Sonntag, 24. Mai 2020

glaubwürdig

Erdbeerbär
Es hat in der kirchlichen Sprache der letzten Jahrzehnte eine gewisse Verschiebung stattgefunden, auf die ich kurz eingehen will.
Konkret geht es mir um die Glaubwürdigkeit, genauer darum, inwiefern jemand oder etwas „glaubwürdig“ ist. Eigentlich handelt es sich dabei um ein Attribut des Verkündigenden Akteurs: Der Zeuge ist Glaubwürdig, d.h. der Zeugnisgebende, der Verkündiger.

Fast unmerklich ist die Verschiebung, wenn dann plötzlich aber von der "glaubwürdigen Verkündigung" die Rede ist. Dann ist nicht mehr der Redende und Handelnde Glaubenszeuge glaubwürdig oder unglaubwürdig, sondern eben die von diesem Subjekt abgehobene Verkündigung, also das, was er tut und wie er redet. Das ist gefährlich, denn so gesehen kann auch eine Lüge glaubwürdig sein, wenn sie nur überzeugend vermittelt wird. Derjenige, der das Zeugnis gibt, ist unerheblich, wichtig ist nun sein Tun und Sprechen.

Und diese Verschiebung geht inzwischen auch noch einen Schritt weiter, wenn die Rede ist von der "glaubwürdigen Botschaft", die es zu verkündigen gilt. Nun ist nicht mehr der Verkündigende gemeint, aber auch nicht seine Verkündigung als Tätigkeit, sondern der Inhalt dieser Verkündigung. Und genau da liegt der Knackpunkt: Wenn ich darum bemüht bin, den Inhalt "glaubwürdig" zu machen, dann bedeutet das nichts anderes, als dass ich diesen Inhalt zur Erhöhung seiner "Glaubwürdigkeit" entsprechend an Geschmack und Vorlieben der Hörer anpasse. Wohl gemerkt, es geht hier nicht bloß um die sprachliche Gestalt (das wäre die Verkündigung), sondern um den Sinn, der verkündet wird. Zuweilen ist genau das auch schon mit der Redewendung "glaubwürdige Verkündigung" gemeint, wenn nämlich mit "Verkündigung" der Inhalt gemeint ist.

Es wird gerade modern, im Rahmen pastoraler Erneuerung von der Wichtigkeit einer "glaubwürdigen Botschaft/Verkündigung" zu sprechen, die es zu verkündigen gilt. Nicht selten verbirgt sich dahinter aber nicht das wahre Evangelium, sondern eine für die Adressaten zurechtgestutzte Verballhornung desselben, die vielleicht gewitzt und sogar charmant daherkommt (etwa wie der Erdbeerbär), aber letztlich irreal und hohl ist. Das ist dann natürlich nicht tragfähig, weil es nicht in die Tiefe reicht (denn dort würde der Anspruch des Evangeliums unausweichlich werden) und es ist damit im Letzten auch nicht glaubwürdig, nicht des Glaubens würdig.

Der Inhalt des Evangeliums ist nie unglaubwürdig. Er kann unglaublich anmuten, aber diese Anmutung gilt es gerade zu überwinden, das ist das durchaus anspruchsvolle Wechselspiel von Verkündigung und Bekehrung. Das Evangelium wird umso weniger unglaublich, je glaubwürdiger seine Verkünder und Zeugen sind.

Montag, 18. Mai 2020

Johannes Paul II. über "Mission"

»Auf die Frage warum Mission? antworten wir mit dem Glauben und der Erfahrung der Kirche: sich der Liebe Christi öffnen bedeutet wahre Befreiung. In ihm, und in ihm allein, wer den wir befreit von jeder Entfremdung und Verirrung, von der Sklaverei, die uns der
Macht der Sünde und des Todes unterwirft. Christus ist wahrhaft "unser Friede" (Eph 2,14), und "die Liebe Christi drängt uns" (2 Kor 5,14), die unserem Leben Sinn und Freude gibt. Die Mission ist eine Frage des Glaubens, sie ist ein unbestechlicher Gradmesser unseres Glaubens an Christus und seine Liebe zu uns. Die Versuchung heute besteht darin, das Christentum auf eine rein menschliche Weisheit zu reduzieren, gleichsam als Lehre des guten Lebens. In einer stark säkularisierten Welt ist nach und nach eine Säkularisierung des Heiles“ eingetreten, für die man gewiss zugunsten des Menschen kämpft, aber eines Menschen, der halbiert und allein auf die horizontale Dimension beschränkt ist. Wir unsererseits wissen, dass Jesus gekommen ist, um das umfassende Heil zu bringen, das den ganzen Menschen und alle Menschen erfassen soll, um die wunderbaren Horizonte der göttlichen Kindschaft zu erschließen.« (Johannes Paul II, Redemptoris Missio 11)

Heiliger Johannes Paul der Große, bitte für uns!

Samstag, 16. Mai 2020

Joseph Ratzinger über den suizidalen Weg

Es folgt ein Text von Joseph Ratzinger aus dem Jahr 1970, also von vor 50 Jahren! 

»[D]as recht verstandene Interesse an der Kirche [zielt] primär gerade nicht auf sie selbst, sondern auf das, wovon her und worauf hin sie da ist, darauf also, dass (mit den Worten der Augsburgischen Konfession zu reden) das Wort Gottes in seiner Reinheit und unverfälscht verkündet und der Gottesdienst recht gefeiert wird. Die Frage der Ämter ist nur soweit wichtig, so weit sie dafür die Vorbedingung bedeutet. Nochmal anders ausgedrückt: Das kirchliche Interesse ist nicht die Kirche, sondern das Evangelium. Das Amt sollte möglichst lautlos funktionieren und nicht primär sich selbst betreiben. Gewiß, jeder Apparat braucht einen Teil seiner Kraft auch, um sich selbst in Gang zu halten. Aber er ist um so schlechter, je mehr er im Selbstbetrieb aufgeht und er wäre gegenstandslos, wenn er nur noch sich selbst betriebe.
In dieser Hinsicht freilich stehen die Dinge heute reichlich schlecht. Der notwendige Prozess der Reform, d. h. der Brauchbarmachung der Kirche für ihren Auftrag in der veränderten Situation von heute, hat alles Interesse so sehr auf den Selbstvollzug der Kirche gerichtet, dass sie weithin nur noch mit sich selbst beschäftigt scheint. Zweifellos kann der kommenden gesamtdeutschen Synode in der gegenwärtigen Situation der Kirche eine bedeutende Aufgabe zufallen; in vieler Hinsicht ist eine solche Synode wohl eine Notwendigkeit. Dennoch scheint ihre Vorbereitung, so, wie sie mancherorts betrieben wird, den eben erwähnten Trend in ungesunder Weise zu verstärken. Man klagt darüber, dass die große Menge der Gläubigen im allgemeinen zu wenig Interesse für die Beschäftigung mit der Synode aufbringe. Ich muss gestehen, dass mir diese Zurückhaltung eher ein Zeichen von Gesundheit zu sein scheint. Christlich, d. h. für die eigentlich vom Neuen Testament gemeinte Sache, ist nämlich wenig damit gewonnen, wenn Menschen sich leidenschaftlich mit Synodenproblemen auseinandersetzen – so wenig jemand schon dadurch zum Sportler wird, dass er sich eingehend mit dem Aufbau des Olympischen Komitees beschäftigt. Dass den Menschen die Geschäftigkeit des kirchlichen Apparats, von sich selbst reden zu machen und sich in Erinnerung zu bringen, allmählich gleichgültig wird, ist nicht nur verständlich, sondern objektiv kirchlich gesehen auch richtig. Sie möchten gar nicht immer neu weiter wissen, wie Bischöfe, Priester und hauptamtliche Katholiken ihre Ämter in Balance setzen können, sondern was Gott von ihnen im Leben und im Sterben will und was er nicht will. Damit aber sind sie auf dem rechten Weg, denn eine Kirche, die allzuviel von sich selbst reden macht, redet nicht von dem, wovon sie reden soll. Leider muss man in dieser Hinsicht (und nicht nur in dieser) heute einen beträchtlichen Verfall der Theologie und ihrer Vulgarisationsformen fest stellen: Der Kampf um neue Formen kirchlicher Strukturen scheint weithin ihr einziger Inhalt zu werden. Die Befürchtung, die Henri de Lubac am Ende des Konzils geäußert hatte, es könnte zu einem Positivismus des kirchlichen Selbstbetriebs kommen, hinter dem sich im Grunde der Verlust des Glaubens verbirgt, ist leider ganz und gar nicht mehr gegenstandslos.«

(aus: J. Ratzinger / H. Maier, Demokratie in der Kirche)

Donnerstag, 7. Mai 2020

Naive Theologen

Angesichts einiger weniger kontroverser Äußerungen des emeritierten Papstes am Ende der neuen Benedikt-Biographie von Peter Seewald (sehr lesenswert, ich kann es kaum beiseite legen!), fühlt sich der Freiburger Fundamentaltheologe Herr Striet – einer der wenigen Theologen, die ganz offen dem Atheismus frönen (s. meine Bemerkung hier) – dazu herausgefordert zu betonen, dass unsere Gesellschaft ganz und gar „nicht religionsfeindlich“ sei. „Allerdings“, so führt er fort, „verlangen sie von Menschen, die ihre religiösen Überzeugungen in den öffentlichen Diskurs einbringen wollen, dass sie so gute Gründe für sie aufbringen können, dass sie auch zu überzeugen vermögen.“ (hier).

Ein Wort: Naiv.

Ich glaube, Herrn Striet ist wirklich davon überzeugt, dass unsere Gesellschaft „nicht religionsfeindlich“ ist. Und ich habe eine Vermutung, warum er davon überzeugt ist.

Ums kurz zu machen: Herr Striet fühlt sich in dieser Gesellschaft geborgen und keineswegs angefeindet, weil er selbst alles nur denkbare tut, um mit dieser Gesellschaft konform zu sein! Die „Religion“ die er vertritt, steht per Definition in keiner ernsthaften Spannung zu dieser Gesellschaft, denn ihr oberstes Ziel besteht in der Gleichförmigkeit mit ihr.
Das und nur das, meint Striet mit „überzeugen“: Es geht nicht wirklich darum, jemanden umzustimmen, sondern es geht darum ihm nach dem Mund zu reden und das weltliche Gegenüber davon zu „überzeugen“, dass man genau so ist und denkt, wie er: „Ich bin keine Gefahr für dich und dein gewohntes denken/fühlen/handeln, und ich beweise es dir, indem ich nichts vertrete, was dich kränken oder belästigen oder herausfordern könnte.“

Es ist schon erstaunlich, dass Menschen, die ihre ganze Anstrengung darauf verwenden, sich und ihre „Religion“ mit der Gesellschaft in Gleichschritt zu bringen, in vollem Ernst verkünden können, die Gesellschaft stünde dieser ihrer „Religion“ nicht feindlich gegenüber. Natürlich nicht! Wieso sollte sie?

Was Herr Striet nicht sieht, und wohl auch nicht sehen kann, ist die Tatsache, dass diese Gesellschaft durchaus religionsfeindlich ist, nämlich immer genau dann, wenn die jeweiligen religiösen Ansichten nicht widerspruchsfrei zu den Ansichten dieser Gesellschaft passen. Er kann das nicht sehen, weil er in diesen Fällen selbst auf der Seite jener Gesellschaft steht.
Die Wirklichkeit, von der Herr Striet nichts wissen möchte, ist sogar noch dramatischer: Nicht nur diese Gesellschaft ist einem überzeugten und authentischen Christentum gegenüber feindlich gesonnen, sondern die katholische Kirche selbst, so wie sie gegenwärtig in Deutschland strukturell aufgestellt ist, ist über weite Strecken gegenüber ihren eigenen Gliedern feindlich gesonnen: Wer die Lehre der Kirche unverkürzt verkündet, oder wer auch nur vereinzelten als „traditionell“ empfundenen Frömmigkeitsformen anhängt, der hat es in der katholischen Kirche in Deutschland schwer. In verantwortliche Positionen kommt man so eher nicht. Wer an den aktuellen (von der angeblich nicht religionsfeindlichen Gesellschaft vorgelegten) Dogmen der Demokratisierung und Egalisierung, der Entsakralisierung und Säkularisierung (von Kirchenraum, Priestertum, Liturgie und Sakramenten) sowie der moralischen Liberalisierung Zweifel anmeldet, wird mundtot gemacht. Wer für diese Dogmen kämpft, ist gern gesehener "Dialogpartner". Der suizidale Weg ist hier nur das offensichtlichste Beispiel.

Es ist schon irgendwie putzig, als wie naiv dieser sich selbst als er alleraufgeklärteste ansehende Kerl sich hier offenbart.

