Samstag, 31. Dezember 2022
Sonntag, 18. Juli 2021
Traditionis custodes
zu Deutsch: "Wächter des Verrats"?
Darum - so spricht der Herr, der Gott Israels, über die Hirten, die mein Volk weiden: Ihr habt meine Schafe zerstreut und versprengt und habt euch nicht um sie gekümmert. Jetzt ziehe ich euch zur Rechenschaft wegen eurer bösen Taten - Spruch des Herrn.
Ich selbst aber sammle den Rest meiner Schafe aus allen Ländern, wohin ich sie versprengt habe. Ich bringe sie zurück auf ihre Weide; sie sollen fruchtbar sein und sich vermehren.
Ich werde für sie Hirten bestellen, die sie weiden, und sie werden sich nicht mehr fürchten und ängstigen und nicht mehr verlorengehen - Spruch des Herrn.
Seht, es kommen Tage - Spruch des Herrn -, da werde ich für David einen gerechten Spross erwecken. Er wird als König herrschen und weise handeln, für Recht und Gerechtigkeit wird er sorgen im Land.
In seinen Tagen wird Juda gerettet werden, Israel kann in Sicherheit wohnen. Man wird ihm den Namen geben: Der Herr ist unsere Gerechtigkeit.
Donnerstag, 8. April 2021
Franziskus an die deutschen Katholiken 3
Siehe Teil 1 und Teil 2 dieser kleinen Serie: hier und hier.
Anbetung ist, noch vor Lobpreiskonzerten und eucharistischer Anbetung, ein Grundzug christlicher Lebensgestaltung, der Reife und Übung im geistlichen Leben erfordert. Im Kern geht es gleichermaßen um Staunen und Gehorsam, in einem Wort: Unterwerfung unter den Thron Gottes – nicht wir bestimmen, sondern der Herr. Ist dies nicht gegeben, dann fällt der Mensch ins Gegenteil, nämlich indem er sich selbst, menschliche Erkenntnis oder irgendwelche anderen Götzen anbetet - selbst wenn er behauptet, dies nicht zu tun. Am Hochfest der Erscheinung des Herrn dieses Jahres hat Papst Franziskus das schön ins Wort gebracht:
»Die Anbetung erfordert eine gewisse geistliche Reife, man gelangt an dieses Ziel nach einer inneren, manchmal langen Reise. Die Haltung der Anbetung entsteht nicht einfach so in uns. Ja, der Mensch braucht Anbetung, aber er läuft dabei Gefahr, dass sie auf das Falsche gerichtet ist. Wenn er nämlich nicht Gott anbetet, wird er Götzen anbeten – es gibt keinen Mittelweg: entweder Gott oder die Götzen; oder um es mit den Worten eines französischen Schriftstellers zu sagen: „Wer Gott nicht anbetet, betet den Teufel an“ (Léon Bloy) –, und so wird er statt zu einem Gläubigen zu einem Götzendiener. Das ist so: entweder – oder.« (hier)
Der Papst will mit seinem Brief „an das pilgernde Volk Gottes in Deutschland“" aus dem Jahr 2019 (hier) das in den Fokus rücken, was man hierzulande seit einem halben Jahrhundert zu ignorieren trachtet, und was man erst in den letzten paar Jahren zögerlich, oft auch nur dem Begriff nach (aber dann ohne Inhalt), anzunehmen beginnt: Evangelisierung. Wir sollen unsere bürokratischen Lasten und ideologischen Scharmützel zugunsten der Freiheit des Evangeliums loswerden um frei zu sein, „frei zur Evangelisierung und zum Zeugnis“ (Nr. 12). Franziskus bringt diese prioritäre Ausrichtung des christlichen Tuns ausdrücklich (siehe Fußnote 43) in Verbindung mit dem, was Romano Guardini vor vielen Jahren als „Anbetung“ beschrieb.
Wie schon in den letzten beiden Teilen dieser Miniserie, meine ich, dass der Papst sehr bewusst eine kleine Auswahl vorzüglicher katholischer Literatur in seine Fußnoten gesetzt hat, um uns Orientierung zu bieten. Also schauen wir doch mal bei Guardini rein um genauer zu sehen, was uns Papst Franziskus sagen will. Wie schon bei den anderen Texten, auf die Franziskus uns in seinem Brief hinweist, so spricht auch Guardini hier sehr deutlich einige Dinge an, die passgenau auf aktuelle Reformbestrebungen in Deutschland anwendbar sind, weil dort genau der falsche Weg gegangen wird. Guardini (Hervorhebungen von mir):
»[D]er Mensch, der Gott anbetet, kann nie vollständig aus der Ordnung kommen. Wer – seiner innersten Gesinnung nach und auch, sobald es dafür zeit ist, wirklich, im lebendigen Akt – Gott anbetet, ist in der Wahrheit behütet. Er mag noch so vieles falsch machen; noch so sehr erschüttert werden und ratlos sein – im Letzten sind die Richtungen und Ordnungen seines Lebens sicher.
Wir tun gut, uns das ganz klar zu machen und danach zu handeln wirklich zu handeln; die Anbetung wirklich zu üben. Das ist kein Vorsatz unter anderen, so wie man etwa sagt: „ich will mein Wort halten“, oder „ich will meine Arbeit richtig tun“. Hier geht es um die Mitte und das Maß des Daseins. Davon, ob in unserem Leben die Anbetung ist, hängt irgendwie alles ab. So oft wir anbeten, geschieht etwas; in uns selbst und um uns her. Die Dinge werden richtig. Wir kommen in die Wahrheit. Der Blick schärft sich. So manches, was uns bedrückte, löst sich. Wir unterscheiden besser zwischen Wichtig und Unwichtig, zwischen Zweck und Mittel, Ziel und Weg. Wir sehen klarer, was gut und was böse ist. Die Verschleierungen, die das tägliche Leben bewirkt, die Verschiebungen und Verfälschungen der Maßstäbe werden wenigstens in etwa zurechtgerückt.
Es ist gesagt worden, wir müßten die Anbetung üben. Das ist wichtig. Nicht warten, bis es uns dazu drängt und sie mit Selbstverständlichkeit aus der Stunde hervorgeht. Das wird selten genug der Fall sein und, wenn wir uns darauf beschränken, immer seltener. Auch die religiösen Dinge müssen geübt werden, wenn sie gedeihen sollen. Gott verlangt die Anbetung, und unsere Seele braucht sie; so müssen wir sie als Pflicht und Dienst vollbringen.
Wenn möglich, wollen wir dazu niederknien. Das Knien ist die Anbetung des Leibes. Darin vollziehen wir die Haltung jener Gestalten mit, in denen sich die Anbetung der Erde ausdrückte, der vierundzwanzig Ältesten... Dann still werden; die Unrast des Körpers und der Seele weg tun; ruhig werden mit unserem ganzen Wesen. Im Augen blick der Anbetung sind wir nur für Gott da, für nichts sonst. Dieses Hinaustreten aus der Bedrängnis des Sorgens und Begehrens, des Wollens und Fürchtens ist selbst schon Anbetung und wirkt innere Wahrheit... Und nun sich sagen: „Gott ist hier. Ich bin vor ihm. So vor ihm, wie die Gestalten der Vision vor dem Throne. Ich sehe ihn nicht, denn alles ist ja noch irdisch und steht in der Verschlossenheit der Zeit; im Glauben weiß ich aber, daß er da ist. Er ist Gott, und ich bin Mensch. Er hat mich geschaffen. Ich bin durch ihn geworden, und in ihm habe ich mein Bestehen ...“ Und nun braucht wohl nicht weitergeschrieben zu werden. Nun muß der, den es angeht, Gott ins Angesicht schauen, seinem Gott, und ihm sagen, was sein Herz aus der Wahrheit des inneren Gegenüberstehens ihm ein gibt.
Dann wird er erfahren, wie groß die Wahrheit der Anbetung, und wie wohltätig sie ist. So manches, was ihn ängstigt, fällt ab. So manche Sorge wird gegenstandslos. Sein Wünschen und Fürchten ordnet sich. Er wird zuversichtlich und kräftig für das, was das Leben von ihm verlangt. Er fühlt sich im Innersten geborgen, und die Mitte seines Wesens gewinnt festen Stand in Gottes Wahrheit. Von da aus tritt er dann wieder in sein Leben hinaus, fähig, in den Erprobungen, die es ihm auferlegt, zu bestehen.
Die Anbetung Gottes mitten in der Verschlossenheit der Zeit hat eine besondere Schönheit. Sie eilt der kommenden Offenheit voraus. Wo immer ein Mensch anbetet, dringt die neue Schöpfung durch. Ist es nicht wunderbar, das zu vermögen? Und ist nicht auch das wunderbar, sich sagen zu dürfen, daß man Gott die Ehre gibt, während er sich selbst in den Schein der Schwachheit bescheidet? Daß man ihm der um der Wahrheit willen es auf sich nimmt, vom Willen des Menschen entehrt zu werden, die Treue hält und bekennt, auch jetzt sei er „würdig, zu empfangen den Ruhm und die Ehre und die Macht“? Es ist vielleicht das Größte, was der Mensch empfinden kann, zu wissen, daß er, der Vergängliche und in der irdischen Wirrnis Verfangene, dem sich bescheidenden Gott gibt, was ihm gebührt. Daß er diesem Gott in seinem Herzen den Thron auf richtet und so für seinen Teil die Dinge richtigstellt.« (Guardini, Glaubenserkenntnis, Würzburg 1949, 14-16)
Welcher Kontrast zum suizidalen Weg, wo das Credo zu lauten scheint: „Dialogprozesse, Diskussionen und Abstimmungen sind geistliche Prozesse“ (vgl. hier). Das Gegenteil der Anbetung Gottes ist die Anbetung der Götzen, hier heißen sie Dialogprozess, Diskussion und Abstimmung.
