Donnerstag, 28. Oktober 2021

Ulrich Wilckens als Exeget

Der evangelische Bischof und Theologe Ulrich Wilckens ist am Montag verstorben. Ein mutiger Kämpfer für das Christentum und ein herausragender biblischer Theologe (auch wenn man ihm natürlich nicht in allem zustimmen muss). 2011 hat er sich in einer Antwort auf den Bochumer Alttestamentler Jürgen Ebach über das Thema Homosexualität geäußert, die gut verständlich die biblische Sicht darlegt. Schon die einleitenden Bemerkungen machen deutlich, dass Wilckens etwas tun konnte, wozu die meisten (deutschsprachigen) Theologen nicht in der Lage sind: Er hat dazugelernt, sich auch als vermeintlicher "Profi" noch einmal neu am Wort Gottes ausgerichtet und seine Position entsprechend geändert. Es ist ein Lehrstück in Sachen gläubige Theologie.

R.I.P.

Von evangelisch.de.

 

Bibel und Homosexualität: Die Antwort von Altbischof Wilckens

Ebachs Beitrag vom 2. Februar 2011 zur Debatte über den offenen Brief der acht Altbischöfe bedarf einer Antwort und einer Entgegnung.

Zunächst die Anwort.

Sie betrifft das Zitat aus meinem Kommentar zum Römerbrief, das Ebach mir am Schluss als Selbstwiderspruch vorhält. In der Tat habe ich mich in der Erstauflage von 1978 dagegen ausgesprochen, die scharf verurteilenden Sätze des Apostels Paulus in Röm 1,26f. "heute noch in dem Sinne zu übernehmen, daß Homosexualität ein sittlich verwerfbares Vergehen sei". Es ist Ebach jedoch entgangen, dass ich diesen Satz in der 3. durchgesehenen Auflage von 1997 getilgt habe. Erst im Zusammenhang meines Bischofsdienstes 1981-1991 nämlich bin ich genötigt worden, nicht nur über die jüdische Herkunft dieses Urteils des Apostels, sondern vor allem zugleich über die theologische Begründetheit seines großen Gewichts im Zusammenhang biblischer Theologie im ganzen neu verantwortlich nachzudenken. Überhaupt hat mein verantwortlicher Dienst in der kirchlichen Praxis meine wissenschaftliche Exegese theologisch vertieft, wie es meine "Theologie des Neuen Testaments", die ich danach in meinem Ruhestand erarbeitet habe, erweist. Ich wünschte Herrn Ebach in seinem Ruhestand eine entsprechend intensive Neubegegnung mit der Bibel als der Heiligen Schrift der Kirche - so würde ihm seine Art, über ernste Dinge so herablassend "spöttisch" zu denken und zu reden, ganz von selbst vergehen.

Nun aber die notwendige Entgegnung.

Gewiss haben zur Zeit des Alten und Neuen Testaments "auf Dauer angelegte Liebesbeziehungen zu Menschen gleichen Geschlechts", wie es sie heute gibt, noch nicht im Blick gestanden. Aber auch in solchen Partnerschaften heute wird doch in der sexuellen Praxis jedenfalls genau das getan, was im alttestamentlichen 3. Mosebuch (18,22; 20,13) und im neutestamentlichen Römerbrief (1,26f.) konkret benannt wird: Beischlaf von Männern mit Männern. Diese Sexualakte sind es, die als "Greuel" beziehungsweise als "Schande" verurteilt werden. Der Bibelwissenschaftler Ebach fragt aber nicht historisch-kritisch, was in dieser langen Zeit vom Alten bis ins Neue Testament die theologischen Gründe für diese Verurteilung waren, sondern er begnügt sich als moderner Zeitgenosse mit der polemischen Vermutung, wer in heutiger Auslegung dieser Verurteilung noch Gewicht beimesse, der wolle "ein ohnehin feststehendes (eigenes) Urteil unterfüttern". So nimmt man weder die biblischen Texte ernst noch auch seine Meinungsgegner der Gegenwart als deren Exegeten.

Immerhin steht am Schluss der Verbotsreihe in 3 Mose 18,30 der heilige Name Gottes selbst, mit dem alle diese Verbote nachdrücklich autorisiert werden: "Ich bin Jahwe, euer Gott!" Wer solches gegen den Willen des heiligen Gottes tut, versetzt sich selbst in einen Zustand der Unreinheit (20,24,26). (1) Entsprechend spricht Paulus in der Überschrift Röm 1,18 von Gottes "Zorngericht gegen alle Gottlosigkeit und Ungerechtigkeit von Menschen", die der Gerechtigkeit Gottes als der Wahrheit seines Wesens zuwiderhandeln. Gott überlässt sie der sittlichen Verkommenheit - sagt Paulus - und der Herrschaft des Todes mitten in ihrem Leben, der sie sich selbst preisgegeben haben (1,24ff.) - im Gegensatz zu ihrer Selbsteinschätzung als "Weise" (1,22). Die gleichgeschlechtlichen Akte in 1,26f. sind nur herausragende Beispiele aus der langen Liste anderer Verstöße gegen die Zehn Gebote (1,28-32). Bei genauerem Hinsehen entdeckt man in 1,23 auch einen Hinweis auf die Herrlichkeit der Ebenbildlichkeit des von Gott geschaffenen Menschen, die mit solchem Tun ebenso preisgegeben wird wie mit der Anbetung (selbstgemachter) Götzen in Tiergestalten.

 

Jeder außereheliche Sex ist Verkehrung der Natur

Ist doch der Mensch nach dem Schöpfungsbericht in 1 Mose 1,27 als Mann und Frau geschaffen. Keiner gehört zuerst sich selbst und dann auch seinem Geschlechtspartner, sondern sie gehören zueinander. Und so ist auch für ihr sexuelles Zusammenleben allein die Ehe der angemessene Ort - nur so können und sollen sie Vater und Mutter von Kindern werden, wie Gott der Vater all seiner Menschen ist. In diesem Sinn ist jeglicher Sex außerhalb der Ehe Verkehrung der Natur - nämlich als der guten Ordnung der Schöpfung. Das lehrt der Zusammenhang und Hintergrund des Textes - ein flüchtiger Blick in das Lexikon unter "Natur" führt dagegen nur in lächerliche Irre.

Mit spöttischer Ironie spielt Ebach dann das Thema durch, dass viele Gebote des alttestamentlichen Ritualgesetzes im Neuen Testament ihre Geltung verloren haben: nicht etwa weil sich vom Alten zum Neuen Testament die Zeiten eben verändert hätten und damit natürlich auch das Denken und Verhalten der Menschen. Der Grund ist vielmehr das Heilshandeln Gottes in der Hingabe seines eigenen Sohnes in den Tod, um die Sünder der ganzen Welt aus der Herrschaft des Todes über ihr Leben zu erretten. Wo Gott in Christus sein Heil schaffendes Handeln über sein Volk Israel hinaus auf alle Völker ausgeweitet hat, müssen Heiden nicht mehr gesetzestreue Juden werden, um daran teilzuhaben (vgl. Gal 3,26-28). Der Beschluss der führenden Repräsentanten der werdenden Kirche in Apg 15,20, den Ebach anführt, diente in kirchenleitender Weisheit nur für Gemeinden (wie der im syrischen Antiochien), in denen Juden mit Heiden zusammenlebten. Dort sollten Judenchristen nicht gezwungen sein, um der Gemeinschaft mit den Heidenchristen willen, selbst der Tora untreu werden zu müssen. In den heidenchristlichen Gemeinden des Paulus galt dieser Beschluss verständlicherweise nicht (Gal 2,5ff.). Das ist also kein Beweis für die vielerlei Widersprüche innerhalb der Bibel, die zu kritischer Auswahl für uns heute geradezu nötigten, wie Ebach und zahlreiche andere liberale Theologen meinen. Bei gründlicher Auslegung im Gesamtzusammenhang der Bibel werden nicht wenige solcher Widersprüche als durchaus sinnvoll erkennbar. Die "bis zur Widersprüchlichkeit reichende Vielfalt" des biblischen Zeugnisses gibt uns keineswegs das Recht, das für uns Sinnvolle und Passende auszuwählen und das andere der Vergangenheit zu überlassen, sondern sie erzieht uns zu umso sorgsamerer Exegese der "Tiefenschicht" biblischer Theologie.

 

Falsch verstandene Nächstenliebe

Hier rückt Ebach nun mit dem eigentlichen Grund heraus, warum für ihn ein Bruch mit dem biblischen Verbot gleichgeschlechtlicher Praxis durch die Bibel selbst nicht nur gerechtfertigt, sondern geradezu geboten erscheint. Als das einzige Gebot, das heute noch wirklich vollauf Geltung hat, sei das der "Nächsten- und Fremdenliebe", das es ausschließe, "meine Mitmenschen und auch die, deren Lebensweise mir fremd ist, zu diskriminieren". Gewiss ist es Christen verboten, dem Gewissen anderer Gewalt anzutun (1 Kor 8,12) (2) und überhaupt irgendeinen Menschen persönlich zu "diskriminieren". Wo jedoch würde im Sinne der Heiligen Schrift ein Mensch seiner Ehre beraubt ("diskriminiert"), wenn ihm bezeugt wird, dass er in seinem Handeln und in seiner Lebensweise Gottes heiligem Willen widerstreitet? Wie könnte die von Gott gebotene Nächstenliebe auf solche seelsorgerische Hilfe verzichten sollen, durch die ein Bruder oder eine Schwester - selbstverständlich in sehr sorgsamer, persönlich-naher Zuwendung - von seinem Unrecht gegen Gottes Willen überzeugt und zum Empfang seiner Vergebung bereit wird?

Wo wäre es im Sinne der Schrift, das göttliche Gebot der Nächstenliebe bloß auf die Pflicht zu reduzieren, andere Menschen in ihrer autonomen Freiheit zu tolerieren, die ihr Leben so gestalten wollen, wie es ihnen angemessen oder wünschenswert erscheint? So denken in unserer heutigen Umwelt zwar viele - auch viele Kirchenmitglieder, die dies so selbstverständlich als wichtigstes Gebot in einer freien Gesellschaft empfinden, daß sie gar nicht mehr merken, wie das Gebot der Nächstenliebe seines christlichen Sinnes entleert wird, wenn es der unbedingten Anerkennung der Lebensweise jedes Mitmenschen nach seinem ureigenen Willen dient. Die Liebe zum Nächsten hat aber im Willen der Liebe Gottes ihren Grund und ihre Quelle. Und so muss ein Christ auch sein sexuelles Verhalten ganz nach dem Willen Gottes ausrichten und daher wissen, dass gleichgeschlechtliches Zusammenleben - wie alle außereheliche Sexualität - dem Gotteswillen widerspricht. Will er dagegen so leben oder meint er, er könne nicht anders als so zu leben, dann ist es ihm jedenfalls nicht erlaubt, dies durch die Schrift als gerechtfertigt zu erklären und für seine Lebensweise von seiner christlichen Kirche Anerkennung zu erwarten oder gar zu fordern.

 

Christliches Leben in einer säkularen Gesellschaft

Wer die Bibel als Dokument des heiligen Heilswillens Gottes ernst nimmt, wird gar nicht anders können, als in ruhiger Klarheit diesen Heilswillen in einer nicht mehr christlichen Gesellschaft persönlich zu bezeugen und die christliche Lebensweise als Alternative zu denen seiner säkularen Umwelt zu vertreten, die ihre Norm ganz im eigenen Lebenswillen eines jeden einzelnen Menschen weiß und wissen will. Nach dieser Norm besteht Freiheit in autonomer Willkür und deren Schutz in ausnahmsloser Toleranz für alle Mitmenschen. Wie weit dieser moderne "kategorische Imperativ" unserer gesellschaftlichen Lebenswelt wirklich hilft und wie es in einer solchen Gesellschaft auf Dauer überhaupt möglich sein wird, allgemeingültige Menschenrechte als Norm zu begründen, nach der zu leben und sich für sie einzusetzen, jedermanns absolute Pflicht ist, das möge im öffentlichen Diskurs zu klären oder irgendwann als nicht mehr zu klären oder gar durchzusetzen zu erfahren sein. Christen müssen es jedenfalls wagen, in diesen Diskurs die Stimme des Willens Gottes einzubringen, ohne den als transzendente oberste Norm und als allein wirklichen Schutz für jeden Menschen Menschenwürde und Menschenrechte nicht wirklich Bestand haben können.