Donnerstag, 30. April 2020

Die Essenz der Krise

»Der Mensch von heute versteht die christliche Erlösungslehre nicht mehr. Sie findet keine Entsprechung in seiner eigenen Lebenserfahrung. Er kann sich unter Sühne, Stellvertretung, Genugtuung einfach nichts vorstellen. Das, was mit dem Wort Christus, Messias, gemeint war, kommt in seinem Leben nicht vor und bleibt damit leere Formel. Auf diese Weise fällt das Bekenntnis zu Jesus als Christus ganz von selbst dahin. […] Erlösung wird durch Befreiung im neuzeitlichen Sinn ersetzt, die mehr psychologisch-individuell oder mehr politisch-kollektiv verstanden werden kann und sich auch gern mit dem Mythos vom Fortschritt verbindet. Dieser Jesus hat uns nicht erlöst, aber er kann ein Leitbild sein, wie Erlösung, d.h. Befreiung, zustande kommt. Wenn aber keine schon geschenkte Gabe der Erlösung zu vermitteln ist, sondern nur Anweisungen für unsere Selbsterlösung zu geben sind, dann ist wiederum die Kirche im überlieferten Sinn ein Unding, ja, ein Ärgernis. Sie trägt dann keine Vollmacht in sich; die beanspruchte Vollmacht ist unter dieser Voraussetzung nur angemaßte Macht. Stattdessen müsste sie zu einem Ort der »Freiheit« in einem psychologischen oder politisch verstandenen Sinn werden. Sie müsste der Raum unserer Wunschträume vom befreiten Leben sein; sie kann auf nichts jenseitiges verweisen, sondern muss sich jeweils in meiner eigenen Erfahrung als innerweltlich erlösende Instanz bewähren. Alle Unerlöstheit meiner eigenen Existenz, alle Unzufriedenheit mit mir selbst und den anderen fallen auf sie zurück.
[...] Man kann sich einen Gott nicht mehr vorstellen, der sich um den einzelnen Menschen kümmert und der überhaupt in der Welt handelt. Gott mag den Urknall angestoßen haben, wenn es ihn schon geben sollte, aber mehr bleibt ihm in der aufgeklärten Welt nicht. Es scheint fast lächerlich, sich vorzustellen, dass ihn unsere Taten und Untaten interessieren, so klein sind wir angesichts der Größe des Universums. Es erscheint mythologisch, ihm Aktionen in der Welt zuzuschreiben. [...] Wenn aber Gott mit uns letztlich nichts zu tun hat, dann fällt auch der Gedanke der Sünde dahin. Dass eine menschliche Tat Gott beleidigen könne, ist vielen ein ganz unvollziehbarer Gedanke geworden. So besteht für die Erlösung im klassischen Sinn des christlichen Glaubens überhaupt kein Anlass mehr, weil es kaum jemand einfällt, die Ursache für das Elend der Welt und der eigenen Existenz in der Sünde zu suchen. Deshalb kann es natürlich auch keinen Sohn Gottes geben, der in die Welt kommt, um uns von der Sünde zu erlösen, und der dafür am Kreuz stirbt. Von daher erklärt sich noch einmal die grundlegende Veränderung im Verständnis von Kult und Liturgie, die in letzter Zeit von Langem her vorbereitet vor sich gegangen ist: Ihr erstes Subjekt ist nicht Gott, auch nicht Christus, sondern das Wir der Feiernden. Und sie kann natürlich auch nicht Anbetung als primären Sinn haben, für die ja bei einem deistischen Gottesverständnis kein Grund besteht. ebenso wenig kann es um Sühne gehen, um Opfer, um Vergebung der Sünden. Es geht vielmehr darum, dass sich die Feiernden ihrer Gemeinschaft untereinander versichern und damit aus der Isolation heraustreten, in die die moderne Existenz den Einzelnen hineindrängt. Es geht darum, Erlebnisse der Befreiung, der Freude, der Versöhnung zu vermitteln, Schädliches zu denunzieren und Impulse für die Aktion zu geben. Deswegen muss auch die Gemeinde ihre Liturgie selbst machen und nicht aus unverständlich gewordenen Traditionen empfangen; sie stellt sich selber dar und feiert sich selbst. Allerdings darf man auch eine Gegenbewegung nicht übersehen, die gerade in der jungen Generation immer deutlicher wird: Die Banalität und der kindische Rationalismus selbst gebastelter Liturgien mit ihrer künstlichen Theatralik werden in ihrer Armseligkeit immer mehr durchschaut; ihre Nichtigkeit wird offenbar. Die Vollmacht des Mysteriums ist verschwunden, und die kleinen Selbstbestätigungen, mit denen man diesen Verlust wettmachen will, können auf die Dauer nicht einmal die Funktionäre befriedigen, Wie viel weniger diejenigen, die sich von solchen Aktionen angesprochen fühlen sollen. [...] Schließlich darf man sagen, dass dort, wo die Liturgie vom Mysterium durchleuchtet ist, wieder neue Orte des Glaubens entstehen.«
(aus: Joseph Ratzinger, Gesammelte Schriften 9/2, 981-983 [= Ein Neues Lied für den Herrn, 47-49])


Der Text stammt aus dem Jahr 1992. Gegenwärtig wird von unzähligen Theologen in Fakultäten und Bistümern die Abkehr vom Mysterium zugunsten selbstgebastelter Liturgien und Rituale mit viel Aufwand betrieben. Dies scheint ihnen schon deshalb geboten, weil die Eucharistie des geweihten Priesters bedarf... das sind gleich zwei Sakramente, die in erdrückender Deutlichkeit unermüdlich beweisen, dass wir auf das Heil angewiesen sind, das nicht von uns selbst kommen kann. Unerträglich! Dass nicht wenige Bischöfe sich schon länger auch aktiv daran beteiligen, stellen dieser Tage die Bischöfe Jung in Würzburg [hier] und Neymeyer [hier] in Erfurt eindrücklich dar. Der viel beschworene Priestermangel dient nur als Vorwand, eigentlich kommt er nämlich sehr gelegen: Jedes Mittel ist recht, um „die Fixierung auf die Eucharistiefeier aufzubrechen und den Wert anderer Gottesdienstformen zu vermitteln.“ (so Neymeyer)
Man entzieht sich damit bewusst oder unbewusst der eigenen Pflicht und Verantwortung; im Grunde ist es ein Verrat am Herrn selbst, dessen größtes Gebot - "Tut dies zu meinem Gedächtnis!" - relativiert wird. Man lässt sich vom Strom der Zeit in Richtung Abrgund treiben und fühlt sich dabei sogar noch als "mutiger" Vordenker und -kämpfer, weil man sich gegen einen anderen Strom stellt: Gegen den mystischen Strom, der von den Wunden des Erlösers ausgeht, das Rinnsal, das unter dem Altar entspringt und zum großen Fluss wird, der Gnadenstrom.

Mittwoch, 29. April 2020

Priester sagen und Priester sein

Da ein hochrangiger Kirchenmann seine Ansicht kundgetan hat, die Abschaffung des Sonntagsgebots sei eine sinnvolle Idee (hier), und weil es dieser Tage sowieso viele Bischöfe nicht unterlassen können, ihre Gläubigen pauschal und unbefristet von diesem Gebot zu "dispensieren" (wobei kirchenrechtlich zumindest fragwürdig ist, ob das überhaupt geht, wobei kirchenrechtlich völlig klar ist, dass es jedenfalls überflüssig und unsinnig wäre), scheint es eine gute Gelegenheit, zu einem verwandten Thema ein kurzes Wort zu sagen.

Es ist ja nun sehr modisch in, Zeiten von angstfreier Augenhöhe und demokratisch-pluraler Partizipation, Worte wie "Taufpriestertum" oder "gemeinsames Priestertum" oder andere diesen Sinn tragenden Ausdrücke kämpferisch im Munde zu führen. Schließlich, so wird gesagt, seien alle Getauften auch Priester, und darum... Und es stimmt ja auch: alle getauften sind Teil des königlichen, priesterlichen und prophetischen Volkes Gottes. Doch tut sich ein Problem mit der Glaubwürdigkeit vieler auf, die sich hier kämpferisch äußern: DER "priesterliche" Auftrag des Neun Testaments lautet "Tut dies zu meinem Gedächtnis!" Wer das nicht mit der ganzen Kirche (und entsprechend ihrer Ordnung) tut, hat m.E. keinerlei Recht, sich als "Priester" zu sehen. Wer es nicht für nötig erachtet, sonntags die Eucharistie mit zu feiern, der hat m.E. kein Recht, sich als "Priester" zu bezeichnen. Darum ist ja auch ein Boykott wie der von Maria 2.0 so unsinnig.

Ein kleiner Text von Bernhard Häring (bevor er "abging"):
»Als Getaufter, als lebendiges Glied des Gottesvolkes, des „Königreichs von Priestern" (Ex 19, 6; Offb 1, 6; 5, 10), soll der Christ seine größte Ehre und heiligste Pflicht darin sehen, das Opfer des Neuen Bundes mitzufeiern. Das seiner Seele eingeschriebene Tauf- und Firmgepräge ist eine ehrenvolle Einladung durch Christus. Das [Sonntags-]Gebot der Kirche spricht das in Worten aus, was die Flammenschrift des Heiligen Geistes als Gnade verliehen hat. Die Kirche erinnert die Säumigen und will die Erfüllung des ihr vom Herrn gegebenen Auftrags zu gemeinsamer Feier Seiner Liebestat („Tut dies zu Meinem Gedächtnis!“) sicherstellen. Meine erste Sorge wird also sein, daß ich als ein lebendiges Glied des Gottesvolkes im Stand der Gnade und „in Geist und Wahrheit“ (Joh 4, 24) das Opfer der Kirche Christi mitfeiere. Das zweite wird sein, daß ich froh mit dem Herzen dabei bin und mein Möglichstes tue, um im Beten und Singen meine Zugehörigkeit zum Gottesvolk zu bekunden. Wenn ich die sonntägliche Mitfeier des Festes der Liebe so betrachte, stehe ich nicht mehr wie ein Knecht unter einem Gesetz, sondern wie ein Freund Christi unter der Gnade“ (Röm 6, 14).«

(aus: Christ in einer neuen Welt)

Der Priester ist der, der am wenigsten seinen Willen bekommt (vgl. hier meine Bemerkungen zum Priestertum). er ist Diener eines anderen Willens, nämlich des göttlichen, und der ist heute kein anderer als vor 2000 Jahren.

Freitag, 27. März 2020

Trost der Tradition

Auf kath.net fand sich heute ein Hinweis auf, wie es dort hieß, verunglimpfende Äußerungen einer Erfurter Theologin, die sich mit dem rhetorischen Kniff des „das darf ja wohl gefragt werden“ ziemlich deutlich abschätzig über traditionelle Formen katholischer Frömmigkeit geäußert hat, die derzeit häufiger in den Medien wahrnehmbar sind, insbesondere im Zusammenhang mit der Eucharistie.

Die Äußerungen tätigte die Autorin in einem Blogbeitrag der Uni Erfurt (hier) – was dem „Wissenstransfer Theologie“ dienen soll – und sie sind, anders als kath.net suggeriert, nicht Ziel des Beitrags. Sie erwähnt das eher als  negativ geladene Hintergrundfolie für ihre eigenen tollen Ideen. Dass „nicht wenige Katholik*innen“ über solche Äußerungen katholischer Frömmigkeit „ernsthaft verstört“ seien, wird indes eigens als eigenes Zitat in Groß hervorgehoben.

Das eigentliche Thema des Beitrags ist die Frage des Leids und des Umgangs mit der aktuellen weltweiten Krise. Da die Autorin den traditionellen Formen katholischer Frömmigkeit jede Legitimität (und Wirksamkeit) abspricht, wartet sie in bestem Pastoraldeutsch mit einigen ihrer Meinung nach zeitgemäßen Alternativen auf: „Abseits solcher Angebote (er-)finden Menschen derzeit kreativ und eigenständig neue Formen von Gebet und Solidarität“. Da also alles, was irgendwie nach „Institution“ riecht abgelehnt wird, muss jeder selbst gucken, wo er bleibt – kreativ eben… und ökumenisch, denn darauf kommt es jetzt an!
Interessant finde ich auch ihre Bemerkung, Christen würden nicht behaupten, dass das Leid einen Sinn habe. Christen, so heißt es in astrein vakuumierten pastoraldeutschen Worthülsen, stünden vielmehr „dafür ein, es in den größeren Horizont Gottes zu stellen.“ Soso. Wenig überraschend fehlt natürlich jeder Hinweis auf das Leiden Christi oder überhaupt auf Jesus… man gibt sich weltoffen und interreligiös, denn darauf kommt es jetzt an!
Zugleich wird es dann doch wieder institutionell, denn nun muss, nach dem Ausschluss jeder spezifisch christlichen Deutung des Leids, die Theologie ran:  Sie „steht dafür ein, dass die Klage angesichts hunderttausendfacher Infektionen und zigtausender Toter, die isoliert und trostlos starben, nicht verstummt.“ So einfach erklärt man sich selbst für wichtig, oder, wie das aktuelle Modewort lautet: systemrelevant. Genau diese Wichtigtuerei führt dann dazu, wie es heißt, „kirchliches Leben kritisch zu begleiten“, und zwar in der Weise, wie es Theologen am liebsten tun, nämlich indem sie traditionelles Glaubensleben als falsch, unnütz und gefährlich erweisen (auf klug: „dekonstruieren“). [Siehe dazu hier.] Solch traditionelles Glaubensleben wird auch sogleich mit dem netten Wort „Retrokatholizismus“ recht eindeutig als rückständig gebrandmarkt. Die Autorin spricht sogar dumpf psychologisierend von „regressiven Mustern“ und bescheinigt diesen Äußerungen katholischer Frömmigkeit einen „fatalen [ließ: verhängnisvollen] Trost“.

