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Dienstag, 26. Oktober 2021

Hierarchie der Wahrheiten


Im Dekret des Zweiten Vatikanischen Konzils über den Ökumenismus, Unitatis redintegratio (UR), taucht der Begriff „Hierarchie der Wahrheiten“ auf (UR 11). Dieser Begriff hat seit dem eine erstaunliche Karriere hingelegt, denn er ist in die Alltagssprache vieler Kirchenleute und Theologen übergangen, auch weit jenseits des Themas Ökumene.

Leider wird der Begriff meistens falsch bzw. missbräuchlich verwendet. Und zwar auf die Weise, dass damit ausgesagt werden soll, dass es „wichtige“ und „weniger wichtige“, und sogar „unwichtige“ Glaubensinhalte gäbe, wobei man sich insbesondere bei der Verkündigung (Katechese, Predigt, mediale Auftritte) auf die wichtigen konzentrieren solle. Welcher hierarchische Rang einer einzelnen Glaubenswahrheit zukommt, liegt derweil meist im Ermessen des Einzelnen, aber recht beliebt ist es, nur das als „wichtig“ zu deklarieren, was im Glaubensbekenntnis steht, wobei aber diese Regel sogleich wieder gebrochen wird, denn die Jungfrauengeburt gehört diesen Verkündern zufolge sicherlich nicht zur „wichtigen“ Kategorie, und auch die Dreifaltigkeit Gottes wird zuweilen nicht in den oberen hierarchischen Rängen positioniert, da sie unverständlich sei. Mein Eindruck ist, dass meist nach dem religionsphilosophischen Modell verfahren wird: Was die meisten Menschen glauben, das ist in dieser Hierarchie ganz oben und darauf müssen wir uns in Verkündigung konzentrieren; je spezifischer es wird, desto niedriger ist der „Rang“ und desto eher kann man es, platt gesagt, weglassen. Daraus ließen sich grob fünf Ränge ableiten:

1. Was allen Menschen gemein ist

2. Was allen Religionen gemein ist

3. Was den monotheistischen Religionen gemein ist

4. Was den christlichen Konfessionen gemein ist

5. Was spezifisch katholisch [und orthodox] ist

Was wir hier haben ist eine Hierarchie, genauer: Was man in der Fachsprache „Schachtelungshierarchie“ (engl. nesting hierarchy) nennt. Hierbei sind die jeweiligen Kategorien ähnlich einer Matrjoschka ineinander verschachtelt: die „katholische Schachtel“ befindet sich zusammen mit anderen in der „christlichen Schachtel“, diese befindet sich wiederum mit anderen zusammen in der „monotheistischen Schachtel“, diese befindet sich wiederum mit anderen zusammen in der „religiösen Schachtel“ und diese befindet sich wiederum mit anderen zusammen in der „meschlichen Schachtel“. In dieser Hierarchie ist folglich das Wichtigste alles, worüber sich alle Menschen einigen können usw.; am unwichtigsten ist das, was die eigene Kirche ausmacht.


Ursprünglich im Kontext des Themas Ökumene eingeführt, hat der Begriff der „Hierarchie der Wahrheiten“ doch überragende Bedeutung. Aber sein falscher Gebrauch hat gerade für die Ökumene verheerende Folgen.

Sinn jener religionsphilosophischen Unterteilung in wichtig und unwichtig ist es, im ökumenischen und interreligiösen Austausch eine möglichst große Nähe herzustellen und nicht mit „Eigenem“ den anderen auf Distanz zu halten. Das klingt zunächst gut, führt aber auch dazu, dass man etwa als katholischer Gesprächspartner von seinem Gegenüber am Ende des Tages nicht ernst genommen wird, denn man gibt dadurch seine eigene Identität preis.

Mal ehrlich: Was glauben die so Vorgehenden eigentlich, wie vertrauenerweckend der andere auf einen wirkt und wie ernstgenommen man sich fühlt, wenn man feststellen muss, dass der Gesprächspartner nicht mal sich selbst, seinen eigenen Glauben, ernst nimmt? Oder andersherum: Wenn ich meinen eigenen Glauben nicht ernst nehme, d.h. ihn nicht unverkürzt annehme, bejahe und bekenne, dann kann ich nicht erwarten, dass mein Gegenüber mir abnimmt, dass ich ihn und seinen Glauben ernst nehme.

Durch so einen Mangel an Ernsthaftigkeit der geglaubten Wahrheit gegenüber kann auch kein Vertrauen entstehen, denn jeder ernsthafte Dialog löst sich in Luft auf, er wird ersetzt durch eine (politische/ideologische) Verhandlung. Das ist genau das, was den Großteil unserer gegenwärtigen „offiziellen“ ökumenischen Gespräche auszeichnet: Es sind Verhandlungen um Begriffe, nicht Gespräche über den Glauben. Die Ergebnisse sind dann dementsprechend auch Verträge und Vereinbarungen, aber keine Nähe, keine Gemeinschaft. Ein gutes Beispiel ist jenes schreckliche (weil unehrliche, und damit unchristliche, außerdem häretische und in hohem Maße manipulative) Dokument „Gemeinsam am Tisch des Herrn, mit dem ich mich HIER und HIER näher befasst habe. Ich sprach damals von einer Papierökumene, Karl-Heinz Menke nennt es Tintenfischökumenik, bei der alles Anstößige hinter einem Tintenschleier verschwindet.


Mit derHierarchie der Wahrheiten“, wie sie das letzte Konzil benannte hat, hat dieses Einteilen in „wichtig“ und „unwichtig“ nichts, aber auch gar nichts zu tun. Wie fern ein Zurückstellen von Glaubenswahrheiten um des ökumenischen Friedens oder scheinbarer (begrifflich ausgefeilter und vertraglich festgehaltener) Übereinkünfte willen jenem Begriff des Zweiten Vatikanischen Konzils ist, kann dieser Satz aus dem selben Abschnitt (drei Sätze vorher) gut veranschaulichen:

Die gesamte Lehre muss klar vorgelegt werden. Nichts ist dem ökumenischen Geist so fern wie jener falsche Irenismus, durch den die Reinheit der katholischen Lehre Schaden leidet und ihr ursprünglicher und sicherer Sinn verdunkelt wird.“ (UR 11)

Was es mit dem Begriff „Hierarchie der Wahrheiten“ tatsächlich auf sich hat, erklärt das Konzil eigentlich unmissverständlich, aber es gibt einen Grund, warum stets nur dieser Begriff zitiert wird und nicht der Satz, in dem er steht, oder gar dessen Kontext. Dort heißt es (satzweise):

[1)] Zugleich muss aber der katholische Glaube tiefer und richtiger ausgedrückt werden auf eine Weise und in einer Sprache, die auch von den getrennten Brüdern wirklich verstanden werden kann.

[2)] Darüber hinaus müssen beim ökumenischen Dialog die katholischen Theologen, wenn sie in Treue zur Lehre der Kirche in gemeinsamer Forschungsarbeit mit den getrennten Brüdern die göttlichen Geheimnisse zu ergründen suchen, mit Wahrheitsliebe, mit Liebe und Demut vorgehen.

[3)] Beim Vergleich der Lehren miteinander soll man nicht vergessen, dass es eine Rangordnung oder ‚Hierarchieder Wahrheiten innerhalb der katholischen Lehre gibt, je nach der verschiedenen Art ihres Zusammenhangs mit dem Fundament des christlichen Glaubens.

[4)] So wird der Weg bereitet werden, auf dem alle in diesem brüderlichen Wettbewerb zur tieferen Erkenntnis und deutlicheren Darstellung der unerforschlichen Reichtümer Christi angeregt werden.“ (UR 11)

1) Es fällt auf, dass es hier überhaupt nicht um Glaubensinhalte (oder Glaubenswahrheiten) geht, sondern um die Sprache und das Sprechen: Wie drücken wir uns aus? Drücken wir uns so aus, dass man uns versteht? Drücken wir uns bzw. den Glauben „tief“ und „richtig“, ja sogar „tiefer“ und „richtiger“ aus? Der lateinische Text klingt hier noch schärfer als die übliche deutsche Übersetzung: „fides catholica et profundius et rectius explicanda est“ – „der katholische Glaube ist sowohl tiefer als auch richtiger darzulegen“ [und zwar] auf eine Weise und in einer Sprache, die von den getrennten Brüdern wirklich verstanden werden kann.

2) Hier geht es noch immer nicht um einzelne Glaubensinhalte, sondern um Haltungen: Als erstes um die „Treue zur Lehre der Kirche“ und sodann um Wahrheitsliebe, Liebe, Demut. Zu gemeinsamer Forschungsarbeit“, d.h. konfessionsübergreifend, wird ermutigt, Gegenstand sind die „göttlichen Geheimnisse“, die aber nicht nach „wichtig“ oder „unwichtig“ sortiert werden, sondern einfach gegeben sind.

3) Hier haben wir endlich den Begriff der „Hierarchie der Wahrheiten“. Es fällt auf, dass die genannten Wahrheiten „innerhalb der katholischen Lehre“ verortet werden, es geht also gewissermaßen um alles „was katholisch ist“. Vor allem von Bedeutung ist jedoch, die nähere Bestimmung, was mit diesem Begriff ausgesagt ist: Auch hier ist nirgends die Rede von „wichtigen“ und „weniger wichtigen“ oder „unwichtigen“ Wahrheiten. Vielmehr ergibt sich die Verschiedenheit der Wahrheiten, die als Rangfolge oder Hierarchie bezeichnet wird, aus der „Art ihres Zusammenhangs mit dem Fundament des christlichen Glaubens“. Dies ist durchaus konkret aufzufassen: Es ist keine generelle Rangordnung gegeben, sondern jede Glaubenswahrheit hat ihren spezifischen Zusammenhang mit dem Fundament. (Welches offenkundig Christus ist.)