Anmerkungen:

(1) Rituelle Unreinheit bemißt sich nach alttestamentlichem Verständnis an der Heiligkeit Gottes.

(2) Wenn ihr aber so sündigt an den Brüdern, und schlagt auf ihr schwaches Gewissen ein, so versündigt ihr euch an Christus.

Dienstag, 26. Oktober 2021

Hierarchie der Wahrheiten


Im Dekret des Zweiten Vatikanischen Konzils über den Ökumenismus, Unitatis redintegratio (UR), taucht der Begriff „Hierarchie der Wahrheiten“ auf (UR 11). Dieser Begriff hat seit dem eine erstaunliche Karriere hingelegt, denn er ist in die Alltagssprache vieler Kirchenleute und Theologen übergangen, auch weit jenseits des Themas Ökumene.

Leider wird der Begriff meistens falsch bzw. missbräuchlich verwendet. Und zwar auf die Weise, dass damit ausgesagt werden soll, dass es „wichtige“ und „weniger wichtige“, und sogar „unwichtige“ Glaubensinhalte gäbe, wobei man sich insbesondere bei der Verkündigung (Katechese, Predigt, mediale Auftritte) auf die wichtigen konzentrieren solle. Welcher hierarchische Rang einer einzelnen Glaubenswahrheit zukommt, liegt derweil meist im Ermessen des Einzelnen, aber recht beliebt ist es, nur das als „wichtig“ zu deklarieren, was im Glaubensbekenntnis steht, wobei aber diese Regel sogleich wieder gebrochen wird, denn die Jungfrauengeburt gehört diesen Verkündern zufolge sicherlich nicht zur „wichtigen“ Kategorie, und auch die Dreifaltigkeit Gottes wird zuweilen nicht in den oberen hierarchischen Rängen positioniert, da sie unverständlich sei. Mein Eindruck ist, dass meist nach dem religionsphilosophischen Modell verfahren wird: Was die meisten Menschen glauben, das ist in dieser Hierarchie ganz oben und darauf müssen wir uns in Verkündigung konzentrieren; je spezifischer es wird, desto niedriger ist der „Rang“ und desto eher kann man es, platt gesagt, weglassen. Daraus ließen sich grob fünf Ränge ableiten:

1. Was allen Menschen gemein ist

2. Was allen Religionen gemein ist

3. Was den monotheistischen Religionen gemein ist

4. Was den christlichen Konfessionen gemein ist

5. Was spezifisch katholisch [und orthodox] ist

Was wir hier haben ist eine Hierarchie, genauer: Was man in der Fachsprache „Schachtelungshierarchie“ (engl. nesting hierarchy) nennt. Hierbei sind die jeweiligen Kategorien ähnlich einer Matrjoschka ineinander verschachtelt: die „katholische Schachtel“ befindet sich zusammen mit anderen in der „christlichen Schachtel“, diese befindet sich wiederum mit anderen zusammen in der „monotheistischen Schachtel“, diese befindet sich wiederum mit anderen zusammen in der „religiösen Schachtel“ und diese befindet sich wiederum mit anderen zusammen in der „meschlichen Schachtel“. In dieser Hierarchie ist folglich das Wichtigste alles, worüber sich alle Menschen einigen können usw.; am unwichtigsten ist das, was die eigene Kirche ausmacht.


Ursprünglich im Kontext des Themas Ökumene eingeführt, hat der Begriff der „Hierarchie der Wahrheiten“ doch überragende Bedeutung. Aber sein falscher Gebrauch hat gerade für die Ökumene verheerende Folgen.

Sinn jener religionsphilosophischen Unterteilung in wichtig und unwichtig ist es, im ökumenischen und interreligiösen Austausch eine möglichst große Nähe herzustellen und nicht mit „Eigenem“ den anderen auf Distanz zu halten. Das klingt zunächst gut, führt aber auch dazu, dass man etwa als katholischer Gesprächspartner von seinem Gegenüber am Ende des Tages nicht ernst genommen wird, denn man gibt dadurch seine eigene Identität preis.

Mal ehrlich: Was glauben die so Vorgehenden eigentlich, wie vertrauenerweckend der andere auf einen wirkt und wie ernstgenommen man sich fühlt, wenn man feststellen muss, dass der Gesprächspartner nicht mal sich selbst, seinen eigenen Glauben, ernst nimmt? Oder andersherum: Wenn ich meinen eigenen Glauben nicht ernst nehme, d.h. ihn nicht unverkürzt annehme, bejahe und bekenne, dann kann ich nicht erwarten, dass mein Gegenüber mir abnimmt, dass ich ihn und seinen Glauben ernst nehme.

Durch so einen Mangel an Ernsthaftigkeit der geglaubten Wahrheit gegenüber kann auch kein Vertrauen entstehen, denn jeder ernsthafte Dialog löst sich in Luft auf, er wird ersetzt durch eine (politische/ideologische) Verhandlung. Das ist genau das, was den Großteil unserer gegenwärtigen „offiziellen“ ökumenischen Gespräche auszeichnet: Es sind Verhandlungen um Begriffe, nicht Gespräche über den Glauben. Die Ergebnisse sind dann dementsprechend auch Verträge und Vereinbarungen, aber keine Nähe, keine Gemeinschaft. Ein gutes Beispiel ist jenes schreckliche (weil unehrliche, und damit unchristliche, außerdem häretische und in hohem Maße manipulative) Dokument „Gemeinsam am Tisch des Herrn, mit dem ich mich HIER und HIER näher befasst habe. Ich sprach damals von einer Papierökumene, Karl-Heinz Menke nennt es Tintenfischökumenik, bei der alles Anstößige hinter einem Tintenschleier verschwindet.


Mit derHierarchie der Wahrheiten“, wie sie das letzte Konzil benannte hat, hat dieses Einteilen in „wichtig“ und „unwichtig“ nichts, aber auch gar nichts zu tun. Wie fern ein Zurückstellen von Glaubenswahrheiten um des ökumenischen Friedens oder scheinbarer (begrifflich ausgefeilter und vertraglich festgehaltener) Übereinkünfte willen jenem Begriff des Zweiten Vatikanischen Konzils ist, kann dieser Satz aus dem selben Abschnitt (drei Sätze vorher) gut veranschaulichen:

Die gesamte Lehre muss klar vorgelegt werden. Nichts ist dem ökumenischen Geist so fern wie jener falsche Irenismus, durch den die Reinheit der katholischen Lehre Schaden leidet und ihr ursprünglicher und sicherer Sinn verdunkelt wird.“ (UR 11)

Was es mit dem Begriff „Hierarchie der Wahrheiten“ tatsächlich auf sich hat, erklärt das Konzil eigentlich unmissverständlich, aber es gibt einen Grund, warum stets nur dieser Begriff zitiert wird und nicht der Satz, in dem er steht, oder gar dessen Kontext. Dort heißt es (satzweise):

[1)] Zugleich muss aber der katholische Glaube tiefer und richtiger ausgedrückt werden auf eine Weise und in einer Sprache, die auch von den getrennten Brüdern wirklich verstanden werden kann.

[2)] Darüber hinaus müssen beim ökumenischen Dialog die katholischen Theologen, wenn sie in Treue zur Lehre der Kirche in gemeinsamer Forschungsarbeit mit den getrennten Brüdern die göttlichen Geheimnisse zu ergründen suchen, mit Wahrheitsliebe, mit Liebe und Demut vorgehen.

[3)] Beim Vergleich der Lehren miteinander soll man nicht vergessen, dass es eine Rangordnung oder ‚Hierarchieder Wahrheiten innerhalb der katholischen Lehre gibt, je nach der verschiedenen Art ihres Zusammenhangs mit dem Fundament des christlichen Glaubens.

[4)] So wird der Weg bereitet werden, auf dem alle in diesem brüderlichen Wettbewerb zur tieferen Erkenntnis und deutlicheren Darstellung der unerforschlichen Reichtümer Christi angeregt werden.“ (UR 11)

1) Es fällt auf, dass es hier überhaupt nicht um Glaubensinhalte (oder Glaubenswahrheiten) geht, sondern um die Sprache und das Sprechen: Wie drücken wir uns aus? Drücken wir uns so aus, dass man uns versteht? Drücken wir uns bzw. den Glauben „tief“ und „richtig“, ja sogar „tiefer“ und „richtiger“ aus? Der lateinische Text klingt hier noch schärfer als die übliche deutsche Übersetzung: „fides catholica et profundius et rectius explicanda est“ – „der katholische Glaube ist sowohl tiefer als auch richtiger darzulegen“ [und zwar] auf eine Weise und in einer Sprache, die von den getrennten Brüdern wirklich verstanden werden kann.

2) Hier geht es noch immer nicht um einzelne Glaubensinhalte, sondern um Haltungen: Als erstes um die „Treue zur Lehre der Kirche“ und sodann um Wahrheitsliebe, Liebe, Demut. Zu gemeinsamer Forschungsarbeit“, d.h. konfessionsübergreifend, wird ermutigt, Gegenstand sind die „göttlichen Geheimnisse“, die aber nicht nach „wichtig“ oder „unwichtig“ sortiert werden, sondern einfach gegeben sind.

3) Hier haben wir endlich den Begriff der „Hierarchie der Wahrheiten“. Es fällt auf, dass die genannten Wahrheiten „innerhalb der katholischen Lehre“ verortet werden, es geht also gewissermaßen um alles „was katholisch ist“. Vor allem von Bedeutung ist jedoch, die nähere Bestimmung, was mit diesem Begriff ausgesagt ist: Auch hier ist nirgends die Rede von „wichtigen“ und „weniger wichtigen“ oder „unwichtigen“ Wahrheiten. Vielmehr ergibt sich die Verschiedenheit der Wahrheiten, die als Rangfolge oder Hierarchie bezeichnet wird, aus der „Art ihres Zusammenhangs mit dem Fundament des christlichen Glaubens“. Dies ist durchaus konkret aufzufassen: Es ist keine generelle Rangordnung gegeben, sondern jede Glaubenswahrheit hat ihren spezifischen Zusammenhang mit dem Fundament. (Welches offenkundig Christus ist.)

4) „Wettbewerb“ ist hier eine missverständliche Übersetzung. Es ist hier wohl nicht gemeint, wer wen besser überzeugen kann oder wer am Ende als „Sieger“ hervorgeht, sondern es ist eher ein geistlicher Wettkampf gegen die eigene Schwäche gemeint, der „Sieg“ ist jenes tiefere, richtigere Verstehen, die Mittel in diesem Kampf sind jene Treue, Wahrheitsliebe und Demut.


Doch der Schaden geht weit über ökumenische Gespräche hinaus.

Der Begriff „Hierarchie der Wahrheiten“ wurde, weil er so „neu“ klingt dankbar angenommen, nachdem er seines Textzusammenhangs entledigt wurde, umgedeutet und für die Demontage des Glaubens gebraucht. Man meinte, hier endlich einen Anpack zu haben, um das Wichtige vom Unwichtigen zu scheiden und unnötigen Ballast abzuwerfen (ein breiter Konsens unter Theologen unmittelbar nach dem letzten Konzil war es z.B., dass man die Existenz von Engeln entsorgen müsse, die in dieser Hierarchie ganz weit unten stünde). Das war natürlich von Anfang an nur ideologisch motiviertes Wunschdenken, schon allein weil, wie bereits dargelegt, der selbe Passus des Konzilstextes klar macht, dass „die gesamte Lehre klar vorgelegt werden“ muss.

