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Samstag, 10. Oktober 2020

Maranatha

In Zeiten erdrückenden Kirchenschmerzes
 

Komm, Herr Jesus, komm, führ die Welt zum Ende, dass der Tränenstrom sich in Freude wende. Brenn das Haus der Zeit hin in deinen Feuern; wolle es erneuern in der Ewigkeit.

Alle Kreatur liegt mit uns in Wehen; dein Erbarmen nur lässt sie heil erstehen. Was da wehrlos ist und im Bann des Bösen, komm, es zu erlösen, komm Herr Jesu Christ.

Nüchtern und bereit lass uns, Herr, hier leben und in Lauterkeit von dir Zeugnis geben. Wie es dir gefällt, lass uns sein und handeln, dass wir selbst uns wandeln und erneun die Welt.

Komm, du Menschensohn, lass dein Reich erscheinen;denn vor deinem Thron wird sich alles einen. Friedvoll, neu und fromm steigt herauf die Erde: Amen, dass es werde, komm, Herr Jesu, komm.

(Maria Luise Thurmair, im alten Gotteslob Nr. 568)

Samstag, 16. April 2016

Gut und Böse

Tugend will, man soll sie holen,
Ungern ist sie gegenwärtig;
Laster ist auch unbefohlen
Dienstbereit und fix und fertig.

Gute Tiere, spricht der Weise,
Mußt du züchten, mußt du kaufen;
Doch die Ratten und die Mäuse
Kommen ganz von selbst gelaufen.


(Wilhelm Busch)

Montag, 28. Dezember 2015

Ihr Kinderlein kommet?

Zum heutigen Tag...
Ihr Kinderlein kommet, o kommet doch all'!
Zur Krippe her kommet in Bethlehems Stall.
Und seht, was in dieser hochheiligen Nacht
der Vater im Himmel für Freude uns macht.

O seht in der Krippe im nächtlichen Stall,
seht hier bei des Lichtleins hellglänzendem Strahl
in reinlichen Windeln das himmlische Kind,
viel schöner und holder, als Englein es sind.

Da liegt es, das Kindlein, auf Heu und auf Stroh;
Maria und Joseph betrachten es froh.
Die redlichen Hirten knien betend davor,
hoch oben schwebt jubelnd der himmlische Chor.

O beugt wie die Hirten anbetend die Knie,
erhebet die Händlein und danket wie sie.
Stimmt freudig, ihr Kinder - wer sollt' sich nicht freu'n?
stimmt freudig zum Jubel der Engel mit ein!

Was geben wir Kinder, was schenken wir dir,
du bestes und liebstes der Kinder, dafür?
Nichts willst du von Schätzen und Reichtum der Welt,
ein Herz nur voll Demut allein dir gefällt.

"So nimm uns’re Herzen zum Opfer denn hin;
wir geben sie gerne mit fröhlichem Sinn;
und mache sie heilig und selig wie deins,
und mach’ sie auf ewig mit deinem in eins."


Im Hinblick v.a. auf die letzten beiden Strophen, nun noch Tagesgebet und Kommunionvers des heutigen Festes:
Vater im Himmel,
nicht mit Worten
haben die Unschuldigen Kinder dich gepriesen,
sie haben dich verherrlicht durch ihr Sterben.
Gib uns die Gnade,
dass wir in Worten und Taten
unseren Glauben an dich bekennen.
Darum bitten wir durch Jesus Christus.

Sie sind es, die aus den Menschen losgekauft wurden
als Weihegabe für Gott und das Lamm.
Sie folgen dem Lamm, wohin immer es geht.

Sonntag, 27. September 2015

Wenn die Propheten einbrächen

Wenn die Propheten einbrächen
durch Türen der Nacht,
den Tierkreis der Dämonengötter
wie einen schauerlichen Blumenkranz
ums Haupt gewunden -
die Geheimnisse der stürzenden und sich hebenden
Himmel mit den Schultern wiegend -

für die längst vom Schauer Fortgezogenen -

Wenn die Propheten einbrächen
durch Türen der Nacht,
die Sternenstraßen gezogen in ihren Handflächen
golden aufleuchten lassend -

für die längst im Schlaf Versunkenen -

Wenn die Propheten einbrächen
durch Türen der Nacht
mit ihren Worten Wunden reißend
in die Felder der Gewohnheit,
ein weit Entlegenes hereinholend
für den Tagelöhner

der längst nicht mehr wartet am Abend -

Wenn die Propheten einbrächen
durch Türen der Nacht
und ein Ohr wie eine Heimat suchten -

Ohr der Menschheit
du nesselverwachsenes,
würdest du hören?
Wenn die Stimme der Propheten
auf dem Flötengebein der ermordeten Kinder
blasen würde,
die vom Märtyrerschrei verbrannten Lüfte
ausatmete -
wenn sie eine Brücke aus verendeten Greisenseufzern

baute -

Ohr der Menschheit
du mit dem kleinen Lauschen beschäftigtes,
würdest du hören?