Mittwoch, 13. Januar 2021
"Niedere Weihen" für Frauen?
Das hat für einen gewissen Unmut gesorgt, da man das als eine Etappe in der Salamitaktik hin zur Priesterweihe für Frauen wahrnehmen zu müssen meint, v.a. vor dem Hintergrund, dass Lektor und Akolyth früher als sog. "niedere Weihen" Vorstufen zum Priestertum bildeten.
Ich möchte an dieser Stelle gern die Panik etwas dämpfen, indem ich ein paar Punkte erläutere.
- "In den ältesten Zeiten wurden die niederen Kirchendienste vielfach von Laien besorgt, und es verging geraume Zeit, bis die verschiedenen Klassen laikaler Diener zu klerikalen Rangstufen sich entwickelten und erhoben wurden" (Nikolaus Gihr, Sakramentenlehre Bd. 2, Freiburg 1921, 235).
- "Zum Sacrament der Priesterweihe gehören jedenfalls die drei Ordines: Episkopat, Presbyterat und Diakonat, denn diese drei sind in der Heiligen Schrift genannt und wurden von den Aposteln durch Händeauflegung übertragen" (Paul Schanz, Die Lehre von den heiligen Sakramenten der katholischen Kirche, Freiburg 1893, 674; vgl. auch Oswald, Sakramentenlehre Bd. 2, Münster 1877, 320ff.). Die sog. "niederen Weihen" waren also keine sakramentalen Weihen, sondern es handelte sich, wie es Gihr (ebd.) ausdrückt, um Anordnungen der Kirche. In aller Deutlichkeit: Die niederen Weihen waren immer schon "bloß" Sakramentalien.
- In seinem Motu proprio Ministeria quaedam von 1972 ordnete Papst Paul VI. an: "Was bisher als 'niedere Weihen' bezeichnet wurde, soll in Zukunft die Bezeichnung Dienste erhalten [s.o., auch Gihr sprach schon von 'Kirchendiensten']" und: "Die Dienste können auch Laien übertragen werden, so dass sie nicht mehr den Kandidaten für das Weihesakrament vorbehalten bleiben."
- Papst Franziskus lässt in seinem Begleitbrief keinen Zweifel daran, dass die Kirche, wie dies Johannes Paul II. feststellte und was Franziskus hier ausdrücklich wiederholt, keine Berechtigung hat, Frauen zu Priestern zu weihen. Was er tut ist, er unterscheidet zwischen ordiniertem (sakramentalem) Amt und nicht-ordiniertem (nicht-sakramentalem) Dienst. Und diese Unterscheidung ist korrekt, sie war es auch schon vor dem Vaticanum II.
- Jene nicht-sakramentalen Dienste werden seit Jahrzehnten von Laien übernommen, wie dies auch in der frühen Kirche der Fall war. Die sakramentale Ordnung der Kirche ist davon unberührt.
- Die Änderung, die Franziskus nun für den CIC angeordnet hat, war eigentlich überfällig. Es geht ja letztlich nur um die Frage, ob auch Frauen dauerhaft zu jenen Diensten beauftragt werden können. Faktisch geschieht das schon vielerorts, es sorgte bloß für mehr Papierkram, dass die befristete Beauftragung regelmäßig "verlängert" werden musste.
- Faktisch wurde übrigens schon 1997 eine dauerhafte Beauftragung auch von Frauen zum Dienst des außerordentlichen Kommunionspenders ermöglicht. In der "Instruktion zu einigen Fragen über die Mitarbeit der Laien am Dienst der Priester", die von allen römischen Dikasterien (auch von Ratzinger) unterzeichnet wurde, heißt es: "Wenn Gründe echter Notwendigkeit es nahelegen, können Laien vom Bischof beauftragt werden, als außerordentliche Kommunionspender auch außerhalb der Eucharistiefeier die heilige Kommunion auszuteilen, 'ad actum vel ad tempus' oder auf Dauer; dazu ist der dafür vorgesehene liturgische Ritus anzuwenden." (Instr. Art 8 §1)
- Die Ironie dabei ist übrigens Folgendes: Da der Gegenstand der aktuellen Frage die Dauerhaftigkeit der Beauftragung von Laien zu diesen Diensten ist, wird eigentlich nochmal deutlicher, wie wenig das hier Behandelte mit den "niederen Weihen" von einst zu tun hat, denn diese waren gerade nicht "auf Dauer", sie waren seit vielen Jahrhunderten nur noch Durchgangsstufen ohne real existierende Funktion - es war durchaus üblich, dass ein und derselbe "Weihekandidat" mehrere dieser "niederen Weihen" in ein und der selben Feier nacheinander gespendet bekam.
- Die katholischen Stände waren übrigens nie nur schwarz/weiß, Laien/Kleriker. Klassischerweise gab (und gibt) es zwischen dem geweihten Amt (Diakone, Priester, Bischöfe) und den nicht-ordinierten Laien noch so manche "Zwischenstufe". Dazu zähl(t)en etwa die geweihten ("ordinierten") Jungfrauen, die Witwen, Bekenner und eben auch Lektoren (vgl. Martimort, Handbuch der Liturgiewissenschaft 2, Freiburg 1965, 11). Nie wurde das als eine Verwischung des Unterschieds zwischen Laien und Klerikern wahrgenommen, und auch Franziskus lässt an dieser Unterscheidung keinen Zweifel.
- Wer hier Salamitaktik unterstellt, muss m.E. diese selbe Motivation auch für die Entscheidungen von Paul VI. und Johannes Paul II. unterstellen. Wenn überhaupt, dann ist die aktuelle Entscheidung von Franziskus eine weitere überdeutliche Bestätigung dafür, dass Frauen nicht das Sakrament der Weihe empfangen können, da jetzt deutlicher wird, für welche Dienste keine Weihe erforderlich ist, bis wohin der "Laiendienst" reicht, und wo er seine Grenze hat.
Dienstag, 10. November 2020
Franziskus an die deutschen Katholiken 2
Im vergangenen Jahr hat der Münsteraner Dogmatiker Michael Seewald ein Buch von Karl Rahner aus dem 70er Jahren mit einer Einleitung neu herausgebracht: "Strukturwandel der Kirche als Aufgabe und Chance". Trotz mancher hilfreicher Passagen ist das Buch insgesamt so eine Art Wunschliste progressiver Kirchenreformer, die viele theologische Mängel aufweist. Besonders fragwürdig finde ich es, dass der Autor zumeist recht gehoben theologisierend daherkommt, wenn es um Liberalisierungen und Abschaffungen geht, er aber immer dann, wenn er scheinbar die Integrität der katholischen Kirche als solcher zu wahren versucht, in individualistisches, emotionales Lallen verfällt. Beispiel: Nach Rahner dürfte es durchaus auch in Zukunft ein Lehramt geben (wie gnädig) das "Weisungen" gibt, aber, so Rahner weiter, dabei müsse "natürlich alles Kleinkarierte und Gouvernantenhafte vermieden werden". Damit ist aber das Lehramt, trotz aller gegenteiligen Beteuerung, faktisch doch entsorgt: Denn welche Äußerungen des Lehramts dieses Kriterium erfüllen, fällt ganz in das Ermessen des jeweiligen Hörers, dem freilich alles das gerne als kleinkariert und guvernantenhaft erscheint, womit er selbst nicht einverstanden ist. Die Reaktionen etwa auf die jüngste Instruktion aus Rom über die Rolle des Pfarrers in der Pfarrei belegen das hinlänglich.
