Freitag, 22. Oktober 2021

Johannes Paul II. und der Umweltschutz

»Wir wissen, wie dringend heute eine Verbreitung des Bewusstseins für die Achtung vor den Naturschätzen unseres Planeten geworden ist. Und alle sind mitbetroffen, weil die Erde, die wir bewohnen, immer klarer ihre innere Einheitlichkeit offenbart, so dass die Entscheidungen um die Erhaltung ihres Erbes alle Völker ohne Unterschied betreffen. Erhaltung und Entwicklung der Waldgebiete sind überall grundlegend für die Aufrechterhaltung und Erneuerung der natürlichen Gleichgewichte, wie sie für das Leben unerlässlich sind. Das wird heute noch deutlicher, weil wir uns bewusst geworden sind, wie dringend notwendig eine entschiedene Umkehr der Tendenz in all jenen Verhaltensweisen ist, die zu besorgniserregenden Formen der Umweltverschmutzung führen. Jeder Mensch ist gehalten, Initiativen und Handlungen zu vermeiden, die die Reinheit der Umwelt gefährden können, und da die Pflanzen in ihrer Gesamtheit für die Gleichgewichte der Natur eine unerlässliche Rolle spielen, die ihrerseits wieder für das Leben auf all seinen Stufen notwendig sind, werden ihr Schutz und die Achtung vor ihnen immer mehr eine unbedingt notwendige Forderung an den Menschen.

Für den Christen aber ist die Sorge für die Erde eine moralische Verpflichtung, "damit sie Frucht bringe und eine würdige Wohnstätte für die gesamte menschliche Familie werde" (Gaudium et spes, Nr. 57).« 

(Predigt in Visdende am 12 Juli; in: ApSt 1987, 1565)


»Es ist bezeichnend, dass in unserer Zeit angesichts dessen, was die Gefahr des "Umwelt-Holocausts" genannt wird, eine große kulturelle Bewegung entstanden ist mit dem Ziel, die Umwelt zu schützen und neu zu entdecken. Für dieses dringende Anliegen muss besonders die Jugend sensibilisiert werden. Das achtungsvolle Genießen der Natur ist als wichtiger Bestandteil ihres Erziehungsprozesses zu betrachten. Wer wirklich sich selbst finden will, muss lernen, die Natur zu genießen, deren Zauber eng mit der Stille der Kontemplation verbunden ist. Die Tonarten der Schöpfung sind gleichfalls Mittel von außerordentlicher Schönheit, durch welche die empfängliche und gläubige Seele mühelos das Echo der geheimnisvollen, höheren Schönheit vernehmen kann, die Gott selbst ist, der Schöpfer, von dem jede Wirklichkeit ihren Ursprung und ihr Leben hat.

Das heutige Fest des hl. Benedikt von Nursia, des Schutzpatrons von Europa, lädt zu dieser Suche ein. Er lebte in einer Zeit der Krise der antiken Zivilisation und gründete Klöster, die Oasen der Kontemplation und zugleich Baustellen wurden. Das Mönchtum wusste klugerweise, wie Papst Paul VI. gut beobachtet hatte, "das Kreuz, das Buch und den Pflug" miteinander zu verbinden (Pacis nuntius, 24. Oktober 1964): drei Elemente, die nie voneinander getrennt werden dürfen, will man nicht das Gleichgewicht der Person, der Gesellschaft und der Umwelt gefährden. Der benediktinische Leitspruch "Ora et labora" ist eine weise Formel, dazu bestimmt, die Herzen und die Geister zu erbauen, aber auch "die Wüsteinei und Wildnis in fruchtbare Felder und schöne Gärten zu verwandeln" (ebd.) Das Beispiel von Benedikt, den wir heute besonders verehren, helfe dem Menschen dieser Zeit, die Fähigkeit der Synthese, an die großteils die Qualität der Zukunft der Menschheit gebunden ist.«

(Angelus in Santo Stefano die Cadore am 11. Juli; in: ApSt 1993, 119-120)


»Die Schöpfung ist sozusagen die große göttliche Erzählung. Der tiefe Sinn dieses wunderbaren Buches der Schöpfung jedoch wäre für uns schwer verständlich, wenn nicht Jesus, das menschgewordene Wort, gekommen wäre, um es uns "zu erklären", indem er unsere Augen befähigt hat, in den Geschöpfen leichter die Spur des Schöpfers zu sehen.

Jesus ist das Wort, das den Sinn all dessen enthält, was lebt. Er ist das Wort, in dem der "Name" aller Dinge ruht, vom kleinsten Teilchen bis zu den riesigen Galaxien. Er selbst ist also das "Wort", voll der Gnade und Wahrheit (vgl. Joh 1,14), durch das der Vater sich selbst und seinen Willen, seinen geheimnisvollen Liebesplan und den tiefsten Sinn der Geschichte offenbart (vgl. Eph 1,9-10). In Jesus hat Gott uns alles gesagt, was er uns zu sagen hatte. 

"Ein Sämann ging aufs Feld, um zu säen" (Mt 13,3). Die Menschwerdung des Wortes ist die größte und wahrhaftigste "Aussaat" des Vaters. Am Ende der Zeiten wird die Ernte kommen: Der Mensch wird dann vor das Gericht Gottes gestellt Wenn er viel erhalten hat, wird er über vieles Rechenschaft ablegen müssen.

Der Mensch ist nicht nur für sich selbst verantwortlich. sondern auch für die anderen Geschöpfe. Er ist es im weltumspannenden Sinn: Denn an ihn ist ihr Schicksal in der Zeit und jenseits der Zeit gebunden. Wenn er dem Plan des Schöpfers gehorcht und sich ihm anpasst, führt er die gesamte Schöpfung ins Reich der Freiheit, so wie er sie durch den Ungehorsam am Anfang mit sich ins Reich der Zerstörung gerissen hat. Dies wollte der heilige Paulus uns heute in der zweiten Lesung sagen.

Seine Worte sind geheimnisvoll, aber faszinierend. Indem sie Christus aufnimmt, ist die Menschheit imstande, einen neuen Lebensstrom in die Schöpfung zu leiten. Ohne Christus bezahlt der Kosmos selbst die Folgen der menschlichen Weigerung. dem göttlichen Heilsplan in Freiheit zuzustimmen. Für unsere Hoffnung und die aller Geschöpfe hat Christus im Herzen des Menschen den Keim neuen, unsterblichen Lebens eingepflanzt. Das Samenkorn des Heils, das der Schöpfung eine neue Ausrichtung gibt: die Herrlichkeit des Reiches Gottes,

"Denn wie der Regen und der Schnee - so haben wir aus dem Buch des Prophe ten Jesaja gehört - vom Himmel fällt und nicht dorthin zurückkehrt, sondern die Erde tränkt und sie zum Keimen und Sprossen bringt.... so ist es auch mit dem Wort, das meinen Mund verlässt: Es kehrt nicht leer zu mir zurück, sondern bewirkt, ... wozu ich es ausgesandt habe" (Jes 55,11). Jeder hat deshalb die Verantwortung, "gute Erde" zu sein und Christus aufzunehmen, damit das Evangelium schon in dieser Welt und für das ewige Leben Frucht bringe. Der Christ muss darauf achten, nicht oberflächlich oder unbeständig zu sein; er darf sich nicht von den Sorgen dieser Welt und dem trügerischen Reichtum ersticken lassen (vgl. Mt 13.19-22). Indem er den Anregungen der Gnade entspricht, hat er die Aufgabe, "gute Erde" zu werden, fähig, nicht nur das Wort aufzunehmen, sondern es auch in Fülle Frucht tragen zu lassen.

Liebe Schwestern und Brüder von Santo Stefano di Cadore! Die herrliche Naturumgebung, in der sich euer Leben abspielt, hilft euch, eure Berufung als Glaubende besser zu verstehen. Indem ihr in der Umwelt die Spuren des himmlischen Vaters erkennt, sollt ihr dankbaren Herzens seine Größe preisen und euch bemühen, durch das Zeugnis eines wahrhaft christlichen Lebens auf Gottes Hochherzigkeit zu antworten.

Eure Täler hier "jauchzen, ja sie singen" wirklich (vgl. Antwortpsalm). Handelt so, dass euer ganzes Dasein die aus der Natur aufsteigende Botschaft wiedergibt und zum Lobpreis des Herrn wird, der auf die Erde kommt, sie tränkt und mit seinen Gaben erfüllt.«

(Predigt beim Sonntagsgottesdienst in Santo Stefano die Cadore am 11. Juli; in: ApSp 1993, 1002-1003)

Donnerstag, 21. Oktober 2021

Geistlicher Egoismus

Nur so ein Gedanke - kann es sein? Wir sind oft geistliche Egoisten.

Was wir beten, was wir "in Kirche" tun, muss zuweilen uns etwas bringen: uns erfüllen, uns glücklich machen. Ob es Gottesdienste, Gebete, sonstige Aktivitäten sind.

Soziales Engagement soll "mich erfüllen", sonst mach ich's nicht... Caritas als Selbstzweck?

Und wie weit entfernt sind wir oft davon, wirklich für andere zu beten... Wir tun zwar so als ob, aber dann bitte nur in der Form und in der Weise die MIR zusagt, in der ICH mich ganz wiederfinde. Gott bewahre, ich müssten z.B. einen Rosenkranz für andere aufopfern, wenn ich selbst nicht ohnehin schon begeisterter Rosenkranzbeter bin... Beten wir wirklich für andere, oder nur damit/solange wir uns dabei wohlfühlen?

Geht es denn um mich? Ist "Kirche" (als Gebetsgemeinschaft) für mich da, oder für andere? Da ich Teil der Kirche bin: Bin ich für mich da, oder für andere?

Dienstag, 19. Oktober 2021

Priester disziplinieren

Wojtyła hatte eine besondere Art, junge Priester zu disziplinieren. Einmal mußte er einen Kaplan zu sich rufen, der sich (wie der Priester später selbst sagte) eines ,,ernsten Vergehens" schuldig gemacht hatte. Bei einem langen Gespräch in seinem Büro erklärte Wojtyła dem Kaplan unmißverständlich, wie schwerwiegend sein Fehltritt gewesen sei, und tadelte ihn heftig. Danach führte der Kardinal den jungen Priester in seine Kapelle, um gemeinsam mit ihm zu beten. Der ältere Mann kniete so lange nieder, daß der Kaplan allmählich nervös wurde. In Kürze fuhr der Zug ab, mit dem er zu seiner Gemeinde zurückfahren wollte. Schließlich erhob sich Kardinal Wojtyła, schaute den jungen Mann an, den er gerade zurechtgewiesen hatte, und sagte: „Würden Sie mir jetzt bitte die Beichte abnehmen?" Sprachlos ging der Kaplan zum Beichtstuhl, und Wojtyła beichtete ihm.


Aus: George Weigel, Zeuge der Hoffnung, 202.

