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Dienstag, 26. April 2022

Feinde auch im Inneren der Kirche

»Der Herr hat uns gesagt, daß die Kirche auf verschiedene Weise immer leiden würde bis zum Ende der Welt. [...] Unter dem Neuen, das wir heute in dieser Botschaft entdecken können, ist auch die Tatsache, daß die Angriffe gegen den Papst und die Kirche nicht nur von außen kommen, sondern die Leiden der Kirche kommen gerade aus dem Inneren der Kirche, von der Sünde, die in der Kirche existiert. Auch das war immer bekannt, aber heute sehen wir es auf wahrhaft erschreckende Weise: Die größte Verfolgung der Kirche kommt nicht von den äußeren Feinden, sondern erwächst aus der Sünde in der Kirche. Und darum ist es für die Kirche zutiefst notwendig, daß sie neu lernt, Buße zu tun, die Reinigung anzunehmen; daß sie einerseits zu vergeben lernt, aber auch die Notwendigkeit der Gerechtigkeit sieht; denn Vergebung ersetzt die Gerechtigkeit nicht. Mit einem Wort, wir müssen gerade das Wesentliche neu lernen: die Umkehr, das Gebet, die Buße und die göttlichen Tugenden. So antworten wir. Seien wir realistisch darauf gefaßt, daß das Böse immer angreift, von innen und von außen, aber daß auch die Kräfte des Guten immer gegenwärtig sind und daß letztendlich der Herr stärker ist als das Böse.«

Benedikt XVI. am 11. Mai 2010 auf den Flug nach Portugal (HIER nachlesbar).

Sonntag, 18. Juli 2021

Traditionis custodes

zu Deutsch: "Wächter des Verrats"?

Buch Jeremia 23,1-6:

Weh den Hirten, die die Schafe meiner Weide zugrunde richten und zerstreuen - Spruch des Herrn.
Darum - so spricht der Herr, der Gott Israels, über die Hirten, die mein Volk weiden: Ihr habt meine Schafe zerstreut und versprengt und habt euch nicht um sie gekümmert. Jetzt ziehe ich euch zur Rechenschaft wegen eurer bösen Taten - Spruch des Herrn.
Ich selbst aber sammle den Rest meiner Schafe aus allen Ländern, wohin ich sie versprengt habe. Ich bringe sie zurück auf ihre Weide; sie sollen fruchtbar sein und sich vermehren.
Ich werde für sie Hirten bestellen, die sie weiden, und sie werden sich nicht mehr fürchten und ängstigen und nicht mehr verlorengehen - Spruch des Herrn.
Seht, es kommen Tage - Spruch des Herrn -, da werde ich für David einen gerechten Spross erwecken. Er wird als König herrschen und weise handeln, für Recht und Gerechtigkeit wird er sorgen im Land.
In seinen Tagen wird Juda gerettet werden, Israel kann in Sicherheit wohnen. Man wird ihm den Namen geben: Der Herr ist unsere Gerechtigkeit.

Freitag, 18. Dezember 2020

Solidarischer Messverzicht?

Während des Shutdowns im März/April gab es Berichte (und selbstbewusstes Auftreten) von Ordensfrauen, die in ihren Konventen demonstrativ auf die hl. Messe verzichtet haben, obwohl ein Priester hätte kommen können. Ich selbst erfuhr von mehreren Priestern in meinem beruflichen Umfeld, die gar nicht oder kaum mal in dieser Zeit die hl. Messe feierten, auch nicht an Ostern. Dieser freiwillige Verzicht auf die Eucharistie wurde mit „Solidarität“ begründet: Man sei solidarisch mit den vielen Gläubigen, die auf die Feier der Eucharistie verzichten müssten... Denn Stellvertretung könne man nicht ohne Solidarität denken. Folglich könnten sie nicht stellvertretend für die anderen die Eucharistie Ferien, sondern sie müssten aus Solidarität mit ihnen darauf verzichten.

Mit der gleichen Argumentation könnten sie dort in Zukunft auf das Stundengebet verzichten: in Solidarität mit der zwischen Arbeit und Familie überlasteten Bevölkerung, die keine Zeit für das Gebet hat… Das wird die Überlasteten bestimmt total freuen!

Das Folgenschwerste dabei ist aber womöglich die Botschaft, die damit zwischen den Zeilen gesendet wird. Die kann wohl kaum anders lauten als: Wenn wir Messe feiern, dann tun wir das für uns. Die Feier dient nur uns und unserem Wohlbefinden. Solidarisch mit leidenden Menschen sind wir nur dann, wenn wir NICHT Messe feiern. Und aus „Solidarität“ mit denen, die nicht teilnehmen können, unterlassen wir darum dieses „unser“ Tun, wir „verzichten“ auf unseren Luxus! Ist das nicht toll von uns?