Papst Franziskus zitiert in seinem Brief an das pilgernde Volk Gottes in Deutschland dieses Buch nicht, dafür aber ein anderes, das thematisch in die gleiche Sparte fällt, das man hierzulande aber eher ignoriert (und ganz selten mal selektiv instrumentalisiert): In Abschnitt 3 zitiert er den französischen Theologen Yves Congar aus seinem nicht unbedeutenden Werk "Vraie et fausse réforme dans l'Eglise" ("Wahre und Falsche Reform in der Kirche") aus dem Jahr 1950. Es wurde übrigens bisher vermutlich ganz bewusst nicht ins Deutsche übersetzt: Eigentlich bietet es, trotz mancher Mängel und Zeitgebundenheiten, einen essentiellen Schlüssel für das, was Johannes XXIII. mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil beabsichtigte; hätte man es jedoch ins Deutsche übersetzt, hätte man sich eingestehen müssen, dass der von der deutschsprachigen Theologie so heiß geliebten "Geist des Konzils" damit nicht vereinbar ist. Schon die Würzburger Synode besteht den Abgleich mit den von Congar gegebenen Prinzipien nicht. (Franziskus zitiert laut Fußnote aus der italienischen Fassung, was das Zitat in diesem deutschsprachigen Brief zur Übersetzung einer Übersetzung macht...). Angeblich eines der Lieblingsbücher von Papst Johannes XXIII., und auch Papst Franziskus wurde schon in der Vergangenheit nachgesagt, dieses Buch sehr zu schätzen. (Es wird leider auch zuweilen durch selektive Lektüre instrumentalisiert...) Das Zitat ist etwas merkwürdig, da es auf den ersten Blick eigentlich nichts sonderlich wichtiges aussagt, weshalb man sich fragen könnte, warum es überhaupt zitiert wurde. Im Zusammenhang:
»Die aktuellen Herausforderungen sowie die Antworten, die wir geben, verlangen im Blick auf die Entwicklung eines gesunden aggiornamento "einen langen Reifungsprozess und die Zusammenarbeit eines ganzen Volkes über Jahre hinweg". Dies regt das Entstehen und Fortführen von Prozessen an, die uns als Volk Gottes aufbauen, statt nach unmittelbaren Ergebnissen mit voreiligen und medialen Folgen zu suchen, die flüchtig sind wegen mangelnder Vertiefung und Reifung oder weil sie nicht der Berufung entsprechen, die uns gegeben ist.«
Zunächst finde ich nicht das Zitat an sich interessant, sondern die Tatsache dass der Papst ausgerechnet dieses Buch zitiert. Wie schon in Teil 1 dieser kleinen Serie darf man die Tatsache, dass Franziskus hier ausgerechnet dieses Buch zitiert, durchaus als einen stillen Hinweis betrachten, den ich mal so ausformulieren möchte: Lest mal, was in diesem Buch drinsteht!
Ich selbst habe das Buch nur in einer (um den Abschnitt über die protestantische Reformation gekürzten) englischen Übersetzung vorliegen. Es ist wirklich lesenswert, denn dabei fällt einem auf, was wir hier in Deutschland bei unseren Kirchenreformen und -reförmchen seit Jahrzehnten so alles falsch machen. Ohne ins Detail zu gehen, kann man wohl sagen: Nahezu alles.
Und an diesem Punkt finde ich das kurze Zitat von Franziskus nun doch sehr sinnvoll, denn im Grunde ist es eine äußerst knappe Zusammenfassung einiger wesentlicher Punkte aus Congars Buch: Reformen müssen immer in und mit der Gemeinschaft der ganzen Kirche (inkl. Papst) geschehen, und sie dürfen nicht überstürzt werden sondern müssen gewissermaßen organisch wachsen. Congar warnt unermüdlich vor einem Schisma und was er als Ursachen für diese Gefahr ausmacht (100 Seiten des Buches behandeln "Bedingungen für eine authentische Reform ohne Schisma"), trifft leider auf das meiste zu, was hier in Deutschland abläuft. Congar hätte den suizidalen Weg vermutlich als offenkundig schismatische Veranstaltung abgelehnt.
Das rahnersche Buch sollte man getrost vergessen. Wer kann, sollte sich aber mal bei Congar erkundigen, wie Reform geht - und wie nicht. Meine Meinung. Und wohl auch die von Franziskus.
Montag, 19. Oktober 2020
Franziskus an die deutschen Katholiken 1
Eigentlich wollte ich schon im letzten Jahr, kurz nachdem Papst Franziskus seinen Brief an die deutsche Katholiken schrieb, diesen hier in einer kleinen Reihe aufdröseln (Teil 2: hier; Teil 3: hier). Erst jetzt komme ich dazu... Das ganze geschieht allerdings ungeordnet und Schlaglichtartig.
Zum Ersten.
Aus dem 2. Johannesbrief, Verse 8 bis 10:
»Achtet auf euch, damit ihr nicht preisgebt, was wir erarbeitet haben, sondern damit ihr den vollen Lohn empfangt! Jeder, der darüber hinausgeht und nicht in der Lehre Christi bleibt, hat Gott nicht. Wer aber in der Lehre bleibt, hat den Vater und den Sohn. Wenn jemand zu euch kommt und nicht diese Lehre mitbringt, dann nehmt ihn nicht in euer Haus auf, sondern verweigert ihm den Gruß!«
Der Sinn des Textes ist nicht schwer zu erschließen. Die Christen sollen sich vor falschen Lehrern hüten, insbesondere vor solchen, die sich selbst als die „Fortschrittlichen“ sehen. Sehr schön hat Adolf Schlatter den 9. Vers vor gut hundert Jahren ausgelegt:
»Der Beruf und die Art des rechten Jüngers ist, dass er seinem Herrn nachfolgt. Des Herrn Sache ist es vorauszugehen; der Jünger dagegen geht ihm nach, folgt seiner Weisung, hält sich an sein Wort und macht den Weg des Meisters zum seinigen. Die stolzen Geister gehen aber ihren eigenen Weg, laufen ohne seine Führung nach den Gedanken ihres eigenen Herzens voran und sind stark und weise, um sich selbst zu führen und sich selbst zu Gott emporzuschwingen. Darum missachten sie auch den Unterricht Jesu, durch den er seinen Jüngern zeigte, was er als Sünde richtete und worin er den guten Willen Gottes erkannte, und tun ungescheut, was er verwarf, machen dagegen auch aus solchem, was er rein hieß, eine Sünde. Wer sich aber einen anderen Weg wählt als den, den die Worte Jesu der Kirche zeigen, der trennt sich nicht nur von Christus sondern zugleich von Gott.«
Auch Joseph Ratzinger hat vor inzwischen 45 Jahren auf diese Passage aufmerksam gemacht, als er über das Wirken des Geistes in der Kirche sprach, und was gegen dieses Wirken steht:
»Das trinitarische Geheimnis übersetzt sich in der Welt in ein Kreuzesgeheimnis: Dort ist die Fruchtbarkeit, aus der der Heilige Geist kommt. […] Die großen Häupter der Gnosis wurden eben dadurch interessant, dass sie im eigenen Namen sprachen, sich einen Namen machten. Sie wirkten dadurch erregend, dass sie Neues und anderes über das Wort hinaus zu sagen hatten - etwa dies, dass Jesus in Wirklichkeit gar nicht gestorben sei, sondern mit seinen Jüngern tanzte, während die Menschen meinten, er hinge am Kreuz. Gegen solche gnostischen Neuigkeiten, gegen solches Reden im eigenen Namen stellt das vierte Evangelium bewusst den kirchlichen Plural – das Hineinverschwinden des Redenden ins kirchliche Wir, das in Wahrheit dem Menschen erst sein Gesicht gibt und ihn vor dem Zerfall ins Nichtige bewahrt. Auch in den Johannesbriefen ist dasselbe Muster eingehalten: Der Verfasser heißt nur schlicht ‚der Alte‘; sein Gegenspieler ist der ‚Proagon‘ – der ‚Vorwärtsführende‘ (2 Joh 9). Das ganze Johannes-Evangelium will (ebenso wie die Briefe) nichts anderes als ein Akt des Erinnerns sein und ist darin das pneumatische Evangelium. Gerade so, indem es nicht neue Systeme ersinnt, sondern erinnert, ist es fruchtbar, neu, tief. Das Wesen des Heiligen Geistes als Einheit von Vater und Sohn ist die Selbstlosigkeit des Erinnerns, die die wahre Erneuerung ist. Pneumatische Kirche ist Kirche, die im Erinnern tiefer versteht, tiefer hineinschreitet in das Wort und so lebendiger und reicher wird. Ware Selbstlosigkeit, Wegführen von sich selbst ins Ganze, das ist demnach die Marke des Geistes als Abbildung seines trinitarischen Wesens.« (aus: Der Gott Jesu Christi, 91f.)
Jeder sei eingeladen, (noch einmal) den letzten Absatz von Abschnitt 9 des Briefes von Papst Franziskus „an das pilgernde Volk Gottes in Deutschland“ zu lesen (hier). Dort nimmt er nämlich teils Wort für Wort diesen Gedanken von Ratzinger auf (die Quellenangabe in der dortigen Fußnote ist jedoch falsch, meine stimmt).
Ich finde es bemerkenswert, dass Franziskus uns an zentraler Stelle ausgerechnet diesen dramatischen Gedanken Joseph Ratzingers in großer Ausführlichkeit ins Stammbuch schreibt: Nicht das Neue, sondern das Erinnern, nicht das „Ich“, sondern das „kirchliche Wir“ ist entscheidend. Leider ist diese Warnung/Mahnung bislang noch nicht zu den kirchlichen Entscheidungsträgern durchgedrungen... Zu sehr treffen die Beschreibung und die ihr entsprechende Warnung des Papstes vor dem falschen Weg ins Mark des deutschen Katholizismus, wie er in den kirchlichen Behörden, in den Vereinen und Gremien forciert wird... man will sich nicht erinnern und besteht auf dem Egotrip des Deutschkatholizismus.
Sonntag, 11. Oktober 2020
Anmerkungen zu "Fratelli tutti"...