Auch wenn der Begriff „Hierarchie der Wahrheiten“ als solcher „neu“ ist, so ist doch das, was er bezeichnet, so neu nicht. Das Erste(!) Vatikanische Konzil sprach in ähnlicher Weise in der Konstitution Dei filius vom „nexus mysteriorum inter se“ (vgl. DH 3016), also von der „Vernetzung“ der Geheimnisse des Glaubens untereinander, die sich so gegenseitig erhellen und erschließen. Auch der Begriff der Analogie des Glaubens“ (lat. analogia fidei) ist hier gefallen und meint im Grunde das Gleiche (vgl. KKK 114). Die Rede von der „Hierarchie“ oder „Rangordnung“ scheint mir indes für die gemeinte Sache durchaus passend, denn es besteht in diesem Nexus faktisch eine Hierarchie (wörtlich: heilige Ordnung), da gewisse Glaubenswahrheiten auf dem Fundament anderer Glaubenswahrheiten ruhen oder, andersherum, durch diese gewissermaßen „von oben“ erhellt, erschlossen werden. Das Bild vom Netz(werk) ist hier eng verwandt mit dem des lebendigen Körpers: Nach Thomas von Aquin (STh II-II, q. 1, a. 6) heißen die einzelnen Glaubenswahrheiten „[Glaubens]Artikel“ (lat. articulus: Glied), weil sie Teil eines organischen, als „Leib“ gedachten Ganzen sind und entsprechend zusammen gehören.

Ein Beispiel: Die Glaubenswahrheit der Aufnahme Mariens in den Himmel ist nicht verständlich, ohne die Glaubenswahrheit ihrer besonderen Begnadung, und diese wiederum ist ohne die Glaubenswahrheit der Erlösung in und durch Christus nicht einsichtig. Marias Begnadung steht so gesehen in der Hierarchie an höherer Stelle als ihre Aufnahme in den Himmel, und die Erlösung durch Christus an höchster Stelle; aber alle drei sind und bleiben wahr und verpflichtend zu glauben, keine ist unwichtig“ oder kann entfallen. Das ist es, was Hierarchie der Wahrheiten meint, nichts anderes.
Auf klug könnte man sagen: „Hierarchie der Wahrheiten“ ist ein hermeneutischer oder didaktischer Begriff, kein dogmatischer. Die „Hierarchie“ dient dem „richtigeren und tieferen“ Verständnis (vgl. UR 11) der einzelnen Wahrheiten des Glaubens im Gesamt des Glaubens, sie rührt nicht an deren Wahrheitsgehalt.

Dass die Wahrheiten des Glaubens in einer Rangordnung stehen, war immer schon im Bewusstsein der Kirche präsent, was etwa daran klar wird, dass in den wichtigsten historischen Glaubensbekenntnissen nicht alle Feinheiten des katholischen Glaubens eingeflossen sind, sondern nur seine zentralsten oder grundlegendsten Elemente. Dadurch wurde aber nie die Wahrheit und Verbindlichkeit von all dem abgelehnt, was nicht in diese aufgenommen wurde (z.B. taucht in diesen die bischöfliche Amtsstruktur der Kirche nicht auf, obwohl sie für die Bischöfe, die diese Bekenntnisse verfassten und approbierten, gewiss wichtig und verbindlich war).

Leider hat schon sehr bald, noch während des Konzils, jenes falsche Verständnis des Begriffs oftmals die Oberhand gewonnen, weswegen bereits das „Allgemeine Katechetische Direktorium“ von 1971 (das nie offiziell ins Deutsche übersetzt wurde, weil man meinte, Katechese eigentlich nicht mehr nötig zu haben) betonte:

„Diese Hierarchie bedeutet nicht, dass einige Wahrheiten weniger als andere zum Glauben gehören, sondern dass manche Wahrheiten auf anderen grundlegenderen aufbauen und von ihnen her Licht erhalten.“ (Nr. 43)

 

Die missbräuchliche Verwendung des Begriffs funktioniert indes nur, solange die so Sprechenden nicht darüber nachdenken, was sie da eigentlich sagen. Denn der Begriff „Hierarchie der Wahrheiten“ kann gar keine Wertung über die Verbindlichkeit oder Relevanz des zu Verkündigenden bezeichnen, weil eine Wahrheit nunmal eine Wahrheit bleibt, auch wenn sie zusammen mit anderen in einer „Hierarchie“ angeordnet wird. So, wie er faktisch verwendet wird, müsste der Begriff eigentlich „Hierarchie der Wahrheitsgrade“ oder „Hierarchie der Verbindlichkeiten“ heißen, dann würden der Begriff und seine Deutung zusammenpassen. (Eine Ironie dieses falschen Denkens ist, dass man damit die so genannten „Gewissheitsgrade“, die sich früher in der neuscholastischen Dogmatik großer Beliebtheit erfreuten, und die man heute nur zu gerne als unsinnig verlacht, in einer verdummten Variante wieder aufleben lässt, ohne es zu merken.) Nun heißt der Begriff aber „Hierarchie der Wahrheiten“: Die Wahrheiten bleiben Wahrheiten, sie büßen ihre wesentliche Eigenschaft des Wahrseins durch die wie auch immer vorgenommene Anordnung in der Hierarchie nicht ein; sie müssen folglich in ihrer Gesamtheit anerkannt, bejaht und bekannt werden, denn die bzw. eine Wahrheit (wir könnten auch sagen: Realität) zu leugnen ist immer ein Fehler, das wissen auch die so Sprechenden.

Die falsche Verwendung des Begriffs findet dann z.B. in dem (immer schon von unzähligen Theologen geäußerten) Vorwurf gegen den Katechismus der katholischen Kirche Ausdruck, dieser würde jene Hierarchie nicht gebührend berücksichtigen, weil dort alles einfach als „wahr“ hingestellt, und nicht nach „Wahrheitsgraden“ unterschieden würde (siehe HIER ganz unten). Diese Kritik ist Unsinn, weil „Hierarchie der Wahrheiten“ eben nichts am Wahrsein der Wahrheiten ändert. In Wirklichkeit ist der Katechismus, wie jedes gute Glaubensbuch, konsequent nach dem Prinzip der Hierarchie der Wahrheiten strukturiert, da er die Zusammenhänge der einzelnen Wahrheiten mit dem Fundament des Glaubens darlegt und verdeutlicht. Die einzelnen Wahrheiten werden dabei jeweils als wahr dargestellt, weil es eben Wahrheiten sind und bleiben. Daher heißt es auch in jenem „Allgemeinen Katechetischen Direktorium“ von 1971: „In der Heilsbotschaft besteht eine gewisse Hierarchie der Wahrheiten, die die Kirche immer anerkannt hat, wenn sie Glaubensbekenntnisse und -kompendien verfaßte.“ (Nr. 43)


Ich spare mir hier eine Auflistung aller Stellen, an denen die Päpste und ihre Dikasterien die korrekte Bedeutung des Begriffs der „Hierarchie der Wahrheiten“ immer wieder aufs neue eingeschärft haben, und beschränke mich nur auf die vermutlich aktuellste von diesen. Papst Franziskus schreibt in seinem Apostolischen Schreiben Evangelii gaudium:

„Alle offenbarten Wahrheiten entspringen aus derselben göttlichen Quelle und werden mit ein und demselben Glauben geglaubt, doch einige von ihnen sind wichtiger, um unmittelbarer das Eigentliche des Evangeliums auszudrücken. […] Man darf die Vollständigkeit der Botschaft des Evangeliums nicht verstümmeln. Außerdem versteht man jede Wahrheit besser, wenn man sie in Beziehung zu der harmonischen Ganzheit der christlichen Botschaft setzt, und in diesem Zusammenhang haben alle Wahrheiten ihre Bedeutung und erhellen sich gegenseitig.“ (Nr. 36-39)
Weiter heißt es dort:
„Das Evangelium lädt vor allem dazu ein, dem Gott zu antworten, der uns liebt und uns rettet – ihm zu antworten, indem man ihn in den anderen erkennt und aus sich selbst herausgeht, um das Wohl aller zu suchen. Diese Einladung darf unter keinen Umständen verdunkelt werden! Alle Tugenden stehen im Dienst dieser Antwort der Liebe. Wenn diese Einladung nicht stark und anziehend leuchtet, riskiert das moralische Gebäude der Kirche, ein Kartenhaus zu werden, und das ist unsere schlimmste Gefahr. Denn dann wird es nicht eigentlich das Evangelium sein, was verkündet wird, sondern einige lehrmäßige oder moralische Schwerpunkte, die aus bestimmten theologischen Optionen hervorgehen. Die Botschaft läuft Gefahr, ihre Frische zu verlieren und nicht mehr ‚den Duft des Evangeliums‘ zu haben.“ (Nr. 39)

Genau das ist seit Jahrzehnten leider in großem Umfang zu beobachten, nicht nur im ökumenischen Dialog, sondern in allen Bereichen des kirchlichen Lebens ähnelt das Ganze mehr und mehr einem Kartenhaus. Wen wunderts, dass nun mittels suizidalem Weg dasselbe zum Einsturz gebracht werden soll...es wurde ja jahrzehntelang sturmreif geschossen...

Montag, 25. Oktober 2021

Die Blindheit des Bartimäus

Ein Priester und Theologe, den ich ansonsten sehr schätze, hat gestern zur Bartimäus-Perikope (Mk 10,46-52) eine Predigt gehalten, die ich in mehrfacher Hinsicht für fraglich/falsch halte.


Zunächst wurde auf den Namen Bartimäus abgehoben, der einen "Mann ohne Eigenschaften" bezeichne, weil es eigentlich kein "richtiger" Name sei, da er wörtlich soviel wie "Sohn des Timäus" bedeute, was im Text selber ja auch so drinsteht. Nun ist es zwar richtig, dass Bar-Timäus wörtlich übersetzt "Sohn des Timäus" heißt, aber darum ist weder der Name noch sein Inhaber Bedeutungs- oder Eigenschaftslos. 

1. sagt dieser Name bereits so Manches aus: Offenbar war Bartimäus Sohn eines griechischen Vaters (denn Timaios ist ein griechischer Name) und einer jüdischen Mutter (darum jüdisch "bar": Sohn). Diese Tatsache mag für ihn bereits zu einer gewissen sozialen Ausgrenzung geführt haben.

2. ist es durchaus ein "richtiger" Name, der in der Kultur, in der er steht, sogar höchst bedeutungsvoll ist: Den Juden war ihre Abstammung ausgesprochen wichtig, so auch die Fortführung von Namen über Generationen hinweg. Darum das Unverständnis der Leute, als Elisabeth ihren Sohn Johannes nennt: "Es gibt doch niemanden in deiner Verwandtschaft, der so heißt." (Lk 1,61) Die Auslöschung oder das Vergessen eines Namens ist in dieser Kultur bis heute das schlimmste Schicksal, wogegen das Bewahren des Namens große Ehre und Gnade ist, weswegen Gott auch seinem Volk, mit dem er den Bund schließt, sagen kann, dass er ihm "Denkmal und Name" (Jes 56,5) gibt (hebr. jad waschem; davon hat jene große Holocaust-Gedenkstätte in Jerusalem [sie ist mehr als das, es ist u.a. auch eine Behörde, die Zurückkehrenden Juden die Staatsbürgerschaft verleiht] ihren Namen). Namen sind auch dann "richtig", wenn sie nicht besonders tiefgründig sind... In Italien heißen bis heute manche Männer "Primo" und "Secondo", wörtlich: "Erster" und "Zweiter" (erster Sohn, zweiter Sohn); der in Deutschland nicht seltene Name "Andreas" ist griechisch und bedeutet einfach nur "Mann" (gr. andros)... ist also ein Mann namens "Andreas" eigenschaftslos, weil sein Name einfach nur "Mann" bedeutet? (Und was sagt dieser Name über Frauen aus, die "Andrea" heißen?) [Besonders krass ist der Name Barrabas: bar abbas = Sohn des Vaters...]

