Donnerstag, 30. Juli 2020

Leitungsvollmacht der Bischöfe

Kluge und nötige Worte von Kardinal Cordes bei CNA Deutsch (HIER):

»Wenn katholische Bischöfe für die Leitung der Pfarrgemeinde auf das Weihesakrament verzichten wollen, propagieren sie nicht nur einen theologischen Irrweg. Sie sägen vielmehr den Ast ab, auf dem sie selbst sitzen; ja, sie betreiben gleichsam eine Art von Selbstverstümmelung. Sobald Leitungsvollmacht nicht mehr sakramental von Gott her getragen ist, entfällt das Fundament für alle OIKONOME [= Aufbau der Gemeinde] der Kirche und ihre geistliche Autorität. Was fälschlich für die niedere Stufe des priesterlichen ORDO behauptet wird, gilt auch für die höhere Stufe desselben Sakramentes. Demnach würden nicht nur Priester, sondern alle kirchlichen Amtsträger delegitimiert. In wessen Namen sprächen dann Bischöfe – in dem ihres akademischen Titels; in dem des Domkapitels, das sie wählte? Nicht einmal die communio episcoporum [= Gemeinschaft der Bischöfe] deckte ihre Autorität, denn dieser gehören sie zu kraft ihrer Weihe.«

Freitag, 24. Juli 2020

Hirtenamt und Laienwürde

Dass nun nicht wenige Bischöfe den Laien mehr Leitungsverantwortung (vulgo: Macht) in der Kirche geben wollen, erinnert mich sehr an die Zeit der Fürstbischöfe, die keine Weihe empfangen hatten, sondern eigentlich nur weltliche Herrscher waren. Sakramentale Verrichtungen übernahmen die so genannten „Weihbischöfe“, die extra angestellt wurde, weil die eigentlichen „Bischöfe“ mangels Weihe selbst keine Weihen vornehmen konnten. Zu Recht lehnen wir solche Verhältnisse heute ab: Der oberste Hirte eines Bistums muss geweiht sein, wirklich Bischof sein, nicht bloß ein weltlicher Herrscher. Aber warum eigentlich? Man hat damals das Leitungsamt in der Kirche in zwei Bestandteile zerlegt, die zuvor fraglos zusammen gehörten: Sakrament und Regiment (da steckt das Wort „regieren“ drin).

Ein kurzer Abstecher: Das Volk Israel verlangte einst in seiner Ignoranz: „ein König soll über uns herrschen!“ Dies geschah mit der Begründung: „Wir wollen wie alle anderen Völker sein.“ (1 Sam 8,19-20) [Man vergleiche die fast gleichlautende Formulierung beim Götzendienst: „Wir wollen sein wie die Heiden, wie die Völker in den andern Ländern, und Holz und Stein anbeten.“ (Hes 20,32)] In ähnlicher Weise ist die Aufspaltung des Hirtenamts in der Kirche nach dem Vorbild der profanen Welt geschehen: Man wollte das Regiment ohne das lästige Sakrament, oder konkreter: Man wollte Herrschaft (Prestige und Geld) ohne zölibatär leben zu müssen... so wie die weltlichen Herrscher auch. Nochmal anders: Laien wollten Macht in der Kirche.

Seit ältester Zeit gehören in der Kirche Leitung und Heiligung wesentlich zusammen, beides war und ist Merkmal des einen in apostolischer Nachfolge ausgeübten Hirtenamtes, wie es dem Sinn und Existenzgrund der Kirche (Verkündigung des Evangeliums) entspricht. Das Führen der Herde auf die Weide und zur Quelle umfasst stets beides: Leitung und sakramentliche Heiligung. Joseph Ratzinger hat treffend beschrieben, was geschieht, wenn diese Einheit aufgebrochen wird: Es handelt sich um eine unzulässige Trennung jener beiden Vollmachten des Hirtenamtes, „bei der die eine ins Magische, die andere ins Profane abgedrängt wird: Das Sakrament wird nur mehr rituell und nicht als Auftrag zur Leitung der Kirche durch Wort und Liturgie gefaßt; das Leiten umgekehrt wird als ein rein politisch-administratives geschäft gesehen – weil man offenbar die Kirche selbst nur für ein politisches Instrument hält.“ (Demokratie in der Kirche, 31-32) „In Wahrhweit“, so fährt Ratzinger fort, „ist das Vorsteheramt in der Kirche ein unteilbarer Dienst. Die Kirche, der vorzustehen ist, ist ihrem Kern nach Versammlung. Diese Versammlung aber kommt zusammen, um Tod und Auferstehung Jesu Christi zu verkündigen. Das Vorstehen in ihr vollzieht sich daher nicht anders als in der Vollmacht der sakramentalen Verkündigung.“ (Ebd.)

Die Fürstbischöfe mit ihren Weihbischöfen waren ein Bruch mit dieser apostolischen Tradition, ein Schandfleck der Kirchengeschichte. Die so handelnden wollten es bequem, wollten herrschen, ohne lästige sakramentale Vollzüge und die an sie geknüpften Verpflichtungen. Sie wollten die Macht, aber ohne den großen Anspruch der Lebenshingabe im sakramentalen Amt, denn dieser Anspruch ist kein geringer. Mit den Worten von Marianne Schlosser: „Die Ehelosigkeit ist eine sehr konkrete, auch in der Dimension des Verzichtes spürbare, Form der Übereignung an Gott: Ihm wird gegeben das Verlangen, fruchtbar und nicht sinnlos zu leben, und die Sehnsucht, personal geliebt zu sein. Es wird gegeben ‚um des Himmelreiches willen‘, in der glaubenden Gewissheit, dass man niemals Gott etwas gibt, ohne dass ER mehr zurückgibt, in der zuversichtlichen Hoffnung, dass dadurch diejenige Liebe (caritas) wachse, die zum Heil anderer beiträgt, die Liebe des Guten Hirten, der sein Leben für die Seinen einsetzt.“ (hier)
Natürlich schützt die Sakramentalität des Amtes nicht völlig vor dem Missbrauch von Macht und vor falschen Motiven. Aber es besteht doch die begründete Hoffnung, dass das Wirken Gottes und das Gebet der Gläubigen wirksam werden können. Oder, wie es Marianne Schlosser an anderer Stelle ausdrückt: „Die Kirche bindet die Übertragung von Vollmacht und besonderer Verantwortung an Kriterien, auch an eine längere Ausbildung und Prüfung der charakterlichen und religiösen Voraussetzungen eines Kandidaten, um Risiken zu minimieren. Und im Ritus der Weihe kommt das Vertrauen in das Gebet der Gläubigen zum Ausdruck, dass der Heilige Geist nicht untätig bleiben wird. Solange das Leitungsamt (‚munus regiminis‘) – selbst wenn das nur ein fernes Ideal wäre! – dialektisch mit der ‚diakonia Christi‘ (Joh 13,13-16; Lk 22,27) verbunden ist, das heißt: mit der Entäußerung von sich selbst notfalls bis zur Lebenshingabe, gibt es wenigstens Hoffnung, dass sich einige, viele, möglichst alle daran ausrichten – Hoffnung, dass man den Gipfel nicht aus den Augen verliert, selbst wenn man zurückfiele.“ (hier)

Was wir heute erleben, erinnert doch stark an jene finsteren Zeiten der Fürstbischöfe, nur etwas abgewandelt: Die heutigen Bischöfe wollen ebenfalls den Leitungsdienst vom Heiligungsdienst abtrennen, nur wollen sie im Unterschied zu den Fürstbischöfen die Last der Leitungsverantwortung abgeben.
Ich kann zwar keinem unserer Bischöfe ins Herz schauen, ihre Motivationen sind mir fremd, aber es scheint mir nicht so weit hergeholt, auch hier eine gewisse Bequemlichkeit zu vermuten. Das gleiche erleben wir seit Jahrzehnten mit den Pfarrern. Nicht wenige Bischöfe und Pfarrer, so scheint mir, sind froh darüber, nur mehr „Sakramentenonkel“ zu sein und die lästige Verantwortung der schnöden Leitung und Verwaltung abgeben zu können: „Die Leute lassen sich ja eh nichts mehr sagen!“ Damit geben sie auch Verantwortung ab und nehmen so wiederum viele Lasten von ihren Schultern weg.
Damit tun die Verantwortlichen das Gleiche, was die Fürstbischöfe von einst taten: Sie zerteilen das eine Hirtenamt gegen die beständige Überlieferung der Kirche, so als ob Leitung und Heiligung voneinander getrennte Aufgabenbereiche wären. Man kann sie wohl unterscheiden, aber in der Kirche, die sowohl eine sichtbare Institution als auch eine unsichtbare sakramentale Wirklichkeit ist, lassen sie sich nicht trennen.