Auf ein Wort über den Umgang von Papst Franziskus mit dem Heiligen Franz von Assisi, den er als das große Vorbild und sogar als die Motivation für die Abfassung von nunmehr zwei Enzykliken ins Feld führt.
Es wundert mich ein wenig, wie der Papst hier mit seinem Namensvetter umgeht, wenn er in Abschnitt 1 seiner Enzyklika schreibt: »'Fratelli tutti' schrieb der heilige Franz von Assisi und wandte sich damit an alle Brüder und Schwestern, um ihnen eine dem Evangelium gemäße Lebensweise darzulegen. Von seinen Ratschlägen möchte ich den einen herausgreifen, mit dem er zu einer Liebe einlädt, die alle politischen und räumlichen Grenzen übersteigt. Er nennt hier den Menschen selig, der den anderen, 'auch wenn er weit von ihm entfernt ist, genauso liebt und achtet, wie wenn er mit ihm zusammen wäre'. Mit diesen wenigen und einfachen Worten erklärte er das Wesentliche einer freundschaftlichen Offenheit, die es erlaubt, jeden Menschen jenseits des eigenen Umfeldes und jenseits des Ortes in der Welt, wo er geboren ist und wo er wohnt, anzuerkennen, wertzuschätzen und zu lieben.«
Nun hatte Franz von Assisi wohl kaum im Sinn, eine allgemeine Menschheitsregel aufzustellen, denn seine Ermahnungen "an alle Brüder" richten sich eben nur an die Brüder seines Ordens, und so klingt das Zitat im Kontext gleich viel weniger weltbewegend [im Folgenden eigene Übersetzungen aus dem Italienischen, die Quellen stehen in der Enzyklika]: »Selig der Knecht, der einen Bruder, wenn er weit von ihm entfernt ist, genau die gleiche Liebe und Ehrfurcht erweisen würde, als wenn er neben ihm wäre, und der nicht hinter seinem Rücken etwas sagen würde, was er nicht mit Liebe auch in seiner Gegenwart sagen könnte.«
Auf deutsch: Lästert nicht über eure Ordensbrüder! Mehr steht da nicht.
Jene Anrede "fratelli tutti", die der Papst zitiert, kommt von woanders her und sieht im Kontext übrigens so aus: »Schauen wir aufmerksam hin, wir Brüder allesamt, auf den guten Hirten, der, um Seine Schafe zu erretten, die Passion des Kreuzes erlitten hat. Die Schafe des Herrn sind Ihm nachgefolgt im Leiden und in der Verfolgung, in die Schmach und in den Hunger, in Krankheit und Anfechtung und in anderen Dingen, und sie haben für all dieses vom Herrn das ewige Leben erhalten. Daher ist es eine große Schande für uns Knechte Gottes, dass die Heiligen große Werke vollbracht haben und wir dagegen Ehre und Ruhm erhalten wollen, bloß indem wir davon erzählen [d.h. ohne es selbst zu tun].«
Das dritte und letzte Zitat, das der Papst den überlieferten Schriften des Franz von Assisi entnimmt, stammt nicht aus den "Ermahnungen" des Heiligen, sondern aus dessen erster (nicht bestätigten) "Regel", und der Papst baut er wie folgt in Abschnitt 3 seines Textes ein: »Franziskus ging zum Sultan, ohne die Schwierigkeiten und Gefahren einer solchen Begegnung zu verkennen. Er tat dies in der Einstellung, die er von seinen Jüngern verlangte, dass nämlich keiner seine Identität verleugne, der 'unter die Sarazenen und andere Ungläubige gehen will, […] und dass sie weder zanken noch streiten, sondern um Gottes Willen jeder menschlichen Kreatur untertan sind'. In diesem Zusammenhang war das eine ganz außergewöhnliche Aufforderung. Es berührt mich, wie Franziskus vor achthundert Jahren alle dazu einlud, jede Form von Aggression und Streit zu vermeiden und auch eine demütige und geschwisterliche 'Unterwerfung' zu üben, sogar denen gegenüber, die ihren Glauben nicht teilten.«
Hier verfälscht der Papst die Aussage von Franz von Assisi auf durchaus gravierende Weise. Die ganze Stelle (genau genommen sind es zwei) lautet mit Kontext so:
»Der Herr sagt: 'Siehe, ich sende euch wie Schafe mitten unter Wölfe; so seid nun klug wie die Schlangen und einfältig wie die Tauben.' Deshalb gehe jeder Bruder, der unter die Sarazenen und andere Ungläubige gehen will, [nur] mit der Erlaubnis seines Vorstehers. Der Vorsteher gibt ihnen dann die Erlaubnis und hindert sie nicht, wenn er sieht, dass sie für die Entsendung geeignet sind; in der Tat wird er dem Herrn [Jesus] Rechenschaft geben müssen, wenn er [d.i. der Vorsteher] in diesen wie in anderen Dingen ohne [geistliche] Unterscheidung vorgegangen ist.
Die Brüder, die unter die Ungläubigen gehen, können sich unter ihnen auf zweierlei Weisen geistlich verhalten. Eine Weise besteht darin, dass sie keine Streitereien oder Diskussionen anzetteln, sondern dass sie jedem menschlichen Geschöpf aus Liebe zu Gott untertan sind und bekennen, dass sie Christen sind. Die andere Weise besteht darin, dass sie, wenn sie sehen, dass es dem Herrn gefällt, das Wort Gottes verkünden, damit jene an Gott, den Allmächtigen, den Vater und den Sohn und den Heiligen Geist, den Schöpfer aller Dinge, und an den Sohn Erlöser und Retter glauben und sich taufen lassen und Christen werden, denn wenn jemand nicht durch das Wasser und den Heiligen Geist wiedergeboren wird, kann er nicht in das Reich Gottes eintreten.
Diese und andere Dinge, die dem Herrn gefallen, können sie ihnen [d.i. den Ungläubigen] und anderen sagen; denn der Herr sagt im Evangelium: 'Jeder nun, der sich vor den Menschen zu mir bekennen wird, zu dem werde auch ich mich bekennen vor meinem Vater, der in den Himmeln ist' und: 'wer sich meiner und meiner Worte schämt, dessen wird sich auch der Sohn des Menschen schämen, wenn er kommen wird in der Herrlichkeit seines Vaters mit den heiligen Engeln.'«
Franz von Assisi gesteht zwar die Möglichkeit zu, im Stillen zu wirken, ohne Anstoß zu erregen, was sicherlich klug ist, wenn man "unter den Wölfen" ist. Aber Franz von Assisi fordert auch in diesem Fall das Bekenntnis (was der Papst unterschlägt) und fordert generell sehr energisch zur Verkündigung und zum "Christenmachen" auf. Was der Papst hier sagen will, lässt sich mit dem Kontext, aus dem er das Zitat reißt (und kreativ neu zusammenschustert) kaum in Einklang bringen.
Mir scheinen alle Zitate sehr beliebig ausgewählt und aus dem Kontext gerissen. Dass man sich darüber mokiert, dass durch das »fratelli tutti« der Titel der Enzyklika nicht gendergerecht sei, kann ich insofern nachvollziehen, als es überhaupt keinen Grund gibt, hierfür Franz von Assisi zu zitieren... der Papst hätte genausogut (und wohl auch besser) einfach in eigenen Worten mit "Liebe Brüder und Schwestern" beginnen können und es hätte dem Text nichts gefehlt. Was ist der Sinn, eine Anrede zu zitieren, aber auf das sie umgebende Thema nicht weiter einzugehen? Ich behaupte ja auch nicht, eine bedeutende Bundestagsrede von Willy Brandt zur Grundlage meiner Überlegungen zu machen, nur um dann als einzige Worte daraus »Liebe Kolleginnen und Kollegen...« zu zitieren...
Ginge es dem Papst wirklich um die Brüderlichkeit, hätte sich ein Zitat aus den Briefen sehr viel mehr angeboten, wo der Heilige aus Assisi mit vielen biblischen Anspielungen etwa schreibt: »Und auf all diejenigen, die auf diese Weise hinübergehen [sterben], wenn sie bis dahin diese Dinge tun und in ihnen bis zum Ende durchhalten, wird der Geist des Herrn ruhen und er wird sie zu seiner Wohnung machen und bei ihnen wohnen. Und sie werden Kinder des himmlischen Vaters sein, dessen Werke sie tun, und sie werden Vermählte sein, Brüder und Mütter unseres Herrn Jesus Christus.
Wir sind Vermählte, wenn die gläubige Seele sich durch die Wirkung des Heiligen Geistes mit Jesus Christus vermählt. Und wir sind Brüder, wenn wir den Willen seines Vaters tun, der im Himmel ist. Wir sind Mütter, wenn wir ihn durch die Liebe und reines und aufrichtiges Bewusstsein in unserem Herzen und in unserem Leib tragen, und wenn wir ihn gebären durch das heilige Werk, das als Vorbild für andere leuchten soll.«
Zu befehlend war wohl die Anrede in einem anderen Brief, wo Franz von Assisi über die hl. Messe schreibt und einen Abschnitt beginnt mit »Ascoltate, fratelli miei.« (Hört, meine Brüder...). Oder der Papst hätte gleich Jesus zitieren können, der seine Zuhörer zwar nicht als seine Brüder anspricht (vgl. meine Gedanken dazu HIER), sondern eine richtige Aussage über ihr Brudersein tätigt: »ihr alle aber seid Brüder« (Mt 23,8), aber da würde dann die weltanschauliche Offenheit fehlen, weil dieser Ausspruch Jesu seinen Sinnziel darin hat, ihn als den Herrn und Meister zu erweisen...