Alles vergessend, was die Autorin selbst vor etwa einem Jahrzehnt in ihrer durchaus lesenswerten Habilitationsschrift über den Zusammenhang von lex orandi und lex credendi (Gesetz des Betens und Gesetz des Glaubens) erarbeitet hat, verfehlt sie das Wesentliche, das etwa am Beginn des Tagesgebets zu Fronleichnam wie folgt ausgedrückt ist: „Herr Jesus Christus, im wunderbaren Sakrament des Altares hast du uns das Gedächtnis deines Leidens und deiner Auferstehung hinterlassen.“
Die Eucharistie ist eben doch Quelle und Höhepunkt des Lebens der Kirche – auch in der Krise. In ihr feiern wir das Leidensgeheimnis Christi. Einen besseren Ort der Deutung des Leids und der Zuflucht zu Gott in diesem Leid gibt es nicht. Christus war der vorhergesagte „Mann voller Schmerzen, mit Krankheit vertraut“ und, in Coronazeiten besonders solidarisch gerade mit den Opfern: Er war der „vor dem man das Gesicht verhüllt“ (Jes 53,3). Bekanntlich ist der Isenheimer Altar ursprünglich für eine Spitalkirche geschaffen worden und der auf dem ersten Wandelbild dargestellte Gekreuzigte weist entsprechende Merkmale eines Pestkranken auf, mit dem sich die Kranken verbunden wissen konnten. Was auf dem Altarbild dargestellt ist, wurde unmittelbar davor auf dem Altar gefeiert. In diesen schwierigen Zeiten ist unser Zugang zu diesem Geheimnis erschwert, an die Stelle der leiblichen Teilnahme tritt nun die geistige, aber nicht weniger tröstliche Kommunion.

Sinnlos ist Leiden nur für den Gottlosen. In einem gemeinsamen Papier von DBK und EKD aus dem Jahr 1997 über Chancen und Risiken voraussagender Medizin (hier) heißt es: „Wir sind als Christen der Überzeugung: Wo immer jemand aus Glauben und menschlicher Redlichkeit zu solchem Geschick steht, realisiert er Möglichkeiten menschlicher Reifung. Christen, die ihr Heil Jesus Christus verdanken, der gelitten hat und am Kreuz gestorben ist, können Einschränkungen menschlicher Lebensmöglichkeiten paradoxerweise so wahrnehmen und leben, daß sie in ihnen einen Sinn und eine Lebensaufgabe finden. Leid und Schmerz sind konstitutive Bestandteile menschlicher Existenz; Behinderung bedeutet somit nicht Minderung der Menschenwürde. Christen erwarten Heil und Erlösung für diese Welt von Gott, auf den sie ihr Vertrauen setzen. Durch das Vertrauen auf ihn wird menschliches Handeln dazu befreit, nüchtern und abwägend zu urteilen, zugleich im Wissen um die Begrenztheit menschlicher Möglichkeiten.“

Das Traurige bei all dem ist, dass solche Äußerungen aus Theologenmund viel Schaden anrichten können und zu Verunsicherung führen (vgl. auch jene merkwürdigen Äußerungen einiger Liturgiewissenschaftler in der vergangenen Woche: HIER). Ich erlebe es bei mir selbst und vielen anderen, dass sie gerade in diesen traditionellen Formen Trost und Heil finden. Warum auch nicht? Immerhin ist gerade die Eucharistie, anders als alle noch so kreativ erfundenen Formen von Gemeinschaft, das echte und wahre Vermächtnis unseres Herrn Jesus Christus für uns. Paulus klärt uns im Ersten Brief an die Gemeinde in Korinth über den eucharistischen Kelch auf: Der „Kelch des Herrn“ (10,21) ist ein „Kelch des Bundes“ (11,25) und deshalb für uns „Kelch des Segens“ (10,16).
Wenn uns in dieser schweren Zeit etwas Segen und Heil bringt, dann sicher nicht „deinstitutionalisierte und überkonfessionelle“, „kreativ[e] und eigenständig[e] neue Formen“, die zutiefst hoffnungslos sind und mehr mit Esoterik und Selbsterlösung zu tun haben als mit echter Christusliebe, sondern der Herr selbst, der uns wahrhaft in der Eucharistie begegnet – auch wenn wir ihn nicht im Sakrament leiblich empfangen.

Man kann den pathetischen Slogan in der Mitte des Erfurter Blogbeitrags auch problemlos umdrehen: „Nicht wenige Katholik*innen sind ernsthaft verstört angesichts des Retromodernismus, der gerade fröhliche Urständ feiert.“

Jesus ist nicht „unser Bruder“

Vor ein paar Jahren habe ich mich hier sehr kurz mit der zuweilen missbräuchlich in der Liturgie gebrauchten Bezeichnung Jesu als „unser Bruder“ beschäftigt. Das will ich im Folgenden etwas ausführlicher tun.


Wir können schon gleich zu Anfang festhalten: Jesus wird nirgends im Neuen Testament von seinen Jüngern als „(unser) Bruder“ angeredet, so bezeichnet oder gar als solcher verkündet. Auch die Autoren der Evangelien bezeichnen ihn nie so. Die Apostel und die Evangelisten verkündeten Jesus stets als Herr (gr. Kyrios) (Apg 4,33), Christus (Apg 3.20) oder Sohn Gottes (Apg 9,20), nie als Bruder (gr. Adelphos). Eine nur scheinbare Ausnahme davon ist Röm 8,29:
»Röm 8,28 Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alles zum Guten gereicht, denen, die gemäß seinem Ratschluss berufen sind; 29 denn diejenigen, die er im Voraus erkannt hat, hat er auch im Voraus dazu bestimmt, an Wesen und Gestalt seines Sohnes teilzuhaben, damit dieser der Erstgeborene unter vielen Brüdern sei. 30 Die er aber vorausbestimmt hat, die hat er auch berufen, und die er berufen hat, die hat er auch gerecht gemacht; die er aber gerecht gemacht hat, die hat er auch verherrlicht.«

Zunächst: Was hat es mit den „vielen Brüdern“ auf sich, denen Paulus hier Jesus als der „Erstgeborene“ beigesellt? Diese scheinbar familiäre Aussage über die, die hier als „Brüder“ bezeichnet werden, ist ganz klar an eine Bedingung geknüpft, die wir im vorhergehenden Vers erfahren: „Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alles zum Guten gereicht“ (Röm 8,28), sie sind es, die „im Voraus dazu bestimmt“ sind, an „Wesen und Gestalt“ Jesu teilzuhaben. Wenn hier also von „Brüdern“ die Rede ist, dann sind damit diejenigen gemeint, „die Gott lieben“, was natürlich nur ein Leben nach dem Willen und Gebot Gottes meinen kann (vgl. Joh 14,21: „Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt“).
Beachtenswert ist an dieser Stelle des Römerbriefes die Richtung, in die die Aussage geht: Wir sollen an Jesu Wesen und Gestalt teilhaben, damit IHM, Jesus, etwas zukommt, nämlich der „Erstgeborene“ zu sein. Nun ist es natürlich völlig unproblematisch, dass die, die Jesus nachfolgen, unter sich „Brüder“ (und Schwestern) sind (in Apg werden sie ständig so genannt). Schwieriger zu verstehen ist aber eben diese Rede von Jesus als dem „Erstgeborenen“ (gr. prototokos). Es ist wichtig zu verstehen, dass es sich dabei nicht um irgendeine willkürliche Vokabel handelt. Sondern es handelt sich um einen besonderen Hoheitstitel, der Jesus gerade nicht gewissermaßen „horizontal“ in die Reihe der „Brüder“ hineinordnet, sondern der stattdessen die Vertikale (hierarchische) Ordnung zwischen Jesus und der Kirche bzw. der ganzen Schöpfung betont. Die Aussageabsicht zielt auf die Majestät Jesu als dem „Erstgeborenen“ ab. Pointiert könnte man sagen: Dem Erstgeborenen ist niemand ebenbürtig. Ausführlich stellt uns diesen Sachverhalt derselbe Paulus im so genannten Kolosserhymnus gleich doppelt vor Augen:
»Kol 1,15 Er ist Bild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene der ganzen Schöpfung. 16 Denn in ihm wurde alles erschaffen im Himmel und auf Erden, das Sichtbare und das Unsichtbare, Throne und Herrschaften, Mächte und Gewalten; alles ist durch ihn und auf ihn hin erschaffen. 17 Er ist vor aller Schöpfung und in ihm hat alles Bestand. 18 Er ist das Haupt, der Leib aber ist die Kirche. Er ist der Ursprung, der Erstgeborene der Toten; so hat er in allem den Vorrang. 19 Denn Gott wollte mit seiner ganzen Fülle in ihm wohnen, 20 um durch ihn alles auf ihn hin zu versöhnen. Alles im Himmel und auf Erden wollte er zu Christus führen, der Frieden gestiftet hat am Kreuz durch sein Blut.« (siehe dazu auch die ähnlichen Aussagen in Hebr 1,5-8 und Offb 1,5-6)

Wollte man die Aussage des Paulus im Römerbrief über Jesus als den „Erstgeborenen unter vielen Brüdern“ so verstehen, dass Jesus einer der Brüder ist, dann müsste man mit der selben Logik auch sagen, dass Jesus als „der Erstgeborene der ganzen Schöpfung“ Teil dieser Schöpfung, d.h. ein Geschöpf ist. Dem ist offensichtlich nicht so, denn, so klärt uns Paulus auf, alles was ist (gr. panta) ist durch ihn überhaupt erst geschaffen worden, er ist „vor aller Schöpfung“ (vgl. auch den Johannesprolog). Das gleiche gilt für die Bezeichnung als „Erstgeborener der Toten“: Jesus kann offensichtlich nicht einer unter vielen anderen Toten sein, denn die hiermit gemeinte Auferstehung betrifft ihn anders als uns. Er ist, wie der Hymnus sagt, „der Ursprung“: Durch ihn, wegen ihm, in ihm gibt es überhaupt eine Auferstehung - er ist das Leben (vgl. Joh 11,25). Wie Christus zur Schöpfung steht, so steht er auch zu unserer Auferstehung und so steht er auch zu den „Brüdern“, d.h. zur Kirche: Er ist „der Ursprung“, der Schöpfer, das „Haupt“. Jesus ist so wenig Bruder unter Brüdern, wie er Toter unter Toten oder Geschöpf unter Geschöpfen ist.

Die Aussage von Röm 8,28-30 ist eschatologisch, d.h. sie zielt auf eine Klärung des Verhältnisses zwischen Jesus und den „Erwählten“ im Zustand der Vollendung, nicht auf eine Qualifizierung Jesu als „unser Bruder“, zumal er auch nie so genannt wird. Wenn entsprechend dieser eschatologischen Perspektive die Einheitsübersetzung hier sagt, die Jünger Jesu seien von Gott dazu erwählt, „an Wesen und Gestalt seines Sohnes teilzuhaben“ (Röm 8,29), dann ist das zwar nicht falsch, aber doch eine unzureichende Übersetzung. Eigentlich steht hier etwas viel Großartigeres: Wir sollen dem Bild des Sohnes gleichgestaltet werden. [Anmerkung für die theologischen Nerds: Paulus gebraucht mit eikon den selben Terminus, den die Septuaginta im Schöpfungsbericht verwendet. Er meint ein Ebenbild oder Abbild (wie etwa die Büste einer berühmten Persönlichkeit). Der Völkerapostel redet zudem nicht von „Teilhabe“, wie die EÜ meint. Das Wort „Teilhabe“ klingt nach einer Geschäftsbeziehung und impliziert wohl kaum eine Veränderung dessen, der an etwas teilhat. Paulus gebracht das Verb symmorphus, dem das Verb morphoo zugrundeliegt, was soviel wie formen, gestalten, modellieren meint. Dem liegt wiederum das Substantiv morphe zugrunde: Form, Gestalt. Es geht also wirklich um eine Umformung des Menschen nach dem (Vor)Bild des Sohnes, geradezu eine Gleich-Gestaltung mit ihm, nicht um die bloße Teilhabe an etwas.] Diese Redeweise des Paulus erinnert nicht zufällig an den ersten Schöpfungsbericht am Beginn der Bibel, wo der Mensch nach dem „Bild“ Gottes geschaffen wird (vgl. 1Mose 1,26). Paulus geht es freilich um eine neue Schöpfung, nicht um eine Wiederholung der ersten, wie er an anderer Stelle sehr schön sagt: „… wenn also jemand in Christus ist, dann ist er eine neue Schöpfung“ (2Kor 5,17; vgl. 1Petr 1,23; Offb 21,5). 
Der zuvor zitierte Kolosserhymnus zeigt eindrücklich die Verschränkung der Verheißung von der neuen Schöpfung mit der Hoheitswürde des Erstgeborenen“ im Denken des Paulus: Jesus ist in jeder Hinsicht der Erstgeborene, weil er Abbild Gottes ist und weil er vor aller Schöpfung war. Paulus betrachtet Jesus also keineswegs als einen „Bruder unter Brüdern“. Als „Erstegborener“ ist er vor und über aller Schöpfung und auch vor und über den „Brüdern“. Die Aussage des Paulus in Röm 8,29 geht aber auch was Jesu Jünger angeht weit über jede „Brüderlichkeit“ hinaus: Es geht um die Gleichgestaltung derer, die „berufen“, die „im Voraus erkannt und erwählt“ wurden, mit dem ewigen Sohn des Vaters. Die Gläubigen, die den Willen Gottes erfüllen, – so lehrt das ganze Neue Testament – sollen in der Vollendung an der Hoheit und Würde des Erstgeborenen teilhaben, an der „Gemeinschaft der Erstgeborenen, die im Himmel verzeichnet sind“ (Hebr 12,23).


