Mittwoch, 2. Juni 2021

Verbot der "Weihe" von Frauen

Das erneuerte Strafrecht bietet insbesondere eine Neuerung, die in Deutschland bestimmt viel Resonanz hervorrufen wird. 

 

Bislang galt: "Die heilige Weihe empfängt gültig nur ein getaufter Mann." (c. 1024) und c. 1379 schrieb ganz allgemein vor, dass mit einer "gerechten Strafe belegt werden" "soll", wer eine "Sakramentenspendung vortäuscht". Nun konnte man c. 1024 ignorieren und behaupten, c. 1379 treffe ja gar nicht auf etwaige Diakoninnenweihe und dergleichen. So konnte man korrekt feststellen, dass nirgendwo im Kirchenrecht explizit drinsteht, dass man einer Frau nicht die Weihe spenden darf! Außerdem ist "soll mit einer gerechten Strafe belegt werden" eine ausgesprochen lasche Formulierung, an die sich offenbar niemand mit Verantwortung so recht gebunden wissen wollte. Es ist ebne nur eine "soll", keine "muss" Vorschrift, und "gerechte Strafe" scheint im Ermessen des Einzelnen zu liegen.

Damit ist es nun vorbei. Im neuen Canon 1379, §3 heißt es nun: 

»Jeder, der einer Frau die heilige Weihe zu spenden versucht, wie auch die Frau, welche die heilige Weihe zu empfangen versucht, zieht sich die dem Apostolischen Stuhl vorbehaltene Exkommunikation als Tatstrafe zu; ein Kleriker kann darüber hinaus mit der Entlassung aus dem Klerikerstand bestraft werden.«

 

Damit ist dreierlei klar: 

1. Es wird ausdrücklich der Versuch einer Weihe von Frauen (mulieres) als rechtswidrig verworfen (implizit ist damit nochmals bestätigt, dass so eine Weihe nicht möglich ist: es ist bloß der Versuch).

2. Wie c. 1024 betrifft diese Norm nicht bloß die "Priesterweihe", sondern jede "heilige Weihe" (sacrum ordinem).

3. Es gibt keine "soll" Vorschrift mit unklarem Strafmaß mehr, sondern ein solcher Versuch hat nun die Exkommunikation als Tatstrafe (latae sententiae) zur Folge (d.h. die Exkommunikation tritt im Moment des "Versuchs" automatisch ein).


Tja... und nun, Herr Bätzing?


PS. Ich bin überhaupt sehr froh um den ganzen neuen Abschnitt "Straftaten gegen die Sakramente" (cc. 1378-1389), den es vorher nicht gab und dessen Canones bisher anderweitig (etwa unter "Verletzung der Amtspflichten") verteilt und weniger deutlich waren.

Dienstag, 1. Juni 2021

Zum erneuerten kirchlichen Strafrecht

Papst Benedikt XVI. im Interview mit Peter Seewald in „Licht der Welt“ 2010 (aus JRGS 13/2, 865):

»[Seewald:] Es ist nicht nur der Missbrauch, der erschüttert, es ist auch der Umgang damit. Die Taten selbst wurden über Jahrzehnte ver schwiegen und vertuscht. Eine Bankrotterklärung für eine Institution, die sich die Liebe auf ihr Banner geschrieben hat.

[Ratzinger:] Dazu hat mir der Erzbischof von Dublin etwas sehr Interessantes gesagt. Er sagte, dass das kirchliche Strafrecht bis in die späten 1950er-Jahre hinein funktioniert hat; es war zwar nicht vollkommen – vieles ist daran zu kritisieren –, aber immerhin: Es wurde angewandt. Doch seit der Mitte der 1960er-Jahre wurde es einfach nicht mehr angewandt. Es herrschte das Bewusstsein, die Kirche dürfe nicht Rechtskirche, sondern müsse Liebeskirche sein; sie dürfe nicht strafen. So war das Bewusstsein dafür, dass Strafe ein Akt der Liebe sein kann, erloschen. Damals kam es auch bei ganz guten Leuten zu einer merkwürdigen Verdunkelung des Denkens. Heute müssen wir wieder neu erlernen, dass die Liebe zu dem Sünder und die Liebe zu dem Geschädigten dadurch im rechten Ausgleich stehen, dass ich den Sünder in der Form bestrafe, die möglich und die angemessen ist. Insofern gab es in der Vergangenheit eine Bewusstseinsveränderung, durch die eine Verdunkelung des Rechts und der Notwendigkeit von Strafe eingetreten ist – letztendlich auch eine Verengung des Begriffs von Liebe, die eben nicht nur Nettigkeit und Artigkeit ist, sondern die in der Wahrheit ist. Und zur Wahrheit gehört auch, dass ich denjenigen strafen muss, der gegen die wirkliche Liebe gesündigt hat.«


Papst Franziskus in der Apostolischen Konstitution Pascite gregis Dei vom 23. Mai 2021, mit der das Buch VI des Codex des kanonischen Rechtes erneuert wird (hier):

»Die Beachtung und Respektierung der Strafdisziplin der Kirche ist Aufgabe des ganzen Volkes Gottes, aber die Verantwortung für ihre korrekte Anwendung ist […] in besonderer Weise den Hirten und den Oberen der einzelnen Gemeinschaften aufgetragen. Es ist eine Aufgabe, die in untrennbarer Weise mit dem munus pastorale verbunden ist, das ihnen anvertraut wird. Sie soll als konkretes und unverzichtbares Erfordernis der Liebe gegenüber der Kirche, der christlichen Gemeinschaft und der eventuellen Opfer ausgeübt werden, aber auch gegenüber demjenigen, der eine Straftat begangen hat und der, zusammen mit der Barmherzigkeit, auch der Korrektur von Seiten der Kirche bedarf.

Das Unverständnis für den engen Zusammenhang, der in der Kirche zwischen der Ausübung der Liebe und der Umsetzung der Strafdisziplin besteht – immer, wenn es die Umstände und die Gerechtigkeit erforderlich machen –, haben in der Vergangenheit viel Schaden verursacht. Diese Art des Denkens – die Erfahrung lehrt uns das – steht in der Gefahr, dahin zu führen, dass man mit Gewohnheiten lebt, die der Rechtsordnung entgegenstehen und denen nicht nur durch Ermahnungen und mit Ratschläge begegnet werden kann. Eine solche Situation bringt oft die Gefahr mit sich, dass sich eine bestimmte Lebensweise im Laufe der Zeit verfestigt, eine Korrektur schwieriger macht und in vielen Fällen Ärgernis und Verwirrung unter den Gläubigen hervorruft. Aus diesem Grund ist die Anwendung der Strafen von Seiten der Hirten und der Oberen notwendig. Die Nachlässigkeit eines Hirten bei der Anwendung des Strafrechts macht deutlich, dass er seine Aufgabe nicht recht und treu ausübt […].