Aktuell hat, wie kath.net berichtet, eine Großpfarrei im Bistum Aachen mindestens bis Mitte Januar alle Gottesdienste abgesagt und zwar, wie es heißt, „möchte das Pastoralteam und der GdG-Rat seiner Verantwortung für die Menschen in unseren Gemeinden gerecht werden sowie die Verbundenheit mit allen an Covid-19 erkrankten Menschen und mit dem Pflegepersonal in unseren Krankenhäusern sowie mit allen Menschen, die vom Shutdown betroffen sind ausdrücken.“

Na, da werden sich aber die erkrankten Menschen und das Pflegepersonal freuen, dass hier eine ganze Großpfarrei auf ihre gottesdienstliche Eigenbrötlerei verzichtet. Wird ja auch mal Zeit, dass die ihre egoistischen „Gottesdienste“ unterlassen! Die Leute sind bestimmt dankbar, dass nun nicht mehr für sie das Opfer Christi gefeiert und für sie gebetet wird... Die Pfarrei fügt sogar extra hinzu: „Intentionen und Gebetsanliegen werden auf die Gottesdienste nach dem Shutdown verschoben.“ (HIER)
An diesem Vorgehen ist so viel falsch... Manchmal zweifle ich, ob das alles nur schlichte Dummheit ist, oder ein Fall für den Exorzisten. Das so entscheidende „Pastoralteam“ - zu Deutsch: Hirtengruppe! -, scheint jedenfalls aus bepelzten (und womöglich lobotomierten) Wölfen zu besteht, und die Gläubigen in der Pfarrei sind ihnen schutzlos ausgeliefert. 

Was wir hier erleben ist meiner Meinung nach ein diabolisches Antizeugnis sondergleichen, das antikirchliche Polemik bestätigt, den Trost- und Haltsuchenden die Tür vor der Nase zuknallt und die Gläubigen von dem entfremdet, was eigentlich Kern ihres Glaubenslebens sein sollte. Letztlich ist es Verrat an Christus und seinem Heilswerk.


Ich stelle mir gerade ein anderes Szenario vor: Eine Pfarrei die öffentlich verlauten lässt, ihre Gottesdienste zu vermehren und konsequent mit den Anliegen der Kranken und der Menschen im Gesundheitswesen zu verknüpfen. Ich stelle mir eine Pfarrei vor, die für ihre Glieder und darüber hinaus kerygmatisch-mystagogische Hinführungen an das in der Messe gefeierte „Geheimnis unserer Erlösung“ publiziert, die deutlich machen was die Kirche glaubt und feiert: Nämlich, dass sie in der Feier der Messe nicht sich selbst feiert unter Absehung des Leidens anderer, sondern dass in dieser Feier der ultimativ solidarische Gott sich offenbart in seiner Lebenshingabe und seiner Auferstehung für uns und dass wir daran Anteil erhalten und die ganze Welt mit uns in diese Gottesgemeinschaft hineinziehen können - gerade da, wo gelitten wird. Man stelle sich vor, dies würde die Gläubigen in ihrem Eifer für Gott stärken und womöglich Fernstehende und Trostsuchende anziehen... Ein Zeugnis vor der Welt für das, was wir in der Messe wirklich tun!

Wunschträume…?

Samstag, 10. Oktober 2020

Maranatha

In Zeiten erdrückenden Kirchenschmerzes
 

Komm, Herr Jesus, komm, führ die Welt zum Ende, dass der Tränenstrom sich in Freude wende. Brenn das Haus der Zeit hin in deinen Feuern; wolle es erneuern in der Ewigkeit.

Alle Kreatur liegt mit uns in Wehen; dein Erbarmen nur lässt sie heil erstehen. Was da wehrlos ist und im Bann des Bösen, komm, es zu erlösen, komm Herr Jesu Christ.

Nüchtern und bereit lass uns, Herr, hier leben und in Lauterkeit von dir Zeugnis geben. Wie es dir gefällt, lass uns sein und handeln, dass wir selbst uns wandeln und erneun die Welt.

Komm, du Menschensohn, lass dein Reich erscheinen;denn vor deinem Thron wird sich alles einen. Friedvoll, neu und fromm steigt herauf die Erde: Amen, dass es werde, komm, Herr Jesu, komm.

(Maria Luise Thurmair, im alten Gotteslob Nr. 568)

Freitag, 24. Juli 2020

Hirtenamt und Laienwürde

Dass nun nicht wenige Bischöfe den Laien mehr Leitungsverantwortung (vulgo: Macht) in der Kirche geben wollen, erinnert mich sehr an die Zeit der Fürstbischöfe, die keine Weihe empfangen hatten, sondern eigentlich nur weltliche Herrscher waren. Sakramentale Verrichtungen übernahmen die so genannten „Weihbischöfe“, die extra angestellt wurde, weil die eigentlichen „Bischöfe“ mangels Weihe selbst keine Weihen vornehmen konnten. Zu Recht lehnen wir solche Verhältnisse heute ab: Der oberste Hirte eines Bistums muss geweiht sein, wirklich Bischof sein, nicht bloß ein weltlicher Herrscher. Aber warum eigentlich? Man hat damals das Leitungsamt in der Kirche in zwei Bestandteile zerlegt, die zuvor fraglos zusammen gehörten: Sakrament und Regiment (da steckt das Wort „regieren“ drin).

Ein kurzer Abstecher: Das Volk Israel verlangte einst in seiner Ignoranz: „ein König soll über uns herrschen!“ Dies geschah mit der Begründung: „Wir wollen wie alle anderen Völker sein.“ (1 Sam 8,19-20) [Man vergleiche die fast gleichlautende Formulierung beim Götzendienst: „Wir wollen sein wie die Heiden, wie die Völker in den andern Ländern, und Holz und Stein anbeten.“ (Hes 20,32)] In ähnlicher Weise ist die Aufspaltung des Hirtenamts in der Kirche nach dem Vorbild der profanen Welt geschehen: Man wollte das Regiment ohne das lästige Sakrament, oder konkreter: Man wollte Herrschaft (Prestige und Geld) ohne zölibatär leben zu müssen... so wie die weltlichen Herrscher auch. Nochmal anders: Laien wollten Macht in der Kirche.