Soviel dazu. Achja, und in Skandinavien ist es bis heute üblich, dass der Nachname "Sohn von..." lautet: z.B. Olafsson = Sohn des Olaf.

 

Was mich aber v.a. ins Grübeln brachte war das Insistieren des Predigers darauf, dass es hier angeblich gar nicht um eine körperliche, sondern um eine geistig/seelische Blindheit (gegenüber der Wahrheit) gehe. Dem muss man vom Textbefund her entschieden widersprechen. Zwar wird Blindheit biblisch häufig als eine geistige verstanden (aber nicht "immer", wie der Prediger meinte), die gegenüber Gott und seinem Heil als Blindheit des Verstandes oder Verirrung des Geistes gilt - darum ist Gott das Licht in der Finsternis, der "blinde Augen öffnet" (vgl. Jes 42,7; Offb 3,17) -, aber das ist hier offenkundig gerade nicht der Fall.

Einen Schritt zurück: Dass es sich um einen Bettler handelt stützt bereits eine körperliche Blindheit, denn es waren oft gerade die Lahmen und Blinden, die im Betteln ihren Broterwerb hatten, weil sie für andere Tätigkeiten nicht zu gebrauchen waren. Lahm war Bartimäus offenbar nicht, denn er springt auf und geht Jesus entgegen.

Dass Bartimäus nicht blind gegenüber Gott und seinem Heilswerk ist, nicht geistig blind oder verirrt, ist sofort überdeutlich, denn er hat offenkundig bereits von Jesus gehört und setzte bereits sein Vertrauen, seinen Glauben in ihn. Als er erfuhr, dass dieser Jesus in seiner Nähe ist, ruft er ihn sofort. Und nicht nur ruft er Jesus, etwa als "Jesus, Zimmermann aus Nazareth", wie ihn Leute benennen, die ihn nicht wirklich erkannten (vgl. Mk 6,3), sondern er ruft ihn als "Jesus, Sohn Davids", was nichts weniger als ein messianischer Hoheitstitel ist, denn aus dem Geschlecht Davids erwarteten die Juden ihren Retter (vgl. 2Sam 7,16; Röm 1,3). So heißt es in einem "Psalm Salomos" (aus dem 1. Jhd v. Chr., nicht in der Bibel, geben einen sehr getreuen Einblick in das religöse Denken der Zeit unmittelbar vor Jesu auftreten): "Sieh, Herr, darein! Lass ihren König wiederum erstehen, den Davidssohn, zur Zeit, die du erkoren, Gott, dass Israel, dein Knecht, ihm diene!" (PsSal 17,23 [Riessler])

Bartimäus ist nicht geistig/seelisch blind oder von Gott weg verirrt, im Gegenteil: Dieser (körperlich) blinde Bettler sieht mehr als alle anderen in dieser Episode, er erkennt den Messias und glaubt an ihn, dass er ihn heilen und (so wörtlich im Text) erretten kann.

Der Blinde sieht von Anfang an besser als die Sehenden, denn er sieht mit den Augen des Glaubens. Er wirft sein Obergewand fort (ein lebenswichtiges Kleidungsstück, das gerade Bettlern Nachts das Überleben sicherte) und wirft sich selbst mit aller Kraft und gegen den Schweigeruf der Umstehenden (alles körperlich Sehende!) Jesus entgegen und folgt ihm schließlich nach.

Freitag, 22. Oktober 2021

Johannes Paul II. und der Umweltschutz

»Wir wissen, wie dringend heute eine Verbreitung des Bewusstseins für die Achtung vor den Naturschätzen unseres Planeten geworden ist. Und alle sind mitbetroffen, weil die Erde, die wir bewohnen, immer klarer ihre innere Einheitlichkeit offenbart, so dass die Entscheidungen um die Erhaltung ihres Erbes alle Völker ohne Unterschied betreffen. Erhaltung und Entwicklung der Waldgebiete sind überall grundlegend für die Aufrechterhaltung und Erneuerung der natürlichen Gleichgewichte, wie sie für das Leben unerlässlich sind. Das wird heute noch deutlicher, weil wir uns bewusst geworden sind, wie dringend notwendig eine entschiedene Umkehr der Tendenz in all jenen Verhaltensweisen ist, die zu besorgniserregenden Formen der Umweltverschmutzung führen. Jeder Mensch ist gehalten, Initiativen und Handlungen zu vermeiden, die die Reinheit der Umwelt gefährden können, und da die Pflanzen in ihrer Gesamtheit für die Gleichgewichte der Natur eine unerlässliche Rolle spielen, die ihrerseits wieder für das Leben auf all seinen Stufen notwendig sind, werden ihr Schutz und die Achtung vor ihnen immer mehr eine unbedingt notwendige Forderung an den Menschen.

Für den Christen aber ist die Sorge für die Erde eine moralische Verpflichtung, "damit sie Frucht bringe und eine würdige Wohnstätte für die gesamte menschliche Familie werde" (Gaudium et spes, Nr. 57).« 

(Predigt in Visdende am 12 Juli; in: ApSt 1987, 1565)


»Es ist bezeichnend, dass in unserer Zeit angesichts dessen, was die Gefahr des "Umwelt-Holocausts" genannt wird, eine große kulturelle Bewegung entstanden ist mit dem Ziel, die Umwelt zu schützen und neu zu entdecken. Für dieses dringende Anliegen muss besonders die Jugend sensibilisiert werden. Das achtungsvolle Genießen der Natur ist als wichtiger Bestandteil ihres Erziehungsprozesses zu betrachten. Wer wirklich sich selbst finden will, muss lernen, die Natur zu genießen, deren Zauber eng mit der Stille der Kontemplation verbunden ist. Die Tonarten der Schöpfung sind gleichfalls Mittel von außerordentlicher Schönheit, durch welche die empfängliche und gläubige Seele mühelos das Echo der geheimnisvollen, höheren Schönheit vernehmen kann, die Gott selbst ist, der Schöpfer, von dem jede Wirklichkeit ihren Ursprung und ihr Leben hat.

Das heutige Fest des hl. Benedikt von Nursia, des Schutzpatrons von Europa, lädt zu dieser Suche ein. Er lebte in einer Zeit der Krise der antiken Zivilisation und gründete Klöster, die Oasen der Kontemplation und zugleich Baustellen wurden. Das Mönchtum wusste klugerweise, wie Papst Paul VI. gut beobachtet hatte, "das Kreuz, das Buch und den Pflug" miteinander zu verbinden (Pacis nuntius, 24. Oktober 1964): drei Elemente, die nie voneinander getrennt werden dürfen, will man nicht das Gleichgewicht der Person, der Gesellschaft und der Umwelt gefährden. Der benediktinische Leitspruch "Ora et labora" ist eine weise Formel, dazu bestimmt, die Herzen und die Geister zu erbauen, aber auch "die Wüsteinei und Wildnis in fruchtbare Felder und schöne Gärten zu verwandeln" (ebd.) Das Beispiel von Benedikt, den wir heute besonders verehren, helfe dem Menschen dieser Zeit, die Fähigkeit der Synthese, an die großteils die Qualität der Zukunft der Menschheit gebunden ist.«

(Angelus in Santo Stefano di Cadore am 11. Juli; in: ApSt 1993, 119-120)


»Die Schöpfung ist sozusagen die große göttliche Erzählung. Der tiefe Sinn dieses wunderbaren Buches der Schöpfung jedoch wäre für uns schwer verständlich, wenn nicht Jesus, das menschgewordene Wort, gekommen wäre, um es uns "zu erklären", indem er unsere Augen befähigt hat, in den Geschöpfen leichter die Spur des Schöpfers zu sehen.

Jesus ist das Wort, das den Sinn all dessen enthält, was lebt. Er ist das Wort, in dem der "Name" aller Dinge ruht, vom kleinsten Teilchen bis zu den riesigen Galaxien. Er selbst ist also das "Wort", voll der Gnade und Wahrheit (vgl. Joh 1,14), durch das der Vater sich selbst und seinen Willen, seinen geheimnisvollen Liebesplan und den tiefsten Sinn der Geschichte offenbart (vgl. Eph 1,9-10). In Jesus hat Gott uns alles gesagt, was er uns zu sagen hatte. 

"Ein Sämann ging aufs Feld, um zu säen" (Mt 13,3). Die Menschwerdung des Wortes ist die größte und wahrhaftigste "Aussaat" des Vaters. Am Ende der Zeiten wird die Ernte kommen: Der Mensch wird dann vor das Gericht Gottes gestellt Wenn er viel erhalten hat, wird er über vieles Rechenschaft ablegen müssen.

Der Mensch ist nicht nur für sich selbst verantwortlich. sondern auch für die anderen Geschöpfe. Er ist es im weltumspannenden Sinn: Denn an ihn ist ihr Schicksal in der Zeit und jenseits der Zeit gebunden. Wenn er dem Plan des Schöpfers gehorcht und sich ihm anpasst, führt er die gesamte Schöpfung ins Reich der Freiheit, so wie er sie durch den Ungehorsam am Anfang mit sich ins Reich der Zerstörung gerissen hat. Dies wollte der heilige Paulus uns heute in der zweiten Lesung sagen.

Seine Worte sind geheimnisvoll, aber faszinierend. Indem sie Christus aufnimmt, ist die Menschheit imstande, einen neuen Lebensstrom in die Schöpfung zu leiten. Ohne Christus bezahlt der Kosmos selbst die Folgen der menschlichen Weigerung. dem göttlichen Heilsplan in Freiheit zuzustimmen. Für unsere Hoffnung und die aller Geschöpfe hat Christus im Herzen des Menschen den Keim neuen, unsterblichen Lebens eingepflanzt. Das Samenkorn des Heils, das der Schöpfung eine neue Ausrichtung gibt: die Herrlichkeit des Reiches Gottes,

"Denn wie der Regen und der Schnee - so haben wir aus dem Buch des Prophe ten Jesaja gehört - vom Himmel fällt und nicht dorthin zurückkehrt, sondern die Erde tränkt und sie zum Keimen und Sprossen bringt.... so ist es auch mit dem Wort, das meinen Mund verlässt: Es kehrt nicht leer zu mir zurück, sondern bewirkt, ... wozu ich es ausgesandt habe" (Jes 55,11). Jeder hat deshalb die Verantwortung, "gute Erde" zu sein und Christus aufzunehmen, damit das Evangelium schon in dieser Welt und für das ewige Leben Frucht bringe. Der Christ muss darauf achten, nicht oberflächlich oder unbeständig zu sein; er darf sich nicht von den Sorgen dieser Welt und dem trügerischen Reichtum ersticken lassen (vgl. Mt 13.19-22). Indem er den Anregungen der Gnade entspricht, hat er die Aufgabe, "gute Erde" zu werden, fähig, nicht nur das Wort aufzunehmen, sondern es auch in Fülle Frucht tragen zu lassen.

Liebe Schwestern und Brüder von Santo Stefano di Cadore! Die herrliche Naturumgebung, in der sich euer Leben abspielt, hilft euch, eure Berufung als Glaubende besser zu verstehen. Indem ihr in der Umwelt die Spuren des himmlischen Vaters erkennt, sollt ihr dankbaren Herzens seine Größe preisen und euch bemühen, durch das Zeugnis eines wahrhaft christlichen Lebens auf Gottes Hochherzigkeit zu antworten.

Eure Täler hier "jauchzen, ja sie singen" wirklich (vgl. Antwortpsalm). Handelt so, dass euer ganzes Dasein die aus der Natur aufsteigende Botschaft wiedergibt und zum Lobpreis des Herrn wird, der auf die Erde kommt, sie tränkt und mit seinen Gaben erfüllt.«

(Predigt beim Sonntagsgottesdienst in Santo Stefano di Cadore am 11. Juli; in: ApSp 1993, 1002-1003)

Donnerstag, 21. Oktober 2021

Geistlicher Egoismus

Nur so ein Gedanke - kann es sein? Wir sind oft geistliche Egoisten.

