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Montag, 26. Juni 2023

Erzbischof Johannes Dyba über den Fortschritt

'Konservativ' genannt zu werden, war einem früher eher peinlich. Nach dem Schicksal, das die sogenannten 'Fortschrittlichen' in den letzten Zeiten erfahren mussten, ist es nicht mehr ganz so unangenehm. Auf dem Gebiet von Wissenschaft und Technik haben sich die Grenzen und Gefahren des 'Fortschritts ja überdeutlich gezeigt. Aber auch auf politischem und gesellschaftlichem Gebiet haben Strömungen wie Marxismus und Sozialismus in all ihren Formen, die ja lange Jahre den Fortschritt geradezu zu verkörpern behaupteten, uns an den Rand des Abgrunds geführt. Am Abgrund aber ist nun wirklich jeder weitere Fortschritt tödlich.

Es zeigt sich immer deutlicher, daß man den Fortschritt nicht so naiv wie bisher als etwas Wünschenswertes begrüßen darf, ohne zu prüfen, wovon er eigentlich 'fort'schreitet und zu welchem Ziel er hinschreitet. Ein Beispiel mag das veranschaulichen. Wenn demnächst, wie bei der jetzigen Entwicklung mit Sicherheit zu erwarten ist, der bereits gefundenen sanften Babytötungspille die sanfte Einschläferungspille für Oma und Opa folgt, dann ist das rein pharmazeutisch gesehen zwar ein Fortschritt, menschlich gesehen aber ein Rückschritt in die Ära steinzeitlicher Nomaden, die beim Weiterziehen ihre hilflosen Alten im Schnee zurückließen, weil sie für den Stamm eine für unzumutbar gehaltene Belastung darstellten.

Auch dem verlorenen Sohn" erschien der Aufbruch aus dem Vaterhaus mit prall gefüllten Beuteln sicher als ein Fortschritt. Später musste er dann einsehen, dass der wahre Fortschritt in der Rückkehr zum Vater bestand.

Damit sind wir bei der Frage des Fortschritts in Christentum und Kirche. Was hier neuerdings an Fortschritten verlangt und an 'Fortschrittlichem' angepriesen wird, muss ebenso kritisch geprüft werden. Wenn sich dann – wie im Fall Drewermann – herausstellt, dass die Preisgabe elementarer Bestandteile des katholischen Glaubens, ja sogar von Teilen des Credo ('Empfangen vom Heiligen Geist, geboren aus Maria, der Jungfrau') als besonders fortschrittlich gilt, dann liegt, wie Reinhard Löw richtig bemerkt hat, die Konsequenz nahe, dass der fortschrittlichste Christ der ist, der sich bemüht, das Christentum und damit die Kirche überhaupt abzuschaffen.

Demgegenüber muss auffallen, dass die Predigt Jesu, ebenso wie die seines Vorläufers Johannes mit einem klaren 'Kehrt um!' beginnt. Schon den Propheten des Alten Bundes war aufgefallen, dass Fortschritte" im politischen, kriegerischen, vor allem aber wirtschaftlichen Bereich die Tendenz hatten, das Volk Gottes vom Herrn zu entfernen. Immer wieder rufen sie daher das Volk 'zurück' zum Herrn, was schon damals – wie das Schicksal so vieler Propheten zeigt – keine angenehme oder dankbare Aufgabe war.

Da das Ziel des Christseins in der Nachfolge Christi liegt, sind die fortschrittlichsten Christen die Heiligen. Daran muss sich jeder messen lassen und das muss begreifen, wer in der Kirche von Fortschritt reden will: Nur wenn ich auf Gott zugehe, ist jeder Schritt ein echter Fortschritt, entferne ich mich aber von Gott und seinen Geboten, dann habe ich allen Fortschritt hinter mir gelassen. So wünsche ich allen Gläubigen in diesem Jahre einen wirklichen Fortschritt: dass sie am Ende des Jahres Gott einen Schritt näher gekommen sein mögen - nicht nur im Ablauf der Zeit, sondern auch in ihrem ganzen Sein und Leben.
 
 
(aus: Klein/Sinderhauf, "Unverschämt katholisch", 223-224)

Freitag, 14. Oktober 2022

Akrobatik mit dem Wort Gottes

Auf kath.ch war dieser Tage eine Story, die sehr schön illustriert, wie man das Wort Gottes auf geradezu akrobatische Weise verdrehen muss, um bestimmte Anliegen zu "stützen". Die Überschrift: "LGBTQ-Gottesdienst in Biel: Jesus ist Vorbild für queere Menschen" (hier).


Besonders krass fand ich bei dieser Gelegenheit das Motto des ganzen, das nämlich ein Bibelzitat ist, aus dem Evangelium vom vergangenen Sonntag (Lk 17,11-19): "Geht, zeigt euch!"(V. 14)

Im Kontext ist interessant: Die Kranken nähern sich Jesus in tiefster Ehrfurcht und Vorsicht, nicht nur, weil sie Aussätzige waren, sondern auch, weil sie offensichtlich Jesu Autorität und Vollmacht erkannten, sonst würden sie ja nicht gezielt an ihn herantreten: "Sie blieben in der Ferne stehen und riefen: Jesus, Meister, hab Erbarmen mit uns!" (VV. 12-13)

Jesus tut scheinbar nichts weiter, als sie zu den Priestern zu schicken. Der Sinn ist ein mehrfacher: Eine Heilung von Aussatz musste laut dem Gesetz von den Priestern bestätigt werden, die Geheilten mussten ein Opfer zum Dank darbringen (Lev 14,1-32), und zugleich zeigte Jesus durch diese Aufforderung, dass er das Gesetz befolgt.

Der Evangelist, der uns diese Episode berichtet, hebt nun besonders auf den einen Geheilten ab, der zu Jesus zurückkehrt, und sich bedankt, der nämlich ein Samaritaner war, mit dem die Juden also nichts zu tun haben wollten, der den Juden - ob gesund oder krank - als Ausgestoßener galt.


Frage: Wie lässt sich das im Evangelium Berichtete mit einem LGBTQ-Gottesdienst unter dem Motto "Geht, zeigt euch!" vereinbaren?

Die Situation ist vertrackt, denn die Prämisse des Gottesdienstes ist ja gerade, dass queere Menschen angeblich (von der Kirche) "abgelehnt" werden, wie die Juden auch Samaritaner und Aussätzige, also erst recht aussätzige Samaritaner abgelehnt haben. Die Parallele ist sehr offensichtlich und böte sich an. Aber mit diesen Kranken/Geheilten sollen sich die Gottesdienstteilnehmer gerade NICHT identifizieren, denn eine "Heilung" darf ja für sie nicht in Frage kommen (aus dem Artikel: "Konversionstherapien können Menschen aus der LGBT-Communitiy unglaublich schaden"). Also, Problem: Die Evangelienperikope eignet sich eigentlich gar nicht für das, was der Gottesdienst "bringen" soll.

Wie schaffen es also die Veranstalter trotzdem, den Bibeltext nutzbar zu machen? Klar: Das Wort Gottes wird hier akrobatisch verdreht. Das "Geht, zeigt euch!" ist jetzt nicht mehr Jesu Antwort auf von schwerem Leid Befreite, die in tiefer Ehrfurcht den Herrn um Erbarmen (Heilung) angefleht haben, sondern es soll stattdessen besagen: "Seid stolz auf eure sexuelle Orientierung, versteckt euch nicht, zeigt euch den Menschen so, wie ihr seid; das Letzte, was ihr braucht, ist eine 'Heilung'!"

Wenn also nicht die Geheilten die Identifikationsfiguren für die Gottesdienstteilnehmer sind, wer dann? Im Titel des Beitrags auf kath.ch steht es schon: "Jesus ist Vorbild für queere Menschen".

In einer wahrlich kühnen Verdrehung des Bibeltextes wird nämlich der Ruf Jesu an die Aussätzigen/Geheilten umgedreht, und als eine Art Lebensmotto Jesu ausgegeben: "Er ist hinaus gegangen und hat sich gezeigt. Er hat gesagt, wer er ist und wofür er steht." (kath.ch)

Queere Menschen sind wie Jesus. Jesus ist wie die queeren Menschen.

Das hat natürlich mit dem Jesus, der uns in den Evangelien begegnet, nichts zu tun. Dieser Jesus in den Evangelien hat nicht sein Menschsein oder gar seine sexuelle Orientierung ins Rampenlicht gestellt und angepriesen, er hat keine ihm eigene, menschliche Agenda verkündet "für die er steht", sondern er verwies stets auf den Vater, von dem er kommt, und ohne den er nichts ist: "Was nennst du mich gut? Niemand ist gut als nur einer, Gott." (Lk 18,19) Jesus sagt genau das Gegenteil von dem, was die Botschaft jenes Gottesdienstes sein sollte: "Wenn ich über mich selbst Zeugnis ablege, ist mein Zeugnis nicht wahr; ein anderer ist es, der über mich Zeugnis ablegt, und ich weiß: Das Zeugnis, das er über mich ablegt, ist wahr." (Joh 5,31-32) Und: "Denn ich habe nicht von mir aus gesprochen, sondern der Vater, der mich gesandt hat, hat mir aufgetragen, was ich sagen und reden soll." (Joh 12,49)


Diese Verdrehung von Jesu Selbstverständnis als ganz vom Vater kommend hin zu einem bornierten "Ich!" wird natürlich auch dadurch nicht besser, dass Jesu Verkündigung verglichen wird mit dem Stolz auf etwas, was die Bibel einhellig (AT und NT) als Gräuel, der vom Reich Gottes ausschließt, verurteilt (vgl. hier). Denn natürlich geht es nicht um die Menschen an sich, die die Kirche ja keineswegs ausschließt, sondern eben um das wofür sie "stehen", um das, was sie wollen: Anerkennung, ja sogar Wertschätzung ihrer ("queeren") Handlungen. Diese Anerkennung zu Fordern wird mit der Verkündigung Jesu verglichen!

Und natürlich geht es im Letzten wie immer um das Selbe: "Wir setzen uns für eine Kirche ein, die alle so akzeptiert, wie sie sind"... ob sie das auch über pädophile Priester und Völkermörder sagen würden, weiß ich nicht. Aber natürlich bleibt das alte Problem: So eine Kirche wäre nicht die Kirche Jesu, denn der hat an keiner Stelle zu irgendwem gesagt "Ich akzeptiere dich so, wie du bist"... Nein, Jesus hat stets zur Umkehr aufgerufen, zu einer Veränderung der Gesinnung, des Handelns, des Lebens. Auch wer scheinbar sündenlos lebte, weil er alle Gebote penibel befolgte, bekam von Jesus kein "Toll, bleib so!" zu hören, sondern: "Wenn du vollkommen sein willst, geh, verkauf deinen Besitz und gib ihn den Armen" (Mt 19,21).


Am Ende müssen wir uns wohl grundsätzlich die Frage stellen: Wenn ein Anliegen (egal was), das wir als Christen vertreten, eine solche Verdrehung und Verfälschung des Wortes Gottes und der darin bezeugten Identität Jesu erfordert, um es überhaupt noch irgendwie mit der Bibel zu "stützen", kann es dann richtig sein? Kann dieses Anliegen echt und wahr sein, dem Willen Gottes entsprechen?

