtigkeit, wenn wir nur immer Gottes Kinder und in Christo gerecht und selig werden wollen. Ohne den Glauben erkennen wir Gott nicht, ohne die Hoffnung verzweifeln wir an Gottes Gnaden; ohne Lieb nutzt uns weder Glauben noch Hoffen oder Vertrauen, sondern wir bleiben noch in der Finsterniß, ja auch im Tod, wie die Hl. Apostel schreiben. Ohne die Sakramente aber, und ihren rechten katholischen Gebrauch wird die Gnade des Hl. Geistes nicht geschöpft noch erhalten. Wo dann nicht ist die Gerechtigkeit, da ist nicht Christi sondern des Teufels Reich, wie da geschrieben steht: ‚Wer recht thut, der ist gerecht. Wer Sünde thut, ist vom Teufel. Dazu aber ist erschienen der Sohn Gottes, sagt Johannes, daß er die Werke des Teufels zerstöre.‘«
Beachtlich finde ich es, dass der Heilige seine "Kurze Erklärung der vornehmsten Stücke des wahren katholischen Glaubens" eigentlich nur als Faszikel vor seine "rechte und katholische Form zu beten" gestellt hat: jene Grundwahrheiten des Glaubens sind sozusagen das Vorspiel für sein eigentliches Anliegen, nämlich das Gebet der Gläubigen zu fördern, wofür er dann in bester Gebetsbuch-Tradition einiges zusammengestellt hat; von den über 500 Seiten sind nicht einmal 90 der Katechismus. So eine Kombination aus klar dargelegten Glaubenswahrheiten und Gebeten für den gläubigen Alltag finde ich klasse. Soetwas bräuchte es in für heute angemessener Form eigentlich auch - dringend. Ein "Katechismus-Gebetbuch" für die heutige Glaubensnot... Quasi eine Kombination aus Youcat und Youcat-Jugendgebetbuch für unterschiedliche Altersstufen...
Donnerstag, 28. Januar 2021
Thomas von Aquin über die Kirche
»Viertens ist sie fest (apostolisch). – Ein Haus heisst fest:
1. Wenn es auf gutem Fundamente ruht. – Das eigentliche Fundament der Kirche aber ist Christus, denn: "ein anderes Fundament kann niemand legen, als das gelegt ist, und das ist Christus Jesus" (1Kor 3,2). Das fernere Fundament sind dann die Apostel und ihre Lehre. Deshalb ist dieses Haus fest und heißt es in der Apokalypse (Apk 21,14), dass die Mauer der Stadt zwölf Grundsteine hatte, worauf die Namen der zwölf Apostel geschrieben waren; und darum auch wird die Kirche "apostolische" genannt und Petrus zur Andeutung ihrer Stärke Felsenmann.2. Es erhellt die Festigkeit eines Hauses ferner daraus, wenn es trotz Erschütterung nicht eingestürzt werden kann. – Die Kirche aber konnte nie zerstört werden, und zwar nicht: von den Verfolgern, vielmehr erstarkte sie nur während den Verfolgungen, und ihre Verfolger und die, gegen welche sie selbst auftrat, erlagen. Denn: "wer auf diesen Stein fällt, der wird zerschmettert werden, und auf wen er fällt, den wird er zermalmen" (Mt 21,44). Nicht auch von den Häresien, vielmehr, je mehr Irrtümer auftraten, um so mehr wurde die Wahrheit allseitig beleuchtet, denn es gilt von den Irrlehrern das Wort: "Sie sind Menschen verdorbenen Sinnes, verworfen in Glaubenssachen, aber sie werden es nicht weit bringen" (2Tim 3,8). – Aber auch von den Versuchungen des Satans konnte sie nicht überwunden werden; denn die Kirche ist wie ein Turm, in welchem jeder Schutz sucht, der wider den Teufel kämpft: "Ein fester Turm ist der Name des Herrn" (Spr 18,10). Und deshalb strengt sich der Teufel besonders an, sie zu zerstören, aber er wird nicht Meister, denn der Herr hat gesagt: "Die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen" (Mt 16,18), d. h. sie werden gegen dich Krieg führen, aber nicht die Oberhand gewinnen. Daher kommt es auch, dass nur die Kirche Petri (dem bei der Aussendung der Jünger Italien zufiel) immer im Glauben fest blieb. Und während anderswo entweder der Glaube gar nicht ist, oder vermischt mit vielen Irrtümern, so ist doch die Kirche Petri im Glauben stark und von allen Irrtümern rein, was nicht zum Verwundern ist, da der Herr zu Petrus gesagt: "Ich habe für dich gebetet, Petrus, damit dein Glaube nicht wanke" (Lk 22,32).« (aus seinem "Katechismus")
Montag, 28. Dezember 2020
Kindermord von Bethlehem
Alle Jahre wieder werden wir durch irgendwelche offiziellen kirchlichen Kanäle mit der Auskunft beglückt, dass der Kindermord von Bethlehem ja eigentlich gar kein historisches Ereignis gewesen sei(n könne), weil er außerhalb der Bibel nicht bezeugt sei. So auch dieses Jahr wieder zielsicher auf katholisch.de (hier): »Eine zeitgenössische Bestätigung jedenfalls gibt es nicht. Vielmehr muss man einräumen, dass selbst der Historiker Flavius Josephus, der in seinen 'Antiquitates Iudaicae' doch recht ausführlich über die Herrschaftszeit des Herodes des Großen berichtet, kein Wort über einen Kindermord in Betlehem verliert. Sein Schweigen über dieses doch sehr grausame Ereignis ist zumindest ein sehr gewichtiges Indiz, dass der Kindermord keine historische Tatsache ist.«
Weil mir das schon sehr lange auf den Keks geht, hier mal die sehr gescheiten Ausführungen von Heinrich Klug ("Das Evangelium als Geschichtsquelle und Glaubensverkündigung", S. 499-501):
»Das Johannesevangelium, das als topographisch zuverlässig durch die wissenschaftliche Forschung immer mehr anerkannt wird, bezeichnet Bethlehem zur Zeit Jesu als einen ‚Flecken‘ (Joh 7,42: Komä = Dorf, Kastell). In einem solch kleineren Ort ist die Zahl der jährlichen Geburten nicht bedeutend groß. Bei dem Kindermord war diese kleine Zahl noch halbiert, weil die Mädchen nicht ermordet wurden. Außerdem muß aber besonders die damals große Kindersterblichkeitsziffer berücksichtigt werden. Gemäß damaliger Auffassung galt der Wert eines Menschenlebens als gering, vor allem bei der Anerkennung der Verfügungsmacht über Leben und Tod seiner Untertanen durch einen Tyrannen wie Herodes oder zur Befestigung der römischen Herrschergewalt. Unter dem römischen Prokurator Sabinus wurden nach einem Aufstand zweitausend Männer auf einmal ans Kreuz geschlagen und getötet. Ferner hatte nach heidnischer Aufassung vielfach der Vater das Recht, sein Kind nach der Geburt anzuerkennen oder zu töten. […]
Herodes ließ gleich bei seinem Regierungsantritt 45 Anhänger des letzten Hasmonäers hinrichten (Flav Jos, Ant 15,133). Auch gegen seine eigene Familie wütete er so, daß er die ganze männliche Nachkommenschaft des Hyrkanos ausrotten ließ. […] Flavius Josephus faßte sein Urteil über Herodes in die Worte zusammen: Herodes ‚wütete gegen Schuldige und Unschuldige mit gleicher Bosheit‘ (Flav Jos, Ant 17,634). Der Bericht des Evangeliums über den Kindermord des Herodes stimmt genau überein mit den außerbiblischen Angaben über die negativen Charakterzüge des Herodes: Ehrgeiz, Herrschsucht, Mißtrauen, Verschlagenheit, Rücksichtslosigkeit und Grausamkeit. Mit den großen politischen Ereignissen