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Montag, 26. Juni 2023

Erzbischof Johannes Dyba über den Fortschritt

'Konservativ' genannt zu werden, war einem früher eher peinlich. Nach dem Schicksal, das die sogenannten 'Fortschrittlichen' in den letzten Zeiten erfahren mussten, ist es nicht mehr ganz so unangenehm. Auf dem Gebiet von Wissenschaft und Technik haben sich die Grenzen und Gefahren des 'Fortschritts ja überdeutlich gezeigt. Aber auch auf politischem und gesellschaftlichem Gebiet haben Strömungen wie Marxismus und Sozialismus in all ihren Formen, die ja lange Jahre den Fortschritt geradezu zu verkörpern behaupteten, uns an den Rand des Abgrunds geführt. Am Abgrund aber ist nun wirklich jeder weitere Fortschritt tödlich.

Es zeigt sich immer deutlicher, daß man den Fortschritt nicht so naiv wie bisher als etwas Wünschenswertes begrüßen darf, ohne zu prüfen, wovon er eigentlich 'fort'schreitet und zu welchem Ziel er hinschreitet. Ein Beispiel mag das veranschaulichen. Wenn demnächst, wie bei der jetzigen Entwicklung mit Sicherheit zu erwarten ist, der bereits gefundenen sanften Babytötungspille die sanfte Einschläferungspille für Oma und Opa folgt, dann ist das rein pharmazeutisch gesehen zwar ein Fortschritt, menschlich gesehen aber ein Rückschritt in die Ära steinzeitlicher Nomaden, die beim Weiterziehen ihre hilflosen Alten im Schnee zurückließen, weil sie für den Stamm eine für unzumutbar gehaltene Belastung darstellten.

Auch dem verlorenen Sohn" erschien der Aufbruch aus dem Vaterhaus mit prall gefüllten Beuteln sicher als ein Fortschritt. Später musste er dann einsehen, dass der wahre Fortschritt in der Rückkehr zum Vater bestand.

Damit sind wir bei der Frage des Fortschritts in Christentum und Kirche. Was hier neuerdings an Fortschritten verlangt und an 'Fortschrittlichem' angepriesen wird, muss ebenso kritisch geprüft werden. Wenn sich dann – wie im Fall Drewermann – herausstellt, dass die Preisgabe elementarer Bestandteile des katholischen Glaubens, ja sogar von Teilen des Credo ('Empfangen vom Heiligen Geist, geboren aus Maria, der Jungfrau') als besonders fortschrittlich gilt, dann liegt, wie Reinhard Löw richtig bemerkt hat, die Konsequenz nahe, dass der fortschrittlichste Christ der ist, der sich bemüht, das Christentum und damit die Kirche überhaupt abzuschaffen.

Demgegenüber muss auffallen, dass die Predigt Jesu, ebenso wie die seines Vorläufers Johannes mit einem klaren 'Kehrt um!' beginnt. Schon den Propheten des Alten Bundes war aufgefallen, dass Fortschritte" im politischen, kriegerischen, vor allem aber wirtschaftlichen Bereich die Tendenz hatten, das Volk Gottes vom Herrn zu entfernen. Immer wieder rufen sie daher das Volk 'zurück' zum Herrn, was schon damals – wie das Schicksal so vieler Propheten zeigt – keine angenehme oder dankbare Aufgabe war.

Da das Ziel des Christseins in der Nachfolge Christi liegt, sind die fortschrittlichsten Christen die Heiligen. Daran muss sich jeder messen lassen und das muss begreifen, wer in der Kirche von Fortschritt reden will: Nur wenn ich auf Gott zugehe, ist jeder Schritt ein echter Fortschritt, entferne ich mich aber von Gott und seinen Geboten, dann habe ich allen Fortschritt hinter mir gelassen. So wünsche ich allen Gläubigen in diesem Jahre einen wirklichen Fortschritt: dass sie am Ende des Jahres Gott einen Schritt näher gekommen sein mögen - nicht nur im Ablauf der Zeit, sondern auch in ihrem ganzen Sein und Leben.
 
 
(aus: Klein/Sinderhauf, "Unverschämt katholisch", 223-224)

Mittwoch, 13. Oktober 2021

Keuschheit

Erschaffung Evas (Jim Forest)
Nicht wenige Katholiken, selbst solche, die einen Abschluss in (katholischer) Theologie oder Religionspädagogik vorzuweisen haben, verbinden mit dem Begriff „Keuschheit“ Dinge wie: Verklemmtheit, Entsagung, Zölibat, Leibfeindlichkeit. Keuschheit bedeute, auf Sex zu verzichten, ja sich geradezu selbst zu geißeln [vgl. im Englischen: chastity = Keuschheit; to chastise = züchtigen] und andere zu unterdrücken; sie sei Teil einer mittelalterlichen Moral und ist merkwürdigerweise v.a. „weiblich“ konnotiert. Warum auch immer. Der Begriff wird daher – auf diesem falschen Verständnis beruhend: zu Recht – abgelehnt. Im Folgenden sei versucht, in aller Knappheit und ohne Ausschweifungen in benachbarte Gefilde, aufzudröseln, was dieses kuriose Wort „Keuschheit“ eigentlich meint und warum es seinen schlechten Ruf nicht verdient hat. 
 
 
Was sagt denn die Kirche, was Keuschheit ist? 
 
Der Katechismus der katholischen Kirche (KKK) betrachtet Keuschheit als eine „Tugend und Gabe“ die es ermöglicht „mit aufrichtigem und ungeteiltem Herzen zu lieben“ (KKK 2520). Das ist doch mal etwas in jeder Hinsicht Positives und Wundervolles; das abzulehnen wäre töricht.
 
Dass Keuschheit nicht das Gleiche ist wie der Zölibat, erhellt schon daraus, dass, wiederum dem Katechismus folgend, jeder Getaufte „seinem Lebensstand entsprechend ein keusches Leben zu führen“ gerufen ist (KKK 2394). Also neben zölibatär Lebenden (vgl. KKK 915: „Keuschheit in Ehelosigkeit“) auch Eheleute (vgl. KKK 2365: „eheliche Keuschheit“), Alleinstehende und was es sonst noch gibt – auch homosexuell empfindende Getaufte sind davon nicht ausgenommen (vgl. KKK 2357-59). 
 
 
Keuschheit in der Natur
 
Das deutsche Wort Keuschheit kommt von lat. conscius, was soviel wie bewusst oder selbstbewusst bedeutet; „keusche Sexualität“ ist also vor allem eines, nämlich bewusst gelebte Sexualität, die nicht vom Tosen der Begierden hin und her getrieben, sondern vom Willen geleitet wird. Von der Unkeuschheit gilt daher folgerichtig: „sie wissen nicht, was sie tun!“ (Lk 23,34) Als Tugend ist Keuschheit etwas weltanschaulich Neutrales, sie kann ganz unabhängig von Gott oder christlicher Moral verstanden werden.
 
Eine der vier klassischen, schon in der vor- und außerchristlichen Antike geläufigen Grund- oder Kardinaltugenden ist die Selbstbeherrschung (etwa bei Platon und Cicero). Das griechische Wort dafür ist egkrateia, worin das Stammwort krat steckt, das wir etwa aus dem Wort „Demokratie“ kennen und das Herrschaft oder Macht bedeutet (Demo-kratie: Herrschaft des Volkes, von gr. demos). Die Vorsilbe eg kommt von en, wodurch das Wort egkrateia also eine Herrschaft in sich selbst meint: Selbstbeherrschung. Das griechische Wort kann auch Ausdauer und das Ertragen von etwas meinen. Das Gegenteil ist die Zügellosigkeit (gr. akrasia).
 
Ein besseres, weniger „hierarchisches“ Wort für Selbstbeherrschung mag Mäßigung sein. Hinsichtlich der Nahrungsaufnahme (oder generell des Konsums) ist ihr Gegenteil die Völlerei. Im Blick auf das Geschlechtsleben kann man die Mäßigung präziser als Keuschheit bezeichnen, deren Gegenteil die Wolllust ist. In beiden Fällen geht es, wie das Wort „Mäßigung“ schon nahelegt, nicht einfach um Verzicht, sondern um das richtige Maß und Maßhalten. (Jenes bekannte Diktum des schweizer Arztes Theophrast von Hohenheim, genannt Paracelsus, – „Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift; allein die Dosis machts, dass ein Ding kein Gift sei“ – verallgemeinernd, könnte man sagen: Das Rechte Maß bewahrt vor Schaden.)
 
Die Keuschheit gehört als Tugend zunächst einmal zur Naturordnung, sie ist, wie gesagt, nicht etwas spezifisch „Christliches“ oder gar mittelalterliches. Interessant ist, dass der Katechismus genau von dieser natürlichen Bedeutung ausgeht, wenn er sich dem Begriff der Keuschheit nähert. Die Geschlechtlichkeit „zeigt, dass der Mensch auch der körperlichen und biologischen Welt angehört“ (KKK 2337). Diese Tatsache macht die Sexualität aber nicht zur Sünde oder zu einer Bürde, wie das viele Sekten in der Geschichte behaupteten. Im Gegenteil: Sexualität gehört wesentlich zum Menschen als Abbild Gottes, sie gehört zu seiner Fähigkeit zu lieben und Gemeinschaft zu bilden. „Jeder Mensch, ob Mann oder Frau, muss seine Geschlechtlichkeit anerkennen und annehmen.“ (KKK 2333) Dabei handelt es sich aber um eine komplexe Wirklichkeit, sie „berührt alle Aspekte des Menschen in der Einheit seines Leibes und seiner Seele.“ (KKK 2332) 
 
 
Keuschheit in Gesellschaft
 
Keuschheit meint mehr als bloß „Enthaltsamkeit“ im Sinne eines Verzicht auf etwas oder gar im Sinne einer Geißelung, auch wenn sie in der Vergangenheit oft in diese Richtung eingeengt wurde. Angesichts der Komplexität und Bedeutung, die der Sexualität im Menschen als Person aus Leib, Geist und Seele zukommt, kann auch die Keuschheit nicht weniger komplex sein. Die Definition des Katechismus ist hier allerdings auf den ersten Blick etwas sperrig: „Keuschheit bedeutet die geglückte Integration der Geschlechtlichkeit in die Person und folglich die innere Einheit des Menschen in seinem leiblichen und geistigen Sein.“ (KKK 2337)
 
Zunächst fällt auf, dass hier überhaupt nicht von Verzicht oder dergleichen die Rede ist. Die „Integration der Sexualität in die Person“ ist eine rein positive Bestimmung. Sie meint die Harmonie oder Übereinstimmung des sexuellen Empfindens wie des ganz praktischen Sexuallebens mit der Ganzheit der menschlichen Person aus Geist und Leib, also ihre Ordnung gemäß dem Mensch(s)e(i)n, ihre Vermenschlichung: Durch die Keuschheit wird die Geschlechtlichkeit „persönlich und wahrhaft menschlich“ (KKK 2337). Keuschheit bedeutet, noch immer ohne Berücksichtigung des christlichen Glaubens und etwaiger göttlicher Gebote, eine vor dem Wesen des Menschen verantwortete Gestaltung der Sexualität.
 