Seit ältester Zeit gehören in der Kirche Leitung und Heiligung wesentlich zusammen, beides war und ist Merkmal des einen in apostolischer Nachfolge ausgeübten Hirtenamtes, wie es dem Sinn und Existenzgrund der Kirche (Verkündigung des Evangeliums) entspricht. Das Führen der Herde auf die Weide und zur Quelle umfasst stets beides: Leitung und sakramentliche Heiligung. Joseph Ratzinger hat treffend beschrieben, was geschieht, wenn diese Einheit aufgebrochen wird: Es handelt sich um eine unzulässige Trennung jener beiden Vollmachten des Hirtenamtes, „bei der die eine ins Magische, die andere ins Profane abgedrängt wird: Das Sakrament wird nur mehr rituell und nicht als Auftrag zur Leitung der Kirche durch Wort und Liturgie gefaßt; das Leiten umgekehrt wird als ein rein politisch-administratives geschäft gesehen – weil man offenbar die Kirche selbst nur für ein politisches Instrument hält.“ (Demokratie in der Kirche, 31-32) „In Wahrhweit“, so fährt Ratzinger fort, „ist das Vorsteheramt in der Kirche ein unteilbarer Dienst. Die Kirche, der vorzustehen ist, ist ihrem Kern nach Versammlung. Diese Versammlung aber kommt zusammen, um Tod und Auferstehung Jesu Christi zu verkündigen. Das Vorstehen in ihr vollzieht sich daher nicht anders als in der Vollmacht der sakramentalen Verkündigung.“ (Ebd.)

Die Fürstbischöfe mit ihren Weihbischöfen waren ein Bruch mit dieser apostolischen Tradition, ein Schandfleck der Kirchengeschichte. Die so handelnden wollten es bequem, wollten herrschen, ohne lästige sakramentale Vollzüge und die an sie geknüpften Verpflichtungen. Sie wollten die Macht, aber ohne den großen Anspruch der Lebenshingabe im sakramentalen Amt, denn dieser Anspruch ist kein geringer. Mit den Worten von Marianne Schlosser: „Die Ehelosigkeit ist eine sehr konkrete, auch in der Dimension des Verzichtes spürbare, Form der Übereignung an Gott: Ihm wird gegeben das Verlangen, fruchtbar und nicht sinnlos zu leben, und die Sehnsucht, personal geliebt zu sein. Es wird gegeben ‚um des Himmelreiches willen‘, in der glaubenden Gewissheit, dass man niemals Gott etwas gibt, ohne dass ER mehr zurückgibt, in der zuversichtlichen Hoffnung, dass dadurch diejenige Liebe (caritas) wachse, die zum Heil anderer beiträgt, die Liebe des Guten Hirten, der sein Leben für die Seinen einsetzt.“ (hier)
Natürlich schützt die Sakramentalität des Amtes nicht völlig vor dem Missbrauch von Macht und vor falschen Motiven. Aber es besteht doch die begründete Hoffnung, dass das Wirken Gottes und das Gebet der Gläubigen wirksam werden können. Oder, wie es Marianne Schlosser an anderer Stelle ausdrückt: „Die Kirche bindet die Übertragung von Vollmacht und besonderer Verantwortung an Kriterien, auch an eine längere Ausbildung und Prüfung der charakterlichen und religiösen Voraussetzungen eines Kandidaten, um Risiken zu minimieren. Und im Ritus der Weihe kommt das Vertrauen in das Gebet der Gläubigen zum Ausdruck, dass der Heilige Geist nicht untätig bleiben wird. Solange das Leitungsamt (‚munus regiminis‘) – selbst wenn das nur ein fernes Ideal wäre! – dialektisch mit der ‚diakonia Christi‘ (Joh 13,13-16; Lk 22,27) verbunden ist, das heißt: mit der Entäußerung von sich selbst notfalls bis zur Lebenshingabe, gibt es wenigstens Hoffnung, dass sich einige, viele, möglichst alle daran ausrichten – Hoffnung, dass man den Gipfel nicht aus den Augen verliert, selbst wenn man zurückfiele.“ (hier)

Was wir heute erleben, erinnert doch stark an jene finsteren Zeiten der Fürstbischöfe, nur etwas abgewandelt: Die heutigen Bischöfe wollen ebenfalls den Leitungsdienst vom Heiligungsdienst abtrennen, nur wollen sie im Unterschied zu den Fürstbischöfen die Last der Leitungsverantwortung abgeben.
Ich kann zwar keinem unserer Bischöfe ins Herz schauen, ihre Motivationen sind mir fremd, aber es scheint mir nicht so weit hergeholt, auch hier eine gewisse Bequemlichkeit zu vermuten. Das gleiche erleben wir seit Jahrzehnten mit den Pfarrern. Nicht wenige Bischöfe und Pfarrer, so scheint mir, sind froh darüber, nur mehr „Sakramentenonkel“ zu sein und die lästige Verantwortung der schnöden Leitung und Verwaltung abgeben zu können: „Die Leute lassen sich ja eh nichts mehr sagen!“ Damit geben sie auch Verantwortung ab und nehmen so wiederum viele Lasten von ihren Schultern weg.
Damit tun die Verantwortlichen das Gleiche, was die Fürstbischöfe von einst taten: Sie zerteilen das eine Hirtenamt gegen die beständige Überlieferung der Kirche, so als ob Leitung und Heiligung voneinander getrennte Aufgabenbereiche wären. Man kann sie wohl unterscheiden, aber in der Kirche, die sowohl eine sichtbare Institution als auch eine unsichtbare sakramentale Wirklichkeit ist, lassen sie sich nicht trennen.