Es ist tatsächlich die Liebe, die es erforderlich macht, dass die Hirten das Strafsystem immer dann anwenden, wenn es erforderlich ist, und dabei die drei Ziele beachten, die es notwendig machen, nämlich die Wiederherstellung der Erfordernisse der Gerechtigkeit, die Besserung des Straftäters und die Beseitigung von Ärgernissen.«

 

Can. 1365 fand sich zuvor unter der Nummer 1371. Er ist also von den "Straftaten gegen die kirchliche Autorität und die Ausübung des kirchlichen Amtes" gewandert zu den "Straftaten gegen den Glauben und die Einheit der Kirche". Ob er nun auch vermehrt zu Anwendung kommt?

»Wer außer dem in can. 1364 § 1 genannten Fall [Apostasie, Häresie, Schisma] eine vom Papst oder einem Ökumenischen Konzil verworfene Lehre vertritt oder eine der in can. 750 § 2 oder in can. 752 behandelten Lehren hartnäckig ablehnt und, nach Verwarnung durch den Apostolischen Stuhl oder den Ordinarius nicht widerruft, ist mit einer Beugestrafe und Amtsverlust zu bestrafen; diesen Strafen können andere der in can. 1336 §§ 2-4 genannten Strafen hinzugefügt werden.«
 

Sonntag, 30. Mai 2021

Symbolum Athanasianum

John Henry Newman schätzte das aus dem 6. oder 7. Jahrhundert stammende sog. „Athanasianische Glaubensbekenntnis“ über alles, weil es die Essenz des christlichen Glaubens in unübertrefflicher Klarheit und Eindeutigkeit formuliert... früher wurde es am Sonntag Trinitatis im Stundengebet gebetet, heute ist es fast völlig in Vergessenheit geraten (auch der KKK erwähnt es nur einmal eher beiläufig).


Wer er immer selig werden will, der muss vor allem den katholischen Glauben fest halten.
Wer diesen nicht in seinem ganzen Umfange und unverletzt bewahrt, wird ohne Zweifel ewig zugrunde gehen.

Es ist aber katholischer Glaube, dass wir einen Gott in der Dreifaltigkeit und die Dreifaltigkeit in der Einheit anbeten.
Ohne Vermengung der Personen und ohne Trennung der Wesenheit.
Denn verschieden ist die Person des Vaters, die des Sohnes und die des Heiligen Geistes.
Aber nur eine Gottheit ist im Vater und im Sohne und im Heiligen Geiste, gleich ist Ihre Herrlichkeit, gleich ewig Ihre Majestät.
Wie der Vater, so der Sohn, so der Heilige Geist.
Unerschaffen ist der Vater, unerschaffen der Sohn, unerschaffen der Heilige Geist.
Unermesslich ist der Vater, unermesslich der Sohn, unermesslich der Heilige Geist.
Ewig ist der Vater, ewig der Sohn, ewig der Heilige Geist.
Und doch sind es nicht drei Ewige, sondern nur ein Ewiger.
Wie auch nicht drei Unerschaffene und nicht drei Unermessliche, sondern ein Unerschaffener und ein Unermesslicher.
In gleicher Weise ist allmächtig der Vater, allmächtig der Sohn, allmächtig der Heilige Geist.
Und doch sind es nicht drei Allmächtige, sondern ein Allmächtiger.
Ebenso ist der Vater Gott, der Sohn Gott, der Heilige Geist Gott.
Und doch sind es nicht drei Götter, sondern es ist nur ein Gott.
Ebenso ist der Vater Herr, der Sohn Herr, der Heilige Geist Herr.
Und doch sind es nicht drei Herren, sondern nur ein Herr.
Denn wie wir nach Vorschrift der christlichen Lehre jede Person einzeln für sich als Gott und Herrn bekennen, so verbietet uns anderseits der katholische Glaube, drei Götter oder Herren anzunehmen.

Der Vater ist von niemand gemacht, auch nicht geschaffen, auch nicht gezeugt.
Der Sohn ist vom Vater nicht gemacht, nicht geschaffen, sondern gezeugt.
Der Heilige Geist ist vom Vater und Sohn, nicht gemacht, nicht geschaffen, nicht gezeugt, sondern hervor gehend.
Es ist also ein Vater, nicht drei Väter; ein Sohn, nicht drei Söhne; ein Heiliger Geist, nicht drei Heilige Geister.
Und in dieser Dreieinigkeit ist nichts früher oder später, nichts größer oder kleiner, sondern alle drei Personen sind sich gleich ewig und voll kommen gleich.
So ist in allem, wie schon vorhin gesagt, die Einheit in der Dreifaltigkeit und die Dreifaltigkeit in der Einheit anzubeten.

Wer daher selig werden will, muss in dieser Weise an die heiligste Dreifaltigkeit glauben. Zum ewigen Heile ist es weiterhin notwendig, dass man auch an die Menschwerdung unseres Herrn Jesus Christus aufrichtig glaube.

Der wahre Glaube fordert also, dass wir glauben und bekennen: dass Jesus Christus, der Sohn Gottes, Gott und Mensch zugleich ist.
Gott ist Er, weil Er aus der Wesenheit des Vaters von Ewigkeit her gezeugt, und Mensch ist Er, weil Er aus dem Leibe der Mutter in der Zeit geboren ist.
Vollkommener Gott und vollkommener Mensch, der aus einer vernünftigen Seele und einem menschlichen Leibe besteht.
Er ist dem Vater gleich der Gottheit nach, Er ist geringer als der Vater der Menschheit nach.
Obgleich Er Gott und Mensch zugleich ist, so sind doch nicht zwei, sondern nur ein Christus.
Einer aber, nicht als ob die Gottheit in Fleisch verwandelt wäre, sondern weil Gott die Menschheit angenommen hat.
Einer ganz und gar, nicht durch Vermischung der Wesenheit, sondern durch Einheit der Person.
Denn wie die vernünftige Seele und das Fleisch nur einen Menschen ausmachen, so ist auch Gott und Mensch nur ein Christus.

Um unseres Heiles willen hat Er gelitten, ist zur Hölle abgestiegen und am dritten Tage wieder von den Toten auferstanden;
Er ist in den Himmel auf gefahren, sitzet zur rechten Hand Gottes, des allmächtigen Vaters, von dannen Er kommen wird, zu richten die Lebendigen und die Toten.
Bei Seiner Ankunft werden alle Menschen auferstehen mit ihren Leibern und Rechenschaft ablegen über ihre eigenen Handlungen.
Und die, welche Gutes getan, werden hingehen zum ewigen Leben; die aber Böses getan, werden eingehen ins ewige Feuer.

Das ist der katholische Glaube; wer diesen nicht getreulich und fest bekennt, kann nicht selig werden.


[entnommen aus der deutschen Ausgabe des Breviarium Romanum von P. Morant, 1965]


Hat nicht speziell mit dem Athanasianum zutun: Etwas skurril fand ich es heute in der Predigt (fremder Prediger) als gegen Ende wie aus dem Nichts gegen die seit dem Mittelalter oft anzutreffende Darstellung des Gnadenstuhles (s. Bild) geschossen wurde (die Predigt war insgesamt eher flach und wenig erbaulich). Diese Darstellung sei kalt und starr und nicht einladend. Diese Bemerkung trug zum Thema der Predigt nichts bei und war im Grunde überflüssig.