4) „Wettbewerb“ ist hier eine missverständliche Übersetzung. Es ist hier wohl nicht gemeint, wer wen besser überzeugen kann oder wer am Ende als „Sieger“ hervorgeht, sondern es ist eher ein geistlicher Wettkampf gegen die eigene Schwäche gemeint, der „Sieg“ ist jenes tiefere, richtigere Verstehen, die Mittel in diesem Kampf sind jene Treue, Wahrheitsliebe und Demut.


Doch der Schaden geht weit über ökumenische Gespräche hinaus.

Der Begriff „Hierarchie der Wahrheiten“ wurde, weil er so „neu“ klingt dankbar angenommen, nachdem er seines Textzusammenhangs entledigt wurde, umgedeutet und für die Demontage des Glaubens gebraucht. Man meinte, hier endlich einen Anpack zu haben, um das Wichtige vom Unwichtigen zu scheiden und unnötigen Ballast abzuwerfen (ein breiter Konsens unter Theologen unmittelbar nach dem letzten Konzil war es z.B., dass man die Existenz von Engeln entsorgen müsse, die in dieser Hierarchie ganz weit unten stünde). Das war natürlich von Anfang an nur ideologisch motiviertes Wunschdenken, schon allein weil, wie bereits dargelegt, der selbe Passus des Konzilstextes klar macht, dass „die gesamte Lehre klar vorgelegt werden“ muss.

Auch wenn der Begriff „Hierarchie der Wahrheiten“ als solcher „neu“ ist, so ist doch das, was er bezeichnet, so neu nicht. Das Erste(!) Vatikanische Konzil sprach in ähnlicher Weise in der Konstitution Dei filius vom „nexus mysteriorum inter se“ (vgl. DH 3016), also von der „Vernetzung“ der Geheimnisse des Glaubens untereinander, die sich so gegenseitig erhellen und erschließen. Auch der Begriff der Analogie des Glaubens“ (lat. analogia fidei) ist hier gefallen und meint im Grunde das Gleiche (vgl. KKK 114). Die Rede von der „Hierarchie“ oder „Rangordnung“ scheint mir indes für die gemeinte Sache durchaus passend, denn es besteht in diesem Nexus faktisch eine Hierarchie (wörtlich: heilige Ordnung), da gewisse Glaubenswahrheiten auf dem Fundament anderer Glaubenswahrheiten ruhen oder, andersherum, durch diese gewissermaßen „von oben“ erhellt, erschlossen werden. Das Bild vom Netz(werk) ist hier eng verwandt mit dem des lebendigen Körpers: Nach Thomas von Aquin (STh II-II, q. 1, a. 6) heißen die einzelnen Glaubenswahrheiten „[Glaubens]Artikel“ (lat. articulus: Glied), weil sie Teil eines organischen, als „Leib“ gedachten Ganzen sind und entsprechend zusammen gehören.

Ein Beispiel: Die Glaubenswahrheit der Aufnahme Mariens in den Himmel ist nicht verständlich, ohne die Glaubenswahrheit ihrer besonderen Begnadung, und diese wiederum ist ohne die Glaubenswahrheit der Erlösung in und durch Christus nicht einsichtig. Marias Begnadung steht so gesehen in der Hierarchie an höherer Stelle als ihre Aufnahme in den Himmel, und die Erlösung durch Christus an höchster Stelle; aber alle drei sind und bleiben wahr und verpflichtend zu glauben, keine ist unwichtig“ oder kann entfallen. Das ist es, was Hierarchie der Wahrheiten meint, nichts anderes.
Auf klug könnte man sagen: „Hierarchie der Wahrheiten“ ist ein hermeneutischer oder didaktischer Begriff, kein dogmatischer. Die „Hierarchie“ dient dem „richtigeren und tieferen“ Verständnis (vgl. UR 11) der einzelnen Wahrheiten des Glaubens im Gesamt des Glaubens, sie rührt nicht an deren Wahrheitsgehalt.

Dass die Wahrheiten des Glaubens in einer Rangordnung stehen, war immer schon im Bewusstsein der Kirche präsent, was etwa daran klar wird, dass in den wichtigsten historischen Glaubensbekenntnissen nicht alle Feinheiten des katholischen Glaubens eingeflossen sind, sondern nur seine zentralsten oder grundlegendsten Elemente. Dadurch wurde aber nie die Wahrheit und Verbindlichkeit von all dem abgelehnt, was nicht in diese aufgenommen wurde (z.B. taucht in diesen die bischöfliche Amtsstruktur der Kirche nicht auf, obwohl sie für die Bischöfe, die diese Bekenntnisse verfassten und approbierten, gewiss wichtig und verbindlich war).

Leider hat schon sehr bald, noch während des Konzils, jenes falsche Verständnis des Begriffs oftmals die Oberhand gewonnen, weswegen bereits das „Allgemeine Katechetische Direktorium“ von 1971 (das nie offiziell ins Deutsche übersetzt wurde, weil man meinte, Katechese eigentlich nicht mehr nötig zu haben) betonte:

„Diese Hierarchie bedeutet nicht, dass einige Wahrheiten weniger als andere zum Glauben gehören, sondern dass manche Wahrheiten auf anderen grundlegenderen aufbauen und von ihnen her Licht erhalten.“ (Nr. 43)

 

Die missbräuchliche Verwendung des Begriffs funktioniert indes nur, solange die so Sprechenden nicht darüber nachdenken, was sie da eigentlich sagen. Denn der Begriff „Hierarchie der Wahrheiten“ kann gar keine Wertung über die Verbindlichkeit oder Relevanz des zu Verkündigenden bezeichnen, weil eine Wahrheit nunmal eine Wahrheit bleibt, auch wenn sie zusammen mit anderen in einer „Hierarchie“ angeordnet wird. So, wie er faktisch verwendet wird, müsste der Begriff eigentlich „Hierarchie der Wahrheitsgrade“ oder „Hierarchie der Verbindlichkeiten“ heißen, dann würden der Begriff und seine Deutung zusammenpassen. (Eine Ironie dieses falschen Denkens ist, dass man damit die so genannten „Gewissheitsgrade“, die sich früher in der neuscholastischen Dogmatik großer Beliebtheit erfreuten, und die man heute nur zu gerne als unsinnig verlacht, in einer verdummten Variante wieder aufleben lässt, ohne es zu merken.) Nun heißt der Begriff aber „Hierarchie der Wahrheiten“: Die Wahrheiten bleiben Wahrheiten, sie büßen ihre wesentliche Eigenschaft des Wahrseins durch die wie auch immer vorgenommene Anordnung in der Hierarchie nicht ein; sie müssen folglich in ihrer Gesamtheit anerkannt, bejaht und bekannt werden, denn die bzw. eine Wahrheit (wir könnten auch sagen: Realität) zu leugnen ist immer ein Fehler, das wissen auch die so Sprechenden.

Die falsche Verwendung des Begriffs findet dann z.B. in dem (immer schon von unzähligen Theologen geäußerten) Vorwurf gegen den Katechismus der katholischen Kirche Ausdruck, dieser würde jene Hierarchie nicht gebührend berücksichtigen, weil dort alles einfach als „wahr“ hingestellt, und nicht nach „Wahrheitsgraden“ unterschieden würde (siehe HIER ganz unten). Diese Kritik ist Unsinn, weil „Hierarchie der Wahrheiten“ eben nichts am Wahrsein der Wahrheiten ändert. In Wirklichkeit ist der Katechismus, wie jedes gute Glaubensbuch, konsequent nach dem Prinzip der Hierarchie der Wahrheiten strukturiert, da er die Zusammenhänge der einzelnen Wahrheiten mit dem Fundament des Glaubens darlegt und verdeutlicht. Die einzelnen Wahrheiten werden dabei jeweils als wahr dargestellt, weil es eben Wahrheiten sind und bleiben. Daher heißt es auch in jenem „Allgemeinen Katechetischen Direktorium“ von 1971: „In der Heilsbotschaft besteht eine gewisse Hierarchie der Wahrheiten, die die Kirche immer anerkannt hat, wenn sie Glaubensbekenntnisse und -kompendien verfaßte.“ (Nr. 43)


Ich spare mir hier eine Auflistung aller Stellen, an denen die Päpste und ihre Dikasterien die korrekte Bedeutung des Begriffs der „Hierarchie der Wahrheiten“ immer wieder aufs neue eingeschärft haben, und beschränke mich nur auf die vermutlich aktuellste von diesen. Papst Franziskus schreibt in seinem Apostolischen Schreiben Evangelii gaudium:

„Alle offenbarten Wahrheiten entspringen aus derselben göttlichen Quelle und werden mit ein und demselben Glauben geglaubt, doch einige von ihnen sind wichtiger, um unmittelbarer das Eigentliche des Evangeliums auszudrücken. […] Man darf die Vollständigkeit der Botschaft des Evangeliums nicht verstümmeln. Außerdem versteht man jede Wahrheit besser, wenn man sie in Beziehung zu der harmonischen Ganzheit der christlichen Botschaft setzt, und in diesem Zusammenhang haben alle Wahrheiten ihre Bedeutung und erhellen sich gegenseitig.“ (Nr. 36-39)
Weiter heißt es dort:
„Das Evangelium lädt vor allem dazu ein, dem Gott zu antworten, der uns liebt und uns rettet – ihm zu antworten, indem man ihn in den anderen erkennt und aus sich selbst herausgeht, um das Wohl aller zu suchen. Diese Einladung darf unter keinen Umständen verdunkelt werden! Alle Tugenden stehen im Dienst dieser Antwort der Liebe. Wenn diese Einladung nicht stark und anziehend leuchtet, riskiert das moralische Gebäude der Kirche, ein Kartenhaus zu werden, und das ist unsere schlimmste Gefahr. Denn dann wird es nicht eigentlich das Evangelium sein, was verkündet wird, sondern einige lehrmäßige oder moralische Schwerpunkte, die aus bestimmten theologischen Optionen hervorgehen. Die Botschaft läuft Gefahr, ihre Frische zu verlieren und nicht mehr ‚den Duft des Evangeliums‘ zu haben.“ (Nr. 39)

Genau das ist seit Jahrzehnten leider in großem Umfang zu beobachten, nicht nur im ökumenischen Dialog, sondern in allen Bereichen des kirchlichen Lebens ähnelt das Ganze mehr und mehr einem Kartenhaus. Wen wunderts, dass nun mittels suizidalem Weg dasselbe zum Einsturz gebracht werden soll...es wurde ja jahrzehntelang sturmreif geschossen...

