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Montag, 16. Mai 2022

Vom Kreuz geprägt

»Müssen wir nicht vor allen Sachfragen des Weltdienstes, die vielfältig und kompliziert sind, uns selber fragen, ob wir so, als die neuen Menschen, als die mit Christus Gekreuzigten den anderen und der Welt dienen wollen oder nur als Konkurrenten anderer Gruppen und damit unter deren Wertmaßstäben und Erfolgsrechnungen?

Was der Welt zum Heile dient, was die Kirche wahrhaft trägt, ist das Kreuz des Herrn. Und mit Ihm, in Seiner Gnade sind es jene, die als Jünger Christi sich selbst verleugnen und ihr Kreuz tragen. Sie machen keine Schlagzeilen. Sie erscheinen nicht in den Statistiken. Sie polieren ihr Image nicht im Fernsehen. Sie sind nicht bei den Ordinariaten registriert. Vermutlich schreiben sie auch nicht jene Bücher, von denen es dann in den Besprechungen heißt, daß sie mit atemberaubender Kühnheit alles in Frage stellen und in völliges Neuland vorstoßen. Sie sind auch sicher nicht in den Kreisen geachtet, die bissig und stur ihren gewohnten Stil als das Unantastbare und Heilige verteidigen. Aber Gott kennt sie, und sie sind kostbar in Seinen Augen.

Eigentlich müssen wir von Herzen danach verlangen, zu ihnen zu gehören. Und wenn es nicht so ist? Wenn wir unter unserem Wortgepränge verbergen, daß wir das Kreuz nicht lieben, wie es die Heiligen taten? Dann sollten wir wenigstens nicht stolz darauf sein. Nicht so souveräne Verächter der Frömmigkeit früherer Zeiten. Nicht so überheblich sicher, daß wir jetzt erst das wahre Christentum entdeckt haben.

Und wir sollten um die kostbare Gnade beten, daß unser alter Mensch ein wenig mehr sterbe und der neue Fortschritte mache- wenigstens den nächsten Schritt versuche.« (Alfred Bengsch, Kirche ohne Kreuz?, 74-75)

Dienstag, 26. April 2022

Feinde auch im Inneren der Kirche

»Der Herr hat uns gesagt, daß die Kirche auf verschiedene Weise immer leiden würde bis zum Ende der Welt. [...] Unter dem Neuen, das wir heute in dieser Botschaft entdecken können, ist auch die Tatsache, daß die Angriffe gegen den Papst und die Kirche nicht nur von außen kommen, sondern die Leiden der Kirche kommen gerade aus dem Inneren der Kirche, von der Sünde, die in der Kirche existiert. Auch das war immer bekannt, aber heute sehen wir es auf wahrhaft erschreckende Weise: Die größte Verfolgung der Kirche kommt nicht von den äußeren Feinden, sondern erwächst aus der Sünde in der Kirche. Und darum ist es für die Kirche zutiefst notwendig, daß sie neu lernt, Buße zu tun, die Reinigung anzunehmen; daß sie einerseits zu vergeben lernt, aber auch die Notwendigkeit der Gerechtigkeit sieht; denn Vergebung ersetzt die Gerechtigkeit nicht. Mit einem Wort, wir müssen gerade das Wesentliche neu lernen: die Umkehr, das Gebet, die Buße und die göttlichen Tugenden. So antworten wir. Seien wir realistisch darauf gefaßt, daß das Böse immer angreift, von innen und von außen, aber daß auch die Kräfte des Guten immer gegenwärtig sind und daß letztendlich der Herr stärker ist als das Böse.«

Benedikt XVI. am 11. Mai 2010 auf den Flug nach Portugal (HIER nachlesbar).