Wenn die Propheten
mit den Sturmschwingen der Ewigkeit hineinführen
wenn sie aufbrächen deinen Gehörgang mit den Worten:
Wer von euch will Krieg führen gegen ein Geheimnis
wer will den Sterntod erfinden?

Wenn die Propheten aufständen
in der Nacht der Menschheit
wie Liebende, die das Herz des Geliebten suchen,
Nacht der Menschheit
würdest du ein Herz zu vergeben haben?


(Nelly Sachs)

Montag, 14. September 2015

Vexilla Regis

Des Königs Fahnen ziehen voran,
es erglänzt das Geheimnis des Kreuzes,
da der Schöpfer des Fleisches
im Fleische ans Kreuz geheftet wurde.


Den Leib mit Nägeln durchbohrt,
Hände und Füße ausgestreckt,
wurde um der Erlösung willen
hier das Opfer hingeschlachtet.


Der überdies verwundet wurde
Durch die grauseme Spitze der Lanze;
Um uns von Vergehen reinzuwaschen,
floss Wasser und Blut.


Erfüllt hat sich, was David
in glaubwürdigem Liede gesungen,
indem er den Völkern verkündigte:
vom Holze herab herrscht Gott.


O herrlicher und ausgezeichneter Baum,
geziert mit dem Purpur des Königs,
auserwählt, mit würdigem Stamme
so heilige Glieder zu berühren.


Glückseliger, an dessen Ästen
Der Lösepreis der Welt hing;
Zur Waage des Leibes ist er geworden,
und er entriss die Beute der Hölle.


Wohlgeruch verströmst du aus deiner Rinde,
du übertriffst den Geschmack des Nektars,
erfreut, fruchtbare Frucht zu tragen,
spendest du Beifall diesem edlen Triumph.


Sei gegrüßt, Altar, sei gegrüßt, Opfer,
aus dem Ruhm des Leidens,
in dem das Leben den Tod ertrug
und durch den Tod das Leben wieder gewann.


Sei gegrüßt, o Kreuz, einzige Hoffnung,
in dieser Zeit des Leidens
vermehre den Frommen die Gnade
und Sündern tilge die Vergehen.


Dich, Gott, höchste Dreifaltigkeit,
soll loben jeglicher Geist
und die du durch das Geheimnis des Kreuzes
rettest, herrsche in alle Ewigkeit.


(Venatius Fortunatus, + um 600)

Freitag, 11. September 2015

Ich glaube an die heilige Kirche

Ich glaube an die heilige Kirche,
die apostolisch ist und allgemein und rechtgläubig,
und die uns unversehrte Lehre kündet.
Nicht glaube ich an sie, wie ich an Gott glaube,
wohl aber glaube ich, dass sie in Gott ist und Gott in ihr.
Nicht ist sie Gottes eingegrenztes Maß,
wohl aber ist Gott der Raum der Kirche.
So ist sie Gottes Haus und Braut des Herrn Christus.
Sie ist die leibhafte Gemeinschaft der Heiligen,
aller Gerechten, die sind und waren und kommen.
Größeres noch ist wahr: auch die Chöre der Engel
scharen sich selig zur alleinigen Kirche.
Denn der Apostel lehrt: «Versöhnt ist alles in Christus,
nicht nur auf Erden, auch was da lebt in den Himmeln!»
Gottesstadt nennt man die hehre Einheit,
Glutofen, der alles Gold zusammenschmilzt.
Sie ist mein Glaube, die eine Kirche,
katholisch, weil hinieden und droben,
zerstreut über die Welt und dennoch berufen,
einmal gebunden zu werden zu seliger Garbe,
wenn sie mit Christus in Ewigkeit herrscht.
Er ist das Haupt und die Kirche der Leib.