Montag, 24. Mai 2021

Gedanken zum "synodalen Prozess"

Ein paar erste einordnende Gedanken und Hinweise zum in diesem Jahr startenden synodalen Prozess der Weltkirche:


1) Schon allein sprachlich wird man sich hierzulande viel Mühe geben, den weltweiten synodalen Prozess als Ausweitung des deutschen suizidalen Weges zu verkaufen indem man z.B. den schwachsinnigen Namen „synodaler Weg“ („gemeinsamer Weg Weg“) dafür verwendet. Man reklamiert jetzt schon für sich, diesen weltweiten Prozess (mit) inspiriert zu haben, ja dessen „Wegbereiter“ zu sein. Natürlich stimmt das nicht, allein schon deshalb, weil der deutsche „synodale Weg“ 1. rechtswidrig ist (siehe den Brief von Kardinal Ouellet an Marxens vom September 2019) und 2. alle seine Themen bereits von Rom kassiert worden sind. Der suizidale Weg in Deutschland ist per Definition nicht synodal, weil er nicht die Spielregeln einer Synode befolgt. Das Wort synodal im Namen macht es nicht automatisch zu einer Synode - so wenig wie Zitronenfalter Zitronen falten. Das ist ja auch der Grund, warum man ihn so bekloppt benannt hat, statt ihn „Synode“ zu nennen: Man wollte das für „Synoden“ verbindliche Reglement umgehen, und hat dafür in Kauf genommen, ein kirchenrechtlich nicht existentes Etwas zu erschaffen, das folglich auch keine rechtliche Verbindlichkeit für irgendwen beanspruchen kann. (Die „Würzburger Synode“ von 1971-75 hat übrigens auch keinerlei Rechtsgültigkeit, da ihre Beschlüsse von Rom nicht approbiert wurden, aber das nur am Rande. Irgendwie können wir Deutschen Synode nicht.)

2) Natürlich hat der weltweite synodale Prozess auch aus sich heraus nichts mit dem deutschen suizidalen Weg seit 2019 zutun oder gemein: Jener wurde im Grunde bereits 2015 vom Papst zwischen den Zeilen angekündigt als er sagte: „Die Welt, in der wir leben und die in all ihrer Widersprüchlichkeit zu lieben und ihr zu dienen wir berufen sind, verlangt von der Kirche eine Steigerung ihres Zusammenwirkens in allen Bereichen ihrer Sendung. Genau dieser Weg der Synodalität ist das, was Gott sich von der Kirche des dritten Jahrtausends erwartet.“ (Ansprache zur 50-Jahr-Feier der Errichtung der Bischofssynode am 17. Oktober 2015; hier) Was im Oktober losgehen soll, hat der Papst damals schon ziemlich genau ausformuliert: „Die synodale Reise[*] beginnt im Hinhören auf das Volk, das ‚auch teilnimmt am prophetischen Amt Christi‘ […]. Der Weg der Synode setzt sich fort im Hinhören auf die Hirten. Durch die Synodenväter handeln die Bischöfe als authentische Hüter, Ausleger und Zeugen des Glaubens der ganzen Kirche, wobei sie verstehen müssen, diesen von den oft wechselhaften Strömungen der öffentlichen Meinung zu unterscheiden. […] Und schließlich gipfelt der synodale Weg im Hören auf den Bischof von Rom, der berufen ist, als ‚Hirte und Lehrer aller Christen‘ zu sprechen: nicht von seinen persönlichen Überzeugungen ausgehend, sondern als oberster Zeuge der fides totius Ecclesiae [des Glaubens der gesamten Kirche], als ‚Garant des Gehorsams und der Übereinstimmung der Kirche mit dem Willen Gottes, mit dem Evangelium Christi und mit der Überlieferung der Kirche‘.“

3) Bereits seit 2014 hat sich zudem die Internationale Theologische Kommission mit dem Thema befasst und dazu 2018 ein entsprechendes Dokument veröffentlicht (das man für den deutschen suizidalen Weg geflissentlich ignoriert hat, das die Weltkirche aber nicht ignorieren kann), das jeder Interessierte lesen sollte (hier; vgl. Karl-Heinz Menke dazu hier).

4) Der nun angestoßene synodale Prozess zielt m.E. auch stark auf Fortschritte auf dem Weg der Ökumene mit den orthodoxen Kirchen. Verwiesen sei auf die „Gemeinsame Internationale Kommission für den theologischen Dialog zwischen der Römisch‐Katholischen Kirche und der Orthodoxen Kirche“; über die Jahre gehörten dieser Kommission so illustre Namen an wie z.B. Louis Bouyer und Joseph Ratzinger auf katholischer Seite, und John Zizioulas und Dumitru Staniloae auf orthodoxer Seite (hier gibt es alle Dokumente von 1980 bis 2010). Diese Kommission hat seit dem so genannten Valamo-Dokument (benannt nach dem Ort der Unterzeichnung) von 1988 immer wieder auch die Synodalität als wesentliches Element des kirchlichen Lebens herausgestellt: unter den „Formen der Ausübung der Gemeinschaft unter den Bischöfen“ wird dort als „hauptsächlich das synodale oder konziliare Leben“ benannt (Nr. 52). Auch 2007 hat diese Kommission im so genannten Dokument von Ravenna die Frage der Konziliarität/Synodalität thematisiert. Darin heißt es z.B.: „Diese konziliare Dimension des Lebens der Kirche gehört zu ihrem tiefsten Wesen. D.h. sie ist im Willen Christi für sein Volk begründet (vgl. Mt 18,15-20), selbst wenn ihre kanonische Verwirklichung notgedrungen auch durch Geschichte und den sozialen, politischen und kulturellen Kontext bestimmt wird.“ (Nr. 10) Der nun angestoßene synodale Prozess soll bekanntluch auf mehreren Ebenen laufen (Bistümre, Bischofskonferenzen, kontinentale Konferenzen, Rom); genau das fand sich 2007 im Ravenna-Dokument formuliert: „So definiert muß die konziliare Dimension der Kirche auf den drei Ebenen kirchlicher Communio, der lokalen, regionalen und universalen Ebene, zu finden sein“ (ebd.). Im Jahr 2016 wurde das so genannten Chieti-Dokument veröffentlicht (hier), das sich mit Synodalität und Primat der Kirche im ersten Jahrtausend befasste. Dort wird etwa mit Blick auf Johannes Chrysostomos gesagt: „Synodalität ist eine grundlegende Qualität der Kirche als ganzer.“ (Nr. 3) Auch hier findet sich wieder die dreistufige unterscheidung der lokalen, regionalen und universslen Synodalität, was dann im Einzelnen näher ausgeführt wird.

5) Die Meinungsmacher und Meinungsmachthaber in der deutschen suizidalen Kirche werden sich sehr bemühen, das Ruder an sich zu reißen und weltweit Druck auszuüben. Keine Sorge: Die Zeiten sind vorbei. Die katholische Kirche in Deutschland hat längst ihre Glaubwürdigkeit verspielt. Auch die deutschsprachige Theologie, die einst das letzte Konzil maßgeblich bestimmte, und die aktuell das Loblied auf die Segnung gleichgeschlechtlicher Akte singt, wird weltweit mehr und mehr ignoriert.

6) Der suizidale Weg deutscher Machart wird durch den weltkirchlichen synodalen Prozess faktisch zur Marginalie. Alles was bisher dafür getan wurde und was noch getan werden sollte, kann direkt in die Tonne. Schon strukturell wird jener weltkirchliche Prozess völlig anders ablaufen und der Takt wird letztlich von Rom vorgegeben (hier der Ablauf). Die rechtswidrig erzielten „Ergebnisse“ des suizidalen Weges können nicht in das neue Format überführt werden.

7) In seinem Brief an das pilgernde Volk Gottes in Deutschland (vgl. meine Gedanjken dazu hier, hier und hier) hat Franziskus deutlich gemacht, was für ihn bei der Frage der Synodalität die „bestimmenden Elemente“ sind: Evangelisierung und der Sensus Ecclesiae (vgl. dazu hier). Beides existiert beim deutschen suizidalen Weg nicht. Papst Franziskus am 30. April dieses Jahres an die Nationalversammlung der Katholischen Aktion Italiens (hier; eigene Übersetzung): „Eine Kirche des Dialogs ist eine synodale Kirche, die auf den Geist und auf die Stimme Gottes hört, die uns durch den Schrei der Armen und der Erde erreicht. In der Tat ist das Synodale nicht so sehr ein Plan, der geplant und verwirklicht werden muss, sondern vor allem ist es ein Stil, den es zu verkörpern gilt. Und wir müssen präzise sein, wenn wir von Synodalität, von einer synodalen Reise, von synodaler Erfahrung sprechen. Es ist kein Parlament, Synodalität bedeutet nicht, zu parlamentieren. Synodalität ist nicht die bloße Diskussion über Probleme, über verschiedene Dinge, die in der Gesellschaft existieren ... sie ist mehr. Die Synodalität strebt keine Mehrheit an, eine Einigung über pastorale Lösungen, die wir treffen müssen. Das allein ist keine Synodalität; das ist ein schönes ‚katholisches Parlament‘, okay, aber es ist keine Synodalität. Weil der Geist fehlt. Was die Diskussion, das ‚Parlament‘, die Suche nach Dingen[?] zur Synodalität macht, ist die Gegenwart des Geistes: Gebet, Schweigen, Unterscheidung von allem, was wir teilen. Ohne den Geist kann es keine Synodalität geben, und ohne Gebet gibt es keinen Geist. Dies ist sehr wichtig.“

 

Ich bin sehr gespannt. Die deutschsprachigen Mitraträger werden es in der Mehrheit und als DBK wohl tunlichst vermeiden, ihrer Hirtenpflicht nachzukommen, und sich stattdessen mit großer Begeisterung vor den Karren wechselhafter Strömungen der öffentlichen Meinung“ spannen lassen; aber ich bin zuversichtlich, dass die Weltkirche sich daran kein Beispiel nehmen wird.