Zunächst muss man wissen, dass unter „Gnadenstuhl“ eine ganze Palette an Nuancen zu finden ist. Wesentlich ist, dass Gott Vater seinen Sohn (mit oder ohne Kreuz) hält und (meist) der Heilige Geist in Gestalt der Taube bei ihnen ist. Eng verwandt ist die Darstellung der Taufe Jesu mit der Hand Gottes im Himmel, die den Geist als Taube auf Jesus herabsendet. Es gibt sogar Varianten als „Pietà“, wo Jesus im Schoß des sitzenden Vaters liegt, was, mittelalterlicher Mystik entsprechend, die Trauer des Vaters besonders stark ausdrückt (manchmal hat der Vater auch die gleichen Wundmale, das ist aber theologisch eher fragwürdig). Der Prediger hatte wohl eine frontale Darstellung mit Kreuz im Sinn. Trotzdem ist seine Äußerung fragwürdig: Mag ja sein, dass in seinem Kunstempfinden eine bestimmte Variante des Gnadenstuhls keine besonders einladende oder schöne oder sinnvolle Darstellung ist, aber so eine persönliche, pauschale, hingeworfene, und zudem wenig erleuchtete „Kunstkritik“ gehört nicht in eine Predigt. Aber sei's drum...

Dabei hätte so ein Verweis auf diese Darstellungsweise der Trinität an diesem Trinitatis-Sonntag eine Steilvorlage für eine nicht nur biblische, sondern auch liturgische Predigt geboten: Der „Gnadenstuhl“ ist nämlich untrennbar vom Römischen Kanon (1. Hochgebet), dem er bis heute (nur nicht im deutschen, völlig schmucklosen Messbuch) oft vorangestellt ist: "Dich, gütiger Vater, bitten wir durch deinen Sohn, unseren Herrn Jesus Christus…" Im Grunde ist diese Darstellungsweise eine Verbildlichung dieses Hochgebets, insbesondere der drei auf die Wandlung folgenden Gebete:

Darum, gütiger Vater, feiern wir, deine Diener und dein heiliges Volk, das Gedächtnis deines Sohnes, unseres Herrn Jesus Christus. Wir verkünden sein heilbringendes Leiden, seine Auferstehung von den Toten und seine glorreiche Himmelfahrt. …“
Blicke versöhnt und gütig darauf nieder und nimm sie an…“
Wir bitten dich, allmächtiger Gott: Dein heiliger Engel trage diese Opfergabe auf deinen himmlischen Altar vor deine göttliche Herrlichkeit…“

Der Vater empfängt seinen Sohn, nachdem „alles vollbracht“ war (vgl. Joh 19,28-30), zurück, und er gibt ihn zugleich, reicht ihn uns dar zur Speise im Sakrament.

Die früheste Darstellung in Verbindung mit der Bezeichnung „Gnadenstuhl“ zeigt Gottvater, wie er den Gekreuzigten hält, und zwar über dem „Deckel“ der Bundeslade, denn der (neuzeitliche) Begriff „Gnadenstuhl“ stammt aus der Lutherübersetzung von Hebr 4,16; das gleiche griechische Wort meint in Hebr 9,5 den „Deckel“ der Bundeslade (vgl. Ex 37,6: Sühneplatte) und bezeichnet somit aus alttestamentlichem Blickwinkel nichts weniger als den Ort der Offenbarung Gottes. (Genau wie das Athanasianische Credo, das sich auch unter den lutherischen Bekenntnisschriften findet, ist also auch die Gnadenstuhl-Darstellung ausgesprochen ökumenisch.) Wiederum das gleiche Wort gebraucht Paulus in Röm 3,25 („Sühnopfer“) und er beschreibt damit wunderschön, was wir in einer solchen Darstellung sehen:

»Ihn hat Gott aufgerichtet als Sühnemal - wirksam durch Glauben - in seinem Blut, zum Erweis seiner Gerechtigkeit durch die Vergebung der Sünden, die früher, in der Zeit der Geduld Gottes, begangen wurden; ja zum Erweis seiner Gerechtigkeit in der gegenwärtigen Zeit, um zu zeigen: Er selbst ist gerecht und macht den gerecht, der aus Glauben an Jesus lebt.«

Nicht starr und kalt ist diese Darstellung, die es immerhin seit über 700 Jahren gibt, sondern ausgesprochen warm, denn sie stellt das Heilsmysterium selbst dar, das Gott Vater, Sohn und Heiliger Geist für uns vollbracht haben und vollbringen. Es ist hoch dynamisch: Der Sohn hat uns erlöst, der Vater empfängt ihn und gib ihn zugleich, der Geist wirkt und beschirmt das Heilsgeschehen mit seinen sprichwörtlichen Flügeln. Das Athanasianische Glaubensbekenntnis macht passend dazu überdeutlich, dass und wie wir diesen einen Gott in drei Personen anbeten...

Freitag, 28. Mai 2021

Josephs-Litanei


Ida Friederike Görres

Entwurf zu einer Josephs-Litanei



Joseph,

du Schatten des Ewigen Vaters,

du Pflegevater des Ewigen Sohnes,

du Jünger des Heiligen Geistes,

Auserwählter des Dreieinigen Gottes.


Joseph,

Haupt der Heiligen Familie,

Gemahl der Gottesmutter,

Ernährer des Menschensohnes,

Vormund des Ewigen Wortes,

Erzieher Jesu,

Hüter deines Herrn,

Schützer der Quelle,

Bewahrer der Geheimnisse,

Wächter unsres Heiles,


Joseph, 

du Ehre Israels,

du Sohn Davids,

mit Maria verlobt,

von Zweifeln zerrissen,

von Engeln getröstet,

von Engeln belehrt,

von Träumen erleuchtet.

das Gesetz erfüllend,

von Gnade überwältigt,

Zeuge der Geburt Christi,

Flüchtling in Ägypten,

Zimmermann in Nazareth.


Joseph,

du gerechter Mann,

du treuester Knecht,

staunend und schweigend,

vollkommen in Einfalt,

Fels der Geduld,

demütig und weise,

großmütig und stark,

jedem Wink Gottes bereit,

allzeit gehorchend,

allzeit entsagend

glaubend ohne zu sehen,

lebend aus Vertrauen,

bewährt in der Liebe,

sterbend in der Erwartung,

harrend vor der Schwelle,

heimgeholt in der Himmelfahrt des Herrn.


Joseph,

Freund der Familien,

Spiegel der Ehen,

Beschützer der Kinder,

Vorbild der Priester,

Leuchte des Alltags,

Führer in Gefahren,

Geleiter ins Ungewisse,

Patron der Kinderlosen,

Tröster der Verzichtenden,

Ernährer der Armen.