Dies hat ein doppeltes Moment: Keuschheit ist einerseits ein Schutz der Integrität des Menschen vor Beeinträchtigungen und Schaden. Sie dient der (nicht nur) körperlichen Unversehrtheit, die zu den Grundrechten des Menschen gehört. Andererseits ist Keuschheit auch eine positive, fördernde Kraft.
 
Kleine Umleitung: Das Gegenteil der Keuschheit ist logischerweise die Unkeuschheit. Diese meint nicht nur all das, was ich selbst willentlich gegen meine eigene Keuschheit (Unversehrtheit) – also das rechte Maß der Geschlechtlichkeit – tue, sondern ich kann sie auch erleiden oder anderen zufügen: Mein Nächster hat, genau wie ich, ein Recht auf Keuschheit, wie er ein Recht auf körperliche Unversehrtheit hat. Somit würde ich mich schuldig machen, wenn ich sie bei ihm beeinträchtige, z.B. indem ich ihn zu unsittlichen Handlungen verführe. Keuschheit ist also nicht nur etwas „für mich“, sondern sie ist auch eine wichtige zwischenmenschliche Angelegenheit und zwar sowohl im negativen Sinne der Abwendung von Schaden, wie auch im positiven Sinne der Förderung eines guten menschlichen Miteinanders. In den Worten des Katechismus: „Die Tugend der Keuschheit wahrt somit zugleich die Unversehrtheit der Person und die Ganzheit der Hingabe.“ (KKK 2337) Meine und die der anderen!
 
Im Kern geht es bei der Keuschheit, wie überhaupt bei der Mäßigung, um Selbstbeherrschung, mit dem Ziel dann fruchtbar und „gesund“ leben zu können. Was im Blick auf die Ernährung jedem einleuchtet, betrifft aber nicht nur diese, sondern die ganze Biologie des Menschen und darüber hinaus auch sein Seelenleben. Und noch einmal geweitet betrifft es nicht nur mich, sondern auch die Menschen um mich herum. Nochmal: Es geht bei der Keuschheit nicht nur um den (negativen) Verzicht zum Schutz vor Schaden, sondern auch um die (positive) Entfaltung für ein gelingendes, „integriertes“, integres Menschsein (lat. integer: unversehrt) – zu dem eben auch die Geschlechtlichkeit gehört: „Der keusche Mensch bewahrt die in ihm angelegten Lebens- und Liebeskräfte unversehrt. Diese Unversehrtheit sichert die Einheit der Person“ (KKK 2338).
 
Selbstbeherrschung, Mäßigung, Keuschheit, können allesamt auch durchaus sehr positiv verstanden werden. Jeder der ernsthaft Sport treibt weiß, dass auch Selbstbeherrschung durchaus kein negatives Wort ist, gerade wenn es nicht nur um Verzicht, sondern um eine positive Entfaltung und Entwicklung geht.
 
Dass Handlungen, die gegen unsere Natur verstoßen, als unkeusch zu betrachten sind, liegt somit nahe. Aber selbst dieser Naturbegriff ist heute nicht mehr selbstverständlich. Die christliche Moral setzt jedenfalls voraus, dass es eine menschliche Identität gibt, die nicht unserem Willen unterworfen, sondern vorgegeben ist, was zur Folge hat, dass auch Dinge, die ich will, gegen mein Menschsein verstoßen können. Mit „Menschsein“ ist hier indes zweierlei gemeint: Mein biologisches, irdisches Sein mit seiner ihm eigenen Würde, und meine gnadenhafte Berufung von Gott her durch die Taufe. Was uns zur spezifisch christlichen Tugend der Keuschheit als einer Gabe führt. 
 
 
Keuschheit in der Bibel 
 
Keuschheit ist auch eine Gabe und eine Gnade (vgl. KKK 2345). Jede Gabe braucht einen Geber: das ist Gott, der Quell aller Gnaden und aller Gaben.
 
Dem oben zum griechischen Begriff egkrateia Gesagten ist noch hinzuzufügen, wie es sich damit in der Bibel verhält. Hier ist dieser Begriff erst relativ spät hineingekommen, da es sich um ein griechisches Wort handelt. Ist er dort auch zunächst eher negativ verwendet (vgl. Sir 18,30: „Folge deinen Begierden nicht, sondern zügle dein Verlangen“), ist er doch bald auch durchaus positiv besetzt, so etwa im 4. Buch der Makkabäer (nicht im christlichen Kanon, aber in der Septuaginta, dem griechischen Alten Testament, enthalten), worin sie als „Freundin“ betitelt und in den größeren Kontext eines (jüdisch verstandenen) gottgefälligen Lebens eingebettet wird: „Nicht belügen will ich dich, du Gesetz, mein Erzieher; nicht dich fliehen, Freundin Selbstbeherrschung, nicht dich schänden, weisheitliebende Vernunft, nicht dich verleugnen, hochwürdiges Priesteramt und Gesetzeswissen.“ (4Makk 5,34-35 [Riessler]) [Ich vermute hier allerdings eine starke Überschneidung mit dem griechischen Wort sophrosyne, was gemeinhin mit „Besonnenheit“ übersetzt wird, manchmal auch mit „Mäßigung“; sie ermöglicht es nach 4Makk 5,23 u.a. „dass wir über alle Lüste und Begierden herrschen“.]
 
Paulus betreibt diese Selbstbeherrschung, wobei hier jenes „sportliche“ Element zum Tragen kommt, die Anstrengung um eines bestimmten Zieles willen: „Jeder Wettkämpfer lebt aber völlig enthaltsam; jene tun dies, um einen vergänglichen, wir aber, um einen unvergänglichen Siegeskranz zu gewinnen.“ (1Kor 9,25) Der Begriff kommt im Neuen Testament relativ selten vor, in den Evangelien gar nicht. Dieses Faktum allein sagt jedoch nichts über seinen Stellenwert aus. Zwei Stellen sind für uns besonders interessant:
 
Als Tugend wird die Mäßigung/Enthaltsamkeit/Keuschheit etwa in Apg 24,24-25 erwähnt: „Einige Tage darauf erschien Felix mit seiner Gemahlin Drusilla, einer Jüdin, ließ Paulus holen und hörte ihn an über den Glauben an Christus Jesus. Als aber die Rede auf Gerechtigkeit, Enthaltsamkeit [egkrateias] und das bevorstehende Gericht kam, geriet Felix in Furcht und unterbrach ihn: Für jetzt kannst du gehen; wenn ich Zeit finde, werde ich dich wieder rufen.“
 
Der Autor der Apostelgeschichte nennt drei Punkte um den „Glauben an Christus“, wie ihn Paulus in diesem Gespräch bekannte, zusammenfassen: Gerechtigkeit, Keuschheit, Gericht. „Gerechtigkeit“ meint hier das sittliche Handeln gegenüber anderen Menschen, „Keuschheit“ das sittliche Handeln an sich selbst, und „Gericht“ das, worauf diese beiden sittlichen Pflichten, wenn sie erfüllt werden, vorbereiten. Das erinnert stark an den jüdischen (aber nicht in der Bibel zu findenden) Aristeasbrief (2. Jhd. v. Chr.), wo es heißt: „Das Tugendhafte Verhalten aber verhindert die Hingabe an ein Genießerleben und heißt Mäßigkeit [egkrateia] und Gerechtigkeit vorziehen. All dies steht aber unter Gottes Leitung.“ (Arist 278 [Riessler]) Die Keuschheit dient für Paulus im Gespräch mit dem Statthalter Felix also zusammen mit der Gerechtigkeit als Zusammenfassung der ganzen christlichen Lebensführung, wie sie sich aus dem christlichen Glauben ergibt. Angesichts dieses Bekenntnisses des Paulus zum christlichen Lebenswandel im Angesicht des Gerichts geraten Felix und seine Frau in „Furcht“ (Apg 24,25) und sie schicken Paulus weg (zurück ins Gefängnis). Diese Reaktion erinnert frappierend an das Vorgehen vieler moderner Theologen...
 