Dienstag, 25. Januar 2022

Ist die katholische Sexualmoral schuld?

Die Argumentation, warum die katholische Sexualmoral, und näherhin die kritische Haltung der katholischen Kirche zur Homosexualität, für die Missbrauchs- und Vertuschungskrise (mit)verantwortlich ist, geht so:

Weil die Kirche gegenüber Homosexualität eine ablehnende („rigide“) Haltung einnimmt, können sich homosexuell empfindende Menschen nicht frei dazu bekennen. Zugleich knüpfen diese Menschen aber engmaschige Netzwerke, da sie „unterdrückt“ werden und sich also mit Ihresgleichen zusammentun wollen. Wenn nun aber jemand von der homosexuellen Orientierung etwa eines Priesters weiß, dann wird er somit in die Lage versetzt, den Betroffenen zu erpressen. Diese Netzwerke, sowie die Tatsache, dass selbst ausgelebte Homosexualität von Klerikern seitens der Autoritäten hingenommen wird, sind Gründe für die Vertuschung von Missbrauch. Das Problem sind also nicht die homosexuellen Priester, die allein dadurch schon gegen die Regeln der Kirche verstoßen haben, dass sie sich haben weihen lassen, das Problem ist, dass die Kirche Homosexualität kritisch sieht. Die Kirche muss folglich Homosexualität und homosexuelle Handlungen anerkennen, dann entstehen keine Netzwerke, es gibt keine Erpressungsmöglichkeiten und folglich keine Vertuschung (über den Missbrauch selbst ist damit nichts ausgesagt).



So neuerdings auch nachzulesen im WSW-Gutachten S. 424-425, was auch immer solche antikirchliche Propaganda dort zu suchen hat.

Spielt man das einmal mit einer anderen sexuellen Orientierung durch, z.B. Pädophilie (die – so ein Zufall aber auch – genau zu der Zeit, als die Missbräuche in den 60er und 70er Jahren ihren Höchststand erlebten, von einigen gesellschaftlichen Gruppen und politischen Parteien als eine durchaus legitime Spielart der Sexualität erachtet wurde), dann wird die Unsinnigkeit dieser Argumentation deutlich:

Weil die Kirche gegenüber Pädophilie eine ablehnende („rigide“) Haltung einnimmt, können sich pädophil empfindende Menschen nicht frei dazu bekennen. Zugleich knüpfen diese Menschen aber engmaschige Netzwerke, da sie „unterdrückt“ werden und sich also mit Ihresgleichen zusammentun wollen. Wenn nun aber jemand von der pädophilen Orientierung etwa eines Priesters weiß, dann wird er somit in die Lage versetzt, den Betroffenen zu erpressen. Diese Netzwerke, sowie die Tatsache, dass selbst ausgelebte Pädophilie von Klerikern seitens der Autoritäten hingenommen wird, sind Gründe für die Vertuschung von Missbrauch. Das Problem sind also nicht die pädophilen Priester, die allein dadurch schon gegen die Regeln der Kirche verstoßen haben, dass sie sich haben weihen lassen, das Problem ist, dass die Kirche Pädophilie kritisch sieht. Die Kirche muss folglich Pädophilie und pädophile Handlungen anerkennen, dann entstehen keine Netzwerke, es gibt keine Erpressungsmöglichkeiten und folglich keine Vertuschung (über den Missbrauch selbst ist damit nichts ausgesagt).

Ist das etwa die Lösung des Problems?


Ein Priesteramtskandidat mit tiefsitzenden homosexuellen Neigungen darf nicht geweiht werden.

Man wirft der Kirche vor, sie verhindere durch ihre Haltung die Offenheit und Ehrlichkeit im Umgang mit Homosexualität. Das verdreht aber die Tatsachen: Würden alle beteiligten Personen (Kandidaten und Verantwortliche) offen, ehrlich und liebevoll mit sich selbst und mit einander umgehen, hätten wir das Problem nicht. Ein ehrlicher Umgang hätte zur Folge, dass bestimmte Leute einfach nicht um die Weihe bitten bzw. nicht geweiht werden würden, einfach weil sie die Bedingungen nicht erfüllen, und dass sie zugleich mit aller gebotenen Hirtenliebe auf ihrem Lebensweg begleitet werden können.

Ein Problem ist sicher, dass die, die sich outen, tatsächlich oft ungerecht und lieblos behandelt werden. Solche Behandlung ist aber nicht die „rigide Haltung der Kirche“, sondern eine moralische Verfehlung derer, die so handeln! Das wird oft übersehen: Auch solch ungerechte und lieblose Behandlung ist ein Verstoß gegen die kirchliche Morallehre und darf nicht sein. Es muss vielmehr klar sein, dass die ungerechte und lieblose Behandlung homosexuell empfindende Menschen bei diesen zu Angst führt, was wiederum zur Verheimlichung führt und so wiederum zu Misstrauen durch die Verantwortlichen, was wieder ungerechte Behandlung befeuert. Diese Spirale kann nur durchbrochen werden, wenn tatsächlich ehrlich mit der Sachlage umgegangen wird, und zwar von Seiten der Kandidaten, wie von Seiten der Verantwortlichen.

Durch Verheimlichung etwa von Homosexualität wird die Spirale von wechselseitigem Misstrauen und seelischer Gewalt vorangetrieben, aber es kann keine Verständigung, keine seelische Heilung, keine Versöhnung mit Gott und keine fruchtbare Nachfolge Jesu geschehen. Nur durch Offenheit und Ehrlichkeit seitens der Betroffenen, und nur durch echte Hirtensorge und Liebe seitens der Seelsorger können diese Menschen dem Evangelium gemäß leben und dabei von der Kirche alle Unterstützung erhalten (vgl. das lesenswerte Buch "A War of Loves" von David Bennett). Würden sich die Kandidaten und die kirchlichen Autoritäten an die kirchliche Moral halten – dazu zählt auch der respekt- und liebevolle Umgang! –, dann gäbe es keine diesbezüglichen Netzwerke oder Erpressungen, folglich keine darin begründete Vertuschung. (Dass jeder bekommen soll, was er will [z.B. eine Weihe], ist übrigens weder respektvoll noch gerecht und auch keine Liebe, es ist ein Kindergarten der Gleichgültigkeit. Der Kirche kommt es nunmal zu, in Verantwortung vor Gott die Zugangsbedingungen für das Weiheamt festzulegen; sich daran zu halten ist auch wieder ein moralische Frage [--> Gehorsam].)

[Und es gäbe auch viel weniger Missbrauch durch Kleriker, da erwiesenermaßen die große Mehrheit dieser Fälle homosexueller bzw. ephebophiler Natur sind (war es 80%?). Aber das darf man ja nicht laut sagen.]



Im WSW-Gutachten ist dann noch zu lesen: „Homosexuelle Handlungen sind eine schwere Sünde. Homosexuelle Menschen sind daher zur Keuschheit aufgerufen (Nr. 2359 des Katechismus der Katholischen Kirche).“
Das ist natürlich wieder die bekannte Stammtisch-Irreführung. Richtig ist: Jede außerhalb der Ehe von einem Mann und einer Frau ausgelebte Sexualität ist eine schwere Sünde. Alle Menschen sind zur Keuschheit aufgerufen! Dass das die meisten Katholiken nicht wissen (weil die Hirten es ihnen auch nicht sagen) und nicht wissen wollen, ist das Problem. Jeder sexuelle Missbrauch, jede Vertuschung (und auch jede ungerechte oder respektlose Behandlung homosexuell empfindender Menschen) ist ein eklatanter Verstoß gegen die katholische Moral. Wie kann eine Aufweichung dieser Moral die Lösung sein? Wann war das Loslassen der moralischen Zügel in der Geschichte jemals zielführend für die Bekämpfung sittlicher Verfehlungen?

Das Gegenteil ist wahr. Dies kann man etwa in dem schon fast 1000 Jahre alten „Buch Gomorrah“ des heiligen Kirchenlehrers Petrus Damiani nachlesen, der sich seinerzeit (11. Jhd.) schon mit weitreichender kirchlicher Korruption und einem moralisch (sexuell!) verkommenen Klerus herumschlagen musste – erschütternd, wie ähnlich die Zustände heute wieder sind –: nur eine Rückbesinnung auf eine klare Moral und ihre Durchsetzung kann dem Ungemach Einhalt gebieten. Wenn das bedeutet, dass ein Gutteil unseres Klerus entlassen werden muss, dann ist das nur gerecht. Die Duldung etwa von Konkubinaten und anderer Praktiken ist Teil des Problems, sie führt zu jenen Netzwerken und ist eine logische Vorstufe der Vertuschung.

Ich bin 100% für die rückhaltlose Aufklärung und bin ohnehin schon länger der Meinung, dass sicherheitshalber der gesamte Episkopat in einem Aufwasch ersetzt werden müsste. Dann entsprechende Gutachten für alle Bistümer erstellen und erst dann nach und nach die Stühle wieder besetzen mit Leuten, die möglichst weit weg sind von dem hiesigen System von Unglaube/Unmoral, Missbrauch und Vertuschung (in Afrika und Asien gibt es bestimmt viele fleißige Priester!). Die neuen Bischöfe können dann in ihren Ordinariaten in gleicher Manier ein Großreinemachen veranstalten und bei der Gelegenheit die ausufernde Bürokratie (immer mehr Verwaltung für immer weniger Gläubige) proaktiv verschlanken – auch das dämmt Vertuschungsmöglichkeiten ein. Dann kann man langsam wieder aufbauen, insbesondere mit solider Glaubensbildung und der darauf fußenden offenen und ehrlichen Moralverkündigung. (Auch im Erzbistum Paderborn wird es bald, pünktlich zum altersbedingten Amtsverzicht des gegenwärtigen Bischofs [so ein Zufall!], ein Gutachten geben... man ist gespannt.)

Auch wenn beispielsweise ein Joseph Ratzinger, der wohl wichtigste und gescheiteste Theologe des 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts, sich in der Vergangenheit etwas hat zu Schulden kommen lassen, muss das raus, sichtbar sein, bekannt werden und Umkehr geschehen! Die Berufung auf den Buchstaben des Gesetzes, der ihn entlastet, reicht nicht, denn Schuld kann auch der haben, der das Gesetz penibel befolgt, da Gesetz und Moral bekanntlich zwei sehr verschiedene Paar Schuhe sind.

Donnerstag, 23. Juli 2020

Orientierung zur römischen Instruktion

Anmerkungen zur Orientierung, wenn sich nun verschiedentlich Bischöfe ganz offen gegen die am Montag erlassene Instruktion der Kleruskongregation „Die pastorale Umkehr der Pfarrgemeinde im Dienst an der missionarischen Sendung der Kirche“ stellen.