Dienstag, 8. März 2022

Bätzing verdreht Henri de Lubac

In seiner Predigt zur Eröffnung der Vollversammlung der DBK am 7. März 2022 hat der Vortsitzende der DBK ausgerechnet Henri de Lubac zitiert, um seine kruden Ideen über die Kirche Ausdruck zu geben. Er führte aus:

»Die Kirche Jesu Christi ist „katholisch“. Und das meint weit mehr als „römisch-katholisch“ in seiner konkreten Gestalt. Katholizität, so hat es der französische Jesuit Henri de Lubac (1896–1991) durch beharrliche Studien herausgearbeitet, ist ein Zielbild, geschichtlich stets eine Herausforderung und niemals Besitzstand, den es zu verteidigen gilt. „Der Katholizismus [...] ist die Form, die die Menschheit annehmen soll“, schreibt de Lubac, „um endlich sie selbst zu werden. Er ist die einzige Wirklichkeit, die, um zu sein, es nicht nötig hat, sich entgegenzusetzen, also alles andere als eine ‚geschlossene Gesellschaft‘“ (Henri de Lubac, Glauben aus der Liebe [„Catholicisme“, 1938 erschienen]. Übertragen und eingeleitet von Hans Urs von Balthasar, Einsiedeln-Freiburg 1992, 263: Weiter spricht er davon, den Katholizismus zeichne eine Unduldsamkeit seiner Grundsätze und zugleich eine unendlich umfassende Geschmeidigkeit aus). Katholisch, das ist gelebte Verbundenheit, nicht konfessionelle Enge, nicht Abschottung und Identität durch Grenzziehungen. [...] Katholizität meint Verbundenheit. Um dieses Zielbild zu verwirklichen, müssen wir wohl noch etliche Barrieren überwinden, Durchbrüche wagen und bisher gültige Denkweisen verändern – und zuallererst demütig bekennen, wie sehr wir uns in der Kirche an unseren eigenen Geschwistern schuldig gemacht haben; wie sehr wir deren Leben belastet und ihnen die Verbundenheit verwehrt haben.«


Bätzing möchte mit allen Menschen "verbunden" sein, und meint damit v.a., dass die Kirche alles, was diese Menschen tun, etwa in ihren Betten, akzeptieren soll.

Damit verkehrt er die Aussage von de Lubac in ihr genaues Gegenteil. Ja, de Lubac sagt: »Die Kirche ist überall zu Hause, und jeder soll sich in der Kirche zuhause fühlen können« (ebd.), aber er wäre nie auf den Gedanken gekommen, dass dies bedeuten könnte, dass sich die Kirche entsprechend an alles anpassen müsse, am wenigsten in Sachen der Moral. De Lubac stellt vielmehr klar, dass die Kirche "ohne jede Naivität" auf die Menschen zugeht, d.h. sie nimmt nicht einfach alles an, sondern sie unterscheidet, sucht das "Gute" und das "Wahre" und meidet zugleich den Irrtum (ebd. 264-265) [gemäß der Mahnung des Paulus: »Prüft alles und behaltet das Gute!« (1Thess 5,21) Immer Eingedenk des darauffolgenden Verses: »Meidet das Böse in jeder Gestalt!« Vgl. ebd. 254-256]. Die sichtbare Katholizität, die sich in der Vielfalt zeigt, die sie beherbergt, ist so letztlich Ausdruck ihres inneren Reichtums.

Kurioserweise nennt de Lubac sodann etwas beim Namen, was Bätzing eigentlich die Schamesröte ins Gesicht treiben müsste, denn er, Bätzing, tut genau das, was du Lubac hier verwirft, bis in die Wortwahl ("verbinden") hinein: 

»So wenig die Methode der Kirche naiv ist, so wenig ist sie synkretistisch. Künstlich erzeugt und häufig das Werk von Verwaltungsinstanzen und Gelehrten, setzt der Synkretismus einen niedergehenden Glauben voraus. Er ist eine Beleidigung des lebendigen Gottes. Im Geistigen ist er unfruchtbar wie die Politik und die Philosophie, der er entstammt. Er erniedrigt und verflacht alle Elemente, die er verbindet [...].«

Genau da sind wir: Die Kirche (in Deutschland!) ist im Niedergang begriffen und Bätzing möchte durch Verwaltungsinstanzen und mit gelehrten Redelsführern (suizidaler Weg) das Ruder herumreißen, indem er einen Synkretismus fabriziert, der allerlei wesentliche Elemente des Katholischen erniedrigt und verflacht (z.B. das Priestertum und eben die Moral).