Dass die gegenwärtigen Strukturen in Deutschland eine solche Trennung erforderlich machen würden (sprich: verteilung auf mehrere Schultern), ist ein Scheinargument, denn diese Strukturen wurden ja bewusst anhand der Prämisse errichtet, dass die Laien immer mehr davon übernehmen sollen. Die Strukturen sind nicht einfach so, wie ein Schicksal, wie ein Umstand, mit dem man sich arrangieren muss… sie wurden von den Verantwortlichen im wachen Zustand so gestaltet, auch auf Druck der Laien die nach Macht strebten. Bestes Beispiel sind Pfarrgemeinderäte, die laut Kirchenrecht eigentlich nur beratende Funktion haben dürften, faktisch hierzulande aber bestimmend sind und dem Pfarrer nur das negative Rech des Einspruchs lassen, ihm also die positive Initiative faktisch aus der Hand genommen haben.

Übrigens zeigt sich dieses gleiche Muster der Zerteilung des Hirtendienstes und der Rückkehr zu überwundenen Fehlentwicklungen der Geschichte auch bei der Argumentation für das Frauenpriestertum. Etwa, wenn mit der großen Bedeutung argumentiert wird, die in der Vergangenheit manche Äbtissinnen hatten. Diese hätten viel Macht und Einfluss besessen und sogar nach ihrem Gutdünken über Priester bestimmt, folglich könne man Frauen nicht von Leitungspositionen, sogar über den Priestern, ausschließen.
Dabei wird freilich das Faktum unterschlagen, dass jene Äbtissinnen mehr Ähnlichkeit mit jenen Fürstbischöfen hatten, als mit Ordensfrauen: Auch für so eine Äbtissin war der Posten eher eine herrschaftliche Einrichtung (Prestige und Geld): Sie waren weltliche Herrscherinnen, lebten nicht im Kloster, legten keine Gelübde ab und verließen den Posten des Öfteren bald wieder um zu heiraten. Auch hier waren Leitungsdienst und Heiligungsdienst (die geistliche Führung der Klostergemeinschaft) zerteilt: Die geistlichen Aufgaben übernahm, analog zu den oben erwähnten Weihbischöfen, die Priorin, die Äbtissin schaute nur gelegentlich mal vorbei. (Mit vielen Äbten war das übrigens genauso.) Ihre „Leitungsposition“ als Äbtissin hatten sie also darum inne, weil sie weltliche Herrscherinnen waren. Oder so: Sie hatten ihre Macht nicht, weil oder trotz dass sie Äbtissinnen (oder: Frauen) waren, sondern sie waren Äbtissinnen, weil sie weltliche, feudale Machthaber waren, ihr Geschlecht spielte dabei keine Rolle. Na, ob das ein gutes Modell für heute ist?

Also: Man möchte Leitungsdienst und Heiligungsdienst trennen, und fällt damit in den gleichen Irrtum, den wir zu Recht verurteilen, nämlich die Zerteilung des apostolischen Hirtenamtes. Rom hat diesen wesentlichen(!) Zusammenhang bezüglich der Pfarrer nun erneut bekräftigt und zugleich die Verantwortung der Laien für die angestrebte pastorale Umkehr betont.


Wo liegen die Gründe?

Vielleicht kommen wir dem Grund für das heutige „Machtstreben“ der Laien durch die Sprache etwas näher: Wenn wir in dieser Debatte von „Verantwortung“ reden, dann meinen wir Leitungsverantwortung, Letztverantwortung. Doch das ist eine extreme Verkürzung. Verantwortung trägt nämlich auch der, der nicht das letzte Wort hat. Man spricht dann ungeschickterweise von „Mitverantwortung“ und wertet das als einen negativen, abwertenden Ausdruck. Das empfinde ich aber als irreführend. Denn auch wenn ich nicht der letzte Entscheider, der Hauptverantwortungsträger bin, so bin ich doch (mit-)verantwortlich für das Ganze. Ich bin verantwortlich durch mein Zeugnis in meinem Lebenswandel und in meinem Wort. Ich bin ggf. verantwortlich im beratenden Wort und im Gehorsam, soweit es eben an mir liegt.
Und da sehe ich den Knackpunkt: Dieses Letzte ist nicht gewollt. Diese Form der Verantwortung (für das eigene Handeln!) ist nicht gewollt. Niemand will gehorsam sein, und zwar nicht bloß was den Pfarrer oder den Bischof betrifft. Letztlich geht der Gehorsam bekanntlich gegen Gott („wer euch hört, hört mich“). Dieser darf bekanntlich nicht mehr als Gebietender verkündet werden, sondern muss stets auf Augenhöhe gehalten werden – die Zehn Gebote sind nur ein Gesprächsangebot. Das Machtstreben der Gläubigen hat seine letzte Motivation, sein letztes Ziel nicht in der Augenhöhe mit Pfarrer und Bischof – das sind nur Äußerlichkeiten –, sondern der Abbau der irdischen Hierarchie soll v.a. strukturell (sichtbar) das widerspiegeln, was ohnehin schon im Gottesverhältnis propagiert und eingeübt wurde.
Letztlich spricht man nicht dem Bischof die Leitungsvollmacht ab, sondern Gott. Alles soll dialogisch, demokratisch sein. Darum müssen Heiligung und Leitung getrennt werden: Die Heilung und Heiligung von Gott möchte man, aber die Gebote nicht unbedingt, nur wenn sie gerade passen. Man ist bequem. Den Anspruch, der mit dem Heilsangebot Gottes einhergeht, den lehnt man ab. Die Bedingung nimmt man eigentlich gar nicht mehr wahr: „Wenn ihr meine Gebote haltet, so werdet ihr in meiner Liebe bleiben“ (Joh 15,10).

Und was machen die Hirten angesichts dieser Bestrebungen? Die meisten Bischöfe (und Pfarrer) haben diesbezüglich schon lange klein beigegeben. Es wird weithin nicht mehr verkündet, sondern möglichst unverbindlich angeboten; nicht mehr ermahnt, sondern nur noch beraten. Nicht wenige Hirten haben sich ein Fell übergezogen, laufen auf allen Vieren und machen freudig „määh“.
Ein Freund hatte mir das neutlich sehr drastisch gesagt: Er befürchtet, dass es nie zu einem „offiziellen“ Schisma kommen wird, sondern dass der Brand unbenannt, knapp unter der Oberfläche und kaum durch Floskeln verschleiert, weiter vor sich hin schwelt, da die Hirten (in Deutschland und in Rom) zu schwach sind. Sie haben weder den Charakter, noch die Intelligenz, und erst recht nicht die Leidenschaft, die einen echten Häretiker/Schismatiker vom Schlag eines Marcion, Arius, Jan Hus oder Martin Luther (vgl. dazu das sehr lehrreiche „Buch der Ketzer“ von Walter Nigg) oder ihre katholischen Kontrahenten auszeichneten. Unsere Bischöfe sind in der Mehrheit lauwarm, theologisch alles andere als versiert und sie haben v.a. Angst um ihr Ansehen (vgl. meine Gedanken dazu hier). Anders ausgedrückt: Ein „offizielle“ Schisma erfordert den Mut zum (falschen) Bekenntnis. Den haben unsere Bischöfe in der Mehrheit jedoch nicht.

Das Traurigste ist, dass es nicht so sein muss. Die Alternative ist nämlich gerade nicht die Widerherstellung fürstbischöflicher absolutistischer Verhältnisse. Wenn die Laien, statt den Anspruch und die Last von Gottes Geboten abzuwerfen, sich ihrer Verantwortung vor Gott bewusst wären, gerade dann würde ein fruchtbares und wahrhaft christliches Verhältnis zwischen Klerikern und Laien im Leben der Kirche entstehen. Man stelle sich allein schon die Entlastung vor, wenn die Zuständigkeiten klar wären… die meisten Sitzungen hätten sich erledigt.