Dass die gegenwärtigen Strukturen in Deutschland eine solche Trennung erforderlich machen würden (sprich: verteilung auf mehrere Schultern), ist ein Scheinargument, denn diese Strukturen wurden ja bewusst anhand der Prämisse errichtet, dass die Laien immer mehr davon übernehmen sollen. Die Strukturen sind nicht einfach so, wie ein Schicksal, wie ein Umstand, mit dem man sich arrangieren muss… sie wurden von den Verantwortlichen im wachen Zustand so gestaltet, auch auf Druck der Laien die nach Macht strebten. Bestes Beispiel sind Pfarrgemeinderäte, die laut Kirchenrecht eigentlich nur beratende Funktion haben dürften, faktisch hierzulande aber bestimmend sind und dem Pfarrer nur das negative Rech des Einspruchs lassen, ihm also die positive Initiative faktisch aus der Hand genommen haben.

Übrigens zeigt sich dieses gleiche Muster der Zerteilung des Hirtendienstes und der Rückkehr zu überwundenen Fehlentwicklungen der Geschichte auch bei der Argumentation für das Frauenpriestertum. Etwa, wenn mit der großen Bedeutung argumentiert wird, die in der Vergangenheit manche Äbtissinnen hatten. Diese hätten viel Macht und Einfluss besessen und sogar nach ihrem Gutdünken über Priester bestimmt, folglich könne man Frauen nicht von Leitungspositionen, sogar über den Priestern, ausschließen.
Dabei wird freilich das Faktum unterschlagen, dass jene Äbtissinnen mehr Ähnlichkeit mit jenen Fürstbischöfen hatten, als mit Ordensfrauen: Auch für so eine Äbtissin war der Posten eher eine herrschaftliche Einrichtung (Prestige und Geld): Sie waren weltliche Herrscherinnen, lebten nicht im Kloster, legten keine Gelübde ab und verließen den Posten des Öfteren bald wieder um zu heiraten. Auch hier waren Leitungsdienst und Heiligungsdienst (die geistliche Führung der Klostergemeinschaft) zerteilt: Die geistlichen Aufgaben übernahm, analog zu den oben erwähnten Weihbischöfen, die Priorin, die Äbtissin schaute nur gelegentlich mal vorbei. (Mit vielen Äbten war das übrigens genauso.) Ihre „Leitungsposition“ als Äbtissin hatten sie also darum inne, weil sie weltliche Herrscherinnen waren. Oder so: Sie hatten ihre Macht nicht, weil oder trotz dass sie Äbtissinnen (oder: Frauen) waren, sondern sie waren Äbtissinnen, weil sie weltliche, feudale Machthaber waren, ihr Geschlecht spielte dabei keine Rolle. Na, ob das ein gutes Modell für heute ist?

Also: Man möchte Leitungsdienst und Heiligungsdienst trennen, und fällt damit in den gleichen Irrtum, den wir zu Recht verurteilen, nämlich die Zerteilung des apostolischen Hirtenamtes. Rom hat diesen wesentlichen(!) Zusammenhang bezüglich der Pfarrer nun erneut bekräftigt und zugleich die Verantwortung der Laien für die angestrebte pastorale Umkehr betont.


Wo liegen die Gründe?

Vielleicht kommen wir dem Grund für das heutige „Machtstreben“ der Laien durch die Sprache etwas näher: Wenn wir in dieser Debatte von „Verantwortung“ reden, dann meinen wir Leitungsverantwortung, Letztverantwortung. Doch das ist eine extreme Verkürzung. Verantwortung trägt nämlich auch der, der nicht das letzte Wort hat. Man spricht dann ungeschickterweise von „Mitverantwortung“ und wertet das als einen negativen, abwertenden Ausdruck. Das empfinde ich aber als irreführend. Denn auch wenn ich nicht der letzte Entscheider, der Hauptverantwortungsträger bin, so bin ich doch (mit-)verantwortlich für das Ganze. Ich bin verantwortlich durch mein Zeugnis in meinem Lebenswandel und in meinem Wort. Ich bin ggf. verantwortlich im beratenden Wort und im Gehorsam, soweit es eben an mir liegt.
Und da sehe ich den Knackpunkt: Dieses Letzte ist nicht gewollt. Diese Form der Verantwortung (für das eigene Handeln!) ist nicht gewollt. Niemand will gehorsam sein, und zwar nicht bloß was den Pfarrer oder den Bischof betrifft. Letztlich geht der Gehorsam bekanntlich gegen Gott („wer euch hört, hört mich“). Dieser darf bekanntlich nicht mehr als Gebietender verkündet werden, sondern muss stets auf Augenhöhe gehalten werden – die Zehn Gebote sind nur ein Gesprächsangebot. Das Machtstreben der Gläubigen hat seine letzte Motivation, sein letztes Ziel nicht in der Augenhöhe mit Pfarrer und Bischof – das sind nur Äußerlichkeiten –, sondern der Abbau der irdischen Hierarchie soll v.a. strukturell (sichtbar) das widerspiegeln, was ohnehin schon im Gottesverhältnis propagiert und eingeübt wurde.
Letztlich spricht man nicht dem Bischof die Leitungsvollmacht ab, sondern Gott. Alles soll dialogisch, demokratisch sein. Darum müssen Heiligung und Leitung getrennt werden: Die Heilung und Heiligung von Gott möchte man, aber die Gebote nicht unbedingt, nur wenn sie gerade passen. Man ist bequem. Den Anspruch, der mit dem Heilsangebot Gottes einhergeht, den lehnt man ab. Die Bedingung nimmt man eigentlich gar nicht mehr wahr: „Wenn ihr meine Gebote haltet, so werdet ihr in meiner Liebe bleiben“ (Joh 15,10).