Die Kirche kann Heimat für alle Menschen sein, weil sie die Fülle der Gnade und der Wahrheit Gottes ihr eigen weiß. Als Christen glauben wir, dass einer der Weg, die Wahrheit und das Leben für alle Menschen ist. Dass die Kirche "katholisch" ist bedeutet gerade nicht, dass sie allen Menschen angepasst werden kann oder gar soll, sondern im Gegenteil, dass alle Menschen sich ihr anschließen können auch in ihrer Strenge und Klarheit. De Lubac weiter (durchaus kämpferisch):

»Endlich kann hier auch nicht von "Liberalismus" die Rede sein, von Willfährigkeit gegenüber dem Irrtum oder vom Schalwerden des evangelischen Salzes. Wie das Christentum in der ganzen Strenge seiner Forderungen vorgetragen werden muss, so muss man es auch in seiner ganzen Reinheit hervortreten lassen. Es wäre sträflich, die sanfte Strenge des Evangeliums zu verschleiern; aber nicht weniger, es mit überflüssigem Ballast zu beschweren; dies hat schon das erste Konzil verkündet. Und wenn es auch ausgemacht ist, dass das Bekehrungswerk in seinem Wesen nicht darin besteht, die übernatürliche Wahrheit zu adaptieren, sie auf das menschliche Maß herabzudrücken, sondern umgekehrt den Menschen ihr anzupassen und ihn zum Maß dieser Wahrheit, die ihn beherrscht und ihn richtet, zu erheben, so müssen gerade wir, ihre Diener, uns vor nichts so sehr hüten als vor einer lästerlichen Verwechslung unserer Geschmäcker, unserer Gewohnheiten, unserer Vorurteile, unserer Leidenschaften, unserer Beschränktheiten und Schwächen mit der göttlichen Religion, von der wir noch so wenig durchdrungen sind. Wir sollen die Seelen für Gott, nicht für uns gewinnen, und ihnen. Gott schenken, statt uns selbst ihnen aufdrängen. Wenn man dies für Liberalismus hält, so ist es jedenfalls kein anderer als der der Liebe. Da mihi amantem et scit quid dicam.

Das große Beispiel des hl. Paulus ist am geeignetsten, vor jeder hier möglichen Verwechslung im voraus zu sichern. Keiner schämte sich weniger als Paulus, das Ärgernis des Kreuzes zur Schau zu tragen, und keiner fürchtete mehr als er, dessen Kraft abzustumpfen. Keiner hat vorbehaltloser als er die Notwendigkeit verkündet, mit dem Irrtum und der Sünde zu brechen und sich selbst zu sterben, um ein neues Leben in Christus zu leben: "Fegt aus den alten Sauerteig und seid ein neuer Teig." Aber Paulus weigert sich, auf die Forderungen der judaisierenden Christen einzugehen. Er erhebt sich sogar gegen jene, die seine Kühnheit einschüchtert. Geschieht es einzig deshalb, "um, wie er selbst sagt, dem Evangelium kein Hindernis zu schaffen" oder "für Christus eine große Menge" Heiden zu gewinnen? Diese Absicht erklärte sein Verhalten nicht ganz. Was den Apostel bestimmt, ist nicht vor allem das Interesse der Propaganda: es ist die Logik seines Glaubens. Seine Gegner werfen ihm vor, dass er aus politischer Klugheit das Joch des Herrn erleichtert, indem er das Gesetz aufgibt. Nein, erwidert er, nicht damit die Menschen mich gut aufnehmen, handle ich so, sondern um mich Gott verdient zu machen. Wenn ich das "Evangelium Gottes" predige, will ich es nicht "nach Menschen weise" verkünden. Weit davon entfernt, die Lehre aus Opportunitätsrücksichten zu kompromittieren, verteidigt Paulus vielmehr ihren wahren Charakter gegen die unklugen Zugeständnisse Petri. Er weigert sich, das Evangelium andern zuliebe zu ändern, weil er damit Christus untreu würde (1Kor 1,17; 5,7; 9,12 und 19-22; Gal 1,10-11; 2,11-24).