[*] Das  italienische „cammino sinodale“ kann man mit „synodaler Weg“ übersetzen, aber dann ist es eben unsinnig, weil im griechischen Wort „Synode“ schon das Wort „Weg“ drinsteckt (syn = gemeinsam; hodos = Weg). Auf italienisch kann man das deshalb sinnvoll sagen, weil das italienische Wort „cammino“ eigentlich
das Gehen/Laufen oder „das zu Gehende/Laufende“ meint (it. camminare = laufen, gehen, wandern); stünde hier ein anderes italienisches Wort für „Weg“, z.B. sentiero (Pfad), via (Weg) oder passo (Pass, Schritt, Weg), ergäbe sich das gleiche Problem wie im Deutschen. Nur dooferwesie haben wir keine deutsche Entsprechung für cammino, die diesen Unfug vermeiden könnte, am ehesten scheint mir im Kontext noch das Wort „Reise“ zu funktionieren, daher von mir so wiedergegeben. Wer auch immer in der DBK sich für die Benennung des suizidalen Weges womöglich an jenen Worten des Papstes bedient hat, beherrschte vermutlich weder Italienisch noch Griechisch.

Dienstag, 26. Januar 2021

Die Methode von "Gemeinsam am Tisch des Herrn" - Teil 2

Ich setze hierfür die Lektüre von Teil 1 (hier klicken) voraus, wo ich anhand zweier Beispiele das intellektuell bankrotte Vorgehen im ÖAK-Papier dargelegt habe.

Da nun öffentlich ist, dass der ökumenische Arbeitskreis Rom theologische Inkompetenz attestiert (hier), sei noch ein Wort nachgeschoben. Drei Punkte:

1) Das für die katholische Amtstheologie wichtige Faktum, dass Jesus bei der Einsetzung der Eucharistie ganz bewusst nur die Apostel dabei haben wollte und keine anderen Jünger (auch keine Frauen), - "Mit großer Sehnsucht habe ich danach verlangt, vor meinem Leiden dieses Paschamahl mit euch zu essen" (Lk 22,15) - umgeht man in GaTH dadurch, dass man sich auf den sekundären Bericht(!) des Paulus im ersten Korintherbrief konzentriert, der sich natürlich mit seinem Brief an alle Gemeindeglieder richtet: "Bei der Weisung steten Gedächtnisses handelt es sich nicht um einen Befehl zur Wiederholung der Worte Jesu, der sich gar nur an seine Jünger bzw. die Zwölf (vgl. Mk 14,17) als Vorbilder späterer Amtsträger richtet. Die in der 2. Person Plural formulierten Weisungen bei Paulus haben alle an der gegenwärtig vollzogenen Mahlfeier Beteiligten im Blick." (3.5.3.)

Zugleich erweckt man hier auch den Eindruck, als gäbe es eine weit verbreitete Irrmeinung, derzufolge der Wiederholungsbefehl sich bloß auf die "Worte Jesu" beziehe, was dann mit dem Fokus auf die Apostel als Adressaten vermengt und somit gleichfalls als Irrtum untergeschoben wird. Faktisch wird so diese fiktive Irrmeinung der katholischen Amtstheologie unterstellt, womit sie hier indirekt (zwischen den Zeilen, ohne dies explizit so zu sagen, aber im Kopf des Lesers sehr deutlich mitschwingend) gleich doppelt als Irrtum hingestellt wird. Das muss man den Autoren lassen: Sie sind sehr geschickt im Manipulieren.


2) Das peinliche Detail, dass nach Jesu eigenen Worten der Kelch das "Blut zur Vergebung der Sünden" wahrhaft enthält, wird dadurch verwischt, dass man einen gedanklichen Keil zwischen den Kelchinhalt und das "Trinken aus dem Kelch" treibt (3.5.2.): Alle sollen aus dem Kelch trinken, weil alle der Vergebung der Sünden bedürfen. Punkt. Nächster Satz: Diese Vergebung der Sünden "wird ihnen geschenkt kraft Jesu Tod, dessen 'Blut für viele vergossen wird'". Abgesehen von der unsauberen Formulierung (das "Blut von Jesu Tod", nicht das "Blut Jesu"?) wird hiermit dem Leser suggeriert, dass Jesu Tod eine deutlich vom Herrenmahl zu unterscheidende Angelegenheit ist, jeder Zusammenhang zwischen diesen beiden ist bloß eine "Deutung", und nicht in der Sache (oder Handlung) selbst gegeben.


3) Der wesentliche Punkt liegt wohl darin, dass man ja nun irgendwie vermeiden muss, die Realität der Vergegenwärtigung von Jesu Kreuzesopfer in der Eucharistie anzuerkennen. Das tut man dadurch, dass man stattdessen von einer "Vergegenwärtigung des letzten Mahls Jesu mit seinen Jüngern" (3.5.) spricht. Das ist natürlich eine recht geschickte Formulierung, der man als Nicht-Theologe leicht aufsitzen kann. Formulierungen wie z.B. "Vergegenwärtigung des letzten Abendmahls" haben sich schon spürbar im Theologensprech etabliert und sind auch immer häufiger z.B. in der Erstkommunionvorbereitung anzutreffen. Faktisch ist es aber die Entsorgung der katholischen Lehre: Nicht mehr Jesu Kreuzesopfer wird gegenwärtig, sondern nur noch sein Abschiedsmahl. Der Befehl Jesu "Tut dies zu meinem Gedächtnis" bezieht sich dann folglich nur noch auf eine "Wein-Gabe" und eine "Brot-Handlung" (3.5.1.), hat aber mit Jesu Tod nur noch im Sinne einer nachträglichen, intellektuellen "Deutung" zu tun (siehe Punkt 2).

Nur scheinbar besser ist dieser Passus in GaTH.: "Die Weisung: 'Dies tut zu meinem Gedächtnis!' (1 Kor 11,24f.; Lk 22,19) schreibt der Feier die Erinnerung an Jesus ein. Erinnerung ist – biblisch betrachtet – immer Vergegenwärtigung des Erinnerten, hier des Heilstodes Jesu. [...] Die Erinnerung an Jesus besitzt identitätsstiftende Kraft." (3.10.4)

Hier findet unmittelbar nach der Wiedergabe von Jesu Befehl ein (auch für viele Theologen kaum bemerkbarer) gedanklicher Sprung statt, der an den verwendeten Begriffen deutlich wird, wenn man weiß, worauf zu achten ist. Nämlich Folgendes: Das Gedächtnis, wie es die Evangelien und Paulus berichten, ist ein aktives Tun, nicht jener kognitive Vorgang, den wir als "Erinnerung" bezeichnen: Jesu Befehl lautet "tut dies zu meinem Gedächtnis!", nicht "erinnert euch an mich". Wenn hier unvermittelt von "Erinnerung" gesprochen wird, dann ist das gerade nicht tätig (kultisch) gemeint, sondern bezeichnet einen rein gedanklichen Vorgang.

Mit dem hier gebrauchte Begriff der "Vergegenwärtigung" wird der Leser wiederum geschickt manipuliert, denn es wird der Einruck erweckt, als meine man - gut katholisch (biblisch) - die objektive Vergegenwärtigung von Jesu Tod und Auferstehung. Tatsächlich wird hier aber ein umgangssprachlicher Begriff "Vergegenwärtigung" verwendet. Dass "Erinnerung ... – biblisch betrachtet – immer Vergegenwärtigung des Erinnerten" meint, stimmt nur, wenn wir von einem umgangssprachlichen Begriff der Erinnerung und Vergegenwärtigung ausgehen: Man selbst kann sich etwas "vergegenwärtigen", indem man eine Erinnerung wachruft, oder jemand anders kann uns durch eine Erinnerung etwas "vergegenwärtigen". Diese umgangssprachliche Verwendung findet sich auch in der Bibel öfter (z.B. 2Tim 1,4-6; Tit 3,1; 2Petr 1,13; 3,1). Jesu Befehl "tut dies zu meinem Gedächtnis" muss von dieser Umgangssprache deutlich unterschieden werden. Ihr biblisches Fundament ist die Pessachfeier, bei der durch den Verzehr der Speisen und die Erzählung des Exodus dieser selbe Exodus "gegenwärtig" wird. In Jesu Umprägung dieses den Exodus vergegenwärtigenden Mahles wird er selbst, Gottes Sohn, real gegenwärtig mit Fleisch und Blut, der unser Exodus aus der Sünde (Weg, Wahrheit Leben) ist. Weil nun eine göttliche-menschliche Person gegenwärtig wird und nicht ein "Ereignis", ist diese Gegenwart  weitaus "realer" und "erfahrbarer", als es das Pessach je war: Es handelt sich um ein wahrhaftiges personales Gegenüber, das mich anschaut.

Jedenfalls: Durch die unvermittelt in GaTH eingeführte umgangssprachliche "Erinnerung" und "Vergegenwärtigung" kann dann auch genauso umgangssprachlich "die Erinnerung an Jesus identitätsstiftende Kraft besitzen". Dass es der real gegenwärtige Jesus selbst ist, der in der Eucharistie die Identität und die Einheit der Feiernden und IHN empfangenden Gemeinde bewirkt und garantiert, wird damit aber gerade nicht gesagt. Sondern es bleibt bei einer je einzelnen oder wechselseitigen "Erinnerung an Jesus". Man kann es auch als das Finden eines gemeinsamen Interesses an diesem Jesus beschreiben, das dann "identitätsstiftende Kraft" hat. Das ist zwar auch schon etwas durchaus Wertvolles und Schönes, aber es ist etwas, das auf jedes zufällige Zusammentreffen zweier Christen zutreffen kann - es ist nicht der Inhalt des katholischen Eucharistieglaubens.