Was wir beten, was wir "in Kirche" tun, muss zuweilen uns etwas bringen: uns erfüllen, uns glücklich machen. Ob es Gottesdienste, Gebete, sonstige Aktivitäten sind.

Soziales Engagement soll "mich erfüllen", sonst mach ich's nicht... Caritas als Selbstzweck?

Und wie weit entfernt sind wir oft davon, wirklich für andere zu beten... Wir tun zwar so als ob, aber dann bitte nur in der Form und in der Weise die MIR zusagt, in der ICH mich ganz wiederfinde. Gott bewahre, ich müssten z.B. einen Rosenkranz für andere aufopfern, wenn ich selbst nicht ohnehin schon begeisterter Rosenkranzbeter bin... Beten wir wirklich für andere, oder nur damit/solange wir uns dabei wohlfühlen?

Geht es denn um mich? Ist "Kirche" (als Gebetsgemeinschaft) für mich da, oder für andere? Da ich Teil der Kirche bin: Bin ich für mich da, oder für andere?

Dienstag, 19. Oktober 2021

Priester disziplinieren

Wojtyła hatte eine besondere Art, junge Priester zu disziplinieren. Einmal mußte er einen Kaplan zu sich rufen, der sich (wie der Priester später selbst sagte) eines ,,ernsten Vergehens" schuldig gemacht hatte. Bei einem langen Gespräch in seinem Büro erklärte Wojtyła dem Kaplan unmißverständlich, wie schwerwiegend sein Fehltritt gewesen sei, und tadelte ihn heftig. Danach führte der Kardinal den jungen Priester in seine Kapelle, um gemeinsam mit ihm zu beten. Der ältere Mann kniete so lange nieder, daß der Kaplan allmählich nervös wurde. In Kürze fuhr der Zug ab, mit dem er zu seiner Gemeinde zurückfahren wollte. Schließlich erhob sich Kardinal Wojtyła, schaute den jungen Mann an, den er gerade zurechtgewiesen hatte, und sagte: „Würden Sie mir jetzt bitte die Beichte abnehmen?" Sprachlos ging der Kaplan zum Beichtstuhl, und Wojtyła beichtete ihm.


Aus: George Weigel, Zeuge der Hoffnung, 202.

Freitag, 15. Oktober 2021

Warum sich niemand für unsere akademische Theologie interessiert

»Es gehört zu den Phantastereien neuzeitlichen Denkens, sich eine Theologie ohne Dogma zu konstruieren. Diese Konstruktion ist phantastisch. [...] Eine Theologie, die nicht wesentlich vom Dogma bestimmt ist, ist [...] darum Phantasterei, weil in ihr die Offenbarung in Christus nicht konkret zum Ausdruck kommt. Mag in ihr auch noch mit Einzelheiten dieser Offenbarung gerechnet sein, jede Theologie, die ernsthaft voraussetzt, dass Christus zum Himmel gefahren ist, muss sich durch das Dogma bestimmen lassen. Erst durch das Dogma wird die Theologie aus ihrer Verbindung mit den zweifelhaftesten aller Wissenschaften, den sogenannten Geisteswissenschaften, gelöst, aus dieser Umgebung von Weltgeschichte, Literaturgeschichte, Kunstgeschichte, Lebensphilosophie und wie das alles heißt. Erst durch das Dogma wird sie in eine Sphäre erhoben, in der ein Mann leben kann. Erst durch das Dogma aber wird es auch sichtbar, dass zur Offenbarung der Gehorsam gehört. Denn in dem Gehorsam, den das Dogma fordert, vollendet sich der Gehorsam gegen Christus. Wenn Christus uns auch vom Gesetze frei gemacht hat, so doch nicht vom Gehorsam. In dem Augenblick aber, wo das Dogma dahinfällt, in dem selben Augenblick verfallen wir wieder dem Gesetz. Ich bekenne aber, dass, wenn ich zu wählen hätte, ob ich dem Gesetz menschlicher Lehrmeinungen und den Schulüberzeugungen der Professoren gehorchen wolle oder dem Dogma der Kirche, ich mich ohne langes Besinnen für das letztere entscheiden würde. Doch Gott sei Dank, wir brauchen ja nicht zu wählen. Brauchen darum nicht zu wählen, weil es das Dogma gibt, auch wenn die Kirchen nichts mehr davon wissen und wenn menschlicher Unverstand gegen die Dogmen anrennt. Man klagt so oft über die Interesselosigkeit weiter Kreise gegenüber der Theologie. Es gibt ein einfaches Mittel dagegen. Man habe den Mut, wieder in der Sphäre zu leben, in der das Dogma vorkommt, und man kann gewiss sein, dass sich die Menschen für Theologie wieder interessieren werden, so interessieren werden, wie sich die Marktweiber in Konstantinopel für den Streit um das ὁμοιούσιος und ὁμοούσιος interessiert haben. Die Menschen interessieren sich nicht für unsere theologischen Schulmeinungen und privaten Überzeugungen - und sie tun gut daran -, aber sie interessieren sich leidenschaftlich für jedes echte Dogma, und sei es auch nur, dass sie dagegen protestieren und sich darüber entrüsten. Das kommt daher, dass im Dogma jeder Mensch konkret getroffen wird. Deshalb aber, weil im Dogma jeder Mensch konkret getroffen wird, deshalb gibt es nun auch die Theologie, die das Dogma in einer ganz konkreten Weise voraussetzt.«
 
Aus: Erik Peterson, Was ist Theologie?, in: ders., Theologische Traktate, München 1951, 11-43, 32-33. Diesen Vortrag hielt Peterson 1926 vor seinen evangelischen Theologenkollegen, vier Jahre vor seiner Konversion zum Katholizismus.

Mittwoch, 13. Oktober 2021

Keuschheit

Erschaffung Evas (Jim Forest)
Nicht wenige Katholiken, selbst solche, die einen Abschluss in (katholischer) Theologie oder Religionspädagogik vorzuweisen haben, verbinden mit dem Begriff „Keuschheit“ Dinge wie: Verklemmtheit, Entsagung, Zölibat, Leibfeindlichkeit. Keuschheit bedeute, auf Sex zu verzichten, ja sich geradezu selbst zu geißeln [vgl. im Englischen: chastity = Keuschheit; to chastise = züchtigen] und andere zu unterdrücken; sie sei Teil einer mittelalterlichen Moral und ist merkwürdigerweise v.a. „weiblich“ konnotiert. Warum auch immer. Der Begriff wird daher – auf diesem falschen Verständnis beruhend: zu Recht – abgelehnt. Im Folgenden sei versucht, in aller Knappheit und ohne Ausschweifungen in benachbarte Gefilde, aufzudröseln, was dieses kuriose Wort „Keuschheit“ eigentlich meint und warum es seinen schlechten Ruf nicht verdient hat


Was sagt denn die Kirche, was Keuschheit ist?

Der Katechismus der katholischen Kirche (KKK) betrachtet Keuschheit als eine „Tugend und Gabe“ die es ermöglicht „mit aufrichtigem und ungeteiltem Herzen zu lieben“ (KKK 2520). Das ist doch mal etwas in jeder Hinsicht Positives und Wundervolles; das abzulehnen wäre töricht.

Dass Keuschheit nicht das Gleiche ist wie der Zölibat, erhellt schon daraus, dass, wiederum dem Katechismus folgend, jeder Getaufte „seinem Lebensstand entsprechend ein keusches Leben zu führen“ gerufen ist (KKK 2394). Also neben zölibatär Lebenden (vgl. KKK 915: „Keuschheit in Ehelosigkeit“) auch Eheleute (vgl. KKK 2365: „eheliche Keuschheit“), Alleinstehende und was es sonst noch gibt – auch homosexuell empfindende Getaufte sind davon nicht ausgenommen (vgl. KKK 2357-59).



Keuschheit in der Natur

Das deutsche Wort Keuschheit kommt von lat. conscius, was soviel wie bewusst oder selbstbewusst bedeutet; „keusche Sexualität“ ist also vor allem eines, nämlich bewusst gelebte Sexualität, die nicht vom Tosen der Begierden hin und her getrieben, sondern vom Willen geleitet wird. Von der Unkeuschheit gilt daher folgerichtig: „sie wissen nicht, was sie tun!“ (Lk 23,34) Als Tugend ist Keuschheit etwas weltanschaulich Neutrales, sie kann ganz unabhängig von Gott oder christlicher Moral verstanden werden.

Eine der vier klassischen, schon in der vor- und außerchristlichen Antike geläufigen Grund- oder Kardinaltugenden ist die Selbstbeherrschung (etwa bei Platon und Cicero). Das griechische Wort dafür ist egkrateia, worin das Stammwort krat steckt, das wir etwa aus dem Wort „Demokratie“ kennen und das Herrschaft oder Macht bedeutet (Demo-kratie: Herrschaft des Volkes, von gr. demos). Die Vorsilbe eg kommt von en, wodurch das Wort egkrateia also ein Herrschaft in sich selbst meint: Selbstbeherrschung. Das griechische Wort kann auch Ausdauer und das Ertragen von etwas meinen. Das Gegenteil ist die Zügellosigkeit (gr. akrasia).

Ein besseres, weniger „hierarchisches“ Wort für Selbstbeherrschung mag Mäßigung sein. Hinsichtlich der Nahrungsaufnahme (oder generell des Konsums) ist ihr Gegenteil die Völlerei. Im Blick auf das Geschlechtsleben kann man die Mäßigung präziser als Keuschheit bezeichnen, deren Gegenteil die Wolllust ist. In beiden Fällen geht es, wie das Wort „Mäßigung“ schon nahelegt, nicht einfach um Verzicht, sondern um das richtige Maß und Maßhalten. (Jenes bekannte Diktum des schweizer Arztes Theophrast von Hohenheim, genannt Paracelsus, – „Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift; allein die Dosis machts, dass ein Ding kein Gift sei“ – verallgemeinernd, könnte man sagen: Das Rechte Maß bewahrt vor Schaden.)

Die Keuschheit gehört als Tugend zunächst einmal zur Naturordnung, sie ist, wie gesagt, nicht etwas spezifisch „Christliches“ oder gar mittelalterliches. Interessant ist, dass der Katechismus genau von dieser natürlichen Bedeutung ausgeht, wenn er sich dem Begriff der Keuschheit nähert. Die Geschlechtlichkeit „zeigt, dass der Mensch auch der körperlichen und biologischen Welt angehört“ (KKK 2337). Diese Tatsache macht die Sexualität aber nicht zur Sünde oder zu einer Bürde, wie das viele Sekten in der Geschichte behaupteten. Im Gegenteil: Sexualität gehört wesentlich zum Menschen als Abbild Gottes, sie gehört zu seiner Fähigkeit zu lieben und Gemeinschaft zu bilden. „Jeder Mensch, ob Mann oder Frau, muss seine Geschlechtlichkeit anerkennen und annehmen.“ (KKK 2333) Dabei handelt es sich aber um eine komplexe Wirklichkeit, sie „berührt alle Aspekte des Menschen in der Einheit seines Leibes und seiner Seele.“ (KKK 2332)



Keuschheit in Gesellschaft

Keuschheit meint mehr als bloß „Enthaltsamkeit“ im Sinne eines Verzicht auf etwas oder gar im Sinne einer Geißelung, auch wenn sie in der Vergangenheit oft in diese Richtung eingeengt wurde. Angesichts der Komplexität und Bedeutung, die der Sexualität im Menschen als Person aus Leib, Geist und Seele zukommt, kann auch die Keuschheit nicht weniger komplex sein. Die Definition des Katechismus ist hier allerdings auf den ersten Blick etwas sperrig: „Keuschheit bedeutet die geglückte Integration der Geschlechtlichkeit in die Person und folglich die innere Einheit des Menschen in seinem leiblichen und geistigen Sein.“ (KKK 2337)

Zunächst fällt auf, dass hier überhaupt nicht von Verzicht oder dergleichen die Rede ist. Die „Integration der Sexualität in die Person“ ist eine rein positive Bestimmung. Sie meint die Harmonie oder Übereinstimmung des sexuellen Empfindens wie des ganz praktischen Sexuallebens mit der Ganzheit der menschlichen Person aus Geist und Leib, also ihre Ordnung gemäß dem Mensch(s)e(i)n, ihre Vermenschlichung: Durch die Keuschheit wird die Geschlechtlichkeit „persönlich und wahrhaft menschlich“ (KKK 2337). Keuschheit bedeutet, noch immer unter Absehung des christlichen Glaubens und etwaiger göttlicher Gebote, eine vor dem Wesen des Menschen verantwortete Gestaltung der Sexualität.