Der Geist, der den Apostel leitet, ist derselbe, der noch heute die Kirche lenkt, und der durch die Stimme der letzten Päpste spricht [gemeint sind Pius IX. bis Pius XI.]. Der Weg, auf den er uns verpflichtet, ist der einzig sichere. Ihm folgen ist weder Naivität noch Synkretismus noch Liberalismus, sondern einfach Katholizismus.« (ebd. 265-267)

Bätzing sollte nochmal genau nachlesen und sich dann schämen! Ich kann bloß hoffen, dass sein bischöflicher Mitbruder aus Regensburg, der ein ausgewiesener Experte für Henri de Lubac ist, ihn auf seine Verirrung (und die Irreführung seiner Zuhörer) hinweist.

Montag, 14. September 2015

Vexilla Regis

Des Königs Fahnen ziehen voran,
es erglänzt das Geheimnis des Kreuzes,
da der Schöpfer des Fleisches
im Fleische ans Kreuz geheftet wurde.


Den Leib mit Nägeln durchbohrt,
Hände und Füße ausgestreckt,
wurde um der Erlösung willen
hier das Opfer hingeschlachtet.


Der überdies verwundet wurde
Durch die grauseme Spitze der Lanze;
Um uns von Vergehen reinzuwaschen,
floss Wasser und Blut.


Erfüllt hat sich, was David
in glaubwürdigem Liede gesungen,
indem er den Völkern verkündigte:
vom Holze herab herrscht Gott.


O herrlicher und ausgezeichneter Baum,
geziert mit dem Purpur des Königs,
auserwählt, mit würdigem Stamme
so heilige Glieder zu berühren.


Glückseliger, an dessen Ästen
Der Lösepreis der Welt hing;
Zur Waage des Leibes ist er geworden,
und er entriss die Beute der Hölle.


Wohlgeruch verströmst du aus deiner Rinde,
du übertriffst den Geschmack des Nektars,
erfreut, fruchtbare Frucht zu tragen,
spendest du Beifall diesem edlen Triumph.


Sei gegrüßt, Altar, sei gegrüßt, Opfer,
aus dem Ruhm des Leidens,
in dem das Leben den Tod ertrug
und durch den Tod das Leben wieder gewann.


Sei gegrüßt, o Kreuz, einzige Hoffnung,
in dieser Zeit des Leidens
vermehre den Frommen die Gnade
und Sündern tilge die Vergehen.


Dich, Gott, höchste Dreifaltigkeit,
soll loben jeglicher Geist
und die du durch das Geheimnis des Kreuzes
rettest, herrsche in alle Ewigkeit.


(Venatius Fortunatus, + um 600)

Sonntag, 29. Dezember 2013

Fluchtpunkt


Nicht Ägypten ist der Fluchtpunkt der Flucht.
Das Kind wird gerettet für härtere Tage.
Fluchtpunkt der Flucht ist das Kreuz.

(Kurt Marti)

Samstag, 14. September 2013

Folterinstrument

Paul Fryer - Pieta
Die Allgegenwart des Kreuzes, auch in meiner Wohnung hängt in jedem Zimmer eines, mag uns abstumpfen, uns vergessen lassen, worum es sich dabei handelt. Darum finde ich dieses Kunstwerk überaus bemerkenswert: Ein maltretierter Körper (aus Wachs, dem von Grünewald nachempfunden) auf einem elektrischen Stuhl. Ein Mensch, unschuldig, geschlagen, getreten, bespuckt, gefoltert, getötet. 
Hätte Jesus heute gelebt, wäre er auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet worden.