Aber hat nicht Jesus seine Jünger als „meine Brüder“ bezeichnet? Gewissermaßen:
»Mt 12,48 Dem, der ihm das gesagt hatte, erwiderte er: Wer ist meine Mutter und wer sind meine Brüder? 49 Und er streckte die Hand über seine Jünger aus und sagte: Siehe, meine Mutter und meine Brüder. 50 Denn wer den Willen meines himmlischen Vaters tut, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter.«

Offenkundig spricht Jesus hier metaphorisch, wenn er hier familiäre Vokabeln benutzt. Die „Jesus unser Bruder“-Advokaten meinen das aber durchaus nicht metaphorisch, sondern sehr realistisch, nicht selten sogar politisch.
Würde man jedoch aus dieser Stelle ableiten, dass wir uns zu Recht als „Brüder und Schwestern“ Jesu bezeichnen können, dann müssten wir uns konsequenter Weise auch als „Mutter und Vater“ Jesu bezeichnen... Dem ist natürlich nicht so, denn es geht Jesus bei dieser Aussage offensichtlich nicht um eine Art von Brüderlichkeit oder gar Ebenbürtigkeit (s.o.), sondern um die Vertrautheit und Verlässlichkeit der Beziehung zu ihm, die in einem übertragenen Sinn geradezu familiären Charakter haben soll. Dies ergibt sich auch daraus, dass die hier von Jesus ausgedrückte familiäre Vertrautheit an eine klare und keineswegs selbstverständliche Bedingung geknüpft ist: Diese Vertrautheit gilt für diejenigen, die entsprechend dem Willen (also auch: den Geboten) Gottes handeln: „Denn wer den Willen meines himmlischen Vaters tut, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter.“ Erfüllen wir diese Bedingung?


Jesus konnte seinen Jüngern zumindest einmalig die Ehrenbezeichnung „meine Brüder“ zubilligen:
»Joh 20,16 Jesus sagte zu ihr: Maria! Da wandte sie sich um und sagte auf Hebräisch zu ihm: Rabbuni!, das heißt: Meister. 17 Jesus sagte zu ihr: Halte mich nicht fest; denn ich bin noch nicht zum Vater hinaufgegangen. Geh aber zu meinen Brüdern und sag ihnen: Ich gehe hinauf zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott. 18 Maria von Magdala kam zu den Jüngern und verkündete ihnen: Ich habe den Herrn gesehen. Und sie berichtete, was er ihr gesagt hatte.«

Zunächst ist hier eine wichtige Unterscheidung zu treffen, die auch für Mt 12,48-50 gilt: Jesus kann seine Jünger „(meine) Brüder“ nennen, wie er sie auch „meine Freunde“ nennen kann (vgl. Joh 15,14). Umgekehrt finden wir das aber interessanter Weise nie! Nie wurde er von denen, die ihm nachfolgen, als „Bruder“ angesprochen oder als „Freund“ verkündet. Schon im nächsten Vers verkündet auch Maria aus Magdala den Auferstandenen klar als „Herr“.
Die Bezeichnung der Jünger als „meine Brüder“ passt in diesem Zusammenhang, weil der Austausch zwischen dem Auferstandenen und Maria überhaupt von enormer Nähe und Zärtlichkeit geprägt ist. In diesem besonderen Augenblick, dem Höhepunkt der ganzen Offenbarung, wird die ganze Tragweite der Sendung Jesu deutlich: Er ist von der göttlichen Herrlichkeit herabgestiegen und hat sich erniedrigt; und er ist erhöht über alles und jeden (vgl. im Philipperhymnus, Phil 2,8-9). Jesus erweist sich als Hirte seiner Herde, er kennt die Seinen, die die ihn annehmen sind sein Eigentum geworden. Zugleich mit dieser nahen Zärtlichkeit des Erniedrigten tritt daher auch schon die Distanz des Erhöhten in den Blick, den wir nicht „festhalten“ können. In diesem Moment, ausgespannt zwischen Nähe und Ferne, im Moment seiner größten Majestät als „Erstgeborener aus den Toten“ spricht ihn Maria geradezu zärtlich an als „Rabbuni“, wörtlich: „mein Meister“ oder auch „mein Herr“. [Dass der Evangelist Marias Anrede mit „(Lehr)Meister“ (gr. didaskale) übersetzt, braucht nicht zu verunsichern: Mit Abwandlungen von „Rabbi“ können im Grunde alle möglichen hochgestellten Persönlichkeit gemeint sein, die hebräische Silbe rab heißt einfach „groß“.] Diese Anrede Marias erinnert nicht zufällig an das Bekenntnis des Thomas vor dem Auferstandenen kurze Zeit später (Vers 28): „Mein Herr und mein Gott!“ (vgl. Offb 7,14) Und Jesus versichert Maria seiner Liebe, indem er auf ihre zärtliche Anrede hin auch die Jünger in ähnlicher Weise als die „Seinen“ in die größtmögliche Nähe einfasst: „meine Brüder“.


Allgemein lässt sich zum biblischen Befund noch dies feststellen:

Im Blick auf den Vater wird besonders deutlich, dass Jesus sich nie als „Bruder unter Brüdern“ gesehen hat: Er unterscheidet in allen Evangelien stets genau zwischen seinem Vater (z.B. Mt 11,27; Mk 8,38; Lk 2,49; Joh 5,36.43) und unserem Vater (z.B. Mt 5,48; Mk 11,25; Lk 6,36; Joh 8,42). An keiner Stelle spricht Jesus von „unserem (gemeinsamen) Vater“. Besonders krass wird die penible Vermeidung solcher Rede im Munde Jesu in Joh 20,17 spürbar: „Ich gehe hinauf zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott.“ Sein Verhältnis zum Vater bleibt immer einzigartig, was auch irgendwie logisch ist, denn: „Ich und der Vater sind eins.“ (Joh 10,30) Jesus ist nämlich bezeichnenderweise nicht nur der Erstgeborene (gr. prototokos) vor aller Schöpfung, sondern auch der Einziggeborene (gr. monogenes) vom Vater (vgl. Joh 1,18).

Noch einmal sei es gesagt: Zwar kann Jesus die Seinen in einzigartigen Momenten (jeweils genau ein einziges Mal) als „meine Brüder“ und „meine Freunde“ bezeichnen, aber nirgends in der Bibel kommen die so Benannten auf die Idee, Jesus gleichfalls so anzureden oder zu benennen, oder ihn gar mit solchen Worten anderen zu verkünden. Sie kommen auch nicht auf die Idee, sich selbst als seine Brüder zu bezeichnen. Es besteht eben ein ganz gewaltiger Unterschied, ob nun Jesus seine Jünger in dieser Weise (einmalig) anspricht, oder ob wir uns selbst so bezeichnen oder ihn so ansprechen. Wenn die Bibel die höchste Norm für unser Beten ist, dann sollten wir die Anrede Jesu als „Bruder“ tunlichst unterlassen.


Ein Wort zur Gebetssprache:

Die Bibel bezeugt, dass Jesus im Gebet, auch im Segensgebet, verschieden betitelt wird, etwa als „(heiliger) Knecht“ (Apg 4,30) oder „Sohn des Vaters“ (2Joh 1,3). Vor allem aber ist er der „Herr“ (Hebr 13,20-21). Insbesondere das Gebet, das an Jesus gerichtet ist, gilt ihm stets als dem Herrn: Herr Jesus, nimm meinen Geist auf! […] Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an!(Apg 7,59-60) Ganz am Ende der Bibel finden wir schließlich beides zusammen: ein Gebet zu Jesus dem Herrn unmittelbar gefolgt von einem Segensgebet unter Anrufung Jesu des Herrn:Komm Herr Jesus! Die Gnade des Herrn Jesus sei mit allen!“ (Offb 22,20)

Die Liturgie der Kirche kennt in ihrem Beten die Anrede oder Bezeichnung Jesu als „(unser) Bruder“ nicht. [Das offizielle, vom Deutschen Liturgischen Institut herausgegebene Buch für Wort-Gottes-Feiern am Sonntag kennt leider die Bezeichnung Jesu als „Herr und Bruder“, aber das zähle ich nicht als „Liturgie der Kirche“, es ist eine lokale (deutschsprachige) Kuriosität mit vielen Mängeln.]
Wenn ein Priester, aus welchen Gründen auch immer, ein Gebet zum Vater mit „… durch Jesus, unseren Bruder und Herrn“ beschließt, könnte man meinen, dass er auch in der Lage sein müsste, ein Gebet zu Jesus ganz selbstbewusst mit „Jesus unser Bruder…“ oder „Bruder Jesus...“ zu beginnen. Das geschieht aber eher nicht, weil es schlicht eine gewaltige Anmaßung wäre. Üblicherweise beginnt ein Gebet zum Sohn mit „Herr Jesus Christus...“ Darin drückt sich nicht bloß Gewohnheit oder Konvention aus, sondern ein gläubiger Instinkt, der genährt ist aus der Bibel und aus der liturgischen Tradition der Kirche.

Die einleitende oder abschließende Betitelung Jesu im Gebet als „unser Bruder“ ist gewiss eine große Anmaßung, die keinerlei biblische Basis hat. Nun könnte man denken, dass die umgekehrte Variante, dass wir nämlich uns selbst im Gebet als Jesu Brüder bezeichnen, eher noch vorkommen kann, denn dafür gäbe es immerhin fast so etwas wie einen biblischen Anhalt, wenn dieser auch in einem besonderen Kontext steht (s.o.). Das scheint zwar auf den ersten Blick weniger aus der Luft gegriffen, ist aber dennoch nicht weniger anmaßend, denn auch dafür gibt es in der Bibel kein echtes Vorbild. Jesus nennt die Seinen zwar einmalig „meine Brüder“, diese bezeichnen sich aber niemals selbst als „Brüder Jesu“! Die Liturgie der Kirche spiegelt auch das wider: Des Öfteren werden andere Gläubige als „unser Bruder/unsere Schwester“ benannt, die der Herr, beispielsweise in der Begräbnisliturgie, in sein Reich aufnehmen möge. Aber nie wird so etwas gebetet wie „Herr Jesus, nimm deinen Bruder XY auf…“ Dagegen wehrt sich der christliche Instinkt, obwohl es scheinbar eine biblische Fundierung gibt. Entsprechend müsste sich dieser Instinkt erst recht gegen die Bezeichnung Jesu als „unser Bruder“ wehren, die noch weniger ein biblisches Vorbild hat.
Schließlich sei noch angemerkt, dass der Sonntag der „Tag des Herrn“ (vgl. Offb 1,10) ist, an dem wir Leib und Blut des Herrn“ empfangen und so den Tod des Herrn verkünden (vgl. 1Kor 11,26-27) ; es ist nicht der „Tag des Bruders“, an dem wir ein „Brudermahl“ feiern. Der Mahlcharakter der Messe, neben dem Opfer, verdeutlicht an erster Stelle die Gemeinschaft zwischen Gott und Mensch.