Dieses Leibes bin auch ich ein Glied,
rein aus göttlicher Gnade,
wenngleich nur ein kleines, ein schwaches.
Der Kirche will ich in Glaube und Werk
immer die Treue wahren,
das hoff ich vom Geber der Gaben.
In der Kirche, die heilig und eins,
dieser katholischen Mutter,
die bis an die Grenzen der Erde
alles mit Gottes Lobpreis erfüllt,
glaub ich festen Gemüts,
Gemeinschaft der Gnade zu erben.
Nicht auf eigenes Werk vertrau ich,
sondern auf Christi heiligen Blutstrom,
und auf das gnadenverdienende Beten
meiner heiligen Mutter, der Kirche.


Alkuin von York († 804)

Dienstag, 28. Juli 2015

Das Wort

Das Wort gleicht dem beschwingten Pfeil,
Und ist es einmal deinem Bogen
In Tändeln oder Ernst entflogen,
Erschrecken muß dich seine Eil'!

Dem Körnlein gleicht es, deiner Hand
Entschlüpft; wer mag es wiederfinden?
Und dennoch wuchert's in den Gründen
Und treibt die Wurzeln durch das Land.

Gleicht dem verlornen Funken, der
Vielleicht verlischt am feuchten Tage,
Vielleicht am milden glimmt im Hage,
Am dürren schwillt zum Flammenmeer.

Und Worte sind es doch, die einst
So schwer in deine Schale fallen:
Ist keins ein nichtiges von allen,
Um jedes hoffst du oder weinst.

O, einen Strahl der Himmelsau,
Mein Gott, dem Zagenden und Blinden!
Wie soll er Ziel und Acker finden?
Wie Lüfte messen und den Tau?

Allmächt'ger, der das Wort geschenkt,
Doch seine Zukunft uns verhalten,
Woll' selber deiner Gabe walten,
Durch deinen Hauch sei sie gelenkt!

Richte den Pfeil dem Ziele zu,
Nähre das Körnlein schlummertrunken!
Erstick ihn oder fach den Funken!
Denn, was da frommt, das weißt nur du.
(Annette von Droste-Hülshoff)

Mittwoch, 4. Februar 2015

Von David.

Nach Dir verlangt mich, Herr. 
Mein Gott, auf Dich nur hoffe ich.

Laß nimmer mich zuschanden werden!
Laß meine Feinde über mich nicht jubeln! 
Nicht einer, der auf Dich vertraut, wird je zuschanden.
Doch leer gehn aus die Abgefallenen. 

Belehre, Herr, mich über Deine Wege!
Gewöhne mich an Deine Pfade! 
In Deiner Treue leite mich!
Gewöhne mich daran!

Denn Du bist meines Heiles Gott;
stets hoffe ich auf Dich.

Gedenke Deiner Liebe, Herr,
und Güte! Sie sind von Ewigkeit.
Gedenk nicht meiner Jugendsünden, meiner Missetaten nicht!
Gedenk mir dessen nur, was Deiner Gnade würdig ist,
um Deiner Güte willen, Herr!

Der Herr ist gütig und wahrhaftig;
drum zeigt er Irrenden die rechte Bahn. 
Bedrückte leitet er, wie's richtig ist,
gewöhnt an seinen Weg die Dulder.  

Des Herrn Wege all' sind Lieb' und Treue
für die, die seinen Bund und seine Lehren halten.

Um Deines Namens willen, Herr,
vergib mir meine Schuld, so groß ist sie!

Ist irgendwo ein Mann in Furcht des Herrn,
so zeigt er ihm den Weg, den jener wählen soll.
Ihm ist das Glück auch hold;
sein Stamm ererbt das Land. 

Des Herrn Geheimnis eignet denen, die ihn fürchten;
in seinen Bund weiht er sie ein. 
Mein Auge schaut stets auf den Herrn;
denn meine Füße kann er vor dem Netz bewahren. 

Schau her auf mich! Sei gnädig mir!
Verlassen bin ich, elend.

Erweitere mein beklemmtes Herz!
Aus meinen Nöten rette mich! 
Schau meine Pein, mein Elend an!
Vergib mir alle meine Sünden! 

Betrachte meine Feinde, welche Menge,
den Haß, wie furchtbar sie mich hassen! 
Mein Leben schirme, rette mich,
damit ich nicht zuschanden werde! Ich harre Dein.  

Mir bleibe Unschuld!
Mir bleibe Redlichkeit! Ich harre Dein. 
Erlöse Israel aus allen seinen Nöten, Gott!