Eine zweite Stelle ist die Abfolge, die der Apostel Petrus für die Glaubensentwicklung in 2Petr 1,5-7 darlegt: „Darum setzt allen Eifer daran, mit eurem Glauben die Tugend zu verbinden, mit der Tugend die Erkenntnis, mit der Erkenntnis die Selbstbeherrschung [egkrateian], mit der Selbstbeherrschung die Ausdauer, mit der Ausdauer die Frömmigkeit, mit der Frömmigkeit die Brüderlichkeit und mit der Brüderlichkeit die Liebe!“
 
Es handelt sich hier um eine sprachliche Ausdrucksform, die im antiken Christentum häufiger begegnet, auch in der Bibel, und die gewissermaßen eine Zusammenfassung der christlichen Ethik bieten möchte. Eine Kurzform davon ist etwa der bekannte Dreipass „Glaube – Hoffnung – Liebe“ (vgl. 1Kor 13,13). Meist ist hier der Glaube an den Anfang gesetzt – denn mit ihm beginnt das christliche Leben – und die Liebe ans Ende – denn in ihr erfüllt es sich, kommt zur höchsten Blüte. (Wobei hier nicht ein Gefühl, die romantische Liebe, gemeint ist, sondern die brüderliche Liebe zu den Menschen und die ergebene Liebe zu Gott; eine Liebe, die sehr wohl per Gebot verordnet werden kann: „Liebt einander!“ und „Liebt Gott!“, vgl. 5Mose 11,13.22; Joh 15,12.17). Für uns ist nun wichtig, dass auch der Keuschheit hier eine wichtige Stellung zukommt. Es ist hier nicht der Raum, allen diesen Begriffen nachzugehen, es genügt zu wissen, dass die Keuschheit ganz zu Recht zwischen der Erkenntnis (darüber, was gut und böse, richtig und falsch ist) und der Ausdauer (oder: Geduld, Standhaftigkeit) eingeordnet wird, denn ohne das Wissen darum, was zu meiden und was zu suchen ist, kann ich nicht keusch leben; zugleich kann ich dem mich versuchenden Andrängen der Welt nicht standhalten, wenn ich dies nicht auch hinsichtlich meiner körperlichen Veranlagung und Bedürfnisse tue.
 
Aus dem geringen Vorkommen der Vokabel egkrateia – insbesondere aus ihrem Fehlen in den Evangelien – und der Tatsache, dass sie erst spät aus dem Griechischen übernommen wurde, wollen nicht wenige Theologen gerne ableiten, dass Keuschheit für das Christentum eigentlich keine Rolle spielt; ja, dass es überhaupt keine Basis für eine christliche Askese gäbe, sondern nur der Glaube oder die Berufung auf Gott gelte (also: Protestantismus). Das ist natürlich Unfug. Jesus hielt offenkundig die Keuschheit für höchst bedeutsam, auch wenn das Wort selbst in den Evangelien nicht aus seinem Mund überliefert ist (warum auch? er hielt schließlich keine Seminare über griechische Philosophie ab!). Seine übertreibende Warnung vor dem Ehebruch (vgl. Mt 5,28: „wer eine Frau auch nur ansieht, um sie zu begehren…“) und die Verschärfung des Scheidungsverbots (vgl. Mt 19,8: „am Anfang war das nicht so…“), sind nichts anderes als konkrete Beispiele für die Anforderungen eines keuschen Lebenswandels. Insgesamt verlangt Jesus also auch im Geschlechtsleben unbedingte Lauterkeit im Tun wie im Denken. Die Ehelosigkeit um des Himmelreiches Willen, als eine Art Hochform der Keuschheit, ist seine ureigene Erfindung – weder im Judentum noch im damaligen Heidentum wäre man je auf einen solchen Gedanken gekommen. 
 
Jesus Christus selbst ist das wichtigste Vorbild und der Maßstab der Christen für einen keuschen Lebenswandel, auch wenn er selbst sie nur in der Form lebte, wie sie den Ehelosen geboten ist. Christus ist der Bräutigam der Seele, darum lässt die Keuschheit „den Jünger Christi erkennen, wie er Jesus nachfolgen und ähnlich werden kann. Jesus hat uns zu seinen Freunden erwählt, sich uns ganz hingegeben und lässt uns an seinem Gottsein teilhaben.“ (KKK 2347)
 
Keuschheit ist dem Neun Testament zufolge also nicht optional, sondern gehört zum Weg des Glaubens dazu. Ein keusches, d.h. das gesunde Maß wahrendes Leben verwirklicht insbesondere die Liebe zu sich selbst im Sinne des zuvor aus Apg 24 zitierten, und damit den letzte Teil des dreifachen biblischen Liebesgebots: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben […] und deinen Nächsten wie dich selbst“ (Lk 10,27), das auch Paulus und Jakobus aufgreifen (vgl. Röm 13,19; Gal 5,14; Jak 2,8). Die Keuschheit ist schließlich auch eine der Früchte des Heiligen Geistes, die Paulus den Galatern aufzählt: „Die Frucht aber des Geistes ist Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, Keuschheit“ (Gal 5,22-23). Paulus scheint hier nicht grundlos die Keuschheit, d.h. die Mäßigung im Geschlechtsleben, als Letzte in einer Reihe von v.a. geistigen Tugenden genannt zu haben, denn er fährt sogleich mit einer „körperlichen“ Metapher fort, wobei für ihn (wie für Johannes) „Fleisch“ auch einfach ein Wort für das Sündhafte, Unchristliche sein kann (im Gegensatz zu „Geist“), was dann körperliche wie geistige Laster meint: „Die zu Christus Jesus gehören, haben das Fleisch und damit ihre Leidenschaften und Begierden gekreuzigt. Wenn wir im Geist leben, lasst uns auch im Geist wandeln!“ (Gal 5,24-25) Zu meinen, Keuschheit sei wenig Bedeutsam im Neuen Testament, wenn ein Gutteil der neutestamentlichen Schriften das „Fleisch“ als Gegensatz zum „Geist“ sehen, ist schon ziemlich verquer.
 
„Fleischliche Gesinnung“, Unzucht, Schamlosigkeit, Unreinheit, Gräuel – biblische Gegenbegriffe zur Keuschheit, die wir getrost mit dem Begriff „Unkeuschheit“ zusammenfassen können – sind unbedingt zu meiden. In den Sündenkatalogen tauchen sie immer wieder auf (vgl. Mk 7,21-22), und die Christen sollen auch keine Tischgemeinschaft mit denen haben, die solches tun (vgl. 1Kor 5,11); vielmehr sollen diese Neigungen „getötet“ werden (vgl. Kol 3,5). Paulus stellt daher fest: „Der Leib ist aber nicht für die Unzucht da, sondern für den Herrn“ (1Kor 6,13). Ja, die Unkeuschheit ist für ihn sogar viel gravierender als andere Sünden, gerade weil sie den eigenen Leib betreffen: „Meidet die Unzucht! Jede Sünde, die der Mensch tut, bleibt außerhalb des Leibes. Wer aber Unzucht treibt, versündigt sich gegen den eigenen Leib.“ (1Kor 6,18) Wer der Unkeuschheit verfällt, kann nicht in das Himmelreich kommen (vgl. Eph 5,5; Offb 1,27). Kein Wunder also, dass für Paulus die körperliche Unversehrtheit von der Sünde (= Keuschheit) eine enorm hohe Priorität genießt bis dahin, dass er wünscht, alle würden, wie er selbst, ehelos leben (vgl. 1Kor 7,7). Wobei er weise genug ist zu wissen, dass das Geschlechtliche nicht per se sündhaft ist (s.u.). 
 
 
Keuschheit in der Kirche 
 
Die Keuschheit spielte in der frühen Kirche eine große Rolle, denn sexuelle Freizügigkeit war sicherlich eine der prominentesten Erscheinungen, mit denen sich die Christen damals (wie heute) auseinandersetzen mussten. Das zeigt die große Radikalität, mit der die Keuschheit bis zum völligen Verzicht auf Sex – „um des Himmelreiches Willen“ – geübt wurde, insbesondere in der Form des enthaltsam lebenden Klerus‘ (Enthaltsamkeitszölibat als Vorstufe zum Ehelosigkeitszölibat) und dem nach und nach sich entwickelnden Mönchtum. [Auch hier ist Keuschheit geboten: Der Zölibatär ist nicht asexuell, sondern genauso ein sexuelles Wesen wie alle anderen auch… und darum muss auch er bewusst (keusch) damit umgehen; wer sich für dieses Leben entscheidet, der ordnet seine Sexualität, seinen Eros bewusst so, dass alle seine Liebe auf Gott gerichtet ist.] Zudem gab es sektiererische Abirrungen, wie etwa die Enkratiten (eben von jenem griechischen Wort egkrateia abgeleitet), aber auch Markioniten und andere, die das Leibliche generell unter Verdacht stellten und so Sex grundsätzlich als sündhaft betrachteten – etwas, was die Kirche nie gelehrt hat.
 
Es wurde zuvor erwähnt, dass laut dem Katechismus alle Getauften zur Keuschheit ge- bzw. berufen sind (vgl. 1Thess 4,7). Stellt sich raus, dass dies nicht alles ist: Mit der Taufe geht nach katholischem Verständnis sogar eine Pflicht zur Keuschheit einher (vgl. KKK 2355), sie ist ein Gebot, kein Angebot. Das passt zum dargelegten biblischen Befund. So ist Keuschheit nicht nur die rechte, dem Wesen des Menschen gerecht werdende Gestaltung der Sexualität, sie ist es auch vor dem Angesicht Gottes. Das ist sie aus christlicher Sicht bereits hinsichtlich der Natur des Menschen – denn diese ist von Gott geschaffen –, aber mehr noch und deutlicher (von der nichtchristlichen Umwelt unterscheidend) im Lichte der Gebote, der Berufung und der uns Geschenkten Gaben Gottes. Insbesondere ist hier der Heilige Geist zu nennen: „wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt und den ihr von Gott habt?“ (1Kor 6,19) Weil Christen nicht an ein irgendwie geistiges Nirvana, sondern an die leibliche Auferstehung glauben, ist der Leib heilig zu halten, denn er ist nicht unser Eigentum, Christus hat ihn – d.h.: uns – teuer erkauft, darum fährt Paulus unmittelbar an das zuvor Zitierte anschließend fort: „Ihr gehört nicht euch selbst; denn um einen teuren Preis seid ihr erkauft worden. Verherrlicht also Gott in eurem Leib!“ (1Kor 6,19-20; vgl. 7,23) Was ist das anderes, als ein Aufruf zur Keuschheit?
 