Zum Schluss. Jesus ist nicht Bruder, er ist Herr:

Die von Bibel und Liturgie einhellig als vorrangig und ersatzlos bezeugte Anrede Jesu als Kyrios – Herr ist weit mehr als nur eine bloß zufällige oder austauschbare Betitelung. Sie ist auch mehr als eine „Hierarchisierung“, die man zu bestimmten Zeiten durch etwas Anderes ersetzen oder milieuspezifisch verflachen kann, damit Jesus irgendwie (aber dann verfälscht) kommunikabel bleibt. Es zeigt sich gerade darin die Vertrautheit, denn die den Herrn erkannt haben und die er erkannt hat, die nennen ihn auch so in ihren Gebeten: „Herr, der du aller Herzen kennst...“ (Apg 1,24) Die Anrede „Herr“ war von Anfang an und ist bis heute vor allem anderen das Bekenntnis der Christen schlechthin: „Darum hat ihn Gott über alle erhöht [...] damit [...] jeder Mund bekennt: Jesus Christus ist der Herr zur Ehre Gottes, des Vaters.“ (Phil 2,9-11) Dass Jesus der „Christus“ und der „Herr“ ist, ist ein wesentlicher Teil der Botschaft von Ostern: „Gott hat ihn zum Herrn und Christus gemacht, diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt.“ (Apg 2,36) Die Anrede Jesu als „Bruder“ offenbart dagegen eine geradezu vorösterliche Sichtweise – nach Ostern wissen wir: „Dieser ist der Herr aller.“ (Apg 10,36)

Im Apostolischen Glaubensbekenntnis bekennen wir Jesus als „unseren Herrn“, im Nizäno-konstantinopolitanischen Glaubensbekenntnis bekennen wir ihn als den „einen Herrn“ (parallel zum „einen Gott“). Das kürzeste und zugleich älteste Glaubenbekenntnis der Christen findet sich im Brief des Apostels Paulus an die Römer: „Herr ist Jesus“ (Röm 10,9; gr. Kyrion Iesun). So sollten wir auch zu ihm beten.

Freitag, 20. März 2020

Messe ohne Volk, Anbetung und geistige Kommunion

Der Beitrag ist eine Materielsammlung für Interessierte.

Die Liturgiewissenschaftler Albert Gerhards (Bonn), Benedikt Kranemann (Erfurt) und Stephan Winter (Münster) fragen am 18.03.2020 hinsichtlich der Empfehlung einiger Bischöfe, in der aktuellen Krise die hl. Messe ohne Volk zu feiern (hier): "passt es zum heutigen Verständnis von Liturgie?" Und sie antworten sehr klar: "Eindeutig nein". Dazu und zur Praxis der eucharistischen Anbetung und der geistigen Kommunion sagen sie weiter sehr deutlich: "Das alles ist heute nicht mehr akzeptabel und beschädigt die Liturgie."(Dankenswerterweise hat Professor Helmut Hoping aus Freiburg jenen Liturgiewissenschaftlern bereits am 19.03.2020 deutlich widersprochen, HIER.) Meine durchaus kritischen Gedanken zu jenen Empfehlungen der Bischöfe finden sich hier.

Die Herren Liturgiewissenschaftler drücken damit ihre eigene Meinung aus, aber nach meiner Erfahrung auch die Meinung einer Mehrheit der Theologen und der pastoralen Verantwortungsträger. Im Folgenden seien relevante Texte des Lehramtes zu diesen drei Themenkomplexen aufgeführt, an denen ersichtlich werden sollte, wie krass abwegig eine solche Meinung ist. Die Messe ohne Volk, die eucharistische Anbetung und die geistige Kommunion gehören ohne jeden Zweifel zu den legitimen, gerade in Krisenzeiten äußerst hilfreichen und insgesamt wünschenswerten Vollzügen im Leben der Kirche. Sie entsprechen zutiefst dem Wesen der Liturgie und der Eucharistie.




1. Messe ohne Volk
1.1. Zweites Vatikanisches Konzil, Konstitution Sacrosanctum Concilium [1963], Nr. 26-27:
»Die liturgischen Handlungen sind nicht privater Natur, sondern Feiern der Kirche, die das „Sakrament der Einheit“ ist; sie ist nämlich das heilige Volk, geeint und geordnet unter den Bischöfen. Daher gehen diese Feiern den ganzen mystischen Leib der Kirche an, machen ihn sichtbar und wirken auf ihn ein; seine einzelnen Glieder aber kommen mit ihnen in verschiedener Weise in Berührung je nach der Verschiedenheit von Stand, Aufgabe und tätiger Teilnahme.
Wenn Riten gemäß ihrer Eigenart auf gemeinschaftliche Feier mit Beteiligung und tätiger Teilnahme der Gläubigen angelegt sind, dann soll nachdrücklich betont werden, dass ihre Feier in Gemeinschaft - im Rahmen des Möglichen - der vom Einzelnen gleichsam privat vollzogenen vorzuziehen ist. Das gilt vor allem für die Feier der Messe - wobei bestehen bleibt, dass die Messe in jedem Fall öffentlichen und sozialen Charakter hat - und für die Spendung der Sakramente.«

1.2. Hl. Papst Paul VI., Enzyklika Mysterium fidei [1965], Nr. 32-33:
»[...] Jede Messe nämlich, auch wenn sie privat vom Priester zelebriert wird, ist dennoch nicht privat, sondern ein Handeln Christi und der Kirche; die Kirche lernt ja im Opfer, das sie darbringt, sich selbst als ein universales Opfer darzubringen, und sie wendet die einzige und unendlich erlösende Kraft des Kreuzesopfers der ganzen Welt zum Heile zu. Denn jede Messe, die zelebriert wird, wird nicht nur für das Heil einiger, sondern auch für das Heil der ganzen Welt dargebracht. Daraus folgt: Wenn der Feier der Messe die häufige und tätige Teilnahme der Gläubigen gewissermaßen wesensgemäß höchst angemessen ist, ist doch eine Messe nicht zu tadeln, sondern vielmehr gutzuheißen, die nach den Vorschriften der Kirche und den rechtmäßigen Traditionen aus gerechtem Grund vom Priester privat gehalten wird, auch wenn nur ein Ministrant dient und antwortet; aus ihr kommt nämlich kein geringes, sondern ein sehr großes Maß besonderer Gnaden zum Heil sowohl des Priesters selbst als auch des gläubigen Volkes, der gesamten Kirche und der ganzen Welt. Dieses Maß an Gnaden wird durch den Kommunionempfang allein nicht erlangt.
Darum empfehlen Wir also väterlich und ernstlich den Priestern, die Unsere besondere Freude und Unsere Krone im Herrn sind, dass sie eingedenk sind der Vollmacht, die sie durch den weihenden Bischof empfangen haben, nämlich das Opfer Christi darzubringen und Messen zu zelebrieren sowohl für die Lebenden als auch für die Verstorbenen im Namen des Herrn, dass sie täglich würdig und andächtig die Messe feiern, damit sie selbst und die übrigen Christgläubigen die Zuwendung der Früchte genießen, die aus dem Kreuzesopfer überreich hervorgehen. So werden sie auch am meisten zum Heil des Menschengeschlechtes beitragen.«

1.3. Zweites Vatikanisches Konzil, Dekret Presbyterorum Ordinis [1965], Nr. 13:
»Im Mysterium des eucharistischen Opfers, dessen Darbringung die vornehmliche Aufgabe des Priesters ist, wird beständig das Werk unserer Erlösung vollzogen; darum wird seine tägliche Feier dringend empfohlen; sie ist auch dann, wenn keine Gläubigen dabei sein können, ein Akt Christi und der Kirche

1.4. Instruktion Eucharisticum Mysterium [1967], Nr. 44:
»„Im Mysterium des eucharistischen Opfers, dessen Darbringung die vornehmliche Aufgabe des Priesters ist, wird beständig das Werk unserer Erlösung vollzogen; darum wird seine tägliche Feier angelegentlich empfohlen; sie ist auch dann, wenn keine Gläubigen dabei sein können, ein Akt Christi und der Kirche“, bei dem der Priester immer für das Heil des Volkes handelt

1.5. Das Missale Romanum des hl. Papstes Paul VI. von 1969/1975/2002 enthält neben dem "Ordo Missæ cum Populo" auch einen "Ordo Missæ sine Populo", also eine Messordnung für die Feier der Messe ohne Volk. In der deutschen Ausgabe dieses Messbuches wurde dieser Ordo schlicht weggelassen.

1.6. Allgemeine Einführung in das römische Messbuch [1970/1975/1988], Nr. I,4:
»Durch die Mitfeier und tätige Teilnahme der Gläubigen wird deutlicher erkennbar, daß die Feier ihrem Wesen nach ein Handeln der Kirche ist; dennoch behält die Eucharistiefeier auch ohne mitfeiernde Gemeinde ihre Heilskraft und Würde, da sie das Tun Christi und der Kirche ist, bei welchem der Priester immer zum Heil des gesamten Volkes handelt

1.7. Instruktion über die Ausbildung der Priesteramtskandidaten [1979], Nr. 32:
»Es mögen die verschiedenen Arten der Messfeier beschrieben werden: die Messe mit Statio, die Gemeinschaftsmesse mit dem Volk, die Messe ohne Volk. [...]«

1.8. Codex des kanonischen Rechtes [1983], can. 904:
»Immer dessen eingedenk, dass sich im Geheimnis des eucharistischen Opfers das Werk der Erlösung fortwährend vollzieht, haben die Priester häufig zu zelebrieren; ja die tägliche Zelebration wird eindringlich empfohlen, die, auch wenn eine Teilnahme von Gläubigen nicht möglich ist eine Handlung Christi und der Kirche ist, durch deren Vollzug die Priester ihre vornehmste Aufgabe erfüllen

1.9. Grundordnung des Römischen Messbuches [2002], Nr. 19:
»Die Eucharistiefeier besitzt immer ihre Wirksamkeit und Würde, auch wenn gelegentlich die Anwesenheit und tätige Teilnahme von Gläubigen nicht möglich ist, durch die die kirchliche Natur der Feier deutlicher zu Tage tritt. Sie ist nämlich ein Tun Christi und der Kirche, bei dem der Priester sein wichtigstes Amt ausübt und immer zum Heil des Volkes handelt. Ihm wird daher empfohlen, dass er nach Möglichkeit auch täglich das eucharistische Opfer feiert

1.10. Hl. Papst Johannes Paul II., Enzyklika Ecclesia de Eucharistia [2003], Nr. 31:
»Wenn die Eucharistie Mitte und Höhepunkt des Lebens der Kirche ist, so ist sie es in gleicher Weise für das priesterliche Dienstamt. Mit einem dankbaren Herzen gegenüber unserem Herrn Jesus Christus unterstreiche ich deshalb von neuem, dass die Eucharistie "der wesentliche und zentrale Seinsgrund für das Sakrament des Priestertums ist, das ja im Augenblick der Einsetzung der Eucharistie und zusammen mit ihr gestiftet worden ist".
Die pastoralen Tätigkeiten des Priesters sind vielfältig. Wenn man an die gesellschaftlichen und kulturellen Verhältnisse der gegenwärtigen Welt denkt, kann man leicht verstehen, wie groß und bedrohlich für die Priester die Gefahr ist, sich in einer Vielzahl verschiedener Aufgaben zu verlieren. Das Zweite Vatikanische Konzil hat in der Hirtenliebe das Band gesehen, das ihr Leben und ihre Tätigkeiten zur Einheit führt. Diese Hirtenliebe – so fügt das Konzil hinzu – „erwächst am stärksten aus dem eucharistischen Opfer. Es bildet daher Mitte und Wurzel des ganzen priesterlichen Lebens“. Man versteht so, wie wichtig es für sein geistliches Leben und darüber hinaus für das Wohl der Kirche und der Welt ist, dass der Priester die Empfehlung des Konzils, täglich die Eucharistie zu feiern, in die Tat umsetzt. Denn „sie ist auch dann, wenn keine Gläubigen dabei sein können, ein Akt Christi und der Kirche“. Auf diese Weise kann der Priester jede zerstreuende Spannung in seinem Tagesablauf überwinden, weil er im eucharistischen Opfer, der wahren Mitte seines Lebens und Dienens, die notwendige geistliche Energie findet, um sich den verschiedenen seelsorglichen Aufgaben zu stellen. So werden seine Tage wahrhaft eucharistisch.«

1.11. Papst Benedikt XVI., Nachsynodales Apostolisches Schreiben Sacramentum Caritatis [2007], Nr. 80:
»Um seinem Leben eine immer vollkommenere eucharistische Form zu geben, muß der Priester schon in der Zeit der Ausbildung und dann in den folgenden Jahren weiten Raum lassen für das geistliche Leben. Er ist berufen, fortwährend ein authentischer Gottsucher zu sein, auch wenn er zugleich den Sorgen der Menschen nahe bleiben muss. Ein intensives geistliches Leben wird ihm erlauben, tiefer in Gemeinschaft mit dem Herrn zu treten, und ihm helfen, sich von der Liebe Gottes in Besitz nehmen zu lassen, so dass er in jeder, auch schwierigen und dunklen Lage ihr Zeuge wird. Gemeinsam mit den Synodenvätern empfehle ich den Priestern deshalb „die tägliche Feier der heiligen Messe, auch wenn keine Gläubigen teilnehmen“. Diese Empfehlung steht zunächst in Einklang mit dem objektiv unendlichen Wert jeder Eucharistiefeier und hat überdies seinen Beweggrund in ihrer einzigartigen geistlichen Wirkkraft, denn wenn die heilige Messe mit Aufmerksamkeit und Glauben erlebt wird, ist sie formend im tiefsten Sinn des Wortes, da sie die Gleichgestaltung mit Christus fördert und den Priester in seiner Berufung stärkt.«