Eine zufällige Anrede zitieren, als wäre es eine weltbedeutende Aussage... nein, also das ergibt so gar keinen Sinn. Im Übrigen ist es überhaupt wenig sinnvoll, jene einzelnen Wörter aus den "Ermahnungen" dem Heiligen Franziskus in den Mund und ihnen damit eine quasi-göttliche Autorität beizulegen zu versuchen: Die uns schriftlich von ihm überlieferten "Ermahnungen" stammen nämlich nicht aus seiner Feder, sondern sind Zusammenfassungen und Fragmente seiner Äußerungen, die vielleicht - vielleicht auch nicht - noch zu seinen Lebzeiten von unbekannten Autoren gesammelt und aufgeschrieben wurden. Will man hier nicht ein Wirken des Geistes vermuten, wie es die Verfertigung der Schriften des Neun Testaments gestützt hat, dann sollte man sich nicht an solchen einzelnen Wörtern aufhängen... und erst recht sollte man sie nicht auf so sinnlose oder unsinnige Weise aus dem Kontext reißen.
Was gar nicht geht, ist eine grobe Verfälschung, wie sie mit Zitat drei geschieht. Oha.
Auf ein Wort zur Entstehung der Enzyklika:
Fr Hunwicke schrieb vor kurzem (hier) über etwas, was mich auch sehr gewurmt hat: Dass der Papst in seiner jüngsten Enzyklika den Entsthungsprozess derselben auf eine Weise beschreibt, die in höchstem Maße bedenklich ist. Dort heißt es in Nr. 5.: »Die vorliegende Enzyklika sammelt und entwickelt prinzipielle Themen, die in jenem von uns [mit Großimam Ahmad Al-Tayyeb] gemeinsam unterzeichneten Dokument [von Abu Dhabi] aufgeführt sind. Hierbei habe ich auch, mit meinen Worten, zahlreiche Dokumente und Briefe aufgenommen, die ich von vielen Menschen und Gruppen aus aller Welt empfangen habe.«
Wie Fr Hunwicke zu
Recht bemerkt, ist es erstaunlich, dass der Papst mit keiner Silbe
erwähnt, den Herrn im Gebet, die Heilige Schrift, die Kirchenväter und Heiligen der Kirche, oder seine Vorgänger zu Rate gezogen zu haben (die
sich ja durchaus reichlich zu den behandelten fragen geäußert haben),
aber dafür ein fragwürdiges interreligiöses (also nicht: christliches)
Papier sowie weitere ungenannte Dokumente und Briefe unbekannter
Personen (sind darunter auch Christen?) als Grundlage nennt. Dass Franziskus sich beinahe
ausschließlich selbst zitiert und nicht,
wie dies in Dokumenten des Lehramts üblich ist, vielfältig seine
Vorgänger und die Konzilien zu Wort kommen
lässt, um die Kontinuität der Lehre sicherzustellen, ist gleichfalls
befremdlich, passt aber zu seiner Beschreibung der Entstehung. Hier ist weniger ein Papst, der lehrt, sondern es ist Jorge Mario Bergoglio, der ellenlang seine persönlichen Ideen darbietet.
Das
wirft die kuriose Frage auf, ob ein solches Schreiben überhaupt als
Enzyklika, und so als Teil des päpstlichen Lehramtes betrachtet werden
kann. Es spricht nichts dagegen, dass ein Papst sich die Gedanken und Worte anderer Autoren zu eigen macht oder gleich einen Ghostwriter hernimmt (die Enzyklika Mit Brennender Sorge von Pius XI. stammt im Wesentlichen aus der Feder von Eugenio Pacelli und Fides et Ratio
von Johannes Paul II. stammte wohl im Wesentlichen aus der Feder von
Joseph Ratzinger), problematisch wird es, wenn offenkundig nicht die
geoffenbarte Wahrheit das Leitmotiv war. Insofern empfinde ich es weniger als
beruhigend und eher als Anlass der Sorge, dass der Papst im
nächsten Abschnitt extra betonen zu müssen glaubt, dass er »diese
Enzyklika auf der Grundlage meiner christlichen Überzeugungen, die mich
beseelen und nähren« geschrieben hat. Normalerweise sollte man das beim
Oberhaupt der katholischen Kirche voraussetzen und niemals in Zweifel
ziehen können... und nie hat es ein Papst für nötig empfunden, dies seinen Lesern zu versichern!
Der äußerst fragwürdige Umgang mit den überlieferten Worten des heiligen Franz von Assisi lässt
mich zweifeln, ob der Papst Franziskus den heiligen Franziskus
wirklich als Vorbild ernstnimmt, oder ob dieser jenem nicht vielmehr nur
als Projektionsfläche für die eigenen unausgegorenen Ideen dient... gepaart mit den merkwürdigen Bemerkungen zur Entstehung des Dokuments ziehen für mich gleich in den ersten paar Abschnitten in Zweifel, ob diese Enzyklika überhaupt als authentische Äußerung des päpstlichen Lehramts betrachtet werden kann...
Hmm...
Davon abgesehen enthält das Dokument enorm viele Wiederholungen aus früheren Äußerungen, manche hilfreiche Bemerkung, und manche nicht so hilfreiche... Hätte man sich eigentlich sparen können, das viele Papier... ein dreiseitiger Brief an die Menschheit hätte es auch getan.
Donnerstag, 16. Juli 2020
Fühlen mit der Kirche
Samstag, 22. Februar 2020
Petrus der Versager
»Und er sprach: Komm her! Und Petrus stieg aus dem Boot und ging auf dem Wasser und kam auf Jesus zu. Als er aber den starken Wind sah, erschrak er und begann zu sinken und schrie: Herr, rette mich! Jesus aber streckte sogleich die Hand aus und ergriff ihn und sprach zu ihm: Du Kleingläubiger, warum hast du gezweifelt?« (Mt 14,29-31)
»Und Petrus antwortete und sprach zu Jesus: Rabbi, hier ist für uns gut sein; wir wollen drei Hütten bauen, dir eine, Mose eine und Elia eine. Er wusste aber nicht, was er redete; denn sie waren verstört.« (Mk 9,5-6)
»Von da an begann Jesus, seinen Jüngern zu erklären: Er müsse nach Jerusalem gehen und von den Ältesten und Hohepriestern und Schriftgelehrten vieles erleiden, getötet und am dritten Tag auferweckt werden. Da nahm ihn Petrus beiseite und begann, ihn zurechtzuweisen, und sagte: Das soll Gott verhüten, Herr! Das darf nicht mit dir geschehen! Jesus aber wandte sich um und sagte zu Petrus: Tritt hinter mich, du Satan! Ein Ärgernis bist du mir, denn du hast nicht das im Sinn, was Gott will, sondern was die Menschen wollen.« (Mt 16,21-23)
»Petrus aber saß draußen im Hof. [...] Er leugnete aber vor ihnen allen und sprach: Ich weiß nicht, was du sagst.[...] Und er leugnete abermals und schwor dazu: Ich kenne den Menschen nicht. [...] Da fing er an, sich zu verfluchen und zu schwören: Ich kenne den Menschen nicht. Und alsbald krähte der Hahn. Da dachte Petrus an das Wort, das Jesus gesagt hatte: Ehe der Hahn kräht, wirst du mich dreimal verleugnen. Und er ging hinaus und weinte bitterlich.« (Mt 26,69-75)
»Als aber Kephas nach Antiochia kam, widerstand ich ihm ins Angesicht, denn er hatte sich ins Unrecht gesetzt. Denn bevor einige von Jakobus kamen, aß er mit den Heiden; als sie aber kamen, zog er sich zurück und sonderte sich ab, weil er die aus der Beschneidung fürchtete. Und mit ihm heuchelten auch die andern Juden, sodass selbst Barnabas verführt wurde, mit ihnen zu heucheln.« (Gal 2,11-13)
Petrus ist vermutlich der fehlbarste Mensch im Neuen Testament. Und trotzdem ist er der "Erste" unter den Jüngern, der für die anderen spricht, trotzdem baut der Herr auf ihn Seine Kirche, trotzdem übergibt er ihm die Schlüssel zum Himmelreich, trotzdem befiehlt er ihm vor allen anderen, seine Schafe zu weiden. Ein fehlbarer (theologisch wenig versierter, rhetorisch ungeschickter und nicht gerade feinfühliger) Papst ist also nichts Ungewöhnliches... es müsste eigentlich der Normalfall sein, nur waren wir im 20. und beginnenden 21. Jahrhundert mit einer außerordentlichen Fülle an wundervollen Päpsten gesegnet.