Dies hat ein doppeltes Moment: Keuschheit ist einerseits ein Schutz der Integrität des Menschen vor Beeinträchtigungen und Schaden. Sie dient der (nicht nur) körperlichen Unversehrtheit, die zu den Grundrechten des Menschen gehört. Andererseits ist Keuschheit auch eine positive, fördernde Kraft.

Kleine Umleitung: Das Gegenteil der Keuschheit ist logischerweise die Unkeuschheit. Diese meint nicht nur all das, was ich selbst willentlich gegen die Keuschheit – also das rechte Maß der Geschlechtlichkeit – tue, sondern ich kann sie auch erleiden oder anderen zufügen: Mein Nächster hat, genau wie ich, ein Recht auf Keuschheit, wie er ein Recht auf körperliche Unversehrtheit hat. Somit würde ich mich schuldig machen, wenn ich sie beeinträchtige, z.B. indem ich ihn zu unsittlichen Handlungen verführe. Keuschheit ist also nicht nur etwas „für mich“, sondern sie ist auch eine wichtige zwischenmenschliche Angelegenheit und zwar sowohl im negativen Sinne der Abwendung von Schaden, wie auch im positiven Sinne der Förderung eines guten menschlichen Miteinanders. In den Worten des Katechismus: „Die Tugend der Keuschheit wahrt somit zugleich die Unversehrtheit der Person und die Ganzheit der Hingabe.“ (KKK 2337) Meine und die der anderen.

Im Kern geht es bei der Keuschheit, wie überhaupt bei der Mäßigung, um Selbstbeherrschung, mit dem Ziel dann fruchtbar und „gesund“ leben zu können. Was im Blick auf die Ernährung jedem einleuchtet, betrifft aber nicht nur diese, sondern die ganze Biologie des Menschen und darüber hinaus auch sein Seelenleben. Und noch einmal geweitet betrifft es nicht nur mich, sondern auch die Menschen um mich herum. Nochmal: Es geht bei der Keuschheit nicht nur um den (negativen) Verzicht zum Schutz vor Schaden, sondern auch um die (positive) Entfaltung für ein gelingendes, „integriertes“, integres Menschsein (lat. integer: unversehrt) – zu dem eben auch die Geschlechtlichkeit gehört: „Der keusche Mensch bewahrt die in ihm angelegten Lebens- und Liebeskräfte unversehrt. Diese Unversehrtheit sichert die Einheit der Person“ (KKK 2338).

Selbstbeherrschung, Mäßigung, Keuschheit, können allesamt auch durchaus sehr positiv verstanden werden. Jeder der ernsthaft Sport treibt weiß, dass auch Selbstbeherrschung durchaus kein negatives Wort ist, gerade wenn es nicht nur um Verzicht, sondern um eine positive Entfaltung und Entwicklung geht.

Dass Handlungen, die gegen unsere Natur verstoßen, als unkeusch zu betrachten sind, liegt somit nahe. Aber selbst dieser Naturbegriff ist heute nicht mehr selbstverständlich. Die christliche Moral setzt jedenfalls voraus, dass es eine menschliche Identität gibt, die nicht unserem Willen unterworfen, sondern vorgegeben ist, was zur Folge hat, dass auch Dinge, die ich will, gegen mein Menschsein verstoßen können. Mit „Menschsein“ ist hier indes zweierlei gemeint: Mein biologisches, irdisches Sein mit seiner ihm eigenen Würde, und meine gnadenhafte Berufung von Gott her durch die Taufe. Was uns zur spezifisch christlichen Tugend der Keuschheit als einer Gabe führt.



Keuschheit in der Bibel

Keuschheit ist auch eine Gabe und eine Gnade (vgl. KKK 2345). Jede Gabe braucht einen Geber: das ist Gott, der Quell aller Gnaden und aller Gaben.

Dem oben zum griechischen Begriff egkrateia Gesagten ist noch hinzuzufügen, wie es sich damit in der Bibel verhält. Hier ist dieser Begriff erst relativ spät hineingekommen, da es sich um ein griechisches Wort handelt. Ist er dort auch zunächst eher negativ verwendet (vgl. Sir 18,30: „Folge deinen Begierden nicht, sondern zügle dein Verlangen“), ist er doch bald auch durchaus positiv besetzt, so etwa im 4. Buch der Makkabäer (nicht im christlichen Kanon, aber in der Septuaginta, dem griechischen Alten Testament, enthalten), worin sie als „Freundin“ betitelt und in den größeren Kontext eines (jüdisch verstandenen) gottgefälligen Lebens eingebettet wird: „Nicht belügen will ich dich, du Gesetz, mein Erzieher; nicht dich fliehen, Freundin Selbstbeherrschung, nicht dich schänden, weisheitliebende Vernunft, nicht dich verleugnen, hochwürdiges Priesteramt und Gesetzeswissen.“ (4Makk 5,34-35 [Riessler]) [Ich vermute hier allerdings eine starke Überschneidung mit dem griechischen Wort sophrosyne, was gemeinhin mit „Besonnenheit“ übersetzt wird, manchmal auch mit „Mäßigung“; sie ermöglicht es nach 4Makk 5,23 u.a. „dass wir über alle Lüste und Begierden herrschen“.]

Paulus betreibt diese Selbstbeherrschung, wobei hier jenes „sportliche“ Element zum Tragen kommt, die Anstrengung um eines bestimmten Zieles willen: „Jeder Wettkämpfer lebt aber völlig enthaltsam; jene tun dies, um einen vergänglichen, wir aber, um einen unvergänglichen Siegeskranz zu gewinnen.“ (1Kor 9,25) Der Begriff kommt im Neuen Testament relativ selten vor, in den Evangelien gar nicht. Dieses Faktum allein sagt jedoch nichts über seinen Stellenwert aus. Zwei Stellen sind für uns besonders interessant:

Als Tugend wird die Mäßigung/Enthaltsamkeit/Keuschheit etwa in Apg 24,24-25 erwähnt: „Einige Tage darauf erschien Felix mit seiner Gemahlin Drusilla, einer Jüdin, ließ Paulus holen und hörte ihn an über den Glauben an Christus Jesus. Als aber die Rede auf Gerechtigkeit, Enthaltsamkeit und das bevorstehende Gericht kam, geriet Felix in Furcht und unterbrach ihn: Für jetzt kannst du gehen; wenn ich Zeit finde, werde ich dich wieder rufen.“

Der Autor der Apostelgeschichte nennt drei Punkte um den „Glauben an Christus“, wie ihn Paulus in diesem Gespräch bekannte, zusammenfassen: Gerechtigkeit, Keuschheit, Gericht. „Gerechtigkeit“ meint hier das sittliche Handeln gegenüber anderen Menschen, „Keuschheit“ das sittliche Handeln an sich selbst, und „Gericht“ das, worauf diese beiden sittlichen Pflichten, wenn sie erfüllt werden, vorbereiten. Das erinnert stark an den jüdischen (aber nicht in der Bibel zu findenden) Aristeasbrief (2. Jhd. v. Chr.), wo es heißt: „Das Tugendhafte Verhalten aber verhindert die Hingabe an ein Genießerleben und heißt Mäßigkeit [egkrateia] und Gerechtigkeit vorziehen. All dies steht aber unter Gottes Leitung.“ (Arist 278 [Riessler]) Die Keuschheit dient für Paulus im Gespräch mit dem Statthalter Felix also zusammen mit der Gerechtigkeit als Zusammenfassung der ganzen christlichen Lebensführung, wie sie sich aus dem christlichen Glauben ergibt. Angesichts dieses Bekenntnisses des Paulus zum christlichen Lebenswandel im Angesicht des Gerichts geraten Felix und seine Frau in „Furcht“ (Apg 24,25) und sie schicken Paulus weg (zurück ins Gefängnis). Diese Reaktion erinnert frappierend an das Vorgehen vieler moderner Theologen.,..

Eine zweite Stelle ist die Abfolge, die der Apostel Petrus für die Glaubensentwicklung in 2Petr 1,5-7 darlegt: „Darum setzt allen Eifer daran, mit eurem Glauben die Tugend zu verbinden, mit der Tugend die Erkenntnis, mit der Erkenntnis die Selbstbeherrschung, mit der Selbstbeherrschung die Ausdauer, mit der Ausdauer die Frömmigkeit, mit der Frömmigkeit die Brüderlichkeit und mit der Brüderlichkeit die Liebe!“

Es handelt sich hier um eine sprachliche Ausdrucksform, die im antiken Christentum häufiger begegnet, auch in der Bibel, und die gewissermaßen eine Zusammenfassung der christlichen Ethik bieten möchte. Eine Kurzform davon ist etwa der bekannte Dreipass „Glaube – Hoffnung – Liebe“ (vgl. 1Kor 13,13). Meist ist hier der Glaube an den Anfang gesetzt – denn mit ihm beginnt das christliche Leben – und die Liebe ans Ende – denn in ihr Erfüllt es sich, kommt zur höchsten Blüte. (Wobei hier nicht ein Gefühl, die romantische Liebe gemeint ist, sondern die brüderliche Liebe zu den Menschen und die ergebene Liebe zu Gott; eine Liebe, die sehr wohl per Gebot verordnet werden kann: „Liebt einander!“ und „Liebt Gott!“, vgl. 5Mose 11,13.22; Joh 15,12.17). Für uns ist nun wichtig, dass auch der Keuschheit hier eine wichtige Stellung zukommt. Es ist hier nicht der Raum, allen diesen Begriffen nachzugehen, es genügt zu wissen, dass die Keuschheit ganz zu Recht zwischen der Erkenntnis (darüber, was gut und böse, richtig und falsch ist) und der Ausdauer (oder: Geduld, Standhaftigkeit) eingeordnet wird, denn ohne das Wissen darum, was zu meiden und was zu suchen ist, kann ich nicht keusch leben; zugleich kann ich dem mich versuchenden Andrängen der Welt nicht standhalten, wenn ich dies nicht auch hinsichtlich meiner körperlichen Veranlagung und Bedürfnisse tue.

Aus dem geringen Vorkommen der Vokabel egkrateia – insbesondere aus ihrem Fehlen in den Evangelien – und der Tatsache, dass sie erst spät aus dem griechischen übernommen wurde, wollen nicht wenige Theologen gerne ableiten, dass Keuschheit für das Christentum eigentlich keine Rolle spielt; ja, dass es überhaupt keine Basis für eine christliche Askese gäbe, sondern nur der Glaube oder die Berufung auf Gott gelte (also: Protestantismus). Das ist natürlich Unfug. Jesus hielt offenkundig die Keuschheit für höchst bedeutsam, auch wenn das Wort selbst in den Evangelien nicht aus seinem Mund überliefert ist (warum auch? er hielt schließlich keine Seminare über griechische Philosophie ab!). Seine übertreibende Warnung vor dem Ehebruch (vgl. Mt 5,28: „wer eine Frau auch nur ansieht, um sie zu begehren…“) und die Verschärfung des Scheidungsverbots (vgl. Mt 19,8: „am Anfang war das nicht so…“), sind nichts anderes als konkrete Beispiele für die Anforderungen eines keuschen Lebenswandels. Insgesamt verlangt Jesus also auch im Geschlechtsleben unbedingte Lauterkeit im Tun wie im Denken. Die Ehelosigkeit um des Himmelreiches Willen, als eine Art Hochform der Keuschheit, ist seine ureigene Erfindung – weder im Judentum noch im damaligen Heidentum wäre man je auf einen solchen Gedanken gekommen. 

