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Dienstag, 26. Oktober 2021

Hierarchie der Wahrheiten


Im Dekret des Zweiten Vatikanischen Konzils über den Ökumenismus, Unitatis redintegratio (UR), taucht der Begriff „Hierarchie der Wahrheiten“ auf (UR 11). Dieser Begriff hat seit dem eine erstaunliche Karriere hingelegt, denn er ist in die Alltagssprache vieler Kirchenleute und Theologen übergangen, auch weit jenseits des Themas Ökumene.

Leider wird der Begriff meistens falsch bzw. missbräuchlich verwendet. Und zwar auf die Weise, dass damit ausgesagt werden soll, dass es „wichtige“ und „weniger wichtige“, und sogar „unwichtige“ Glaubensinhalte gäbe, wobei man sich insbesondere bei der Verkündigung (Katechese, Predigt, mediale Auftritte) auf die wichtigen konzentrieren solle. Welcher hierarchische Rang einer einzelnen Glaubenswahrheit zukommt, liegt derweil meist im Ermessen des Einzelnen, aber recht beliebt ist es, nur das als „wichtig“ zu deklarieren, was im Glaubensbekenntnis steht, wobei aber diese Regel sogleich wieder gebrochen wird, denn die Jungfrauengeburt gehört diesen Verkündern zufolge sicherlich nicht zur „wichtigen“ Kategorie, und auch die Dreifaltigkeit Gottes wird zuweilen nicht in den oberen hierarchischen Rängen positioniert, da sie unverständlich sei. Mein Eindruck ist, dass meist nach dem religionsphilosophischen Modell verfahren wird: Was die meisten Menschen glauben, das ist in dieser Hierarchie ganz oben und darauf müssen wir uns in Verkündigung konzentrieren; je spezifischer es wird, desto niedriger ist der „Rang“ und desto eher kann man es, platt gesagt, weglassen. Daraus ließen sich grob fünf Ränge ableiten:

1. Was allen Menschen gemein ist

2. Was allen Religionen gemein ist

3. Was den monotheistischen Religionen gemein ist

4. Was den christlichen Konfessionen gemein ist

5. Was spezifisch katholisch [und orthodox] ist

Was wir hier haben ist eine Hierarchie, genauer: Was man in der Fachsprache „Schachtelungshierarchie“ (engl. nesting hierarchy) nennt. Hierbei sind die jeweiligen Kategorien ähnlich einer Matrjoschka ineinander verschachtelt: die „katholische Schachtel“ befindet sich zusammen mit anderen in der „christlichen Schachtel“, diese befindet sich wiederum mit anderen zusammen in der „monotheistischen Schachtel“, diese befindet sich wiederum mit anderen zusammen in der „religiösen Schachtel“ und diese befindet sich wiederum mit anderen zusammen in der „meschlichen Schachtel“. In dieser Hierarchie ist folglich das Wichtigste alles, worüber sich alle Menschen einigen können usw.; am unwichtigsten ist das, was die eigene Kirche ausmacht.


Ursprünglich im Kontext des Themas Ökumene eingeführt, hat der Begriff der „Hierarchie der Wahrheiten“ doch überragende Bedeutung. Aber sein falscher Gebrauch hat gerade für die Ökumene verheerende Folgen.

Sinn jener religionsphilosophischen Unterteilung in wichtig und unwichtig ist es, im ökumenischen und interreligiösen Austausch eine möglichst große Nähe herzustellen und nicht mit „Eigenem“ den anderen auf Distanz zu halten. Das klingt zunächst gut, führt aber auch dazu, dass man etwa als katholischer Gesprächspartner von seinem Gegenüber am Ende des Tages nicht ernst genommen wird, denn man gibt dadurch seine eigene Identität preis.

Mal ehrlich: Was glauben die so Vorgehenden eigentlich, wie vertrauenerweckend der andere auf einen wirkt und wie ernstgenommen man sich fühlt, wenn man feststellen muss, dass der Gesprächspartner nicht mal sich selbst, seinen eigenen Glauben, ernst nimmt? Oder andersherum: Wenn ich meinen eigenen Glauben nicht ernst nehme, d.h. ihn nicht unverkürzt annehme, bejahe und bekenne, dann kann ich nicht erwarten, dass mein Gegenüber mir abnimmt, dass ich ihn und seinen Glauben ernst nehme.

Durch so einen Mangel an Ernsthaftigkeit der geglaubten Wahrheit gegenüber kann auch kein Vertrauen entstehen, denn jeder ernsthafte Dialog löst sich in Luft auf, er wird ersetzt durch eine (politische/ideologische) Verhandlung. Das ist genau das, was den Großteil unserer gegenwärtigen „offiziellen“ ökumenischen Gespräche auszeichnet: Es sind Verhandlungen um Begriffe, nicht Gespräche über den Glauben. Die Ergebnisse sind dann dementsprechend auch Verträge und Vereinbarungen, aber keine Nähe, keine Gemeinschaft. Ein gutes Beispiel ist jenes schreckliche (weil unehrliche, und damit unchristliche, außerdem häretische und in hohem Maße manipulative) Dokument „Gemeinsam am Tisch des Herrn, mit dem ich mich HIER und HIER näher befasst habe. Ich sprach damals von einer Papierökumene, Karl-Heinz Menke nennt es Tintenfischökumenik, bei der alles Anstößige hinter einem Tintenschleier verschwindet.


Mit derHierarchie der Wahrheiten“, wie sie das letzte Konzil benannte hat, hat dieses Einteilen in „wichtig“ und „unwichtig“ nichts, aber auch gar nichts zu tun. Wie fern ein Zurückstellen von Glaubenswahrheiten um des ökumenischen Friedens oder scheinbarer (begrifflich ausgefeilter und vertraglich festgehaltener) Übereinkünfte willen jenem Begriff des Zweiten Vatikanischen Konzils ist, kann dieser Satz aus dem selben Abschnitt (drei Sätze vorher) gut veranschaulichen:

Die gesamte Lehre muss klar vorgelegt werden. Nichts ist dem ökumenischen Geist so fern wie jener falsche Irenismus, durch den die Reinheit der katholischen Lehre Schaden leidet und ihr ursprünglicher und sicherer Sinn verdunkelt wird.“ (UR 11)

Was es mit dem Begriff „Hierarchie der Wahrheiten“ tatsächlich auf sich hat, erklärt das Konzil eigentlich unmissverständlich, aber es gibt einen Grund, warum stets nur dieser Begriff zitiert wird und nicht der Satz, in dem er steht, oder gar dessen Kontext. Dort heißt es (satzweise):

[1)] Zugleich muss aber der katholische Glaube tiefer und richtiger ausgedrückt werden auf eine Weise und in einer Sprache, die auch von den getrennten Brüdern wirklich verstanden werden kann.