Und was machen die Hirten angesichts dieser Bestrebungen? Die meisten Bischöfe (und Pfarrer) haben diesbezüglich schon lange klein beigegeben. Es wird weithin nicht mehr verkündet, sondern möglichst unverbindlich angeboten; nicht mehr ermahnt, sondern nur noch beraten. Nicht wenige Hirten haben sich ein Fell übergezogen, laufen auf allen Vieren und machen freudig „määh“.
Ein Freund hatte mir das neutlich sehr drastisch gesagt: Er befürchtet, dass es nie zu einem „offiziellen“ Schisma kommen wird, sondern dass der Brand unbenannt, knapp unter der Oberfläche und kaum durch Floskeln verschleiert, weiter vor sich hin schwelt, da die Hirten (in Deutschland und in Rom) zu schwach sind. Sie haben weder den Charakter, noch die Intelligenz, und erst recht nicht die Leidenschaft, die einen echten Häretiker/Schismatiker vom Schlag eines Marcion, Arius, Jan Hus oder Martin Luther (vgl. dazu das sehr lehrreiche „Buch der Ketzer“ von Walter Nigg) oder ihre katholischen Kontrahenten auszeichneten. Unsere Bischöfe sind in der Mehrheit lauwarm, theologisch alles andere als versiert und sie haben v.a. Angst um ihr Ansehen (vgl. meine Gedanken dazu hier). Anders ausgedrückt: Ein „offizielle“ Schisma erfordert den Mut zum (falschen) Bekenntnis. Den haben unsere Bischöfe in der Mehrheit jedoch nicht.

Das Traurigste ist, dass es nicht so sein muss. Die Alternative ist nämlich gerade nicht die Widerherstellung fürstbischöflicher absolutistischer Verhältnisse. Wenn die Laien, statt den Anspruch und die Last von Gottes Geboten abzuwerfen, sich ihrer Verantwortung vor Gott bewusst wären, gerade dann würde ein fruchtbares und wahrhaft christliches Verhältnis zwischen Klerikern und Laien im Leben der Kirche entstehen. Man stelle sich allein schon die Entlastung vor, wenn die Zuständigkeiten klar wären… die meisten Sitzungen hätten sich erledigt.

Auch hier bietet die verwendete Sprache Anhaltspunkte: So liegt es durchaus im Interesse der Akteure, dass der Begriff „Laie“ negativ besetzt ist und negativ besetzt bleibt. Die negative Definition „Laien sind die, die nicht geweiht sind“ ist in der aktuellen (jahrzehntealten) Debatte mit voller Absicht von interessierten Kreisen gesetzt worden; sie ließe sich problemlos durch eine positive Bestimmung (etwa: Glieder des königlich-priesterlich-prophetischen Volkes [gr. loas] Gottes, auserwähltes Geschlecht, Erben des Reiches Gottes) ersetzen – aber das wird verhindert, denn die Laien sollen sich als Defizitär und als unterjochte Opfer der „Kleriker“ fühlen. Durch diese sprachliche Festlegung haben sie auch weiterhin stets den Eindruck, in „Kirche“ nichts von Bedeutung tun zu können, solange sie nicht entweder die Leitungsgewalt der Geweihten bekommen, oder selbst geweiht werden (Thema Frauenpriestertum). Wobei mir hier die große Mehrheit der Leute nur Stimmvieh einiger Weniger zu sein scheint, die dabei die Hebel in der Hand haben und z.B. jenes Sprachspiel aufrechterhalten, die allermeisten wissen gar nicht, wovon sie reden.