Eine kirchenrechtliche Vorbemerkung:

Eine „Instruktion“ ist kirchenrechtlich in c. 34 §1 CIC klar definiert: „Instruktionen, welche die Vorschriften von Gesetzen erklären und Vorgehensweisen entfalten und bestimmen, die bei deren Ausführung zu beachten sind, werden zum Gebrauch derer gegeben, die dafür sorgen müssen, dass die Gesetze zur Ausführung gelangen, und binden sie bei der Ausführung der Gesetze; diese Instruktionen geben innerhalb der Grenzen ihrer Zuständigkeit diejenigen rechtmäßig heraus, die ausführende Gewalt besitzen.“

Daraus wird ersichtlich:
1) Eine Instruktion ist selbst kein Gesetz, sondern sie ist (nur) auf das Gesetz bezogen. Das bedeutet aber, dass eine Instruktion selbst kein neues Recht setzen oder bestehendes Recht ändern kann, sondern sie ist strikt an den Rahmen, den das Gesetz festlegt, gebunden. (Genau darüber beschwert man sich: Dass man von der zuständigen Autorität darauf hingewiesen wird, was ohnehin schon gilt.)
2) Eine Instruktion hat als Adressaten die zuständigen Verwaltungsorgane, in diesem Fall also die bischöflichen Behörden.
3) Diese Adressaten bekommen mit der Instruktion eine Erklärung des Gesetzes und wie es anzuwenden ist.
4) Die Adressaten sind durch eine Instruktion rechtlich gebunden, sie können sich ihr nicht widersetzen oder sie ignorieren.


Die Instruktion enthält rechtlich gesehen nichts Neues, sie ruft nur in Erinnerung, was ohnehin schon gilt und zeigt u.U. auf, dass manche „Interpretationen“ des geltenden Rechts, etwa bezüglich der Frage, wer eine Pfarrgemeinde leiten kann, falsch sind. Das Thema ist indes nicht neu, es gab 2002 schon einmal eine Instruktion der Kleruskongregation zu dieser Frage mit dem unzweideutigen Titel „Der Priester, Hirte und Leiter der Pfarrgemeinde“. Dieses Dokument diente wesentlich dazu, „sowohl die Gefahr der ‚Klerikalisierung‘ der Laien als auch jene der ‚Säkularisierung‘ der geistlichen Amtsträger zu überwinden.“ (Nr. 7) Durch solche Tendenzen geschieht nämlich nicht nur eine Abwertung des sakramentalen Hirtendienstes der Priester, sondern zugleich auch eine herabwürdigung des Dienstes der Laien in der Welt (vgl. ebd.).

Das aktuelle Dokument dient dem selben Ziel, es weitet allerdings die Perspektive, indem es eindringlich über die Aufgaben spricht, die allen Gliedern der Gemeinde zukommen: „Es ist notwendig, dass heute alle Laien einen großzügigen Einsatz für den Dienst an der missionarischen Sendung leisten vor allem durch das Zeugnis des täglichen Lebens, das in den gewohnten Lebensbereichen und auf jeder Verantwortungsebene dem Evangelium entspricht, und besonders durch die Übernahme ihnen entsprechender Verpflichtungen im Dienst an der Pfarrgemeinde.“ (Nr. 86)
Die titelgebende „pastorale Umkehr“ kann nur von allen bewerkstelligt werden, denn ihre Voraussetzung ist die Umkehr (Bekehrung) jedes Einzelnen, sie ist nicht durch Diktat von oben realisierbar. Aber wenn die Strukturen fehlerhaft sind, wenn sie auf einem Fundament aus Irrtum ruhen, dann kann solch eine Umkehr nicht geschehen, darum wird eingeschärft was eh gilt: Die Leitung – und damit also der Hirtendienst – ist an das Sakrament der Weihe gebunden.

[Marginalie: Das Tarurigste für mich ist, dass durch den aktuellen „Machtdiskurs“ v.a. eines erreicht wird: der kirchliche Leitungsdienst wird ganz bewusst zu einer Macht umgedeutet. Aus dem sakramental begründeten Dienst geweihter Amtsträger wird so ein politisches Machtgefüge unterschiedlichster Interessenträger.]

In seiner wesentlichen Aussageabsicht, offenbart sich die aktuelle Instruktion als durchaus mutig und zukunftsorientiert. Das fängt schon damit an, dass das Territorialprinzip zwar nicht grundsätzlich in Frage gestellt, aber sehr deutlich auf dessen Elastizität hingewiesen wird: „Doch ist insbesondere heute das Gebiet nicht mehr nur ein geografisch abgegrenzter Bereich, sondern der Zusammenhang, in dem jeder sein Leben, das aus Beziehungen, gegenseitiger Hilfe und lange gepflegten Traditionen besteht, lebt. Auf diesem ‚existenziellen Territorium‘ steht die ganze Herausforderung der Kirche auf dem Spiel. Daher erscheint ein pastorales Handeln überholt, das den Handlungsraum ausschließlich auf den Bereich innerhalb der territorialen Grenzen der Pfarrei beschränkt.“ (Nr. 16)

Das Dokument geht sodann hart ins Gericht mit Pfarreien, die sich auf ein ‚weiter wie bisher‘ verlegen: „Wenn die Pfarrei nicht die der Evangelisierung innewohnende spirituelle Dynamik lebt, läuft sie Gefahr, selbstbezogen zu werden und zu verkalken, da sie Erfahrungen vorschlägt, die den Geschmack des Evangeliums und die missionarische Durchschlagskraft bereits verloren haben und vielleicht nur für kleine Gruppen bestimmt sind.“ (Nr. 17)

Meine Vermutung ist ja, dass man sich bei der Behandlung des Dokuments so sehr auf die Frage von Macht und Autorität versteift, weil man die viel drängendere und dramatische Fragestellung, die der Titel des Dokuments ausspricht und die Sinnziel und Existenzgrund des ganzen Dokuments ist, nicht angehen möchte.
Als Authentizitätsmerkmal und als Kriterium für die Unterscheidung (des Wahren vom Falschen, des Fruchtbringenden vom Kahlen) wird nämlich die missionarische Dynamik einer Pfarrei benannt, was den allermeisten Pfarreien insbesondere in Deutschland klar ein Armutszeugnis ausstellt: „Über die Orte und die Gründe der Zugehörigkeit hinaus ist die Pfarrgemeinde der menschliche Kontext, in dem die Evangelisierung der Kirche vonstattengeht, die Sakramente gefeiert werden und die karitative Liebe in einer missionarischen Dynamik erfahrbar wird, die – über die Tatsache hinaus, inneres Element des pastoralen Handelns zu sein – ein Unterscheidungskriterium ihrer Authentizität ist." (Nr. 19)
Mit einem kurzen Wort: „die ‚traditionellen‘ pfarrlichen Strukturen unter missionarischem Gesichtspunkt zu erneuern [...] ist das Herzstück der gewünschten pastoralen Umkehr" (Nr. 20). Dem glaubt man sich nun nicht stellen zu müssen, weil man das Dokument aufgrund einer anderen Frage, die nicht einmal das Ziel des ganzen ist, ablehnt. (Womit man faktisch das geltende Recht der Kirche offen ablehnt.)

Wenn sich nun bischöflich beklagt wird, die kirchlichen Strukturen, wie sie gegenwärtig in Deutschland sind (etwa mit ihren unzähligen Gremien), würden eine Umsetzung der Instruktion erschweren bis unmöglich machen („dann hockt der Priester ja nur noch in Sitzungen“), dann lasse man sich nicht beirren: Der Fehler liegt nicht in dem, was die Instruktion sagt, er liegt in jenen überbordenden Strukturen, die seit Jahrzehnten aufgebaut wurden – bewusst oder unbewusst am kirchlichen Recht vorbei oder über dasselbe hinweg. Insofern stimmt wohl die Klage mancher Bischöfe, die Instruktion werde der „Situation in Deutschland“ nicht gerecht. Aber mehr als zu zeigen, dass die so Redenden nicht über ihren eigenen kleinen Tellerrand hinausblicken können (die Instruktion gilt nämlich für die ganze weltweite Kirche – aus dem selben Grund sind solche Dokumente zuweilen "vage", denn sie müssen ja überall anwendbar sein), erfährt man daraus nicht. „Selbst schuld!“ möchte man den Bischöfen zurufen... der Ressourcen fressende strukturelle Apparat hierzulande ist Marke Eigenbau.

Da der Berichterstattung zufolge inzwischen einige Bischöfe ausdrücklich die aktuelle Instruktion zurückweisen (die Instruktion von 2002 hat man damals einfach klanglos ignoriert) oder ganz offen ankündigen, sie zu ignorieren, wird sich daran wohl nun die Spreu vom Weizen trennen. Vielleicht ist das auch gut so... dann wird die jahrzehntelange Missachtung des kirchlichen Rechts durch nicht wenige Bistümer endlich einmal kontrastreich sichtbar.