[2)] Darüber hinaus müssen beim ökumenischen Dialog die katholischen Theologen, wenn sie in Treue zur Lehre der Kirche in gemeinsamer Forschungsarbeit mit den getrennten Brüdern die göttlichen Geheimnisse zu ergründen suchen, mit Wahrheitsliebe, mit Liebe und Demut vorgehen.

[3)] Beim Vergleich der Lehren miteinander soll man nicht vergessen, dass es eine Rangordnung oder ‚Hierarchieder Wahrheiten innerhalb der katholischen Lehre gibt, je nach der verschiedenen Art ihres Zusammenhangs mit dem Fundament des christlichen Glaubens.

[4)] So wird der Weg bereitet werden, auf dem alle in diesem brüderlichen Wettbewerb zur tieferen Erkenntnis und deutlicheren Darstellung der unerforschlichen Reichtümer Christi angeregt werden.“ (UR 11)

1) Es fällt auf, dass es hier überhaupt nicht um Glaubensinhalte (oder Glaubenswahrheiten) geht, sondern um die Sprache und das Sprechen: Wie drücken wir uns aus? Drücken wir uns so aus, dass man uns versteht? Drücken wir uns bzw. den Glauben „tief“ und „richtig“, ja sogar „tiefer“ und „richtiger“ aus? Der lateinische Text klingt hier noch schärfer als die übliche deutsche Übersetzung: „fides catholica et profundius et rectius explicanda est“ – „der katholische Glaube ist sowohl tiefer als auch richtiger darzulegen“ [und zwar] auf eine Weise und in einer Sprache, die von den getrennten Brüdern wirklich verstanden werden kann.

2) Hier geht es noch immer nicht um einzelne Glaubensinhalte, sondern um Haltungen: Als erstes um die „Treue zur Lehre der Kirche“ und sodann um Wahrheitsliebe, Liebe, Demut. Zu gemeinsamer Forschungsarbeit“, d.h. konfessionsübergreifend, wird ermutigt, Gegenstand sind die „göttlichen Geheimnisse“, die aber nicht nach „wichtig“ oder „unwichtig“ sortiert werden, sondern einfach gegeben sind.

3) Hier haben wir endlich den Begriff der „Hierarchie der Wahrheiten“. Es fällt auf, dass die genannten Wahrheiten „innerhalb der katholischen Lehre“ verortet werden, es geht also gewissermaßen um alles „was katholisch ist“. Vor allem von Bedeutung ist jedoch, die nähere Bestimmung, was mit diesem Begriff ausgesagt ist: Auch hier ist nirgends die Rede von „wichtigen“ und „weniger wichtigen“ oder „unwichtigen“ Wahrheiten. Vielmehr ergibt sich die Verschiedenheit der Wahrheiten, die als Rangfolge oder Hierarchie bezeichnet wird, aus der „Art ihres Zusammenhangs mit dem Fundament des christlichen Glaubens“. Dies ist durchaus konkret aufzufassen: Es ist keine generelle Rangordnung gegeben, sondern jede Glaubenswahrheit hat ihren spezifischen Zusammenhang mit dem Fundament. (Welches offenkundig Christus ist.)

4) „Wettbewerb“ ist hier eine missverständliche Übersetzung. Es ist hier wohl nicht gemeint, wer wen besser überzeugen kann oder wer am Ende als „Sieger“ hervorgeht, sondern es ist eher ein geistlicher Wettkampf gegen die eigene Schwäche gemeint, der „Sieg“ ist jenes tiefere, richtigere Verstehen, die Mittel in diesem Kampf sind jene Treue, Wahrheitsliebe und Demut.


Doch der Schaden geht weit über ökumenische Gespräche hinaus.

Der Begriff „Hierarchie der Wahrheiten“ wurde, weil er so „neu“ klingt dankbar angenommen, nachdem er seines Textzusammenhangs entledigt wurde, umgedeutet und für die Demontage des Glaubens gebraucht. Man meinte, hier endlich einen Anpack zu haben, um das Wichtige vom Unwichtigen zu scheiden und unnötigen Ballast abzuwerfen (ein breiter Konsens unter Theologen unmittelbar nach dem letzten Konzil war es z.B., dass man die Existenz von Engeln entsorgen müsse, die in dieser Hierarchie ganz weit unten stünde). Das war natürlich von Anfang an nur ideologisch motiviertes Wunschdenken, schon allein weil, wie bereits dargelegt, der selbe Passus des Konzilstextes klar macht, dass „die gesamte Lehre klar vorgelegt werden“ muss.

Auch wenn der Begriff „Hierarchie der Wahrheiten“ als solcher „neu“ ist, so ist doch das, was er bezeichnet, so neu nicht. Das Erste(!) Vatikanische Konzil sprach in ähnlicher Weise in der Konstitution Dei filius vom „nexus mysteriorum inter se“ (vgl. DH 3016), also von der „Vernetzung“ der Geheimnisse des Glaubens untereinander, die sich so gegenseitig erhellen und erschließen. Auch der Begriff der Analogie des Glaubens“ (lat. analogia fidei) ist hier gefallen und meint im Grunde das Gleiche (vgl. KKK 114). Die Rede von der „Hierarchie“ oder „Rangordnung“ scheint mir indes für die gemeinte Sache durchaus passend, denn es besteht in diesem Nexus faktisch eine Hierarchie (wörtlich: heilige Ordnung), da gewisse Glaubenswahrheiten auf dem Fundament anderer Glaubenswahrheiten ruhen oder, andersherum, durch diese gewissermaßen „von oben“ erhellt, erschlossen werden. Das Bild vom Netz(werk) ist hier eng verwandt mit dem des lebendigen Körpers: Nach Thomas von Aquin (STh II-II, q. 1, a. 6) heißen die einzelnen Glaubenswahrheiten „[Glaubens]Artikel“ (lat. articulus: Glied), weil sie Teil eines organischen, als „Leib“ gedachten Ganzen sind und entsprechend zusammen gehören.