Als vom Herrn Erkaufte sollen wir uns selbst und unsere Mitmenschen als Geschöpfe achten, und, so sie Getaufte sind, auch als Miterben am Reich Gottes. Ein rein animalisches Triebleben, das den anderen weder als Mensch, noch als Geschöpf (noch als Christ) ehrt, ist darum immer ein Verstoß gegen die Keuschheit – und zwar der eigenen, wie der des/der anderen. Keuschheit hat ihren ganzen Sinn und Zweck aus christlicher Sicht darin, dass die Sexualität „in die Beziehung von Person zu Person, in die vollständige und zeitlich unbegrenzte wechselseitige Hingabe von Mann und Frau eingegliedert“ wird (KKK 2337). Keuschheit ist das Bewusstsein, dass Sexualität mehr ist als was die Welt (z.B. die Wissenschaft) darüber zu sagen weiß; Sex ist in sich ein „Schöpfungsgut“ (Lust, Sprache der Liebe) und er gibt auch direkt Anteil am Schöpfungswerk Gottes, da bei der Zeugung Gott selbst die Seele des neu entstandenen Menschen erschafft. Daraus erhellt, dass Sexualität ihren Ort nur in der Ehe zwischen einem Mann und einer Frau haben kann, was von der geschaffenen Natur („als Mann und Frau schuf er sie“) wie von den Geboten Gottes her ohne Alternative ist.
 
Aber ebenso wäre eine vergeistigte, die Natur verachtende Sexualität, die etwa die Freude oder die Befriedigung ablehnt, ein Verstoß gegen die Keuschheit, weil auch das dem von Gott gewollten komplexen Sinn und Ziel der Sexualität widersprechen würde: Das Lustempfinden gehört zur von Gott geschaffenen Natur dazu. Es darf bloß nicht verabsolutiert, d.h. herausgelöst werden aus dem ihm von Natur aus eigenen und gebotenen Kontext. Tatsächlich wäre das Vorenthalten der geschlechtlichen Liebe in der Ehe aus einem ungerechten (z.B. böswilligen) Grund nicht minder ein Verstoß gegen die Keuschheit. Pointiert formuliert: Kein Sex in der Ehe (ohne triftigen Grund) ist ein Fall von Unkeuschheit. Darum mahnt Paulus die Eheleute: „Entzieht euch einander nicht, außer im gegenseitigen Einverständnis und nur eine Zeit lang, um für das Gebet frei zu sein! Dann kommt wieder zusammen“ (1Kor 7,5).
 
So wird deutlich: Keuschheit ist nicht leibfeindlich. Sie ist, richtig verstanden, die höchst mögliche Leibfreundlichkeit, weil sie diesen Leib als zum Wesen des Menschen (als Geschöpf Gottes) gehörend anerkannt und heiligen will. Der Leib „gehört“ nicht dem Menschen, ein Mensch „hat“ nicht einen Leib, sondern er „ist“ dieser Leib (und der Geist und die Seele). Genau darum ist der Leib genauso zu achten, zu schützen, aber auch zu lieben wie der Mensch insgesamt. Ich bin überzeugt: Keine Religion oder Philosophie oder sonst ein Gedankengebäude in der Geschichte der Menschheit nimmt den Menschen als Ganzen so ernst und schätzt ihn so hoch, wie die katholische Sexualmoral, in deren Kern der Ruf zur Keuschheit steht. Siehe „Theologie des Leibes“. Wahre Liebe ist immer keusch, sei es die Freundschaft (Agape; vgl. KKK 2347), aber auch und gerade die erotische Liebe (Eros).
 
Keuschheit ist nicht eine irgendwie bloß nachgeordnete Tugend, auch wenn ihr insbesondere in den Ermahnungen Jesu und der Apostel stets etwa die Nächstenliebe vorausgeht. Sie ist, wie bereits dargelegt, vielmehr ein essentieller Ausdruck der Selbst- und Nächstenliebe, „eine Schule der Selbsthingabe. Die Selbstbeherrschung ist auf die Selbsthingabe hingeordnet.“ (KKK 2346) Dadurch hat die Keuschheit zugleich, wie jeder wahre Dienst der Liebe, einen deutlichen Verweischarakter auf Gott: „Die Keuschheit lässt den, der ihr gemäß lebt, für den Nächsten zu einem Zeugen der Treue und der zärtlichen Liebe Gottes werden.“ (KKK 2346) Wenn die Unkeuschheit vom Reich Gottes ausschließt, so verheißt die Keuschheit ewiges Leben (vgl. KKK 2347). Da wir uns das ewige Leben aber nicht eigenmächtig „verdienen“ können wird hier auch deutlich, warum die Keuschheit als Gabe bezeichnet wird: Wie die Liebe von jenem Gott kommt, der die Liebe selbst ist (vgl. 1Joh 4,8), so ist auch die Keuschheit von Gott geschenkt und eine Gnade zu unserem Heil; was natürlich, wie bei jeder Gnade, nicht unsere menschliche Mitwirkung aufhebt (s.u.).
 
Schließlich ist kaum zu leugnen, dass jeder Getaufte nicht nur für seine eigene Keuschheit zu sorgen hat, sondern auch die Unversehrtheit anderer achten und schützen soll, soweit es an ihm liegt; auch das ist ein Dienst der Nächstenliebe. Eine konkrete Lektion, was diese doppelte Dimension der Keuschheit betrifft, bietet Paulus im Blick auf die Ehe an, wenn er schreibt: „Das ist es, was Gott will: eure Heiligung – dass ihr die Unzucht meidet, dass jeder von euch lernt, mit seiner Frau in heiliger und achtungsvoller Weise zu verkehren, nicht in leidenschaftlicher Begierde wie die Heiden, die Gott nicht kennen“ (1Thess 4,3-5). 
 
 
Keuschheit und Scham 
 
Nach dem Philosophen Max Scheler ist die Scham das „Gewissen der Liebe“, die jede Verzweckung und Berechnung der Sexualität meiden hilft und zu ihrer Humanisierung beiträgt. Sie kommt damit der Keuschheit sehr nahe, nur dass es sich bei der Scham um eine natürliche, quasi instinktive Anlage im Menschen handelt, die schon bei kleinen Kindern auftritt, während das, was wir hier Keuschheit genannt haben, eine willentliche Handlungs- und Denkweise meint: „Die Keuschheit ist eine persönliche Aufgabe; sie erfordert aber auch eine kulturelle Anstrengung […]. Die Keuschheit setzt die Achtung der Menschenrechte voraus, insbesondere des Rechtes auf Bildung und Erziehung, welche die sittlichen und geistigen Dimensionen des menschlichen Lebens berücksichtigen.“ (KKK 2344)
 
Scheler zufolge ist die Scham nicht, wie gemeinhin behauptet wird, anerzogen, sondern es ist im Gegenteil die Schamlosigkeit, die anerzogen wird, und ebenso die falsche Scham (Prüderie); beides verhindert echte Liebe, Partnerschaft und Hingabe. Das rechte Schamgefühl gehört zu einem gesunden Menschen natürlicherweise dazu, während es beim Tier fehlt. Man hat einen absichtlichen Abbau des Schamgefühls mit der Beeinträchtigung des Immunsystems verglichen, womit wir wieder beim Recht auf Unversehrtheit wären.
 
Für den Theologen Helmut Thielicke bilden Scham und Erkenntnis eine Einheit, da die Geschlechtlichkeit ein Geheimnis sei, das nicht unrechtmäßig enthüllt werden dürfe, um nicht verletzt zu werden. Ähnlich heißt es im Katechismus: „Die Schamhaftigkeit schützt das Geheimnis der Personen und ihrer Liebe. Sie lädt zu Geduld und Mäßigung in der Liebesbeziehung ein; sie verlangt, dass die Bedingungen der endgültigen Bindung und wechselseitigen Hingabe von Mann und Frau erfüllt seien.“ (KKK 2522) Darum ist es so überaus sinnig, dass in der biblischen Sprache „erkennen“ ein Ausdruck für den Geschlechtsakt ist. Erkenntnis meint hier nicht das empirische, aufklärerische Erlangen von Wissen, sondern das innere, existentielle Sich-Erkennen zwischen zwei Personen in ihrer ganzen Würde und ohne Abstriche, weswegen beispielsweise künstliche Empfängnsiverhütung unzulässig ist: „Ich gebe mich dir hin und nehme dich an, ohne etwas auszuschließen, auch nicht unsere jeweilige Fruchtbarkeit.“
 
 
Die Keuschheit „ermöglicht, mit aufrichtigem und ungeteiltem Herzen zu lieben“ (KKK 2520), sie führt „zu einer Gemeinschaft im Geist.“ (KKK 2347)

Freitag, 24. Januar 2020

Definitiv nicht hervorragend

Das Folgende könnte einige meiner Leser verärgern.

Dass der US-Präsident am March for Life teilnimmt, halte ich für bedenklich (vgl. dagegen hier).

Nicht wenige Menschen haben sich an ein vermeintliches "Recht auf Abtreibung" gewöhnt. Wenn nun in einem so dermaßen polarisierten politischen Raum wie den USA die eine Seite entsprechende Einrichtungen mit einem Schlag abschafft oder zumindest stark schwächt (so begrüßenswert diese Tatsache an sich ist), kann man sicher sein, dass im nächsten Akt das Pendel in die entgegengesetzte Richtung - und dann gewaltig! - ausschlagen wird. Trump hat nichts getan, was nicht durch einen Federstreich seines Nachfolgers wieder rückgängig und zugleich enorm verstärkt werden kann und wird. Die einzige Möglichkeit, für den Lebensschutz in einer Gesellschaft langfristig und wirksam etwas zum Positiven hin zu ändern, ist in der Weise eines Wandels in der Gesinnung durch Aufklärung und authentische Vorbilder. Trump ist kein Vorbild (außer für Machos und Despoten), Aufklärung ist ihm ein Fremdwort und seine Gesinnung ist in höchstem Maße fragwürdig.