Es ist eine Lüge, wenn behauptet wird, die Laien seien sich ihrer Würde bewusst geworden und würden eben darum nach Macht in der Kirche streben. Die Laien sind die vorrangigen Träger des Auftrags der Kirche! Dieser Auftrag besteht aber gerade nicht darin, „Kirche“ zu gestalten, sondern der Welt das Evangelium zu verkünden (vgl. Ratzingers Kommentar zum suizidalen Weg, HIER). Die Würde der Laien besteht eben gerade darin, die Mission der Kirche in die Welt hinaus zu tragen. Mit einem militärischen Gleichnis (nicht, dass ich besonders militärafffin wäre, aber von Fußball hab ich noch weniger Ahnung): Die Laien sind die Frontlinie der Mission, die Phalanx des „gehet hin und macht alle Völker zu meinen Jüngern“. Die römische Instruktion nennt daher alle Getauften „aktive Protagonisten der Evangelisierung“. Die Kleriker sind dabei eher die Sanitäter und Versorgungsoffiziere im Hintergrund und zuweilen auch mal die Artillerie… der eigentliche Nahkampf wird von den Laien geleistet, die in ihrem Alltag in der Welt mit dem Zeugnis ihres Lebens Christus bezeugen. Darin besteht ihre Würde, nicht in „Macht in der Kirche“.
Ich befürchte (wieder: ich kann in niemandes Herz schauen, aber der Verdacht drängt sich mir auf), dass sich unsere Gremien- und Verbandskatholiken darum so sehr auf die ihnen nicht zustehenden Posten in der Kirche konzentrieren, weil sie nicht willens und/oder nicht fähig sind zum Zeugnis nach draußen, wo ein verwässerter Glaube nichts gilt und nur das furchtlose Bekenntnis den Unterschied macht. Sie sind, im vorigen Gleichnis gesprochen, fahnenflüchtig, und versuchen sich jetzt unter die Versorgungsoffiziere und Sanitäter zu mischen, um bloß nicht an die Front zu müssen.

Rekapitulieren wir: Die Hirten wollen mit den Schafen blöken und die Ziegen möchten gerne Gärtner sein. So. Ein. Unsinn.
Die meisten Hirten und (jedenfalls der Lautstärke nach zu urteilen) der Großteil der Herde gleichermaßen, haben nicht den Mut zum Gehorsam gegenüber Gott und zum Bekenntnis gegenüber den Menschen... welchen Wert hat das ganze dann noch? Dann taugen wir wahrhaftig nur noch als eine politisch-ökologische Pazifisten-NGO...

Montag, 12. August 2019

Über die Angst vor bekehrten Christen

Unsystematische Gedanken zur Lage der katholischen Kirche in Deutschland. 


0. Eine Erfahrung, die ich inzwischen sowohl auf der pfarrlichen, als auch auf der akademischen, als auch beruflich auf der administrativen Ebene der katholischen Kirche in Deutschland machen durfte ist die, dass man dort zutiefst misstrauisch ist gegenüber und Angst hat vor Leuten, die nicht katholisch aufgewachsen sind. Am meisten hat man Angst vor solchen, die sich als Erwachsene ganz bewusst dazu entschieden haben, sich in der katholischen Kirche taufen zu lassen. Die sind von vornherein sehr verdächtig.

1. Das ist natürlich völlig absurd. Geradezu surreal. Waren nicht in den ersten Jahren des Christentums nahezu alle Nachfolger dieses Jesus erst als Erwachsene zum Glauben gekommen? Ja, stimmt. Und die Erwachsenentaufe blieb auch noch lange der Standard.
Aber heute hat man Angst vor solchen Leuten und der Grund ist offensichtlich: Diese Leute nehmen den Glauben ernst. Die gesammelten katholischen Glaubensinhalte und den Anspruch, den dieser Glaube an sie und ihre Lebensweise stellt.

2. Mit „katholisch aufgewachsen“ meine ich einen Menschen, der als Kind getauft wurde und dann die üblichen Mühlen in Gemeinde und Schule durchlaufen hat. Dabei steht es auf einem völlig anderen Blatt, ob von diesen Mühlen irgendetwas wirklich ins Innere jenes Menschen vorgedrungen ist, sodass sein Denken und Handeln sich merklich von der „Welt“ unterscheidet. Aus Erfahrung weiß ich, dass diejenigen, die in diesem Sinne katholisch aufgewachsen sind und sich heute bemühen, den unverkürzten Glauben der Kirche zu leben (d.h. ganz banal: die sich in dem, was sie glauben und wie sie handeln, an den Weltkatechismus halten), i.d.R. früher oder später in ihrem Leben eine Bekehrung erlebt haben. Diese kann schon im Kindesalter geschehen sein oder erst viel viel später. Es gibt Ausnahmen, entweder durch ein entsprechend fruchtbares Klima Zuhause oder durch unmittelbare Gnade, wo ohne ein benennbares Bekehrungserlebnis jener unverkürzte Glaube „selbstverständlich“ gelebt wird.

3. Wo eine solche Bekehrung nicht stattgefunden hat oder das Leben nach dem unverkürzten Glauben nicht ausnahmsweise selbstverständlich ist, ist der Glaube nie zu dieser nötigen Reife der Bekehrung gekommen (auch wenn man sich hier häufig mit dem „reifen“ oder „aufgeklärten Glauben“ besonders rühmt), sondern bleibt in etwa auf dem kümmerlichen Status, der die typische Frucht unseres Religionsunterrichts ist, plus einiger wissenschaftlicher Finessen und politischer Ambitionen. Nun mag man zwar einwenden, dass ein solch mittelmäßiger Glaube, der auch dementsprechend gelebt wird, doch schon seinen Wert habe. Das stimmt auch, aber nur insofern er auf die Fülle hin ausgerichtet bleibt, d.h. insofern die Fülle des Glaubens (und des Lebens daraus) angestrebt wird, solange man sich auf dem Weg zu „mehr“ befindet. Dem, der seine Pflicht erfüllt, sagt Jesus nicht „gut so, reicht“, sondern: Sei vollkommen!