Ein Beispiel: Die Glaubenswahrheit der Aufnahme Mariens in den Himmel ist nicht verständlich, ohne die Glaubenswahrheit ihrer besonderen Begnadung, und diese wiederum ist ohne die Glaubenswahrheit der Erlösung in und durch Christus nicht einsichtig. Marias Begnadung steht so gesehen in der Hierarchie an höherer Stelle als ihre Aufnahme in den Himmel, und die Erlösung durch Christus an höchster Stelle; aber alle drei sind und bleiben wahr und verpflichtend zu glauben, keine ist unwichtig“ oder kann entfallen. Das ist es, was Hierarchie der Wahrheiten meint, nichts anderes.
Auf klug könnte man sagen: „Hierarchie der Wahrheiten“ ist ein hermeneutischer oder didaktischer Begriff, kein dogmatischer. Die „Hierarchie“ dient dem „richtigeren und tieferen“ Verständnis (vgl. UR 11) der einzelnen Wahrheiten des Glaubens im Gesamt des Glaubens, sie rührt nicht an deren Wahrheitsgehalt.

Dass die Wahrheiten des Glaubens in einer Rangordnung stehen, war immer schon im Bewusstsein der Kirche präsent, was etwa daran klar wird, dass in den wichtigsten historischen Glaubensbekenntnissen nicht alle Feinheiten des katholischen Glaubens eingeflossen sind, sondern nur seine zentralsten oder grundlegendsten Elemente. Dadurch wurde aber nie die Wahrheit und Verbindlichkeit von all dem abgelehnt, was nicht in diese aufgenommen wurde (z.B. taucht in diesen die bischöfliche Amtsstruktur der Kirche nicht auf, obwohl sie für die Bischöfe, die diese Bekenntnisse verfassten und approbierten, gewiss wichtig und verbindlich war).

Leider hat schon sehr bald, noch während des Konzils, jenes falsche Verständnis des Begriffs oftmals die Oberhand gewonnen, weswegen bereits das „Allgemeine Katechetische Direktorium“ von 1971 (das nie offiziell ins Deutsche übersetzt wurde, weil man meinte, Katechese eigentlich nicht mehr nötig zu haben) betonte:

„Diese Hierarchie bedeutet nicht, dass einige Wahrheiten weniger als andere zum Glauben gehören, sondern dass manche Wahrheiten auf anderen grundlegenderen aufbauen und von ihnen her Licht erhalten.“ (Nr. 43)

 

Die missbräuchliche Verwendung des Begriffs funktioniert indes nur, solange die so Sprechenden nicht darüber nachdenken, was sie da eigentlich sagen. Denn der Begriff „Hierarchie der Wahrheiten“ kann gar keine Wertung über die Verbindlichkeit oder Relevanz des zu Verkündigenden bezeichnen, weil eine Wahrheit nunmal eine Wahrheit bleibt, auch wenn sie zusammen mit anderen in einer „Hierarchie“ angeordnet wird. So, wie er faktisch verwendet wird, müsste der Begriff eigentlich „Hierarchie der Wahrheitsgrade“ oder „Hierarchie der Verbindlichkeiten“ heißen, dann würden der Begriff und seine Deutung zusammenpassen. (Eine Ironie dieses falschen Denkens ist, dass man damit die so genannten „Gewissheitsgrade“, die sich früher in der neuscholastischen Dogmatik großer Beliebtheit erfreuten, und die man heute nur zu gerne als unsinnig verlacht, in einer verdummten Variante wieder aufleben lässt, ohne es zu merken.) Nun heißt der Begriff aber „Hierarchie der Wahrheiten“: Die Wahrheiten bleiben Wahrheiten, sie büßen ihre wesentliche Eigenschaft des Wahrseins durch die wie auch immer vorgenommene Anordnung in der Hierarchie nicht ein; sie müssen folglich in ihrer Gesamtheit anerkannt, bejaht und bekannt werden, denn die bzw. eine Wahrheit (wir könnten auch sagen: Realität) zu leugnen ist immer ein Fehler, das wissen auch die so Sprechenden.

Die falsche Verwendung des Begriffs findet dann z.B. in dem (immer schon von unzähligen Theologen geäußerten) Vorwurf gegen den Katechismus der katholischen Kirche Ausdruck, dieser würde jene Hierarchie nicht gebührend berücksichtigen, weil dort alles einfach als „wahr“ hingestellt, und nicht nach „Wahrheitsgraden“ unterschieden würde (siehe HIER ganz unten). Diese Kritik ist Unsinn, weil „Hierarchie der Wahrheiten“ eben nichts am Wahrsein der Wahrheiten ändert. In Wirklichkeit ist der Katechismus, wie jedes gute Glaubensbuch, konsequent nach dem Prinzip der Hierarchie der Wahrheiten strukturiert, da er die Zusammenhänge der einzelnen Wahrheiten mit dem Fundament des Glaubens darlegt und verdeutlicht. Die einzelnen Wahrheiten werden dabei jeweils als wahr dargestellt, weil es eben Wahrheiten sind und bleiben. Daher heißt es auch in jenem „Allgemeinen Katechetischen Direktorium“ von 1971: „In der Heilsbotschaft besteht eine gewisse Hierarchie der Wahrheiten, die die Kirche immer anerkannt hat, wenn sie Glaubensbekenntnisse und -kompendien verfaßte.“ (Nr. 43)


Ich spare mir hier eine Auflistung aller Stellen, an denen die Päpste und ihre Dikasterien die korrekte Bedeutung des Begriffs der „Hierarchie der Wahrheiten“ immer wieder aufs neue eingeschärft haben, und beschränke mich nur auf die vermutlich aktuellste von diesen. Papst Franziskus schreibt in seinem Apostolischen Schreiben Evangelii gaudium:

„Alle offenbarten Wahrheiten entspringen aus derselben göttlichen Quelle und werden mit ein und demselben Glauben geglaubt, doch einige von ihnen sind wichtiger, um unmittelbarer das Eigentliche des Evangeliums auszudrücken. […] Man darf die Vollständigkeit der Botschaft des Evangeliums nicht verstümmeln. Außerdem versteht man jede Wahrheit besser, wenn man sie in Beziehung zu der harmonischen Ganzheit der christlichen Botschaft setzt, und in diesem Zusammenhang haben alle Wahrheiten ihre Bedeutung und erhellen sich gegenseitig.“ (Nr. 36-39)
Weiter heißt es dort:
„Das Evangelium lädt vor allem dazu ein, dem Gott zu antworten, der uns liebt und uns rettet – ihm zu antworten, indem man ihn in den anderen erkennt und aus sich selbst herausgeht, um das Wohl aller zu suchen. Diese Einladung darf unter keinen Umständen verdunkelt werden! Alle Tugenden stehen im Dienst dieser Antwort der Liebe. Wenn diese Einladung nicht stark und anziehend leuchtet, riskiert das moralische Gebäude der Kirche, ein Kartenhaus zu werden, und das ist unsere schlimmste Gefahr. Denn dann wird es nicht eigentlich das Evangelium sein, was verkündet wird, sondern einige lehrmäßige oder moralische Schwerpunkte, die aus bestimmten theologischen Optionen hervorgehen. Die Botschaft läuft Gefahr, ihre Frische zu verlieren und nicht mehr ‚den Duft des Evangeliums‘ zu haben.“ (Nr. 39)

Genau das ist seit Jahrzehnten leider in großem Umfang zu beobachten, nicht nur im ökumenischen Dialog, sondern in allen Bereichen des kirchlichen Lebens ähnelt das Ganze mehr und mehr einem Kartenhaus. Wen wunderts, dass nun mittels suizidalem Weg dasselbe zum Einsturz gebracht werden soll...es wurde ja jahrzehntelang sturmreif geschossen...

Donnerstag, 16. Juli 2020

Fühlen mit der Kirche

Jan-Heiner Tück im Interview auf katholisch.de (hier), gefragt nach der Verbindlichkeit der zu glaubenden Unfehlbarkeit des Papstes: »Wenn ein "sentire cum ecclesia – ein Fühlen mit der Kirche" gegeben ist, braucht es keine Totalidentifikation mit der Lehre der Kirche zu geben. Die Anerkennung des Glaubensbekenntnisses reicht.«

Nein, das reicht definitiv nicht.

Erstens ist "Totalidentifikation" an dieser Stelle ein völlig falsches und irreführendes Wort, denn eine Totalidentifikation, also eine Identifikation seiner selbst mit allem was zur Kirche gehört und was in der Kirche geschieht, ist schlicht nicht möglich. Niemand kennt alles und jeder wählt aus und setzt Schwerpunkte. Was es aber geben kann und geben soll, ist der Wille, den ganzen Glauben der Kirche getreu anzunehmen, selbst in den Punkten, die man nicht kennt, oder die für einen selbst nicht so zentral im eigenen geistlichen Leben sind (impliziter Glaube).

Zweitens kann es kein "sentire cum ecclesia" geben, wenn ein solcher impliziter Glaube nicht gegeben ist; der Verweis darauf eignet also nicht als Argumentationsgrundlage. Das ist in etwa so, als wenn ich sagen würde "Wenn Blindheit gegeben ist, dann braucht es keine Wertschätzung für die Malerei von Rubens oder Rembrandt." Die Aussage ergibt keinen Sinn: Ich kann nicht "Fühlen mit der Kirche", wenn ich nicht (zumindest implizit) will, was die Kirche will, liebe was die Kirche liebt und glaube was die Kirche glaubt. Dies zu tun ist Vorbedingung für ein "Fühlen mit der Kirche", nicht andersrum.

Der Ausdruck "sentire cum ecclesia" stammt von Ignatius von Loyola, und dieser verband damit ziemlich genau das Gegenteil von dem, was Tück hier darlegt. Für Ignatius gilt der Gehorsam (gegenüber der Kirche, die er aus diesem Anlass insbesondere in ihrer Hierarchie und ihrem Lehramt verortet) mehr als eigene innere Regungen: Für ihn bedarf das Bewegtsein durch den Geist Gottes der Verleiblichung, so wie auch Christus sichtbar Mensch geworden ist. Das ist für ihn der Gehorsam gegen die Kirche.
Nie hätte Ignatius die eigene innere Regung, erst recht nicht das eigenen Gefühl oder das eigenen (rationale) Urteil höher gestellt als das, was ihm von Seiten der Kirche vorgegeben oder gesagt wird (die Rangfolge ist: 1. Papst, 2. Vorbild der Heiligen, 3. die eigene Vernunft). Das ist für ihn "Fühlen mit der Kirche": Das eigene Empfinden und Wollen an der Kirche (dem Lehramt) ausrichten. Das berühmte vierte Gelübde der Jesuiten, der Gehorsam gegen den Papst, hat genau hier seine Begründung. Dabei handelt es sich nicht um eine Geringachtung der Vernunft oder des eigenen Mittuns, sondern es drückt sich hier das Vertrauen aus, dass derselben Geist Gottes, der im Herzen jedes Menschen wirken kann, sich vorzüglich (und objektiv gültig) in der Kirche ausdrückt, nicht geringer, als er sich im Leben Jesu und der Heiligen ausdrückte.