Ich begleite diese Präsidentschaft nun schon von Anfang an als eine Art tägliche Sitcom und sie wird von Tag zu Tag absurder und moralisch bedenklicher. Trump ist ein überaus korruptens und egomanisches Individuum das sich ausschließlich für das interessiert, was ihm persönlich im Augenblick nützt. Schon als er gewählt wurde und klar war, dass er die Finanzierung für Planned Parenthood abdrehen wird, hatte ich große Bedenken.
Das eigentliche Problem ist, dass Trump als einer der schlimmsten und moralisch fragwürdigsten Präsidenten in die Geschichte eingehen wird. Durch sein Scheinengagement wird das Anliegen der Lebensschützer langfristig mit diesem moralischen Zwerg und Egogiganten, seinen Verbrechen und Lügen, seinem lächerlichen und dümmlichen Gehabe assoziiert werden. Außerdem wird sein Nachfolger im Amt mit Sicherheit alles wieder zurückdrehen und die Situation für den Lebensschutz dramatisch verschlechtern - die Demokraten machen ja schon entsprechend Wahlkampf: Recht auf Abtreibung, staatliche Förderung wie nie zuvor.
Auf dem sehr empfehlenswerten Blog Secular Pro-Life Perspectives wurde schon 2016 vor Trumps Wahlsieg eindringlich auf diese Gefahr hingewiesen. Ich befürchte, genau das steht uns jetzt bevor.

Bald wird es heißen: "Wert des ungeborenen Lebens? Das ist doch bloß eine der unzähligen Lügen und dummen Bemerkungen, die Trump abgelassen hat; zum Glück haben wir das hinter uns!"

...

Montag, 12. August 2019

Über die Angst vor bekehrten Christen

Unsystematische Gedanken zur Lage der katholischen Kirche in Deutschland. 


0. Eine Erfahrung, die ich inzwischen sowohl auf der pfarrlichen, als auch auf der akademischen, als auch beruflich auf der administrativen Ebene der katholischen Kirche in Deutschland machen durfte ist die, dass man dort zutiefst misstrauisch ist gegenüber und Angst hat vor Leuten, die nicht katholisch aufgewachsen sind. Am meisten hat man Angst vor solchen, die sich als Erwachsene ganz bewusst dazu entschieden haben, sich in der katholischen Kirche taufen zu lassen. Die sind von vornherein sehr verdächtig.

1. Das ist natürlich völlig absurd. Geradezu surreal. Waren nicht in den ersten Jahren des Christentums nahezu alle Nachfolger dieses Jesus erst als Erwachsene zum Glauben gekommen? Ja, stimmt. Und die Erwachsenentaufe blieb auch noch lange der Standard.
Aber heute hat man Angst vor solchen Leuten und der Grund ist offensichtlich: Diese Leute nehmen den Glauben ernst. Die gesammelten katholischen Glaubensinhalte und den Anspruch, den dieser Glaube an sie und ihre Lebensweise stellt.

2. Mit „katholisch aufgewachsen“ meine ich einen Menschen, der als Kind getauft wurde und dann die üblichen Mühlen in Gemeinde und Schule durchlaufen hat. Dabei steht es auf einem völlig anderen Blatt, ob von diesen Mühlen irgendetwas wirklich ins Innere jenes Menschen vorgedrungen ist, sodass sein Denken und Handeln sich merklich von der „Welt“ unterscheidet. Aus Erfahrung weiß ich, dass diejenigen, die in diesem Sinne katholisch aufgewachsen sind und sich heute bemühen, den unverkürzten Glauben der Kirche zu leben (d.h. ganz banal: die sich in dem, was sie glauben und wie sie handeln, an den Weltkatechismus halten), i.d.R. früher oder später in ihrem Leben eine Bekehrung erlebt haben. Diese kann schon im Kindesalter geschehen sein oder erst viel viel später. Es gibt Ausnahmen, entweder durch ein entsprechend fruchtbares Klima Zuhause oder durch unmittelbare Gnade, wo ohne ein benennbares Bekehrungserlebnis jener unverkürzte Glaube „selbstverständlich“ gelebt wird.

3. Wo eine solche Bekehrung nicht stattgefunden hat oder das Leben nach dem unverkürzten Glauben nicht ausnahmsweise selbstverständlich ist, ist der Glaube nie zu dieser nötigen Reife der Bekehrung gekommen (auch wenn man sich hier häufig mit dem „reifen“ oder „aufgeklärten Glauben“ besonders rühmt), sondern bleibt in etwa auf dem kümmerlichen Status, der die typische Frucht unseres Religionsunterrichts ist, plus einiger wissenschaftlicher Finessen und politischer Ambitionen. Nun mag man zwar einwenden, dass ein solch mittelmäßiger Glaube, der auch dementsprechend gelebt wird, doch schon seinen Wert habe. Das stimmt auch, aber nur insofern er auf die Fülle hin ausgerichtet bleibt, d.h. insofern die Fülle des Glaubens (und des Lebens daraus) angestrebt wird, solange man sich auf dem Weg zu „mehr“ befindet. Dem, der seine Pflicht erfüllt, sagt Jesus nicht „gut so, reicht“, sondern: Sei vollkommen!

4. Wer keine Affinität zu jenem unverkürzten Glauben hat, für den ist schon die Rede davon unerträglich. Un-er-träg-lich! Viel wichtiger als das, woran man glaubt, ist für diese Menschen ohnehin, „dass“ man überhaupt (irgendetwas) glaubt. Irgendwie merhrheitskompatibel links-grün gutmenschlich Handeln gehört auch dazu, manchmal sogar die Ablehnung von Abtreibung (aber dann nicht allzu laut artikuliert, um niemanden vor den Kopf zu stoßen). Und wenn doch mal Glaubensinhalte gefragt sind, dann werden die so verklausuliert oder verwässert ins Wort gebracht, dass man sich nie ganz sicher sein kann, wovon da eigentlich die Rede ist.
[Die Gegenüberstellung von Glaubensakt und Glaubensinhalt ist in etwa so sinnvoll wie die Gegenüberstellung von Feuer an sich und Brennstoff… als ob man Feuer haben könnte ohne „etwas“ das brennt (z.B. Holz und Sauerstoff...). Ohne Glaubensinhalte ist nichts da, was geglaubt werden könnte!]

5. Zur Verdeutlichung: Der Unterschied zwischen dem, was ich hier mittelmäßigen Glauben und dem, was ich unverkürzten Glauben nenne besteht darin, dass Letzterer danach strebt und sich bemüht, den ganzen Glauben, wie er maßgeblich im Katechismus der katholischen Kirche dargelegt ist, anzunehmen und zu leben, so umfassend wie möglich. (Nicht gemeint sind fragwürdige, manchmal sektenartige Richtungen wie Engelwerk, Warnung“ oder sonstige Privatoffenbarunen die zum Superdogma gewählt wurden.) Der Mittelmäßige ist zufrieden mit dem Maß, in dem er den Glauben annehmen zu können meint und er hält es nicht für nötig, den ganzen Glauben annehmen zu müssen. Für manche mag das interessant sein, er braucht das nicht. Das eigene Ermessen ist hier Maßstab dessen, was zu glauben und wie zu handeln ist, souverän und „mündig“ steht er über dem Glauben. Hier trifft der atheistische Vorwurf, der Mensch mache sich Gott nach seinem Bilde, ins Schwarze.

6. Für so einen Menschen ist es schwer vorstellbar, dass sein Katholischsein Auswirkungen auf sein Denken, Fühlen, Handeln jenseits dessen haben könnte, was er von sich aus schon denkt, fühlt und handelt. Jeder Anspruch des Evangeliums über das hinaus wie man selber denken, fühlen und handel will wird ausgeblendet. Irgendwie ist das ja auch verständlich: Da er ja schon katholisch ist solange er sich erinnern kann, ist das, wie er denkt, fühlt und handelt, eben das, wie Katholiken denken, fühlen und handeln. Es hat hier eigentlich nie eine wirkliche Konfrontation des eigenen Lebens mit dem Glauben gegeben, das „normale“ Leben, das man eben führt, wird für den Standard gehalten, wie ein Leben als Christ zu sein hat. Eine Bekehrung ist nicht erforderlich, denn man „ist“ doch schon katholisch. Klingt logisch, oder? (Das ist und war immer schon die Gefahr der Kindertaufe. Sie ist nur dadurch zu bannen, dass die Eltern sich um ein unverkürztes Katholischsein mühen.)

7. In krassem Kontrast dazu steht ein Mensch, der sich bei vollem Bewusstsein und nach reiflicher Überlegung auf den Weg begibt, dieser Kirche und damit Jesus Christus wirklich anzugehören, ob er ungetauft ist oder getauft aber bisher lauwarm. Für ihn ist ganz klar, dass dieses „neue Leben“ sich merklich vom vorherigen unterscheiden muss. Andernfalls wäre die ganze Aktion sinnfrei.
Dieser Mensch weiß, dass der Glaube der Kirche nicht mit seinen Ideen und Vorstellungen zusammenpasst, schon gar nicht sich aus diesen speist. Nichts an diesem Glauben, weder die Inhalte, noch die moralischen Folgerungen daraus, sind für ihn selbstverständlich. Jesus war für ihn nie der, für den er ihn hält, sondern er wurde von Jesus auf unaussprechlich faszinierende und zugleich ehrfurchtgebietende Weise überrascht, von ihm ergriffen, manchmal regelrecht überwältigt. (Das ist etwas völlig anderes, als das was jener Prediger meint, der seine Zuhörer auf Jesu „überraschendes“ Handeln hinsichtlich des Umweltschutzes aufmerksam machen will… Hinter der Phrase „lassen sie sich überraschen“ steckt bei den meisten Predigern ein „Ich sag ihnen jetzt mal, wie es wirklich ist!“, gefolgt von einer Banalität.)
In kurz: Für den bekehrten Christen ist das Evangelium in seinen Inhalten und Forderungen zutiefst anstößig. Darum ist er hier: weil er daran angestoßen ist.