Auch hier bietet die verwendete Sprache Anhaltspunkte: So liegt es durchaus im Interesse der Akteure, dass der Begriff „Laie“ negativ besetzt ist und negativ besetzt bleibt. Die negative Definition „Laien sind die, die nicht geweiht sind“ ist in der aktuellen (jahrzehntealten) Debatte mit voller Absicht von interessierten Kreisen gesetzt worden; sie ließe sich problemlos durch eine positive Bestimmung (etwa: Glieder des königlich-priesterlich-prophetischen Volkes [gr. loas] Gottes, auserwähltes Geschlecht, Erben des Reiches Gottes) ersetzen – aber das wird verhindert, denn die Laien sollen sich als Defizitär und als unterjochte Opfer der „Kleriker“ fühlen. Durch diese sprachliche Festlegung haben sie auch weiterhin stets den Eindruck, in „Kirche“ nichts von Bedeutung tun zu können, solange sie nicht entweder die Leitungsgewalt der Geweihten bekommen, oder selbst geweiht werden (Thema Frauenpriestertum). Wobei mir hier die große Mehrheit der Leute nur Stimmvieh einiger Weniger zu sein scheint, die dabei die Hebel in der Hand haben und z.B. jenes Sprachspiel aufrechterhalten, die allermeisten wissen gar nicht, wovon sie reden.

Es ist eine Lüge, wenn behauptet wird, die Laien seien sich ihrer Würde bewusst geworden und würden eben darum nach Macht in der Kirche streben. Die Laien sind die vorrangigen Träger des Auftrags der Kirche! Dieser Auftrag besteht aber gerade nicht darin, „Kirche“ zu gestalten, sondern der Welt das Evangelium zu verkünden (vgl. Ratzingers Kommentar zum suizidalen Weg, HIER). Die Würde der Laien besteht eben gerade darin, die Mission der Kirche in die Welt hinaus zu tragen. Mit einem militärischen Gleichnis (nicht, dass ich besonders militärafffin wäre, aber von Fußball hab ich noch weniger Ahnung): Die Laien sind die Frontlinie der Mission, die Phalanx des „gehet hin und macht alle Völker zu meinen Jüngern“. Die römische Instruktion nennt daher alle Getauften „aktive Protagonisten der Evangelisierung“. Die Kleriker sind dabei eher die Sanitäter und Versorgungsoffiziere im Hintergrund und zuweilen auch mal die Artillerie… der eigentliche Nahkampf wird von den Laien geleistet, die in ihrem Alltag in der Welt mit dem Zeugnis ihres Lebens Christus bezeugen. Darin besteht ihre Würde, nicht in „Macht in der Kirche“.
Ich befürchte (wieder: ich kann in niemandes Herz schauen, aber der Verdacht drängt sich mir auf), dass sich unsere Gremien- und Verbandskatholiken darum so sehr auf die ihnen nicht zustehenden Posten in der Kirche konzentrieren, weil sie nicht willens und/oder nicht fähig sind zum Zeugnis nach draußen, wo ein verwässerter Glaube nichts gilt und nur das furchtlose Bekenntnis den Unterschied macht. Sie sind, im vorigen Gleichnis gesprochen, fahnenflüchtig, und versuchen sich jetzt unter die Versorgungsoffiziere und Sanitäter zu mischen, um bloß nicht an die Front zu müssen.

Rekapitulieren wir: Die Hirten wollen mit den Schafen blöken und die Ziegen möchten gerne Gärtner sein. So. Ein. Unsinn.
Die meisten Hirten und (jedenfalls der Lautstärke nach zu urteilen) der Großteil der Herde gleichermaßen, haben nicht den Mut zum Gehorsam gegenüber Gott und zum Bekenntnis gegenüber den Menschen... welchen Wert hat das ganze dann noch? Dann taugen wir wahrhaftig nur noch als eine politisch-ökologische Pazifisten-NGO...

Donnerstag, 23. Juli 2020

Orientierung zur römischen Instruktion

Anmerkungen zur Orientierung, wenn sich nun verschiedentlich Bischöfe ganz offen gegen die am Montag erlassene Instruktion der Kleruskongregation „Die pastorale Umkehr der Pfarrgemeinde im Dienst an der missionarischen Sendung der Kirche“ stellen.

Eine kirchenrechtliche Vorbemerkung:

Eine „Instruktion“ ist kirchenrechtlich in c. 34 §1 CIC klar definiert: „Instruktionen, welche die Vorschriften von Gesetzen erklären und Vorgehensweisen entfalten und bestimmen, die bei deren Ausführung zu beachten sind, werden zum Gebrauch derer gegeben, die dafür sorgen müssen, dass die Gesetze zur Ausführung gelangen, und binden sie bei der Ausführung der Gesetze; diese Instruktionen geben innerhalb der Grenzen ihrer Zuständigkeit diejenigen rechtmäßig heraus, die ausführende Gewalt besitzen.“

Daraus wird ersichtlich:
1) Eine Instruktion ist selbst kein Gesetz, sondern sie ist (nur) auf das Gesetz bezogen. Das bedeutet aber, dass eine Instruktion selbst kein neues Recht setzen oder bestehendes Recht ändern kann, sondern sie ist strikt an den Rahmen, den das Gesetz festlegt, gebunden. (Genau darüber beschwert man sich: Dass man von der zuständigen Autorität darauf hingewiesen wird, was ohnehin schon gilt.)
2) Eine Instruktion hat als Adressaten die zuständigen Verwaltungsorgane, in diesem Fall also die bischöflichen Behörden.
3) Diese Adressaten bekommen mit der Instruktion eine Erklärung des Gesetzes und wie es anzuwenden ist.
4) Die Adressaten sind durch eine Instruktion rechtlich gebunden, sie können sich ihr nicht widersetzen oder sie ignorieren.


Die Instruktion enthält rechtlich gesehen nichts Neues, sie ruft nur in Erinnerung, was ohnehin schon gilt und zeigt u.U. auf, dass manche „Interpretationen“ des geltenden Rechts, etwa bezüglich der Frage, wer eine Pfarrgemeinde leiten kann, falsch sind. Das Thema ist indes nicht neu, es gab 2002 schon einmal eine Instruktion der Kleruskongregation zu dieser Frage mit dem unzweideutigen Titel „Der Priester, Hirte und Leiter der Pfarrgemeinde“. Dieses Dokument diente wesentlich dazu, „sowohl die Gefahr der ‚Klerikalisierung‘ der Laien als auch jene der ‚Säkularisierung‘ der geistlichen Amtsträger zu überwinden.“ (Nr. 7) Durch solche Tendenzen geschieht nämlich nicht nur eine Abwertung des sakramentalen Hirtendienstes der Priester, sondern zugleich auch eine herabwürdigung des Dienstes der Laien in der Welt (vgl. ebd.).

Das aktuelle Dokument dient dem selben Ziel, es weitet allerdings die Perspektive, indem es eindringlich über die Aufgaben spricht, die allen Gliedern der Gemeinde zukommen: „Es ist notwendig, dass heute alle Laien einen großzügigen Einsatz für den Dienst an der missionarischen Sendung leisten vor allem durch das Zeugnis des täglichen Lebens, das in den gewohnten Lebensbereichen und auf jeder Verantwortungsebene dem Evangelium entspricht, und besonders durch die Übernahme ihnen entsprechender Verpflichtungen im Dienst an der Pfarrgemeinde.“ (Nr. 86)
Die titelgebende „pastorale Umkehr“ kann nur von allen bewerkstelligt werden, denn ihre Voraussetzung ist die Umkehr (Bekehrung) jedes Einzelnen, sie ist nicht durch Diktat von oben realisierbar. Aber wenn die Strukturen fehlerhaft sind, wenn sie auf einem Fundament aus Irrtum ruhen, dann kann solch eine Umkehr nicht geschehen, darum wird eingeschärft was eh gilt: Die Leitung – und damit also der Hirtendienst – ist an das Sakrament der Weihe gebunden.

[Marginalie: Das Tarurigste für mich ist, dass durch den aktuellen „Machtdiskurs“ v.a. eines erreicht wird: der kirchliche Leitungsdienst wird ganz bewusst zu einer Macht umgedeutet. Aus dem sakramental begründeten Dienst geweihter Amtsträger wird so ein politisches Machtgefüge unterschiedlichster Interessenträger.]