Jesus Christus selbst ist das wichtigste Vorbild und der Maßstab der Christen für einen keuschen Lebenswandel, auch wenn er selbst sie nur in der Form lebte, wie sie den Ehelosen geboten ist. Christus ist der Bräutigam der Seele, darum lässt die Keuschheit „den Jünger Christi erkennen, wie er Jesus nachfolgen und ähnlich werden kann. Jesus hat uns zu seinen Freunden erwählt, sich uns ganz hingegeben und lässt uns an seinem Gottsein teilhaben.“ (KKK 2347)

Keuschheit ist dem Neun Testament zufolge also nicht optional, sondern gehört zum Weg des Glaubens dazu. Ein keusches, d.h. das gesunde Maß wahrendes Leben verwirklicht insbesondere die Liebe zu sich selbst im Sinne des zuvor aus Apg 24 zitierten, und damit den letzte Teil des dreifachen biblischen Liebesgebots: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben […] und deinen Nächsten wie dich selbst“ (Lk 10,27), das auch Paulus und Jakobus aufgreifen (vgl. Röm 13,19; Gal 5,14; Jak 2,8). Die Keuschheit ist schließlich auch eine der Früchte des Heiligen Geistes, die Paulus den Galatern aufzählt: „Die Frucht aber des Geistes ist Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, Keuschheit“ (Gal 5,22-23). Paulus scheint hier nicht grundlos die Keuschheit, d.h. die Mäßigung im Geschlechtsleben, als Letzte in einer Reihe von v.a. geistigen Tugenden genannt zu haben, denn er fährt sogleich mit einer „körperlichen“ Metapher fort, wobei für ihn (wie für Johannes) „Fleisch“ auch einfach ein Wort für das Sündhafte, Unchristliche sein kann (im Gegensatz zu „Geist“), was dann körperliche wie geistige Laster meint: „Die zu Christus Jesus gehören, haben das Fleisch und damit ihre Leidenschaften und Begierden gekreuzigt. Wenn wir im Geist leben, lasst uns auch im Geist wandeln!“ (Gal 5,24-25) Zu meinen, Keuschheit sei wenig Bedeutsam im Neuen Testament, wenn ein Gutteil der neutestamentlichen Schriften das „Fleisch“ als Gegensatz zum „Geist“ sehen, ist schon ziemlich verquer.

„Fleischliche Gesinnung“, Unzucht, Schamlosigkeit, Unreinheit, Gräuel – biblische Gegenbegriffe zur Keuschheit, die wir getrost mit dem Begriff „Unkeuschheit“ zusammenfassen können – sind unbedingt zu meiden. In den Sündenkatalogen tauchen sie immer wieder auf (vgl. Mk 7,21-22), und die Christen sollen auch keine Tischgemeinschaft mit denen haben, die solches tun (vgl. 1Kor 5,11); vielmehr sollen diese Neigungen „getötet“ werden (vgl. Kol 3,5). Paulus stellt daher fest: „Der Leib ist aber nicht für die Unzucht da, sondern für den Herrn“ (1Kor 6,13). Ja, die Unkeuschheit ist für ihn sogar viel gravierender als andere Sünden, gerade weil sie den eigenen Leib betreffen: „Meidet die Unzucht! Jede Sünde, die der Mensch tut, bleibt außerhalb des Leibes. Wer aber Unzucht treibt, versündigt sich gegen den eigenen Leib.“ (1Kor 6,18) Wer der Unkeuschheit verfällt, kann nicht in das Himmelreich kommen (vgl. Eph 5,5; Offb 1,27). Kein Wunder also, dass für Paulus die körperliche Unversehrtheit von der Sünde (= Keuschheit) eine enorm hohe Priorität genießt bis dahin, dass er wünscht, alle würden, wie er selbst, ehelos leben (vgl. 1Kor 7,7). Wobei er weise genug ist zu wissen, dass das Geschlechtliche nicht per se sündhaft ist (s.u.).



Keuschheit in der Kirche

Die Keuschheit spielte in der frühen Kirche eine große Rolle, denn sexuelle Freizügigkeit war sicherlich eine der prominentesten Erscheinungen, mit denen sich die Christen damals (wie heute) auseinandersetzen mussten. Das zeigt die große Radikalität, mit der die Keuschheit bis zum völligen Verzicht auf Sex – „um des Himmelreiches Willen“ – geübt wurde, insbesondere in der Form des enthaltsam lebenden Klerus‘ (Enthaltsamkeitszölibat als Vorstufe zum Ehelosigkeitszölibat) und dem nach und nach sich entwickelnden Mönchtum. [Auch hier ist Keuschheit geboten: Der Zölibatär ist nicht asexuell, sondern genauso ein sexuelles Wesen wie alle anderen auch… und darum muss auch er bewusst (keusch) damit umgehen; wer sich für dieses Leben entscheidet, der ordnet seine Sexualität, seinen Eros bewusst so, dass alle seine Liebe auf Gott gerichtet ist.] Zudem gab es sektiererische Abirrungen, wie etwa die Enkratiten (eben von jenem griechischen Wort egkrateia abgeleitet), aber auch Markioniten und andere, die das Leibliche generell unter Verdacht stellten und so Sex grundsätzlich als sündhaft betrachteten – etwas, was die Kirche nie gelehrt hat.

Es wurde zuvor erwähnt, dass laut dem Katechismus alle Getauften zur Keuschheit ge- bzw. berufen sind (vgl. 1Thess 4,7). Stellt sich raus, dass dies nicht alles ist: Mit der Taufe geht nach katholischem Verständnis sogar eine Pflicht zur Keuschheit einher (vgl. KKK 2355), sie ist ein Gebot, kein Angebot. Das passt zum dargelegten biblischen Befund. So ist Keuschheit nicht nur die rechte, dem Wesen des Menschen gerecht werdende Gestaltung der Sexualität, sie ist es auch vor dem Angesicht Gottes. Das ist sie aus christlicher Sicht bereits hinsichtlich der Natur des Menschen – denn diese ist von Gott geschaffen –, aber mehr noch und deutlicher (von der nichtchristlichen Umwelt unterscheidend) im Lichte der Gebote, der Berufung und der uns Geschenkten Gaben Gottes. Insbesondere ist hier der Heilige Geist zu nennen: „wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt und den ihr von Gott habt?“ (1Kor 6,19) Weil Christen nicht an ein irgendwie geistiges Nirvana, sondern an die leibliche Auferstehung glauben, ist der Leib heilig zu halten, denn er ist nicht unser Eigentum, Christus hat ihn – d.h.: uns – teuer erkauft, darum fährt Paulus unmittelbar an das zuvor Zitierte anschließend fort: „Ihr gehört nicht euch selbst; denn um einen teuren Preis seid ihr erkauft worden. Verherrlicht also Gott in eurem Leib!“ (1Kor 6,19-20; vgl. 7,23) Was ist das anderes, als ein Aufruf zur Keuschheit?

Als vom Herrn Erkaufte sollen wir uns selbst und unsere Mitmenschen als Geschöpfe achten, und, so sie Getaufte sind, auch als Miterben am Reich Gottes. Ein rein animalisches Triebleben, das den anderen weder als Mensch, noch als Geschöpf (noch als Christ) ehrt, ist darum immer ein Verstoß gegen die Keuschheit – und zwar der eigenen, wie der des/der anderen. Keuschheit hat ihren ganzen Sinn und Zweck aus christlicher Sicht darin, dass die Sexualität „in die Beziehung von Person zu Person, in die vollständige und zeitlich unbegrenzte wechselseitige Hingabe von Mann und Frau eingegliedert“ wird (KKK 2337). Keuschheit ist das Bewusstsein, dass Sexualität mehr ist als was die Welt (z.B. die Wissenschaft) darüber zu sagen weiß; Sex ist in sich ein „Schöpfungsgut“ (Lust, Sprache der Liebe) und er gibt auch direkt Anteil am Schöpfungswerk Gottes, da bei der Zeugung Gott selbst die Seele des neu entstandenen Menschen erschafft. Daraus erhellt, dass Sexualität ihren Ort nur in der Ehe zwischen einem Mann und einer Frau haben kann, was von der geschaffenen Natur („als Mann und Frau schuf er sie“) wie von den Geboten Gottes her ohne Alternative ist.

Aber ebenso wäre eine vergeistigte, die Natur verachtende Sexualität, die etwa die Freude oder die Befriedigung ablehnt, ein Verstoß gegen die Keuschheit, weil auch das dem von Gott gewollten komplexen Sinn und Ziel der Sexualität widersprechen würde: Das Lustempfinden gehört zur von Gott geschaffenen Natur dazu. Es darf bloß nicht verabsolutiert, d.h. herausgelöst werden aus dem ihm von Natur aus eigenen und gebotenen Kontext. Tatsächlich wäre das Vorenthalten der geschlechtlichen Liebe in der Ehe aus einem ungerechten (z.B. böswilligen) Grund nicht minder ein Verstoß gegen die Keuschheit. Pointiert formuliert: Kein Sex in der Ehe (ohne triftigen Grund) ist ein Fall von Unkeuschheit. Darum mahnt Paulus die Eheleute: „Entzieht euch einander nicht, außer im gegenseitigen Einverständnis und nur eine Zeit lang, um für das Gebet frei zu sein! Dann kommt wieder zusammen“ (1Kor 7,5).

So wird deutlich: Keuschheit ist nicht leibfeindlich. Sie ist, richtig verstanden, die höchst mögliche Leibfreundlichkeit, weil sie diesen Leib als zum Wesen des Menschen (als Geschöpf Gottes) gehörend anerkannt und heiligen will. Der Leib „gehört“ nicht dem Menschen, ein Mensch „hat“ nicht einen Leib, sondern er „ist“ dieser Leib (und der Geist und die Seele). Genau darum ist der Leib genauso zu achten, zu schützen, aber auch zu lieben wie der Mensch insgesamt. Ich bin überzeugt: Keine Religion oder Philosophie oder sonst ein Gedankengebäude in der Geschichte der Menschheit nimmt den Menschen als Ganzen so ernst und schätzt ihn so hoch, wie die katholische Sexualmoral, in deren Kern der Ruf zur Keuschheit steht. Siehe „Theologie des Leibes“. Wahre Liebe ist immer keusch, sei es die Freundschaft (Agape; vgl. KKK 2347), aber auch und gerade die erotische Liebe (Eros).

Keuschheit ist nicht eine irgendwie bloß nachgeordnete Tugend, auch wenn ihr insbesondere in den Ermahnungen Jesu und der Apostel stets etwa die Nächstenliebe vorausgeht. Sie ist, wie bereits dargelegt, vielmehr ein essentieller Ausdruck der Selbst- und Nächstenliebe, „eine Schule der Selbsthingabe. Die Selbstbeherrschung ist auf die Selbsthingabe hingeordnet.“ (KKK 2346) Dadurch hat die Keuschheit zugleich, wie jeder wahre Dienst der Liebe, einen deutlichen Verweischarakter auf Gott: „Die Keuschheit lässt den, der ihr gemäß lebt, für den Nächsten zu einem Zeugen der Treue und der zärtlichen Liebe Gottes werden.“ (KKK 2346) Wenn die Unkeuschheit vom Reich Gottes ausschließt, so verheißt die Keuschheit ewiges Leben (vgl. KKK 2347). Schließlich ist kaum zu leugnen, dass jeder Getaufte nicht nur für seine eigene Keuschheit zu sorgen hat, sondern auch die Unversehrtheit anderer achten und schützen soll, soweit es an ihm liegt; auch das ist ein Dienst der Nächstenliebe. Eine konkrete Lektion, was diese doppelte Dimension der Keuschheit betrifft, bietet Paulus im Blick auf die Ehe an, wenn er schreibt: „Das ist es, was Gott will: eure Heiligung – dass ihr die Unzucht meidet, dass jeder von euch lernt, mit seiner Frau in heiliger und achtungsvoller Weise zu verkehren, nicht in leidenschaftlicher Begierde wie die Heiden, die Gott nicht kennen“ (1Thess 4,3-5).