Freitag, 15. Oktober 2021

Warum sich niemand für unsere akademische Theologie interessiert

»Es gehört zu den Phantastereien neuzeitlichen Denkens, sich eine Theologie ohne Dogma zu konstruieren. Diese Konstruktion ist phantastisch. [...] Eine Theologie, die nicht wesentlich vom Dogma bestimmt ist, ist [...] darum Phantasterei, weil in ihr die Offenbarung in Christus nicht konkret zum Ausdruck kommt. Mag in ihr auch noch mit Einzelheiten dieser Offenbarung gerechnet sein, jede Theologie, die ernsthaft voraussetzt, dass Christus zum Himmel gefahren ist, muss sich durch das Dogma bestimmen lassen. Erst durch das Dogma wird die Theologie aus ihrer Verbindung mit den zweifelhaftesten aller Wissenschaften, den sogenannten Geisteswissenschaften, gelöst, aus dieser Umgebung von Weltgeschichte, Literaturgeschichte, Kunstgeschichte, Lebensphilosophie und wie das alles heißt. Erst durch das Dogma wird sie in eine Sphäre erhoben, in der ein Mann leben kann. Erst durch das Dogma aber wird es auch sichtbar, dass zur Offenbarung der Gehorsam gehört. Denn in dem Gehorsam, den das Dogma fordert, vollendet sich der Gehorsam gegen Christus. Wenn Christus uns auch vom Gesetze frei gemacht hat, so doch nicht vom Gehorsam. In dem Augenblick aber, wo das Dogma dahinfällt, in dem selben Augenblick verfallen wir wieder dem Gesetz. Ich bekenne aber, dass, wenn ich zu wählen hätte, ob ich dem Gesetz menschlicher Lehrmeinungen und den Schulüberzeugungen der Professoren gehorchen wolle oder dem Dogma der Kirche, ich mich ohne langes Besinnen für das letztere entscheiden würde. Doch Gott sei Dank, wir brauchen ja nicht zu wählen. Brauchen darum nicht zu wählen, weil es das Dogma gibt, auch wenn die Kirchen nichts mehr davon wissen und wenn menschlicher Unverstand gegen die Dogmen anrennt. Man klagt so oft über die Interesselosigkeit weiter Kreise gegenüber der Theologie. Es gibt ein einfaches Mittel dagegen. Man habe den Mut, wieder in der Sphäre zu leben, in der das Dogma vorkommt, und man kann gewiss sein, dass sich die Menschen für Theologie wieder interessieren werden, so interessieren werden, wie sich die Marktweiber in Konstantinopel für den Streit um das ὁμοιούσιος und ὁμοούσιος interessiert haben. Die Menschen interessieren sich nicht für unsere theologischen Schulmeinungen und privaten Überzeugungen - und sie tun gut daran -, aber sie interessieren sich leidenschaftlich für jedes echte Dogma, und sei es auch nur, dass sie dagegen protestieren und sich darüber entrüsten. Das kommt daher, dass im Dogma jeder Mensch konkret getroffen wird. Deshalb aber, weil im Dogma jeder Mensch konkret getroffen wird, deshalb gibt es nun auch die Theologie, die das Dogma in einer ganz konkreten Weise voraussetzt.«
 
Aus: Erik Peterson, Was ist Theologie?, in: ders., Theologische Traktate, München 1951, 11-43, 32-33. Diesen Vortrag hielt Peterson 1926 vor seinen evangelischen Theologenkollegen, vier Jahre vor seiner Konversion zum Katholizismus.

Mittwoch, 13. Oktober 2021

Keuschheit

Erschaffung Evas (Jim Forest)
Nicht wenige Katholiken, selbst solche, die einen Abschluss in (katholischer) Theologie oder Religionspädagogik vorzuweisen haben, verbinden mit dem Begriff „Keuschheit“ Dinge wie: Verklemmtheit, Entsagung, Zölibat, Leibfeindlichkeit. Keuschheit bedeute, auf Sex zu verzichten, ja sich geradezu selbst zu geißeln [vgl. im Englischen: chastity = Keuschheit; to chastise = züchtigen] und andere zu unterdrücken; sie sei Teil einer mittelalterlichen Moral und ist merkwürdigerweise v.a. „weiblich“ konnotiert. Warum auch immer. Der Begriff wird daher – auf diesem falschen Verständnis beruhend: zu Recht – abgelehnt. Im Folgenden sei versucht, in aller Knappheit und ohne Ausschweifungen in benachbarte Gefilde, aufzudröseln, was dieses kuriose Wort „Keuschheit“ eigentlich meint und warum es seinen schlechten Ruf nicht verdient hat


Was sagt denn die Kirche, was Keuschheit ist?

Der Katechismus der katholischen Kirche (KKK) betrachtet Keuschheit als eine „Tugend und Gabe“ die es ermöglicht „mit aufrichtigem und ungeteiltem Herzen zu lieben“ (KKK 2520). Das ist doch mal etwas in jeder Hinsicht Positives und Wundervolles; das abzulehnen wäre töricht.

Dass Keuschheit nichts mit dem Zölibat zutun hat, erhellt schon daraus, dass, wiederum dem Katechismus folgend, jeder Getaufte „seinem Lebensstand entsprechend ein keusches Leben zu führen“ gerufen ist (KKK 2394). Also neben zölibatär Lebenden (vgl. KKK 915: „Keuschheit in Ehelosigkeit“) auch Eheleute (vgl. KKK 2365: „eheliche Keuschheit“), Alleinstehende und was es sonst noch gibt – auch homosexuell empfindende Getaufte sind davon nicht ausgenommen (vgl. KKK 2357-59).



Keuschheit in der Natur

Das deutsche Wort Keuschheit kommt von lat. conscius, was soviel wie bewusst oder selbstbewusst bedeutet; „keusche Sexualität“ ist also vor allem eines, nämlich bewusst gelebte Sexualität, die nicht vom Tosen der Begierden hin und her getrieben, sondern vom Willen geleitet wird. Von der Unkeuschheit gilt daher folgerichtig: „sie wissen nicht, was sie tun!“ (Lk 23,34) Als Tugend ist Keuschheit etwas weltanschaulich Neutrales, sie kann ganz unabhängig von Gott oder christlicher Moral verstanden werden.

Eine der vier klassischen, schon in der vor- und außerchristlichen Antike geläufigen Grund- oder Kardinaltugenden ist die Selbstbeherrschung (etwa bei Platon und Cicero). Das griechische Wort dafür ist egkrateia, worin das Stammwort krat steckt, das wir etwa aus dem Wort „Demokratie“ kennen und das Herrschaft oder Macht bedeutet (Demo-kratie: Herrschaft des Volkes, von gr. demos). Die Vorsilbe eg kommt von en, wodurch das Wort egkrateia also ein Herrschaft in sich selbst meint: Selbstbeherrschung. Das griechische Wort kann auch Ausdauer und das Ertragen von etwas meinen. Das Gegenteil ist die Zügellosigkeit (gr. akrasia).

Ein besseres, weniger „hierarchisches“ Wort für Selbstbeherrschung mag Mäßigung sein. Hinsichtlich der Nahrungsaufnahme (oder generell des Konsums) ist ihr Gegenteil die Völlerei. Im Blick auf das Geschlechtsleben kann man die Mäßigung präziser als Keuschheit bezeichnen, deren Gegenteil die Wolllust ist. In beiden Fällen geht es, wie das Wort „Mäßigung“ schon nahelegt, nicht einfach um Verzicht, sondern um das richtige Maß und Maßhalten. (Jenes bekannte Diktum des schweizer Arztes Theophrast von Hohenheim, genannt Paracelsus, – „Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift; allein die Dosis machts, dass ein Ding kein Gift sei“ – verallgemeinernd, könnte man sagen: Das Rechte Maß bewahrt vor Schaden.)

Die Keuschheit gehört als Tugend zunächst einmal zur Naturordnung, sie ist, wie gesagt, nicht etwas spezifisch „Christliches“ oder gar mittelalterliches. Interessant ist, dass der Katechismus genau von dieser natürlichen Bedeutung ausgeht, wenn er sich dem Begriff der Keuschheit nähert. Die Geschlechtlichkeit „zeigt, dass der Mensch auch der körperlichen und biologischen Welt angehört“ (KKK 2337). Diese Tatsache macht die Sexualität aber nicht zur Sünde oder zu einer Bürde, wie das viele Sekten in der Geschichte behaupteten. Im Gegenteil: Sexualität gehört wesentlich zum Menschen als Abbild Gottes, sie gehört zu seiner Fähigkeit zu lieben und Gemeinschaft zu bilden. „Jeder Mensch, ob Mann oder Frau, muss seine Geschlechtlichkeit anerkennen und annehmen.“ (KKK 2333) Dabei handelt es sich aber um eine komplexe Wirklichkeit, sie „berührt alle Aspekte des Menschen in der Einheit seines Leibes und seiner Seele.“ (KKK 2332)



Keuschheit in Gesellschaft

Keuschheit meint mehr als bloß „Enthaltsamkeit“ im Sinne eines Verzicht auf etwas oder gar im Sinne einer Geißelung, auch wenn sie in der Vergangenheit oft in diese Richtung eingeengt wurde. Angesichts der Komplexität und Bedeutung, die der Sexualität im Menschen als Person aus Leib, Geist und Seele zukommt, kann auch die Keuschheit nicht weniger komplex sein. Die Definition des Katechismus ist hier allerdings auf den ersten Blick etwas sperrig: „Keuschheit bedeutet die geglückte Integration der Geschlechtlichkeit in die Person und folglich die innere Einheit des Menschen in seinem leiblichen und geistigen Sein.“ (KKK 2337)

Zunächst fällt auf, dass hier überhaupt nicht von Verzicht oder dergleichen die Rede ist. Die „Integration der Sexualität in die Person“ ist eine rein positive Bestimmung. Sie meint die Harmonie oder Übereinstimmung des sexuellen Empfindens wie des ganz praktischen Sexuallebens mit der Ganzheit der menschlichen Person aus Geist und Leib, also ihre Ordnung gemäß dem Mensch(s)e(i)n, ihre Vermenschlichung: Durch die Keuschheit wird die Geschlechtlichkeit „persönlich und wahrhaft menschlich“ (KKK 2337). Keuschheit bedeutet, noch immer unter Absehung des christlichen Glaubens und etwaiger göttlicher Gebote, eine vor dem Wesen des Menschen verantwortete Gestaltung der Sexualität.

Dies hat ein doppeltes Moment: Keuschheit ist einerseits ein Schutz der Integrität des Menschen vor Beeinträchtigungen und Schaden. Sie dient der (nicht nur) körperlichen Unversehrtheit, die zu den Grundrechten des Menschen gehört. Andererseits ist Keuschheit auch eine positive, fördernde Kraft.

Kleine Umleitung: Das Gegenteil der Keuschheit ist logischerweise die Unkeuschheit. Diese meint nicht nur all das, was ich selbst willentlich gegen die Keuschheit – also das rechte Maß der Geschlechtlichkeit – tue, sondern ich kann sie auch erleiden oder anderen zufügen: Mein Nächster hat, genau wie ich, ein Recht auf Keuschheit, wie er ein Recht auf körperliche Unversehrtheit hat. Somit würde ich mich schuldig machen, wenn ich sie beeinträchtige, z.B. indem ich ihn zu unsittlichen Handlungen verführe. Keuschheit ist also nicht nur etwas „für mich“, sondern sie ist auch eine wichtige zwischenmenschliche Angelegenheit und zwar sowohl im negativen Sinne der Abwendung von Schaden, wie auch im positiven Sinne der Förderung eines guten menschlichen Miteinanders. In den Worten des Katechismus: „Die Tugend der Keuschheit wahrt somit zugleich die Unversehrtheit der Person und die Ganzheit der Hingabe.“ (KKK 2337) Meine und die der anderen.