Das Dokument "Gemeinsam am Tisch des Herrn" hat (in Anlehnung an die Rede vom "Papiertiger") letztlich nur eine Papierökumene zum Ziel, der es nicht um das "bleiben in der Wahrheit" (2Joh 1,2) oder gar um eine echte gemeinsame Gottesbeziehung geht, sondern deren Zweck darin besteht, eine vertraglich (auf Papier) abgesicherte Scheinbeziehung herzustellen. Mehr nicht. Es geht um Begriffe und Formulierungen für einen Kompromiss, es geht um semantische Feinheiten und gefühlte (und entsprechend manipulierbare) Inhalte. Es geht nicht um so etwas wie Wahrheit oder Wirklichkeit. Es geht um ein Papier "für die Akten".

Statt einer wahrhaftigen Ökumene des Bekenntnisses und der Liebe zu Jesus Christus, statt einer Ökumene des Zeugnisses (martyria) vor der Welt, der Diakonie an den Menschen und des Gebets vor und zu Gott, möchte man (mittels bewusster Irreführung und Manipulation ungebildeter Massen?) einen falschen (weil von der Wahrheit losgelösten) kurzweiligen und lokal eng umgrenzten (Deutschland!!) Anschein von Einheit herstellen, notfalls auch um den Preis einer Ablösung von der Weltkirche und eines tiefen Bruches der Beziehungen zu den Kirchen der orthodoxen und östlichen Traditionen.


Rom hat die Manipulation in "Gemeinsam am Tisch des Herrn" durchschaut. Da diese Manipulation aber sehr geschickt versteckt ist, musste Rom in seinen Ausführungen, wie es die neuerliche Entgegnung des ÖAK formuliert, mit "vielen Vermutungen ('eigentlich') und schillernden Komparative[n] ('eher')" arbeiten, die ihm nun der ÖAK wiederum zum Vorwurf macht. Auch sehr gewitzt! Die neuerliche Stellungnahme des ÖAK ist nur ein weiterer Versuch der Manipulation, aufbauend auf der vorherigen. Man ist sich seiner Sache übrigens absolut und unumstößlich sicher: Die eigenen exegetischen Befunde etwa, werden einfach als "unbestreitbar" bezeichnet, auch wenn es sich dabei v.a. um Behauptungen und Phantasiegebilde handelt. Genau so funktioniert eine Ideologie. Das Resultat kann entsprechend nur eine auf sandiger Ideologie erbaute Scheinstruktur sein...

Sonntag, 27. September 2020

Die Methode von "Gemeinsam am Tisch des Herrn"

Mit dem Dokument „Gemeinsam am Tisch des Herrn“ (GTH) möchte man – gegen die ausdrückliche Weisung aus Rom – die Interkommunion in das Belieben des Einzelnen (seine „Gewissensentscheidung“) stellen. Im Folgenden möchte ich anhand von zwei kleinen Beispielen (die durchaus repräsentativ sind für die Methode des ganzen Dokuments) illustrieren, wie die „Theologie“ in dem Dokument funktioniert.

 

Erstes Beispiel:

In Punkt 4.6 möchte man sich gerne auf den großen Kirchenlehrer Augustinus berufen für die Idee, dass die evangelische und katholische Gottesdienstpraxis im Grunde nur Ausdruck einer zu respektierenden Vielfalt sei. Sodann wird behauptet: Die von Augustinus „geforderten konstitutiven Elemente, die unbedingt zu beachten seien, sind erstaunlich wenige.“ Man unterlässt es freilich, den Kirchenlehrer zu zitieren oder auch nur auf eine konkrete Textstelle zu verweisen, sondern spricht nur von „einem Brief an den Bischof Januarius“ (immer ein guter Anlass zur Skepsis!).

Also: Worum geht es? Der Kirchenlehrer wurde von Januarius, einem „Sohn im Geiste“, gefragt, ob es denn legitim sei, was dieser in manchen Ortkirchen an religiösen Praktiken beobachtet hat. Darauf sagt Augustinus (ich vermute, auf diesen Satz beziehen sich die Autoren von GTH in ihrer ersten diesbezüglichen Behauptung): „Ein verständiger und ernsthafter Christ hält nun nicht den einen Gebrauch für besser, den anderen für schlechter, sondern er schließt sich dem Brauche der Gemeinde, bei der er sich gerade befindet, an.“

Die Autoren von GTH tun so, als wäre dieser Standpuntk Ausgustins auf die Unterschiede zwischen Katholiken und Protestanten anwendbar. Aber um welche „Bräuche“ geht es hier? Zunächst muss man wissen, dass Augustinus sehr klar unterscheidet zwischen Bräuchen die auf der Offenbarung in der Schrift beruhen, solchen die, auf die Offenbarung gegründet, von den Konzilien festgesetzt und von der ganzen Kirche als verbindlich anerkannt sind, und solchen Bräuchen, die nur lokale Relevanz haben. Die in Frage stehenden Punkte, um die es in diesem Austausch zwischen Januarius und Augustinus geht sind: Die Häufigkeit der Kommunion (täglich oder nur am Sonntag?), örtlich anzutreffende Milderungen des Fastens in der Fastenzeit (regelmäßige Bäder) und der Zeitpunkt der Kommunion an Gründonnerstag (vor oder nach dem Essen?). Um es gleich vorweg zu nehmern: Die in Frage stehenden Punkte gehören allesamt der letzteren Kategorie an: regionale Bräuche, die weder in der Schrift vorgegeben, noch von der Kirche allgemein vorgeschrieben sind.

Nachdem Augustinus an einigen Beispielen dargelegt hat, was für die ganze Kirche gilt (die Feier von Ostern, Himmelfahrt und Pfingsten), schreibt er: „Andere Gebräuche sind verschieden nach Gegend, Land, Ortschaft. So fasten einige am Sabbate, andere nicht. Einige empfangen täglich den Leib und das Blut des Herrn, andere nur an bestimmten Tagen. An einigen Orten unterbleibt das heilige Opfer keinen Tag, an anderen wird es nur am Sabbat und am Sonntag, an anderen wieder nur am Sonntag dargebracht. Diese und ähnliche Gebräuche derart können nach freier Wahl beobachtet werden.“ Und genau hieran schließt sich das zuvor zitierte Plädoyer zum Respekt vor anderen Bräuchen an. Und direkt im Anschluss an selbiges Zitat heißt es: „Denn was offenbar weder gegen den Glauben noch gegen die guten Sitten verstößt, das ist als indifferent zu betrachten und muß beobachtet werden im Anschlusse an jene, bei denen man sich befindet.“

Der Punkt ist: Aus katholischer Sicht verstößt die protestantische Auffassung (und auch die in „Gemeinsam am Tisch des Herrn“ dargelegte Aufassung) dem Glauben der Kirche und zwar in vielfacher Hinsicht (um nur die wichtigsten Punkte zu nennen: Kirchenverständnis, Amtsverständnis, Opferverständnis…); ebenso verstößt die katholische Auffassung gegen den Glauben der Protestanten. Das ist der Grund, warum wir von einer „getrennten Christenheit“ sprechen und warum es „ökumenische Gespräche“ gibt.

Dass man sich dann noch im selben Abschnitt auf den Libellus ad Leonem X beruft, der die Vielfalt der in der Grabeskirche in Jerusalem um das Jahr 1500 gefeierten Riten rühmt, ist absolut lächerlich: Zu dieser Zeit waren sich alle Christen der verschiedenen west- und ostkirchlichen Traditionen in ihre Verständnis der Eucharistie einig: Es ist das wahre Fleisch und Blut des Erlösers, das geopfert wird. Das trifft übrigens bis heute auf die in der Grabeskirche vertretenen Riten zu, zumal Protestanten, verglichen mit den in der Grabeskirche vertretenen Kirchen, deutlich weniger Interesse an diesen historischen heiligen Stätten haben (ähnlich wie sie auch weniger Interesse an Reliquien haben). Das Dokument gesteht sogar selbst ein, dass der Bezug auf die Liturgie in der Grabeskirche um 1500 für einen Vergleich völlig unbrauchbar ist: Es redet an ganz anderer Stelle von „Elementen der Gestaltung“ von Liturgie, die „beginnend im 16. Jahrhundert[!] und fortdauernd bis heute“ als trennend empfunden werden... Na, wer daran wohl schuld ist? Bestimmt die Katholiken, die sich mit allen Ost- und altorientalischen Kirchen bis heute in ihrem Verständnis von der Eucharistie einig sind!

Man sieht also wie hier historische Befunde behandelt werden: Auf dem Niveau von Klischees und unter Verfälschung des damaligen wie des heutigen Kontextes. Genau so scheint auch das historische Faktum der Kirchenspaltung behandelt zu werden.

 

Zweites Beispiel:

In Punkt 5.6.1 ist zu lesen: „Die liturgischen Feierformen des Abendmahls/der Eucharistie sind in allen Konfessionen in unterschiedlichem Maße regional geprägt“. Der Satz vermittelt den Eindruck, als wolle er nur sagen, dass innerhalb des Protestantismus und innerhalb des Katholizismus jeweils regionale Prägungen der je eigenen Bräuche existieren, was natürlich ein triviales Statement ist. Gegen Ende des Abschnitts tritt jedoch eine recht ausgeklügelte sprachliche Verschiebung ein, die darauf zielt, die Unterschiede zwischen Protestanten und Katholiken, ganz im Sinne des zuvor behandelten irreführenden Bezugs auf Augustinus, geradezu unter diese regionalen Unterschiede zu summieren.