Wenn ein Mensch meint, er könne das (fälschlich so bezeichnete) Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes nicht annehmen, dem hält Ignatius entegegen: "Denn oft mag das, was so gar nicht mit der menschlichen Klugheit übereinzustimmen scheint, sehr wohl eins sein mit der göttlichen Klugheit: denn diese lässt sich nicht eingrenzen in die Gesetze unserer Vernunft." Wer sich in seiner Ablehnung vom Geist bewegt glaubt, dem muss klar sein: "immer ist es für diesen Mystiker [d.i. Ignatius] die hierarchische Kirche, die ihm zum Maßstab der Echtheit allen Geistes wird." (Hugo Rahner, Ignatius 379)

Montag, 1. April 2013

... über die Bedeutung des Todes Jesu




»Wie schwer fällt es euch, alles zu glauben, was die Propheten gesagt haben. Musste nicht der Messias all das erleiden, um so in seine Herrlichkeit zu gelangen?«
 (Am Ostermontag, Lk 24,25f)

Sonntag, 23. Dezember 2012

Schlüsselgewalt

Weil ich beim digitalen Aufräumen wiedermal über einen alten katechetischen Text von mir stolperte und ich weiß, dass das darin behandelte vielen nicht bewusst ist, will ich das (in Auszügen) mal hier reinstellen. Außerdem kam das ja dieser Tage (etwas anders und in anderem Zusammenhang) auch als O-Antiphon ins katholische Bewusstsein. Ich hatte das damals (in der Frühzeit meines Studiums) nur so ad hoc geschrieben, er erhebt also keinen Anspruch auf "Wissenschaftlichkeit". :)
Ausgehend von der Schlüsselgewalt, ein paar Gedanken über Petrus:

Vor Cäsarea Philippi fragte Jesus seine Jünger, für wen sie ihn denn hielten und Petrus antwortete mit jenem wundervollen Glaubensbekenntnis: "Du bist der Messias, der Sohn des lebendigen Gottes!" Woraufhin Jesus ihm beschenigt, dass dies speziell ihm, Petrus, vom Vater offenbart worden sei: "Jesus sagte zu ihm: Selig bist du, Simon Barjona; denn nicht Fleisch und Blut haben dir das offenbart, sondern mein Vater im Himmel [hat es dir offenbart]." (Mt 16,15f) Und Jesus fügt hinzu: "Du bist Petrus und auf diesen Felsen werde ich meine Kirche bauen" (18). Das bedeutet, auf irgendeine Weise soll die Gemeinde der Christen auf Petrus aufgebaut werden (nettes Detail am Rande: ab diesem Moment wird er im NT ausschließlich "Simon Petrus" oder nur "Petrus" genannt, der Name Simon allein wird bedeutungslos).

Anschließend verheißt ihm Jesus: "was du auf Erden binden wirst, das wird auch im Himmel gebunden sein, und was du auf Erden lösen wirst, das wird auch im Himmel gelöst sein." (19) Petrus wird hier von allen Aposteln gesondert indem ihm allein die Macht gegeben wird, Sünden zu Vergeben und auch Regeln zu erlassen. Später wird allen Aposteln eine ähnliche Vollmacht gegeben (18,18), aber es wäre falsch, wenn man, wie es Protestanten oft tun, einfach lapidar sagt, dass diese exakte Zusprache an Petrus darum für alle gilt. Denn Petrus erhält hier noch eine Zusprache, die sonst kein Apostel erhält. Jesus sagt: "Ich werde dir die Schlüssel des Himmelreichs geben". Was bedeutet das?

In der Antike waren Schlüssel das Zeichen für Autorität schlechthin. Große Städte oder auch Paläste hatten meist ein besonderes großes Tor welches natürlich auch ein Schloss samt eines Schlüssels hatte. Die Ehrung, jemandem den "Schlüssel zur Stadt" zu geben, gibt es auch heute noch, nur ohne seine ehemals große Bedeutung: der Empfänger bekam damit freien Eintritt und völlige Kontrolle über die Stadt (d.h. er konnte bestimmen, wer eintritt, und wer nicht). Die Stadt zu der Petrus den Schlüssel erhielt, war keine Geringere als die Himmlische Stadt (vgl., Offb 2,12). Solch eine Schlüsselgewalt ist also in der damaligen Zeit auf alle Fälle mehr als ein bloßes Symbol.

Die Rede von derartigen Schlüsseln findet sich vor diesen Ereignissen nur an einer einzigen Stelle in der Bibel, nämlich bei Jesaja (22,22): "Ich lege ihm den Schlüssel des Hauses David auf die Schulter. Wenn er öffnet, kann niemand schließen; wenn er schließt, kann niemand öffnen." Es ist hier nahezu eine identische Formulierung. Das wir doch wohl kein "Zufall" sein? (Vgl. auch Offb 3,7)
Eljakim, selbst kein Adliger, erhält hier die "Schlüssel des Hauses David". Das sollte aufhorchen lassen!

In protestantischen Bibelkommentaren wird auf diese Stelle nicht näher eingegangen, es sei schlicht (wie in einer Chronik) ein Verwaltungsakt geschildert, dass hier halt jemand die Verantwortung für den Palast bekommt. Doch ein derartiges Verständnis wird der Bibel nicht gerecht: Vom Messias wird prophezeiht: "Seine Herrschaft ist groß und der Friede hat kein Ende. Auf dem Thron Davids herrscht er über sein Reich; er festigt und stützt es durch Recht und Gerechtigkeit, jetzt und für alle Zeiten." (Jes 9,6)

Für die Autorität und Identität Jesu ist es unerlässlich, dass er aus dem Hause Davids kommt (vgl. Mt 1,1ff). Und entsprechend wird die Herrschaft und der Thron Davids als Vorrausahnung auf die ewige Herrschaft und den Thron Gottes (in der himmlischen Stadt) gesehen. Wenn nun also einerseits Eljakim von dem Propheten(!) Jesaja die "Schlüssel des Hauses David" bekommt und andererseits Petrus von Jesus (der als endzeitlicher David auf Davids Thron sitzt) die "Schlüssel des Himmelreichs", ist das dann einfach ein Zufall, der keiner näheren Betrachtung bedarf? Oder hat Petrus hier vielleicht doch etwas ganz und gar Einmaliges erhalten?

Wäre das nicht enorm? Kann ein Mensch diese Last (die Gewalt darüber zu haben, wer in die himmlische Stadt eintreten darf!) überhaupt tragen?
Dass Eljakim kein Adeliger war, muss man indes auch als eine Warnung an das Königsgeschlecht verstehen: Nicht die Abstammung gibt den Ausschlag. (Vgl. Mt 3,6: "Gott kann aus diesen Steinen Kinder Abrahams machen.") Gott ist es, der beruft. Gott ist es, der befähigt.