Im Kern geht es bei der Keuschheit, wie überhaupt bei der Mäßigung, um Selbstbeherrschung, mit dem Ziel dann fruchtbar und „gesund“ leben zu können. Was im Blick auf die Ernährung jedem einleuchtet, betrifft aber nicht nur diese, sondern die ganze Biologie des Menschen und darüber hinaus auch sein Seelenleben. Und noch einmal geweitet betrifft es nicht nur mich, sondern auch die Menschen um mich herum. Nochmal: Es geht bei der Keuschheit nicht nur um den (negativen) Verzicht zum Schutz vor Schaden, sondern auch um die (positive) Entfaltung für ein gelingendes, „integriertes“, integres Menschsein (lat. integer: unversehrt) – zu dem eben auch die Geschlechtlichkeit gehört: „Der keusche Mensch bewahrt die in ihm angelegten Lebens- und Liebeskräfte unversehrt. Diese Unversehrtheit sichert die Einheit der Person“ (KKK 2338).

Selbstbeherrschung, Mäßigung, Keuschheit, können allesamt auch durchaus sehr positiv verstanden werden. Jeder der ernsthaft Sport treibt weiß, dass auch Selbstbeherrschung durchaus kein negatives Wort ist, gerade wenn es nicht nur um Verzicht, sondern um eine positive Entfaltung und Entwicklung geht.

Dass Handlungen, die gegen unsere Natur verstoßen, als unkeusch zu betrachten sind, liegt somit nahe. Aber selbst dieser Naturbegriff ist heute nicht mehr selbstverständlich. Die christliche Moral setzt jedenfalls voraus, dass es eine menschliche Identität gibt, die nicht unserem Willen unterworfen, sondern vorgegeben ist, was zur Folge hat, dass auch Dinge, die ich will, gegen mein Menschsein verstoßen können. Mit „Menschsein“ ist hier indes zweierlei gemeint: Mein biologisches, irdisches Sein mit seiner ihm eigenen Würde, und meine gnadenhafte Berufung von Gott her durch die Taufe. Was uns zur spezifisch christlichen Tugend der Keuschheit als einer Gabe führt.



Keuschheit in der Bibel

Keuschheit ist auch eine Gabe und eine Gnade (vgl. KKK 2345). Jede Gabe braucht einen Geber: das ist Gott, der Quell aller Gnaden und aller Gaben.

Dem oben zum griechischen Begriff egkrateia Gesagten ist noch hinzuzufügen, wie es sich damit in der Bibel verhält. Hier ist dieser Begriff erst relativ spät hineingekommen, da es sich um ein griechisches Wort handelt. Ist er dort auch zunächst eher negativ verwendet (vgl. Sir 18,30: „Folge deinen Begierden nicht, sondern zügle dein Verlangen“), ist er doch bald auch durchaus positiv besetzt, so etwa im 4. Buch der Makkabäer (nicht im christlichen Kanon, aber in der Septuaginta, dem griechischen Alten Testament, enthalten), worin sie als „Freundin“ betitelt und in den größeren Kontext eines (jüdisch verstandenen) gottgefälligen Lebens eingebettet wird: „Nicht belügen will ich dich, du Gesetz, mein Erzieher; nicht dich fliehen, Freundin Selbstbeherrschung, nicht dich schänden, weisheitliebende Vernunft, nicht dich verleugnen, hochwürdiges Priesteramt und Gesetzeswissen.“ (4Makk 5,34-35 [Riessler]) [Ich vermute hier allerdings eine starke Überschneidung mit dem griechischen Wort sophrosyne, was gemeinhin mit „Besonnenheit“ übersetzt wird, manchmal auch mit „Mäßigung“; sie ermöglicht es nach 4Makk 5,23 u.a. „dass wir über alle Lüste und Begierden herrschen“.]

Paulus betreibt diese Selbstbeherrschung, wobei hier jenes „sportliche“ Element zum Tragen kommt, die Anstrengung um eines bestimmten Zieles willen: „Jeder Wettkämpfer lebt aber völlig enthaltsam; jene tun dies, um einen vergänglichen, wir aber, um einen unvergänglichen Siegeskranz zu gewinnen.“ (1Kor 9,25) Der Begriff kommt im Neuen Testament relativ selten vor, in den Evangelien gar nicht. Dieses Faktum allein sagt jedoch nichts über seinen Stellenwert aus. Zwei Stellen sind für uns besonders interessant:

Als Tugend wird die Mäßigung/Enthaltsamkeit/Keuschheit etwa in Apg 24,24-25 erwähnt: „Einige Tage darauf erschien Felix mit seiner Gemahlin Drusilla, einer Jüdin, ließ Paulus holen und hörte ihn an über den Glauben an Christus Jesus. Als aber die Rede auf Gerechtigkeit, Enthaltsamkeit und das bevorstehende Gericht kam, geriet Felix in Furcht und unterbrach ihn: Für jetzt kannst du gehen; wenn ich Zeit finde, werde ich dich wieder rufen.“

Der Autor der Apostelgeschichte nennt drei Punkte um den „Glauben an Christus“, wie ihn Paulus in diesem Gespräch bekannte, zusammenfassen: Gerechtigkeit, Keuschheit, Gericht. „Gericht“ meint hier das sittliche Handeln gegenüber anderen Menschen, „Keuschheit“ das sittliche Handeln an sich selbst, und „Gericht“ das, worauf diese beiden sittlichen Pflichten, wenn sie erfüllt werden, vorbereiten. Das erinnert stark an den jüdischen (aber nicht in der Bibel zu findenden) Aristeasbrief (2. Jhd. v. Chr.), wo es heißt: „Das Tugendhafte Verhalten aber verhindert die Hingabe an ein Genießerleben und heißt Mäßigkeit [egkrateia] und Gerechtigkeit vorziehen. All dies steht aber unter Gottes Leitung.“ (Arist 278 [Riessler]) Die Keuschheit dient für Paulus im Gespräch mit dem Statthalter Felix also zusammen mit der Gerechtigkeit als Zusammenfassung der ganzen christlichen Lebensführung, wie sie sich aus dem christlichen Glauben ergibt. Angesichts dieses Bekenntnisses des Paulus zum christlichen Lebenswandel im Angesicht des Gerichts geraten Felix und seine Frau in „Furcht“ (Apg 24,25) und sie schicken Paulus weg (zurück ins Gefängnis). Diese Reaktion erinnert frappierend an das Vorgehen vieler moderner Theologen.,..

Eine zweite Stelle ist die Abfolge, die der Apostel Petrus für die Glaubensentwicklung in 2Petr 1,5-7 darlegt: „Darum setzt allen Eifer daran, mit eurem Glauben die Tugend zu verbinden, mit der Tugend die Erkenntnis, mit der Erkenntnis die Selbstbeherrschung, mit der Selbstbeherrschung die Ausdauer, mit der Ausdauer die Frömmigkeit, mit der Frömmigkeit die Brüderlichkeit und mit der Brüderlichkeit die Liebe!“

Es handelt sich hier um eine sprachliche Ausdrucksform, die im antiken Christentum häufiger begegnet, auch in der Bibel, und die gewissermaßen eine Zusammenfassung der christlichen Ethik bieten möchte. Eine Kurzform davon ist etwa der bekannte Dreipass „Glaube – Hoffnung – Liebe“ (vgl. 1Kor 13,13). Meist ist hier der Glaube an den Anfang gesetzt – denn mit ihm beginnt das christliche Leben – und die Liebe ans Ende – denn in ihr Erfüllt es sich, kommt zur höchsten Blüte. (Wobei hier nicht ein Gefühl, die romantische Liebe gemeint ist, sondern die brüderliche Liebe zu den Menschen und die ergebene Liebe zu Gott; eine Liebe, die sehr wohl per Gebot verordnet werden kann: „Liebt einander!“ und „Liebt Gott!“, vgl. 5Mose 11,13.22; Joh 15,12.17). Für uns ist nun wichtig, dass auch der Keuschheit hier eine wichtige Stellung zukommt. Es ist hier nicht der Raum, allen diesen Begriffen nachzugehen, es genügt zu wissen, dass die Keuschheit ganz zu Recht zwischen der Erkenntnis (darüber, was gut und böse, richtig und falsch ist) und der Ausdauer (oder: Geduld, Standhaftigkeit) eingeordnet wird, denn ohne das Wissen darum, was zu meiden und was zu suchen ist, kann ich nicht keusch leben; zugleich kann ich dem mich versuchenden Andrängen der Welt nicht standhalten, wenn ich dies nicht auch hinsichtlich meiner körperlichen Veranlagung und Bedürfnisse tue.

Aus dem geringen Vorkommen der Vokabel egkrateia – insbesondere aus ihrem Fehlen in den Evangelien – und der Tatsache, dass sie erst spät aus dem griechischen übernommen wurde, wollen nicht wenige Theologen gerne ableiten, dass Keuschheit für das Christentum eigentlich keine Rolle spielt; ja, dass es überhaupt keine Basis für eine christliche Askese gäbe, sondern nur der Glaube oder die Berufung auf Gott gelte (also: Protestantismus). Das ist natürlich Unfug. Jesus hielt offenkundig die Keuschheit für höchst bedeutsam, auch wenn das Wort selbst in den Evangelien nicht aus seinem Mund überliefert ist (warum auch? er hielt schließlich keine Seminare über griechische Philosophie ab!). Seine übertreibende Warnung vor dem Ehebruch (vgl. Mt 5,28: „wer eine Frau auch nur ansieht, um sie zu begehren…“) und die Verschärfung des Scheidungsverbots (vgl. Mt 19,8: „am Anfang war das nicht so…“), sind nichts anderes als konkrete Beispiele für die Anforderungen eines keuschen Lebenswandels. Insgesamt verlangt Jesus also auch im Geschlechtsleben unbedingte Lauterkeit im Tun wie im Denken. Die Ehelosigkeit um des Himmelreiches Willen, als eine Art Hochform der Keuschheit, ist seine ureigene Erfindung – weder im Judentum noch im damaligen Heidentum wäre man je auf einen solchen Gedanken gekommen. 