Das Fest der Kathedra Petri kann vielleicht helfen, von der Person des jeweils auf diesem Stuhl Platz Nehmenden etwas Abstand zu gewinnen. Auch JPII und BXVI waren nicht über jeden Fehler und jede Nachlässigkeit erhaben.
Donnerstag, 13. Februar 2020
Bedeutung des sakramentalen Priestertums
Bedauerlich ist, dass in der Weltpresse (katholisch.de bringt eine Hilfreiche Presseschau HIER) beinahe flächendeckend nur die Reizthemen behandelt werden und die eigentliche Botschaft des Papstes untergeht. Ganz ehrlich: Hätte der Papst die Hoffnungen etwa der Mehrheit der Mitglieder des suizidalen Weges erfüllt, dann würde sein eigentliches Anliegen noch weniger Beachtung finden. Würde der Zölibat gelockert oder das Sakrament der Weihe in Frage gestellt, würde das Dokument ausschließlich als das Dokument in die Geschichte eingehen, das eben dies getan hat, nichts anderes wäre mehr interessant. So aber hat der Papst nur wiederholt, was vor ihm schon galt - laaangweilig -, man kann sich also getrost dem Rest des Dokuments zuwenden.
Dennoch will ich mich hier auch kurz der Frage des Weihesakraments zuwenden. Franziskus führt bemerkenswerter Weise exakt die selben "Begründung" an, die auch Marianne Schlosser in so schöner Weise dargelegt hat (siehe Text am Schluss): "Jesus Christus zeigt sich als der Bräutigam der Eucharistie feiernden Gemeinschaft in der Gestalt eines Mannes, der ihr vorsteht als Zeichen des einen Priesters." (QA 101) Der Papst spricht von einem "Dialog zwischen Bräutigam und Braut, der sich in der Anbetung vollzieht und die Gemeinschaft heiligt", weswegen es in keiner Weise zufällig oder beliebig ist, dass der geweihte Zelebrant der Eucharistiefeier ein Mann ist. Daran wird auch der Grundirrtum eines Bischofs Bode sehr schön deutlich: Dieser *hust* Würdenträger der Kirche hat offenbar noch nie einen Gedanken daran verschwendet, dass Christus sich selbst als Bräutigam seiner Gemeinde bezeichnet hat (vgl. Mt 9,15). An dieser Stelle kann man sich getrost fragen, ob Bischof Bode - als Priester, der er ist - eventuell in einer Identitätskrise steckt...
Es ist aufschlussreich, dass Franziskus, in Übereinstimmung mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil, die drei Stufen des Weihesakraments als Einheit versteht: Es gibt nur ein Weihesakrament in drei Stufen. Und so ergibt es sich, dass es nicht nur eine Unmöglichkeit der Priesterweihe der Frau gibt, sondern dass eine Zulassung zu den "heiligen Weihen" (QA 100) ausgeschlossen ist. Denen, die meinen, Frauen könnten nur eine gewichtige Rolle in der Kirche spielen, wenn sie auch geweiht werden könnten - die Weihe sei geradezu eine "Anerkennung" ihrer Leistungen oder ein "Recht" (im Sinne der Gleichberechtigung) -, bescheinigt der Papst einen "Reduktionismus". Erst kürzlich fand ich in einer Kirche einen Aushang zu einem regelmäßig in der Kirche stattfindenden Gebetstreffen "für eine geschlechtergerechte Kirche" und die kfd reagierte auf das Papstschreiben mit dem Hinweis "ihr Einsatz für eine lebendige Kirche" solle doch "mit einer Weihe anerkannt werden" (siehe HIER), so als wäre das Sakrament der Weihe eine Belohnung (irgendwie muss ich dabei die ganze Zeit an einen zu dressierenden Hund denken, der zur Belohnung ein Leckerli bekommt...).
Bei der Beschreibung dessen, "was dem Priester in besonderer Weise zukommt, was nicht delegierbar ist", führt der Papst sehr eindrücklich aus:
"Die Antwort liegt im heiligen Sakrament der Weihe begründet, das ihn Christus, dem Priester, gleichgestaltet. Und die erste Schlussfolgerung ist, dass dieser ausschließliche Charakter, der in den heiligen Weihen empfangen wird, ihn allein befähigt, der Eucharistie vorzustehen. Das ist sein spezifischer, vorrangiger und nicht delegierbarer Auftrag. [...] Wenn gesagt wird, dass der Priester 'Christus das Haupt' darstellt, dann bedeutet das vor allem, dass Christus die Quelle der Gnade ist: Er ist das Haupt der Kirche, denn er hat »die Kraft, allen Gliedern der Kirche Gnade einzuflößen«.
Der Priester ist Zeichen dieses Hauptes, das die Gnade vor allem im Feiern der Eucharistie ausgießt, die Quelle und Höhepunkt allen christlichen Lebens ist. Darin besteht seine große Amtsgewalt, die nur im Weihesakrament empfangen werden kann. Deshalb kann nur er sagen: 'Das ist mein Leib'. Auch andere Worte kann nur er sprechen: 'Ich spreche dich los von deinen Sünden'. Denn die sakramentale Vergebung steht im Dienst einer würdigen Eucharistiefeier. Diese beiden Sakramente bilden die Mitte seiner exklusiven Identität." (QA 87-88)
Damit ist Wesentliches zum Sakrament der Weihe ausgesagt, das immer wieder in Erinnerung gerufen werden muss, auch wenn es eigentlich selbstverständlich ist. Besonders die Erinnerung an den Zusammenhang von Eucharistie und Beichte ist sehr zu begrüßen.
Schließlich ist es auch schön zu sehen, dass die marianische Perspektive genau hier ins Spiel kommt:
"Denn der Herr wollte seine Macht und seine Liebe in zwei menschlichen Gesichtern kundtun: das seines göttlichen menschgewordenen Sohnes und das eines weiblichen Geschöpfes, Maria. Die Frauen leisten ihren Beitrag zur Kirche auf ihre eigene Weise und indem sie die Kraft und Zärtlichkeit der Mutter Maria weitergeben. Auf diese Weise bleiben wir nicht bei einem funktionalen Ansatz stehen, sondern treten ein in die innere Struktur der Kirche." (QA 101)
Bleibt abzuwarten, was nun aus dem suizidalen Weg wird. Ich vermute jetzt einfach mal ins Blaue hinein, dass Kardinal Marx vor wenigen Tagen nicht zufällig seinen Verzicht auf den Vorsitz der DBK bekannt gegeben hat, denn mit Querida Amazonia ist ein guter Teil von dem, wofür er den suizidale Weg gestartet hat, hinfällig und damit er selbst auch in Frage gestellt.
Auch dürfte es interessant sein zu sehen, wie nun der aktuelle Hyper-Papalismus in sein Gegenteil umschlägt...
Der entscheidende Passus in den Ausführungen von Prof. Schlosser (der ganze Text ist HIER):
Warum aber kann dieses Sakrament der Repräsentanz nicht einer Frau übertragen werden?
Zu einem Sakrament gehört die Einsetzung durch Christus, d.h. die Verknüpfung eines sichtbaren Gegenstands oder Vollzugs mit einer neuen Bedeutung und einer von Christus selbst verbürgten Wirkung. Er hätte es prinzipiell auch anders anordnen können, hätte auf die Sendung der Apostel ganz verzichten können, oder hätte alles (und nicht nur vieles) der späteren Entwicklung in der Glaubensgemeinschaft überlassen können. Wenn aber etwas ein „Zeichen“ sein soll, dann muss es auf den bezeichneten Gehalt bestmöglich hinweisen (Signifikanz). Öl oder Wein haben eine andere Signifikanz als Wasser. Bei „Hochzeitsmahl“ denken wir an etwas anderes als an eine Geburtstagsparty, und wenn sie noch so rauschend gefeiert würde. Dieser Aspekt ist nicht Spielerei mit Bildern, sondern relevant, weil die Sakramente per definitionem „wahrnehmbare Zeichen“ für eine unsichtbare Wirklichkeit sind.
Und da scheint mir sehr einleuchtend, dass eine Frau kein signifikantes Zeichen für den Bräutigam der Kirche ist. Wie umgekehrt ein Mann kein signifikantes Zeichen für die Braut Kirche ist. So erhalten Ordensfrauen oft einen Ring am Tag der Profess, bei Mönchen ist das unüblich – obwohl beide die bräutliche Liebe zu Christus leben, sind sie in unterschiedlicher Weise sichtbares Zeichen
dafür.