Um dorthin zu gelangen verdreht man faktisch die Prioritäten: Das Wichtigste wird wie das Unwichtigste behandelt. So fängt man in dem Abschnitt damit an, über Kirchenlieder zu sprechen und über zuweilen regional anzutreffenden liturgischen Tanz. Sodann geht es recht ausführlich um Leseordnungen und deren unterschiedliche Verbindlichkeit. Schließlich werden Schuldbekenntnis und Vergebungsbitte in aller Knappheit als „feste Bestandteile“ (mit Variationen) benannt. Und dann, wie als sei es eine nachklappende Nebenbemerkung, wird erwähnt, dass „Analoges“ (also, dass es sich um „feste Bestandteile“ handelt) auch für „das Gedächtnis der Einsetzung des Abendmahls/der Eucharistie durch Jesus Christus“ sowie für bestimmte Gebete (z.B. Sanctus), Glaubensbekenntisse und Segenshandlungen gelte. Daher, so heißt es schließlich, „überwiegt somit der Eindruck, dass wesentliche Bestandteile der Abendmahlsliturgie sowie der Feier der Eucharistie übereinstimmen.“

Mal davon abgesehen, dass Katholiken nur einmal im Jahr „das Gedächtnis der Einsetzung der Eucharistie“ feiern – nämlich an Gründonnerstag; an allen anderen Tagen feiern sie schlicht die Eucharistie, die Formulierung spart also den wesentlichen Sinngehalt der Eucharistie gekonnt aus und reduziert sie auf ein bloßes Gedächtnis –, sei auf die äußerst geschickte Komposition des ganzen Abschnitts aufmerksam gemacht: Den weitaus größten Raum nehmen Kirchenlieder, liturgischer Tanz und Leseordnungen ein, der wesentlichste Teil – die Eucharistie – taucht nur wie in einer Nachbemerkung und innerhalb einer Aufzählung auf. Auf diese Weise erreicht man genau das, was man abschließend feststellt: Es entsteht der Eindruck(!) einer Übereinstimmung im Wesentlichen, während man in Wahrheit das Wesentliche so klein, nebensächlich und nichtssagend wie nur irgend möglich dargestellt hat.

Strategie und Gedankengang des ganzen Dokuments sind in diesem Beispiel gewissermaßen „im Kleinen“ deutlich sichtbar: Es ist ein Taschenspielertrick, der die Perspektive so verdreht und das Wesentliche so kastriert, dass man anhand der kümmerlichen Reste eine Übereinstimmung behaupten kann.

 

Drei abschließende Gedanken dazu:
Das Dokument „Gemeinsam am Tisch des Herrn“ behauptet Einigkeit im Verständnis des Herrenmahls, verschweigt aber wesentliche Elemente des katholischen Eucharistieglaubens oder bestreitet sie sogar ausdrücklich (z.B. die Notwendigkeit eines geweihten Amtes und die wesensmäßig enge Beziehung zwischen Kirche und Eucharistie). Selbstbewusst verortet sich das Dokument in einer Zeit der „Ernte der Früchte der bisherigen ökumenischen Dialoge“… wenn das aber die Früchte sind, dann ist der Baum, von dem sie kommen, todkrank und muss dringend „umgehauen und ins Feuer geworfen“ werden (vgl. Mt 7,19)… Das mit der Berufung auf das Gewissen des Einzelnen ist darum auch nur eine Farce, denn ein Gewissen, das mit diesem Dokument gebildet ist, ist ein bewusst in die Irre geführtes, zumindest aber ein zutiefst uninformiertes. Das Dokument ist eine bewusste, gut durchdachte Irreführung und ich bin froh, dass man das auch in Rom sehr deutlich sieht. (Es schmälert aber nicht das Selbstbewusstsein der Autoren, immerhin wurde dieses Dokument eines innerdeutschen ökumenischen Arbeitskreises in seiner Buchform zweisprachig deutsch-englisch herausgebracht... man wähnt sich also offenkundig als Vorreiter und Lehrer der weltweiten Christenheit.)

Wenn nun medial behauptet wird, die Rüge aus Rom würde ja nur dieses Dokument treffen und nicht den Plan, beim kommenden Ökumenischen Kirchentag Interkommunion aus Gewissensgründen zu praktizieren, dann ist auch das eine bewusste Irreführung, zumal der Brief deutlich sagt: „Die Lehrunterschiede sind immer noch so gewichtig, dass sie eine wechselseitige Teilnahme am Abendmahl bzw. an der Eucharistie derzeit ausschließen. Das Dokument kann daher auch nicht als Leitfaden für eine individuelle Gewissensentscheidung über eine Hinzutreten zum Abendmahl bzw. zur Eucharistie dienen.“ Es ist sogar noch mehr: Das Dokument legt großen Wert darauf, dass nach einer langen Zeit des theologischen Diskurses nun die Zeit der praktischen Verwirklichung gekommen sei... zu behaupten, der Brief aus Rom würde nur das Dokument treffen, nicht aber die Praxis, ist eigentlich ein Eingeständnis, dass alles vorherige Reden bedeutungslos war. Damit relativieren die Verteidiger des Dokuments dieses selbst bis zur Unkenntlichkeit.

Das vielleicht traurige ist, und darauf geht auch der kritische Brief aus Rom in seinem Anhang ein, dass das Dokument im Vergleich mit anderen ökumenischen Bemühungen, etwa mit den Lutheranern, einen echten Rückschritt bedeutet und es zugleich nur die Wirkung haben kann, dass es die Gräben zwischen der katholischen Kirche und dem orthodoxen Christentum vertieft, denn es gibt den Glauben auf, der für Katholiken und Orthodoxe zentral ist. Also ist damit nicht nur der katholische Glauben faktisch verraten, sondern auch dem Anliegend er Ökumene wird ein Bärendienst erwiesen. Man könnte lachen, wenn es nicht so ernst und schrecklich wäre. 

 

 

Nachtrag: Hier geht's zu Teil 2.

Interkommunion

 Vor 14 Monaten habe ich den folgenden Text hier schon einmal gepostet, aus aktuellem Anlass sei er wieder hervorgeholt.

Zur Einordnung ist es hilfreich zu wissen, dass Georg Bätzing, der aktuelle Vorsitzende der BDK, der so sehr auf die Interkommunion pocht, vor vielen Jahren über das mit zentrale im Text vorkommende Thema, "Die Eucharistie als Opfer der Kirche nach Hans Urs von Balthasar", ein Buch geschrieben hat... offenbar hat er die Erkennntisse von vor 36 Jahren inzwischen vollumfänglich verworfen.


Hier kann ein Wort über das schmerzliche Thema der ersehnten und noch immer nicht möglichen Interkommunion zwischen christlichen Gemeinschaften gesagt werden, die in ihrem Glaubensverständnis nicht eins sind. Die Differenzen ballen sich gerade an der Stelle zusammen, wo das Geheimnis der Eucharistie steht, das nach unserem Verständnis das für die Kirche zentrale, sie im letzten begründende und erhaltende ist.  
Viele Laien werden von dieser Rolle der Eucharistie zwar überzeugt sein, aber ohne die Voraussetzungen und Folgen dieser Überzeugung hinreichend zu bedenken. So kann man ihnen die Meinung nicht verübeln, Interkommunion könne eine Brücke über die verbleibenden Differenzen bilden, ja vielleicht durch ihr Gnadenwirken helfen, sie zum Verschwinden zu bringen. Aber weder kann das Sakrament, wenn es auf beiden Seiten verschieden aufgefaßt wird, Einheit herstellen, noch kann es seine Funktion sein, eine Versöhnung (gleichsam magisch?, ex opere operato?) zu erwirken, die nur durch bewußte Tat der Menschen hergestellt werden kann. «Bevor du zum Altar hinzutrittst, geh hin und versöhne dich mit deinem Bruder» (Mt 5, 23 f).  
Wiederum werden viele sagen: «Aber ich bin ja mit ihm schon versöhnt, ich habe nichts gegen ihn, wir beide haben die gleiche Taufe empfangen und sind der Überzeugung, Christus in der Feier des Abendmahls zu begegnen. Ist das nicht das Wesentliche?» Dann wäre alles übrige, was uns noch trennt, unwesentlich und könnte, als praktisch nicht ins Gewicht fallend, übergangen werden. Aber zeigen nicht die zahlreichen ökumenischen Gespräche gerade über die Eucharistie heute: man hat sich theoretisch schon so stark angenähert, daß die Verwandtschaft die Differenz eindeutig überwiegt. Was hindert dann das Kirchenvolk - angesichts der von allen Seiten betonten Dringlichkeit der Einigung - die praktischen Konsequenzen zu ziehen?

 