Jesus Christus selbst ist das wichtigste Vorbild und der Maßstab der Christen für einen keuschen Lebenswandel, auch wenn er selbst sie nur in der Form lebte, wie sie den Ehelosen geboten ist. Christus ist der Bräutigam der Seele, darum lässt die Keuschheit „den Jünger Christi erkennen, wie er Jesus nachfolgen und ähnlich werden kann. Jesus hat uns zu seinen Freunden erwählt, sich uns ganz hingegeben und lässt uns an seinem Gottsein teilhaben.“ (KKK 2347)

Keuschheit ist dem Neun Testament zufolge also nicht optional, sondern gehört zum Weg des Glaubens dazu. Ein keusches, d.h. das gesunde Maß wahrendes Leben verwirklicht insbesondere die Liebe zu sich selbst im Sinne des zuvor aus Apg 24 zitierten, und damit den letzte Teil des dreifachen biblischen Liebesgebots: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben […] und deinem ganzen Denken, und deinen Nächsten wie dich selbst“ (Lk 10,27), das auch Paulus und Jakobus aufgreifen (vgl. Röm 13,19; Gal 5,14; Jak 2,8). Die Keuschheit ist schließlich auch eine der Früchte des Heiligen Geistes, die Paulus den Galatern aufzählt: „Die Frucht aber des Geistes ist Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, Keuschheit“ (Gal 5,22-23). Paulus scheint hier nicht grundlos die Keuschheit, d.h. die Mäßigung im Geschlechtsleben, als Letzte in einer Reihe von v.a. geistigen Tugenden genannt zu haben, denn er fährt sogleich mit einer „körperlichen“ Metapher fort, wobei für ihn (wie für Johannes) „Fleisch“ auch einfach ein Wort für das Sündhafte, Unchristliche sein kann (im Gegensatz zu „Geist“), was dann körperliche wie geistige Laster meint: „Die zu Christus Jesus gehören, haben das Fleisch und damit ihre Leidenschaften und Begierden gekreuzigt. Wenn wir im Geist leben, lasst uns auch im Geist wandeln!“ (Gal 5,24-25) Zu meinen, Keuschheit sei wenig Bedeutsam im Neuen Testament, wenn ein Gutteil der neutestamentlichen Schriften das „Fleisch“ als Gegensatz zum „Geist“ sehen, ist schon ziemlich verquer.

„Fleischliche Gesinnung“, Unzucht, Schamlosigkeit, Unreinheit, Gräuel – biblische Gegenbegriffe zur Keuschheit, die wir getrost mit dem Begriff „Unkeuschheit“ zusammenfassen können – sind unbedingt zu meiden. In den Sündenkatalogen tauchen sie immer wieder auf (vgl. Mk 7,21-22), und die Christen sollen auch keine Tischgemeinschaft mit denen haben, die solches tun (vgl. 1Kor 5,11); vielmehr sollen diese Neigungen „getötet“ werden (vgl. Kol 3,5). Paulus stellt daher fest: „Der Leib ist aber nicht für die Unzucht da, sondern für den Herrn“ (1Kor 6,13). Ja, die Unkeuschheit ist für ihn sogar viel gravierender als andere Sünden, gerade weil sie den eigenen Leib betreffen: „Meidet die Unzucht! Jede Sünde, die der Mensch tut, bleibt außerhalb des Leibes. Wer aber Unzucht treibt, versündigt sich gegen den eigenen Leib.“ (1Kor 6,18) Wer der Unkeuschheit verfällt, kann nicht in das Himmelreich kommen (vgl. Eph 5,5; Offb 1,27). Kein Wunder also, dass für Paulus die körperliche Unversehrtheit von der Sünde (= Keuschheit) eine enorm hohe Priorität genießt bis dahin, dass er wünscht, alle würden, wie er selbst, ehelos leben (vgl. 1Kor 7,7). Wobei er weise genug ist zu wissen, dass das Geschlechtliche nicht per se sündhaft ist (s.u.).



Keuschheit in der Kirche

Die Keuschheit spielte in der frühen Kirche eine große Rolle, denn sexuelle Freizügigkeit war sicherlich eine der prominentesten Erscheinungen, mit denen sich die Christen damals (wie heute) auseinandersetzen mussten. Das zeigt die große Radikalität, mit der die Keuschheit bis zum völligen Verzicht auf Sex – „um des Himmelreiches Willen“ – geübt wurde, insbesondere in der Form des enthaltsam lebenden Klerus‘ (Enthaltsamkeitszölibat als Vorstufe zum Ehelosigkeitszölibat) und dem nach und nach sich entwickelnden Mönchtum. [Auch hier ist Keuschheit geboten: Der Zölibatär ist nicht asexuell, sondern genauso ein sexuelles Wesen wie alle anderen auch… und darum muss auch er bewusst (keusch) damit umgehen; wer sich für dieses Leben entscheidet, der ordnet seine Sexualität, seinen Eros bewusst so, dass alle seine Liebe auf Gott gerichtet ist.] Zudem gab es sektiererische Abirrungen, wie etwa die Enkratiten (eben von jenem griechischen Wort egkrateia abgeleitet), aber auch Markioniten und andere, die das Leibliche generell unter Verdacht stellten und so Sex grundsätzlich als sündhaft betrachteten – etwas, was die Kirche nie gelehrt hat.

Es wurde zuvor erwähnt, dass laut dem Katechismus alle Getauften zur Keuschheit ge- bzw. berufen sind (vgl. 1Thess 4,7). Stellt sich raus, dass dies nicht alles ist: Mit der Taufe geht nach katholischem Verständnis sogar eine Pflicht zur Keuschheit einher (vgl. KKK 2355), sie ist ein Gebot, kein Angebot. Das passt zum dargelegten biblischen Befund. So ist Keuschheit nicht nur die rechte, dem Wesen des Menschen gerecht werdende Gestaltung der Sexualität, sie ist es auch vor dem Angesicht Gottes. Das ist sie aus christlicher Sicht bereits hinsichtlich der Natur des Menschen – denn diese ist von Gott geschaffen –, aber mehr noch und deutlicher (von der nichtchristlichen Umwelt unterscheidend) im Lichte der Gebote, der Berufung und der uns Geschenkten Gaben Gottes. Insbesondere ist hier der Heilige Geist zu nennen: „wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt und den ihr von Gott habt?“ (1Kor 6,19) Weil Christen nicht an ein irgendwie geistiges Nirvana, sondern an die leibliche Auferstehung glauben, ist der Leib heilig zu halten, denn er ist nicht unser Eigentum, Christus hat ihn – d.h.: uns – teuer erkauft, darum fährt Paulus unmittelbar an das zuvor Zitierte anschließend fort: „Ihr gehört nicht euch selbst; denn um einen teuren Preis seid ihr erkauft worden. Verherrlicht also Gott in eurem Leib!“ (1Kor 6,19-20; vgl. 7,23) Was ist das anderes, als ein Aufruf zur Keuschheit?

Als vom Herrn Erkaufte sollen wir uns selbst und unsere Mitmenschen als Geschöpfe achten, und, so sie Getaufte sind, auch als Miterben am Reich Gottes. Ein rein animalisches Triebleben, das den anderen weder als Mensch, noch als Geschöpf (noch als Christ) ehrt, ist darum immer ein Verstoß gegen die Keuschheit – und zwar der eigenen, wie der des/der anderen. Keuschheit hat ihren ganzen Sinn und Zweck aus christlicher Sicht darin, dass die Sexualität „in die Beziehung von Person zu Person, in die vollständige und zeitlich unbegrenzte wechselseitige Hingabe von Mann und Frau eingegliedert“ wird (KKK 2337). Keuschheit ist das Bewusstsein, dass Sexualität mehr ist als was die Welt (z.B. die Wissenschaft) darüber zu sagen weiß; Sex ist in sich ein „Schöpfungsgut“ (Lust, Sprache der Liebe) und er gibt auch direkt Anteil am Schöpfungswerk Gottes, da bei der Zeugung Gott selbst die Seele des neu entstandenen Menschen erschafft. Daraus erhellt, dass Sexualität ihren Ort nur in der Ehe zwischen einem Mann und einer Frau haben kann, was von der geschaffenen Natur („als Mann und Frau schuf er sie“) wie von den Geboten Gottes her ohne Alternative ist.

Aber ebenso wäre eine vergeistigte, die Natur verachtende Sexualität, die etwa die Freude oder die Befriedigung ablehnt, ein Verstoß gegen die Keuschheit, weil auch das dem von Gott gewollten komplexen Sinn und Ziel der Sexualität widersprechen würde: Das Lustempfinden gehört zur von Gott geschaffenen Natur dazu. Es darf bloß nicht verabsolutiert, d.h. herausgelöst werden aus dem ihm von Natur aus eigenen und gebotenen Kontext. Tatsächlich wäre das Vorenthalten der geschlechtlichen Liebe in der Ehe aus einem ungerechten (z.B. böswilligen) Grund nicht minder ein Verstoß gegen die Keuschheit. Pointiert formuliert: Kein Sex in der Ehe (ohne triftigen Grund) ist ein Fall von Unkeuschheit. Darum mahnt Paulus die Eheleute: „Entzieht euch einander nicht, außer im gegenseitigen Einverständnis und nur eine Zeit lang, um für das Gebet frei zu sein! Dann kommt wieder zusammen“ (1Kor 7,5).

So wird deutlich: Keuschheit ist nicht leibfeindlich. Sie ist, richtig verstanden, die höchst mögliche Leibfreundlichkeit, weil sie diesen Leib als zum Wesen des Menschen (als Geschöpf Gottes) anerkannt und heiligen will. Der Leib „gehört“ nicht dem Menschen, ein Mensch „hat“ nicht einen Leib, sondern er „ist“ dieser Leib (und der Geist und die Seele). Genau darum ist der Leib genauso zu achten, zu schützen, aber auch zu lieben wie der Mensch insgesamt. Ich bin überzeugt: Keine Religion oder Philosophie oder sonst ein Gedankengebäude in der Geschichte der Menschheit nimmt den Menschen als Ganzen so ernst und schätzt ihn so hoch, wie die katholische Sexualmoral, in deren Kern der Ruf zur Keuschheit steht. Siehe „Theologie des Leibes“. Wahre Liebe ist immer keusch, sei es die Freundschaft (Agape; vgl. KKK 2347), aber auch und gerade die erotische Liebe (Eros).

Keuschheit ist nicht eine irgendwie bloß nachgeordnete Tugend, auch wenn ihr insbesondere in den Ermahnungen Jesu und der Apostel stets etwa die Nächstenliebe vorausgeht. Sie ist, wie bereits dargelegt, vielmehr ein essentieller Ausdruck der Selbst- und Nächstenliebe, „eine Schule der Selbsthingabe. Die Selbstbeherrschung ist auf die Selbsthingabe hingeordnet.“ (KKK 2346) Dadurch hat die Keuschheit zugleich, wie jeder wahre Dienst der Liebe, einen deutlichen Verweischarakter auf Gott: „Die Keuschheit lässt den, der ihr gemäß lebt, für den Nächsten zu einem Zeugen der Treue und der zärtlichen Liebe Gottes werden.“ (KKK 2346) Wenn die Unkeuschheit vom Reich Gottes ausschließt, so verheißt die Keuschheit ewiges Leben (vgl. KKK 2347). Schließlich ist kaum zu leugnen, dass jeder Getaufte nicht nur für seine eigene Keuschheit zu sorgen hat, sondern auch die Unversehrtheit anderer achten und schützen soll, soweit es an ihm liegt; auch das ist ein Dienst der Nächstenliebe. Eine konkrete Lektion, was diese doppelte Dimension der Keuschheit betrifft, bietet Paulus im Blick auf die Ehe an, wenn er schreibt: „Das ist es, was Gott will: eure Heiligung – dass ihr die Unzucht meidet, dass jeder von euch lernt, mit seiner Frau in heiliger und achtungsvoller Weise zu verkehren, nicht in leidenschaftlicher Begierde wie die Heiden, die Gott nicht kennen“ (1Thess 4,3-5).