Joseph,

gesegnet und selig,

erhöht von der Dankbarkeit Jesu,

gekrönt mit Herrlichkeit,

Fürst im Hause Gottes,

waltend über seine Güter,

austeilend Speise zur rechten Zeit,

mächtigster Fürbitter,

Schutzherr der Kirche, bitte für uns, Amen.



Bin ein großer Fan von Ida Friederike Görres. Habe aber der beiläufigen Erinnerung durch Hanna-Barbara Gerl-Falkowitz (bei der heute und morgen in Heiligenkreuz stattfindenden Tagung über „Eros und Jungfräulichkeit“) bedurft, um, anlässlich des Josephsjahres, die Josephslitanei jener selbigen Ida Görres auszubuddeln. Ich wusste, dass es sie gibt, habe das entsprechende Buch auch da, aber sie war mir entschwunden... Hier ist sie zu finden: Ida Friederike Görres, Aus der Welt der Heiligen, Frankfurt a. M. 1955, 140f.

Wie Theologie heute funktioniert - 2

Am 30. April fand eine Fachtagung der zum Bistum Essen gehörigen "Katholischen Akademie Die Wolfsburg" unter dem Titel "Segen für alle. Segensfeiern für gleichgeschlechtliche Paare" statt. Der Essener Generalvikar Pfeffer begrüßte und führte in die Tagung. Alle Vorträge können seit einer Woche HIER angesehen werden. Dabei kamen Vertreter vieler theologischer Disziplinen zu Wort und verkündeten einmütig und nicht wenig traurig/verbittert ("froh" war da wohl keiner... komisch), dass die Segnung gleichgeschlechtlicher Verbindungen ein Gebot der Stunde sei und im übrigen sowieso keine tragfähigen Argumente dagegen stünden. Ich finde diese Tagung bedenkenswert, weil sie den theologischen Mainstream in Deutschland mit allen Abgründigkeiten sehr zutreffend repräsentiert.


Ich habe mir nicht alles angesehen, aber besonders heraus sticht für mich bisher der Vortrag des Tübinger Neutestamentlers Michael Theobald. Im Kern argumentiert er: Weil die Bibel nichts davon wisse, dass Homosexualität auch Veranlagung sei, wie wir sie heute verstünden, urteile sie folglich gar nicht über den sittlichen Wert dessen, was heute darunter verstanden wird (aber in Gal 3,28 ließt Theobald dann doch Homo- und Heterosexuelle hinein, wobei er diese Stelle sowieso dermaßen grundfalsch versteht, dass es der Beschreibung spottet [nur soviel: es hat was mit der Taufe zutun!]). Über die Aussagen des Apostels Paulus am Beginn des Römerbriefes sagt er: "Wenn Gott die Menschen zur Strafe für ihren Götzendienst an ihre sündhafte Leidenschaften preisgibt [so Paulus], kann hier nicht von Veranlagung die Rede sein, sondern nur von entschlusshaften, sündhaften Taten, die unter das Gericht Gottes fallen."

Damit sagt er nichts anderes, als dass Gottes Gebote dann nicht gelten, wenn eine Handlung "aus Veranlagung" getan wird. Die Gebote gelten nur für "entschlusshafte" Taten (implizit mitgesagt: gegen die eigene Veranlagung). Damit entmündigt Theobald faktisch alle, die eine homosexuelle Veranlagung haben und sie ausleben, er sagt ihnen: Ihr könnt nichts dafür, ihr müsst so handeln, es ist eure Veranlagung; aber keine Sorge, dafür verurteilt euch Gott nicht, denn er hat euch schließlich so geschaffen.

Dass Menschen trotz Veranlagung auch anders handeln können, kommt ihm nicht in den Sinn. Auch nicht, dass mit dem exakt gleichen Argument z.B. auch Pädophile endgültig rehabilitiert sind: Die können nichts dafür, sie sind eben pädophil veranlagt, darum können wir das nicht als Sünde verurteilen. Dass Paulus mit der ganzen jüdischen Tradition gleichgeschlechtlichen Verkehrt als "widernatürlich" klassifiziert, wischt er mit einem Zitat des evangelischen Neutestamentlers Michael Wolter hinweg: "Was Menschen[!] als natürliches und als widernatürliches Handeln bezeichnen, ist in Wahrheit nichts anderes, als eine kulturelle Konstruktion."

Das gilt dann folglich auch für Pädophilie, Inzest, Sodomie, Nekrophilie...? Nicht Gottes Wille, sondern alles nur gesellschaftliche Konstruktion.


Theobald versucht am Beginn seines Vortrags auch, seinen Hörern zu verklickern, dass man in Rom geteilter Meinung zu dem Thema sei: Die Päpstliche Bibelkommission (die zur Kongregation für die Glaubenslehre gehört) sei demnach einer ganz anderen Meinung als die Kongregation für die Glaubenslehre. Das kann er natürlich nur behaupten, weil er das Dokument jener Kommission von 2019 "Was ist der Mensch?" (hier; der entsprechende Abschnitt ist hier auf Deutsch verfügbar) sehr selektiv zitiert und für den Rest seines Vortrags das Gegenteil von dem behauptet, was die Bibelkommission sagt.

Montag, 24. Mai 2021

Gedanken zum "synodalen Prozess"

Ein paar erste einordnende Gedanken und Hinweise zum in diesem Jahr startenden synodalen Prozess der Weltkirche:


1) Schon allein sprachlich wird man sich hierzulande viel Mühe geben, den weltweiten synodalen Prozess als Ausweitung des deutschen suizidalen Weges zu verkaufen indem man z.B. den schwachsinnigen Namen „synodaler Weg“ („gemeinsamer Weg Weg“) dafür verwendet. Man reklamiert jetzt schon für sich, diesen weltweiten Prozess (mit) inspiriert zu haben, ja dessen „Wegbereiter“ zu sein. Natürlich stimmt das nicht, allein schon deshalb, weil der deutsche „synodale Weg“ 1. rechtswidrig ist (siehe den Brief von Kardinal Ouellet an Marxens vom September 2019) und 2. alle seine Themen bereits von Rom kassiert worden sind. Der suizidale Weg in Deutschland ist per Definition nicht synodal, weil er nicht die Spielregeln einer Synode befolgt. Das Wort synodal im Namen macht es nicht automatisch zu einer Synode - so wenig wie Zitronenfalter Zitronen falten. Das ist ja auch der Grund, warum man ihn so bekloppt benannt hat, statt ihn „Synode“ zu nennen: Man wollte das für „Synoden“ verbindliche Reglement umgehen, und hat dafür in Kauf genommen, ein kirchenrechtlich nicht existentes Etwas zu erschaffen, das folglich auch keine rechtliche Verbindlichkeit für irgendwen beanspruchen kann. (Die „Würzburger Synode“ von 1971-75 hat übrigens auch keinerlei Rechtsgültigkeit, da ihre Beschlüsse von Rom nicht approbiert wurden, aber das nur am Rande. Irgendwie können wir Deutschen Synode nicht.)

