Montag, 26. Juni 2023

Erzbischof Johannes Dyba über den Fortschritt

'Konservativ' genannt zu werden, war einem früher eher peinlich. Nach dem Schicksal, das die sogenannten 'Fortschrittlichen' in den letzten Zeiten erfahren mussten, ist es nicht mehr ganz so unangenehm. Auf dem Gebiet von Wissenschaft und Technik haben sich die Grenzen und Gefahren des 'Fortschritts ja überdeutlich gezeigt. Aber auch auf politischem und gesellschaftlichem Gebiet haben Strömungen wie Marxismus und Sozialismus in all ihren Formen, die ja lange Jahre den Fortschritt geradezu zu verkörpern behaupteten, uns an den Rand des Abgrunds geführt. Am Abgrund aber ist nun wirklich jeder weitere Fortschritt tödlich.

Es zeigt sich immer deutlicher, daß man den Fortschritt nicht so naiv wie bisher als etwas Wünschenswertes begrüßen darf, ohne zu prüfen, wovon er eigentlich 'fort'schreitet und zu welchem Ziel er hinschreitet. Ein Beispiel mag das veranschaulichen. Wenn demnächst, wie bei der jetzigen Entwicklung mit Sicherheit zu erwarten ist, der bereits gefundenen sanften Babytötungspille die sanfte Einschläferungspille für Oma und Opa folgt, dann ist das rein pharmazeutisch gesehen zwar ein Fortschritt, menschlich gesehen aber ein Rückschritt in die Ära steinzeitlicher Nomaden, die beim Weiterziehen ihre hilflosen Alten im Schnee zurückließen, weil sie für den Stamm eine für unzumutbar gehaltene Belastung darstellten.

Auch dem verlorenen Sohn" erschien der Aufbruch aus dem Vaterhaus mit prall gefüllten Beuteln sicher als ein Fortschritt. Später musste er dann einsehen, dass der wahre Fortschritt in der Rückkehr zum Vater bestand.

Damit sind wir bei der Frage des Fortschritts in Christentum und Kirche. Was hier neuerdings an Fortschritten verlangt und an 'Fortschrittlichem' angepriesen wird, muss ebenso kritisch geprüft werden. Wenn sich dann – wie im Fall Drewermann – herausstellt, dass die Preisgabe elementarer Bestandteile des katholischen Glaubens, ja sogar von Teilen des Credo ('Empfangen vom Heiligen Geist, geboren aus Maria, der Jungfrau') als besonders fortschrittlich gilt, dann liegt, wie Reinhard Löw richtig bemerkt hat, die Konsequenz nahe, dass der fortschrittlichste Christ der ist, der sich bemüht, das Christentum und damit die Kirche überhaupt abzuschaffen.

Demgegenüber muss auffallen, dass die Predigt Jesu, ebenso wie die seines Vorläufers Johannes mit einem klaren 'Kehrt um!' beginnt. Schon den Propheten des Alten Bundes war aufgefallen, dass Fortschritte" im politischen, kriegerischen, vor allem aber wirtschaftlichen Bereich die Tendenz hatten, das Volk Gottes vom Herrn zu entfernen. Immer wieder rufen sie daher das Volk 'zurück' zum Herrn, was schon damals – wie das Schicksal so vieler Propheten zeigt – keine angenehme oder dankbare Aufgabe war.

Da das Ziel des Christseins in der Nachfolge Christi liegt, sind die fortschrittlichsten Christen die Heiligen. Daran muss sich jeder messen lassen und das muss begreifen, wer in der Kirche von Fortschritt reden will: Nur wenn ich auf Gott zugehe, ist jeder Schritt ein echter Fortschritt, entferne ich mich aber von Gott und seinen Geboten, dann habe ich allen Fortschritt hinter mir gelassen. So wünsche ich allen Gläubigen in diesem Jahre einen wirklichen Fortschritt: dass sie am Ende des Jahres Gott einen Schritt näher gekommen sein mögen - nicht nur im Ablauf der Zeit, sondern auch in ihrem ganzen Sein und Leben.
 
 
(aus: Klein/Sinderhauf, "Unverschämt katholisch", 223-224)