Keuschheit und Scham

Nach dem Philosophen Max Scheler ist die Scham das „Gewissen der Liebe“, die jede Verzweckung und Berechnung der Sexualität meiden hilft und zu ihrer Humanisierung beiträgt. Sie kommt damit der Keuschheit sehr nahe, nur dass es sich bei der Scham um eine natürliche, quasi instinktive Anlage im Menschen handelt, die schon bei kleinen Kindern auftritt, während das, was wir hier Keuschheit genannt haben, eine willentliche Handlungs- und Denkweise meint: „Die Keuschheit ist eine persönliche Aufgabe; sie erfordert aber auch eine kulturelle Anstrengung […]. Die Keuschheit setzt die Achtung der Menschenrechte voraus, insbesondere des Rechtes auf Bildung und Erziehung, welche die sittlichen und geistigen Dimensionen des menschlichen Lebens berücksichtigen.“ (KKK 2344)

Scheler zufolge ist die Scham nicht, wie gemeinhin behauptet wird, anerzogen, sondern es ist im Gegenteil die Schamlosigkeit, die anerzogen wird, und ebenso die falsche Scham (Prüderie); beides verhindert echte Liebe, Partnerschaft und Hingabe. Das rechte Schamgefühl gehört zu einem gesunden Menschen natürlicherweise dazu, während es beim Tier fehlt. Man hat einen absichtlichen Abbau des Schamgefühls mit der Beeinträchtigung des Immunsystems verglichen, womit wir wieder beim Recht auf Unversehrtheit wären.

Für den Theologen Helmut Thielicke bilden Scham und Erkenntnis eine Einheit, da die Geschlechtlichkeit ein Geheimnis sei, das nicht unrechtmäßig enthüllt werden dürfe, um nicht verletzt zu werden. Ähnlich heißt es im Katechismus: „Die Schamhaftigkeit schützt das Geheimnis der Personen und ihrer Liebe. Sie lädt zu Geduld und Mäßigung in der Liebesbeziehung ein; sie verlangt, dass die Bedingungen der endgültigen Bindung und wechselseitigen Hingabe von Mann und Frau erfüllt seien.“ (KKK 2522) Darum ist es so überaus sinnig, dass in der biblischen Sprache „erkennen“ ein Ausdruck für den Geschlechtsakt ist. Erkenntnis meint hier nicht das empirische, aufklärerische Erlangen von Wissen, sondern das innere, existentielle Sich-Erkennen zwischen zwei Personen in ihrer ganzen Würde und ohne Abstriche, weswegen beispielsweise künstliche Empfängnsiverhütung unzulässig ist: „Ich gebe mich dir hin und nehme dich an, ohne etwas auszuschließen, auch nicht unsere jeweilige Fruchtbarkeit.“

 

Die Keuschheit „ermöglicht, mit aufrichtigem und ungeteiltem Herzen zu lieben“ (KKK 2520), sie führt „zu einer Gemeinschaft im Geist.“ (KKK 2347).

Samstag, 9. Oktober 2021

Jesus auf Augenhöhe?

Recht bekannt ist diese koptische Ikone, die Christus und den Abbas Menas zeigt.

Die Darstellung erfreut sich keiner geringen Beliebtheit, um damit Gottes "Freundschaft" zu uns Menschen auszudrücken. Schau her, sagt man uns: Wir sind mit Gott auf Augenhöhe!

Man sollte allerdings generell vorsichtig damit sein, moderne westliche Maßstäbe und Konventionen an eine 1200 Jahre alte ägyptisch Bildsprache anzulegen, damit baut man sich Luftschlösser, verfehlt aber eher die eigentliche Botschaft des Bildes. Ich musste mir das Lachen verkneifen, als mir das Bild vor einer Weile wieder einmal mit der begeisterten Beteuerung der Augenhöhe vorgestellt wurde: Vor Jesus sollten wir nicht knien, sondern aufrecht stehen, schließlich sei Gott Mensch geworden, um mit uns auf Augenhöhe zu kommen. Wie ein guter Freund legt er sogar seinen Arm um uns.

Ähem... Ja... Ja, die beiden Figuren schauen sich ganz dezent gegenseitig an, aber wenn man genau hinsieht, dann fällt auf, dass Jesus hier überhaupt nicht auf Augenhöhe mit Menas steht: Seine Augen, ja seine ganze Statur liegen deutlich höher, was durch den höher gesetzten Nimbus noch betont wird.

Die Hand, die Christus auf die rechte Schulter des Menas legt ist auch weniger eine Geste der Freundschaft ("Kumpel-Christus"), sondern sie zeigt klar das Verhältnis zwischen Herr und Untergebenem an. Manche Forscher deuten die Geste auch als Vorstellung: Der Heilige Abt wird von Christus dem Volk als Vorbild vorgestellt. In Jedem Fall gibt es aber eine klare Hierarchie: Christus nimmt ihn an, beschirmt ihn und stellt ihn dem Betrachter vor, wodurch der Heilige gewissermaßen auch beauftragt wird, Vorbild zu sein. Die Hierarchie wird auch daran deutlich, dass der Abbas auf Christus hinweist: um diesen geht es. Und während der Abbas nur eine kleine, kaum erkennbare Schriftrolle hält, trägt Christus einen großen verzierten Codex, d.h. Menas ist nur ein Fünklein, Christus ist die Sonne. Dieser Christus ist schließlich auch offenkundig in die edleren Kleider gehüllt und damit klar als höherstehend, genauer: als Herrscher ausgewiesen, denn er trägt den königlichen Purpur, während Menas eher erdfarben daherkommt.

Was das In-den-Arm-nehmen angeht: Die Umarmung durch Christus findet andernorts in der christlichen Ikonographie Ausdruck, aber auch dort hat sie nichts Kumpelhaftes; vgl. meinen Beitrag HIER dazu.

"Freund Gottes" ist ein Status, der den Heiligen vorbehalten ist und den wir auf Erden noch erringen müssen, denn wir haben im Ungehorsam, d.h. durch die Sünde, die paradiesische Freundschaft Gottes verloren (vgl. 4. Hochgebet; KKK 374). Das Angebot dieser Freundschaft ist in der Menschwerdung, sowie in Tod und Auferstehung Jesu an alle Menschen ergangen (Gott redet "aus dem Übermaß seiner Liebe die Menschen wie Freunde an und verkehrt mit ihnen", Dei Verbum 2), aber sie müssen diese Einladung auch annehmen - und bewahren: "Gott zeigt seine Allmacht darin, dass er uns von unseren Sünden bekehrt und durch die Gnade wieder zu seinen Freunden macht." (KKK 277) Auch die "Freundschaft" des Paradieses, die Gott uns neu anbietet, und die wir annehmen sollen, bleibt asymmetrisch, unvergleichbar jeder menschlichen Freundschaft, denn Christus bleibt der Herr und Herrscher, Gott bleibt Gott:

»Gott hat den Menschen nach seinem Bilde geschaffen und in seine Freundschaft aufgenommen. Als geistbeseeltes Wesen kann der Mensch diese Freundschaft nur in freier Unterordnung unter Gott leben. Das kommt darin zum Ausdruck, dass den Menschen verboten wird, vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse zu essen, „denn sobald du davon isst, wirst du sterben“ (Gen 2, 17). Dieser „Baum der Erkenntnis von Gut und Böse“ erinnert sinnbildlich an die unüberschreitbare Grenze, die der Mensch als Geschöpf freiwillig anerkennen und vertrauensvoll achten soll. Der Mensch hängt vom Schöpfer ab, er untersteht den Gesetzen der Schöpfung und den sittlichen Normen, die den Gebrauch der Freiheit regeln.« (KKK 396)

"Freunde Gottes" sind in der Bibel Ausnahmegestalten wie Abraham (vgl. Jes 41,8), indirekt auch Mose (vgl. Ex 33,11), oder besonders Fromme Menschen (vgl. Ps 60,7; 127,2). Im Neuen Testament wird wiederum nur Abraham als "Freund Gottes" gewürdigt (vgl. Jak 2,23), die Christen werden nie als "Freunde Gottes" beschrieben und Jesus wird nie als Freund verkündet, sondern stets als "Herr" (vgl. hier). Abt Menas kann als Freund Gottes bzw. Jesu betrachtet werden, insofern er die Herrlichkeit des Himmels bereits erlangt hat (vgl. KKK 1023). Uns wird er darum von Jesus als Vorbild vorgestellt, dem wir nacheifern sollen, damit auch wir diese Freundschaft wiedererlangen in unserer Ergebung in den Willen des Herrn. Das ist vielleicht die - realistische, christliche - Botschaft dieser Ikone.

Freitag, 8. Oktober 2021

Irenäus von Lyon, Kirchenlehrer

Papst Franziskus hat angekündigt, dem Kirchenvater Irenäus von Lyon den Titel eines Kirchenlehrers zu verleihen. Das ist sehr zu begrüßen. Irenäus war, ohne jede Übertreibung, der wichtigste christliche Denker des 2. Jahrhunderts und er ist der beste Beleg dafür, dass so ziemlich alles, was Katholiken heute glauben, auch schon damals geglaubt wurde. Er wird (vielleicht genau darum) heute kaum noch wahrgenommen. Ich war froh, ihn schon vor meinem Theologiestudium kennengelernt zu haben. Irenäus beschreibt an einer Stelle sehr schön das Treiben der Mehrheit unserer heutigen Theologen und Kirchenfunktionäre in Deutschland, etwa auf dem suizidalen Weg, das in 1840 Jahren offenbar keinen merklichen argumentativen Fortschritt gemacht hat:

»Widerlegt man nämlich die Häretiker aus den Schriften, dann erheben sie gegen eben diese Schriften die Anklage, dass sie nicht zuverlässig seien, keine Autorität besäßen, auf verschiedene Weise verstanden werden könnten, und dass aus ihnen die Wahrheit zu finden nur die imstande seien, die die Tradition verstünden. Diese sei nämlich nicht niedergeschrieben, sondern werde durch die lebendige Stimme überliefert, weswegen auch Paulus sage: „Weisheit reden wir unter den Vollkommenen, aber nicht die Weisheit dieser Welt“ (1Kor 2,6). Unter dieser Weisheit versteht jeder von ihnen natürlich das von ihm erfundene System, so dass nach Ihnen die Wahrheit bald bei Valentinus, bald bei Markion, bald bei Cerinth ist. Später war sie natürlich bei Basilides oder bei einem seiner Widersacher, der auch nichts Rechtes vorbringen konnte. Denn verdreht sind sie alle, und trotzdem schämen sie sich nicht, sich selbst als die Richtschnur der Wahrheit hinzustellen.
 