Sonntag, 20. September 2015

Gebet von Sünde und Gewissen

Herr Jesus Christus, Du bist verborgen im Sakrament Deines Todes, durch den Du die Sünden der Welt gebüßt und uns den Frieden des Herzens gebracht hast. Ich knie vor Dir nieder und bete Dich an. Die alten Christen haben Dich in diesem Sakrament genannt: Arznei der Unsterblichkeit, Gegengift gegen das Sterbenmüssen. So oft schon habe ich Dich als das Brot des Lebens in mich aufgenommen, und man hat mir dabei gesagt: Der Leib Unseres Herrn Jesus Christus bewahre Deine Seele zum ewigen Leben. Siehe, da bin ich nun vor Dir und ich bin ein Sünder. Ein noch leiblich lebender Mensch, in dessen innerste Gewissensmitte schon einmal, ja vielleicht schon oft, der ewige Tod eingebrochen ist. Auch dann, wenn Du mich, der ich innerlich tot war, wieder lebendig gemacht hast durch das unbegreifliche Sakrament Deiner Versöhnung, auch wenn die heilige Gnade wieder in mir lebt, muß ich es täglich erfahren: Noch steht der seeliche Tod vor der Tür meines Herzens. Noch lebe ich in meinem zur Sünde hingierenden Fleisch. Noch dräut jener Feind, dessen Werke aufzulösen Du zu uns gekommen bist im Advent deiner Menschwerdung, den Du hinausgeworfen hast in der ohnmacht Deines Kreuzestodes. Noch ist das Geheimnis der Bosheit am Wirken. Ich spüre es in den Versuchungen meines Leibes, in den Zweifeln meines Geistes. O heilbringende Opfergabe, noch dräut der Krieg des Feindes. Ich habe den Kampf gegen Fleisch und Blut, gegen Welt und Satan noch nicht endgültig bestanden. Noch ist für mich Niederlage möglich, Seelentod, ewige Hölle.
Aber ich weiß es im Glauben, ich bekenne es vor dem Sakrament Deines Blutes: Du hast mich erlöst. Du hast meinem Herzen Deine Liebe wiedergeschenkt im Blut Deines durchbohrten Menschenherzens. Du hast die tödliche sieche Menschheit angehaucht und ihr Menschen gesandt, zu denen Du sprachst: "Empfanget den Heiligen Geist. Wem ihr die Sünden nachlasst, dem sind sie nachgelassen" (Joh. 20,22). Seitdem ist es wahr geworden: "Du sendest Deinen Geist und alles wird neu, und Du wirst umgestalten das Antlitz der Erde" (Ps. 103,30). 
Bilde darum auch das Antlitz meines Herzens um. Gib mir den christlichen Geist der lauteren und schönen Gewissensklarheit. Gib mir die von Deiner Gnade geschenkte und von Deinem Gesetz gelenkte Freiheit des Christenmenschen. Gib mir Deine eigene Ehrfurcht vor der Majestät des Gewissens in mir und in den anderen. Laß mich in den Entscheidungen meines Herzens nie das Wort Gottes überhören, Dein Wort, Du im Sakrament so stummes und unüberhörbares Wort Gottes.
Laß mich Deinen Willen erkennen, Deinen Willen für mich, Deinen Willen gerade jetzt und hier in diesem Augenblick meines Lebens. Ich weiß, Herr, daß ich immer wieder Deinen Willen umzubiegen suche nach meiner Laune. Mein Herz kennt die tausend Kunststücke der Dialektik des sündiogen Menschen, solange mit meinem Gewissen zu handeln und zu feilschen, bis es nachgibt und nur noch das befiehlt, was ich will und gerne tue. Von den vorentschiedenen Leitbildern meines Lebens befreie mich. Erleuchte mich. Gib mir den Mut, mit unerwarteten Forderungen von Dir zu rechnen, den Mut, mir von Dir etwas zutrauen zu lassen, wozu meine Kräfte nicht auszureichen scheinen, den Mut, an Deine Kraft in meiner Schwachheit zu glauben und nach Deinem Willen zu fragen. Gib mir die Nüchternheit des wahren und ehrlichen Knechtes, der weiß, daß in Deinem Dienst eine kleine Tat mehr wiegt, als ein großes Gefühl und tausend hochgemute Vorsätze. Du kannst über mich verfügen, wie es dir gefällt, o Herr. Du kannst die Wunder Deiner überströmenden Gnade auch in der mittelmäßigen Gewöhnlichkeit des Lebens von jedermann bergen, Deinen Schatz in irdenen Gefäßen. Aber laß diese Wahrheit mir nicht zum Vorwand werden, hinter dem mein Herz seine Feigheit, Trägheit und Mittelmäßigkeit versteckt. Solches ist nie Dein Wille. Zeige mir Deinen Willen. Gib mir Kraft, als guter und getreuer Knecht Deinen Willen zu sehen und allezeit zu erfüllen.
Gib mir Deinen Segen und laß in meinem Herzen etwas aufbrennen von jenem Frieden, den die Welt nicht kennt, von jener unsäglichen Freude der Erlösten, denen die Sünden vergeben sind und deren Gewissen in lauterer Klarheit vor Gott steht. Ich möchte mit dem bekehrten Augustinus beten: "Nicht mit zweifelsschwangerem Herzen, nein, mit sicherem Gewissen liebe ich Dich, o Herr, Du hast mein Herz durchbohrt mit Deinem Wort" (Bekenntnisse 10,6). Selbst wenn meine Sünden röter wären als Scharlach, so bitte ich Dich doch: Sei meinem Gewissen die Unruhe, ohne die es keinen Frieden gibt. "Spät habe ich Dich geliebt, o Du Schönheit, so alt und doch so neu, spät habe ich Dich geliebt. Aber Du hast gerufen und meine Taubheit gespalten. Du hast geblitzt und gestrahlt und meine Blindheit in die Flucht geschlagen. Du hast geduftet, und ich habe den Hauch eingeatmet und lechze nun nach Dir. Du hast mich angerührt, nun bin ich entbrannt in Sehnsucht nach Deinem Frieden" (Bekenntnisse 10,27).
Laß mich in Deiner erlösenden Gnade ein fröhlicher Mensch sein, erfüllt von der Freude, die da ist die schönste Gabe Deines heiligen Evangeliums.
Amen.

(Hugo Rahner)

Mittwoch, 2. September 2015

Jubiläum der Barmherzigkeit - Ablass

Das "Außerordentliche Jubiläum der Barmherzigkeit", das Papst Franziskus ausgerufen hat, stellt viele Katholiken sicher vor mittel- bis sehr große Schwierigkeiten. Denn worum es dabei geht ist nicht ein billiges "wir fühlen uns alle gut" und "Gott wirds schon richten", sondern es ist v.a. ein Ruf zu "echter Umkehr" und zur sakramentalen Versöhnung mit der Kirche und mit Gott. Der aktuelle päpstliche Brief an den Präsidenten des Päpstlichen Rats zur Förderung der Neuevangelisierung (hier) macht dies recht deutlich. Er behandelt den Jubiläumsablass und die v.a. logistisch (und für manche auch rechtlich) vereinfachten Bedingungen, diesen zu erlangen.

Und da fängt es schon an: Was ist überhaupt ein Ablass? "Ablass ist der Nachlass zeitlicher Strafe vor Gott, für Sünden, deren Schuld schon getilgt ist" (Handbuch der Ablässe, Ablass-Normen, 1). Es geht also um den Erlass zeitlicher Sündenstrafen, die hinsichtlich ihrer Schuld bereits durch das Sakrament der Beichte vergeben sind. Was sind "zeitliche Sündenstrafen"? Das sind, vereinfacht gesagt, die Leiden der "armen Seelen" (der Verstorbenen) im Purgatorium (vulgo "Fegefeuer"). Also jener Aspekt unseres katholischen Glaubens, der heute von den meisten Theologen offen bestritten/geleugnet, von den meisten Pfarrern ignoriert und von den meisten Gläubigen oft genug nicht einmal mehr (als Glaubensinhalt) gewusst und bestenfalls einschlussweise geglaubt wird.
Und dabei ist er so wertvoll! V.a. in der Sorge um die Verstorbenen, ist der Ablass von unschätzbarem Wert.

Wann haben Sie, lieber Leser, das letzte Mal einen Ablass erworben? Wissen Sie überhaupt, wie das geht? Der Kenner weiß: Einen Ablass gibt es nur in Verbindung mit dem Sakrament der Beichte (und anderen Bedingungen, die der Papst auch nennt). Ja, richtig gelesen, jenes Sakrament, das laut Statistik, viele (bis zu 9 von 10) hauptamtliche Mitarbeiter der kath. Kirche in Deutschland seltener empfangen, als dies das Kirchengebot vorschreibt. Jenes Sakrament, das mit Abstand am meisten mit "Konservativismus", "Rigorismus", "Rückständigkeit" etc. in Verbindung gebracht wird...

Die den Brief beschließenden Regelungen bzgl. Piusbruderschaft (meine Gedanken zu diesem bemerkenswerten Schritt: hier) und Abtreibung (zu den Verwirrungen diesbezüglich, ob der Papst nun Abtreibung erlaubt habe: hier) dienen einzig diesem Ziel: Dass alle hier Betroffenen, die zur Umkehr bereit sind, ungehindert den Jubiläumsablass erlangen können. [Dass mancher Zeitgenosse sich dazu hinreißen lässt, hier ein taktisches Manöver zur meinungspolitischen Einflussnahme zu sehen (siehe den letzten Link, der erste Leserkommentar), macht mich Schmunzeln, denn nichts liegt diesem Schreiben des Papstes ferner - das offenkundig nur, ich wiederhole mich, die Regelungen für den Erwerb des Ablasses und den in einigen Fällen erleichterten Zugang zur Beichte zum Erwerb dieses Ablasses zum Inhalt hat. Man beachte auch die Ausführungen des Papstes bezüglich der Strafgefangenen, die keine Möglichkeit haben, eine ordentliche Heilige Pforte zu durchschreiten.]

Es geht nicht um ein Wohlgefühl, sondern um Taten die dem eigenen Heil und dem der anderen dienen. Die auch zuweilen sehr unbequem und heute überhaupt nicht (kirchen-)politisch korrekt sind. Nochmal Franziskus:
»Es ist mein Wunsch, dass die Kirche in dieser Zeit des Jubiläums den in den leiblichen und geistlichen Werken der Barmherzigkeit enthaltenen Reichtum wiederentdecken möge.«

Zu den geistlichen Werken der Barmherzigkeit gehören auch diese: Für die Verstorbenen beten (der Ablass für einen Verstorbenen ist hier gewissermaßen das non-plus-ultra!), die Unwissenden lehren (was ich mit diesem Blog versuche) und die Sünder zurechtweisen (was heute allzugern mit der Berufung auf das Gewissen regelrecht als Diffamierung bekämpft wird, vgl. meine Ausfürungen dazu hier).

Alles in Allem kann man wohl konstatieren: Wären nicht diese zwei heiklen bzw. für Uninformierte sensationellen Passagen darin, würde niemand diesen Brief beachten... denn er regelt ja eigentlich nur einige rechtliche Formalitäten bezüglich des (wie mit jedem, so auch) mit diesem Jubiläum verbundenen Ablasses. Ein Thema, das, mal ehrlich, selbst unter den Katholiken hierzulande kaum jemanden interessiert. Man wird dieses Jubeljahr sicherlich mit vielen wohlfeilen Phrasen pflastern und am Ende doch nur "billige Barmherzigkeit" predigen... ich hege Zweifel, ob die Beichtzahlen merkbar ansteigen werden. Immerhin ein Gutes hat die ganze Aufregung um die Sache mit der Abtreibung und den Piussen (siehe die Links dazu weiter oben): Dieser Brief hat ungeahnt viel Aufmerksamkeit bekommen, und vielleicht lässt sich ja der eine oder andere Leser berühren, diese Aspekte des katholischen Glaubens - sakramentale Versöhnung, Ablass - wieder ernster zu nehmen.
Ich für meinen Teil danke dem heiligen Vater, dass er sich bemüht, an alle zu denken, so dass niemand, der auf den Weg der Gebote Gottes umkehren und den Jubiläumsablass gewinnen will, durch äußere Umstände daran gehindert ist. Und ich werde in diesem Jubeljahr auch einen solchen Ablass erlangen.

Erlaubt der Papst jetzt Abtreibung?

Überall sprießen dieser Tage Pressemitteilungen, die verkünden, Papst Franziskus hätte eine andere Haltung gegenüber Abtreibung eingenommen: "Priester dürfen Abtreibung vergeben". Die Satire von Eye of the Tiber ist da garnicht mehr so weit weg: "Pope Francis announced Tuesday that he will allow Roman Catholic women to have as many abortions as they want during the upcoming Holy Year of Mercy" (hier).
Was passiert ist, kurz rekapituliert:

Der Papst hat ein außerordentliches "Heiliges Jahr" ausgerufen unter dem Motto der Barmherzigkeit (Päpste rufen für gewöhnlich alle 25 solch ein "Heiliges Jahr" aus, das nächste wäre erst 2025, weshalb dieses nun "außerordentlich" ist... der Papst darf das). Sinn solcher Heiligen Jahre (oder "Jubeljahre"), die die Päpste seit dem Jahr 1300 des öfteren ausgerufen haben, ist es, spirituelle Impulsen für die Kirche zu geben.
Nun hat der Papst, u.a., für dieses Jahr allen Priestern der katolischen Kirche die Befugnis gegeben, im Rahmen des Beichtsakramentes von der Sünde einer vollzogenen Abtreibung loszusprechen. Das Problem ist nun, dass dieser Satz für einen Nichtkatholiken unmengen an Konzepten enthält, die er nicht versteht bzw. mit denen er nichts anzufangen weiß und auch Katholiken sind zuweilen verwirrt.