In seiner wesentlichen Aussageabsicht, offenbart sich die aktuelle Instruktion als durchaus mutig und zukunftsorientiert. Das fängt schon damit an, dass das Territorialprinzip zwar nicht grundsätzlich in Frage gestellt, aber sehr deutlich auf dessen Elastizität hingewiesen wird: „Doch ist insbesondere heute das Gebiet nicht mehr nur ein geografisch abgegrenzter Bereich, sondern der Zusammenhang, in dem jeder sein Leben, das aus Beziehungen, gegenseitiger Hilfe und lange gepflegten Traditionen besteht, lebt. Auf diesem ‚existenziellen Territorium‘ steht die ganze Herausforderung der Kirche auf dem Spiel. Daher erscheint ein pastorales Handeln überholt, das den Handlungsraum ausschließlich auf den Bereich innerhalb der territorialen Grenzen der Pfarrei beschränkt.“ (Nr. 16)

Das Dokument geht sodann hart ins Gericht mit Pfarreien, die sich auf ein ‚weiter wie bisher‘ verlegen: „Wenn die Pfarrei nicht die der Evangelisierung innewohnende spirituelle Dynamik lebt, läuft sie Gefahr, selbstbezogen zu werden und zu verkalken, da sie Erfahrungen vorschlägt, die den Geschmack des Evangeliums und die missionarische Durchschlagskraft bereits verloren haben und vielleicht nur für kleine Gruppen bestimmt sind.“ (Nr. 17)

Meine Vermutung ist ja, dass man sich bei der Behandlung des Dokuments so sehr auf die Frage von Macht und Autorität versteift, weil man die viel drängendere und dramatische Fragestellung, die der Titel des Dokuments ausspricht und die Sinnziel und Existenzgrund des ganzen Dokuments ist, nicht angehen möchte.
Als Authentizitätsmerkmal und als Kriterium für die Unterscheidung (des Wahren vom Falschen, des Fruchtbringenden vom Kahlen) wird nämlich die missionarische Dynamik einer Pfarrei benannt, was den allermeisten Pfarreien insbesondere in Deutschland klar ein Armutszeugnis ausstellt: „Über die Orte und die Gründe der Zugehörigkeit hinaus ist die Pfarrgemeinde der menschliche Kontext, in dem die Evangelisierung der Kirche vonstattengeht, die Sakramente gefeiert werden und die karitative Liebe in einer missionarischen Dynamik erfahrbar wird, die – über die Tatsache hinaus, inneres Element des pastoralen Handelns zu sein – ein Unterscheidungskriterium ihrer Authentizität ist." (Nr. 19)
Mit einem kurzen Wort: „die ‚traditionellen‘ pfarrlichen Strukturen unter missionarischem Gesichtspunkt zu erneuern [...] ist das Herzstück der gewünschten pastoralen Umkehr" (Nr. 20). Dem glaubt man sich nun nicht stellen zu müssen, weil man das Dokument aufgrund einer anderen Frage, die nicht einmal das Ziel des ganzen ist, ablehnt. (Womit man faktisch das geltende Recht der Kirche offen ablehnt.)

Wenn sich nun bischöflich beklagt wird, die kirchlichen Strukturen, wie sie gegenwärtig in Deutschland sind (etwa mit ihren unzähligen Gremien), würden eine Umsetzung der Instruktion erschweren bis unmöglich machen („dann hockt der Priester ja nur noch in Sitzungen“), dann lasse man sich nicht beirren: Der Fehler liegt nicht in dem, was die Instruktion sagt, er liegt in jenen überbordenden Strukturen, die seit Jahrzehnten aufgebaut wurden – bewusst oder unbewusst am kirchlichen Recht vorbei oder über dasselbe hinweg. Insofern stimmt wohl die Klage mancher Bischöfe, die Instruktion werde der „Situation in Deutschland“ nicht gerecht. Aber mehr als zu zeigen, dass die so Redenden nicht über ihren eigenen kleinen Tellerrand hinausblicken können (die Instruktion gilt nämlich für die ganze weltweite Kirche – aus dem selben Grund sind solche Dokumente zuweilen "vage", denn sie müssen ja überall anwendbar sein), erfährt man daraus nicht. „Selbst schuld!“ möchte man den Bischöfen zurufen... der Ressourcen fressende strukturelle Apparat hierzulande ist Marke Eigenbau.

Da der Berichterstattung zufolge inzwischen einige Bischöfe ausdrücklich die aktuelle Instruktion zurückweisen (die Instruktion von 2002 hat man damals einfach klanglos ignoriert) oder ganz offen ankündigen, sie zu ignorieren, wird sich daran wohl nun die Spreu vom Weizen trennen. Vielleicht ist das auch gut so... dann wird die jahrzehntelange Missachtung des kirchlichen Rechts durch nicht wenige Bistümer endlich einmal kontrastreich sichtbar.

Montag, 20. Juli 2020

Pastorale Umkehr

Eine kleine Beobachtung am Rande bezüglich der neuen Instruktion aus Rom.

Bestimmte Kräfte der katholischen Kirche in Deutschland haben seinerzeit versucht, die Enzyklika "Evangelii Gaudium" von Papst Franziskus möglichst zu verwässern, um bloß nichts an ihren Plänen ändern zu müssen. Ein sehr schönes Beispiel, bei dem das schon sprachlich deutlich wird, ist die Nr. 27 dieses Schreibens, wo in der "gültigen" deutschen Fassung eine "pastorale Neuausrichtung" benannt wird. Im spanischen Original steht freilich etwas anderes, dort ist die Rede von einer "conversión pastoral", also einer pastoralen Umkehr oder Bekehrung - etwas durchaus in einem positiven Sinn Erschütterndes, das man hierzulande aber äußerst ungern möchte.

Diese sprachliche Abmilderung beißt jene bestimmten Kräfte nun in den Popo, da die neue Instruktion nicht nur die Pfarrer stärken und eine Klerikalisierung der Laien so gut es geht eindämmen will, sondern das alles und noch viel mehr geschieht auch noch unter dem Stichwort der "pastoralen Umkehr" (ital. conversione pastorale) gleich im Titel. Tja. Ob man sich dem jetzt stellt? Vermutlich nicht.

Donnerstag, 16. Juli 2020

Fühlen mit der Kirche

Jan-Heiner Tück im Interview auf katholisch.de (hier), gefragt nach der Verbindlichkeit der zu glaubenden Unfehlbarkeit des Papstes: »Wenn ein "sentire cum ecclesia – ein Fühlen mit der Kirche" gegeben ist, braucht es keine Totalidentifikation mit der Lehre der Kirche zu geben. Die Anerkennung des Glaubensbekenntnisses reicht.«

Nein, das reicht definitiv nicht.

Erstens ist "Totalidentifikation" an dieser Stelle ein völlig falsches und irreführendes Wort, denn eine Totalidentifikation, also eine Identifikation seiner selbst mit allem was zur Kirche gehört und was in der Kirche geschieht, ist schlicht nicht möglich. Niemand kennt alles und jeder wählt aus und setzt Schwerpunkte. Was es aber geben kann und geben soll, ist der Wille, den ganzen Glauben der Kirche getreu anzunehmen, selbst in den Punkten, die man nicht kennt, oder die für einen selbst nicht so zentral im eigenen geistlichen Leben sind (impliziter Glaube).

Zweitens kann es kein "sentire cum ecclesia" geben, wenn ein solcher impliziter Glaube nicht gegeben ist; der Verweis darauf eignet also nicht als Argumentationsgrundlage. Das ist in etwa so, als wenn ich sagen würde "Wenn Blindheit gegeben ist, dann braucht es keine Wertschätzung für die Malerei von Rubens oder Rembrandt." Die Aussage ergibt keinen Sinn: Ich kann nicht "Fühlen mit der Kirche", wenn ich nicht (zumindest implizit) will, was die Kirche will, liebe was die Kirche liebt und glaube was die Kirche glaubt. Dies zu tun ist Vorbedingung für ein "Fühlen mit der Kirche", nicht andersrum.