4. Wer keine Affinität zu jenem unverkürzten Glauben hat, für den ist schon die Rede davon unerträglich. Un-er-träg-lich! Viel wichtiger als das, woran man glaubt, ist für diese Menschen ohnehin, „dass“ man überhaupt (irgendetwas) glaubt. Irgendwie merhrheitskompatibel links-grün gutmenschlich Handeln gehört auch dazu, manchmal sogar die Ablehnung von Abtreibung (aber dann nicht allzu laut artikuliert, um niemanden vor den Kopf zu stoßen). Und wenn doch mal Glaubensinhalte gefragt sind, dann werden die so verklausuliert oder verwässert ins Wort gebracht, dass man sich nie ganz sicher sein kann, wovon da eigentlich die Rede ist.
[Die Gegenüberstellung von Glaubensakt und Glaubensinhalt ist in etwa so sinnvoll wie die Gegenüberstellung von Feuer an sich und Brennstoff… als ob man Feuer haben könnte ohne „etwas“ das brennt (z.B. Holz und Sauerstoff...). Ohne Glaubensinhalte ist nichts da, was geglaubt werden könnte!]

5. Zur Verdeutlichung: Der Unterschied zwischen dem, was ich hier mittelmäßigen Glauben und dem, was ich unverkürzten Glauben nenne besteht darin, dass Letzterer danach strebt und sich bemüht, den ganzen Glauben, wie er maßgeblich im Katechismus der katholischen Kirche dargelegt ist, anzunehmen und zu leben, so umfassend wie möglich. (Nicht gemeint sind fragwürdige, manchmal sektenartige Richtungen wie Engelwerk, Warnung“ oder sonstige Privatoffenbarunen die zum Superdogma gewählt wurden.) Der Mittelmäßige ist zufrieden mit dem Maß, in dem er den Glauben annehmen zu können meint und er hält es nicht für nötig, den ganzen Glauben annehmen zu müssen. Für manche mag das interessant sein, er braucht das nicht. Das eigene Ermessen ist hier Maßstab dessen, was zu glauben und wie zu handeln ist, souverän und „mündig“ steht er über dem Glauben. Hier trifft der atheistische Vorwurf, der Mensch mache sich Gott nach seinem Bilde, ins Schwarze.

6. Für so einen Menschen ist es schwer vorstellbar, dass sein Katholischsein Auswirkungen auf sein Denken, Fühlen, Handeln jenseits dessen haben könnte, was er von sich aus schon denkt, fühlt und handelt. Jeder Anspruch des Evangeliums über das hinaus wie man selber denken, fühlen und handel will wird ausgeblendet. Irgendwie ist das ja auch verständlich: Da er ja schon katholisch ist solange er sich erinnern kann, ist das, wie er denkt, fühlt und handelt, eben das, wie Katholiken denken, fühlen und handeln. Es hat hier eigentlich nie eine wirkliche Konfrontation des eigenen Lebens mit dem Glauben gegeben, das „normale“ Leben, das man eben führt, wird für den Standard gehalten, wie ein Leben als Christ zu sein hat. Eine Bekehrung ist nicht erforderlich, denn man „ist“ doch schon katholisch. Klingt logisch, oder? (Das ist und war immer schon die Gefahr der Kindertaufe. Sie ist nur dadurch zu bannen, dass die Eltern sich um ein unverkürztes Katholischsein mühen.)

7. In krassem Kontrast dazu steht ein Mensch, der sich bei vollem Bewusstsein und nach reiflicher Überlegung auf den Weg begibt, dieser Kirche und damit Jesus Christus wirklich anzugehören, ob er ungetauft ist oder getauft aber bisher lauwarm. Für ihn ist ganz klar, dass dieses „neue Leben“ sich merklich vom vorherigen unterscheiden muss. Andernfalls wäre die ganze Aktion sinnfrei.
Dieser Mensch weiß, dass der Glaube der Kirche nicht mit seinen Ideen und Vorstellungen zusammenpasst, schon gar nicht sich aus diesen speist. Nichts an diesem Glauben, weder die Inhalte, noch die moralischen Folgerungen daraus, sind für ihn selbstverständlich. Jesus war für ihn nie der, für den er ihn hält, sondern er wurde von Jesus auf unaussprechlich faszinierende und zugleich ehrfurchtgebietende Weise überrascht, von ihm ergriffen, manchmal regelrecht überwältigt. (Das ist etwas völlig anderes, als das was jener Prediger meint, der seine Zuhörer auf Jesu „überraschendes“ Handeln hinsichtlich des Umweltschutzes aufmerksam machen will… Hinter der Phrase „lassen sie sich überraschen“ steckt bei den meisten Predigern ein „Ich sag ihnen jetzt mal, wie es wirklich ist!“, gefolgt von einer Banalität.)
In kurz: Für den bekehrten Christen ist das Evangelium in seinen Inhalten und Forderungen zutiefst anstößig. Darum ist er hier: weil er daran angestoßen ist.