Aaalso:
Erstens: Was ist "Beichte"? Eines von sieben Sakramenten, also, vereinfacht gesprochen, rituelle Lebensvollzüge der Kirche, die sie mit Gott verbinden (vgl. Taufe, Firmung etc.). In der Beichte geht es darum, begangene Sünden zu "beichten" und die Lossprechung zu empfangen. Was heißt das? Es ist KEIN Freibrief die zu beichtenden Taten zu begehen, sondern das genaue Gegenteil: Nur wenn ich die Tat, die ich begangen habe (also z.B., ganz grob, Verstöße gegen die Zehn Gebote) 1. wirklich als Sünden anerkenne (die mich mein Seelenheil kosten können!!) und sie 2. vor dem Priester ehrlich benenne und bekenne („Ich habe gesündigt...“), wenn ich sie zudem 3. aufrichtig bereue ("wie konnte ich nur!") und 4. Sühne leisten will, und 5. den ernsthaften Vorsatz fasse, sie nicht wieder zu begehen, DANN wird mir die Absolution, d.h. die Verzeihung meiner Sünden, zugesprochen (heißt: der Priester leiht soz. Gott seine Stimme, wenn er spricht "So spreche ich dich los von deinen Sünden"). Es geht darum, dass der Mensch (einfach weil er Mensch ist...) gegen Gott sündigt, dass Gott ihm aber, unter den genannten Bedingungen, diese Sünde vergibt.

 

Zweitens: Was ist Abtreibung? Abtreibung ist Mord. Abreibung ist, weil sie Mord ist, eine Sünde (gegen das 5. Gebot). Nun ist es aber so, dass, weil Abtreibung eine so schwerwiegende Sünde und zudem auch eine Straftat ist (also solche steht sie auch im Gesetzbuch der Kirche: c. 1398 CIC), jene Lossprechung nicht wie bei anderen Sünden durch jeden Priester mit entsprechender Beichtbefugnis erfolgen kann. Das hat damit zutun, dass durch die Mitwirkung an einer Abtreibung, zusätzlich zu der Sünde des Mordes, auch (auf einer anderen Ebene, die von der Kategorie "Sünde" zunächstmal unabhängig ist) nach kirchlichem Recht eine Straftat begangen wird, die die Strafe der Exkommunikation zur Folge hat, also der Ausschluss aus der sakramentalen Gemeinschaft der Kirche. [Anmerkung: Sünde und Straftat sind zwei Paar Schuhe, auch wenn sie zuweilen, wie in diesem Fall, durch ein und die selbe Handlung begangen werden: eine Sünde führt nicht zur Exkommunikation, sie kann jedoch die Rechtsstellung innerhalb dieser Gemeinhaft beeinträchtigen. Niemand wird exkommuniziert, weil er sündigt - wir sind schließlich keine Katharer. Exkommuniziert wird, wer eine entsprechende Straftat begangen hat. Sofern eine Frau nicht selbst eine Abtreibung an sich durch- bzw. herbeiführt (sei es chemisch - etwa durch die "Pille danach" -, oder mechanisch - durch einführen von Stricknadeln oder was es sonst so an Methoden gibt), sind es die Ärzte, die hier die Straftat begehen. Mir ist jedenfalls kein Fall der Exkommunikation einer Frau bekannt, sofern sie nicht selbst an der Durchführung der Abtreibung mitwirkte. Die Sünde begehen hingegen alle beteiligten, auch die Frau, die die Abtreibung will.] Diese Strafe der Exkommunikation aufzuheben und so überhaupt die Möglichkeit für den Empfang des Sakraments der Versöhnung zu eröffnen, bedarf (außer in besonders dringenden Fällen, etwa Todesgefahr) des Bischofs. (Übrigens: auch in Deutschland ist Schwangerschaftsabbruch nach § 218 StGB eine Straftat, die nur unter bestimmten Bedingungen straffrei bleibt...)
 

Drittens: Was der Papst für diese außerordentliche Heilige Jahr der Barmherzigkeit ermöglicht hat, ist, dass in diesem Zeitraum alle zur Spendung des Beichsakraments befugten Priester von der Sünde der durchgeführten Abtreibung lossprechen können, und ich vermute stark, so wie der entsprechende Passus formuliert ist (s.u.), dass das "Neue" hier v.a. die Aufhebung der Strafe der Exkommunikation der Ausführenden durch die entsprechenden Priester betrifft. [Anmerkung: Früher enthielt die Lossprechung vor der eigentlichen Absolutionsformel, die der Priester spricht, auch die in 99,99% der Fälle überflüssige Formel zur Lösung "von jeder Fessel der Exkommunkation und des Interdikts, soweit meine Vollmacht reicht und du dessen bedarfst".]
 

Hier ist nichtmal annähernd eine neue Haltung gegenüber Abtreibung erkennbar! Es handelt sich um eine rein kirchenrechtlich-disziplinarische Bestimmung, die es reuigen Sündern, die sich durch Mitwirkung an einer Abtreibung schuldig gemacht haben, ermöglicht, diese Sünde (bei entsprechenden Voraussetzungen, s.o.) auch bei ihrem Pfarrer zu beichten, die Lossprechung und Vergebung für diese schlimme Tat zu erfahren und mit der Kirche versöhnt zu werden.   

Man vergleiche nun diese Ausführngen mit den tatsächlichen Worten von Franziskus: 
"... habe ich, ungeachtet gegenteiliger Bestimmungen [d.i. was sonst gilt], entschieden, für das Jubiläumsjahr allen Priestern die Vollmacht zu gewähren, von der Sünde der Abtreibung jene loszusprechen, die sie vorgenommen haben und reuigen Herzens dafür um Vergebung bitten. Die Priester mögen sich auf diese große Aufgabe vorbereiten und Worte der echten Annahme mit einer Reflexion zu verbinden wissen, die hilft, die begangene Sünde zu begreifen. Ebenso sollen sie auf einen Weg echter Umkehr verweisen, um die wahrhaftige und großherzige Vergebung des Vaters verstehen zu können, der durch seine Gegenwart alles erneuert." (hier)

Es ist höchst bedauerlich, dass diese Anweisung so völlig unkommentiert und Kontextlos in die Welt hinausgeschickt wurde... hier hat die Kommunikation des Vatikans wiedermal glänzend versagt. Außerdem ist die Formulierung kirchenrechtlich unsauber, denn das Problem ist hier nicht die begangene Sünde, sondern die Straftat, die normalerweise eine Lossprechung von dieser Sünde verhindert.

Donnerstag, 23. Juli 2015

Ist praktizierte Homosexualität Sünde?

Der Richter auf dem Regenbogen
Weil das Thema seit der hier eingetretenen Blogruhe überall hochgekocht ist, der US-Supreme Court meint, ein neues Menschenrecht zu definieren und ein gewisser Kardinal doch allen ernstes der Meinung ist, dass dies ein Kernanliegen der kommenden Familiensyode sein solle, ein paar Gedankenfetzen zur Orientierung. (Ich verdanke die Ausarbeitung dieses und weiterer damit zusammenhängender Texte, bereits vor einigen Wochen, einer Anregung von Unbekannt auf Facebook; danke dafür! Konnte dadurch für mich einiges ordnen.)
Ich lege hier nicht meine eigene Meinung dar, sondern den Standpunkt der Bibel (und damit des kirchlichen Lehramtes). Vgl. auch meine Ausführungen über das Be-urteilen von Sünde: hier.



Eine Vorbemerkung: Um gleich mal dem völlig falschen Eindruck zu wehren, Christen hegten speziell gegen homosexuell empfindende Menschen einen Groll, sei darauf hingewiesen, dass nach katholischem Verständnis das Ausleben der menschlichen Sexualität seinen einzigen legitimen Ort in der unauflöslichen Gemeinschaft der Ehe hat. Eine Ehe wiederum kann nach katholischem Verständnis (und darin zu unterscheiden von dem, was etwa manche Staaten unter dem Begriff "Ehe" verstehen) nur zwischen einem Mann und einer Frau gültig geschlossen werden. Folglich ist jeder vor- und außereheliche Geschlechtsverkehr als schwere Sünde zu betrachten, gleichgültig ob die Handelnden nun homo- oder heterosexuell empfinden. Dass Sex nur in die Ehe gehört, darf im Übrigen durchaus als ein Grundpfeiler der ganzen katholischen Sexualmoral betrachtet werden.
Immer gilt: Als Christen sind wir dazu gerufen, jeden Menschen, auch den Sünder (wir sind ja selber welche), zu achten, anzunehmen und zu lieben. Aber die Sünde sollen wir bekämpfen (auch unsere eigene); nie können wir Sünde einfach akzeptieren oder sogar gutheißen. Es gilt also immer zwischen den Menschen und ihren (sündhaften) Handlungen zu unterscheiden. Grundsätzlich verlangt aber der "Kampf gegen die Sünde" von uns Widerstand "bis aufs Blut" (Hebr 12,4).

»Eine nicht geringe Anzahl von Männern und Frauen haben tiefsitzende homosexuelle Tendenzen. Diese Neigung, die objektiv ungeordnet ist, stellt für die meisten von ihnen eine Prüfung dar. Ihnen ist mit Achtung, Mitgefühl und Takt zu begegnen. Man hüte sich, sie in irgend einer Weise ungerecht zurückzusetzen. Auch diese Menschen sind berufen, in ihrem Leben den Willen Gottes zu erfüllen und, wenn sie Christen sind, die Schwierigkeiten, die ihnen aus ihrer Verfaßtheit erwachsen können, mit dem Kreuzesopfer des Herrn zu vereinen.« (KKK 2358)

Oft wird gesagt, Jesus habe nichts zum Thema Homosexualität gesagt, darum dürfe die Kirche sie auch nicht verurteilen. Und es stimmt: Jesus hat nie das Wort "Homosexualität" gebraucht. Und er hat auch nie die mit diesem Wort bezeichnete Handlung explizit benannt. Aber dieser Hinweis auf das Vorkommen oder Nichtvorkommen von Begriffen im Munde Jesu hat keinerlei argumentative Kraft, denn ebensowenig hat Jesus Vergewaltigung, Pädophilie, Sodomie, Prostitution, Abtreibung, Umweltzerstörung oder Sklavenhandel explizit erwähnt; trotzdem halten wir diese Dinge für sündhaft. 

Ironischerweise vertreten die Leute, die damit argumentieren, dass Jesus dazu ja nichts gesagt habe, sehr oft auch vehement die Ansicht, die Kirche müsse endlich Scheidung und Wiederheirat anerkennen... ... Jesus: "Wer seine Frau aus der Ehe entlässt und eine andere heiratet, begeht ihr gegenüber Ehebruch. Auch eine Frau begeht Ehebruch, wenn sie ihren Mann aus der Ehe entlässt und einen anderen heiratet." (Mk 10,11f.; vgl. auch Mt 5,32; 19,9; Lk 16,18; 1.Kor 7,10f.)