8. Der Bekehrte weiß: Er muss viel lernen und er muss sich und sein Leben grundlegend ändern um zu Jesus zu gehören, nicht Jesus (oder das, was die Kirche über ihn lehrt) muss sich ändern um zu ihm und seinem Lebensentwurf zu passen. Das ist fundamental und es gilt übrigens auch für die Liturgie der Kirche! Der Bekehrte will den unverkürzten katholischen Glauben annehmen. Das heißt aber auch: Ihm geht es nicht um eine Gruppe, eine Pfarrei oder ein Bistum. Folglich auch nicht um das, was in einer solchen Struktur gerade en vogue ist. Auch nicht liturgisch! Die Vorlieben einer bestimmten Person oder Gruppe, und seien es der Pfarreirat, der Pfarrer, irgendwelche Kirchenbeamte oder der örtliche Bischof, interessieren ihn erstmal herzlich wenig. Ihn interessiert der katholische Glaube in seiner Gesamtheit. Er will Jesus kennenlernen, nicht die Meinungen Einzelner oder einer Gruppe, nicht die Kreativität des Pfarrers (oder des Liturgieausschusses), nicht die mehr oder minder gescheiten „Visionen“ eines Bischofs. Der Bekehrte hat nicht vor, Mitglied einer Pfarrei oder eines Bistums zu werden, sondern er will katholisch werden. In der Kirche sucht er die Begegnung mit dem lebendigen Sohn Gottes der Mensch wurde und bleibend in ihr in Wort und Sakrament gegenwärtig ist, er sucht keine politischen Aktionen und er sucht auch nicht den nächsten Eine-Welt-Laden.

9. Diese Tatsache macht v.a. Leute die erst als eErwachsene getauft wurden in den Augen von Verantwortungsträgern sehr suspekt, zuweilen schon auf Pfarreiebene (Gremien), mehr noch im akademischen Bereich, v.a. aber auf Bistumsebene. Denn auch das habe ich inzwischen gelernt: Je höher man in der kirchlichen (und auch der akademischen) Hierarchie kommt, desto größer ist die Angst vor solchen Menschen. Vielleicht spürt man dort noch auf irgendeiner Bewusstseinsebene die leise Stimme des Gewissens, die mahnt, dass der katholische Glaube doch nicht absehen kann von der Gesamtheit seiner Inhalte und einer diesen entsprechenden Lebensweise; dementsprechend wäre ein aus der Tiefe gelebter unverkürzter Glaube eine schlimme Kränkung. Aber v.a. dürfte es daran liegen, dass man weiter oben auf der hierarchischen Leiter auch dementsprechend exponierter ist und man daher umso mehr Angst vor Reaktionen von linksaußen oder generell von medialer oder politischer Seite hat. Für die weiter oben Stehenden sind Bekehrte Katholiken für den kirchlichen Dienst nicht tragbar, weil sie „zu fromm“ sind, manchmal wird ihnen das auch direkt (wenn auch nicht mit exakt diesen Worten) gesagt.
Menschen die bewusst katholisch werden, stellen ein nur mittelmäßiges Glaubensleben jedenfalls radikal in Frage, das macht sie bedrohlich.

10. Diese Angst vor der In-Frage-Stellung des mittelmäßigen Glaubens mag auch der (unbewusste) Grund dafür sein, warum sämtliche Programme und Initiativen, die von kirchenamtlicher Seite unternommen werden um „Kirchenferne“ (damit meine ich Getaufte Fernbleibende und Ungetaufte gleichermaßen) anzusprechen, ganz bewusst vollkommen flach, fast schon säkular gestaltet sind. Man begründet das meist pädagogisch: Dass man den Menschen schließlich nicht gleich mit den ganzen Inhalten kommen könne, sondern sie langsam heranführen müsse und erst mal beim „Glauben an sich“ anfangen müsse, bevor es an „Glaubensartikel“ geht. Abgesehen davon, dass das eine ganz eigenartige Bevormundung darstellt (wo man doch von aufgeklärtem oder reifem Glauben spricht!), offenbart sich dies als hohles Gefasel spätestens dann, wenn der „Einstieg“ gemacht ist, denn dann folgt inhaltlich… nichts. Jene Programme und Initiativen hören dann auf, wenn die Kirchensteuer (wieder) fließt.
Der Verdacht drängt sich zudem häufig auf, dass hier deswegen weitgehend auf Glaubensinhalte verzichtet wird, weil den Verantwortlichen diese Glaubensinhalte selbst fremd (wenn nicht sogar peinlich) sind.
Diese Programme und Initiativen versuchen die Quadratur des Kreises, da sie einerseits vorgeben das Evangelium zu den Menschen zu bringen, sie aber andererseits ganz ohne Bekehrung (für die „getauften Heiden“ wie für die Ungetauften) auskommen wollen. Das erinnert dezent an den Ablasshandel der Lutherzeit: „Du darfst Mitglied sein und musst nichts leisten, außer einem bescheidenen Obolus.“ Mehr ist mit etwaigen Imagekampagnen und Werbungsmaßnahmen jedenfalls auch nicht angestrebt und, mal ehrlich, auch nicht erwünscht.

11. Die Folge ist übrigens, dass ausgerechnet diejenigen, die ein ehrliches Interesse am Glauben haben und die nach Jesus fragen, sich von solchen Programmen abgestoßen fühlen, entweder weil sie sich als mündige Menschen nicht ernst genommen fühlen, oder weil ihnen hier schlicht ein Antizeugnis gegeben wird – und zwar von denen, die vorgeben Autorität in Glaubenssachen zu haben!

12. Letztlich geht es bei diesen Initiativen nicht darum, Menschen für Jesus zu gewinnen (denn das geht nicht ohne Bekehrung!), sondern es geht darum, Kirchensteuerzahler zu gewinnen bzw. zu halten. Es geht letztlich also um Quantität. Manchmal wird das auch explizit etwa von Bischöfen gesagt: Wir wollen wachsen. (Ein Schelm, wer hier an den „breiten Weg“ denkt, auf dem „viele gehen“...) Es steckt hier aber noch etwas dahinter: Es geht den Verantwortlichen letztlich um ihre eigene Macht bzw. den Machterhalt. Man nennt das natürlich nicht so, sondern redet von „Einfluss“ und „Relevanz“ in der Gesellschaft und ihren Debatten und ist bereit, alles dafür zu tun, um nicht „belang-“ oder „bedeutungslos“ zu werden. Das Ziel klingt zunächst löblich, wird hier aber faktisch um einen zu hohen Preis erkauft, denn alles Anstößige fällt ihm früher oder später zum Opfer. Alternativ verzichtet man beim Wortergreifen gleich ganz auf das Eigene und nimmt sich die Agenda von jemand anderem, um sie zum „neuen“ eigenen Anliegen zu machen, obwohl jener Andere das schon viel länger und viel effizienter tut, z.B. Umweltschutz. Hauptsache, man redet mit, hat „etwas zu sagen“ (egal was...).

13. Auch hier wieder: Letztlich wird diese Haltung das Gegenteil dessen bewirken, was sie vorgibt zu wollen. Sie wird zu einem völligen Bedeutungsverlust führen, denn eine weitere Echokammer die dem Mainstream nachplappert braucht die Gesellschaft nicht. Eine solche Kirche können nicht einmal mehr ihre Gegner ernst nehmen, sie wird zum Objekt der Belustigung. Anglikaner und die EKD führen das exemplarisch vor Augen und die katholischen deutschen Bischöfe wetteifern schon um diesen fragwürdigen Pokal.

14. Auf ein Feindbild muss man in den bischöflichen Behörden dennoch nicht verzichten, denn es gibt ja noch die bekehrten Christen.
Bei aller berechtigten Skepsis gegenüber neu aufblühenden Bewegungen an der Basis und der Begeisterung von Einzelpersonen für das Evangelium – die Art und Weise, wie man in dieser Kirche mit gläubigen Menschen umgeht und die eifersüchtig gehütete ideologische Monokultur in den bischöflichen Behörden, Gremien und akademischen Einrichtungen erinnern frappierend an das Vorgehen kommunistischer Organisationen mit ihren Säuberungsaktionen und einheitlichen Parteilinien. Auch das letzte verbliebene Zentralkomitee (terminus technicus einer kommunistischen Einrichtung!) auf deutschem Boden trägt seinen Namen nicht zu Unrecht.

15. Es geht in diesem Text nicht darum, die harte Arbeit vieler Menschen schlecht zu machen. Ich hinterfrage aber die viel zu oft anzutreffenden Motive und Methoden, sowie die Haltung gegenüber denen, die es im beschriebenen Sinne ernst meinen mit dem unverkürzten Glauben der Kirche. Diözesane Liturgiereferenten, die eine getreu nach dem Messbuch gefeierte Heilige Messe mit Fundamentalismus gleichsetzen, sind zwar ein Extrembeispiel, aber auch davon gibt es mehr als man denkt. Und auch der das Reden und Handeln bestimmende Kampf um Macht in den bischöflichen Behörden – das Kratzen nach oben und das Treten nach unten – ist Alltag in Deutschland. Persönliche Profilierung vor Evangelisierung“ kommt hier auf allen Ebenen vor (hoffentlich nicht allzu oft).