 
(Psalm 25 in der Übersetzung von Paul Rießler;
für eine Freundin, die den rechten Weg sucht.)

Dienstag, 30. Dezember 2014

O God of Earth and Altar

O God of earth and altar,
bow down and hear our cry,
our earthly rulers falter,
our people drift and die;
the walls of gold entomb us,
the swords of scorn divide,
take not thy thunder from us,
but take away our pride.

From all that terror teaches,
from lies of tongue and pen,
from all the easy speeches
that comfort cruel men,
from sale and profanation
of honor, and the sword,
from sleep and from damnation,
deliver us, good Lord!

Tie in a living tether
the prince and priest and thrall,
bind all our lives together,
smite us and save us all;
in ire and exultation
aflame with faith, and free,
lift up a living nation,
a single sword to thee.


(Gilbert Keith Chesterton, 1906)

Freitag, 26. September 2014

Der ewige Plan Gottes


Für alles gibt es eine Zeit;
und jedes Vorhaben
hat unterm Himmel eine Stunde.

Für das Geborenwerden gibt es eine Zeit
und eine Zeit fürs Sterben,
fürs Pflanzen eine Zeit
und eine Zeit, Gepflanztes auszureuten.

Fürs Töten gibt es eine Zeit
und eine Zeit fürs Heilen,
fürs Niederreißen eine Zeit
und eine Zeit fürs Aufbauen.

Fürs Weinen gibt es eine Zeit
und eine Zeit fürs Lachen,
fürs Klagen eine Zeit
und eine Zeit fürs Tanzen.

Fürs Steinewerfen gibt es eine Zeit
und eine Zeit fürs Steinesammeln
und fürs Liebkosen eine Zeit
und eine Zeit für das sich Meiden.

Fürs Suchen gibt es eine Zeit
und eine Zeit, verloren zu gehen,
fürs Aufbewahren eine Zeit
und eine Zeit, sich nicht darum zu kümmern.

Fürs Reißen gibt es eine Zeit
und eine Zeit fürs Nähen,
fürs Schweigen eine Zeit
und eine Zeit fürs Reden.

Fürs Lieben gibt es eine Zeit
und eine Zeit fürs Hassen,
für Kriege eine Zeit
und eine Zeit für Frieden.

Was nützt es dem, der etwas tut,
daß er sich müht?

Ich hab den Gegenstand erkannt,
den Gott den Menschenkindern gab,
damit sich zu befassen.

Das All hat Er zu seiner Zeit so schön gemacht;
dazu die Welt in seine Mitte hingestellt;
doch nie begreift der Mensch vom Anfang bis zum Schluß
das Werk, das einst die Gottheit machte.

So komm ich zur Erkenntnis:
Nichts Besseres gibt's für sie,
als sich zu freuen
und gütlich sich zu tun im Leben.

Wo immer nur ein Mensch ißt oder trinkt
und sich an aller seiner Mühe freut,
ist's eine Gottesgabe.

Ich weiß,
daß alles, was die Gottheit je verhängt,
für immer Geltung hat.
man kann dazu nichts tun
und auch davon nichts nehmen.
Die Gottheit hat das so gemacht,
daß man sich vor ihr fürchte.

Was ist, war längst,
was sein wird, schon gewesen.
Die Gottheit sucht verwehte Spuren auf. 


(Koh 3,1-15; Foto: Aus dem Kreuzgang im Stift Heiligenkreuz)

Freitag, 15. August 2014

in den Himmeln

O welch herrliches Licht strahlst du hernieder,
Kind, dem Königsgeschlecht Davids entsprossen,
Die erhaben du thronst, Jungfrau Maria,
Über Dunkel und Dunst hoch in den Himmeln.


Du hast, Mutter, dem Herrn englischer Heerschar
Mit jungfräulicher Scham, Keusche, die Stätte
Deiner heiligen Brust freundlich bereitet:
Und im Fleische ward Gott, Christus geboren,


Dem Anbetung und Preis bringen die Welten,
Dem die Knie sich hier demütig beugen,
Von dem unser Gebet, hilfst du uns bitten,
Fleht um Schwinden der Nacht, freuden des Lichtes.


Vater strahlenden Lichts, dieses vergönne
Mit dem eigenen Sohn, Heiligem Geiste,
Der im Glanze mit dir lebt in den Himmeln
Und beherrschend erhält alle Welten.