Auch wird gesagt, dass das Verbot von Homosexualität alttestamentlich sei, und wir würden doch heute auch niemanden mehr steinigen. Das ist insofern falsch, weil bereits im Alten Testament die jeweiligen Gesetze und Vorschriften unterschiedliches Gewicht hatten und sie in verschiedenen Kontexten und auf verschiedene Personen(gruppen) Anwendung fanden - also nicht alle Vorschriften gleich-wertig waren. Und im Neuen Testament finden wir, autoritativ durch Jesus selbst und seine Apostel, eine "Umwertung" des Gesetzes. Jesus führt die Vielzahl der alttestamentlichen Ge- und Verbote auf ihren vom Schöpfer gesetzten Kern zurück ("der Sabbat ist für den Menschen da", "am Anfang war das nicht so"), was in Teilen einer Abschaffung gleichkommt, in anderem eine Milderung oder aber auch eine Verschärfung des bisher Geltenden bedeutet. Laxismus kann man Jesus jedenfalls nicht vorwerfen. 
Es gilt zu unterscheiden und besonders in den Blick zu nehmen, was denn nun eigentlich für Christen gilt und was nicht. Aber der Reihe nach.
 

Jesus sagt in Mt 5,17, dass er nicht gekommen sei, das (jüdische) Gesetz aufzulösen, sondern es zu erfüllen. Er kannte dieses Gesetz (die Thora), nach dem auch er und seine Familie lebten (vgl. Lk 2), auswendig und hat immer wieder ganz selbstverständlich darauf Bezug genommen und es oft auch interpretierend kommentiert. Für uns stellen sich hier zwei Fragen: Was sagt dieses Gesetz zu homosexueller Praxis? Und: Inwiefern sind diese Aussagen auch für Nichtjuden relevant?
Im Buch Leviticus (Drittes Buch Mose) finden wir fast ausschließlich Stellen, an denen es in der Einleitung von Gesetzesvorschriften heißt: "Sage Aaron und seinen Söhnen [= den Priestern]..." oder "Sage den Söhnen Israels..." (z.B. Speisegesetze). Folglich sind die so eingeleiteten Gesetze in erster Linie relevant für Juden. Es gibt lediglich vier Stellen, an denen diese Formulierung auffällig anders lautet, nämlich: "Sage den Söhnen Israels und den Fremden die in eurer Mitte wohnen...". Diese Gesetze, es sind Verbote, betreffen also auch die Nichtjuden. Diese sind:

1. Götzenopfer (Lev 17,8f.; 20,2)
2. Blut trinken (Lev 17,10.12)
3. Ersticktes essen (Lev 17,13)
4. Unzucht (Lev 18)

Unzüchtiges Verhalten wird in Lev 18 näher spezifiziert: Jegliche Form von Inzest, Ehebruch, der Beischlaf von Männern mit Männern sowie sexueller Verkehr mit Tieren. Sex von Männern mit Männern wird dabei explizit als Gräuel bezeichnet, eine Kategorie, die ansonsten vor allem für die Bewertung von Götzen(dienst) Verwendung findet (siehe dazu z.B. 2.Kön 23,13 und Hes 8), also für Verstöße gegen das allem anderen zugrundeliegende 1. Gebot des Dekalogs.
In der heidnischen Umwelt Israels - zur Zeit der Gesetzgebung (etwa in Ägypten oder Kanaan) wie auch zur Zeit Jesu (in der ganzen griechisch geprägten Welt des Mittelmeeres) - war ausgelebte Homosexualität eine verbreitete und gesellschaftlich akzeptierte Erscheinung. Die Juden machten dabei jedoch nicht mit, denn dem Gesetz Gottes zufolge handelt es sich hierbei um Praktiken, die die Menschen und auch das ganze Land, in dem sie leben, unrein machen (vgl. Lev 18,28), also um besonders schwerwiegende Vergehen die nicht gebunden sind an eine bestimmte Zeit oder Personen(gruppe).
  

Das Neue Testament bringt nun einige Änderungen für den Umgang mit dem Gesetz. Die Rezeption dieser hier relevanten und zuvor genannten Gesetze ist es, die uns jetzt interessiert. Und genau da finden wir eine erstaunliche Beständigkeit im Zeugnis der Schift vor:
A) Jesus, der mit dem Gesetz bestens vertraut war, nennt ausdrücklich die Unzucht  (und wir haben keinen Grund, anzunehmen, dass er darunter etwas anderes versteht als das, was das jüdische Gesetz darunter versteht) und verurteilt sie als etwas, das aus dem Herzen des Menschen kommt und ihn unrein macht: "Denn von innen, aus dem Herzen der Menschen, kommen die bösen Gedanken, Unzucht, Diebstahl, Mord, Ehebruch, Habgier, Bosheit, Hinterlist, Ausschweifung, Neid, Verleumdung, Hochmut und Unvernunft." (Mk 7,21-22)
B) Paulus, der große Lehrer der göttlichen Liebe (vgl. 1.Kor 13), greift dies in seinem Brief an die Römer auf (Röm 1,24ff.) und behandelt auch explizit gleichgeschlechtlichen Geschlechtsverkehr mit harten Worten: Männer wie Frauen haben "den natürlichen Verkehr [...] verlassen [und] sind in ihrer Begierde zueinander entbrannt". "Sie vertauschten die Wahrheit Gottes mit der Lüge" weil sie es "nach ihrem eigenen Urteil nicht nötig hatten, Gott anzuerkennen" und "empfingen den gebührenden Lohn ihrer Verirrung an sich selbst."
C) Exakt jene vier Bereiche, die auch für die "Fremden in Israel" verboten waren (Götzenopfer, Blut und Ersticktes, Unzucht [mit allem, was dazugehört]), werden - darin im Sinne des Gesetzgebers völlig folgerichtig - auch vom Apostelkonzil (Apg 15) für die nichtjüdischen Nachfolger Jesu als einzige verbindliche Gebote des in Leviticus gegebenen Gesetzes benannt: "Denn der Heilige Geist und wir haben beschlossen, euch keine weitere Last aufzuerlegen als diese notwendigen Dinge: Götzenopferfleisch, Blut, Ersticktes und Unzucht zu meiden. Wenn ihr euch davor hütet, handelt ihr richtig." (Apg 15, 28f.) Was früher für alle, auch die Nichtjuden, galt, gilt weiterhin für alle.
D) Nach Offb 21,8 wird nichts Unreines in das neue, ewige Jerusalem, die Stadt Gottes hineinkommen: "Aber die Feiglinge und Treulosen, die Befleckten, die Mörder und Unzüchtigen, die Zauberer, Götzendiener und alle Lügner - ihr Los wird der See von brennendem Schwefel sein. Dies ist der zweite Tod." Und noch knapper: "nichts Unreines wird hineinkommen und keiner, der Gräuel [!] tut" (Offb 21,27)
  
Den neutestamentlichen Befund zusammenfassend, ergibt sich folgendes Bild:
a) Das von Gott den Juden (und den Fremden) gegebene Gesetz verbietet aufs Schärfste die Unzucht und darin auch expressis verbis das Ausleben gleichgeschlechtlicher Sexualität.
b) Jesus hat dieses Verbot bestätigt.
c) Die frühe Kirche hat dies einmütig und "im Heiligen Geist" ebenfalls bestätigt.
d) Die prophetische Beschreibung des Gerichtes Gottes in der Offenbarung des Johannes bestätigt schließlich die Folgenschwere des Gräuels der Unzucht.
Anzumerken ist hierbei noch, dass die frühen Christen sehr bald auch von den verbliebenen Speisegeboten Abschied genommen haben, was aber durchaus auf der Linie von Jesu Verkündigung liegt, wie uns der Evangelist Markus ausdrücklich nach einer wörtlichen Rede Jesu in einer redaktionellen Anmerkung mitteilt: "Merkt ihr nicht, dass alles, was von außen in den Menschen hineingeht, ihn nicht unrein machen kann? ... Damit erklärte er [Jesus] alle Speisen für rein." (Mk 7,17f.)

Manchmal wird behauptet, das Thema sei unbedeutend, weil es im Gesetz selten explizit behandelt wird (nur Lev 18). Das stimmt aber nicht. Zuweilen wird auch gegenteilig behauptet, es gäbe in der Heiligen Schrift geradezu eine Obsession mit diesem Thema. Auch das stimmt nicht: Die Bibel behandelt einfach alles was den Menschen betrifft in gebührender und ungeschönter Weise (der KKK behandelt das Thema übrigens nur in 3 von insgesamt ca. 3000 Nummern - auch hier keine Obsession).


Dieser biblische Befund mag uns erschrecken. Wir müssen uns aber immer fragen, wie ernst wir das Wort Gottes nehmen. Die ganze Heilige Schrift ist hier eindeutig. Es gibt in der gesamten Bibel keine Andeutungen, die eine andere Schlussfolgerung nahelegen als diese, dass ausgelebte Homosexualität eine schwere Sünde ist. Es gibt keine Abmilderung und keine Relativierung. Wir wissen, dass Jesus gerade bei den Themen Ehe und Sexualität die Vorschriften des Alten Testaments nie abgeschwächt, sondern oft genug sogar noch (und zwar im Sinne des Schöpfers und Gesetzgebers) verschärft hat. Als die Juden Jesus fragten "Warum hat denn Mose geboten, einen Scheidebrief zu geben und zu entlassen?" Antwortet Jesus, das Zugeständnis des Mose aufhebend und auf die Schöpfungsordnung verweisend: "Er spricht zu ihnen: Mose hat wegen eurer Herzenshärtigkeit euch gestattet, eure Frauen zu entlassen; von Anfang an aber ist es nicht so gewesen. Ich sage euch aber, dass, wer immer seine Frau entlässt, außer wegen Hurerei, und eine andere heiratet, Ehebruch begeht; und wer eine Entlassene heiratet, begeht Ehebruch." (Mt 19,7-9)
Diese herausgehobene Stellung der Sexualität ist naheliegend, wenn man bedenkt, dass der Mensch auf diese Zweisamkeit hin geschaffen wurde ("als Mann und Frau schif er sie... sie werden ein Fleisch sein") und das "erste Gebot" Gottes an den Menschen auch hier angesiedelt ist ("seid fruchtbar und mehret euch"). Sie betrifft den Menschen so existentiell wie kein anderer Bereich des Lebens - positiv wie negativ. Unsere Sexualität ist ein wesentlicher Teil unseres Weges zur Heiligkeit, zum Leben bei Gott. Jenes berüchtigte Kapitel 18 in Levitikus ist denn auch nicht nur eine Schilderung einer schweren Sünde ("Gräuel"), die es zu unterlassen gilt, es ist v.a. eine Verheißung des Lebens, dem nämlich das Verbot einzig dient. Die Unterweisung beginnt wiefolgt:
»Ich bin der HERR, euer Gott.
Nach der Weise des Landes Ägypten, in dem ihr gewohnt habt, sollt ihr nicht tun; und nach der Weise des Landes Kanaan, wohin ich euch bringe, sollt ihr nicht tun; und in ihren Ordnungen sollt ihr nicht leben
Meine Rechtsbestimmungen sollt ihr tun, und meine Ordnungen sollt ihr halten, um in ihnen zu leben.
Ich bin der HERR, euer Gott.
Und meine Ordnungen und meine Rechtsbestimmungen sollt ihr halten. Durch sie wird der Mensch, der sie tut, Leben haben.
Ich bin der HERR.« (Lev 18,2-5; vgl. Lev 19,2) 