Der Ausdruck "sentire cum ecclesia" stammt von Ignatius von Loyola, und dieser verband damit ziemlich genau das Gegenteil von dem, was Tück hier darlegt. Für Ignatius gilt der Gehorsam (gegenüber der Kirche, die er aus diesem Anlass insbesondere in ihrer Hierarchie und ihrem Lehramt verortet) mehr als eigene innere Regungen: Für ihn bedarf das Bewegtsein durch den Geist Gottes der Verleiblichung, so wie auch Christus sichtbar Mensch geworden ist. Das ist für ihn der Gehorsam gegen die Kirche.
Nie hätte Ignatius die eigene innere Regung, erst recht nicht das eigenen Gefühl oder das eigenen (rationale) Urteil höher gestellt als das, was ihm von Seiten der Kirche vorgegeben oder gesagt wird (die Rangfolge ist: 1. Papst, 2. Vorbild der Heiligen, 3. die eigene Vernunft). Das ist für ihn "Fühlen mit der Kirche": Das eigene Empfinden und Wollen an der Kirche (dem Lehramt) ausrichten. Das berühmte vierte Gelübde der Jesuiten, der Gehorsam gegen den Papst, hat genau hier seine Begründung. Dabei handelt es sich nicht um eine Geringachtung der Vernunft oder des eigenen Mittuns, sondern es drückt sich hier das Vertrauen aus, dass derselben Geist Gottes, der im Herzen jedes Menschen wirken kann, sich vorzüglich (und objektiv gültig) in der Kirche ausdrückt, nicht geringer, als er sich im Leben Jesu und der Heiligen ausdrückte.

Wenn ein Mensch meint, er könne das (fälschlich so bezeichnete) Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes nicht annehmen, dem hält Ignatius entegegen: "Denn oft mag das, was so gar nicht mit der menschlichen Klugheit übereinzustimmen scheint, sehr wohl eins sein mit der göttlichen Klugheit: denn diese lässt sich nicht eingrenzen in die Gesetze unserer Vernunft." Wer sich in seiner Ablehnung vom Geist bewegt glaubt, dem muss klar sein: "immer ist es für diesen Mystiker [d.i. Ignatius] die hierarchische Kirche, die ihm zum Maßstab der Echtheit allen Geistes wird." (Hugo Rahner, Ignatius 379)

Mittwoch, 15. Juli 2020

Fixierung auf das Priestertum

Auf katholisch.de wird wieder einmal die Werbetrommel für das Frauenpriestertum (und Priester im Nebenberuf) gerührt (hier). Diesmal ist es der Vizeprovinzial der Pallottiner.

Daran wird wieder einmal etwas sehr deutlich: Diese Agenda zeigt mehr als alles andere eine geradezu krankhafte Fixierung ihrer Vertreter auf den Priester (Klerikalismus). Der Eindruck ist: um etwas in der Kirche zu gelten, oder um etwas für das Reich Gottes zu bewirken, genügt die Taufe nicht, es braucht auch das Sakrament der Weihe.

In diesem Fall ist dieser Eindruck besonders grell, denn jener Vizeprovinzial der Pallottiner verleugnet damit ausgerechnet die wesentlichen Impulse des Heiligen Vinzenz Pallotti, den Papst Pius IX. nicht grundlos als "Pionier der katholischen Aktion" charakterisiert hat. Sein Anliegen war es gerade, alle Katholiken - Arbeiter, Lehrer, Diener, Bauern, Hausfrauen etc. - zum Apostolat in ihrem wie auch immer großen oder kleinen Aktionsradius zu ermutigen. 
Diese Fixierung auf das Priestertum steht in direkten Gegensatz dazu.

Dass ein Priester ebendies nicht im Nebenberuf sein kann, ist klar, das muss nicht kommentiert werden. Dass der so Redende nicht glaubt, ein Papst könne diese Sache entscheiden, zeigt eigentlich nur seine Ignoranz in Sachen des Glaubens.

Dienstag, 14. Juli 2020

Heilige Wurzeln

Aus dem Evangelium des letzten Sonntags: "Auf felsigen Boden ist der Samen bei dem gefallen, der das Wort hört und sofort freudig aufnimmt, aber keine Wurzeln hat, sondern unbeständig ist; sobald er um des Wortes willen bedrängt oder verfolgt wird, kommt er zu Fall."

Auch wenn ich das Etikett furchtbar finde, gebrauche ich es einmal: Liberale Katholiken. Also solche, die meinen, die Kirche neu erfinden zu müssen, die nicht viel geben auf das überkommene Glaubensgut der Kirche.
Mir tun diese Leute Leid. Ehrlich. Sie tun mir insbesondere darum Leid, weil sie den unermesslichen Schatz an geistlicher Erfahrung, an mystischer und systematischer Beschäftigung mit den Dingen des Glaubens, an Betrachtungen, Gebeten und Hymnen beinahe ausschließlich nur in der Weise des Verdachts oder sogar der Abscheu betrachten können. Wenn, um ein Beispiel zu nennen, von Irenäus über Gertrud die Große bis Hugo Rahner die Eucharistie insbesondere als Opfer, unser Bezug zu ihr als Mitopfern und Selbstopfer betrachtet wird, dann können solche Leute damit nicht nur nichts anfangen, sondern sie müssen es als etwas glücklicherweise Überwundenes betrachten oder es in eine bis zur Unkenntlichkeit verwaschene Form umdeuten. Und damit versperren sie sich den Zugang zu allem, was diese geistlichen Giganten dazu gedacht haben.

Dieser unermessliche Schatz der Erfahrungen, Überlegungen und Betrachtungen der Kirche, insbesondere ihrer ungezählten Heiligen, ist für sie höchstens in vereinzelten Klischees zugänglich (etwa Franz von Assisi als Umweltaktivist). Einen zusammenhängenden Gedanken, geschweige denn einen ganzen Text eines heiligen Schriftstellers oder eines Konzils, können sie nie wirklich verstehen und echten geistlichen Nutzen daraus ziehen - viel zu fremd (überwunden) ist es.

In meiner Arbeit wie auch im privaten Umgang merke ich immer wieder, dass die Menschen, insbesondere die, die hauptamtlich für die Kirche arbeiten, keine Wurzeln in der Geschichte der Kirche haben. Sie scheinen zu glauben, ihre Schwierigkeiten, etwa in Sachen Katechese, seien neu und schlimm und sie müssten sich etwas ausdenken... dabei ist nichts neu und die Tradition bietet bereits alle Antworten.

Heilige bringen Heilige hervor: Jeder Heilige wurde in seinem Leben wesentlich geprägt oder sogar unmittelbar bekehrt durch das Wirken oder die Schriften anderer Heiligen. Überhaupt sind die Vorbilder und das Denken der vorangegangenen Glaubenden immer Inspiration und Antrieb für das christliche Leben gewesen. Dieser "Generationenvertrag" ist heute weitestgehend gekündigt, denn jenseits vereinzelter Klischees können die meisten Katholiken, insbesondere im Kirchenapparat, mit Leben und Schriften der Glaubenden vor uns nichts mehr anfangen.
Das scheint mir ein wesentlicher Grund für die Krise zu sein: Nicht nur, dass wir den auf uns gekommenen Glauben nicht mehr wollen, sondern weil wir ihn nicht wollen, können wir keine Wurzeln in die Glaubensgeschichte schlagen. Wir verdorren und kommen zu Fall.

Es täte Not, die Heiligen als Zeugen des Glaubens, nicht bloß als Klischees, in allen Bereichen der Kirche neu zu entdecken, zu studieren und ernstzunehmen...

Freitag, 5. Juni 2020

Der Theologe und die gleichgeschlechtliche "Benediktion"

Der Ewald Volgger, der an der Linzer Katholischen Privat-Universität als Liturgiewissenschaftler tätig ist und von der österreichischen Bischofskonferenz damit beauftragt wurde, Möglichkeiten zur Segnung homosexueller Paare zu erarbeiten, durfte sich neulich auf katholisch.de (hier) ausführlich zu genau diesem Thema äußern. Erfreulicherweise nimmt er kein Blatt vor den Mund und legt ganz offen dar, dass seine Bestrebungen darauf abzielen, die Lehre der Kirche zu ändern und letztlich auch Homosexuellen die Möglichkeit zu geben, kirchlich (sakramental) zu heiraten. Letzteres natürlich nicht sofort: um das dumme Volk nicht zu verunsichern, soll dieses Ziel schrittweise umgesetzt werden, wozu er als Etappenziel eine ganz offizielle Benediktion (Segnung) durch die Kirche vorschlägt, die dann etwa ins Kirchenbuch eingetragen wird, nicht unähnlich einer Jungfrauenweihe. Sobald sich das dumme Volk daran gewöhnt hat, kann diese Sakramentalie dann zum Sakrament erklärt werden.
Natürlich, wie üblich, ist dabei jede menge Quatsch ausgesagt, der theologisch nicht tragfähig ist. Die Wünsche jenes Liturgiewissenschaftlers sind nur dies, seine persönlichen Träumereien, die mit der Lehre der Kirche völlig unvereinbar sind.