Das ernsthafte Streben nach Einigung in den ökumenischen Gesprächen darf in keiner Weise geleugnet werden, ebensowenig der Nutzen ihrer objektiven Klärungen. Die Frage bleibt, ob die in der Eucharistiefrage tragenden Momente, die im 16. Jahrhundert als kirchentrennend empfunden Wurden, heute als so harmlos erscheinen können, daß sie zu Nebensächlichkeiten herabsinken. Dieser Momente sind vor allem drei. [...]
1. Jesu Selbstverteilung - «dies ist das für euch vergossene Blut des Bundes...» - ist eindeutig vorwegnehmender Hinweis und Einschluß seines Kreuzes, wie denn Paulus sagt, daß der Empfänger des Sakraments den Tod Christi verkündigt. Das «am Vorabend vor seinem Leiden» eingesetzte Sakrament ändert nach Ostern seinen Charakter nicht; es vermittelt nicht eine beliebige Begegnung mit einem zeitlosen Jesus; eine solche findet ja im ganzen Glaubensleben des Christen statt, bei jedem Gebet, bei jeder christlichen Begegnung mit einem Mitmenschen. Es geht um den bewußten Empfang dessen, der sich für uns (unsere Sünde tragend) in den Tod unserer Gottverlassenheit gegeben hat, der gemäß der Zersplitterung der Sünder sich endlos in ihre Egoismen hinab zersplittert hat - weit über den Orpheusmythos hinaus -, um das Verlorene zurückzuholen. Wissen wir (hüben und drüben), daß wir diesem in unseren Abgrund Preisgegebenen, vor dem Schmutz unserer Füße knienden Herrn begegnen? Beten wir ihn als solchen an?
2. Die katholische Kirche Wird nie davon abgehen können, daß Jesus seine Vollmachten zur Konsekration und zur Absolution schwerer Schuld einem Amt in der Kirche anvertraut hat, wie es zunächst von den «Aposteln» ausgeübt und dann von ihnen ausdrücklich an solche weitergegeben wurde, die es ihrerseits weiterzugeben haben: «Dazu habe ich dich auf Kreta zurückgelassen, damit du das, woran es noch fehlt, in Ordnung bringst und Stadt für Stadt Presbyter einsetzest, wie ich dir aufgetragen habe» (Tit 1,5). Diese Ordnung erscheint schon in den ersten nachapostolischen Schriften (Klemensbrief um 96, Ignatiusbriefe um 115) durchgeführt, und hinter sie - auf mögliche, aber mehr oder Weniger hypothetische Gemeindestrukturen, die sich unter den Augen und mit Billigung der Apostel ausformten - kann die Kirche nicht zurückgehen. Eine volle Kommunion zwischen kirchlichen Gemeinschaften - und die Eucharistie ist der Ausdruck der vollen und nicht einer partiellen Kommunion - setzt die sowohl sichtbar verkörperte Wie geistig bejahte Gemeinschaft im kirchlichen Amt voraus, von dem man nicht (wie gewisse katholische Theologen es tun) sagen kann, es sei in seiner Wesensstruktur durch die Kirche selbst veränderbar. Ist es doch wesentlich und bleibend Geschenk Christi an die Kirche, die kraft dieses Geschenkes sein darf, was sie ist. 
Das ist zentral festzuhalten, und es ist uns weder möglich noch erlaubt, aufgrund von Spekulationen darüber, was Gottes Gnade in Notfällen und gleichsam am Rande zu tun, in welchen Glaubensgemeinschaften der Herr der Kirche sich zu vergegenwärtigen vermag, die normale kirchliche Struktur in ihrer Geltung zu relativieren.
3. Schließlich ist auf das Mysterium hinzublicken, das wir anläßlich der Rolle Marias zu umschreiben versuchten: die sehr geheimnisvolle, aber nicht zu bezweifelnde Hineinnahme der «geschehenlassenden» (und in diesem Sinn auch mitopfernden) Kirche in das Kreuzesgeschehen. Ein «bloßes Gedenkmal» ist die Eucharistie auf keinen Fall, sie enthält sicherlich eine Einbeziehung der Gemeinde in das Todes- (und Auferstehungs-) Geschehen Jesu, wie differenziert und abgestuft dieses Geheimnis auch dargestellt werden muß. [...] 
Die Eucharistie ist im Kern ein zugleich wunderbares und schmerzliches Geheimnis. Es wäre gut, wenn beide Seiten, die nach gemeinsamer Kommunion drängen, sich dessen bewußt blieben, und im Verzicht auf oberflächliche und übereilte Einigungen etwas von dem Schmerz miterlebten, der in der Selbstpreisgabe Jesu um der Einigung willen in diesem Sakrament verborgen enthalten ist.

(aus: Hans Urs von Balthasar, Kleine Fibel für verunsicherte Laien, 76-79)

Donnerstag, 18. Juli 2019

Interkommunion

Aus aktuellem Anlass.


Hier kann ein Wort über das schmerzliche Thema der ersehnten und noch immer nicht möglichen Interkommunion zwischen christlichen Gemeinschaften gesagt werden, die in ihrem Glaubensverständnis nicht eins sind. Die Differenzen ballen sich gerade an der Stelle zusammen, wo das Geheimnis der Eucharistie steht, das nach unserem Verständnis das für die Kirche zentrale, sie im letzten begründende und erhaltende ist.  
Viele Laien werden von dieser Rolle der Eucharistie zwar überzeugt sein, aber ohne die Voraussetzungen und Folgen dieser Überzeugung hinreichend zu bedenken. So kann man ihnen die Meinung nicht verübeln, Interkommunion könne eine Brücke über die verbleibenden Differenzen bilden, ja vielleicht durch ihr Gnadenwirken helfen, sie zum Verschwinden zu bringen. Aber weder kann das Sakrament, wenn es auf beiden Seiten verschieden aufgefaßt wird, Einheit herstellen, noch kann es seine Funktion sein, eine Versöhnung (gleichsam magisch?, ex opere operato?) zu erwirken, die nur durch bewußte Tat der Menschen hergestellt werden kann. «Bevor du zum Altar hinzutrittst, geh hin und versöhne dich mit deinem Bruder» (Mt 5, 23 f).  
Wiederum werden viele sagen: «Aber ich bin ja mit ihm schon versöhnt, ich habe nichts gegen ihn, wir beide haben die gleiche Taufe empfangen und sind der Überzeugung, Christus in der Feier des Abendmahls zu begegnen. Ist das nicht das Wesentliche?» Dann wäre alles übrige, was uns noch trennt, unwesentlich und könnte, als praktisch nicht ins Gewicht fallend, übergangen werden. Aber zeigen nicht die zahlreichen ökumenischen Gespräche gerade über die Eucharistie heute: man hat sich theoretisch schon so stark angenähert, daß die Verwandtschaft die Differenz eindeutig überwiegt. Was hindert dann das Kirchenvolk - angesichts der von allen Seiten betonten Dringlichkeit der Einigung - die praktischen Konsequenzen zu ziehen?

 

Das ernsthafte Streben nach Einigung in den ökumenischen Gesprächen darf in keiner Weise geleugnet werden, ebensowenig der Nutzen ihrer objektiven Klärungen. Die Frage bleibt, ob die in der Eucharistiefrage tragenden Momente, die im 16. Jahrhundert als kirchentrennend empfunden Wurden, heute als so harmlos erscheinen können, daß sie zu Nebensächlichkeiten herabsinken. Dieser Momente sind vor allem drei. [...]
1. Jesu Selbstverteilung - «dies ist das für euch vergossene Blut des Bundes...» - ist eindeutig vorwegnehmender Hinweis und Einschluß seines Kreuzes, wie denn Paulus sagt, daß der Empfänger des Sakraments den Tod Christi verkündigt. Das «am Vorabend vor seinem Leiden» eingesetzte Sakrament ändert nach Ostern seinen Charakter nicht; es vermittelt nicht eine beliebige Begegnung mit einem zeitlosen Jesus; eine solche findet ja im ganzen Glaubensleben des Christen statt, bei jedem Gebet, bei jeder christlichen Begegnung mit einem Mitmenschen. Es geht um den bewußten Empfang dessen, der sich für uns (unsere Sünde tragend) in den Tod unserer Gottverlassenheit gegeben hat, der gemäß der Zersplitterung der Sünder sich endlos in ihre Egoismen hinab zersplittert hat - weit über den Orpheusmythos hinaus -, um das Verlorene zurückzuholen. Wissen wir (hüben und drüben), daß wir diesem in unseren Abgrund Preisgegebenen, vor dem Schmutz unserer Füße knienden Herrn begegnen? Beten wir ihn als solchen an?
2. Die katholische Kirche Wird nie davon abgehen können, daß Jesus seine Vollmachten zur Konsekration und zur Absolution schwerer Schuld einem Amt in der Kirche anvertraut hat, wie es zunächst von den «Aposteln» ausgeübt und dann von ihnen ausdrücklich an solche weitergegeben wurde, die es ihrerseits weiterzugeben haben: «Dazu habe ich dich auf Kreta zurückgelassen, damit du das, woran es noch fehlt, in Ordnung bringst und Stadt für Stadt Presbyter einsetzest, wie ich dir aufgetragen habe» (Tit 1,5). Diese Ordnung erscheint schon in den ersten nachapostolischen Schriften (Klemensbrief um 96, Ignatiusbriefe um 115) durchgeführt, und hinter sie - auf mögliche, aber mehr oder Weniger hypothetische Gemeindestrukturen, die sich unter den Augen und mit Billigung der Apostel ausformten - kann die Kirche nicht zurückgehen. Eine volle Kommunion zwischen kirchlichen Gemeinschaften - und die Eucharistie ist der Ausdruck der vollen und nicht einer partiellen Kommunion - setzt die sowohl sichtbar verkörperte Wie geistig bejahte Gemeinschaft im kirchlichen Amt voraus, von dem man nicht (wie gewisse katholische Theologen es tun) sagen kann, es sei in seiner Wesensstruktur durch die Kirche selbst veränderbar. Ist es doch wesentlich und bleibend Geschenk Christi an die Kirche, die kraft dieses Geschenkes sein darf, was sie ist. 
Das ist zentral festzuhalten, und es ist uns weder möglich noch erlaubt, aufgrund von Spekulationen darüber, was Gottes Gnade in Notfällen und gleichsam am Rande zu tun, in welchen Glaubensgemeinschaften der Herr der Kirche sich zu vergegenwärtigen vermag, die normale kirchliche Struktur in ihrer Geltung zu relativieren.
3. Schließlich ist auf das Mysterium hinzublicken, das wir anläßlich der Rolle Marias zu umschreiben versuchten: die sehr geheimnisvolle, aber nicht zu bezweifelnde Hineinnahme der «geschehenlassenden» (und in diesem Sinn auch mitopfernden) Kirche in das Kreuzesgeschehen. Ein «bloßes Gedenkmal» ist die Eucharistie auf keinen Fall, sie enthält sicherlich eine Einbeziehung der Gemeinde in das Todes- (und Auferstehungs-) Geschehen Jesu, wie differenziert und abgestuft dieses Geheimnis auch dargestellt werden muß. [...] 
Die Eucharistie ist im Kern ein zugleich wunderbares und schmerzliches Geheimnis. Es wäre gut, wenn beide Seiten, die nach gemeinsamer Kommunion drängen, sich dessen bewußt blieben, und im Verzicht auf oberflächliche und übereilte Einigungen etwas von dem Schmerz miterlebten, der in der Selbstpreisgabe Jesu um der Einigung willen in diesem Sakrament verborgen enthalten ist.