1.12. Aufsatz der Kongregation für den Klerus zum Jahr des Glaubens über "Die tägliche Feier der Heiligen Messe auch in Abwesenheit von Gläubigen" [2013]:
»Wir wissen sehr wohl, dass es in letzter Zeit immer wieder Priester gibt, die das so genannte „Messe-Fasten“ einhalten, das darin besteht, werktags, ab und zu, manchmal sogar jede Woche, die heilige Messe nicht zu zelebrieren, sie somit auch den Gläubigen vorenthaltend. In manchen Fällen ist der Priester der Ansicht, vor allem wenn er nicht auch direkt mit Seelsorge beauftragt ist, dass das tägliche Feiern der Messe nicht notwendig sei, wenn er sie nicht für eine Gemeinschaft zelebrieren kann. Und dann gibt es auch diejenigen, die der Ansicht sind, dass auch sie, in der Zeit ihrer wohlverdienten Ferien, das Recht haben „nicht zu arbeiten“; deshalb unterbrechen sie das tägliche Zelebrieren der Eucharistie. Was soll man nun davon halten? Fassen wir die Antwort in zwei Punkten zusammen: die Lehren des Magisteriums einerseits und einige theologisch-spirituelle Betrachtungen andererseits.
1. Das Lehramt
Zweifelsohne finden wir in den Lehramts-Dokumenten keine Weisungen hinsichtlich einer zwingenden Pflicht des Priesters, täglich die heilige Messe zu zelebrieren; es ist jedoch ebenso offensichtlich, dass ihm dies nicht nur empfohlen, sondern auch nahegelegt wird. Lassen Sie mich einige Beispiele nennen. Der Kodex des Kanonischen Rechts von 1983 verweist, im Rahmen eines Kanons über die Pflicht der Priester des Strebens nach Heiligkeit, auf Folgendes: "Die Priester sind nachhaltig eingeladen, täglich das eucharistische Opfer darzubringen" (Kan. 276, § 2 n. 2). Auf die tägliche Feier der Eucharistie müssen sie bereits in der Zeit ihrer Ausbildung vorbereitet werden: "Die Feier der Eucharistie hat der Mittelpunkt des ganzen Seminarlebens zu sein, so dass die Alumnen täglich an der Liebe Christi Anteil haben und die geistliche Kraft für ihre apostolische Arbeit und für ihr geistliches Leben vor allem aus dieser reichen Quelle schöpfen." (Kan. 246 § 1).
Auf diesen letzten Kanon Bezug nehmend, unterstreicht Johannes Paul II. Folgendes: "Es ist daher angemessen, dass die Seminaristen jeden Tag an der Eucharistiefeier teilnehmen, auf dass sie, im weiteren Verlauf des Lebens, die tägliche Feier der Eucharistie als Grundregel ihres Priesterlebens verinnerlichen. Ihre Ausbildung wird sie auch dazu führen, die Feier der Eucharistie als den grundlegendsten Moment ihres Tages zu erachten." (vgl. Angelus, 01.07.1990, n. 3; kursiv von uns).
Im nachsynodalen Apostolischen Schreiben Sacramentum Caritatis von 2007, hat Benedikt XVI. vor allem daran erinnert, dass "Bischöfe, Priester und Diakone – jeder seinem Grad entsprechend – die Zelebration als ihre Hauptpflicht betrachten müssen." (Nr. 39). Daraus hat der Heilige Vater die logische Folgerung gezogen:
"Die priesterliche Spiritualität ist von ihrem inneren Wesen her eucharistisch. […] Den Priestern empfehle ich deshalb „die tägliche Feier der heiligen Messe, auch wenn keine Gläubigen teilnehmen“ (Propositio 38 Bischofssynode). Diese Empfehlung steht zunächst in Einklang mit dem objektiv unendlichen Wert jeder Eucharistiefeier und hat überdies seinen Beweggrund in ihrer einzigartigen geistlichen Wirkkraft, denn wenn die heilige Messe mit Aufmerksamkeit und Glauben erlebt wird, ist sie formend im tiefsten Sinn des Wortes, da sie die Gleichgestaltung mit Christus fördert und den Priester in seiner Berufung stärkt." (Nr. 80)
Als Nachfolger dieser und weiterer Lehren besagt das Direktorium für Dienst und Leben der Priester, — 2013 von der Kongregation für den Klerus neu herausgegeben — unter Nr. 50, bezüglich der „Mittel für das spirituelle Leben“ der Priester: "Daher ist es für den Priester notwendig, sein Gebetsleben dermaßen zu gestalten, dass es folgendes umfasst: die tägliche Eucharistiefeier mit geeigneter Vorbereitung und anschließender Danksagung".
Diese und weitere Lehren des neueren Magisteriums wurzeln selbstverständlich in den Weisungen des Zweiten Vatikanischen Konzils, das unter Nr.13 des Dekrets Presbyterorum Ordinis besagt: "Im Mysterium des eucharistischen Opfers, dessen Darbringung die vornehmliche Aufgabe des Priesters ist, wird beständig das Werk unserer Erlösung vollzogen; darum wird seine tägliche Feier dringend empfohlen; sie ist auch dann, wenn keine Gläubigen dabei sein können, ein Akt Christi und der Kirche".
2. Die wichtigsten Gründe
Allein der Verweis auf diese Weisungen des Lehramtes sollte ausreichen um alle Priester zur täglichen Feier der heiligen Messe zu veranlassen, unabhängig davon ob Gläubige anwesend sind oder nicht. So kurz gefasst wie möglich möchten wir jedoch auch die wichtigsten theologisch-spirituellen Gründe darlegen, die diesbezüglich den Weisungen der Kirche zugrunde liegen. In knappen Verweisen sei Folgendes gesagt.
a) Privilegiertes Instrument zur Heiligkeit des Priesters. Die heilige Messe ist „Quelle und Krönung“ des ganzen priesterlichen Lebens: aus ihr schöpft der Priester die übernatürliche Kraft und nährt den Geist des Glaubens desjenigen, der ihn braucht um sich Christus gleichgestalten zu können und um ihm würdig zu dienen. Wie die Manna, die während der Flucht aus Ägypten jeden Tag gesammelt werden musste, so muss auch der Priester jeden Tag an der Quelle der Gnade trinken, dem Opfer auf dem Golgatha, das sich in jeder heiligen Messe sakramental erneuert. Diese tägliche Feier zu unterlassen — außer im Falle tatsächlicher Unmöglichkeit — bedeutet, sich der wichtigsten Nahrung zu entziehen, die zur eigenen Heiligung und für den apostolischen Dienst in der Kirche erforderlich ist. Es bedeutet auch, das Risiko einer Art spirituellen Pelagianismus zu laufen, der eher auf die Kraft des Menschen setzt als auf die Gnade des Herrn.
b) Wichtigste Pflicht des Priesters, seine Identität kennzeichnend. Es ist ja vor allem die Feier der Eucharistie, die den Priester als solchen kennzeichnet; dies bestätigt sich durch die Tatsache, dass dieser Kirchendienst, dass die Eucharistie als solche, in Christi Handeln während des Letzten Abendmahls gründet. Die heilige Messe zu feiern ist nicht die einzige Aufgabe des Priesters, aber es ist die wichtigste. Daran erinnert ja gerade auch Presbyterorum Ordinis: im Darbringen der Eucharistie „üben die Priester ihre bedeutendste Funktion aus.“ Diese Lehre wird 1992 von Johannes Paul II. in Pastores Dabo Vobis aufgegriffen: "In ihrer Berufung zum Dienst am Heiligen sind die Priester also vor allem Diener beim Messopfer" (Nr. 48).
c) Vollkommenste Handlung pastoraler Liebe. Es gibt keine bedeutenderes Handeln in Nächstenliebe, das der Priester zu Gunsten der Gläubigen ausführen könnte, das größer wäre oder mehr Bedeutung hätte als die heilige Messe. Das Zweite Vatikanische Konzil erinnert mit folgenden Worten daran: "Mit der Eucharistie stehen die übrigen Sakramente im Zusammenhang; auf die Eucharistie sind sie hingeordnet; das gilt auch für die anderen kirchlichen Dienste und für die Apostolatswerke. Die Heiligste Eucharistie enthält ja das Heilsgut der Kirche in seiner ganzen Fülle, Christus selbst, […]. Darum zeigt sich die Eucharistie als Quelle und Höhepunkt aller Evangelisation" (Presbyterorum Ordinis, Nr. 5).
d) Seelenamt für Verstorbene. Die pastorale Liebe, die im allgemeinen nur die gläubigen viatores zu erreichen vermag, geht in der heiligen Messe über die Grenzen von Zeit und Raum hinaus. In persona Christi zelebrierend, erfüllt der Priester eine Aufgabe, die über die Wirkungsdimension der menschlichen Geste hinausgeht, die ja auf ihre Zeit, ihren Raum und auf die Geschichte ihrer Auswirkung beschränkt ist. Er geht über die Grenzen des menschlich Erreichbaren hinaus. Dies gilt insbesondere für den Wert des Verdienstes Christi, der sich in der heiligen Messe erneut dem Vater hingibt, sich für uns und für Viele opfernd. Zu den „Vielen“ für die sich Christus einmalig auf dem Kreuz geopfert hat und für die er sich auf dem Golgatha der Altäre unserer Kirchen opfert, gehören auch die verstorbenen Gläubigen, die danach streben in die göttliche Ewigkeit einzugehen. Seit jeher betet die Kirche während der Liturgie auch für sie, wie das Erwähnen der Verstorbenen in den eucharistischen Gebeten beweist. "Schon seit frühester Zeit hat die Kirche das Andenken an die Verstorbenen in Ehre gehalten und für sie Fürbitten und insbesondere das eucharistische Opfer dargebracht, damit sie geläutert werden und zur beseligenden Gottesschau gelangen können." (Katechismus der Katholischen Kirche, n. 1032).
Welcher Akt der pastoralen Liebe ist daher die tägliche Feier der Heiligen Messe auch in Fällen, in denen die Gläubigen nicht dabei sind!«

2. Eucharistische Anbetung
2.1. Hl. Papst Paul VI., Enzyklika Mysterium fidei [1965], Nr. 57-58.67-68:
»Die katholische Kirche hat diesen Kult der Anbetung, der dem Sakrament der Eucharistie gebührt, nicht nur innerhalb der Messfeier, sondern auch außerhalb erwiesen und erweist ihn auch heute noch, indem sie die konsekrierten Hostien mit größter Sorgfalt aufbewahrt, sie den Gläubigen zur feierlichen Verehrung darbietet und sie in Prozessionen unter freudiger Anteilnahme des Volkes umherträgt.
Für diese Art der Verehrung haben wir zahlreiche altkirchliche Zeugnisse. […]
[…]
Die Gläubigen mögen so oft wie möglich, am besten täglich, tätig am Messopfer teilnehmen, mit reinem und frommem Herzen sich durch die heilige Kommunion stärken und Christus, dem Herrn, auch gebührend für ein so großes Geschenk danken. [...] Außerdem sollen sie es nicht unterlassen, das allerheiligste Sakrament, - das an einem bevorzugten Ort und mit größter Ehrfurcht den liturgischen Gesetzen entsprechend in den Kirchen aufzubewahren ist - tagsüber zu besuchen; eine solche Besuchung ist ein Beweis der Dankbarkeit und ein Zeichen der Liebe und der schuldigen Verehrung gegenüber Christus, dem Herrn, der hierin gegenwärtig ist.
Es liegt auf der Hand, dass die heilige Eucharistie dem christlichen Volk eine unschätzbare Würde verleiht. Denn nicht nur dann, wenn das Opfer dargebracht und das Sakrament vollzogen wird, sondern auch nach der Darbringung des Opfers und nach dem Vollzug des Sakramentes, bei der Aufbewahrung der heiligen Eucharistie in den Kirchen oder in den Oratorien, ist Christus der wahre Emanuel, d.h. der ,,Gott mit uns“. Tag und Nacht weilt er in unserer Mitte und wohnt in uns voll der Gnade und Wahrheit. Er formt unser sittliches Verhalten, er nährt die Tugenden, tröstet die Trauernden, stärkt die Schwachen und lädt alle, die zu ihm kommen, zu seiner Nachfolge ein, damit sie an seinem Beispiel lernen, sanftmütig und demütig von Herzen zu sein und nicht sich, sondern Gott zu suchen. Jeder, der eine besondere Andacht zur heiligen Eucharistie hat und sich bemüht, die unendliche Liebe Christi zu uns vorbehaltlos und großmütig zu erwidern, erfährt daher und erfasst zutiefst mit großer innerer Freude und Frucht, welchen hohen Wert ein Leben hat, das mit Christus in Gott verborgen ist und was es bedeutet, mit Christus Zwiesprache zu pflegen: hier auf Erden das Beglückendste und auf dem Weg zur Heiligkeit das Wirksamste.«