Nach seiner Auferstehung, fragte Jesus Petrus dreimal, ob dieser ihn liebe. Dies in Anlehnung an die dreimalige Verleugnung des Petrus (Lk 22,56-61) bei Jesu Verhaftung. Jesus fragte ihn: "Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich mehr als diese? Er antwortete ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich liebe. Jesus sagte zu ihm: Weide meine Lämmer! Zum zweiten Mal fragte er ihn: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich? Er antwortete ihm: Ja, Herr, du weißt, dass ich dich liebe. Jesus sagte zu ihm: Weide meine Schafe! Zum dritten Mal fragte er ihn: Simon, Sohn des Johannes, liebst du mich? Da wurde Petrus traurig, weil Jesus ihn zum dritten Mal gefragt hatte: Hast du mich lieb? Er gab ihm zu Antwort: Herr, du weißt alles; du weißt, dass ich dich lieb habe. Jesus sagte zu ihm: Weide meine Schafe!" (Joh 21,15ff)

Dieser Auftrag, "Weide meine Schafe!", schließt auch die anderen Apostel mit ein, denn Jesus fragte ihn am Anfang ja recht ausdrücklich: "liebst du mich mehr als diese". Welche Bedeutung Petrus zukommt, wird auch an früherer Stelle ersichtlich, wenn Jesus zu ihm sagt: "Simon, Simon, der Satan hat verlangt, dass er euch wie Weizen sieben darf. Ich aber habe für dich gebetet, dass dein Glaube nicht erlischt. Und wenn du dich wieder bekehrt hast [nach der dreimaligen Verleugnung], dann stärke deine Brüder." (Lk 22,31f)

Daran sind zwei Dinge besonders interessant: 1. Jesus betet ganz besonders für Petrus, nicht etwa für alle Jünger. 2. Obwohl (oder gerade weil?) Petrus der einzige unter den Aposteln ist, der Jesus öffentlich (dreimal!) verleugnet, soll er es sein, der seine Brüder stärken und leiten soll (dazu sei an Mt 10,33 erinnert: "Wer mich aber vor den Menschen verleugnet, den werde auch ich vor meinem Vater im Himmel verleugnen."). Diese Verheißung ist ganz offensichtlich eine Vorwegnahme dessen, was ich eben beschrieben hatte bezüglich der dreimaligen Liebeszusage samt Hirtenauftrag (so wie ja auch die Verleugnung vorhergesagt wurde). Somit wird ersichtlich, dass Petrus tatsächlich eine ganz besondere Rolle zukommt, denn Jesus betete nur für ihn, dass sein Glaube "nicht erlischt" obwohl es wohl kein Umstand gewesen wäre, gleich für alle Jünger zu beten. Da es Jesus ist der betet, können wir zudem davon ausgehen, dass diese Bitte auf jeden Fall erfüllt wurde.

Natürlich darf man das alles nicht zu sehr überhöhen und ich halte es für durchaus für diskutabel, inwiefern man damit das Dogma der Infallibilitas des Papstes begründen kann, so richtig dieses Dogma an sich ist.

Nichts desto trotz darf die Schlüsselgewalt des Petrus(amtes) nicht unterschätzt werden. Es ist zu leicht, jene (doch so einmalige und unzweideutige) Verheißung Jesu abzutun.

Ein Prinzip nicht nur sichtbarer Einheit, ist das Petrusamt, sondern auch der Unabhängigkeit von individuellen, ideologischen und staatlichen Interessen. Etwas, das den Kirchen des Ostens wie den protestantischen Gemeinschaften abgeht. Jene und Teile von diesen sind fest an staatliche Strukturen gebunden, Letztere von nicht selten fragwürdigen Individuen abhängig, entweder in ihrer Gründung (Calvin u.a.) oder per se.




Tu es Petrus et super hanc petram aedificabo ecclesiam meam et tibi dabo claves regni caelorum.

Sonntag, 20. Mai 2012

Was zu glauben ist

Die göttliche Weisheit
Es wurde nach der Verbindlichkeit der Lehre Johannes Pauls II. bezüglich der mangelnden Vollmacht der Kirche, Frauen zum Weihesakrament zuzulassen, gefragt. Ich habe drauf geantwortet.
Im Grunde ging es aber auch um die Frage nach der verbindlichen Lehre schlechthin: "Der Papst habe kein Dogma verkündet", darum könne man getrost weiter diskutieren. Ein paar Gedanken dazu.


Es scheint mir, dass hier wieder einmal jenes Phänomen sich zeigt, bei dem eine Ausnahme mittels Gewohnheit zur Regel erhoben wird. 

Ein Beispiel: 
Ich erlebe es an vielen Orten, dass Kommunionhelfer grundsätzlich täglich eingesetzt werden, ja, diese, ähnlich wie die Lektoren, einen festen Plan haben und "jeder mal darf". Freilich lautet die entsprechende Regelung des Kirchenrechts, dass, wenn nicht genug ordentlichen Spender (Priester, Diakone) anwesend sind und die Notwendigkeit (necessitas) besteht, Laien (außerordentliche Spender) zur Austeilung beauftragt werden können (cc 230 §3; 911)... de facto erlebe ich es mehrmals pro Woche, dass Priester im Volk sitzen und der Kommunionhelfer austeilt (ein trauriges Bild, wenn ein Priester von einem Laien die Kommunion empfängt...) Auch schon gesehen (in einer Bischofskirche!): Die beiden Konzelebranten begeben sich, nachdem sie kommuniziert haben, gemütlich zu den Sedilien und die beiden Kommunionhelfer übernehmen, mit dem Hauptzelebranten, das Austeilen der Eucharistie an die Gläubigen.
Manchmal ist dieses Phänomen so extrem, dass die Ausnahme sogar zum (vermeintlich!) einzig gültigen oder relevanten Form erhoben wird. Ein gutes Beispiel hierfür ist die Handkommunion... es gibt Priester, die einem die Mundkommunion verweigern. Weswegen in Redemptionis sacramentum (Nr. 92) extra nochmal klargestellt werden musstem, dass jeder Gläubige das Recht hat, die Kommunion in den Mund zu empfangen... Sie ist die eigentliche Weise der Kommunion! Die Handkomkmunion ist die (auf Diözesanebene verfügte) Ausnahmeregelung!