2) Natürlich hat der weltweite synodale Prozess auch aus sich heraus nichts mit dem deutschen suizidalen Weg seit 2019 zutun oder gemein: Jener wurde im Grunde bereits 2015 vom Papst zwischen den Zeilen angekündigt als er sagte: „Die Welt, in der wir leben und die in all ihrer Widersprüchlichkeit zu lieben und ihr zu dienen wir berufen sind, verlangt von der Kirche eine Steigerung ihres Zusammenwirkens in allen Bereichen ihrer Sendung. Genau dieser Weg der Synodalität ist das, was Gott sich von der Kirche des dritten Jahrtausends erwartet.“ (Ansprache zur 50-Jahr-Feier der Errichtung der Bischofssynode am 17. Oktober 2015; hier) Was im Oktober losgehen soll, hat der Papst damals schon ziemlich genau ausformuliert: „Die synodale Reise[*] beginnt im Hinhören auf das Volk, das ‚auch teilnimmt am prophetischen Amt Christi‘ […]. Der Weg der Synode setzt sich fort im Hinhören auf die Hirten. Durch die Synodenväter handeln die Bischöfe als authentische Hüter, Ausleger und Zeugen des Glaubens der ganzen Kirche, wobei sie verstehen müssen, diesen von den oft wechselhaften Strömungen der öffentlichen Meinung zu unterscheiden. […] Und schließlich gipfelt der synodale Weg im Hören auf den Bischof von Rom, der berufen ist, als ‚Hirte und Lehrer aller Christen‘ zu sprechen: nicht von seinen persönlichen Überzeugungen ausgehend, sondern als oberster Zeuge der fides totius Ecclesiae [des Glaubens der gesamten Kirche], als ‚Garant des Gehorsams und der Übereinstimmung der Kirche mit dem Willen Gottes, mit dem Evangelium Christi und mit der Überlieferung der Kirche‘.“

3) Bereits seit 2014 hat sich zudem die Internationale Theologische Kommission mit dem Thema befasst und dazu 2018 ein entsprechendes Dokument veröffentlicht (das man für den deutschen suizidalen Weg geflissentlich ignoriert hat, das die Weltkirche aber nicht ignorieren kann), das jeder Interessierte lesen sollte (hier; vgl. Karl-Heinz Menke dazu hier).

4) Der nun angestoßene synodale Prozess zielt m.E. auch stark auf Fortschritte auf dem Weg der Ökumene mit den orthodoxen Kirchen. Verwiesen sei auf die „Gemeinsame Internationale Kommission für den theologischen Dialog zwischen der Römisch‐Katholischen Kirche und der Orthodoxen Kirche“; über die Jahre gehörten dieser Kommission so illustre Namen an wie z.B. Louis Bouyer und Joseph Ratzinger auf katholischer Seite, und John Zizioulas und Dumitru Staniloae auf orthodoxer Seite (hier gibt es alle Dokumente von 1980 bis 2010). Diese Kommission hat seit dem so genannten Valamo-Dokument (benannt nach dem Ort der Unterzeichnung) von 1988 immer wieder auch die Synodalität als wesentliches Element des kirchlichen Lebens herausgestellt: unter den „Formen der Ausübung der Gemeinschaft unter den Bischöfen“ wird dort als „hauptsächlich das synodale oder konziliare Leben“ benannt (Nr. 52). Auch 2007 hat diese Kommission im so genannten Dokument von Ravenna die Frage der Konziliarität/Synodalität thematisiert. Darin heißt es z.B.: „Diese konziliare Dimension des Lebens der Kirche gehört zu ihrem tiefsten Wesen. D.h. sie ist im Willen Christi für sein Volk begründet (vgl. Mt 18,15-20), selbst wenn ihre kanonische Verwirklichung notgedrungen auch durch Geschichte und den sozialen, politischen und kulturellen Kontext bestimmt wird.“ (Nr. 10) Der nun angestoßene synodale Prozess soll bekanntluch auf mehreren Ebenen laufen (Bistümre, Bischofskonferenzen, kontinentale Konferenzen, Rom); genau das fand sich 2007 im Ravenna-Dokument formuliert: „So definiert muß die konziliare Dimension der Kirche auf den drei Ebenen kirchlicher Communio, der lokalen, regionalen und universalen Ebene, zu finden sein“ (ebd.). Im Jahr 2016 wurde das so genannten Chieti-Dokument veröffentlicht (hier), das sich mit Synodalität und Primat der Kirche im ersten Jahrtausend befasste. Dort wird etwa mit Blick auf Johannes Chrysostomos gesagt: „Synodalität ist eine grundlegende Qualität der Kirche als ganzer.“ (Nr. 3) Auch hier findet sich wieder die dreistufige unterscheidung der lokalen, regionalen und universslen Synodalität, was dann im Einzelnen näher ausgeführt wird.

5) Die Meinungsmacher und Meinungsmachthaber in der deutschen suizidalen Kirche werden sich sehr bemühen, das Ruder an sich zu reißen und weltweit Druck auszuüben. Keine Sorge: Die Zeiten sind vorbei. Die katholische Kirche in Deutschland hat längst ihre Glaubwürdigkeit verspielt. Auch die deutschsprachige Theologie, die einst das letzte Konzil maßgeblich bestimmte, und die aktuell das Loblied auf die Segnung gleichgeschlechtlicher Akte singt, wird weltweit mehr und mehr ignoriert.

6) Der suizidale Weg deutscher Machart wird durch den weltkirchlichen synodalen Prozess faktisch zur Marginalie. Alles was bisher dafür getan wurde und was noch getan werden sollte, kann direkt in die Tonne. Schon strukturell wird jener weltkirchliche Prozess völlig anders ablaufen und der Takt wird letztlich von Rom vorgegeben (hier der Ablauf). Die rechtswidrig erzielten „Ergebnisse“ des suizidalen Weges können nicht in das neue Format überführt werden.

7) In seinem Brief an das pilgernde Volk Gottes in Deutschland (vgl. meine Gedanjken dazu hier, hier und hier) hat Franziskus deutlich gemacht, was für ihn bei der Frage der Synodalität die „bestimmenden Elemente“ sind: Evangelisierung und der Sensus Ecclesiae (vgl. dazu hier). Beides existiert beim deutschen suizidalen Weg nicht. Papst Franziskus am 30. April dieses Jahres an die Nationalversammlung der Katholischen Aktion Italiens (hier; eigene Übersetzung): „Eine Kirche des Dialogs ist eine synodale Kirche, die auf den Geist und auf die Stimme Gottes hört, die uns durch den Schrei der Armen und der Erde erreicht. In der Tat ist das Synodale nicht so sehr ein Plan, der geplant und verwirklicht werden muss, sondern vor allem ist es ein Stil, den es zu verkörpern gilt. Und wir müssen präzise sein, wenn wir von Synodalität, von einer synodalen Reise, von synodaler Erfahrung sprechen. Es ist kein Parlament, Synodalität bedeutet nicht, zu parlamentieren. Synodalität ist nicht die bloße Diskussion über Probleme, über verschiedene Dinge, die in der Gesellschaft existieren ... sie ist mehr. Die Synodalität strebt keine Mehrheit an, eine Einigung über pastorale Lösungen, die wir treffen müssen. Das allein ist keine Synodalität; das ist ein schönes ‚katholisches Parlament‘, okay, aber es ist keine Synodalität. Weil der Geist fehlt. Was die Diskussion, das ‚Parlament‘, die Suche nach Dingen[?] zur Synodalität macht, ist die Gegenwart des Geistes: Gebet, Schweigen, Unterscheidung von allem, was wir teilen. Ohne den Geist kann es keine Synodalität geben, und ohne Gebet gibt es keinen Geist. Dies ist sehr wichtig.“