2.2. Zweites Vatikanisches Konzil, Dekret Presbyterorum Ordinis [1965], Nr. 5.18:
»Die Priester selbst setzen das Lob und die Danksagung der Eucharistie zu den verschiedenen Tageszeiten fort, wenn sie das Stundengebet verrichten, in dem sie im Namen der Kirche Gott für das ganze ihnen anvertraute Volk, ja für die ganze Welt bitten.
Das Gotteshaus, in dem die Heiligste Eucharistie gefeiert und aufbewahrt wird, in dem die Gläubigen sich versammeln und die Gegenwart des auf dem Opferaltar für uns dargebrachten Erlösers zur Hilfe und zum Trost der Gläubigen verehrt wird, soll schön sein, geeignet zu Gebet und heiliger Handlung. Hirten und Gläubige sollen in ihm mit dankbarem Herzen auf die Gabe dessen antworten, der durch seine Menschheit das göttliche Leben ständig den Gliedern seines Leibes mitteilt. Die Priester mögen die Wissenschaft und die Praxis der Liturgie in rechter Weise pflegen, damit durch ihren liturgischen Dienst von den ihnen anvertrauten Gemeinden Gott, dem Vater, dem Sohn und dem Heiligen Geist, immer vollkommeneres Lob werde.
[...]
Zur treuen Erfüllung ihres Dienstes soll ihnen die tägliche Zwiesprache mit Christus dem Herrn in Besuchung und persönlicher Andacht der Heiligsten Eucharistie Herzenssache sein. Gern sollen sie sich für Tage geistlicher Zurückgezogenheit frei machen und die geistliche Führung hochschätzen. Auf vielfache Weise, vor allem durch das bewährte innere Gebet und frei zu wählende verschiedene Gebetsarten, suchen und erbitten die Priester von Gott inständig jenen Geist echter Anbetung, durch den sie sich zugleich mit dem ihnen anvertrauten Volk innig Christus, dem Mittler des Neuen Bundes, einen und so in der Gnade der Kindschaft rufen können: "Abba, Vater" (Röm 8,15).«

2.3. Instruktion Eucharisticum Mysterium [1967], Nr. 50:
»Die Gläubigen sollen bei der Verehrung des im Sakrament gegenwärtigen Christus daran denken, dass diese Gegenwart aus dem Opfer hervorgeht und auf die sakramentale und geistliche Kommunion hinzielt. Die Frömmigkeit, welche die Gläubigen zur heiligen Eucharistie hindrängt, bedeutet deshalb eine Ermunterung für sie, voll und ganz am österlichen Geheimnis teilzunehmen und dankbaren Sinnes auf das Geschenk dessen zu antworten, der durch seine Menschheit ununterbrochen göttliches Leben in die Glieder seines Leibes einströmen lässt. Indem sie bei Christus, dem Herrn, verweilen, erfreuen sie sich vertrauten Umgangs mit ihm, schütten vor ihm ihr Herz aus und beten für sich und alle die Ihrigen, für den Frieden und das Heil der Welt. Mit Christus bringen sie im Heiligen Geiste ihr ganzes Leben dem Vater dar und empfangen aus dieser erhabenen Verbindung Wachstum in Glaube, Hoffnung und Liebe. So wird in ihnen jene rechte innere Haltung genährt, mit der sie in gebührender Ehrfurcht das Gedächtnis des Herrn feiern und häufig das Brot empfangen können, das uns der Vater geschenkt hat. Die Gläubigen sollen es sich daher angelegen sein lassen, ihren Lebensumständen entsprechend Christus, den Herrn, im Sakrament zu verehren. Die Seelsorger aber sollen sie durch ihr Beispiel dazu hinführen und durch ihr Wort anleiten.«

2.4. Ordo zur Kommunionspendung und Eucharistieverehrung außerhalb der Messe [1973], Nr. 1-4.82:
»Die Feier der Eucharistie ist für die Gesamtkirche und ihre Zusammenkünfte am jeweiligen Ort der Mittelpunkt des christlichen Lebens. Denn „mit der Eucharistie stehen die übrigen Sakramente im Zusammenhang; auf die Eucharistie sind sie hingeordnet; das gilt auch für die anderen kirchlichen Dienste und Apostolatswerke. Die heilige Eucharistie enthält ja das Heilsgut der Kirche in seiner ganzen Fülle, Christus selbst, unser Osterlamm und das lebendige Brot. Durch sein Fleisch, das durch den Heiligen Geist lebt und Leben schafft, spendet er den Menschen das Leben; so werden sie ermuntert und angeleitet, sich selbst, ihre Arbeiten und die ganze Schöpfung mit ihm darzubringen.“
Darüber hinaus ist die „Feier der Eucharistie im Messopfer in Wahrheit Ursprung und Ziel der Verehrung, die dem Altarsakrament außerhalb der Messe erwiesen wird“. Denn Christus, der Herr, „wird im Opfer der Messe geopfert, wenn er beginnt, sakramental gegenwärtig zu sein als geistliche Speise der Gläubigen unter den Gestalten von Brot und Wein“, auch „nach Vollzug des Opfers, wenn die Eucharistie in den Kirchen oder Oratorien aufbewahrt wird, ist er der wahre Immanuel, das heißt der ,Gott mit uns‘. Tag und Nacht weilt er in unserer Mitte und wohnt in uns voll der Gnade und Wahrheit.“
Niemand darf demnach „die stets in der katholischen Kirche geübte Weise, mit der die Christgläubigen das Allerheiligste verehren und anbeten, als eine dem wahren Gott gebührende Verehrung in Frage stellen. Die heilige Eucharistie ist nämlich keineswegs deshalb weniger anbetungswürdig, weil sie von Christus, dem Herrn, eingesetzt wurde, damit sie genossen werde.“
Zur rechten Würdigung des Sakramentes und zur Pflege der eucharistischen Frömmigkeit muss also das eucharistische Geheimnis in seiner ganzen Weite betrachtet werden: zunächst als Feier der heiligen Messe, dann auch als Verehrung der eucharistischen Gestalten, die nach der Messe aufbewahrt werden, um die Gnade des Opfers weiterwirken zu lassen.
[...]
Die Aussetzung der heiligen Eucharistie im Ziborium (Pyxis) oder in der Monstranz führt die Gläubigen zum lebendigen Bewusstsein von der wunderbaren Gegenwart Christi und lädt sie ein, sich mit ihm zu vereinigen. Diese Vereinigung erlangt in der sakramentalen Kommunion ihren Höhepunkt. Darum fördert die Aussetzung in glücklicher Weise die Christus im Geist und in der Wahrheit geschuldete Anbetung. Es ist darauf zu achten, dass bei solchen Aussetzungen die Verehrung des heiligen Sakramentes in ihrer Beziehung zur Messe deutlich wird. In der äußeren Form der Aussetzung vermeide man deshalb sorgfältig alles, was irgendwie die Tatsache verdunkeln könnte, dass es der vornehmliche Wunsch Christi bei der Einsetzung der heiligen Eucharistie war, sie uns als Speise, Heilmittel und Stärkung anzubieten.«

2.5. Rundschreiben über die geistliche Erziehung in den Priesterseminaren [1980], DEL Nr. 3899:
»Der Glaube an die Eucharistie hat sich im Laufe der Jahrhunderte notwendigerweise zu einem Kult ausgeweitet, der über das liturgische Opfer hinausgeht und es dem Beter ermöglicht, sich längere Zeit in dankbarer Liebe Christus zuzuwenden, der sich in der „Hostie“ für uns opfert und sakramental auch über die Messe hin aus gegenwärtig bleibt, nicht zuletzt um „Wegzehrung“ für die Sterbenden zu sein. Die kontinuierliche Entwicklung des Kultes der eucharistischen Anbetung ist eine der wunderbarsten Erfahrungen der Kirche: das einzigartige Aufblühen der Heiligkeit in der Kirche, die hier seine Quelle hat, die große Zahl ganzer Gemeinschaften, die sich ausdrücklich dieser Anbetung widmen, sind geradezu eine Garantie für die Echtheit dieser Bewegung; ein Bruder Charles de Foucauld, allein in der Wüste mit der Eucharistie, und in der Kirche fortwirkend durch seine „Kleinen Brüder" und „Kleinen Schwestern“, ist dafür das augenfälligste Zeugnis unserer Zeit. Ein Priester, der keine Beziehung zur eucharistischen Verehrung hätte und an der Anbetung nicht Freude fände und nicht das Bestreben hat, sie zu fördern, begeht an der Eucharistie Verrat und verwehrt den Gläubigen den Zugang zu diesem unvergleichlichen Schatz.«

2.6. Hl. Papst Johannes Paul II., Brief Cena Domini [1980], Nr. 3:
»Die Anbetung Christi in diesem Sakrament seiner Liebe muss dann auch seinen Ausdruck in vielfältigen Formen eucharistischer Frömmigkeit finden: persönliches Gebet vor dem Allerheiligsten, Anbetungsstunden, kürzere oder längere Zeiten der Aussetzung, das jährliche Vierzigstündige Gebet, der Sakramentale Segen, eucharistische Prozessionen, Eucharistische Kongresse. [...] Dies alles entspricht also den allgemeinen Prinzipien und besonderen Normen, die schon seit langem in Geltung sind und während oder nach dem II. Vatikanischen Konzil erneut festgelegt worden sind.
Die Belebung und Vertiefung der eucharistischen Frömmigkeit sind der Beweis für jene wahre Erneuerung, die das Konzil sich zum Ziel gesetzt hat und deren inneren Kern sie darstellen. Dies aber, verehrte, liebe Mitbrüder, verdient eine gesonderte Betrachtung. Die Kirche und die Welt haben die eucharistische Verehrung sehr nötig. In diesem Sakrament der Liebe wartet Jesus selbst auf uns. Keine Zeit sei uns dafür zu schade, um ihm dort zu begegnen: in der Anbetung, in einer Kontemplation voller Glauben, bereit, die große Schuld und alles Unrecht der Welt zu sühnen. Unsere Anbetung sollte nie aufhören.«

2.7. Hl. Papst Johannes Paul II., Enzyklika Ecclesia de Eucharistia [2003], Nr. 25.34:
»Der Kult, welcher der Eucharistie außerhalb der Messe erwiesen wird, hat einen unschätzbaren Wert im Leben der Kirche. Dieser Kult ist eng mit der Feier des eucharistischen Opfers verbunden. Die Gegenwart Christi unter den heiligen Gestalten, die nach der Messe aufbewahrt werden – eine Gegenwart, die so lange andauert, wie die Gestalten von Brot und Wein Bestand haben –, kommt von der Feier des Opfers her und bereitet auf die sakramentale und die geistliche Kommunion vor. Es obliegt den Hirten, zur Pflege des eucharistischen Kultes zu ermutigen, auch durch ihr persönliches Zeugnis, insbesondere zur Aussetzung des Allerheiligsten sowie zum anbetenden Verweilen vor Christus, der unter den eucharistischen Gestalten gegenwärtig ist.
Es ist schön, bei ihm zu verweilen und wie der Lieblingsjünger, der sich an seine Brust lehnte (vgl. Joh 13, 25), von der unendlichen Liebe seines Herzens berührt zu werden. Wenn sich das Christentum in unserer Zeit vor allem durch die „Kunst des Gebetes“ auszeichnen soll, wie könnte man dann nicht ein erneuertes Verlangen spüren, lange im geistlichen Zwiegespräch, in stiller Anbetung, in einer Haltung der Liebe bei Christus zu verweilen, der im Allerheiligsten gegenwärtig ist? Wie oft, meine lieben Brüder und Schwestern, habe ich diese Erfahrung gemacht, und daraus Kraft, Trost und Stärkung geschöpft!
Von dieser Praxis, die das Lehramt wiederholt gelobt und empfohlen hat, geben uns zahlreiche Heilige ein Beispiel. In besonderer Weise zeichnete sich darin der heilige Alfons von Liguori aus, der schrieb: „Unter allen Frömmigkeitsformen ist die Anbetung des eucharistischen Christus die erste nach den Sakramenten; sie ist Gott am liebsten und uns am nützlichsten“. Die Eucharistie ist ein unermeßlicher Schatz: Nicht nur ihre Feier, sondern auch das Verweilen vor ihr außerhalb der Messe gestattet uns, an der Quelle der Gnade zu schöpfen. Wenn eine christliche Gemeinschaft noch fähiger werden möchte, das Antlitz Christi in jenem Geist zu betrachten, den ich in den Apostolischen Schreiben Novo millennio ineunte und Rosarium Virginis Mariae empfohlen habe, kann sie nicht darauf verzichten, den eucharistischen Kult zu pflegen, in dem die Früchte der Gemeinschaft am Leib und am Blut des Herrn fortdauern und sich vervielfachen.«