(Der Hymnus "O quam glorifica luce" des Hucbaldus de Sancto Amando - † 930 -,
der als "Erfinder des Mittelalters auf dem Gebiet der Musik" gilt;
Übersetzung von Friedrich Wolters)

Sonntag, 10. August 2014

Was Gebet ist

Prayer the church's banquet, angel's age,
         God's breath in man returning to his birth,
         The soul in paraphrase, heart in pilgrimage,
The Christian plummet sounding heav'n and earth
Engine against th' Almighty, sinner's tow'r,
         Reversed thunder, Christ-side-piercing spear,
         The six-days world transposing in an hour,
A kind of tune, which all things hear and fear;
Softness, and peace, and joy, and love, and bliss,
         Exalted manna, gladness of the best,
         Heaven in ordinary, man well drest,
The milky way, the bird of Paradise,
         Church-bells beyond the stars heard, the soul's blood,
         The land of spices; something understood.


(George Herbert, Prayer)

Mittwoch, 9. Juli 2014

Wer bin ich?

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich träte aus meiner Zelle
gelassen und heiter und feste
wie ein Gutsherr aus seinem Schloss.

Wer bin ich? Sie sagen mir oft,
ich spräche mit meinen Bewachern
frei und freundlich und klar,
als hätte ich zu gebieten.

Wer bin ich? Sie sagen mir auch,
ich trüge die Tage des Unglücks
gleichmütig, lächelnd und stolz,
wie einer , der Siegen gewohnt ist.

Bin ich das wirklich, was andere von mir sagen?
Oder bin ich nur das, was ich selbst von mir weiß?
Unruhig, sehnsüchtig, krank, wie ein Vogel im Käfig,
ringend nach Lebensatem, als würgte mir einer die Kehle,
hungernd nach Farben, nach Blumen, nach Vogelstimmen,
dürstend nach guten Worten, nach menschlicher Nähe,
zitternd vor Zorn über Willkür und kleinlichste Kränkung,
umgetrieben vom Warten auf große Dinge.
Ohnmächtig bangend um Freunde in endloser Ferne,
müde und leer zum Beten, zum Denken, zum Schaffen,
matt und bereit, von allem Abschied zu nehmen.

Wer bin ich? Der oder jener?
Bin ich denn heute dieser und morgen ein andrer?
Bin ich beides zugleich? Vor Menschen ein Heuchler
und vor mir selbst ein verächtlicher Schwächling?
Oder gleicht, was in mir noch ist, dem geschlagenen Heer,
das in Unordnung weicht vor schon gewonnenem Sieg?

Wer bin ich? Einsames Fragen treibt mit mir Spott.
Wer ich auch bin, Du kennst mich, Dein bin ich, o Gott.


(Dietrich Bonhoeffer; aus: "Widerstand und Ergebung")

Donnerstag, 19. Juni 2014

Nur Gnade


O fasse Mut; er ist dir nah!
Du hast sein Fleisch, sein heilig Blut
Genossen ja.
O meine arme Seele, fasse Mut;
Er ist ja dein, er ward dein Fleisch und Blut.


Nicht, wie ich sollte, reich und warm
Kam freilich ich zu deinem Mahl:
Ich war ein arm
Zerlumpter Gast; doch zitterte die Qual
In mir des Sehnens; Tränen sonder Zahl


Hab' ich vergossen in der Angst,
Die dennoch Freudeschauer war.
Sprich, warum bangst
Du vor der Arzenei so süß und klar,
Die Leben dir und Frieden bietet dar?


Wohl ist es furchtbar, seinen Gott
Zu einen mit dem sünd'gen Leib;
Es klingt wie Spott.
O Herr, ich bin ein schwach und wirres Weib,
Und stärker als die Seele ist der Leib!


So hab' ich schuldbeladen dir
In meiner Sünde mich vereint;
Doch riefst du mir
So laut wie Einem, der um Leben weint;
So ist es Gnade, was von oben scheint.


Und hast du des Verstandes Fluch
Zu meiner Prüfung mir gestellt:
Er ist ein Trug.
Doch hast du selber ja, du Herr der Welt,
Hast selber den Verführer mir gesellt.


Drum trau ich, daß du dessen nicht
Vergessen wirst an jenem Tag,
Daß dein Gericht
Mir sprechen wird: Den Irren seh' ich nach;
Dein Herz war willig, nur dein Kopf war schwach.