»Im Kreuz ist Heil, im Kreuz ist Leben, im Kreuz ist Hoffnung.«
Aber ist uns auch ab und an mal bewusst, dass das Kreuz ein Folterinstrument ist? Das Kreuz sagt uns nicht nur, dass Gott die Liebe ist, dass er sich für uns gibt und wir darum jauchzen können. Das Kreuz sagt uns auch, was wir Menschen Ihm, der uns liebt, angetan haben und jeden Tag weiter antun... nicht nur "die da" in Syrien, sondern wir, hier, heute, vorhin! 
Freut euch: Der Tod, der am Kreuz siegte, wurde am Kreuz besiegt!

Samstag, 20. April 2013

Papa Benedictus

»Heute ist viel von der Abschaffung des Leidens die Rede. Es wird polemisiert gegen die angebliche Verherrlichung des Leidens in der christlichen Geschichte, die man als schädlichen Masochismus brandmarkt. Von einer Verherrlichung des Leidens um seiner selbst willen, von einer Lust am Schmerz kann in authentischer christlicher Tradition keine Rede sein. Aber der Glaube hat aus dem Leid, das der Widerspruch gegen das Glück zu sein scheint, eine Schule des Menschseins gemacht und an die Stelle der Arroganz seiner Abschaffung, die eine Lüge ist, seine innere Umwandlung gesetzt. Leid wurzelt tiefer als die Strategie seiner Abschaffung. Die wahre Antwort kann immer nur in einem Mit-Sein bestehen. Deswegen liegt im leiden Christi die Erlösung der Welt. Deswegen müssen wir das göttliche "Mit", das uns darin geschenkt ist, von innen her empfangen lernen und es in einem menschlichen "Mit" aufnahmen und weitergeben.«

(Joseph Kardinal Ratzinger, in seinem Geleitwort zum "Kreuzeslob" von P. Bonaventura Pihan, 1987; Bischof Vorderholzer, ein Vertrauter des emeritierten Papstes, eröffnete dieser Tage, dass dieser erhebliche gesundheitliche Beschwerden habe.)
Betet für unseren "Heiligen Großvater" Benedikt!

Freitag, 29. März 2013

Das Kreuz und die Frömmigkeit

Mindestens einmal im Jahr stehe ich vor der Frage, welche Darstellung der Kreuzigung Jesu "heute" passend ist. Welche mir in der Andacht hilft, mich vielleicht erhebt oder traurig macht, berührt oder betrübt, ermutigt oder mitleiden lässt, mich beruhigt oder aufrüttelt... Welches Maß an "Immersion" ist angemessen oder geboten? Welche Anbetung der Herrlichkeit Gottes ermöglicht es mir? Welche Zuversicht oder welchen Trost bietet es mir?

Es ist ein Unterschied, ob ich eine romanische Darstellung mit einem in edler Gewandung angetanen König am Kreuz wähle, oder eine gotische "martialische" Darstellung des Zerschlagenen. Es ist ein Unterschied, ob ich eine antike eher pittoreske Darstellung mit römischen Gesichtszügen oder eine byzantinische Ikone mit seraphischer Verklärung wähle. Es ist ein Unterschied, ob ich eine moderne eher stilisierte aber wirkungsvolle Darstellung wähle, oder eine abstrakte nichtssagende. Es steht mir sogar frei, nur ein Kreuz ohne Corpus und Beiwerk zu wählen oder nur einen Corpus oder nur das Beiwerk, um des Leidens Jesu zu gedenken. (Die grässlichen im Internet kursiwerenden amerikanisch verklärten "Action-Jesus"-Darstellungen lass ich mal beiseite.)
Man darf durchaus sagen: Ein frühmittelalterlicher Lebensbaum trägt eine andere Aussage, als ein bluttriefendes Folterinstrument.