Worauf will ich hinaus... nun: Dass der Papst es (wohmöglich?) nicht als Dogma verkündet hat, dass die Kirche außerstande ist, Frauen zur sakramentalen Weihe zuzulassen, tut nichts zur Sache.
Ich habe es schon mehrfach erlebt, dass Leute (sogar Theologiestudenten im 5. und 6. Semester!) wichtige Dinge die etwa im Katechismus stehen ablehnen mit der Begründung, das sei ja nicht als Dogma verkündet worden (und wie stolz sie zuweilen sind, dass sie wissen, dass dies oder jenes nicht als Dogma verkündet wurde!)... Ein Wort: Peinlich. 
Um das mal klarzustellen: Die feierliche Verkündigung von Dogmen durch einen Papst (in Gemeinschaft mit den Bischöfen) oder durch ein Konzil ist die außerordentliche Weise, wie eine Glaubenlehre bekanntgegeben wird. Wenn es eine außerordentliche Weise gibt, dann gibt es auch eine ordentliche: Die ordentliche Weise der Bekanntgabe einer Glaubenslehre ist das so genannte "allgemeine Lehramt der Kirche", etwa in Form eines vom ganzen Episkopat herausgegebenen Katechismus. So geschehen am 11. Oktober 1992 mit dem "Katechismus der katholischen Kirche". Was da drin steht, ist zu glauben und (etwa im Bereich der Moral) zu halten. Period.

Ob nun jene Bekanntmachuhng von JPII ein "Dogma" im engeren Sinne war oder nicht: Es hat auf alle Fälle das Gewicht, das ich in meiner Antwort (siehe Link) geschildert habe.

Samstag, 19. Mai 2012

Priesterinnenweihen...

Ein Kommentator "fragt", inwifern das Apostolische Schreiben des seligen Papstes Johannes Pauls II. "Ordination Sacerdotalis - über die nur Männern vorbehaltene Priesterweihe" (1994) denn nun eigentlich als endgültig zu verstehen und also zu halten sei.
Dieses Schreiben sei nurmehr die Privatmeinung jenes Papstes und darum sei die weitere Diskussion über das Frauenpriestertum legitim... so jedenfalls die Privatmeinung einer dritten Person, auf die sich der Kommentator bezieht.

Ich nehme mir mal heraus, darauf etwas zu erwiedern.

Nunja... Zum einen muss man sagen, dass es nicht das erste mal war, dass Rom sich zu dieser Frage äußerte. Da zunehmend, etwa bei den Anglikanern, die Frauenordination en Vogue wurde, hat sich bereits 1976 die Glaubenskongregation, also noch unter Paul VI., mit der Erklärung "Inter Insigniores" recht umfassend und eindeutig zu der Frage geäußert (Lektüre empfohlen). Dieses Schreiben hat jener Johannes Paul später mit der Enzyklika "Mulieres dignitatem" (über die Würde der Frau!) 1988 bestätigt.

Zur Frage der "Privatheit" von Ordinatio Sacerdotalis und der darin ausgedrückten Endgültigkeit... lassen wir doch den Papst selber zu Wort kommen:
»Damit also jeder Zweifel bezüglich der bedeutenden Angelegenheit, die die göttliche Verfassung der Kirche selbst betrifft, beseitigt wird, erkläre ich kraft meines Amtes, die Brüder zu stärken (vgl. Lk 22,32), daß die Kirche keinerlei Vollmacht hat, Frauen die Priesterweihe zu spenden, und daß sich alle Gläubigen der Kirche endgültig an diese Entscheidung zu halten haben.«

Ob das nun wie eine Privatmeinung klingt mag jeder für sich entscheiden... aber die "Kraft des Amtes" (virtute ministerii) klingt zumindest für meine Ohren etwas anders.
Ob nun aber das Wort "endgültig" (definitive) vielleicht nicht als "endgültig" zu verstehen ist bzw. was es damit auf sich hat, dazu gab es bereits 1995 eine Anfrage an Rom: 
»Ob die Lehre, die im Apostolischen Schreiben Ordinatio sacerdotalis als endgültig zu haltende vorgelegt worden ist, nach der die Kirche nicht die Vollmacht hat, Frauen die Priesterweihe zu spenden, als zum Glaubensgut gehörend zu betrachten ist.«

Und die Antwort der Kongregation für die Glaubenslehre lässt an Eindeutigkeit nichts zu wünschen übrig... sie lautet:
»Ja.«

Mit einem erklärenden Text: 
»Diese Lehre fordert eine endgültige Zustimmung, weil sie, auf dem geschriebenen Wort Gottes gegründet und in der Überlieferung der Kirche von Anfang an beständig bewahrt und angewandt, vom ordentlichen und universalen Lehramt unfehlbar vorgetragen worden ist (vgl. II. Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution Lumen gentium, 25,2). Aus diesem Grund hat der Papst angesichts der gegenwärtigen Lage in Ausübung seines eigentlichen Amtes, die Brüder zu stärken (vgl. Lk 22,32), die gleiche Lehre mit einer förmlichen Erklärung vorgelegt in ausdrücklicher Darlegung dessen, was immer, überall und von allen Gläubigen festzuhalten ist, insofern es zum Glaubensgut gehört.«

Also: Ist nun die Feststellung(!) von Papst Johanens Paul II., dass die Kirche keine Vollmacht hat, Frauen zur Weihe zuzulassen, die Privatmeinung dieses Papstes? Was müsste denn noch getan werden, damit die Position Roms (und der Kirche) in dieser Sache klar wird? Muss es etwa in greller Neonschrift von einem Ende des Horizontes zum anderen vom Herrgott persönlich hingesprayt werden?
Das einzige, was man jetzt noch tun kann, um weiterhin das Frauenpriestertum zu fordern ist: Auf die Erklärung der Glaubenskongregation pfeiffen... aber dann kann man ebensogut auf alles pfeiffen, was die Kirche lehrt und zu glauben vorlegt und sich nur das herauspicken, was einem schmeckt... (der Fachausdruck hierfür lautet "Häresie"; vom griechischen "haireomai", "ich wähle"). Welche Früchte erwartet aber jemand für die Kirche, wenn er dies tut?