 

Ich bin sehr gespannt. Die deutschsprachigen Mitraträger werden es in der Mehrheit und als DBK wohl tunlichst vermeiden, ihrer Hirtenpflicht nachzukommen, und sich stattdessen mit großer Begeisterung vor den Karren wechselhafter Strömungen der öffentlichen Meinung“ spannen lassen; aber ich bin zuversichtlich, dass die Weltkirche sich daran kein Beispiel nehmen wird.



[*] Das  italienische „cammino sinodale“ kann man mit „synodaler Weg“ übersetzen, aber dann ist es eben unsinnig, weil im griechischen Wort „Synode“ schon das Wort „Weg“ drinsteckt (syn = gemeinsam; hodos = Weg). Auf italienisch kann man das deshalb sinnvoll sagen, weil das italienische Wort „cammino“ eigentlich
das Gehen/Laufen oder „das zu Gehende/Laufende“ meint (it. camminare = laufen, gehen, wandern); stünde hier ein anderes italienisches Wort für „Weg“, z.B. sentiero (Pfad), via (Weg) oder passo (Pass, Schritt, Weg), ergäbe sich das gleiche Problem wie im Deutschen. Nur dooferwesie haben wir keine deutsche Entsprechung für cammino, die diesen Unfug vermeiden könnte, am ehesten scheint mir im Kontext noch das Wort „Reise“ zu funktionieren, daher von mir so wiedergegeben. Wer auch immer in der DBK sich für die Benennung des suizidalen Weges womöglich an jenen Worten des Papstes bedient hat, beherrschte vermutlich weder Italienisch noch Griechisch.

Pfingstliches Zeugnis

Tertullian († nach 220) wusste um das geistgewirkte Zeugnis und die machtvolle Fürsprache der Christen auch für den Staat – er wusste aber auch um die ihnen entgegenbrandende Feindseligkeit. Aus seinem Apologeticum:


»Von gestern erst sind wir, und doch haben wir schon den Erdkreis und all das eurige erfüllt, die Städte, Inseln, Kastelle, Munizipalstädte, Ratsversammlungen, sogar die Heerlager, Zünfte, Dekurien, den Palast, den Senat und das Forum; wir haben euch nur die Tempel gelassen. […] Jetzt nämlich ist die Zahl der Feinde, die ihr habt, geringer als die Zahl der Bürger, wegen der Menge der Christen, die fast die Gesamtzahl der loyalen Bürger ausmachen. Und indem ihr in den Christen beinahe alle Bürger für Feinde haltet, wolltet ihr sie doch lieber Feinde des menschlichen Geschlechts nennen, als Feinde der menschlichen Irrtümer. Aber wer würde euch dann jenen verborgenen, euch die geistige und körperliche Gesundheit beständig verwüstenden Feinden entreißen, ich meine, den Angriffen der Dämonen, welche wir von euch ohne Belohnung, ohne Bezahlung vertreiben? […] Ihr habt es aber vorgezogen, anstatt auf eine angemessene Belohnung für solchen Schutz Bedacht zu nehmen, eine Menschenklasse, die euch nicht nur nicht lästig, sondern sogar unentbehrlich ist, für Feinde anzusehen, was wir fürwahr sind – aber nicht des menschlichen Geschlechts, sondern vielmehr des menschlichen Irrtums. […] Aber fahrt nur so fort, treffliche Präsidenten, die ihr beim Pöbel viel beliebter werdet, wenn ihr ihm Christen opfert; quält, martert, verurteilt uns, reibt uns auf; eure Ungerechtigkeit ist der Beweis unserer Unschuld! Deswegen duldet Gott, daß wir solches dulden. […] Und doch, die ausgesuchteste Grausamkeit von eurer Seite nützt nichts; sie ist eher ein Verbreitungsmittel unserer Genossenschaft. Wir werden jedesmal zahlreicher, so oft wir von euch niedergemäht werden; ein Same ist das Blut der Christen.«


In Deutschland haben wir keine solche Feindseligkeit zu fürchten, weil wir auch kein Zeugnis geben…


Samstag, 22. Mai 2021

Wider die alte Leier

Die Predigt von Erzbischof Becker von Paderborn bei der heutigen Priesterweihe (findet sich hier).

Der Text zu Dokumentationszwecken (vom Computer getippt und von mir bereinigt):

 

»Diese Geschichte von Saul und David [die wir eben gehört haben: 1 Sam 16,14-23] findet man z.Z. in keiner Leseordnung. Sie mögen sich wundern, warum ich diese Stelle ausgesucht habe, aber vielleicht wundern sie sich gleich nicht mehr.

Ich kann sie nicht verbergen. Meine Liebe zur Musik und auch meine Prägung durch die Musik. Die Musik ist mir ein Geistlicher Nährboden. Neben der Theologie natürlich und der christlichen Spiritualität. Und vor diesem Hintergrund erlaube ich mir heute morgen mit Ihnen einen Gedankengang vorzunehmen und einen Gedanken aufzugreifen des Märtyrerbischofs Ignatius von Antiochien (um das Jahr 107). Da sagt er ganz einfach, an die Gemeinde in Ephesos geschrieben: „Nehmt Gottes Melodie in euch auf.“

Hat Gott ein Lied für uns ein Lebenslied? In diesem Brief vergleicht Ignatius die Gemeinde mit einem großen Chor. Da sagt er: „Nehmt Gottes Melodie in euch auf, so werdet ihr alle zusammen zu einem Chor. Und in eurer Eintracht und zusammenklingenden Liebe ertönt durch euch das Lied Jesu Christi, das ist das Lied, das Gott der Vater hört, und so erkennt er euch alle als die, die zu Christus gehören." Ein Wort voller Poesie.

Das schreibt ein Mann der gefesselt in einer Soldatenkohorte daherzieht, auf Rom zu, und er weiß, dass er den gewaltsamen Tod durch wilde Tiere entgegengeht. Dieser Bischof Ignatius hat die Vorstellung, dass Gott für jeden eine Stimme, eine Lebensmelodie hat. Und wenn jeder die ihm zugedachte Melodie Gottes wirklich hört und in sich aufnimmt, dann wird der zusammen aller Stimmen eine Symphonie. Symphonie heißt der wörtlich „Zusammenklang“.