Berufen wir uns aber ihnen gegenüber auf die apostolische Tradition, die durch die Nachfolge der Priester [ließ: Bischöfe] in der Kirche bewahrt wird, dann verwerfen sie wieder die Tradition, nennen sich klüger als Priester und Apostel und sagen, sie hätten allein die Wahrheit gefunden. Die Apostel hätten den Worten des Heilandes noch allerlei aus dem Gesetz beigemischt; und nicht bloß die Apostel, sondern auch der Herr habe seine Aussprüche teils vom Demiurgen, teils aus dem Ort der Mitte, teils von dem Allerhöchsten [d.h. aus unzuverlässigen, widersprüchlichen Quellen]. Sie aber wüssten klar, rein und schlicht das darin verborgene Geheimnis – fürwahr, eine ganz unverschämte Gotteslästerung! So stehen sie also weder auf dem Boden der Schrift, noch der Tradition.« (Gegen die Häresien III,2,1-2)

Freitag, 1. Oktober 2021

Das Glaubensbekenntnis des Zweiten Vatikanischen Konzils

Wie, Sie kennen das „Glaubensbekenntnis des Zweiten Vatikanischen Konzils“ nicht? Na dann: Eine kleine Veranschaulichung, wie heutzutage Theologie betrieben wird.

Am 30. Juni 1968 veröffentlichte Papst Paul VI. sein „Credo des Gottesvolkes“, das wohl auf Anregung des französischen Philosophen Jacques Maritain und des schweizer Theologen und Kardinals Charles Journet initiiert und im Wesentlichen durch jenen Maritain verfasst wurde. Die Absicht beschreibt Paul VI. so:

»Wir wollen ein Credo sprechen, das — ohne eine dogmatische Definition im eigentlichen Sinne des Wortes sein zu wollen — in der Substanz mit einigen Erweiterungen, die durch die geistige Situation unserer Zeit geboten sind, das Credo von Nizäa wiederholt, das Credo der unsterblichen Überlieferung der heiligen Kirche Gottes.«

Also: Der Papst möchte den Glauben der Kirche „in der Substanz mit einigen Erweiterungen, die durch die geistige Situation unserer Zeit geboten sind,“ darlegen und versteht dies im Kern als eine Wiederholung des bis heute maßgeblichen Glaubensbekenntnisses von Nicäa, des ersten ökumenischen Konzils der Kirche. Das Credo des Gottesvolkes ist heute unter Theologen wie Gläubigen weitestgehend unbekannt. Es existiert bestenfalls als dunkles Schema einer unklaren Andeutung in nebeligen Erinnerungen an eine langweilige Vorlesung über neuere Kirchengeschichte. Für „ernsthafte Theologie“ und „mündigen Glauben“ ohne jede Bedeutung.

 

Der „Denzinger“, jenes seit über 150 Jahren ständig weitergeführte Standardwerk, beansprucht für sich, ein „Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen“ von der Bibel bis heute zu sein (wobei schon die deutsche Übersetzung des Buchtitels etwas unterschlägt, nämlich jene Lehräußerungen, die die Moral betreffen). Angesichts dieses Anspruchs ist es daher überraschend, festzustellen, dass jenes „Credo des Gottesvolkes“ keinen Eingang in den Denzinger gefunden hat.

Vor einiger Zeit hatte ich Gelegenheit, mich mit den derzeitigen Herausgebern des Denzinger zu unterhalten und auf meine Frage, warum das Credo Pauls VI. nicht darin enthalten sei, erhielt sich zur Antwort: Es sei ja gar kein „echtes“ Glaubensbekenntnis, denn es ist viel zu lang, als dass es im Rahmen der Liturgie von einzelnen oder allen gesprochen werden könne, und dies geschehe ja faktisch auch nicht. Damals fand ich diese Erklärung schlüssig.

 

Wenn man in jenes andere Standardwerk, das „Lexikon für Theologie und Kirche“ in seiner dritten Auflage aus den 90er und 2000er Jahren schaut, bekommt man diese Einordnung bestätigt, dort heißt es in der Begriffsdefinition von „Glaubensbekenntnis“:

»Glaubensbekenntnisse sind formelhafte Zusammenfassungen der grundlegenden Lehren und Überzeugungen einer Religion, „Kurzformeln des Glaubens“, in denen eine Religion sich zugleich von anderen Religionen, aber auch eine bestimmte religiöse Gruppe sich von andersgläubigen Strömungen derselben Religion (Häresie) abgrenzt. Glaubensbekenntnisse unterscheiden sich aber von der reinen Darstellung der Lehre wesentlich dadurch, dass sie in der Weise eines Gebetes oder eines Lobgesangs von einzelnen wie von einer Versammlung von Gläubigen im Rahmen einer Kulthandlung [also z.B. in der Liturgie] rezitiert werden können.« ( LThK³ 4, 699)

Der Leser möge besonders den letzten Satz beachten, wo ein Glaubensbekenntnis generell als etwas bestimmt wird, das sich wesentlich von einer reinen Darstellung des Glaubens dadurch unterscheidet, dass es kultisch (liturgisch) rezitiert werden kann und wird. Dies entspricht jener auf mich zunächst plausibel wirkenden Begründung, warum das „Credo des Gottesvolkes“ nicht im Denzinger zu finden ist.


Irgendwann später fiel mir aber immer häufiger auf, wie tendenziös (und teilweise echt falsch oder mit mangelnden Quellen versehen) viele Inhalte im LThK³ dargestellt sind, und so schaute ich einmal in der zweiten Auflage des selben Lexikons aus den 60er Jahren nach. Dort ist als Definition von „Glaubensbekenntnis“ zu lesen:

»Glaubensbekenntnisse sind autoritativ bzw. traditionell fixierte Glaubensformulierungen religiöser Gemeinschaften (besonders in christlichen Kirchen als Formulierung der fides quae).« (LThK² 4, 935)

Etwas später heißt es dann noch:

»Das Glaubensbekenntnis hat seinen eigentlichen und ältesten Ort im Gottesdienst (vornehmlich in der Liturgie der Taufe; von daher die Einzahl: ich glaube).« (ebd. 938)

Es fällt auf: In der Begriffsbestimmung steht nichts von einem kultischen Rahmen, der wesentlich zum Glaubensbekenntnis gehört. Zwar wird später darauf hingewiesen, dass ein solcher der „eigentliche und älteste“ Ort des Glaubensbekenntnisses sei, aber das schließt ja nicht die Realität und Gültigkeit von uneigentlichen und weniger alten Orten aus.


Gehen wir nochmal weiter zurück. In der ersten Auflage des Lexikons für Theologie und Kirche aus den 30er Jahren heißt es darüber:

»Glaubensbekenntnis (Symbolum, Confessio, Credo), jedes autoritativ festgestellte Formular zum Bekenntnis des kirchlichen Glaubens; vgl. […].

Die Römische Liturgie gebraucht heute folgende Glaubensbekenntnisse: […]« (LThK¹ 4, 528)

Auch hier ist wieder der Bezug zur Liturgie deutlich, aber für die Definition dessen, was ein Glaubensbekenntnis für sich genommen ist, spielt das wieder keine Rolle. Man beachte das Wörtchen „jedes“.

 

Gehen wir nochmal einen Schritt zurück, zu Wetzer und Welte‘s Kirchenlexikon vom Ende des 19. Jahrhunderts. Dort heißt es zum Stichwort Glaubensbekenntnis:

„Glaubensbekenntnis oder Glaubenssymbol nennt man jedes auctoritativ festgestellte Formular für das Bekenntnis des kirchlichen Glaubens.“ (WuW² 5, 676)


Es zeigt sich ein Muster: Dass ein Glaubensbekenntnis wesentlich dadurch definiert sei, dass es in der Liturgie verwendet werden kann, hat erst nach der Veröffentlichung von Pauls VI. „Credo des Gottesvolkes“ in die Begriffsdefinition für ein Glaubensbekenntnis Eingang gefunden. So ein Zufall aber auch.

Schaut man in das Standardwerk von John N.D. Kelly („Altchristliche Glaubensbekenntnisse – Geschichte und Theologie“; wird seit einem halben Jahrhundert bis heute nachgedruckt), stellt man fest, dass der Befund in der alten Kirche sehr bunt ist. Wichtig für uns ist: Ein Glaubensbekenntnis wurde zwar oft (nicht immer!) in der Taufliturgie von den Täuflingen rezitiert, aber diese Rezitation bildete nur den Abschluss des vorbereitenden katechetischen Prozesses, dessen wesentlicher Inhalt es war, dieses Bekenntnis zu erklären. Den wesentlichen Ort des Glaubensbekenntnisses auf die (Tauf)Liturgie einzuschränken, ist daher Unsinn. Tatsächlich hatten Glaubensbekenntisse viele Einsatzorte (Kelly nennt: Taufe, Gottesdienst, Predigt, katechetische Unterweisung, Polemik gegen Häretiker, Dämonenaustreibungen), sie waren nie nur auf den Kult beschränkt. Daher spricht Kelly spezifisch von „deklaratorischen Glaubensbekenntnissen“, wenn er die Glaubensbekenntnisse beschreibt, die im Rahmen etwa der Taufliturgie gesprochen (deklariert) wurden. Es gab folglich von Anfang an auch nicht-deklaratorische Glaubensbekenntisse – auch außerhalb des Kultes –, und die waren darum nicht weniger echte (auch offizielle) Glaubensbekenntnisse.


Natürlich: Man wollte das „Credo des Gottesvolkes“ ganz einfach nicht, gerade in Deutschland nicht (in anderen Ländern wurde es durchaus positiv aufgenommen!), da es den unwandelbaren Glauben der Kirche inmitten der nachkonziliaren Wirren bekräftigte. Darum hat man es totgeschwiegen und sogar aus dem Denzinger bewusst rausgelassen (auch wenn etwa die Definition im damals aktuellen LThK dies noch nicht erforderte). Man beachte auch: Es war das Jahr von Humanae Vitae (HV); das Credo erschien nur einen Monat zuvor… Mit HV war Paul VI. für den theologischen Mainstream erledigt, sein Credo konnte man so noch einfacher fallenlassen. HV konnte man schlecht totschweigen und aus dem Denzinger rauslassen, denn alle sprachen darüber; aber das Credo, das konnte man weglassen, ohne dass es jemandem auffiel, denn alle sprachen ja über HV, niemand sprach über das Credo – wenn es überhaupt jemand tat in dem einen Monat vor HV.

Vielleicht war es ja so: Trotz allem dezent peinlich berührt von der Tatsache, dass man ein feierlich vom obersten Hirten der Kirche verkündetes Glaubensbekenntnis im maßgeblichen „Kompendium der Glaubensbekenntnisse“ nicht aufgenommen hatte, definierte man den Begriff „Glaubensbekenntnis“ fortan einfach um, sodass jener Text in dieses Kempendium per Definition gar nicht (mehr) hineingehört: Das „Credo des Gottesvolkes“ ist nämlich gar kein „Credo“ im eigentlichen, wahrten Sinn, müsst ihr wissen! Sache erledigt.