Ich merke: An diesem Ort ist jeder Einzelne gefragt. Es gibt keine kirchliche Vorschift die mir sagt, wie ich das Leiden und den Tod Jesu zu betrachten habe, wie (weit) ich mich davon berühren lasse und mit welcher Perspektive ich das Geheimnis betrachte, das dort geschieht. Die Geschichte der Frömmigkeit wie auch die der Liturgie hat im Laufe der Geschichte viele verschiedenen Blüten getrieben. Und soweit ich das überblicken kann, ist nicht nur der Kirche nichts Menschliches fremd, sondern auch ihrem Frömmigkeitsschatz. Insofern bleibt es nun also jedem Einzelnen überlassen, wie er in seinem Leben und im unendlichen Bilderschatz des Internets dem Herrn am Gedenken seiner Passion nahe sein kann...

Montag, 15. Oktober 2012

Teresas Leidenschaft

Gut kenne ich den Vorwurf, der Katholizismus sei leidenschaftslos... *hust*
»Was ich aus eigener Erfahrung [...] von den Geschenken und Befriedigungen in der Meditation weiß, ist nur das eine, daß ich, wenn ich bei der Betrachtung der Passion zu weinen begann, nicht aufhören konnte, bis mir der Kopf zersprang; weinte ich wegen meiner Sünden, so war es dasselbe. [...] Die Tränen und das Sehnen werden hierbei manchmal von der Natur unterstützt, je nach der Stimmung, in der wir uns befinden. Aber schließlich finden sie, wie gesagt, trotzdem ihr Ziel in Gott.
[...]
Ich möchte auch [...] darauf hinweisen, daß es, wenn man auf diesem Wege gut vorankommen und zu den ersehnten Wohnungen emporsteigen will, nicht darauf ankommt, viel zu denken, sondern viel zu lieben. Darum tut das, was am meisten Liebe in euch erweckt. Vielleicht wissen wir aber gar nicht, was Lieben ist. Das würde mich nicht sehr wundern; denn es besteht nicht in dem größeren Genuß, sondern in der größeren Entschlossenheit, Gott in allem erfreuen zu wollen, sich mit allen Kräften darum zu bemühen, daß wir ihn nicht beleidigen, und ihn zu bitten, daß die Ehre und der Ruhm seines Sohnes sowie das Wachstum der katholischen Kirche stets Vorrang vor allem anderen habe. Das sind die Zeichen der Liebe.« (Teresa von Avila, Die innere Burg, Vierte Wohnung, Erstes Kapitel)

Donnerstag, 9. August 2012

Edith Stein: Märtyrin

Alle Jahre wieder, besonders von Rechtsaußen (weils Linksaußen niemanden interessiert), und besonders laut, seit 2006 ihre Statue am Petersdom errichtet wurde, hört man den Vorwurf, Edith Stein sei garkeine Märtyrin, weil sie ja schließlich aufgrund ihrer jüdischen Herkunft ermordet wurde und nicht aufgrund ihres Bekenntnisses zu Christus. Übrigens genau heute vor 70 Jahren.

Dieser Vorwurf zeugt von einer bemerkenswerten Oberflächlichkeit und Ignoranz, da er das Denken und Fühlen, das Leben und Sterben und auch das überaus reale Bekenntnis dieser großen Frau völlig außer Acht lässt und, nicht unähnlich den Nazis, auf einer rein biologisch-äußerlichen Ebene verbleibt.
Teresia Benedicta a Cruce hat sich, weil (und seit) sie Christin wurde, überhaupt erst zu ihren jüdischen Wurzeln bekannt, und sie hat ihr Leid als Nachfolge Christi (eines Juden!) interpretiert, in einer Weise, die, wegen ihrer einzigartigen Geschichte, sonst nicht anzutreffen ist. Sie hat überaus bewusst ihr Leid als Jüdin und Christin angenommen -- das ließ sich für sie garnicht trennen! Und ich habe überhaupt keinen Zweifel, dass der Herr ihr Leid auch so angenommen hat.