16. Bleibt zu fragen: Und nun? Was macht einer der als „zu fromm“ für den kirchlichen Dienst eingestuft wird? Klappe halten und Nische suchen. Das schlimmste Vergehen im deutschen Kirchenapparat besteht darin, fromm zu sein. Diesen Eindruck sollte man also tunlichst vermeiden. Wer gerne Rosenkranz betet, die eucharistische Anbetung besucht oder – oh Graus! – mehrmals die Woche an einer hl. Messe teilnimmt, erzeugt bei Kirchenamtlichen vor allem eines: großes Misstrauen. Ein völliger Mangel an jedweder Frömmigkeit ist derweil kein Problem, denn das gilt dann – auch diese Tatsache ist an sich schon faszinierend als „Privatsache“. Eine tiefe Frömmigkeit gilt als problematisch, besonders, wenn man es mit Lehre und Verkündigung zu tun hat, das Fehlen derselben ist hingegen unbedenklich.
Die Zeit ist noch nicht reif für überzeugte Katholiken im Dienst der Kirche, dafür hat sie hierzulande einfach noch viel zu viel Geld.

17. Bekehrte Christen stehen jenem Durst nach Macht („Relevanz“) und Geld („wir tun doch so viel Gutes damit“) im Weg. Sie erinnern nämlich daran, dass Jesus genau von denen zu Tode verurteilt wurde, die vom Messias einen Zuwachs an Macht und Einfluss für sich erwarteten (der politische, über die Römer siegende Held), und die zutiefst enttäuscht und wütend waren, als sie merkten, dass dieser Jesus aus Nazareth genau dies weder für sich noch für andere bringen würde. Für diese Enttäuschung hatte er in ihren Augen den Tod verdient. Er stirbt am Kreuz und die ihm nachfolgen sind „die Geringsten“ und „von der Welt gehasst“. (Ein Zustand, den die katholische Kirche in Deutschland offenbar mit allen Mitteln zu vermeiden versucht. Es gibt einen Bergriff dafür: Everybody's Darling. So ganz scheint er mir nicht mit der Verkündigung Jesu vereinbar.)
Der Bekehrte ist sich des notwendig eintretenden Widerspruchs der Welt bewusst und nimmt diesen Kampf ebenso bewusst für sich an (ecclesia militans und der „schmale Weg“); die Verantwortungsträger in der Kirche, allen voran die meisten Bischöfe hierzulande, sind Getriebene ihrer Angst vor Bedeutungs- und Machtverlust und davor, in unserer Mediengesellschaft „nicht gut dazustehen“. Es ist Angst vor dem Schicksal der Jünger Jesu, folglich haben sie auch Angst vor denen, die sie – oder andere – daran erinnern könnten.


18. Zum Schluss ein Gedanke aus einer Predigt eines guten Pastors in meiner Nähe: Es gab in der Kirchengeschichte viele Märtyrer. Der Grund für das Erleiden des Martyriums wird oft genug darin bestanden haben, dass diese Menschen sich nicht so recht dem Zeitgeist anzupassen wussten. In Deutschland gibt es heute keine Märtyrer mehr, woran das wohl liegt?
...
Halt, Korrektur, denn die Angst vor bekehrten Christen hat eine schlimme Kehrseite: Auch heute gibt es in Deutschland Märtyrer, nur kommt die Verfolgung, die sie erleiden, nicht von außen, sondern sie geschieht inmitten der Kirche und durch ihre Verantwortungsträger...

Mittwoch, 2. September 2015

Erlaubt der Papst jetzt Abtreibung?

Überall sprießen dieser Tage Pressemitteilungen, die verkünden, Papst Franziskus hätte eine andere Haltung gegenüber Abtreibung eingenommen: "Priester dürfen Abtreibung vergeben". Die Satire von Eye of the Tiber ist da garnicht mehr so weit weg: "Pope Francis announced Tuesday that he will allow Roman Catholic women to have as many abortions as they want during the upcoming Holy Year of Mercy" (hier).
Was passiert ist, kurz rekapituliert:

Der Papst hat ein außerordentliches "Heiliges Jahr" ausgerufen unter dem Motto der Barmherzigkeit (Päpste rufen für gewöhnlich alle 25 solch ein "Heiliges Jahr" aus, das nächste wäre erst 2025, weshalb dieses nun "außerordentlich" ist... der Papst darf das). Sinn solcher Heiligen Jahre (oder "Jubeljahre"), die die Päpste seit dem Jahr 1300 des öfteren ausgerufen haben, ist es, spirituelle Impulsen für die Kirche zu geben.
Nun hat der Papst, u.a., für dieses Jahr allen Priestern der katolischen Kirche die Befugnis gegeben, im Rahmen des Beichtsakramentes von der Sünde einer vollzogenen Abtreibung loszusprechen. Das Problem ist nun, dass dieser Satz für einen Nichtkatholiken unmengen an Konzepten enthält, die er nicht versteht bzw. mit denen er nichts anzufangen weiß und auch Katholiken sind zuweilen verwirrt.


Aaalso:
Erstens: Was ist "Beichte"? Eines von sieben Sakramenten, also, vereinfacht gesprochen, rituelle Lebensvollzüge der Kirche, die sie mit Gott verbinden (vgl. Taufe, Firmung etc.). In der Beichte geht es darum, begangene Sünden zu "beichten" und die Lossprechung zu empfangen. Was heißt das? Es ist KEIN Freibrief die zu beichtenden Taten zu begehen, sondern das genaue Gegenteil: Nur wenn ich die Tat, die ich begangen habe (also z.B., ganz grob, Verstöße gegen die Zehn Gebote) 1. wirklich als Sünden anerkenne (die mich mein Seelenheil kosten können!!) und sie 2. vor dem Priester ehrlich benenne und bekenne („Ich habe gesündigt...“), wenn ich sie zudem 3. aufrichtig bereue ("wie konnte ich nur!") und 4. Sühne leisten will, und 5. den ernsthaften Vorsatz fasse, sie nicht wieder zu begehen, DANN wird mir die Absolution, d.h. die Verzeihung meiner Sünden, zugesprochen (heißt: der Priester leiht soz. Gott seine Stimme, wenn er spricht "So spreche ich dich los von deinen Sünden"). Es geht darum, dass der Mensch (einfach weil er Mensch ist...) gegen Gott sündigt, dass Gott ihm aber, unter den genannten Bedingungen, diese Sünde vergibt.

 

Zweitens: Was ist Abtreibung? Abtreibung ist Mord. Abreibung ist, weil sie Mord ist, eine Sünde (gegen das 5. Gebot). Nun ist es aber so, dass, weil Abtreibung eine so schwerwiegende Sünde und zudem auch eine Straftat ist (also solche steht sie auch im Gesetzbuch der Kirche: c. 1398 CIC), jene Lossprechung nicht wie bei anderen Sünden durch jeden Priester mit entsprechender Beichtbefugnis erfolgen kann. Das hat damit zutun, dass durch die Mitwirkung an einer Abtreibung, zusätzlich zu der Sünde des Mordes, auch (auf einer anderen Ebene, die von der Kategorie "Sünde" zunächstmal unabhängig ist) nach kirchlichem Recht eine Straftat begangen wird, die die Strafe der Exkommunikation zur Folge hat, also der Ausschluss aus der sakramentalen Gemeinschaft der Kirche. [Anmerkung: Sünde und Straftat sind zwei Paar Schuhe, auch wenn sie zuweilen, wie in diesem Fall, durch ein und die selbe Handlung begangen werden: eine Sünde führt nicht zur Exkommunikation, sie kann jedoch die Rechtsstellung innerhalb dieser Gemeinhaft beeinträchtigen. Niemand wird exkommuniziert, weil er sündigt - wir sind schließlich keine Katharer. Exkommuniziert wird, wer eine entsprechende Straftat begangen hat. Sofern eine Frau nicht selbst eine Abtreibung an sich durch- bzw. herbeiführt (sei es chemisch - etwa durch die "Pille danach" -, oder mechanisch - durch einführen von Stricknadeln oder was es sonst so an Methoden gibt), sind es die Ärzte, die hier die Straftat begehen. Mir ist jedenfalls kein Fall der Exkommunikation einer Frau bekannt, sofern sie nicht selbst an der Durchführung der Abtreibung mitwirkte. Die Sünde begehen hingegen alle beteiligten, auch die Frau, die die Abtreibung will.] Diese Strafe der Exkommunikation aufzuheben und so überhaupt die Möglichkeit für den Empfang des Sakraments der Versöhnung zu eröffnen, bedarf (außer in besonders dringenden Fällen, etwa Todesgefahr) des Bischofs. (Übrigens: auch in Deutschland ist Schwangerschaftsabbruch nach § 218 StGB eine Straftat, die nur unter bestimmten Bedingungen straffrei bleibt...)
 

Drittens: Was der Papst für diese außerordentliche Heilige Jahr der Barmherzigkeit ermöglicht hat, ist, dass in diesem Zeitraum alle zur Spendung des Beichsakraments befugten Priester von der Sünde der durchgeführten Abtreibung lossprechen können, und ich vermute stark, so wie der entsprechende Passus formuliert ist (s.u.), dass das "Neue" hier v.a. die Aufhebung der Strafe der Exkommunikation der Ausführenden durch die entsprechenden Priester betrifft. [Anmerkung: Früher enthielt die Lossprechung vor der eigentlichen Absolutionsformel, die der Priester spricht, auch die in 99,99% der Fälle überflüssige Formel zur Lösung "von jeder Fessel der Exkommunkation und des Interdikts, soweit meine Vollmacht reicht und du dessen bedarfst".]
 

Hier ist nichtmal annähernd eine neue Haltung gegenüber Abtreibung erkennbar! Es handelt sich um eine rein kirchenrechtlich-disziplinarische Bestimmung, die es reuigen Sündern, die sich durch Mitwirkung an einer Abtreibung schuldig gemacht haben, ermöglicht, diese Sünde (bei entsprechenden Voraussetzungen, s.o.) auch bei ihrem Pfarrer zu beichten, die Lossprechung und Vergebung für diese schlimme Tat zu erfahren und mit der Kirche versöhnt zu werden.   