EDIT:  Im Grunde läuft das Ganze so ab (und mehr isses nich):
 

  • Aufruhr von unten (ZdK, Kirchenvolksbegehren, etc.): Lasst uns Frauen weihen!
  • Papst (aka "oberster Waszusagenhaber") sagt: Geht nicht. Das ist endgültig. Haltet euch dran.
  • Anfrage von unten: Ist das endgültig?
  • Antwort von oben: Ja. Endgültig (s.o.).
  • Aufruhr von unten (ZdK, Theologenmemorandum, etc.): Lasst uns Frauen weihen!

Und jetzt? 

Mittwoch, 8. Februar 2012

Wer "Toleranz" fordert...

War dieser Mann dogmatisch oder tolerant?









... der hat oft eine ganz "eigene" Vorstellung davon, was das bedeutet. Und oft beinhaltet sie etwas anderes, als das, was die Semantik nahelegt.
Wenn ich etwas toleriere, dann muss ich dem nicht zustimmen. Ich muss es nicht einmal verstehen und mir schon gar nicht zu eigen machen, was ich toleriere. Wer etwas toleriert, der lässt zu, dass etwas geschieht. Er kann es werten, aber er sollte, so er "tolerant" sein will, es nicht hindern oder ändern, sonst ist er nicht mehr tolerant.

Von der Wortbedeutung her, kann ich also problemlos Vieles tolerieren, auch wenn ich selber damit nichts anzufangen weiß oder es vielleicht sogar als eher inopportun oder für den jeweiligen Anlass als nur suboptimal geeignet betrachte.

Mir geht eine kleine Episode nicht mehr aus dem Kopf, die seine Eminenz Kurt Kardinal Koch vor nun bald zwei Wochen beim Internationalen Symposion zur Theologie und Spiritualitöt von Joseph Ratzinger beiläufig erzählte. Der Kardinal berichtete davon, wie er, noch in seinen Bischofsjahren in Basel, während eines Gottesdienstes mit Firmungen, sich vor der Spendung derselben einen Moment zum HErrn im Hochaltar wendete um zu beten. Im Anschluss an den Gottesdienst, so der Kardinal, sei dann jemand zu ihm gekommen und habe sich darüber erbost, dass er den Leuten in jener Minute seinen Rücken zugekehrt habe.
Wohl gemerkt: Er hat die Messe nicht versus Dominum zelebriert, er hatte sich nur eine Minute zum Beten dem HErrn zugewandt.

Eine andere Geschichte, die aber wohl leider schon einen alltäglichen Charakter hat: Der Zelebrant läd die Gemeinde (ca. 15 Leute) ein, sich zum Vaterunser und zur Kommunion um den Altar zu drapieren. Meinereiner sieht zweierlei Probleme sich auftun: 1) Wie es bei derartigen Aktionen üblich ist, sollen alle die Kommunion zunächst auf die Hand gelegt bekommen, um sie dann "gemeinsam" zu verzehren ("gemeinsames Mahl" eben)... Was tut aber derjenige, der, aus Überzeugung und durchaus auch theologisch begründet, die Mundkommunion bevorzugt? Und um das noch zu verschärfen: 2) Was tut derjenige, der, aus welchen Gründen auch immer, nicht an der Kommunion teilnehmen will oder kann oder darf?
Und warum wird der "Ausreißer", der sich an dem Ringelpiez nicht beteiligt, dann regelrecht stigmatisiert und dermaßen verdutzt angestarrt, als habe er gegen die allerheiligsten Spielregeln verstoßen?

In beiden Episoden tritt eindrucksvoll hervor, dass von manchen Leuten, die einen Gottesdienst (ich rede mal noch nicht von einer Heiligen Messe) gedanklich mitvollziehen oder im Voraus "planen", sozusagen schon in der Konzeptionsphase gewisse Dinge ausgeschlossen werden, die aber an sich durchaus gängig, um nicht zu sagen: alltäglich sind. Zum einen ist dies die Hinwendung zum HErrn und das Da-Sein gerade des Priesters für den Dienst vor selbigem (darum: Gottes-Dienst). Zum anderen ist es die schlichte Tatsache der Verschiedenheit von Frömmigkeit und Lebenswirklichkeit der Menschen.

Immer will/soll "man" alles tolerieren und nicht verknöchert, starr, dogmatisch, rubrizistisch oder moralisierend auftreten. Regeln und Grenzen sollen möglichst abgebaut werden. Aber bei näherer Betrachtung fällt auf, dass, wer "Toleranz" im Munde führt, oft eine ebenso klare wie höchst eigene Vorstellung davon hat, wie das "Spiel" zu laufen hat... Und wer sich nicht daran hält, ist raus.

Die verbindlichen Normen der Kirche heißen nicht ohne Grund so. Aber bei der Lektüre fällt doch auf, dass sie erstaunlich viel Spielraum bieten. Anders als das, was heutzutage in manchen katholischen Kreisen anzutreffen ist. Das ist nicht selten schlimmer als jede verbindliche Norm, denn dahinter stehen ganze Philosophien - um nicht zu sagen: Ideologien - und vor allem sehr viele Emotionen, die auf Kratzer und Stupser garnicht gut zu sprechen sind und günstigstenfalls mit Irritation, schlimmstenfalls mit offener Anfeindung reagieren.



There are only two kinds of people, those who accept dogmas and know it, and those who accept dogmas and don't know it.
(Gilbert Keith Chesterton)



PS. Ich vermute, dass es genau wegen der hierbei im Spiel befindlichen Emotionen sinnvoll ist, Normen zu haben: Ein Lehramt, statt unzähliger Lehrämter; ein Unfehlbarer, statt unzählbarer Unfehlbarer...

PPS. Das auf dem Foto ist natürlich Karol Wojtyla. Offenbar tun sich bis dato die Leute schwer damit, ihn in eine Schublade zu packen... je nach Thema wird er als Toleranzapostel oder Mittelaltermoralist beschrieben. Ich für meinen Teil mag ihn einfach nur so wie er ist. :)


Update: Es gibt offenbar sogar Leute, die schon durch die Verwendung einer Bassgeige anstelle einer gotischen Kasel in helle Aufregung versetzt werden können... Schätze beim Anblick eines Manipels würden solche Leute schreiend aus der Kirche rennen... lol.