Die Nazis mögen sie wegen ihrer "jüdischen Gene" verfolgt haben (was das ist, kann uns bestimmt Herr Sarrazin erklären... übrigens ein Mensch ohne jede naturwissenschaftliche Ausbildung...), aber Edith Stein hat diese Verfolgung angenommen -- gerade weil sie sich dank ihres Katholischseins auch als Jüdin verstand!
In gewissem Sinne können wir das alle mit Pius XI. (1938) sagen: Geistlich sind wir alle Semiten. Edith Stein konnte das noch in sehr viel breiterem Sinne voller Stolz sagen -- und sie tat es auch! Aber eben noch viel mehr als das.

Und darum ist sie eine der bedeutendsten Märtyrer des 20. Jahrhunderts: Weil sie die de facto gegebene Verwobenheit von Judentum und Christentum, ihre "Perichorese", wenn man so will, wirklich gelebt hat! Und darum kann ich mich auch über ihre Darstellung an der Peterskirche durchaus freuen: Sie drückt genau das aus... Thora und Kreuz sind für uns Christen eigentlich nicht wirklich zu trennen... alles andere wäre bloß verkappter Markionismus.


Ein Wort der Heiligen aus ihrer "Kreuzeswissenschaft": 
»Alle, die den Mut haben, das Kreuz und den Gekreuzigten zu umarmen: In sie ergießt sich sein göttliches Licht und Leben, aber weil es unaufhaltsam alles vernichtet, was Ihm im Wege steht, darum erfahren sie es zunächst als Nacht und Tod.«


Nachtrag: Wurde gerade per Facebook auf ein kleines Filmchen beim ORF aufmerksam gemacht, in dem Hanna-Barbara Gerl-Falkovitz, ohne Zweifel die Expertin auf diesem Gebiet, recht ähnlich argumentierend u.a. auch dieses Thema anspricht.

Nachtrag 2: Grad drüber gestolpert: 

Mittwoch, 9. Mai 2012

Kreuz und Leid

Gestern gedachte das Erzbistum Freiburg der seligen Ulrika von Hegne († 1913).
Ein Auszug aus der zweiten Lesung der Lesehore (Einlegeblatt zum Lektionar, hg. EB Oskar Saier):

[Gott] weiß, wie er die Schwachen und die Starken zu behandeln hat. Den Schwachen gibt er Trost und Frieden und leitet alles zum Besten. Den Stärkeren schickt er manches Kreuz und Mißgeschick in jeder Beziehung. So erweitert er die Herzen, und je mehr über einen kommt, desto mehr kommt man zur Erkenntnis. Man lernt die verschiedenen Kreuze und Widerwärtigkeiten tragen und den Wert derselben erkennen. Würden wir den Wert der Demütigungen und Leiden erkennen, so würde unser Herz so groß und weit, daß wir mit Gottes Gnade die Leiden der ganzen Welt tragen möchten. Es würde aufgehen vor Verlangen nach Kreuz und Leiden. Wir würden uns nicht mehr vor einer Verdemütigung scheuen, sondern mit heiligem Neid auf jene blicken, die dieser Gnaden mehr gewürdigt werden. Darum sind wir auch oft so unruhig und zerstreut bei der Arbeit, weil unser Inneres nicht vom übernatürlichen Eifer belebt ist und man sich vor Mißgeschick oder Demütigung fürchtet. Je reiner die Absicht, je freier man von Eigenliebe und Eigennutz ist, desto ruhiger und in Gott gesammelter arbeiten wir.

Dienstag, 6. März 2012

Kreuz und Leid

Mache mich aus persönlichen Gründen in diesen Wochen etwas rar. Ein Wort aus einer Predigt von Johannes Tauler hilft.

Als unser Herr dem Engel Erlaubnis gab, alles, was auf Erden war, zu schlagen und zu vernichten, sprach er: "Du sollst nur die verschonen, die das Siegel, das heißt das Zeichen des Kreuzes, auf ihrer Stirn tragen." (Offb 9,4) Wer aber das Kreuz nicht in sich, noch auf der Stirne trägt, der wird nicht verschont. Nicht die Gelehrten, nicht die Beschaulichen noch die Tätigen werden geschont werden, sondern die Leid getragen haben.