Man vergleiche nun diese Ausführngen mit den tatsächlichen Worten von Franziskus: 
"... habe ich, ungeachtet gegenteiliger Bestimmungen [d.i. was sonst gilt], entschieden, für das Jubiläumsjahr allen Priestern die Vollmacht zu gewähren, von der Sünde der Abtreibung jene loszusprechen, die sie vorgenommen haben und reuigen Herzens dafür um Vergebung bitten. Die Priester mögen sich auf diese große Aufgabe vorbereiten und Worte der echten Annahme mit einer Reflexion zu verbinden wissen, die hilft, die begangene Sünde zu begreifen. Ebenso sollen sie auf einen Weg echter Umkehr verweisen, um die wahrhaftige und großherzige Vergebung des Vaters verstehen zu können, der durch seine Gegenwart alles erneuert." (hier)

Es ist höchst bedauerlich, dass diese Anweisung so völlig unkommentiert und Kontextlos in die Welt hinausgeschickt wurde... hier hat die Kommunikation des Vatikans wiedermal glänzend versagt. Außerdem ist die Formulierung kirchenrechtlich unsauber, denn das Problem ist hier nicht die begangene Sünde, sondern die Straftat, die normalerweise eine Lossprechung von dieser Sünde verhindert.

Donnerstag, 13. November 2014

Strafe bei Nichtabtreibung

Vor einigen Tagen sickerte auch in deutschsprachigen Medien die Meldung durch (etwa hier), dass Anfang des Monats in Israel ein Ehepaar dafür bestraft wurde, dass sie ihr behindertes Kind nicht abgetrieben haben.

Offenbar stellte der behandelnde Arzt schon früh in der Schwangerschaft fest, dass das Kind gelähmt zur Welt kommen würde, und riet daher zu einer Abtreibung. Das Paar zog daraufhin einen Rabbi zu Rate, der von der Abtreibung abriet. Als die Versicherung des Paares nach der Geburt erfuhr, dass dem Paar zuvor von ihrem Arzt zu einer Abtreibung geraten wurde, lehnten sie es ab, die kostenintensive Versorgung des Kindes mitzutragen. Die Eltern klagten dagegen und bekamen zunächst recht, in der Berufung unterlagen sie allerdings gegen die Versicherung. Sas "Interessante" ist nun die Begründung des Gerichts: Der Rabbi sei zwar sehr versiert in Schrift und Gesetz, aber eben kein Arzt. Da die Eltern diese "unprofessionellen" Rat über den des Fachmanns gestellt hätten, müssten sie nun eben mit den Folgen leben: "die Eltern, die seine [d.i. des Rabbis] nichtprofessionelle Beurteilung der des sachkundigen Arztes vorgezogen haben, haben sich schuldig gemacht" ("the parents who took his non-professional opinion over that of knowledgeable doctor, are [to blame]") (Quelle).

Bemerkenswert finde ich daran dieses: Hier wird die Schwangerschaft mit einem behinderten Kind in die gleiche Kategorie wie eine Krankheit gesteckt, deren Folgen man bei Nichtbehandlung nunmal selbst zu verantworten habe. Dass es sich bei dem Kind im Mutterleib um ein Individuum mit eigenen Rechten handeln könnte, gerät erst gar nicht in den Blick. Aus dem, was in dem Medien verfügbar ist, wird eines deutlich: Hier wurde eine richterliche Entscheidung in einem durchaus moralfreien Raum getroffen. Von belang war für das Gericht offenbar nur der Kontrast zwischen "Fachmann" und "Nichtfachmann". Es ging dem Gericht also letztlich mehr um bürokratisch gesicherte Kompetenz, als um soetwas wie "Richtig" und "Falsch": Der mit der Urkunde, die ihn als Arzt ausweist, hat Recht. 
Natürlich ist die Frage nach "Leben oder Sterben" eines Menschen auch zuweilen eine sehr medizinische Frage, aber in diesem Fall geht es um mehr: Es geht um das Lebendürfen oder Sterbenmüssen eines Menschen... und das ist ganz sicher keine medizinische Frage, sondern eine ethische! Aber, eben: Der ungeborene Mensch kam hier offenbar eh überhaupt nicht in den Blick...

Wir lernen also: Wer ein ungeborenes Kind nicht abtreibt, macht sich schuldig.
Links ist Rechts, Unten ist Oben, Unrecht ist Recht, Falsch ist Richtig. Das ist die altbekannte satanische Verballhornung von Gottes Verheißung vom Licht in der Finsternis (Ps 139,12) und vom Leben im Tod (2Kor 4,11).

Überrascht bin ich von dem Urteil nicht übermäßig. Es ist doch schon lange absehbar, dass genau so eine Mentalität das ist, worauf es auch bei uns hinauslaufen wird. Spätestens wenn unser aktueller Wohlstand kippt, wird man sich zweimal überlegen, ob man sich nicht doch lieber das "lebensunwerte Leben" spart. Aus historischer Rücksichtnahme wird man das dann freilich anders benennen, aber das Prinzip wird wohl das gleiche sein. Dank des technischen Fortschritts seit der ersten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts (wo es ja weißgott nicht bloß in Deutschland Programme zur Eugenik gab... *hust* USA *hust*), wird es diesmal jedoch weniger "sichtbar" und ergo weniger skandalträchtig ablaufen können. Pränataldiagnostik wird in absehbarar Zeit gesetzlich vorgeschrieben sein und die Geburt eines behinderten Kindes wird natürlich sanktioniert werden müssen (wegen Belastung des Steuer- bzw. Beitragszahlers).
Überrascht bin ich eigentlich nur, dass es jetzt schon anfängt und ausgerechnet in Israel... ich hatte dem kollektiven Gedächtnis, gerade in Israel, eine längere Halbwertszeit zugestanden.

So kann man sich irren...


Die hl. Margareta [Marina] von Antiochien († 305) ist eine der 14 Nothelfer und Patronin der Schwangeren und Gebärenden. Sehr passend wird sie mit Kreuz und Drache dargestellt. Der Legende nach erschien ihr der Teufel immer wieder in Gestalt eines Drachen der sie verschlingen wollte. Sie wehrte ihn jedoch mit dem Kreuz(zeichen) ab. Sie wird oft mit dem hl. Georg (dem "Drachentöter") in Beziehung gesetzt und zuweilen auch mit ihm zusammen abgebildet.
Es ist wahrlich ein Kampf gegen Satan der hier läuft, und dieser gewinnt gerade an Boden.
Sancte Margarete, ora pro nobis!

Dienstag, 13. Mai 2014

latente Kirchenspaltung

Wäre ich noch auf meinem Weg zur Taufe, ich müsste mich in diesen Tagen ernsthaft fragen, ob es in Deutschland nicht inzwischen mindestens zwei, eher mehrere, "katholische Kirchen" gibt... und welcher ich eigentlich angehören möchte.

Während der Bischof von Münster ganz klar sagt, dass zivil wiederverheiratet Geschiedene die Kommunion nicht empfangen können, ist genau diese Praxis im Erzbistum Freiburg ganz offiziell erlaubt, mit Formvorschlägen für Segensfeiern und allem, was dazu gehört.
Hier geht es nicht um irgendeine disziplinarische Angelegenheit, sondern um den Glaubensschatz der Kirche, näherhin um die Bedeutung von Eucharistie und Ehesakrament!

Ich würde auf den Gedanken kommen, mir "meine Kirche" aussuchen zu können/müssen: Gehe ich nach Münster, oder bleibe ich in Freiburg? Je nach Lebenssituation könnte so mancher Gläubige auf die Idee kommen, sich sein Bistum entsprechend des dort jeweils Praktizierten auszusuchen... offenbar gibt es da ja beachtliche Differenzen in dem, was die jeweiligen Hirten und Glaubenshüter so hüten...

An Bischof Genn geht mein Dank für seinen Mut, die Wahrheit zu sagen. Aber es wirft doch Fragen auf, warum ein Bischof, der einfach nur die Wahrheit sagt, so "heraus ragt"...

Das betrifft natürlich auch andere Themen... etwa Lebensschutz: In manchen Bistümern werden die Gläubigen in ihrem Einsatz für das Leben unterstütz, in anderen wird ihr Engagement unter Strafandrohung verboten.
In manchen Bistümern wird offen, abgenickt vom Ordinariat, gerne auch zu offiziellen Anlässen im Priesterseminar vor Ort, für Frauenordination geworben, in anderen wird derlei chronische geistige Umnachtung klar abgewiesen.
usw. usf.

Da kann man als einfacher Gläubiger eigentlich seine Zuflucht nur noch jenseits der Berge suchen...
Ich will meinen rechtmäßig bestellten Hirten aber nicht umgehen! Ich will ihm auch nicht misstrauen müssen oder bei jeder Äußerung nur auf die Abweichungen von der "gesunden Lehre" und Disziplin warten, weil ich schon so daran gewöhnt bin, dass soetwas kommt (Breitseiten gegen Rom, Verunglimpfungen kirchlicher Lehren, Missachtung liturgischer Normen etc. pp.). Ich möchte meinem Bischof vertrauen können und mich nicht an andere Bischöfe oder den Papst wenden müssen, wenn ich einfach nur wissen will, "wie es ist"! Gott sei Dank gibt es den Papst; aber der unmittelbare Bezugspunkt für jeden Katholiken sollte eigentlich sein Bischof sein! (Mit dem Pfarrer ists das gleiche Problem, aber darum gehts hier ja grad nich.) Nochmal (vgl. hier): Ich möchte einen Bischof, dem ich vorbehaltlos vertrauen kann in dem was er sagt und tut. Ich habe es satt, mich (Internet sei Dank) nach Bamberg, Eichstätt, Köln, Salzburg, New York oder Rom wenden zu müssen, wenn ich Rat und Hilfe von offizieller Seite suche!

Ob der in zweiter Zivilehe Lebende katholische Kirchensteuerzahler in Münster wohl mit Neid nach Freiburg blickt und für sein eigenes Bistum das Ressentiment schürt? Spielt er vielleicht gar mit dem Gedanken an eine "Konversion" per Umzug? 
cuius regio, eius religio?