(Annette von Droste-Hülshoff, Das geistliche Jahr, Fronleichnam)

Mittwoch, 5. März 2014

Dr Bgnn dr Fstnzt


Weil der heutige Psalm 51 in der Messe völlig hirnrissig - aber wohl politisch korrekt - zerstückelt ist (Verse 3-4.5-6.12-13.14.17), sei er hier komplett gegeben (ELB):


Dem Chorleiter. Ein Psalm. Von David. 
Als der Prophet Nathan zu ihm kam, 
nachdem er zu Batseba eingegangen war.

Sei mir gnädig, Gott, nach deiner Gnade;
tilge meine Vergehen nach der Größe deiner Barmherzigkeit!
Wasche mich völlig von meiner Schuld,
 und reinige mich von meiner Sünde!

Denn ich erkenne meine Vergehen,
und meine Sünde ist stets vor mir.
Gegen dich,
gegen dich allein habe ich gesündigt und getan, was böse ist in deinen Augen;
damit du im Recht bist mit deinem Reden,
rein erfunden in deinem Richten.

Siehe, in Schuld bin ich geboren,
und in Sünde hat mich meine Mutter empfangen.
Siehe, du hast Lust an der Wahrheit im Innern, 
und im Verborgenen wirst du mir Weisheit kundtun.

Entsündige mich mit Ysop, und ich werde rein sein;
wasche mich, und ich werde weißer sein als Schnee.
Lass mich Fröhlichkeit und Freude hören,
so werden die Gebeine jauchzen, die du zerschlagen hast.

Verbirg dein Angesicht vor meinen Sünden,
und tilge alle meine Schuld!
Erschaffe mir, Gott, ein reines Herz,
und erneuere in mir einen festen Geist!

Verwirf mich nicht von deinem Angesicht,
und den Geist deiner Heiligkeit nimm nicht von mir!
Lass mir wiederkehren die Freude deines Heils,
und stütze mich mit einem willigen Geist!

Lehren will ich die von dir Abgefallenen deine Wege,
dass die Sünder zu dir umkehren.

Rette mich von Blutschuld, Gott, du Gott meines Heils,
so wird meine Zunge deine Gerechtigkeit jubelnd preisen.
Herr, tue meine Lippen auf,
dass mein Mund dein Lob verkünde.

Denn du hast keine Lust am Schlachtopfer, sonst gäbe ich es;
Brandopfer gefällt dir nicht.
Die Opfer Gottes sind ein zerbrochener Geist;
ein zerbrochenes und zerschlagenes Herz wirst du, Gott, nicht verachten.

Tue Zion Gutes in deiner Gunst, baue die Mauern Jerusalems!
Dann wirst du Lust haben an rechten Opfern, Brandopfern und Ganzopfern;
dann wird man Stiere darbringen auf deinem Altar.

Sonntag, 16. Februar 2014

Wähle: Feuer oder Wasser


Wer den Herrn fürchtet, handelt so,
und wer am Gesetz fest hält,
erlangt die Weisheit.

Sie geht ihm entgegen wie eine Mutter,
wie eine junge Gattin nimmt sie ihn auf.
Sie nährt ihn mit dem Brot der Klugheit
und tränkt ihn mit dem Wasser der Einsicht.
 
Er stützt sich auf sie und kommt nicht zu Fall,
er vertraut auf sie und wird nicht enttäuscht.
Sie erhöht ihn über seine Gefährten,
sie öffnet ihm den Mund in der Versammlung. 

Sie lässt ihn Jubel und Freude finden,
unvergänglichen Ruhm wird sie ihm verleihen.
Für schlechte Menschen ist sie unerreichbar,
Unbeherrschte werden sie nicht schauen. 

Den Zuchtlosen ist sie fern.
Lügner denken nicht an sie.
Schlecht klingt das Gotteslob im Mund des Frevlers,
es ist ihm von Gott nicht zugeteilt.

Im Mund des Weisen erklinge das Gotteslob
und wer dazu Vollmacht hat, unterrichte darin.
Sag nicht: Meine Sünde kommt von Gott.
Denn was er hasst, das tut er nicht.

Sag nicht: Er hat mich zu Fall gebracht.
Denn er hat keine Freude an schlechten Menschen.
Verabscheuungswürdiges hasst der Herr;
alle, die ihn fürchten, bewahrt er davor.

Er hat am Anfang den Menschen erschaffen
und ihn der Macht der eigenen Entscheidung überlassen.
Wenn du willst, kannst du das Gebot halten;
Gottes Willen zu tun ist Treue.