(aus: Hans Urs von Balthasar, Kleine Fibel für verunsicherte Laien)

Dienstag, 15. Dezember 2015

Der Protestant hat zu wenig Sakramente


»Bei dieser Gelegenheit kann ich nicht unterlassen, aus meiner früheren Jugend etwas nachzuholen, um anschaulich zu machen, wie die großen Angelegenheiten der kirchlichen Religion mit Folge und Zusammenhang behandelt werden müssen, wenn sie sich fruchtbar, wie man von ihr erwartet, beweisen soll. Der protestantische Gottesdienst hat zu wenig Fülle und Konsequenz, als daß er die Gemeine zusammenhalten könnte; daher geschieht es leicht, daß Glieder sich von ihr absondern und entweder kleine Gemeinen bilden oder, ohne kirchlichen Zusammenhang, neben einander geruhig ihr bürgerliches Wesen treiben. So klagte man schon vor geraumer Zeit, die Kirchgänger verminderten sich von Jahr zu Jahr und in eben dem Verhältnis die Personen, welche den Genuß des Nachtmahls verlangten. Was beides, besonders aber das letztere betrifft, liegt die Ursache sehr nah; doch wer wagt, sie auszusprechen? Wir wollen es versuchen.

In sittlichen und religiösen Dingen, eben so wohl als in physischen und bürgerlichen, mag der Mensch nicht gern etwas aus dem Stegreife tun: eine Folge, woraus Gewohnheit entspringt, ist ihm nötig; das, was er lieben und leisten soll, kann er sich nicht einzeln, nicht abgerissen denken, und um etwas gern zu wiederholen, muß es ihm nicht fremd geworden sein. Fehlt es dem protestantischen Kultus im Ganzen an Fülle, so untersuche man das Einzelne, und man wird finden: der Protestant hat zu wenig Sakramente, ja er hat nur eins, bei dem er sich tätig erweist, das Abendmahl; denn die Taufe sieht er nur an anderen vollbringen, und es wird ihm nicht wohl dabei. Die Sakramente sind das Höchste der Religion, das sinnliche Symbol einer außerordentlichen göttlichen Gunst und Gnade. In dem Abendmahle sollen die irdischen Lippen ein göttliches Wesen verkörpert empfangen und unter der Form irdischer Nahrung einer himmlischen teilhaftig werden. Dieser Sinn ist in allen christlichen Kirchen eben derselbe, es werde nun das Sakrament mit mehr oder weniger Ergebung in das Geheimnis, mit mehr oder weniger Akkommodation an das, was verständlich ist, genossen; immer bleibt es eine heilige, große Handlung, welche sich in der Wirklichkeit an die Stelle des Möglichen oder Unmöglichen, an die Stelle desjenigen setzt, was der Mensch weder erlangen noch entbehren kann. Ein solches Sakrament dürfte aber nicht allein stehen; kein Christ kann es mit wahrer Freude, wozu es gegeben ist, genießen, wenn nicht der symbolische oder sakramentliche Sinn in ihm genährt ist. Er muß gewohnt sein, die innere Religion des Herzens und die der äußeren Kirche als vollkommen eins anzusehen, als das große allgemeine Sakrament, das sich wieder in so viel andere zergliedert und diesen Teilen seine Heiligkeit, Unzerstörlichkeit und Ewigkeit mitteilt.

Hier reicht ein jugendliches Paar sich einander die Hände, nicht zum vorübergehenden Gruß oder zum Tanze; der Priester spricht seinen Segen darüber aus, und das Band ist unauflöslich. Es währt nicht lange, so bringen diese Gatten ein Ebenbild an die Schwelle des Altars; es wird mit heiligem Wasser gereinigt und der Kirche dergestalt einverleibt, daß es diese Wohltat nur durch den ungeheuersten Abfall verscherzen kann. Das Kind übt sich im Leben an den irdischen Dingen selbst heran, in himmlischen muß es unterrichtet werden. Zeigt sich bei der Prüfung, daß dies vollständig geschehen sei, so wird es nunmehr als wirklicher Bürger, als wahrhafter und freiwilliger Bekenner in den Schoß der Kirche aufgenommen, nicht ohne äußere Zeichen der Wichtigkeit dieser Handlung. Nun ist er erst entschieden ein Christ, nun kennt er erst die Vorteile, jedoch auch die Pflichten. Aber inzwischen ist ihm als Menschen manches Wunderliche begegnet, durch Lehren und Strafen ist ihm aufgegangen, wie bedenklich es mit seinem Innern aussehe, und immerfort wird noch von Lehren und von Übertretungen die Rede sein; aber die Strafe soll nicht mehr stattfinden. Hier ist ihm nun in der unendlichen Verworrenheit, in die er sich bei dem Widerstreit natürlicher und religiöser Forderungen verwickeln muß, ein herrliches Auskunftsmittel gegeben, seine Taten und Untaten, seine Gebrechen und seine Zweifel einem würdigen, eigens dazu bestellten Manne zu vertrauen, der ihn zu beruhigen, zu warnen, zu stärken, durch gleichfalls symbolische Strafen zu züchtigen und ihn zuletzt, durch ein völliges Auslöschen seiner Schuld, zu beseligen und ihm rein und abgewaschen die Tafel seiner Menschheit wieder zu übergeben weiß. So, durch mehrere sakramentliche Handlungen, welche sich wieder; bei genauerer Ansicht, in sakramentliche kleinere Züge verzweigen, vorbereitet und rein beruhigt, kniet er hin, die Hostie zu empfangen; und daß ja das Geheimnis dieses hohen Akts noch gesteigert werde, sieht er den Kelch nur in der Ferne: es ist kein gemeines Essen und Trinken, was befriedigt, es ist eine Himmelsspeise, die nach himmlischem Tranke durstig macht.

Jedoch glaube der Jüngling nicht, daß es damit abgetan sei; selbst der Mann glaube es nicht! Denn wohl in irdischen Verhältnissen gewöhnen wir uns zuletzt, auf uns selber zu stehen, und auch da wollen nicht immer Kenntnisse, Verstand und Charakter hinreichen; in himmlischen Dingen dagegen lernen wir nie aus. Das höhere Gefühl in uns, das sich oft selbst nicht einmal recht zu Hause findet, wird noch überdies von so viel Äußerem bedrängt, daß unser eignes Vermögen wohl schwerlich alles darreicht, was zu Rat, Trost und Hilfe nötig wäre. Dazu aber verordnet findet sich nun auch jenes Heilmittel für das ganze Leben, und stets harrt ein einsichtiger, frommer Mann, um Irrende zurecht zu weisen und Gequälte zu erledigen.

Und was nun durch das ganze Leben so erprobt worden, soll an der Pforte des Todes alle seine Heilkräfte zehnfach tätig erweisen. Nach einer von Jugend auf eingeleiteten, zutraulichen Gewohnheit nimmt der Hinfällige jene symbolischen, deutsamen Versicherungen mit Inbrunst an, und ihm wird da, wo jede irdische Garantie verschwindet, durch eine himmlische für alle Ewigkeit ein seliges Dasein zugesichert. Er fühlt sich entschieden überzeugt, daß weder ein feindseliges Element, noch ein mißwollender Geist ihn hindern könne, sich mit einem verklärten Leibe zu umgeben, um in unmittelbaren Verhältnissen zur Gottheit an den unermeßlichen Seligkeiten teilzunehmen, die von ihr ausfliegen.

Zum Schlusse werden sodann, damit der ganze Mensch geheiligt sei, auch die Füße gesalbt und gesegnet. Sie sollen, selbst bei möglicher Genesung, einen Widerwillen empfinden, diesen irdischen, harten, undurchdringlichen Boden zu berühren. Ihnen soll eine wundersame Schnellkraft mitgeteilt werden, wodurch sie den Erdschollen, der sie bisher anzog, unter sich abstoßen. Und so ist durch einen glänzenden Zirkel gleichwürdig heiliger Handlungen, deren Schönheit von uns nur kurz angedeutet worden, Wiege und Grab, sie mögen zufällig noch so weit aus einander gerückt liegen, in einem stetigen Kreise verbunden.

Aber alle diese geistigen Wunder entsprießen nicht, wie andere Früchte, dem natürlichen Boden, da können sie weder gesäet noch gepflanzt noch gepflegt werden. Aus einer anderen Region muß man sie herüberflehen, welches nicht jedem, noch zu jeder Zeit gelingen würde. Hier entgegnet uns nun das höchste dieser Symbole aus alter, frommer Überlieferung. Wir hören, daß ein Mensch vor dem andern von oben begünstigt, gesegnet und geheiligt werden könne. Damit aber dies ja nicht als Naturgabe erscheine, so muß diese große, mit einer schweren Pflicht verbundene Gunst von einem Berechtigten auf den anderen übergetragen und das größte Gut, was ein Mensch erlangen kann, ohne daß er jedoch dessen Besitz von sich selbst weder erringen noch ergreifen könne, durch geistige Erbschaft auf Erden erhalten und verewigt werden. Ja, in der Weihe des Priesters ist alles zusammengefaßt, was nötig ist, um diejenigen heiligen Handlungen wirksam zu begehen, wodurch die Menge begünstigt wird, ohne daß sie irgend eine andere Tätigkeit dabei nötig hätte als die des Glaubens und des unbedingten Zutrauens. Und so tritt der Priester in der Reihe seiner Vorfahren und Nachfolger, in dem Kreise seiner Mitgesalbten, den höchsten Segnenden darstellend, um so herrlicher auf, als es nicht er ist, den wir verehren, sondern sein Amt, nicht sein Wink, vor dem wir die Kniee beugen, sondern der Segen, den er erteilt, und der um desto heiliger, unmittelbarer vom Himmel zu kommen scheint, weil ihn das irdische Werkzeug nicht einmal durch sündhaftes, ja lasterhaftes Wesen schwächen oder gar entkräften könnte.

Wie ist nicht dieser wahrhaft geistige Zusammenhang im Protestantismus zersplittert, indem ein Teil gedachter Symbole für apokryphisch und nur wenige für kanonisch erklärt werden! und wie will man uns durch das Gleichgültige der einen zu der hohen Würde der anderen vorbereiten?«
(aus: Johann Wolfgang von Goethe, Dichtung und Wahrheit, Siebentes Buch)