Die Kirche wusste sich immer an diese biblischen Vorgaben gebunden. Von einer veränderten Lebenswirklichkeit kann nicht die Rede sein, denn, wie gesagt, war Homosexualität in der Welt, in der das Christentum entstand, übliche Praxis (zusammen mit Gladiatorenkämpfen, Kreuzigungen und Sklaverei...). Was heute anders ist, ist die Einstellung mancher Hirten und vieler die sich Christen nennen, zum Wort Gottes... inwiefern es noch gilt und was das für Folgen hat für unser moralisches Urteilsvermögen. Ich werde letztere Frage in einem kommenden Beitrag vertiefen (hier).
»Homosexuelle Menschen sind zur Keuschheit gerufen [wie alle anderen Menschen auch]. Durch die Tugenden der Selbstbeherrschung, die zur inneren Freiheit erziehen, können und sollen sie sich – vielleicht auch mit Hilfe einer selbstlosen Freundschaft –, durch das Gebet und die sakramentale Gnade Schritt um Schritt, aber entschieden der christlichen Vollkommenheit annähern.« (KKK 2359)


PS. Was das nunmehr in den USA eingeführte so genannte "Menschenrecht" auf gleichgeschlechtliche Ehen betrifft, nur eine kurze Notiz: Als Katholiken leben wir schon seit Langem in einer Umwelt, in der es viele Lebensverhältnisse gibt, die - staatlicherseits oder von der veröffentlichten Meinung - als "Ehe" betrachtet werden, von denen wir aber wissen, dass sie keine sind. (Oder wie sollte man das sonst bewerten, dass Zweit- und Drittehen inzwischen völlig "normal" sind?) Schon heute müssen Katholiken ihren Begriff von Ehe samantisch von dem der Mehrheit der Gesellschaft abgrenzen. Insofern wird die in absehbarer Zeit auch hierzulande kommende "Homo-Ehe" wenig Neues bringen. Und wer mit dieser Entwickklung nicht schon seit geraumer Zeit gerechnet hat, der lebt wohl in einem Schneckenhaus... natürlich musste das kommen und natürlich wird das auch bei uns bald aktuell. Eine Ablehnung seitens des Staates ist heute nicht mehr haltbar. Machen wir uns nichts vor: Gesetzesentwürfe zu Geschwisterehe (in Zeiten von ubiquitärer Verhütung und Abtreibung fällt der biologische Grund für ein Inzestverbot faktisch weg) und Vielehe ("wo Menschen Verantwortung füreinander übernehmen") sind auch schon in vielen Schubladen auf stand-by.

Früher wollten die jungen Wilden die Ehe abschaffen, heute fordern sie "für alle" die Ehe. Freilich ist das Ergebnis dieser jeweiligen Bestrebungen das Gleiche: Eine faktische Egalisierung ist nur eben ein viel effizienterer Weg zu ihrer Zerstörung als die Agitation gegen sie... damit lässt sich Mehrheit (freilich nicht: Wahrheit) herstellen...
Alles was Menschen an "Gesetzen" machen, kann auch von Menschen wieder rückgängig gemacht werden. Auch die Legalität der Abtreibung wurde in den USA einst höchstrichterlich beschlossen, aber inzwischen hat der Lebensschutz dort die Chance, der neue Mainstream zu werden!

Freitag, 17. Oktober 2014

Reue ohne Umkehr


»Wie schwer eine Sünde auch immer sein mag, wenn der Sünder mit dem festen Vorsatz sich zu bessern umkehrt, wird er barmherzig aufgenommen und losgesprochen. Aber Lossprechung ohne Umkehr – was ist das anderes als Barmherzigkeit „light“, also Laxismus? Genau das aber, „Lossprechung ohne Umkehr“, ist die innere Logik des Lösungsvorschlags von Kardinal Kasper.[*] Denn sein Weg zur Wiederzulassung der Betroffenen zu den Sakramenten durch die Zulassung zur und Absolution in der Beichte spricht nur von der Reue, aber nicht von der Wandlung, der Umkehr. Letzteres würde das – wie auch immer geartete - Ablassen vom eingeschlagenen Weg einer ungültigen „Zweitehe“ bedeuten. Wenn aber zwar Reue, aber keine Umkehr, dann auch keine Lossprechung, alles andere kann wohl nur verstanden werden als Missbrauch oder Umdeutung des Sakramentes der Buße.  
Es ist ja wohl auch unsinnig zu sagen: „Ich bereue den Bruch meiner sakramentalen unauflöslichen Ehe und das Eingehen meiner zweiten ‚Ehe‘“, zugleich aber einen bewussten Willensakt zu setzen: „Ich will den damit eingeschlagenen Weg der Abkehr vom legitimen Ehepartner in der neuen „Ehe“ fortsetzen.“ Was man „will“, kann man nicht zugleich glaubwürdig bereuen. Was würde auch ein „neuer Lebenspartner“ zu dem Bekenntnis sagen: „Ich bereue, Dich geheiratet zu haben“? Die solches tun, suchen im Grunde nicht Barmherzigkeit, sondern sie wollen die Rechtfertigung ihres Tuns durch die Änderung der dem entgegenstehenden Norm. Die Kirche sagt: „Der Vergebung muss die Änderung des Lebens, die Umkehr vorausgehen“, während im anderen Fall „Vergebung ohne Änderung des Lebens“ angezielt wird. Das aber dreht die Struktur der Beichte um 180 Grad. Die zivile Zweitehe wäre keine Sünde mehr - logischerweise würde damit die Unauflöslichkeit der sakramentalen Ehe aufgegeben. Denn Reue und Umkehr kann in diesem Fall nur bedeuten, zur ersten Ehe zurückzukehren; niemand kann ernsthaft sagen „Ich bereue, aber ich will in dem Zustand bleiben, den die Tat hervorgerufen hat, die ich bereue“.
Wenn Barmherzigkeit etwas anderes bedeuten würde als die liebevolle Zuwendung und Antwort auf die Umkehr, dann wäre Ehebruch (denn so nennt Christus selbst die neue Verbindung) die einzige Sünde, die ohne Reue und Umkehr vergeben werden könnte. Barmherzigkeit kann in keiner Weise eine angeblich „barmherzige“ Rechtfertigung einer offenkundigen Ungerechtigkeit bedeuten. Denn dann wäre sie eine Täuschung des Menschen, die es ihm erlauben würde, in der Sünde zu verharren. Eine Kommunionzulassung auf dieser Basis wäre das Symbol für eine solche „Rechtfertigung“. Bekanntlich gehört gemäß einer langen Tradition der Kirche die Belehrung von Unwissenden und Irrenden zu den Werken der Barmherzigkeit.
[*] Vgl. S. 65 f. Die Argumentation des Autors erscheint zuweilen in sich widersprüchlich. So sagt er z. B. an anderer Stelle auch, dass „die Barmherzigkeit Gottes…nicht von der Umkehr dispensiert“ (S. 65). Oder: „Deshalb kann unsere Position nicht die einer liberalen Anpassung an den Status quo sein“ (S. 11). Aber wenn er z. B. die Tür der „wilden Lösungen“ (i.e. der willkürlichen Zulassung zur Kommunion) „in vielen Gemeinden längst sperrangelweit offenstehen“ sieht und er dem begegnen will, indem „man eine verantwortliche offizielle Tür öffnet“ (so in der „Tagespost“ vom 15. 4. 2014 in seiner Entgegnung auf unsere Besprechung seines Buches ebd. vom 11. 3.), dann ist das doch genau die Anpassung an den Status quo. - Oder wenn er auf der einen Seite für die Lösung der behandelten Fragen „eine Kasuistik nicht möglich und nicht wünschenswert“ hält (S. 92), auf der anderen Seite aber dann ein Vorgehen vorschlägt, das einen klassischen Fall von Kasuistik darstellt (S. 65f). Vgl. auch seine dies bestätigende Aussage, dass er „Einzelfallentscheidungen … zu bedenken gegeben habe“ (in seinem Interview „Nicht mit dem Papst selbst gesprochen“, in: „Die Tagespost“ vom 1. 3. 2014, S. 5).«

(Norbert und Renate Martin, "Dulden, was an sich unmöglich ist" - Kritische Anfragen an Walter Kaspers Buch "Das Evangelium von der Familie", Forum Katholische Theologie 2014,3, 186-201, 193-4. Hier als PDF verfügbar: KLICK)

Freitag, 6. Juni 2014

Zeitenwende

In Zeiten, in denen die kirchensteuerfinanzierte "katholische" Jugendarbeit ihre Anstrengungen primär darauf fokussiert, sich von der katholischen Kirche möglichst weit abzusetzen (die Forderung der KjG nach frei zugänglicher Abtreibung ist nur Symptom, siehe hier) ist es schwer vorstellbar, dass es auch anders geht.

Der neue Bischof von Passau, Stefan Oster, hat viel Erfahrung und viel Erfolg in der Jugendarbeit vorzuweisen. Allerdings nicht im Bereich von BDKJ und KjG.
Und ausgerechnet dieser nunmehrige Bischof erdreistet sich jetzt (man höre hier), am Katholikentag die katholische Sexualmoral nicht nur zu verteidigen und zu empfehlen (inklusive "kein Sex vor der Ehe"), sondern sie sogar zum Kriterium der Glaubwürdigkeit zu machen.
Dieser selbe Bischof stellt auch fest, dass es keine Priesterweihe für Frauen geben kann.
Dieser selbe Bischof provoziert schließlich auch noch, indem er den Zölibat regelrecht als einen solchen Stein des Anstoßes charakterisiert, an dem sich unser christliches Gottesbild messen lässt.
 
"Hat er denn gar nichts aus seiner Jugendarbeit gelernt?" hört man die BDKJ'ler und KjG'ler rufen...
Oder eben gerade doch?
Wäre ich Kirchenfunktionär, würde ich spätestens jetzt ins Grübeln kommen.

Gestern war das Fest des "Apostels der Deutschen", Bonifatius. Die liturgischen Texte des Tages haben alle eine recht deutliche Richtung, die frappierend an die Baumfällaktion des Heiligen erinnert... Da ist wieder und wieder von Umkehr die Rede, davon, den eigenen Lebenswandel zu ändern und gegen den Strom zu schwimmen.
Was Stefan Oster mit seinen Äußerungen getan hat ist nichts weiter als die konsequente Weiterführung des bonifazischen Erbes: Er haut die heiligen Eichen der Welt um. Sex für alle, immer, mit jedem, auf jede Weise, ohne Konsequenzen - das ist eine solche Eiche.

Seit Jahrzehnten ist ein großer Teil des Kirchenapparates damit beschäftigt, die Eichen dieser Welt zu düngen, zu pflegen und zu schützen... Es tut verdammt gut zu sehen und zu hören, dass nun wieder die Äxte gezückt werden... Es wird höchste Zeit!