Was mich aber besonders stutzig/wütend gemacht hat, ist diese rhetorische Frage: "Können zwei gleichgeschlechtlich liebende Menschen ihre Taufberufung für ein gemeinsames Leben verfolgen und von der Kirche den Segen dazu erhalten?" Noch deutlicher wird es, wenn er meint, die Kirche müsse "gleichgeschlechtliche Beziehung als gemeinsame Entfaltung der Taufberufung" würdigen.
Die Berufung Gottes, die an jeden Getauften ergeht, ist die Berufung zur Heiligkeit: "Denn das ist der Wille Gottes, eure Heiligung, dass ihr meidet die Unzucht und ein jeder von euch verstehe, sein eigenes Gefäß in Heiligkeit und Ehre zu halten, nicht in gieriger Lust wie die Heiden, die von Gott nichts wissen." (1 Thess 4,3-5; vgl. Eph 1,4) Volgger verkehrt die Mahnung des Apostels in ihr genaues Gegenteil, und offenbar hat er überhaupt kein Problem damit. So wird heutzutage Theologie betrieben!

Für mein Verständnis ist das Ansinnen jenes Liturgiewissenschaftlers nicht nur häretisch, es ist insbesondere blasphemisch und gefährlich für das Seelenheil vieler. Für die Frage, ob praktizierte Homosexualität (nach dem biblischen Zeugnis) sündhaft ist, verweise ich auf einen früheren Beitrag HIER (vgl. die sehr klugen Worte von Wolfhart Pannenberg hier), wo ich u.a. frage: "Kann [die Kirche] etwas segnen - hier also einer Handlungsweise den Segen Gottes zusprechen - was Gott selbst nach seinem einmütigen Zeugnis in der ganzen Offenbarung als Gräuel und schwere Sünde verwirft? Würde die Kirche soetwas tun, müsste man mit dem Apostel ernsthaft fragen: 'ist dann Christus ein Diener der Sünde?' (Gal 2,17)" Zur Frage der grundsätzlichen Möglichkeit der Beurteilung der Sünde siehe HIER.
Wie gesagt, ich begrüße die seltene Ehrlichkeit des Mannes, aber das was er sagt, ist klar zu verurteilen... bedauerlich, dass meine Kirchensteuer auch dazu verwendet wird, dass den Menschen solches Gift verabreicht wird. Ich bin natürlich nicht dafür, dass wir Häretiker verbrennen. Diese Lösung war vielleicht mal zeitgemäß, aber heute wäre es schon hilfreich, wenn solche Leute nicht im Namen der Kirche und zumal in einer katholischen Einrichtung lehren dürften und ihr Gift nicht über kirchliche Medien wohlwollend verbreitet werden würde.

Mittwoch, 3. Juni 2020

Heiliges Haus

Es folgt ein aktueller Beitrag von katholisch.de mit dem Titel "Kirchengebäude: Versammlungshaus oder heiliger Ort?" (hier) mit meinen kritischen Anmerkungen. Wenig verschleiert steht der Verfasser dem sakralen Charakter katholischer Kirchen kritisch gegenüber, den er als eine Abkehr vom ursprünglich Christlichen auffasst, auf das es sich zurückzubesinnen gelte. Der Verfasser irrt sich jedoch in seiner historischen Grundlegung ganz gewaltig und widerspricht sich dabei auch selbst. Er möchte sich für seine These sogar auf Synagoge und Moschee stützen, was nur solange funktioniert, wie man nicht nachschaut, was Juden und Muslime selbst über ihre "Bethäuser" und über ihr jeweiliges größtes Heiligtum denken.


Dass Christen ihre Gottesdienste in Kirchen feiern, ist nicht selbstverständlich. Die frühen Christen wehrten sich noch dagegen. [Falsch. Die vorkonstantinischen Gottesdiensträume befanden sich zwar innerhalb des Komplexes antiker Wohnhäuser, waren aber oftmals eigens für den Gottesdienst reserviert und entsprechend (zuweilen mit feststehenden Altären) eingerichtet.] Erst ein verändertes Glaubensverständnis sorgte für den Aufschwung der Kirchenbauten – und legte die Grundlage für verschiedene Auffassungen über die Natur eines Kirchengebäudes. [Protestantisches und katholisches Verständnis sind demnach nur „verschiedene Auffassungen“, die auf der selben „Grundlage“ beruhen… dass der Protestantismus nach 1500 Jahren Christentumsgeschichte eine zuvor nie dagewesene „Neuerung“ brachte, wird mit keiner Silbe erwähnt. Der folgende Text lässt deutlich durchblicken, dass der Verfasser das protestantische Verständnis des Kirchengebäudes favorisiert.]

Die spitzen Türme stolzer Kathedralen und Dome recken heute überall auf der Welt Kreuze in die Höhe und prägen damit die Silhouette nicht nur europäischer Städte jeder Größe. Bei den Katholiken sind Kirchen sogar extra für ihren Zweck geweihte Gebäude; in ihnen läuft der Besucher nicht einfach in den Altarraum, der oft auch noch ein paar Stufen erhöht ist – denn das ist der heiligste Ort des Gebäudes. Anders in reformierten Kirchen: Wenn überhaupt steht dort ein bescheidener Tisch im Raum, an dem die Menschen einfach vorbeigehen. [Anders lutherische Kirchen mit durchaus üblichen Altarschranken. Kurios, dass bei diesem ökumenischen Vergleich die Ostkirchen mit ihren zahlreichen uralten Traditionen völlig außen vor bleiben… der Grund ist klar: Dort ist in zahlreichen verschiedenen Ausprägungen ein sehr viel stärkeres Bewusstsein vom Heiligen Bereich erhalten geblieben.] Kirchen werden hier schlicht in Dienst genommen – von Weihe keine Spur. Beide Verständnisse eines Kirchengebäudes sind durch ganz unterschiedliche Entwicklungen in der Geschichte entstanden. [Dass es auch theologisch-inhaltliche Gründe geben könnte, bedenkt der Verfasser an keiner Stelle.]

Ursprünglich gab es bei den Christen keine speziellen Gottesdienstgebäude, man traf sich in Privathäusern. [Stimmt. Und zwar in eigens für den Gottesdienst vorgesehenen und eingerichteten Räumen.] Die Überlieferungen der Paulusbriefe und der Apostelgeschichte zeigen, dass Versammlungen an öffentlichen Treffpunkten die absolute Ausnahme waren. [Vielleicht lag das daran, dass die Christen verfolgt wurden? Oder daran, dass das, was die Christen feierten, von solcher Art war, dass es nicht für die Öffentlichkeit bestimmt war – etwas „Heiliges“ gar?] Heilige Häuser gab es bei den Christen nicht – damit orientierten sie sich am Judentum. Für Juden gab es auf der ganzen Welt nur ein einziges heiliges Gebäude: den Tempel von Jerusalem. Nur hier durfte geopfert werden, nur hier fanden Kulte statt. [Demnach wäre der gänzliche Verzicht auf ein heiliges Gebäude aber gerade nicht Ausdruck einer Orientierung am Judentum!] Andere Häuser, die sie Synagogen (wörtlich "Versammlung") nannten, waren schlichte Versammlungsstätten der Gemeinden ohne sakrale Funktion [Ganz falsch. Die Synagogen entstanden nach der Zerstörung des ersten Tempels, weil es für das Gebet eines besonderen Ortes bedurfte. Es waren nicht einfach Versammlungen, sondern hier wurde das Gesetz verlesen und gebetet. Versammlungsorte und Begegnungsstätten der Gemeinde wurden sie erst sekundär. Es wurden sogar Elemente des Tempels für die Synagogen übernommen, insbesondere die Bima (etwa: Kanzel) und ein eigener Bereich (Balkon) für Frauen. Übrigens: Auch nichtjüdische Männer müssen in Synagogen (und auf jüdischen Friedhöfen) ihr Haupt bedecken; in manchen Synagogen zieht man sich sogar vor dem Betreten die Schuhe aus. Keine heiligen Stätten?] – das ist bis heute so. Tempel als wortwörtliche "Gotteshäuser", also Wohnhäuser von Gottheiten, gab es im Heidentum. Von diesem Verständnis wollten sich Christen wie Juden absetzen. [Nur ein Stichwort: Schechina. Zu Deutsche etwa: Wohnstatt (von hebr. schachan: wohnen, zelten; vgl. das lat. tabernaculum: Zelt). Im Tempel ist Gott wahrhaft gegenwärtig, deswegen ist es so ein heiliger Ort. Und er ist es bis heute, auch wenn er äußerlich zerstört ist. Der Unterschied zu den Heiden besteht darin, dass es sich hier nicht um einen Lokalgott oder eine mythologische Gottheit unter anderen Göttern handelt, sondern um den einzig wahren Gott.]