Nicht ganz: Natürlich bringt das wieder neue Probleme, denn der „Denzinger“ enthält bereits aus früheren Jahrhunderten „Glaubensbekenntnisse“, die dieser neuen Definition nicht entsprechen und somit eigentlich herausfallen müssten. Bestes Beispiel ist das 1564 von Papst Pius IV. formulierte „Trienter Glaubensbekenntnis“ (DH 1862-1870), das in seiner Entstehung frappierende Ähnlichkeit zum Credo des Gottesvolkes von Paul VI. hat: Auch das Trienter Glaubensbekenntnis wurde in der Folge eines ökumenischen Konzils von einem bedeutenden Theologen jener Zeit angeregt (nämlich vom Kirchenlehrer Petrus Canisius) und vom Papst veröffentlicht um nachkonziliaren Wirren Einhalt zu gebieten. Angeseichts solcher Ähnlichkeiten des Trienter Glaubensbekenntnisses könnte man das „Credo des Gottesvolkes“ auch völlig zu Recht als „Vatikanisches Glaubensbekenntnis“ bezeichnen. Auch das „Trienter Glaubensbekenntnis“ ist viel zu lang um in einem gottesdienstlichen Rahmen vorgetragen zu werden: Sein erster Teil ist das „große Glaubensbekenntnis“ von Nicäa und Konstantinopel, aber das ist nur ungefähr ein Viertel des ganzen Textes.

Ein anderes Beispiel ist das nochmal sehr viel längere Glaubensbekenntnis der 11. Synode von Toledo, das „Toletanische Glaubensbekenntnis“ aus dem Jahr 675 (DH 525-541), das gleichfalls für den liturgischen Gebrauch nicht geeignet ist (es ist etwa so lang wie 14 große Glaubensbekenntnisse).

Dann gibt es auch Glaubensbekenntnisse, die in Briefform versandt und verlesen wurden, aber nie in liturgsichem Rahmen als tatsächliches Glaubensbekenntnis von Einzelnen oder der ganzen Gemeinde gesprochen wurden, z.B. der Brief des griechischen Kaisers Michael Palaiologos an Papst Gregor X. aus dem Jahr 1274 (DH 851-861). Es gab auch Glaubensbekenntnisse, die etwa von Häretikern bei Konzilien oder Synoden unterschrieben werden sollten, um in die Gemeinschaft der Kirche zurückzukehren, z.B. der „Libellus fidei“ von Papst Hormisdas aus dem Jahr 515 für die Rückkehrer aus dem Akazianischen Schisma (DH 363-365); oder solche, die bestimmte Kirchenfürsten anlässlich ihrer Erhebung in besondere Ämter zu unterschreiben oder zu sprechen hatten, etwa das Glaubensbekenntnis, das Erzbischof Simon Evodius 1743 ablegen musste, als er auf den Patriarchenstuhl der Maroniten erhoben wurde (DH 2525-2540).

All diese entsprechen nicht der aktuellen Definition eines Glaubensbekenntnisses im LThK.

Vielleicht sollte der Denzinger korrekter „Kompendium ausgewählter Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen“ heißen…


Achja: Das Argument, dass jenes Credo Pauls VI. ja nur als „Motu proprio“ in den Akten des Apostolischen Stuhles Eingang gefunden habe, und daher von geringer lehramtlicher Relevanz sei, ist nicht tragfähig, denn der Denzinger enthält, soweit ich sehe, auch noch einige andere Schreiben, die als Motu proprio veröffentlicht wurden (z.B. von vor Paul VI.: DH 3503 und 3537–3550, sowie aus neuerer Zeit: 4820–4823, 5065–5066 und 5067–5068).

Wir lernen: Weder dem LThK noch dem Denzinger sollte man blind trauen. Es steckt immer auch Auswahl und Tendenz darin, und seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil gehen diese meist gegen die Kirche und ihren überlieferten Glauben. Aber so funktioniert Theologie heute eben...


Das „Credo des Gottesvolkes“, das man m.E. zu Recht als Glaubensbekenntnis des Zweiten Vatikanischen Konzils betrachten kann (in Analogie zu denen früherer Konzilien), samt Einleitung des Papstes kann man z.B. HIER nachlesen. Empfehlenswert ist die Ausgabe des Johannes-Verlags Leutesdorf von 1969, da ist auch ein Kommentar Pauls VI. mit abgedruckt. Außerdem hat Ferdinand Holböck 1970 unter dem Titel „Credimus – Kommentar zum Credo Pauls VI.“ einen sehr ausführlichen Kommentar veröffentlicht. Beides ist antiquarisch beziehbar.

Donnerstag, 23. September 2021

Die Aufgabe eines Hirten der Kirche

"Ich bestätige, was die katholische Kirche immer geglaubt und bejaht hat. Ich bestätige die Lehre und die Morallehre der Kirche. Ich bin weder Traditionalist noch Progressiver. 

Ich lehre, was mir die Missionare beigebracht haben, und einige sind sehr jung gestorben, um mir Christus zu geben. Ich erfinde nichts, ich erschaffe nichts. Ich möchte treu sein, das ist alles." (hier)

Samstag, 18. September 2021

Newman darüber, was Glaube ist

»[F]aith has two peculiarities;—it is most certain, decided, positive, immovable in its assent, and it gives this assent not because it sees with eye, or sees with the reason, but because it receives the tidings from one who comes from God. This is what faith was in the time of the Apostles, as no one can deny; and what it was then, it must be now, else it ceases to be the same thing. I say, it certainly was this in the Apostles' time, for you know they preached to the world that Christ was the Son of God, that He was born of a Virgin, that He had ascended on high, that He would come again to judge all, the living and the dead. Could the world see all this? could it prove it? how then were men to receive it? why did so many embrace it? on the word of the Apostles, who were, as their powers showed, messengers from God. Men were told to submit their reason to a living authority. Moreover, whatever an Apostle said, his converts were bound to believe; when they entered the Church, they entered it in order to learn. The Church was their teacher; they did not come to argue, to examine, to pick and choose, but to accept whatever was put before them. No one doubts, no one can doubt this, of those primitive times. A Christian was bound to take without doubting all that the Apostles declared to be revealed; if the Apostles spoke, he had to yield an internal assent of his mind; it would not be enough to keep silence, it would not be enough not to oppose: it was not allowable to credit in a measure; it was not allowable to doubt. No; if a convert had his own private thoughts of what was said, and only kept them to himself, if he made some secret opposition to the teaching, if he waited for further proof before he believed it, this would be a proof that he did not think the Apostles were sent from God to reveal His will; it would be a proof that he did not in any true sense believe at all. Immediate, implicit submission of the mind was, in the lifetime of the Apostles, the only, the necessary token of faith; then there was no room whatever for what is now called private judgment. No one could say: "I will choose my religion for myself, I will believe this, I will not believe that; I will pledge myself to nothing; I will believe just as long as I please, and no longer; what I believe today I will reject tomorrow, if I choose. I will believe what the Apostles have as yet said, but I will not believe what they shall say in time to come." No; either the Apostles were from God, or they were not; if they were, everything that they preached was to be believed by their hearers; if they were not, there was nothing for their hearers to believe. To believe a little, to believe more or less, was impossible; it contradicted the very notion of believing: if one part was to be believed, every part was to be believed; it was an absurdity to believe one thing and not another; for the word of the Apostles, which made the one true, made the other true too; they were nothing in themselves, they were all things, they were an infallible authority, as coming from God. The world had either to become Christian, or to let it alone; there was no room for private tastes and fancies, no room for private judgment.« 

(John Henry Newman, Discourses to Mixed Congregations, London 1906, 195-198; online HIER)

absterbende Volkskirche

Viele Verantwortliche „in Kirche“ gehen heutzutage den Weg des geringsten Widerstandes, wenn es um die Verkündigung des Glaubens und der Moral geht; den Weg, der jede Anstößigkeit vermeidet: Man ist, insbesondere dort, wo man sich durchaus auch als „Dienstleister“ sieht, bemüht, „anschlussfähig an die Erfahrung der Menschen“ zu sein, „jedem etwas zu bieten“ und „alle mitzunehmen“. In kurz: Man möchte gerne die Volkskirche (oder einen Anschein davon) aufrecht erhalten. Dieses vorgehen geschieht nicht selten in guter Absicht, und man will es auch im Evangelium begründet sehen: Sollen wir denn nicht allen Menschen Jesus verkünden? Müssen wir es denn nicht allen Menschen ermöglichen, das Evangelium anzunehmen?

Ja, diese Möglichkeit sollen wir allen ohne Ausnahme eröffnen. Aber was heißt das?

Wir sollen Jesus allen Menschen verkünden, das ist richtig: „Geht hinaus in die ganze Welt und verkündet das Evangelium der ganzen Schöpfung!“ (Mk 16,15; vgl. Kol 1,23) Alle Menschen sollen Gottes Heil schauen (vgl. Lk 3,6; vgl. Offb 3,15). Aber: Nirgends im Evangelium steht, dass alle, denen es verkündet wird und die es sehen, es auch annehmen werden. Es besteht ein gewaltiger Unterschied, ob wir allen Menschen die Möglichkeit geben, das Evangelium anzunehmen (indem wir es verkünden), oder ob wir das Evangelium allen Menschen annehmbar machen (indem wir es verwässern).

Eines der bekanntesten Gleichnisse Jesu ist das Sämannsgleichnis:

„Siehe, ein Sämann ging hinaus, um zu säen. Als er säte, fiel ein Teil auf den Weg und die Vögel kamen und fraßen es. Ein anderer Teil fiel auf felsigen Boden, wo es nur wenig Erde gab, und ging sofort auf, weil das Erdreich nicht tief war; als aber die Sonne hochstieg, wurde die Saat versengt und verdorrte, weil sie keine Wurzeln hatte. Wieder ein anderer Teil fiel in die Dornen und die Dornen wuchsen und erstickten die Saat. Ein anderer Teil aber fiel auf guten Boden und brachte Frucht, teils hundertfach, teils sechzigfach, teils dreißigfach.“ (Mt 13,3-8)

Es ist bezeichnend, dass gerade dieses Gleichnis in aller Ausführlichkeit von Jesus selbst erläutert wird, so dass kein Zweifel über seine Bedeutung besteht: Der Same ist das Wort der Verkündigung, das längst nicht überall, wo es ausgestreut (verkündet) wird, Frucht zu bringen vermag. Also: Was Jesus verkündet fällt nicht überall auf fruchtbaren Boden, es scheint sogar eher nur der kleinere Teil zu sein, der letztlich Frucht bringt, meistens trifft es auf taube Ohren. Für uns Heutige ist das schwer vorstellbar: Wir glauben gern, dass doch jeder halbwegs vernünftige Mensch Jesus toll finden müsste. Seine Botschaft – meinen wir damit eigentlich auch seinen ständigen Ruf zur radikalen Umkehr, oder doch eher ausschließlich den zur dienstbereiten Mitmenschlichkeit? – müsste doch von jedem anerkannt und bejaht werden können…

Aber genau das war offenkundig nicht der Fall, die Menschen nahmen ihn nicht auf (vgl. Joh 1,11), lehnten ihn ab, nahmen Anstoß, hassten und verfolgten ihn sogar bis zum Tod. Dabei ist es zu billig, hier einfach die „bösen“ Menschen zu beschuldigen. Es sind ganz normale Menschen, die an ihm wegen seines Anspruchs Anstoß nehmen (vgl. Mt 13,57), und sogar seinen eigenen Jüngern prophezeite er mit Blick auf sein Leiden: „Ihr werdet in dieser Nacht an mir Anstoß nehmen“ (26,31). Jesu Worte und Taten kommen nicht bei jedem noch so wohlwollenden Hörer an; bei den meisten Zuhörern stieß Jesus früher oder später auf Ablehnung, am Kreuz, am Ziel und Höhepunkt seines Heilsweges, war er dann fast ganz allein.