Fragst du dich, lieber Weihekandidat, am Tag deiner Priesterweihe: „Was ist Gottes Melodie, Gottes Lied für mich? Welche Stimme hat er mir zugedacht?“

Ich bewundere und verehre den großen Geigenvirtuose Yehudi Menuhin. Einer der ganz großen Musiker des 20. Jahrhunderts. Er hat Lebenserinnerungen geschrieben unter dem Titel „Unvollendete Reise“. Da denkt er an einer Stelle über die Interpretation eines Musikstücks nach und schreibt: Im Idealfall würde man eine Passage ganz gleichmäßig spielen und gerade soviel Unregelmäßigkeit zulassen, dass ein Element der Lebendigkeit spürbar bleibt. Dieses Element der Lebendigkeit nennt er „la part de Dieu – Gottes Part“. Jede große Aufführung lebt davon. Gottes Part.

Die Noten die Partitur so exakt wie möglich, aber dann jener Spielraum zwischen den Noten den wir nicht in der Hand haben, und der Alles bewegt und belebt: „la part de Dieu – Gottes Part“. Und heute: Gottes Part im Dienst des Priesters.

Ein beachtenswertes Bild Schwestern und Brüder: Nehmt Gottes Melodie in euch auf. Gott ist wie eine unerschöpfliche Melodie die in uns zum Klingen kommen will. Die Seiten sind in uns angelegt, wir können sie schwingen lassen und der ganze Körper mit allen Fasern unserer Seins kann zum Resonanzboden werden.

Meine Lieben Weihekandidaten: Gott hat für jeden von uns eine eigene Stimme vorgesehen. Eine unverwechselbare Lebensmelodie. Ihre Lebensmelodie erfährt heute eine sakramentale Linienführung. Das Sakrament der Weihe schlägt den Ton in ihnen und durch sie an. Jenen Ton, den wir als Gottes Part erkennen dürfen. Wenn jeder seinen Part hört und in sich aufnimmt, dann kommt es zu einem guten Zusammenklang zu einer Sinfonie und im Urtext des Bischofs Ignatius steht buchstäblich Symphonie. Die mir und dir zugesagt und zugedachte Lebensmelodie kommt erst im Zusammenklang mit den anderen Stimmen zur Geltung und da soll ein Chor entstehen in dem jeder seine Lebensmelodie einbringen. So kann durch uns das Lied Jesu Christi erklingen und Gott erkennt uns Menschen, die zu Christus, seinem Sohn, gehören.

Gesang, Chor, Gottes Melodie: Das hat hier in unserem Dom einen festen und würdigen Platz und das soll auch den Christen prägen, daran soll man ihn auch erkennen. Jetzt können Sie sagen: „Ist das nicht ein bisschen zu harmonisch oder zu romantisch, lieber Bischof?“ Mancher wird denken – auch hier in Dom –: „Naja, ihr vier heute morgen, an einem Tag wie heute, ihr habt gut singen. Aber wisst ihr denn nicht, was wirklich gespielt wird? Wartet nur ab. So wie es in der Kirche aussieht, wird euch das Siegen bald vergehen!“

Wirklich? Sie wissen wie es in der Kirche aussieht und sie meine Lieben Kandidaten machen sich auch nichts vor. Sie gehen nicht mit Scheuklappen durch das Bistum und auch nicht durch ihre ersten diakonalen, seelsorglichen Gemeindefelder. Und trotzdem hören Sie den Ruf: „Nehmt Gottes Melodie in euch auf.“ Es geht um einen anderen Ton, der hier angeschlagen wird. Es geht hier nicht um die übliche alte Leier.

Die alte Leier: Wir kennen Sie zur Genüge. Wo Kirchenleute aller Ebenen heute zusammensitzen, sprechen sie in aller Regel die meiste Zeit darüber, wie schwierig es doch alles jetzt ist und wie es bergab geht, und dass ihn Grunde „Rom“ oder „Paderborn“ oder „Köln“ an allem Schuld ist.

Schwestern und Brüder, es gibt so eine negative Genüsslichkeit innerhalb der Kirche. Diese Genüsslichkeit ergeht sich auf den Schattenseiten – die zweifellos da sind – und kommt sich dabei äußerst „progressiv“ vor. Jemand hat es einmal sehr markant ausgedrückt: „Je progressiver desto hoffnungsloser.“ Da gehört es zum guten Ton sich als ohnmächtig gegenüber der „Institution“ zu empfinden; man erschöpft sich in Selbstmitleid und psychologischer Selbstpflege. Die alte Leier.

Von solchem Lamentieren kann man nicht leben. Wenn ich der Kirche immer nur wieder nachweisen möchte, dass man ja eigentlich in ihr gar nicht leben kann, dann kann ich sie nicht, und auch in ihr nicht leben, nicht arbeiten und auch nicht, wenn es sein muss, leiden oder sogar kämpfen.

Ich zitiere Dorothee Sölle: „Aus der Perspektive der Armeen betrachtet, ist solche Hoffnungslosigkeit eine Art Luxus für diejenigen, die nicht in die waren Kämpfe vor Ort verwickelt sind. Solche Hoffnungslosigkeit können wir uns nur in unserem Wohlstandskirchen leisten. Den jungen armen Kirchen im Süden ist sie ganz fremd und sie ist auch nicht mit Argumenten, so habe ich oft den Eindruck, zu besiegen.

Aber man könnte ja, wie der Junge David im Falle des depressiven Saul, zur Zither greifen um die Schmermut zu lindern oder gar zu vertreiben. David hat die Lieder angestimmt, die bis heute Tag für Tag in der Kirche erklingen, auch in der Liturgie. Das liebe Weihekandidaten soll nun ihre Lieder werden. Diese Gotteslieder, vor allem die durch Jahrtausende alten Psalmen, wollen und sollen sie anstimmen, das weitet den Raum und das eröffnet Perspektiven.

Im letzten Buch der Heiligen Schrift, in der Geheimen Offenbarung des Johannes, heiß es: Und die Sieger trugen die Harfen Gottes. Sie sangen das Lied des Mose, des Knechtes Gottes, und das Lied zu Ehren des Lammes. Das muss es geben in unserer Welt. Das muss es geben durch die Zeiten hindurch: Menschen, die die Harfen Gottes tragen und das Lied zu Ehren des Lammes anstimmen. Es muss sie geben: Menschen die sich in all ihrer Gebrechlichkeit rufen lassen, damit sie im Konzert der Menschen den Part Gottes durchkommen lassen. Wenn der Part Gottes verstummt in der Kirche – und dann in der Welt – dann gute Nacht!

In einem altkirchlichen Hymnus ist zu lesen: Wie der Wind durch die Harfe streicht und die Saiten erklingen, so fährt der Geist des Herrn durch unsere Glieder und ich fange an zu singen von seiner Liebe berührt. Part Gottes.