Doch die Welt änderte sich: Der große Tempel in Jerusalem wurde 70 n. Chr. von den Römern zerstört, Juden und Christen entwickelten sich auseinander. Außerdem verbürgerlichte sich das Christentum: Lebten die ersten Christen noch in der Erwartung, dass der Erlöser bald wieder auf die Welt kommen würde, verlegte sich der Fokus mit der Zeit mehr und mehr auf das Hier und Jetzt. Ämter und Rituale wurden deshalb immer stärker sakral aufgefasst: Aus dem gemeinschaftlichen (Sättigungs-)Mahl entwickelte sich die Eucharistie [Sehr falsch. Die Wahrheit ist: Die Eucharistie war von Anfang an vom Mahl unterschieden, anfangs jedoch mit einem solchen zeitlich und räumlich verbunden. Die Trennung der beiden aufgrund von Missbräuchen zeichnet sich schon bei Paulus deutlich ab.], der Posten des bisher nur symbolisch als Priester bezeichneten Gemeindevorstehers wandelte sich zu einem Weiheamt. [So „sympolisch“, dass es bei Paulus einen ganzen Kriterienkatalog für ihre Eignung gibt und es das Auflegen der Hände brauchte, um sie in ihr „symbolisches“ Amt einzuführen.] Gleichzeitig wurde aus einer verfolgten Gruppe von Christusanhängern die wachsende Staatsreligion des Römischen Reiches. Das führte zu einer weiteren Sakralisierung des Christentums und dem Bedürfnis nach öffentlichkeitswirksamen Bauten für Gemeinde und Gottesdienst.

Die Christen orientierten sich architektonisch bewusst an einem römischen Profanbau, der Basilika. Hier wurde Markt gehalten und fanden Gerichtsverhandlungen statt. In dieses weltliche Versammlungshaus stellten die Christen nun einen Altar. [Genau falsch herum: „Basilika“ ist ein Bautyp. Als Bautyp sagt er nichts über die Funktion des Gebäudes aus. Die Tatsache, dass ein Altar hineingestellt wurde, gibt die Funktion an: Sakralbau.] Altäre standen bei den Heiden vor den Tempeln [Manchmal. Manchmal auch drinnen.], deren Inneres war nur zur persönlichen Andacht vorgesehen. Im Christentum kommt die Gemeinde um den Ort des Kultes zusammen, heidnische und jüdische, profane und sakrale Vorstellungen finden sich hier also gleichermaßen wieder, wobei das sakrale Verständnis hinter dem Versammlungscharakter merklich zurücktritt. [Nein.]

Die Tendenz zur Sakralisierung [Schlimm!] wurde in den nun folgenden Jahrhunderten immer stärker. In die Kirchen wurden im Mittelalter sogenannte Lettner gebaut, also steinerne Schranken oder Wände, die den Bereich des Klerus von dem der Laien trennten. So manifestierte sich der immer stärker als heilig empfundene Charakter des Gebäudes mit dem Altarraum als geistlichem Zentrum. [Irreführend. Der Lettern wurde nicht zum Zwecke einer Trennung errichtet, sondern er ist eine Weiterentwicklung der frühchristlichen Cancelli (Kanzeln): Er diente dem Vortrag der Lesungen und der Gesänge (Lettner kommt von lat. lectiorum: Lesepult). Die „trennende“ Wirkung ist sekundär und keineswegs für einen Lettner charakteristisch: Ein Lettner ist keine Wand, sondern besteht aus (oft nach beiden Seiten hin offenen) Bögen/Gewölben. Die byzantinische Ikonostase hat eine gewollte trennende (aber auch zusammenführende) Funktion, der Lettner nicht.]

Einen Wendepunkt bildete die Reformation. Johannes Calvin (1509-1564) stand im Rückbezug auf die Bibel und das frühe Christentum für eine radikale Entsakralisierung des Kirchenraums. Er warf die Altäre aus den alten Kirchen, deren Platz am Ende des Raumes blieb demonstrativ leer. Bei Calvin gab es nur noch einfache Tische. [Auf den für das unterschiedliche Raumverständnis entscheidenden Unterschied, nämlich Sinn und Inhalt dessen, was in diesen Räumen geschieht und gefeiert/getan wird, geht der Verfasser überhaupt nicht ein. Die jeweiligen Räume werden unterschiedlich verstanden, weil in ihnen ganz unterschiedliche Dinge geschehen: Im einen Raum geschieht die sakramentale Vergegenwärtigung des Opfers unserer Erlösung, an dem die Gläubigen leibhaftig Anteil erhalten; das andere ist ein Predigtgottesdienst, bei dem die Belehrung und Ermahnung der Gläubigen im Zentrum steht. Aus dem gleichen Grund ist es auch falsch, eine katholische Kirche mit einer Synagoge zu vergleichen, eher müsste man sie mit dem Tempel in Jerusalem vergleichen  (Anwesenheit/Gegenwart Gottes).]  Die Kirchenräume in der Nachfolge von Martin Luther (1483-1546) standen hingegen für eine vermittelnde Position: Der Altar blieb zwar an seinem Ort, eine Sakralität des Raumes als Ganzes gab es allerdings nicht mehr.

Das unterschiedliche Verständnis von Kirchengebäuden [Irreführend. Es geht nicht um das „Verständnis von Kirchengebäuden“, sondern um das Verständnis dessen, was in diesen Gebäuden geschieht!] spiegelte sich auch in deren architektonischer Gestaltung wider: Katholische Bauten lenkten den Blick des Besuchers auch künstlerisch gleich in Richtung des Altars, mit jedem Schritt in seine Richtung wird die Stimmung feierlicher und erfurchtseinflößender. Diesen Effekt vermieden die Protestanten [Weil es nichts Ehrfurchteinflößendes gab, auf das man zuging; anders in einer katholischen Kirche.]: Der die Fallhöhe von Heiligkeit und Weltlichkeit zelebrierende Barock blieb im Calvinismus auf Einzelfälle beschränkt, auch die Lutheraner gingen mit ihm sparsam um, die Kirchen sind schlichte Häuser des Zusammenkommens. [Ich kenne viele Protestenten, die dem widersprechen würden.] Wesentlich beliebter war im Protestantismus der Klassizismus als Bauform – obwohl der sich auf die Formen antiker Tempel bezog, die ein ganz anderes Sakralverständnis hatten.

Die nichtsakrale Grundeinstellung teilen die evangelischen Kirchen bis heute mit den Bauten der anderen abrahamitischen Religionen. Synagogen sollen im orthodoxen Judentum einfache Versammlungshäuser sein, die sich in ihrer Gestaltung nicht von ihrem Umfeld abheben. [Der Verfasser hat offenkundig noch nie eine orthodoxe Synagoge betreten. Es würde ihn gewiss überraschen, dass es auch in Synagogen ein „ewiges Licht“ (hebr. ner tamid) gibt, nahe beim mit kostbaren Stoffen verhängten Thoraschrein, das auf die Tempelmenora verweist und den unsterblichen Glauben Israels symbolisiert. Die im Schrein aufbewahrten Thorarollen, die nicht mit bloßen Händen berührt werden sollen, sind mit kostbaren Stoffen bekleidet, die vor der Lesung geküsst werden. Die Synagoge wird im Judentum ausdrücklich auch als „kleines Heiligtum“ oder „kleiner Tempel“ (hebr. mikdasch me‘at) bezeichnet (vgl. Hesekiel 11,16).] Die prächtigen Synagogen des 19. Jahrhunderts entstehen im assimilierten liberalen Judentum der Städte und orientieren sich in ihrer auf den Effekt setzenden Gestaltung an katholischen Gotteshäusern. Auch Moscheen sind keine Sakralräume [Weshalb auch niemand die Schuhe ausziehen muss, um hineinzugehen…]: Hier können außerhalb des Gebets auch Kinder gestillt oder Tee getrunken werden. [Aus dem Qur‘an, 24. Sure, Verse 16-17: „In den Häusern, deren Errichtung Allah erlaubt hat, damit dort Seines Namens gedacht werde, preisen Ihn des Morgens und des Abends Männer, die weder Handel noch Geschäft abhält von dem Gedenken an Allah und der Verrichtung des Gebets und dem Entrichten der Steuer.“ Der heiligste Ort der Muslime ist übrigens, ähnlich dem Judentum, ein Gebäude: Die Ka'ba.]