Samstag, 24. Mai 2014

Dürftige Theologie - 11 - Lebensänderung


Bitte die Einführung (hier) beachten!

»Meine persönliche Erfahrung ist, die Begegnung mit Christus, die wirklich möglich ist, verändert ein Leben und verändert die Perspektiven und damit auch die Grundüberzeugungen. Bei den Debatten, die wir zum Beispiel über Sexualmoral haben, bleibt dieser Aspekt realer Lebensveränderungen aber meist außen vor. Und ohne diesen Aspekt geht es eigentlich immer nur um den Vergleich von Normen, und darum, ob irgendetwas zeitgemäß ist oder nicht. Aber es geht nicht mehr um die eigentliche Frage, ob nicht so etwas wie echte Bekehrung auch den Blick verändern kann und wird - auf alle Bereiche menschlichen Zusammenlebens, einschließlich der Sexualität.« (Quelle)
So der neue Passauer Bischof Stefan Oster in einem Interview im Vorfeld seiner Weihe.

Was in all den Debatten heute fehlt, ist das Bewusstsein um das Wesentliche: Die immer wieder notwendige Umkehr zu Gott.

Hat ein Priester Probleme mit dem Zölibat, muss dieser abgeschafft werden.
Begeht jemand Ehebruch, soll die Kirche es gutheißenn.
Hat man vorehelischen Sex, soll die Kirche ihr placet gebenn.
Bastelt man sich ein eigenes Hochgebet, muss das doch "ok" sein.
Zelebriert man eine "hl. Messe" ohne Priester, soll die Kirche dieses "Laienengagement" anerkennen.
usw. usf.
...
Nicht mehr das Gebot ist Maßstab des Handelns, sondern das eigene Handeln wird zum Maßstab des Gebotes 2.0 erhoben. 

Egal worum es geht, in all den Debatten die heutzutage schwelen ist der Tenor klar: Man tut etwas, das gegen die Regeln Gottes und seiner Kirche verstößt und verlangt entsprechende Änderungen dieser Regeln, damit man sich wohl bei dem fühlen kann, was man tut. Nie, wirklich niemals, wird dabei auch nur in Erwägung gezogen, dass man sich im Unrecht befinden könnte, auf dem Holzweg, im Abseits. Folgerichtig kommt denn der Gedanke an eine Umkehr auch nicht auf... also jene für einen Christern eigentlich wesensmäßige Bewegung, ohne die er alles mögliche sein kann, bloß kein Christ.
Dass Gottes Gebot normatiov gilt und man sein Leben danach auszurichten hat, dementsprechend also an seinem eigenen Tun und Lassen hin und wieder eine Kurskorrektur vornehmen muss, das geriet völlig aus dem Blick.

Als Johannes Hartl heute den Link zu jenem Interview auf facebook teilte, schrieb er dazu: "So mutig ist, was er schon vorab sagt:"... und Johannes hat recht! Die Möglichkeit oder gar Notwendigkeit einer Änderung des eigenen Tuns anzusprechen, bedarf heutzutage Mut! Leider mehr als man denkt...

Zwar bemüht man in Theologenkreisen für die Forderung nach der "Kirche" als Erfüllungsgehilfin der eigenen Wünsche gerne auch biblische Bilder, aber dabei kann man dann immer wieder jenes interessante Phänomen beobachten, das ich vorzugsweise als eine "Blindheit auf dem rechten Auge" bezeichne, weil komischerweise immer wieder einschlägige Halbverse aus der Bibel zitiert werden, aber nicht der Rest vom Vers (wir lesen ja von Links nach Rechts...) bzw. was darauf folgt. Etwa wenn Jesus aus Joh 8,11 zitiert wird mit "Auch ich verurteile dich nicht.", aber der Schluss des Verses "Geh und sündige von jetzt an nicht mehr!" unterschlagen wird. Oder wenn die Rede davon ist, den "verlorenen Schafen" nachzugehen, und man es tunlichst vermeidet zu erwähnen, dass der Sinn dieses Nachgehens einzig darin besteht, das verlorene Schaf wieder heim zu holen und eben gerade nicht darin, es auf seinem (Irr)Weg zu begleiten oder gar dazu zu ermutigen (vgl. hier)!

Kardinal Kasper scheint der Meinung zu sein, ein Ehebrecher könne zur Beichte gehen und danach einfach genau so weitermachen wie vorher. Und er nennt dies "Versöhnung" (vgl. hier). Finde den Fehler.
Versöhnung setzt immer auch Umkehr voraus!
Barmherzeighkeit bedeutet nicht, jemanden wie gehabt gewähren zu lassen! Hier ist vielmehr eine Hilfe zur Änderung intendiert.

Das liebste Brechmittel vieler Moraltheologen in diesen Tagen ist die Phrase von der "Versöhnung mit der eigenen Lebensgeschichte". Das hat nichts mit Versöhnung zutun, weil das Bezeichnete ein bloß intrinsischer Prozess ist, er dringt überhaupt nicht nach außen, erst recht nicht in Richtung Gottes oder seiner Kirche. Diese Phrase bedeutet im grunde nicht viel mehr als "sich mit dem abfinden/anfreunden, wie es ist", und ist somit das genaue Gegenteil von dem, was eigentlich die Pflicht jedes Christen ist.
Das Ziel des Christen ist die ewige Gemeinschaft mit Gott im Himmel. Dieses Ziel erreicht man nicht durch nichtstun, durch Zufriedenheit mit dem, was man tut oder wie man ist. Der Weg zu Gott verlangt Anstregung, Verzicht, Demut, Metanoia.

Schaut man sich die seit Jahrzehnten übliche Verkündigung an, oder tut man sich eine ganz normale Vorlesung der Moraltheologie an, ist man versucht zu glauben, es sei inzwischen fast unmöglich, überhaupt noch zu sündigen oder gar der Verdammnis anheim zu fallen. Kein Wunder, dass niemand mehr beichten geht. Alles lässt sich irgendwie rechtfertigen und umbiegen und am Ende verzeiht Gott sowieso alles, no questions asked.
Es herrscht offenbar nicht nur ein gewisser "Protestantismus" vor, bei dem "allein der Glaube" zur Seligkeit genügt, und die Werke egal sind. Es ist ein mutierter Protestantismus, dem man huldigt, denn es gilt: "sola opinio fidei", also "nur die Meinung des Glaubens": Ich bin der Meinung, dass ich glaube, also bin ich erlöst. Ob ich wirklich (den Glauben der Kirche) glaube, ist egal... und meine Werke sowieso.

Jesus sagt: "Wer mein Jünger sein will, der verleugne sich selbst, nehme sein Kreuz auf sich und folge mir nach." (Mk 8,34)
In den letzten Monaten habe ich mehrmals aus bischöflichem Mund gehört, dieser "harte Weg" sei nur etwas für einige wenige "Heroen", nicht aber für "die Masse" der Christen. Daher könne man dies oder jenes (z.B. Enthaltsamkeit in einer zweiten zivilen Verbindung in Treue zum sakramental angetrauten Partner und dem Gebot des Herrn) nicht von allen verlangen. Nichts könnte falscher sein! Der Weg der Heiligkeit ist für jeden der einzige Weg! Ob es immer gelingt ist eine andere Frage, aber die Forderung ergeht an jeden und das Bemühen darum bleibt niemandem erspart.
Diesmal scheint die Blindheit auf dem linken Auge zu liegen, denn eingeleitet wird jenes Jesuswort so: "Er rief die Volksmenge und seine Jünger zu sich und sagte:..." Offenbar richtet er sich nicht nur an die "Auserwählten", seine Jünger (vgl. Mt 16,24).

Walter Kasper betont in seinem "Evangelium von der Familie" sehr stark, dass es nicht sein könne, dass es eine Ausweglose Situation gebe, so unmöglich es auch ist, diese Situation zu "akzeptieren" (vgl. hier)... aber was der Kardinal zu legitimieren sucht, wenn er den Kommunionempfang (unter welchen Bedingungen auch immer, vgl. hier) erlauben will, ist letztlich ein bequemer Weg raus (der aber nicht wirklich raus führt)! Aber Kasper irrt (oder schweigt absichtlich), denn: Einen Ausweg gibt es auch in dem von ihm behandelten Extremfall bereits! Wenn nämlich die in ziviler Zweitehe Lebenden "wie Bruder und Schwester" zusammenleben, also nicht mit einander sexuell verkehren, begeghen sie nach geltendem Recht keinen Ehebruch und sind folglich auch nicht von den Sakramenten ausgeschlossen. (Gerade die Situation einer "Zweitehe" ist nunmal eine solche, in die man sich selbst begiebt, für die man selbst verantwortlich ist, niemand heiratet aus Versehen ein zweites Mal. Unser Problem ist, dass seit Jahrzehnten den Leuten, etwa in der Ehevorbereitung, nicht deutlich genug vermittelt wurde, was die Konsequenzen solcher Handlungen sind. Gerade deshalb muss an der Disziplin festgehalten werden, denn ein Defizit der Verkündiger darf nicht zur Auflösung der zu verkündigenden Inhalte führen, sondern diese müssen eben wieder neu eingeschärft werden! Auch das ist unbequem.)
Das ist nicht leicht, gewiss... eine Zumutung gar für heutige Ohren und Gemüter. Aber es ist ein Ausweg und er steht jedem offen! Und wenn man den nicht wählt, dann bleibt einem eben nur noch jener andere nicht minder schwere Weg des Verzichts auf die Kommunion...

Die unbequeme Wahrheit ist, dass es nicht immer möglich ist, einen bequemen Ausweg aus einer Situation zu finden. Manchmal manövrieren wir Menschen uns in eine Situation, aus der nur ein wahrhaftiger "Kreuzweg" herausführt. Das mag uns nicht gefallern, ist aber nun einmal so. Es ist nie leicht, etwas zu ändern, am schwersten ist es, sich selbst zu ändern. Aber ohne geht es nicht!

»Angesichts des Erbarmens Gottes ermahne ich euch, meine Brüder, euch selbst als lebendiges und heiliges Opfer darzubringen, das Gott gefällt; das ist für euch der wahre und angemessene Gottesdienst. Gleicht euch nicht dieser Welt an, sondern wandelt euch und erneuert euer Denken, damit ihr prüfen und erkennen könnt, was der Wille Gottes ist: was ihm gefällt, was gut und vollkommen ist.« (Röm 12,1-2)

Die christliche Hoffnung richtet sich letztlich auf das Jenseits. Auch diese Perspektive fehlt in den Debatten völlig.  Es ist uns nicht vergönnt, hier auf Erden alle Bequemlichkeit und Sorglosigkeit zu haben (wäre dem so, gäbe es keinerlei Notwendigkeit für irgendwelche "Opfer" im paulinischen Sinn). Letztlich gilt Jesu Verheißung aber auch genau jenen, die in einer solch schwerwiegenden und schwierigen Lage sind, aus der es keinen einfachen Ausweg gibt.
»Selig sind, die da Leid tragen; denn sie sollen getröstet werden... Und er wird jede Träne von ihren Augen abwischen, und der Tod wird nicht mehr sein, noch Trauer noch Geschrei noch Schmerz wird mehr sein...« (Mt 5,4; Offb 21,4)