Keuschheit und Scham

Nach dem Philosophen Max Scheler ist die Scham das „Gewissen der Liebe“, die jede Verzweckung und Berechnung der Sexualität meiden hilft und zu ihrer Humanisierung beiträgt. Sie kommt damit der Keuschheit sehr nahe, nur dass es sich bei der Scham um eine natürliche, quasi instinktive Anlage im Menschen handelt, die schon bei kleinen Kindern auftritt, während das, was wir hier Keuschheit genannt haben, eine willentliche Handlungs- und Denkweise meint: „Die Keuschheit ist eine persönliche Aufgabe; sie erfordert aber auch eine kulturelle Anstrengung […]. Die Keuschheit setzt die Achtung der Menschenrechte voraus, insbesondere des Rechtes auf Bildung und Erziehung, welche die sittlichen und geistigen Dimensionen des menschlichen Lebens berücksichtigen.“ (KKK 2344)

Scheler zufolge ist die Scham nicht, wie gemeinhin behauptet wird, anerzogen, sondern es ist im Gegenteil die Schamlosigkeit, die anerzogen wird, und ebenso die falsche Scham (Prüderie); beides verhindert echte Liebe, Partnerschaft und Hingabe. Das rechte Schamgefühl gehört zu einem gesunden Menschen natürlicherweise dazu, während es beim Tier fehlt. Man hat einen absichtlichen Abbau des Schamgefühls mit der Beeinträchtigung des Immunsystems verglichen, womit wir wieder beim Recht auf Unversehrtheit wären.

Für den Theologen Helmut Thielicke bilden Scham und Erkenntnis eine Einheit, da die Geschlechtlichkeit ein Geheimnis sei, das nicht unrechtmäßig enthüllt werden dürfe, um nicht verletzt zu werden. Ähnlich heißt es im Katechismus: „Die Schamhaftigkeit schützt das Geheimnis der Personen und ihrer Liebe. Sie lädt zu Geduld und Mäßigung in der Liebesbeziehung ein; sie verlangt, dass die Bedingungen der endgültigen Bindung und wechselseitigen Hingabe von Mann und Frau erfüllt seien.“ (KKK 2522) Darum ist es so überaus sinnig, dass in der biblischen Sprache „erkennen“ ein Ausdruck für den Geschlechtsakt ist. Erkenntnis meint hier nicht das empirische, aufklärerische Erlangen von Wissen, sondern das innere, existentielle Sich-Erkennen zwischen zwei Personen in ihrer ganzen Würde und ohne Abstriche, weswegen beispielsweise künstliche Empfängnsiverhütung unzulässig ist: „Ich gebe mich dir hin und nehme dich an, ohne etwas auszuschließen, auch nicht unsere jeweilige Fruchtbarkeit.“

 

Die Keuschheit „ermöglicht, mit aufrichtigem und ungeteiltem Herzen zu lieben“ (KKK 2520), sie führt „zu einer Gemeinschaft im Geist.“ (KKK 2347).

Samstag, 9. Oktober 2021

Jesus auf Augenhöhe?

Recht bekannt ist diese koptische Ikone, die Christus und den Abbas Menas zeigt.

Die Darstellung erfreut sich keiner geringen Beliebtheit, um damit Gottes "Freundschaft" zu uns Menschen auszudrücken. Schau her, sagt man uns: Wir sind mit Gott auf Augenhöhe!

Man sollte allerdings generell vorsichtig damit sein, moderne westliche Maßstäbe und Konventionen an eine 1200 Jahre alte ägyptisch Bildsprache anzulegen, damit baut man sich Luftschlösser, verfehlt aber eher die eigentliche Botschaft des Bildes. Ich musste mir das Lachen verkneifen, als mir das Bild vor einer Weile wieder einmal mit der begeisterten Beteuerung der Augenhöhe vorgestellt wurde: Vor Jesus sollten wir nicht knien, sondern aufrecht stehen, schließlich sei Gott Mensch geworden, um mit uns auf Augenhöhe zu kommen. Wie ein guter Freund legt er sogar seinen Arm um uns.

Ähem... Ja... Ja, die beiden Figuren schauen sich ganz dezent gegenseitig an, aber wenn man genau hinsieht, dann fällt auf, dass Jesus hier überhaupt nicht auf Augenhöhe mit Menas steht: Seine Augen, ja seine ganze Statur liegen deutlich höher, was durch den höher gesetzten Nimbus noch betont wird.

Die Hand, die Christus auf die rechte Schulter des Menas legt ist auch weniger eine Geste der Freundschaft ("Kumpel-Christus"), sondern sie zeigt klar das Verhältnis zwischen Herr und Untergebenem an. Manche Forscher deuten die Geste auch als Vorstellung: Der Heilige Abt wird von Christus dem Volk als Vorbild vorgestellt. In Jedem Fall gibt es aber eine klare Hierarchie: Christus nimmt ihn an, beschirmt ihn und stellt ihn dem Betrachter vor, wodurch der Heilige gewissermaßen auch beauftragt wird, Vorbild zu sein. Die Hierarchie wird auch daran deutlich, dass der Abbas auf Christus hinweist: um diesen geht es. Und während der Abbas nur eine kleine, kaum erkennbare Schriftrolle hält, trägt Christus einen großen verzierten Codex, d.h. Menas ist nur ein Fünklein, Christus ist die Sonne. Dieser Christus ist schließlich auch offenkundig in die edleren Kleider gehüllt und damit klar als höherstehend, genauer: als Herrscher ausgewiesen, denn er trägt den königlichen Purpur, während Menas eher erdfarben daherkommt.

Was das In-den-Arm-nehmen angeht: Die Umarmung durch Christus findet andernorts in der christlichen Ikonographie Ausdruck, aber auch dort hat sie nichts Kumpelhaftes; vgl. meinen Beitrag HIER dazu.

"Freund Gottes" ist ein Status, der den Heiligen vorbehalten ist und den wir auf Erden noch erringen müssen, denn wir haben im Ungehorsam, d.h. durch die Sünde, die paradiesische Freundschaft Gottes verloren (vgl. 4. Hochgebet; KKK 374). Das Angebot dieser Freundschaft ist in der Menschwerdung, sowie in Tod und Auferstehung Jesu an alle Menschen ergangen (Gott redet "aus dem Übermaß seiner Liebe die Menschen wie Freunde an und verkehrt mit ihnen", Dei Verbum 2), aber sie müssen diese Einladung auch annehmen - und bewahren: "Gott zeigt seine Allmacht darin, dass er uns von unseren Sünden bekehrt und durch die Gnade wieder zu seinen Freunden macht." (KKK 277) Auch die "Freundschaft" des Paradieses, die Gott uns neu anbietet, und die wir annehmen sollen, bleibt asymmetrisch, unvergleichbar jeder menschlichen Freundschaft, denn Christus bleibt der Herr und Herrscher, Gott bleibt Gott:

»Gott hat den Menschen nach seinem Bilde geschaffen und in seine Freundschaft aufgenommen. Als geistbeseeltes Wesen kann der Mensch diese Freundschaft nur in freier Unterordnung unter Gott leben. Das kommt darin zum Ausdruck, dass den Menschen verboten wird, vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse zu essen, „denn sobald du davon isst, wirst du sterben“ (Gen 2, 17). Dieser „Baum der Erkenntnis von Gut und Böse“ erinnert sinnbildlich an die unüberschreitbare Grenze, die der Mensch als Geschöpf freiwillig anerkennen und vertrauensvoll achten soll. Der Mensch hängt vom Schöpfer ab, er untersteht den Gesetzen der Schöpfung und den sittlichen Normen, die den Gebrauch der Freiheit regeln.« (KKK 396)

"Freunde Gottes" sind in der Bibel Ausnahmegestalten wie Abraham (vgl. Jes 41,8), indirekt auch Mose (vgl. Ex 33,11), oder besonders Fromme Menschen (vgl. Ps 60,7; 127,2). Im Neuen Testament wird wiederum nur Abraham als "Freund Gottes" gewürdigt (vgl. Jak 2,23), die Christen werden nie als "Freunde Gottes" beschrieben und Jesus wird nie als Freund verkündet, sondern stets als "Herr" (vgl. hier). Abt Menas kann als Freund Gottes bzw. Jesu betrachtet werden, insofern er die Herrlichkeit des Himmels bereits erlangt hat (vgl. KKK 1023). Uns wird er darum von Jesus als Vorbild vorgestellt, dem wir nacheifern sollen, damit auch wir diese Freundschaft wiedererlangen in unserer Ergebung in den Willen des Herrn. Das ist vielleicht die - realistische, christliche - Botschaft dieser Ikone.

Freitag, 8. Oktober 2021

Irenäus von Lyon, Kirchenlehrer

Papst Franziskus hat angekündigt, dem Kirchenvater Irenäus von Lyon den Titel eines Kirchenlehrers zu verleihen. Das ist sehr zu begrüßen. Irenäus war, ohne jede Übertreibung, der wichtigste christliche Denker des 2. Jahrhunderts und er ist der beste Beleg dafür, dass so ziemlich alles, was Katholiken heute glauben, auch schon damals geglaubt wurde. Er wird (vielleicht genau darum) heute kaum noch wahrgenommen. Ich war froh, ihn schon vor meinem Theologiestudium kennengelernt zu haben. Irenäus beschreibt an einer Stelle sehr schön das Treiben der Mehrheit unserer heutigen Theologen und Kirchenfunktionäre in Deutschland, etwa auf dem suizidalen Weg, das in 1840 Jahren offenbar keinen merklichen argumentativen Fortschritt gemacht hat:

»Widerlegt man nämlich die Häretiker aus den Schriften, dann erheben sie gegen eben diese Schriften die Anklage, dass sie nicht zuverlässig seien, keine Autorität besäßen, auf verschiedene Weise verstanden werden könnten, und dass aus ihnen die Wahrheit zu finden nur die imstande seien, die die Tradition verstünden. Diese sei nämlich nicht niedergeschrieben, sondern werde durch die lebendige Stimme überliefert, weswegen auch Paulus sage: „Weisheit reden wir unter den Vollkommenen, aber nicht die Weisheit dieser Welt“ (1Kor 2,6). Unter dieser Weisheit versteht jeder von ihnen natürlich das von ihm erfundene System, so dass nach Ihnen die Wahrheit bald bei Valentinus, bald bei Markion, bald bei Cerinth ist. Später war sie natürlich bei Basilides oder bei einem seiner Widersacher, der auch nichts Rechtes vorbringen konnte. Denn verdreht sind sie alle, und trotzdem schämen sie sich nicht, sich selbst als die Richtschnur der Wahrheit hinzustellen.
 

Berufen wir uns aber ihnen gegenüber auf die apostolische Tradition, die durch die Nachfolge der Priester [ließ: Bischöfe] in der Kirche bewahrt wird, dann verwerfen sie wieder die Tradition, nennen sich klüger als Priester und Apostel und sagen, sie hätten allein die Wahrheit gefunden. Die Apostel hätten den Worten des Heilandes noch allerlei aus dem Gesetz beigemischt; und nicht bloß die Apostel, sondern auch der Herr habe seine Aussprüche teils vom Demiurgen, teils aus dem Ort der Mitte, teils von dem Allerhöchsten [d.h. aus unzuverlässigen, widersprüchlichen Quellen]. Sie aber wüssten klar, rein und schlicht das darin verborgene Geheimnis – fürwahr, eine ganz unverschämte Gotteslästerung! So stehen sie also weder auf dem Boden der Schrift, noch der Tradition.« (Gegen die Häresien III,2,1-2)