Für uns stellt sich die Frage: Warum sollten wir Heutigen mehr Erfolg in der Verkündigung erwarten, als es Jesus selbst beschieden war? Sind wir bessere Verkünder als er? Sind wir bessere Zeugen der Liebe Gottes, als die Liebe Gottes in Person? Wenn es nicht aufgeht, ist laut Gleichnis nicht das Saatgut (d.i. die Botschaft) schuld, sondern der unfruchtbare Boden (oder die Doofheit des Sämanns, weil er das Saatgut auf die Felsen wirft…).

Die Bibel ernst nehmend, müssen wir realistischerweise anerkennen, dass es auch „Säue“ gibt, vor die wir die „Perlen des Heiligen“ nicht werfen sollen, damit sie nicht zertreten werden (vgl. Mt 7,6), dass es nicht selten vorkommt, dass Jesu Jünger aus einer Stadt abziehen müssen und von ihren Sandalen den Staub „zum Zeugnis gegen sie“ abschütteln (vgl. Lk 9.5), und dass selbst „viele seiner Jünger“ sich wegen der „harten Worte“ Jesu zurückziehen und nicht mehr mit ihm umhergehen“ (Joh 6,66). Insbesondere in letzterem Fall, in der großen Eucharistierede im Johannesevangelium, offenbart Jesus in unübertrefflicher Deutlichkeit seinen Zuhörern etwas, was sie erschüttern musste: „Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, hat das ewige Leben und ich werde ihn auferwecken am Jüngsten Tag“ (Joh 6,54) Ergebnis: Viele seiner Jünger, die ihm zuhörten, sagten: Diese Rede ist hart. Wer kann sie hören? Jesus erkannte, dass seine Jünger darüber murrten, und fragte sie: Daran nehmt ihr Anstoß? [...] Daraufhin zogen sich viele seiner Jünger zurück und gingen nicht mehr mit ihm umher.“ (VV. 60-61.66) Jesus ging ihnen nicht nach und rief: „Halt, wartet, ich habe es nicht so gemeint, ich meinte es doch bloß symbolisch!“, sondern er blieb beim verstörenden Realismus seiner Aussage und fragte seine Apostel: „Wollt auch ihr weggehen?“ (V. 67) Dieser Weggang von „vielen“ seiner Jünger wird umso erschütternder, wenn man bedenkt, was die Konsequenz für die Weggehenden sein könnte: „Wenn ihr das Fleisch des Menschensohnes nicht esst und sein Blut nicht trinkt, habt ihr das Leben nicht in euch.(Joh 6,53) Der Clou: Jesus hat das „Brot vom Himmel“ seinen Zuhörern von einst durchaus pädagogisch klug anhand ihrer eigenen Lebens- und Gedankenwelt zu erklären versucht, nämlich ausgehend von einem Vergleich mit dem Manna in der Wüste (Joh 6,48-51) – und trotzdem kehrten sich viele ab und akzeptierten es nicht. Pädagogische Klugheit scheint also auch nicht das Allheilmittel zu sein.

Den Fall von Johannes 6 würde man in der heutigen Pastoral als unerhörten Skandal sehen: Jesus geht seinen Zuhörern nicht nach, er lässt sie ziehen und bleibt bei seinem Wort, das nicht bei jedem Anklang fand. Wir lernen: Noch nie war das Evangelium zeitgemäß, den Zuhörern angemessen, allgemein verständlich oder mehrheitsfähig. Die Realität ist, dass Jesus für die Verkündigung des Evangeliums v.a. Ablehnung erfuhr und letztlich auch verfolgt wurde, ebenso die Apostel. Manchmal wird versucht, den Grund für diese Verfolgung ausschließlich in politischen Motiven zu suchen, nicht in der verkündeten Botschaft. Aber das ist Unsinn: „Wir haben ein Gesetz und nach dem Gesetz  muss er sterben, weil er sich zum Sohn Gottes gemacht hat.“ (Joh 19,7)

Hier kann der Prophet Ezechiel ein stimmiges Vorbild für uns sein: Gott sendet ihn zum Volk Israel, bekräftigt aber eigens, dass er sich nicht um den Erfolg oder Misserfolg seiner Predigt kümmern soll: „Zu ihnen sende ich dich. Du sollst zu ihnen sagen: So spricht Gott, der Herr. Sie aber: Mögen sie hören oder lassen – denn sie sind ein Haus der Widerspenstigkeit –, sie werden erkennen müssen, dass mitten unter ihnen ein Prophet war.“ (Ez 2,4-5; vgl. V. 7; 3,11) Der Auftrag der Kirche, wie der der Propheten und Jesu selbst und seiner Apostel, war und ist es nicht, „gut anzukommen“, sondern das Wort zu säen. Jesus sagte doch: „Wenn man euch nicht aufnimmt und eure Worte nicht hören will, geht weg aus jenem Haus oder aus jener Stadt und schüttelt den Staub von euren Füßen!“ (Mt 10,14) Er sagte nicht, was man heute zu gerne denkt: „Wenn man euch nicht aufnimmt und eure Worte nicht hören will, dann sagt ihnen andere Worte, sie hören wollen!“ Ob das Wort auf guten Boden fällt, wächst und Frucht bringt, haben wir nicht in der Hand, wir können höchstens für die Qualität des Samens sorgen, also um die Authentizität und Integrität des verkündeten Evangeliums. Das Wachsenlassen ist Gottes Sache (vgl. 1Kor 3,5-9). Aus dieser Demut – in dem Wissen, dass wir die zu verkündigende Botschaft nie allen annehmbar machen können – erwächst dann womöglich ganz von selbst ein Selbstbewusstsein, das der gesellschaftlichen Realität die Stirn bietet und trotzdem verkündet, wie Ezechiel (vgl. Ez 3,7-9).

Damit ist nicht jedem gedankenlosen Verkündigungsirrsinn (z.B. Obstkiste in der Fußgängerzone) Tür und Tor geöffnet, denn natürlich gilt es, auf Identität, Situation und Fassungsvermögen der Zuhörer Rücksicht zu nehmen. Paulus ist das beste Beispiel, wenn er an die Korinther schreibt: „Vor euch, Brüder und Schwestern, konnte ich aber nicht wie vor Geisterfüllten reden; ihr wart noch irdisch eingestellt, unmündige Kinder in Christus. Milch gab ich euch zu trinken statt fester Speise; denn diese konntet ihr noch nicht vertragen. (1Kor 3,1-2) Der springende Punkt ist aber gerade der, dass dieser Status überwunden werden soll. Der gleiche Paulus schreibt nämlich auch, er „bete darum, dass eure Liebe immer noch reicher an Einsicht und Verständnis wird, damit ihr beurteilen könnt, worauf es ankommt.“ (Phil 1,9) Und noch deutlicher:

„Daher hören wir [] nicht auf, für euch zu beten und zu bitten, dass ihr mit der Erkenntnis seines Willens in aller Weisheit und geistlichen Einsicht erfüllt werdet. Denn ihr sollt ein Leben führen, das des Herrn würdig ist und in allem sein Gefallen findet. Ihr sollt Frucht bringen in jeder Art von guten Werken und wachsen in der Erkenntnis Gottes. [] Denn Gott wollte mit seiner ganzen Fülle in [seinem Sohn] wohnen, um durch ihn alles auf ihn hin zu versöhnen. Alles im Himmel und auf Erden wollte er zu Christus führen“ (Kol 1,9-10.19-20).



Abstriche an Glaubensinhalten und an der Moral zu machen, ist ein Symptom einer absterbenden Volkskirche. Nur jemand, der selbst aus der Volkskirche stammt, könnte auf die Idee kommen, den Glauben nach eigenem Ermessen umzumodeln (oder jemand, der das ohnehin vorhat und extra dafür der Körperschaft öffentlichen Rechts "Katholische Kirche in Deutschland" beitritt  auch solche gibt es). Die Akteure der Glaubenszersetzung, auch die Theologen, kommen allesamt aus der Volkskirche: Viele Bischöfe die von der „Relevanz der Kirche in der Gesellschaft“ reden trauern dem Ansehen nach, das ihr Amt in Zeiten der Volkskirche genossen hat, manch andere Funktionäre sehnen sich nicht minder nach den Pfründen, die ihre Position früher einmal mit sich brachte und die Theologenschaft möchte einfach möglichst vielen was zu sagen haben, sie brauchen ein Publikum (darum reden sie über alles mögliche, nur nicht über den Glauben).

Diese Zersetzung ist

1. der Versuch, die Flächendeckung der Volkskirche möglichst zu erhalten, was logischerweise nur dadurch bewerkstelligt werden kann, dass man Glaube und Kirche einer möglichst großen Zahl von Menschen zumutbar, annehmbar, bekömmlich macht. Sprich: indem man Glaube und Moral den Wünschen der Menschen anpasst. Im Idealfall lässt man „demokratisch“ (d.h. durch handverlesene Repräsentanten) darüber abstimmen.

2. eine Reaktion auf (auch zu Recht) beklemmend empfundene Eigenheiten des Volkskirchentums, deren man sich entledigen will. Weil die Volkskirche (die man aber, siehe 1., komischerweise zu erhalten versucht) problematische Begleiterscheinungen hatte, muss man alles mögliche ändern, von dem man meint, dass es für die Probleme verantwortlich war. Dafür eignen sich besonders all die Dinge, zu denen man selbst eh keinen echten Bezug hat.

Was den Handelnden nicht in den Sinn kommt ist, dass die Probleme der Volkskirche in ihrer Sozialform (eben: Volkskirche) begründet sind, nicht in Glaube und Moral, denn ihre Neigung für jene bei gleichzeitiger Ablehnung dieser übertönt alles. Umso bedenklicher, dass es im Grunde diese Sozialform ist, die man erhalten möchte, indem man den Glauben abspeckt. Wie man es auch dreht und wendet, das Vorgehen ist in jeder Hinsicht ganz falsch.



Der natürliche Zustand des Christen ist nicht die Volkskirche, sondern die Verfolgung. Jesu Verheißung lautete bekanntlich nicht: „Selig seid ihr, wenn alle um euch herum nominell Christen sind…“ sondern: „Selig seid ihr, wenn man euch schmäht und verfolgt und alles Böse über euch redet um meinetwillen. […] wer aber das Leben um meinetwillen verliert, wird es finden.“ (Mt 5,11; 10,39) Freilich: Wir sollen die Verfolgung nicht suchen oder provozieren. Paulus: „Soweit es euch möglich ist, haltet mit allen Menschen Frieden!“ (Röm 12,18) Aber dieses „soweit möglich“ betrifft genau die Lehre des Glaubens und das aus ihr resultierende moralische Leben, das zu bezeugen Standhaftigkeit gegen Widerstände verlangt: „Seid also standhaft, Brüder und Schwestern, und haltet an den Überlieferungen fest, in denen wir euch unterwiesen haben“ (2Thess 2,15).