Ich kenne noch einen anderen großen Geiger des 20. Jahrhunderts, Isaac Stern. Er wurde kurze Zeit nach der Kulturrevolution nach Rotchina eingeladen und sollte dort das neu beginnende Musikleben kennenlernen und auch beurteilen. Er hat die Einladung unter einer Bedingung angenommen: Er wollte das was sich ihm darbot festhalten, mit der Kamera dokumentieren. Da ist ein aufschlussreiches Dokument zustande gekommen, in dem man alles sieht: Alles perfekt eintrainiert, ganz exakt ausgeführt, aber es klingt nicht. Es fehlt der Spielraum aus dem die Musik ihre Strahlkraft bekommt: „la part de Dieu – Gottes Part“.

Ja liebe Schwestern und Brüder, das treibt mich schon um: Wir könnten im großen Konzert unserer Kirche in Deutschland sein wie ein Orchester, das die Noten und die Partitur beherrscht, mit äußerster Perfektion spielt. Aber es fehlt der Spielraum Gottes. Vom Spielraum Gottes sind die Menschen bewegt und werden sie bewegt werden und belebt werden. Ja, wir müssen mit den Noten korrekt umgehen, wir müssen sie spielen. Es geht nicht nur um unsere eigenen Improvisationskünste. Aber die Noten allein bringen es nicht. Mit all unseren erlernten pastoralen, Künsten und Medien allein, werden wir es nicht vollbringen. Es wird alles darauf ankommen, dass Gott durchkommt sein Atem, sein schöpferischer Geist, der Menschen begeistern kann – der Part Gottes. So spreche ich Ihnen heute, meine Lieben Kandidaten, am Tage ihrer Priesterweihe und uns allen, Schwestern und Brüder, die wir uns den Resonanzboden unseres christlichen Zeugnisses und unserer christlichen Freude nicht zerstören lassen wollen, ich rufe uns allen zu: „Nehmt Gottes Melodie in euch auf!“ Der Part Gottes ist mächtiger als wir es uns denken können.

Liebe Neupriester unseres Erzbistums: Er spielt ihn nicht zuletzt in ihrer Lebensmelodie als Priester Jesu Christi. Dazu gilt Ihnen mein herzlicher Segenswunsch an dieser Stelle.«

Donnerstag, 20. Mai 2021

Glühende Kohlen

Über Bernhardin von Siena, dessen Gedenktag heute ist:

»92. Ein sehr gelehrter und tüchtiger Prediger des Franziskanerordens wurde einmal gefragt, warum er bei der Bekehrung des Volkes nicht auch solche Erfolge aufzuweisen habe wie Bernhardin, den er doch an Wissen und Beredsamkeit weit übertreffe. Der Bruder gab zur Antwort: "Ich selber gleiche einer Kohle ohne Glut; wenn man auf diese Kohle andere, gleichfalls erloschene Kohlen legt, wer den sie nie neu erglühen. Bernhardin dagegen ist eine vom Gottesgeist erglühende Kohle; bei der Berührung mit ihr werden andere Kohlen, auch wenn sie bereits erloschen sind, sich an der Glut ihres Feuers sogleich entzünden."« (Aus: "Das Leben des heiligen Bernhardin von Siena" in der Serie "Heilige der ungeteilten Christenheit") 


In Deutschland scheinen wir ein riesengroßer Haufen erloschener Kohlen zu sein, wo sind die glühenden Kohlen, die etwas entfachen?

Dienstag, 18. Mai 2021

pädophile Prävention?

Im Januar hat die "Bundeskonferenz der diözesanen Präventionsbeauftragten" ein "Positionspapier zur Gestaltung der Schnittstelle von Prävention sexualisierter Gewalt und sexueller Bildung" veröffentlicht, das dem Dokument zufolge "in einem intensiven Diskussionsprozess entwickelt und auf der Bundeskonferenz am 20.01.2021 einstimmig verabschiedet" wurde. Am 12. Mai hat der "Elternverein NRW" dieses Papier in einem offenen Brief kritisiert (HIER; dort gibt es auch das Positionspapier: hier):

»Zu unserem Entsetzen bezieht sich dieses Präventionspapier auf Sielert und dessen Kollegen, wie Karlheinz Valtl und Gunther Schmidt. Ausdrücklich wird darin der Begriff „sexuelle Bildung“ empfohlen, ein Wortgebrauch, den Sielert 2008 einführte. [...] Diese Form der „sexuellen Bildung“ stellt einen eindeutig pädophilen Ansatz dar, geht sie doch von der These einer Kontinuität sexueller Bedürfnisse bei Kindern und Erwachsenen aus. Wer Kinder auf diese Weise frühzeitig sexualisiert, beschützt sie nicht etwa vor Missbrauch, sondern öffnet ihrem Missbrauch Tür und Tor. [...] Als Vertreter der Elternschaft stehen wir ohne jedes Verständnis und zutiefst besorgt vor der Tatsache, dass die katholische Kirche ihre Präventionsarbeit auf dieser im Ansatz pädophilen „sexuellen Bildung“ aufbauen will. Nicht nur werden dort mögliche Täter geradezu dazu eingeladen, Kinder frühzeitig sexuell zu stimulieren. Hinter diesem Sielert'schen Begriff verbirgt sich darüber hinaus eine bewusste Umerziehung der Kinder und Jugendlichen [...]. Die Kernfamilie aus Vater, Mutter und Kindern, ein Familienbild, das in unserem Land von der Mehrheit der Familien gewünscht und gelebt wird, wird hier als Klischee und einschränkendes Lebenskonzept abgewertet. Im Blick auf die Prinzipien Sielerts verwundert es dann leider auch nicht, dass in diesem „katholischen“ Papier zur Prävention und sexueller Bildung die Worte Ehe, Familie, Liebe und Sexualität als Sprache der Liebe und Kraft der Bindung, sowie Quelle des Lebens nicht vorkommen.«

Um es kurz zu machen: Die Präventionsbeauftragten der katholischen Bistümer Deutschlands vertreten offenbar (einstimmig!) die "Position", man könne nur dadurch Prävention sicherstellen, indem man die kirchliche Sexualmoral durch eine pädophil unterlegte weltliche Sexualmoral ersetzt. Für sie ist die Sexualmoral eine Quelle von Gewalt. Klar, denn seit Jahrzehnten halten sich ja alle brav an die katholische Sexualmoral, deswegen der Missbrauch! Und diese ganzen Missbrauchstäter in der evangelischen Kirche, im Sportverein und anderswo, die sind nämlich alle fanatische Anhänger der katholischen Sexualmoral, müsst ihr wissen!

Satire ist tot, die Realität hat sie erschlagen.

Interessant finde ich es, dass das in Frage stehende Dokument, das "ausdrücklich zur Diskussion und fachlichen Rückmeldung" einläd, inzwischen auf der offiziellen Seite der DBK zum Thema Missbrauch (hier) nicht mehr verfügbar ist (laut Google war es das bis vor Kurzem, der Link von Google führt aber ins Nirgendwo). Auf einzelnen Bistumsseiten findet man es noch. Erklärungen (z.B. Pressemeldung) dafür oder Hinweise darauf: keine. Die DBK so: "War was? Ne, da war nix, optische Täuschung! Pssst!"

Upsie!


Katholische Kirche in Deutschland at it's best!