Doch auch die christlichen Kirchen sind mehr als nur Gottesdienstorte: Da in calvinistischen Gottesdiensten die Orgel nicht erklingen durfte, wurde sie seit dem 16. Jahrhundert außerhalb der Liturgie gespielt, die Kirchen wurden zusätzlich zum Ort für Konzerte. Auch die Bewegung der bürgerlichen Gesangsvereine und Kirchenchöre machte die Gotteshäuser aller Konfessionen auch zu Orten der Musik.

Besonders deutlich wurde die Mehrfachfunktion von Kirchen vor allem im Protestantismus in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Zum Teil wurden Gemeindezentren gebaut, deren Räume auch für Gottesdienste genutzt werden. Im Katholizismus blieb die Kirche dagegen auch nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) ein heiliger Ort, der nicht einfach so zum Raum für Feiern oder Gruppenstunden umfunktioniert werden kann. [Was der Verfasser offenbar bedauert.]

Die fortschreitende Säkularisierung stellt an die Kirchengebäude nun wieder neue Fragen: Die großen Kirchen der Vergangenheit werden in den bisherigen Dimensionen nicht mehr gebraucht [… und das soll sich auch nicht ändern…?], neue Raumkonzepte müssen her. Gegen die Doppelnutzung der Protestanten setzen katholische Gemeinden zum Teil die Aufteilung bestehender Räume – das Heilige und das Profane bleiben getrennt.
Als Räume [und mehr nicht!] bleiben Kirchen aber weiterhin gefragt, auch von Menschen außerhalb der Institution Kirche. Beispielsweise in Ostdeutschland engagieren sich auch Konfessionslose in Initiativen zur Rettung historischer Kirchen im ländlichen Raum. Denn von einer pluralen Gesellschaft werden Kirchen heute vielfältig genutzt: Die einen schätzen sie als Raum der Kultur, wieder andere als Ort der persönlichen Einkehr und der Begegnung mit dem Übernatürlichen und Heiligen – auch abseits spezifisch christlicher Frömmigkeitsformen. [Wir lernen: Im Christentum darf es das „Heilige“ (sakrale) in einem Gebäude nicht geben, es stellt eine mittelalterliche Fehlentwicklung dar, gegen die sich die frühe Christen sogar zur Wehr gesetzt haben (diese Behauptung aus dem Einleitungstext hat der Verfasser nicht einmal versucht zu belegen); aber für nichtchristlich-außerkirchliche „persönliche Einkehr“ ist es im Kirchenraum willkommen. Die Anbetung des in seinem Leib und Blut real gegenwärtigen Gottessohnes soll der esoterischen „Begegnung mit dem Übernatürlichen“ weichen.] Besonders auf dem Land sind sie zudem Identifikationsmerkmal und ein Sinnbild für Heimat in einer von Digitalisierung und Globalisierung geprägten Gegenwart. Als Zeichen für Gemeinschaft und Orientierung gelten sie also auch den Kirchenfernen etwas.
Die vom Mitgliederschwund gezeichneten Kirchen werden also auf lange Sicht nicht mehr allein Herren in ihren Häusern sein. Die Allgemeinheit wird Wünsche an die Kirchen und deren Gebäude herantragen. Die spirituelle Dimension wird aber zentral bleiben: Denn auch touristische Besucher schätzen Kirchen, die nicht nur steinerne Museen sind, sondern noch für Gottesdienste genutzt werden. [Die Touristen! Das ist doch mal ein Argument...] Wo Kirchen zunehmend vielzweckige Gebäude werden, könnten sich Gläubige auf ein altes Konzept zurückbesinnen: Die Hauskirche. [Die mit dem eigens für die Feier des Herrenmahls reservierten und eingerichteten Raum?] Schon Luther sah die Trias aus lateinischer, deutscher Messe und dem Hausgottesdienst. Als hyperlokale Gemeinschaft in einer von Individualisierung und einer wachsenden Zahl von Single-Haushalten geprägten Gesellschaft neue Impulse für Gemeinschaft und Spiritualität geben. Auch das 21. Jahrhundert wird Kirchen also neu für sich definieren. [Schade, dass die Christen die Definitionshoheit über ihre eigenen Gebäude an das Jahrhundert, (lat. saeculum, daher das Wort „Säkularisation“: weltlichmachung, der Welt angleichen), abtreten mussten...]



Das ist die Qualität des kirchensteuerfinanzierten katholischen Journalismus. Die Agenda ist klar: weg von allem, was "Heilig" ist, Sakramente spielen keine Rolle mehr, weshalb sie gleich gar nicht erwähnt werden.

Sonntag, 24. Mai 2020

glaubwürdig

Erdbeerbär
Es hat in der kirchlichen Sprache der letzten Jahrzehnte eine gewisse Verschiebung stattgefunden, auf die ich kurz eingehen will.
Konkret geht es mir um die Glaubwürdigkeit, genauer darum, inwiefern jemand oder etwas „glaubwürdig“ ist. Eigentlich handelt es sich dabei um ein Attribut des Verkündigenden Akteurs: Der Zeuge ist Glaubwürdig, d.h. der Zeugnisgebende, der Verkündiger.

Fast unmerklich ist die Verschiebung, wenn dann plötzlich aber von der "glaubwürdigen Verkündigung" die Rede ist. Dann ist nicht mehr der Redende und Handelnde Glaubenszeuge glaubwürdig oder unglaubwürdig, sondern eben die von diesem Subjekt abgehobene Verkündigung, also das, was er tut und wie er redet. Das ist gefährlich, denn so gesehen kann auch eine Lüge glaubwürdig sein, wenn sie nur überzeugend vermittelt wird. Derjenige, der das Zeugnis gibt, ist unerheblich, wichtig ist nun sein Tun und Sprechen.

Und diese Verschiebung geht inzwischen auch noch einen Schritt weiter, wenn die Rede ist von der "glaubwürdigen Botschaft", die es zu verkündigen gilt. Nun ist nicht mehr der Verkündigende gemeint, aber auch nicht seine Verkündigung als Tätigkeit, sondern der Inhalt dieser Verkündigung. Und genau da liegt der Knackpunkt: Wenn ich darum bemüht bin, den Inhalt "glaubwürdig" zu machen, dann bedeutet das nichts anderes, als dass ich diesen Inhalt zur Erhöhung seiner "Glaubwürdigkeit" entsprechend an Geschmack und Vorlieben der Hörer anpasse. Wohl gemerkt, es geht hier nicht bloß um die sprachliche Gestalt (das wäre die Verkündigung), sondern um den Sinn, der verkündet wird. Zuweilen ist genau das auch schon mit der Redewendung "glaubwürdige Verkündigung" gemeint, wenn nämlich mit "Verkündigung" der Inhalt gemeint ist.

Es wird gerade modern, im Rahmen pastoraler Erneuerung von der Wichtigkeit einer "glaubwürdigen Botschaft/Verkündigung" zu sprechen, die es zu verkündigen gilt. Nicht selten verbirgt sich dahinter aber nicht das wahre Evangelium, sondern eine für die Adressaten zurechtgestutzte Verballhornung desselben, die vielleicht gewitzt und sogar charmant daherkommt (etwa wie der Erdbeerbär), aber letztlich irreal und hohl ist. Das ist dann natürlich nicht tragfähig, weil es nicht in die Tiefe reicht (denn dort würde der Anspruch des Evangeliums unausweichlich werden) und es ist damit im Letzten auch nicht glaubwürdig, nicht des Glaubens würdig.

Der Inhalt des Evangeliums ist nie unglaubwürdig. Er kann unglaublich anmuten, aber diese Anmutung gilt es gerade zu überwinden, das ist das durchaus anspruchsvolle Wechselspiel von Verkündigung und Bekehrung. Das Evangelium wird umso weniger unglaublich, je glaubwürdiger seine Verkünder und Zeugen sind.