Die Plausibilität des Arguments beruht dabei nicht nur auf einem natürlichen Vorverständnis – ebenso wenig wie die Sakramente einfach die religiöse Variante natürlicher Riten sind –, sondern auf der Verbindung zwischen Schöpfungswirklichkeit und geschichtlicher Offenbarung Gottes; man könnte auch sagen: die Wirklichkeit der Schöpfung und ihrer Symbolik wird zur Mitteilung der Erlösung verwendet. Christus „interpretiert“ die Schöpfung, wenn er die Sakramente einsetzt. Die in der Hl. Schrift als dem Niederschlag der Selbstmitteilung Gottes verwendeten Symbole sind daher nicht einfach „Bilder“, die man beliebig ersetzen könnte. Sie sind vielmehr der Weg, wie das unergründliche, göttliche Geheimnis der Liebe Christi uns nahegebracht wird. Dass das Verhältnis zwischen Jahwe und seinem geliebten Volk als Ehebund umschrieben wird, dass die Evangelien Jesus als „Bräutigam“ bezeichnen, Paulus von der Braut Kirche (vgl. 2 Kor 11,2; Eph 5) spricht, die ihr Leben dem Bräutigam verdankt, oder dass die eschatologische Erfüllung, die Freude ohne Ende, deren sakramentales Vorausbild die Eucharistiefeier ist, einem Hochzeitsmahl gleicht (z.B. Apok 22), ist nicht beliebige Bildsprache, sondern bringt zum Ausdruck, dass die Menschheit, ja der einzelne Mensch von Gottes Liebe umworben wird. Nicht umgekehrt.
Donnerstag, 21. November 2019
Diakone an den Altar!
Der Papst warnte neulich - berechtigterweise - vor einer Klerikalisierung der Laien (HIER). Kurios ist, dass er auch ausführlich über die Diakone spricht, so als wären diese Laien. Es geht mir hier um die Aussage, die Bischöfe sollten die Diakone von den Altären wegholen.Fr Hunwicke hat sich der Sache dankenswerterweise schon angenommen (HIER).
Ich habe mich auf diesem Blog mit expliziter Kritik am Papst sehr zurückgehalten (siehe dazu HIER). Aber es ist nicht zu leugnen, dass viele offizielle, halboffizielle und inoffizielle Äußerungen (und Erlasse, bis hin zu Gesetzestexten) dieses Pontifex ein eklatantes Bildungsdefizit in theologischen (und anderen) Sachgebieten offenbaren. Das ist mal mehr, mal weniger offenkundig, in diesem Fall aber himmelschreiend.
Ich kann es nicht verstehen... ich kann nicht verstehen, wie ein Papst einen solch eklatanten Mangel an theologischer Bildung haben kann. In einer Hochschulprüfung in Sakramentenlehre wäre ein Student, der soetwas sagt, durchgefallen.
Und auch das muss erwähnt sein: Der Papst ist Bischof. Als solcher hat er alle drei Weihestufen durchlaufen und ist somit auch Priester und auch Diakon. Ein Defizit im intellektuellen Verständnis des Diakonats wäre an sich ja nicht soo schlimm, es ließe sich leicht korrigieren indem man ihm ein gutes Buch in die Hand drückt. Aber hier handelt es sich offenbar auch um einen Mangel an spiritueller Durchdringung. Wenn ein Diakon (der Papst ist auch dies) nicht weiß, was seine Aufgaben sind und was, damit eng zusammenhängend, seine Identität ist, ist das durchaus problematisch.
Natürlich gehört der Diakon an den Altar, denn am Ursprung dieses Dienstes steht an erster Stelle die Assistenz des Bischofs in der Verkündigung des Evangeliums während der Liturgie und in der Austeilung der Kommunion.
»Daher ist es notwendig - wie ihr es ja haltet - dass ihr ohne den Bischof nichts tuet, und dass ihr vielmehr auch dem Presbyterium euch füget wie den Aposteln Jesu Christi, unserer Hoffnung, in dem wandelnd wir erfunden werden sollen. Auch ist es nötig, dass die Diakonen, welche Geheimnisse Jesu Christi verwalten [d.i. die Austeilung der Kommunion], auf jede Weise allen genehm seien. Denn sie sind nicht Diener für Speise und Trank, sondern Gehilfen der Kirche Gottes.« (Ignatius von Antiochien, gestorben um 110, Schüler des Apostels Johannes, in seinem Brief an die Trallianer 2,2-3)
»In der Hierarchie eine Stufe tiefer stehen die Diakone, welche die Handauflegung "nicht zum Priestertum, sondern zur Dienstleistung empfangen". Mit sakramentaler Gnade gestärkt, dienen sie dem Volke Gottes in der Diakonie der Liturgie [man beachte, dass dies als erster Punkt genannt wird!], des Wortes und der Liebestätigkeit in Gemeinschaft mit dem Bischof und seinem Presbyterium. Sache des Diakons ist es, je nach Weisung der zuständigen Autorität, feierlich die Taufe zu spenden, die Eucharistie zu verwahren und auszuteilen, der Eheschließung im Namen der Kirche zu assistieren und sie zu segnen, die Wegzehrung den Sterbenden zu überbringen, vor den Gläubigen die Heilige Schrift zu lesen, das Volk zu lehren und zu ermahnen, dem Gottesdienst und dem Gebet der Gläubigen vorzustehen, Sakramentalien zu spenden und den Beerdigungsritus zu leiten.« (Zweites Vatikanisches Konzil, Dogmatische Konstitution Lumen Gentium über die Kirche, Abschnitt 29)
»Aufgabe der Diakone ist es unter anderem [man beachte die Reihenfolge!], dem Bischof und den Priestern bei der Feier der göttlichen Geheimnisse, vor allem der Eucharistie, zu helfen, die heilige Kommunion zu spenden, der Eheschließung zu assistieren und das Brautpaar zu segnen, das Evangelium zu verkünden und zu predigen, den Begräbnissen vorzustehen und [obacht!] sich den verschiedenen karitativen Diensten zu widmen.« (Katechismus der katholischen Kirche, Nr. 1570)
Fragt sich, ob dahinter eine Agenda steht: Erst wird die Weihestufe des Diakons umdefiniert und weit weg geschoben vom priesterlichen Dienst an der Eucharistie, um so Bedenken bezüglich der Weihe von "Diakoninnen" zu sedieren: "Schau, das hat doch mit dem 'eigentlichen' Weiheamt des Priesters nichts zu tun!" Und wenn die Zeit reif ist, schiebt man den Diakon bzw. die Diakonin wieder an den Altar zurück: "Schau, soviel unterscheidet ihn/sie eh nicht vom Priester, dann können wir auch gleich Priesterinnen weihen!"
Getreu dem Motto, dass man nie Böswilligkeit (oder eine Agenda) unterstellen sollte, wenn Dummheit (oder Bildungsmangel) als Erklärung ausreicht, scheint es mir jedoch eher wahrscheinlich, dass es hier tatsächlich einfach ein Fall von Ignoranz ist. Bei einem Papst nicht nur traurig und schade, sondern auch höchst gefährlich.
Montag, 29. April 2019
politische Seligsprechung?
»Die Seligsprechung des ‚Montonero‘-Bischofs Enrique Angelelli spaltet Argentinien. Ein bekannter Prälat, Erzbischof Hector Aguer, ergriff Position gegen das Martyrium Angelellis in odium fidei, der 1976 Opfer eines Verkehrsunfalls wurde, den die Verfechter der Seligsprechung ohne Beweise für einen Mord halten. Erzbischof Aguer bricht das Tabu der politischen Korrektheit und fragt sich, warum nicht vielmehr ein Seligsprechungsverfahren für den katholischen Intellektuellen Carlos Alberto Sacheri eingeleitet wurde, der wirklich ein Opfer des Terrorismus wurde, des marxistischen, und vor den Augen seiner Kinder ermordet wurde, weil er die kommunistische Infiltrationen in die katholischen Kirche aufgezeigt und kritisiert hat.« (Vom August 2018, hier)Ich kenne die sehr verwirrenden Hintergründe nicht genug, um mir ein Urteil bilden zu können. Nichts desto trotz ist es in höchstem Maße besorgniserregend, was hier geschieht, wenn derartige Zweifel und Gegendarstellungen bestehen.
Sonntag, 24. April 2016
Samstag, 9. April 2016
Mein Senf zu Amoris Laetitia
Ich persönlich bin im Großen und Ganzen sehr zufrieden mit Amoris Laetitia (AL). Und zwar v.a. aus dem sehr persönlichen Grund, dass es betreffs jenes Themas der Zivilwiederverheiratetgeschiedenen (Zvg) im Grunde genau das enthält, was ich selbst (etwa hier vor bald 4 Jahren, vgl. auch hier) schrieb, was ich aber schon viel länger auch praktisch erlebt habe (nicht in einem Zvg-Fall, aber in ähnlich gelagerten Angelegenheiten). Darum gehts:
Was von der Glaubens- und Morallehre her gilt, bleibt natürlich unangetastet. Keine Überraschung hier. Auch die einschlägigen rechtlichen Bestimmungen, bleiben bestehen. Auch keine Überraschung.
Nichts desto trotz gestaltet sich das Leben in der Kirche natürlich nicht in der Vollkommenheit des in sich so kohärenten Regelwerks, denn die Glieder dieser Kirche sind bekanntlich Menschen.
Papst Franziskus hat in AL die einzige mögliche, von mir (s. Links) beschriebene Handlungsweise in der größtmöglichen Deutlichkeit dargelegt. Dass das Ergebnis dennoch vage erscheint, liegt in der Natur der Sache, denn es kann bei diesem einzig möglichen Weg eben gerade nicht um ein in sich abgeschlossenes Regelwerk gehen. Das Wesen der Barmherzigkeit verlangt es.