und den Massenmorden durch Herodes, besonders an dem jüdischen Hochadel und an anderen führenden Persönlichkeiten ist allerdings der Mord in Bethlehem im Hinblick auf die verhältnismäßig geringe Zahl und die politische Bedeutungslosigkeit der unmündigen Kinder armer, unangesehener Leute von Bethlehem nicht zu vergleichen. Entweder erschien dem Schriftsteller Flavius Josephus der Kindermord von Bethlehem als weltgeschichtlich und volkspolitisch nicht bemerkenswert, oder dieser Vorfall war ihm bei der Fülle der anderen politisch bedeutungsvollen Ereignisse jener Zeit überhaupt nicht bekannt. Auf keinen Fall ist das Schweigen über den Vorfall in Bethlehem ein Beweis gegen die Geschichtlichkeit des Kindermordes.«
Zum Video: Philip Stopford, Lully, Lulla Lullay, aufgeführt von Voces8. Die bewegendste Vertonung des Geschehens um den Kindermord, die ich kenne. Ich empfehle gute Kopfhörer.
Sonntag, 22. November 2020
Freitag, 9. Oktober 2020
J. H. Newman über die hl. Eucharistie
»The text [Joh 6,50] speaks of the greatest and highest of all the Sacramental mysteries, which faith has been vouchsafed, that of Holy Communion. Christ, who died and rose again for us, is in it spiritually present, in the fulness of His death and of His resurrection. We call His presence in this Holy Sacrament a spiritual presence, not as if "spiritual" were but a name or mode of speech, and He were really absent, but by way of expressing that He who is present there can neither be seen nor heard; that He cannot be approached or ascertained by any of the senses; that He is not present in place, that He is not present carnally, though He is really present. And how this is, of course is a mystery. All that we know or need know is that He is given to us, and that in the Sacrament of Holy Communion.« (PPS 6,11)
Sonntag, 4. Oktober 2020
Wir besitzen den Glauben nicht
Es ist ein wiederkehrendes Motiv insbesondere in der Religionspädagogik und in der Pastoral, dass man uns sagt, wir würden den Glauben ja nicht "besitzen". Damit ist i.d.R. gemeint, dass Menschen, die etwa in der Sakramentenpastoral oder im Reli-Unterricht tätig sind, nicht so handeln und sprechen sollen, als wüssten sie über den Glauben Bescheid, als hätten sie Antworten auf irgendwelche Fragen. Den Glauben, so sagt man, müssen die Adressaten selbst kennenlernen, man darf ihnen nichts "vorsetzen".
Ich glaube ja, dass wir das anders sehen müssen: Wir besitzen den Glauben der Kirche nicht, denn er ist objektiv vorgegeben und uns nur zur Verwaltung (= Weitergabe) anvertraut. Darum dürfen wir ihn in seiner ganzen Fülle niemandem vorenthalten. Wenn wir den Glauben nicht unverkürzt weitergeben, dann benehmen wir uns wie die Winzer im heutigen Evangelium: Wir stellen selbst die Regeln auf und verfahren nach unserem Gutdünken mit diesem Glauben, wir stellen uns dann faktisch über den Glauben, üben Herrschaft und Verfügungsmacht über das Evangelium aus, die uns nicht zusteht. Wir dürfen und können das Evangelium nicht machen, wir haben nur den Auftrag, es weiterzutragen, wir sind Empfangende, damit wir weitergeben. Nicht als Besitzer die frei gestalten und "machen" können, sondern als Verwalter: Als Apostel. Der Apostel ist nicht Schöpfer der Botschaft, sondern ihr Bote; er kann und darf sich nicht aussuchen was er verkündet.