Feuer und Wasser sind vor dich hingestellt;
streck deine Hände aus nach dem, was dir gefällt.
Der Mensch hat Leben und Tod vor sich;
was er begehrt, wird ihm zuteil.

Überreich ist die Weisheit des Herrn;
stark und mächtig ist er und sieht alles.
Die Augen Gottes schauen auf das Tun des Menschen,
er kennt alle seine Taten. 

Keinem gebietet er zu sündigen
und die Betrüger unterstützt er nicht.

(Jesus Sirach, Kapitel 15)

Freitag, 7. Februar 2014

David, der Große

Hier (klick) habe ich vor ein paar Tagen die Tugendhaftigkeit Davids im Unterschied zur Torheit Sauls behandelt, weil David sich in seiner Sünde zu Gott wendete, während Saul trotzig wurde und Gott ob seiner Sündhaftigkeit zu fliehen suchte. Weshalb David von Gott schließlich zum Prototyp des Königs erhöht wurde und wir ihn (eigentlich) noch heute in der Kirche als Heiligen verehren, während Saul ins vergessen fiel.

Heute ließt die Kirche, genau am Übergang der Davidserzählung zum Bericht über dessen Sohn Salomo und dafür extra (und wie ich finde sehr passend) die Bahnlesung unterbrechend, das Lob auf David, das uns in den "Preisungen der Väter" im Buch Jesus Sirach (in den Kapiteln 44 bis 50; hier: 47, 2-11) überliefert ist. Direkt davor wurden die Richter und der Prophet Samuel gelobt, anschließend wird Salomo in seiner Weisheit, aber auch in seiner Torheit besungen werden. Saul taucht nicht auf. Er wird überhaupt nur in den Geschichtsbüchern behandelt und in einigen wenigen Psalmen beiläufig erwähnt - soviel zu seiner Wirkunsgeschichte. Ich zitiere mal aus der Übersetzung von Paul Rießler (Die heilige Schrift des Alten Bundes Bd. II, 1928), weil sie mir um längen lyrischer dünkt, als die Einheitsübersetzung.



Ein Nierenstück, getrennt vom Feueropfer,
ist David bei den Söhnen Israels.
Er spielte mit den Löwen, wie mit Ziegenböcken,
mit Bären, wie mit Lämmern aus der Herde.

Erlegte er nicht in der Jugend schon den Riesen
und nahm die Schmach vom Volke weg?
Er schwang mit aufgehobner hand die Schleuder
und warf den Hochmut Goliaths darnieder.

Er rief zum höchsten Herrn
und Er verlieh ihm Seiner Rechten Kraft,
den Mann zu töten, der im Kriege mächtig,
und zu erhöhen seines Volkes Macht.

So gab er ihm den Ruhm von zehnmal Tausenden
und ließ mit Herrngesang ihn preisen,
nachdem er ihm die Siegeskrone zugewandt.
Denn ringsumher rieb er die Feinde auf,
vernichtete die Widersacher, die Philister,
zerbrach bis auf den heutigen Tag ihr Horn.

Er brachte Lobpreis dar für jene seiner Taten
dem Heiligen, dem Höchsten, in gar schönen Worten;
aus ganzem Herzen sang er ihm
und war mit Liebe seinem Schöpfer zugetan.
Er stellte vor den Altar Sänger
und ihr Gesang floß hin zu süßen Liedern.

Er gab den Festen das Gepräge
und stattete die Festgezeiten bis zum Ende prächtig aus,
indem sie seinen heiligen Namen priesen
mit Liedern, die von morgens früh im Heiligtum erschallten.

Der Herr nahm seine Sünden weg,
erhob für alle Zeiten seine Macht,
gab ihm des Königtums Vermächtnis
und den erhabnen Thron in Israel.

Donnerstag, 30. Januar 2014

Lied vom Glück

Bild von hier
 Das Schiff läuft durch die Flut
Der Schiffer träumt vom Land
Er sieht viel goldene Häuser stehn
Am blassen Himmelsrand.
Bewacht die Feuer im Kessel
Steruert und rechnet gut
Dass ihr durch alle die Stürme
Kommt über alle die Flut.

Und wie der Schiffer träumt
von einer guten Stadt
So wissen wir dass jedes Meer
Doch eine Küst hat.
Drum rührt geschäftig die Hände
Legt euer Herz hinein
Will doch das Glück erst erkämpfet sein
Kommt es nicht von allein.