Ich schrieb damals:
Wenn ein Priester Eheleuten die in einer zweiten zivilrechtlichen Ehe zusammenleben die Kommunion reicht, weil er diese Leute kennt, weiß, dass sie treu und fromm zusammenleben und auch die Umstände des wohmöglich unglaublich schrecklichen Scheiterns der Ehe kennt (und auch die vllt. haarsträubenden Gründe, warum eine Anullierung nicht zustande kam), kann das m.E. im je einzelnen Fall legitim sein. Wichtig ist hier, dass es nicht öffentlich geschieht, dass es um ein Vertrauensverhältnis geht... weil es immer Einzelschicksale sind.Es kann und darf aber keine "offizielle" oder "generelle" Richtlinie geben weil das letztlich zu einem "Es ist egal wie ihr lebt, ihr dürft..." führt. Das wäre eine Preisgabe der Sakramente.
Und weiter:
Auch entsteht gerne der Vorwurf, es handle sich doch hier um eine Doppelmoral, wenn man von offizieller Seite einerseits den vortgesetzten Ehebruch mit Sanktionen behängt und andererseits aber das "heimliche" Getue (von dem jeder weiß, worüber man aber nicht redet, weil es nichts zu reden gibt!) zulässt.Und ein Stück weit stimmt das auch. Ein Stück weit gibt es in jeder Gruppe von Menschen Doppelmoral. Und der Grund ist schnell gefunden: Wir sind keine Maschinen. So gut und richtig die Regeln auch sind die wir uns gesetzt haben oder die uns (ius divinum) von Gott gegeben wurden, so sind wir Menschen doch keine Automaten die immer alle Regeln beachten wollen (oder auch nur können!). Wir sind alle kleine Häretiker und manchmal auch Kryptoschismatiker, weil wir bestimmte Dinge nicht so machen, wie es das Ideal (KKK + CIC) vorsieht... aber genau das macht uns menschlich. Auch Eltern geben ab und an ihren Kindern nach, auch wenn sie wissen, dass es nicht zu ihrem "Besten" ist. Das stellt nicht die Regel infrage, hat aber zuweilen etwas mit gewissen Tugenden zutun.Was aber landauf, landab alle Aufbrüchler und Memorandisten fordern, ist eine offzielle, allgemeine und rechtlich abgesicherte Regelung dieser "Ausnahmen", "Schwächen", "Nachgiebig- und -lässigkeiten".Und das, liebe Leute, ist nicht möglich. Und es schadet obendrein den Betroffenen, dass ihr es überhaupt versucht...: Barmherzigkeit kann nicht reglementiert, systematisiert, geplant, verrechnet und subventioniert werden... Es wird nie einen Canon geben der da lautet "Du sollst barmherzig sein und darum auch den hartnäckigen Ehebrechern die Kommunion spenden." Was es gibt, sind Canones und offizielle Verlautbarungen, die von mildernden Umständen sprechen, von den Werken der Barmherzeigkeit, Brüderlichkeit und Nächstenliebe, von der Würde des Menschen, vom hohen Rang des Gewissens, von Weisheit und Hirtensorge, von Tugend und Klugheit, von Frömmigkeit und Seeleneifer und, ja, auch vom Heil der Seelen. *wink*
Genau aus diesem Grund findet sich der einzige und zugleich allerleiseste Hinweis in einer Fußnote, während zugleich unerschrocken die Irregularität der in Frage stehenden Situation benannt, und ein Bewusstsein dieser Irregularität eingefordert wird. Es gibt keine Regel dafür, weil es keine Regel geben kann. Aber es gibt den Aufruf zur Barmherzigkeit.
Entgegen vieler Verschwörungstheorien, nimmt der Papst ausführlich die Ergebnisse der Synode auf, und zitiert sie ausgiebig.
Der Text ist vom Stil her ganz klar das Produkt mehrerer Autoren. Viele Passagen zeigen geradezu benediktinische Schärfe, während andere eine typisch franziskanische Lockerheit zeigen. Es gibt auch ein, zwei Stellen in AL, bei denen ich mir eine präzisere theologische Sprache gewünscht hätte. Etwa, wenn der Papst schreibt, niemand dürfe »auf ewig verurteilt werden, denn das ist nicht die Logik des Evangeliums« (Nr. 297)... das ist es durchaus (nämlich die Gefahr des Verlorengehens, der breite Weg und das weite Tor!), aber was der Papst meint, und was man aus dem Kontext ersehen kann, ist das irdische, durch Menschen geschehende Verurteilen: Denn wir sollen ja vergeben und verzeihen! Das hätte man aber theologisch präziser fassen können.
Etwas kurios, und für den Nichttheologen vllt. verwirrend ist es auch, wenn der Papst schreibt, dass »es nicht mehr möglich [ist] zu behaupten, dass alle, die in irgendeiner sogenannten "irregulären" Situation leben, sich in einem Zustand der Todsünde befinden und die heiligmachende Gnade verloren haben.« (Nr. 301) Das hat m.W. nie jemand behauptet, dass dies bei allen der Fall sei. Die Irregularität ist eine rechtliche Kategorie, das Recht kann nun aber - und das ist keine neue Erkenntnis - die Gesinnung oder den Gnadenstand nicht feststellen... die zitierte Aussage ist in etwa so neu wie die Erkenntnis, dass auch Urteile von Kirchengerichten falsch sein können. Aber gut, nun wissen es auch die, denen das vorher nicht klar war.
Von solchen Patzern (auch der etwas steinbruchartige Umgang mit Thomas... und Erich Fromm hätte er ruhig noch mehr zitieren dürfen, statt nur auf ihn anzuspielen [etwa mit der "Lehrzeit"]!) mal abgesehen, gefällt mir der Text. Ich sehe sogar sehr stark das Erbe Benedikts durchscheinen (etwa, wenn der Fokus sehr breit, nämlich auf das ganze Leben in der Kirche gelegt wird, nicht bloß auf die teilnahme an den Sakramenten; vgl. die letzten öffentlich gewordenen gedanken von Joseph Ratzinger dazu hier), und das freut mich nochmal extra.
Von besonderer Klarheit (so weit, wie das in dem oben beschriebenen Kontext möglich ist), scheint mir beispielsweise folgender Passus in NR. 300:
»Es handelt sich um einen Weg der Begleitung und der Unterscheidung, der "diese Gläubigen darauf aus[richtet], sich ihrer Situation vor Gott bewusst zu werden. Das Gespräch mit dem Priester im Forum internum trägt zur Bildung einer rechten Beurteilung dessen bei, was die Möglichkeit einer volleren Teilnahme am Leben der Kirche behindert, und kann helfen, Wege zu finden, diese zu begünstigen und wachsen zu lassen. Da es im Gesetz selbst keine Gradualität gibt{!}, wird diese Unterscheidung niemals von den Erfordernissen der Wahrheit und der Liebe des Evangeliums, die die Kirche vorlegt, absehen können. Damit dies geschieht, müssen bei der aufrichtigen Suche nach dem Willen Gottes und in dem Verlangen, diesem auf vollkommenere Weise zu entsprechen, die notwendigen Voraussetzungen der Demut, der Diskretion, der Liebe zur Kirche und ihrer Lehre verbürgt sein." Diese Haltungen sind grundlegend, um die schwerwiegende Gefahr falscher Auskunft zu vermeiden wie die Vorstellung, dass jeder Priester schnell 'Ausnahmen' gewähren kann oder dass es Personen gibt, die gegen Gefälligkeiten sakramentale Privilegien erhalten können.«
Das Schöne an dem Dokument ist, dass es die genau richtige Verhältnisbestimmung vornimmt, was die wirklichen Herausforderungen betrifft, vor denen die Familie heute steht. Dass jenes von vielen als heißestes Eisen betrachtete Thema in eine vage Fußnote verdammt ist, entspricht m.E. der Wirklichkeit und stellt somit einen gehörigen Rüffel, eine schallende Ohrfeige an die Forderer und ihre Claqueure dar.
Was von den Aufbrüchlern gewollt wurde, haben sie nicht erreicht. Überhaupt nicht. Aber gewiss werden sie es sich noch irgendwie schönreden, werden sie sich wie die Geier ihr Filetstück herauspicken, und vielleicht sind manche Bischöfe in deutschen Landen sogar, pardon, dämlich genug, aus Fußnote 351 eine Rechtsnorm herauszuphantasieren, gleichwohl der Papst immer wieder klar macht, dass es soetwas schlicht nicht geben kann. Das sollte aber niemanden verunsichern, sondern eher zu Mitleid und Gebet für sie anregen (vgl. Jer 23,1). Ich meine, stellt euch mal das Szenario vor: Das einzige, woran sich Kasperianer in dieser Enzyklika festklammern können ist eine Fußnote. Sie könne noch nichtmal einen ordentlichen Satz oder Abschnitt herauspicken und den Rest ignorieren, sie müssen den gesamten Textkorpus ignorieren und sich an eine Fußnote klammern. Ich finds witzig, und warte schon gespannt auf den sicher bald kommenden Aufsatz oder das nächste Buch von Herrn Schockenhoff auf der Grundlage dieser Fußnote...