2.8. Hl. Papst Johannes Paul II., Apostolisches Schreiben Mane nobiscum Domine [2004], Nr. 10.18:
»[...] Ich ermahnte alle, das eucharistische Opfer mit dem ihm gebührenden Einsatz zu feiern, während Jesus, gegenwärtig in der Eucharistie, auch außerhalb der Messe ein Kult der Anbetung erwiesen wird, der dem so großen Geheimnis würdig ist.
[...]
Verweilen wir lange auf den Knien vor dem in der Eucharistie gegenwärtigen Herrn, indem wir mit unserem Glauben und unserer Liebe die Nachlässigkeit, die Vergessenheit und sogar die Beleidigungen wiedergutmachen, die unser Erlöser in vielen Teilen der Welt erleiden muss. Vertiefen wir in der eucharistischen Anbetung unsere persönliche und gemeinschaftliche Betrachtung, indem wir uns auch der Gebetshilfen bedienen, die vom Wort Gottes und von der Erfahrung vieler alter und neuer Mystiker durchdrungen sind. Selbst der Rosenkranz — verstanden in seiner tiefen biblischen und christozentrischen Bedeutung, die ich im Apostolischen Schreiben Rosarium Virginis Mariæ ans Herz gelegt habe — kann ein Weg sein, der für die eucharistische Betrachtung besonders geeignet ist, wird sie doch in Gemeinschaft mit Maria und in der Schule Mariens vollzogen.« 

2.9. Instruktion Redemptionis Sacramentum [2004], Nr. 134.136:
»„Der Kult, welcher der Eucharistie außerhalb der Messe erwiesen wird, hat einen unschätzbaren Wert im Leben der Kirche. Dieser Kult ist eng mit der Feier des eucharistischen Opfers verbunden“. Die öffentliche und private Verehrung der heiligsten Eucharistie auch außerhalb der Messe soll deshalb mit Nachdruck gefördert werden, damit von den Gläubigen der Kult der Anbetung Christus erwiesen wird, der wahrhaft und wirklich gegenwärtig ist, der der „Hohepriester der künftigen Güter“ und der Erlöser der ganzen Welt ist. „Es obliegt den Hirten, zur Pflege des eucharistischen Kultes zu ermutigen, auch durch ihr persönliches Zeugnis, insbesondere zur Aussetzung des Allerheiligsten sowie zum anbetenden Verweilen vor Christus, der unter den eucharistischen Gestalten gegenwärtig ist“.
[...]
Der Ordinarius soll die kürzere oder längere oder ständige eucharistische Anbetung, zu der das Volk zusammenkommt, nachdrücklich empfehlen. [...]«

2.10. Papst Benedikt XVI., Nachsynodales Apostolisches Schreiben Sacramentum Caritatis [2007], Nr. 55.66-68: 
»[...] In der Eucharistie kommt uns ja der Sohn Gottes entgegen und möchte sich mit uns vereinigen; die eucharistische Anbetung ist nichts anderes als die natürliche Entfaltung der Eucharistiefeier, die in sich selbst der größte Anbetungsakt der Kirche ist. Die Eucharistie empfangen heißt, den anbeten, den wir empfangen; gerade so, nur so werden wir eins mit ihm und bekommen in gewisser Weise einen Vorgeschmack der Schönheit der himmlischen Liturgie. Der Akt der Anbetung außerhalb der heiligen Messe verlängert und intensiviert, was in der liturgischen Feier selbst getan wurde: „Nur im Anbeten kann tiefes und wahres Empfangen reifen. Und gerade in diesem persönlichsten Akt der Begegnung mit dem Herrn reift dann auch die soziale Sendung, die in der Eucharistie enthalten ist und nicht nur die Grenze zwischen dem Herrn und uns, sondern vor allem auch die Grenzen aufreißen will, die uns voneinander trennen.“
Gemeinsam mit der Synodenversammlung empfehle ich darum den Hirten der Kirche und dem Gottesvolk von Herzen die eucharistische Anbetung, sei es allein oder in Gemeinschaft. In diesem Zusammenhang wird eine angemessene Katechese von großem Nutzen sein, in der den Gläubigen die Bedeutung dieses kultischen Aktes erklärt wird, der es ermöglicht, die liturgische Feier an sich tiefer und fruchtbringender zu erleben. Im Bereich des Möglichen sollten dann vor allem in den bevölkerungsreicheren Gebieten Kirchen oder Oratorien bestimmt und eigens für die ewige Anbetung bereitgestellt werden. Außerdem empfehle ich, den Kindern im katechistischen Unterricht und besonders in den Vorbereitungskursen zur Erstkommunion den Sinn und die Schönheit des Verweilens bei Jesus nahezubringen und das Staunen angesichts seiner Gegenwart in der Eucharistie zu pflegen.
[...]
Die persönliche Beziehung, die der Einzelne mit dem in der Eucharistie gegenwärtigen Jesus herstellt, verweist ihn immer auf das Ganze der kirchlichen Gemeinschaft, indem sie in ihm das Bewusstsein seiner Zugehörigkeit zum Leib Christi nährt. Darum lade ich nicht nur die einzelnen Gläubigen ein, persönlich die Zeit zu finden, im Gebet vor dem Altarssakrament zu verweilen, sondern halte es für meine Pflicht, auch die Pfarreien und andere kirchliche Gruppierungen zu ersuchen, Momente gemeinschaftlicher Anbetung einzurichten. Selbstverständlich behalten alle bereits bestehenden Formen eucharistischer Frömmigkeit ihren Wert. Ich denke zum Beispiel an die eucharistischen Prozessionen, vor allem an die traditionelle Fronleichnamsprozession, an die fromme Praxis des vierzigstündigen Gebets, an die lokalen, nationalen und internationalen Eucharistischen Kongresse und an die anderen, ähnlichen Initiativen. In angemessener Weise aktualisiert und den verschiedenen Umständen angepaßt, verdienen diese Frömmigkeitsformen, auch heute gepflegt zu werden.«

2.11. Papst Franziskus, Apostolisches Schreiben Evangelii Gaudium [2013], Nr. 262:
»Ohne längere Zeiten der Anbetung, der betenden Begegnung mit dem Wort Gottes, des aufrichtigen Gesprächs mit dem Herrn verlieren die Aufgaben leicht ihren Sinn, werden wir vor Müdigkeit und Schwierigkeiten schwächer und erlischt der Eifer. Die Kirche braucht dringend die Lunge des Gebets, und ich freue mich sehr, dass in allen kirchlichen Einrichtungen die Gebetsgruppen, die Gruppen des Fürbittgebets und der betenden Schriftlesung sowie die ewige eucharistische Anbetung mehr werden.«

2.12. Papst Franziskus, Apostolisches Schreiben Christus vivit [2019], Nr. 224:
»Viele junge Menschen haben gelernt, die Stille und die Vertrautheit mit Gott zu schätzen. Es haben auch die Gruppen zugenommen, die zur Anbetung des Allerheiligsten und zum Gebet mit dem Wort Gottes zusammenkommen. Man darf die jungen Menschen nicht unterschätzen, als ob sie unfähig wären, sich kontemplativen Angeboten zu öffnen. Man braucht nur die passende Art und Weise finden, um ihnen zu helfen, dass sie sich mit dieser äußerst wertvollen Erfahrung vertraut machen. Was die Bereiche des Gottesdienstes und Gebets betrifft, so "fragen [in verschiedenen Zusammenhängen] junge Katholiken nach Gebetsangeboten und sakramentalen Augenblicken, die sie in einer frischen, authentischen und frohen Liturgie in ihrem Alltag abholen".«

3. Geistige Kommunion
3.1. Schreiben Sacerdotium Ministeriale [1983], Nr. III,4:
»Die einzelnen Gläubigen oder Gemeinden, die aufgrund von Verfolgungen oder durch den Mangel an Priestern über kürzere oder längere Zeit der Eucharistiefeier entbehren müssen, gehen deshalb der Gnade des Erlösers keineswegs verlustig. Wenn sie, zutiefst vom Wunsch nach dem Sakrament geleitet und im Gebet mit der ganzen Kirche vereint, den Herrn anrufen und ihre Herzen zu ihm erheben, haben sie in der Kraft des HI. Geistes Gemeinschaft mit der Kirche, die der lebendige Leib Christi ist, und mit dem Herrn selbst. Durch ihr Verlangen nach dem Sakrament mit der Kirche vereint, sind sie, wenn auch äußerlich von ihr getrennt, zuinnerst und wirklich ganz mit der Kirche verbunden und empfangen daher die Früchte des Sakraments [...].«

3.2. Hl. Papst Johannes Paul II., Enzyklika Ecclesia de Eucharistia [2003], Nr. 34:
»Die Eucharistie erscheint als Höhepunkt aller Sakramente, weil sie die Gemeinschaft mit Gott Vater im Einswerden mit dem eingeborenen Sohn durch den Heiligen Geist zur Vollendung führt. Ein bedeutender Schriftsteller der byzantinischen Tradition brachte diese Wahrheit mit gläubigem Scharfsinn zum Ausdruck: In der Eucharistie "ist vor jedem anderen Sakrament das Geheimnis [der Gemeinschaft] so vollkommen, daß es zum Gipfel aller Güter führt: Hier liegt das höchste Ziel jeder menschlichen Sehnsucht, weil wir hier Gott folgen, und Gott sich mit uns in der vollkommensten Einheit verbindet". Eben darum ist es angemessen, in der Seele das dauernde Verlangen nach dem eucharistischen Sakrament zu pflegen. Hier liegt die Übung der "geistlichen Kommunion" begründet, die sich seit Jahrhunderten in der Kirche verbreitet hat und von heiligen Lehrmeistern des geistlichen Lebens empfohlen wurde. Die heilige Theresia von Jesus schrieb: "Wenn ihr nicht kommuniziert und an der Messe teilnehmt, könnt ihr geistlich kommunizieren. Diese Übung bringt reiche Früchte... So prägt sich in euch stark die Liebe unseres Herrn ein".«

3.3. Instruktion Redemptionis Sacramentum [2004], Nr. 135:
»Die Gläubigen „sollen [...] es nicht unterlassen, das heiligste Sakrament [...] tagsüber zu besuchen; ein solcher Besuch ist ein Beweis der Dankbarkeit und ein Zeichen der Liebe wie der schuldigen Verehrung gegenüber Christus dem Herrn, der hier gegenwärtig ist“. Die Betrachtung Jesu, der im heiligsten Sakrament zugegen ist, vereinigt den Gläubigen nämlich, weil es sich um eine Begierdekommunion handelt, mit Christus, wie aus dem Beispiel so vieler Heiliger aufleuchtet. „Wenn kein schwerwiegender Grund dem entgegensteht, ist eine Kirche, in der die heiligste Eucharistie aufbewahrt wird, täglich wenigstens einige Stunden für die Gläubigen offen zu halten, damit sie vor dem heiligsten Sakrament dem Gebet obliegen können“.

3.4. Papst Benedikt XVI., Nachsynodales Apostolisches Schreiben Sacramentum Caritatis [2007], Nr. 55:
»Zweifellos ist die volle Teilnahme an der Eucharistie dann gegeben, wenn man auch selbst die Kommunion empfängt. Trotzdem muß darauf geachtet werden, daß diese richtige Aussage bei den Gläubigen nicht zu einem gewissen Automatismus führt, so als habe man, nur weil man sich während der Liturgie in der Kirche befindet, das Recht oder vielleicht sogar die Pflicht, zum eucharistischen Mahl zu gehen. Auch wenn es nicht möglich ist, die sakramentale Kommunion zu empfangen, bleibt die Teilnahme an der heiligen Messe notwendig, gültig, bedeutungsvoll und fruchtbar. Unter diesen Umständen ist es gut, das Verlangen nach der vollen Vereinigung mit Christus zu pflegen, zum Beispiel mit der Praxis der geistlichen Kommunion, an die Johannes Paul II. erinnert und die von heiligen Lehrmeistern des geistlichen Leben empfohlen wird.«

3.5. Gebet von Papst Franziskus zum Abschluss der hl. Messe in der Casa Santa Marta während der Coronakrise am 20. März 2020:
»Zu Deinen Füßen, lieber Jesus, werfe ich mich nieder und schenke Dir den Reueschmerz meines zerknirschten Herzens. Ich beuge mich tief in meinem Nichts vor Deiner heiligen Gegenwart. Ich bete Dich an im Sakrament Deiner Liebe, in dem unsagbar großen und heiligen Sakrament des Altares. Ich wünsche Dich aufzunehmen in die armselige Wohnung, die meine Seele Dir bieten kann. In Erwartung des Glückes der wirklichen heiligen Kommunion möchte ich Dich geistigerweise empfangen. Komme zu mir, lieber Jesus, denn ich komme zu Dir. Möge Deine Liebe mein ganzes Wesen besitzen im Leben und im Tode! Ich glaube an Dich, ich hoffe auf Dich, ich liebe Dich. Amen.«