Die Arbeit ist nicht Fluch
für die nicht Sklaven sind
ist Milch und Tuch und Schuh und Buch
Und wie dem Segler der Wind.
Das Werk es will euch beschenken
Ruft euch und ist bereit
Müßt für es schaffen und denken
Dass es euch wächst und gedeiht.

Das Kind liegt in der Wiege
Es ruft zur Mittagsstund
Muß Milch und Weissbrot kriegen
Da wird es groß und rund.
Das Kind es kann nicht klein bleiben
Auch wenn es selber wollt
Das ist, warum es so laut ruft
Dass ihr ihm Milch geben sollt.

Der Setzling wird ein Baum
Der Grundstein wird ein Haus
Und haben wir erst Haus und Baum
Wird Stadt und Garten draus.
Und weil uns unsere Mütter
Nicht für das Leid geborn
Haben wir alle gemeinsam

Glücklich zu leben geschworn.

(Bertolt Brecht)

Samstag, 11. Januar 2014

Erinnerung der herrlichen und lieblichen Gegenwart Gottes


Gott ist gegenwärtig. Lasset uns anbeten
Und in Ehrfurcht vor ihn treten.
Gott ist in der Mitte. Alles in uns schweige
Und sich innigst vor ihm beuge.
Wer ihn kennt,      Wer ihn nennt,
Schlag die Augen nieder;
Kommt, ergebt euch wieder.

Gott ist gegenwärtig, dem die Cherubinen
Tag und Nacht gebücket dienen.
Heilig! heilig! singen alle Engel-Chören,
Wann sie dieses Wesen ehren.
Herr, vernimm      Unsre Stimm,
Da auch wir Geringen
Unsre Opfer bringen.

Wir entsagen willig allen Eitelkeiten,
Aaller Erdenlust und Freuden;
Da liegt unser Wille, Seele, Leib und Leben
Dir zum Eigentum ergeben.
Du allein      sollst es sein, 
Unser Gott und Herre,
Dir gebührt die Ehre.

Majestätisch Wesen! Möcht ich recht dich preisen
Und im Geist dir Dienst erweisen!
Möcht ich wie die Engel immer vor dir stehen
Und dich gegenwärtig sehen!
Lass mich dir      für und für
Trachten zu gefallen,
Liebster Gott, in allem.

Luft, die alles füllet! drin wir immer schweben,
Aller Dinge Grund und Leben,
Meer ohn Grund und Ende! Wunder aller Wunder!
Ich senk mich in dich hinunter.
Ich in dir,      Du in mir,
Lass mich ganz verschwinden,
Dich nur sehn und finden.

Du durchdringest alles: lass dein schönstes Lichte,
Herr, berühren mein Gesichte.
Wie die zarten Blumen willig sich entfalten
Und der Sonne stille halten,
Lass mich so,      Still und froh,
Deine Strahlen fassen
Und dich wirken lassen.

Mache mich einfältig, innig, abgeschieden,
Sanft und still in deinem Frieden;
Mach mich reines Herzens, dass ich deine Klarheit
Schauen mag in Geist und Wahrheit;
Lass mein Herz      Überwärts
Wie ein' Adler schweben
Und in dir nur leben.

Herr, komm in mir wohnen, lass mein' Geist auf Erden
Dir ein Heiligtum noch werden;
Komm, du nahes Wesen, dich in mir verkläre,
Dass ich dich stets lieb und ehre.
Wo ich geh,      Sitz und steh,
Lass mich dich erblicken
Und vor dir mich bücken.

(Gerhard Tersteegen, † 1769; im neuen Gotteslob ist dieses Gedicht des Pietisten Tersteegen mit allen acht Strophen in einer leicht modifizierten Fassung und mit einer Melodie von Joachim Neander enthalten - ich habe es bisher im Gotteslob schmerzlich vermisst!)

Samstag, 4. Januar 2014

Bitter-Sweet


Ah my dear angry Lord,
Since thou dost love, yet strike;
Cast down, yet help afford;
Sure i will do like.

I will complain, yet praise;
I will bewail, approve;
And all my sour-sweet days
I will lament, and love.

(George Herbert, † 1633. Das Bild, "Jakobs Traum" von Chagall, vereint viele Einzelbilder der Heilsgeschichte: von der Opferung Isaaks unten rechts, über die Himmelsleiter Jakobs bis zur Kreuzigung...)