8. Der Bekehrte weiß: Er muss viel lernen und er muss sich und sein Leben grundlegend ändern um zu Jesus zu gehören, nicht Jesus (oder das, was die Kirche über ihn lehrt) muss sich ändern um zu ihm und seinem Lebensentwurf zu passen. Das ist fundamental und es gilt übrigens auch für die Liturgie der Kirche! Der Bekehrte will den unverkürzten katholischen Glauben annehmen. Das heißt aber auch: Ihm geht es nicht um eine Gruppe, eine Pfarrei oder ein Bistum. Folglich auch nicht um das, was in einer solchen Struktur gerade en vogue ist. Auch nicht liturgisch! Die Vorlieben einer bestimmten Person oder Gruppe, und seien es der Pfarreirat, der Pfarrer, irgendwelche Kirchenbeamte oder der örtliche Bischof, interessieren ihn erstmal herzlich wenig. Ihn interessiert der katholische Glaube in seiner Gesamtheit. Er will Jesus kennenlernen, nicht die Meinungen Einzelner oder einer Gruppe, nicht die Kreativität des Pfarrers (oder des Liturgieausschusses), nicht die mehr oder minder gescheiten „Visionen“ eines Bischofs. Der Bekehrte hat nicht vor, Mitglied einer Pfarrei oder eines Bistums zu werden, sondern er will katholisch werden. In der Kirche sucht er die Begegnung mit dem lebendigen Sohn Gottes der Mensch wurde und bleibend in ihr in Wort und Sakrament gegenwärtig ist, er sucht keine politischen Aktionen und er sucht auch nicht den nächsten Eine-Welt-Laden.

9. Diese Tatsache macht v.a. Leute die erst als eErwachsene getauft wurden in den Augen von Verantwortungsträgern sehr suspekt, zuweilen schon auf Pfarreiebene (Gremien), mehr noch im akademischen Bereich, v.a. aber auf Bistumsebene. Denn auch das habe ich inzwischen gelernt: Je höher man in der kirchlichen (und auch der akademischen) Hierarchie kommt, desto größer ist die Angst vor solchen Menschen. Vielleicht spürt man dort noch auf irgendeiner Bewusstseinsebene die leise Stimme des Gewissens, die mahnt, dass der katholische Glaube doch nicht absehen kann von der Gesamtheit seiner Inhalte und einer diesen entsprechenden Lebensweise; dementsprechend wäre ein aus der Tiefe gelebter unverkürzter Glaube eine schlimme Kränkung. Aber v.a. dürfte es daran liegen, dass man weiter oben auf der hierarchischen Leiter auch dementsprechend exponierter ist und man daher umso mehr Angst vor Reaktionen von linksaußen oder generell von medialer oder politischer Seite hat. Für die weiter oben Stehenden sind Bekehrte Katholiken für den kirchlichen Dienst nicht tragbar, weil sie „zu fromm“ sind, manchmal wird ihnen das auch direkt (wenn auch nicht mit exakt diesen Worten) gesagt.
Menschen die bewusst katholisch werden, stellen ein nur mittelmäßiges Glaubensleben jedenfalls radikal in Frage, das macht sie bedrohlich.

10. Diese Angst vor der In-Frage-Stellung des mittelmäßigen Glaubens mag auch der (unbewusste) Grund dafür sein, warum sämtliche Programme und Initiativen, die von kirchenamtlicher Seite unternommen werden um „Kirchenferne“ (damit meine ich Getaufte Fernbleibende und Ungetaufte gleichermaßen) anzusprechen, ganz bewusst vollkommen flach, fast schon säkular gestaltet sind. Man begründet das meist pädagogisch: Dass man den Menschen schließlich nicht gleich mit den ganzen Inhalten kommen könne, sondern sie langsam heranführen müsse und erst mal beim „Glauben an sich“ anfangen müsse, bevor es an „Glaubensartikel“ geht. Abgesehen davon, dass das eine ganz eigenartige Bevormundung darstellt (wo man doch von aufgeklärtem oder reifem Glauben spricht!), offenbart sich dies als hohles Gefasel spätestens dann, wenn der „Einstieg“ gemacht ist, denn dann folgt inhaltlich… nichts. Jene Programme und Initiativen hören dann auf, wenn die Kirchensteuer (wieder) fließt.
Der Verdacht drängt sich zudem häufig auf, dass hier deswegen weitgehend auf Glaubensinhalte verzichtet wird, weil den Verantwortlichen diese Glaubensinhalte selbst fremd (wenn nicht sogar peinlich) sind.
Diese Programme und Initiativen versuchen die Quadratur des Kreises, da sie einerseits vorgeben das Evangelium zu den Menschen zu bringen, sie aber andererseits ganz ohne Bekehrung (für die „getauften Heiden“ wie für die Ungetauften) auskommen wollen. Das erinnert dezent an den Ablasshandel der Lutherzeit: „Du darfst Mitglied sein und musst nichts leisten, außer einem bescheidenen Obolus.“ Mehr ist mit etwaigen Imagekampagnen und Werbungsmaßnahmen jedenfalls auch nicht angestrebt und, mal ehrlich, auch nicht erwünscht.

11. Die Folge ist übrigens, dass ausgerechnet diejenigen, die ein ehrliches Interesse am Glauben haben und die nach Jesus fragen, sich von solchen Programmen abgestoßen fühlen, entweder weil sie sich als mündige Menschen nicht ernst genommen fühlen, oder weil ihnen hier schlicht ein Antizeugnis gegeben wird – und zwar von denen, die vorgeben Autorität in Glaubenssachen zu haben!

12. Letztlich geht es bei diesen Initiativen nicht darum, Menschen für Jesus zu gewinnen (denn das geht nicht ohne Bekehrung!), sondern es geht darum, Kirchensteuerzahler zu gewinnen bzw. zu halten. Es geht letztlich also um Quantität. Manchmal wird das auch explizit etwa von Bischöfen gesagt: Wir wollen wachsen. (Ein Schelm, wer hier an den „breiten Weg“ denkt, auf dem „viele gehen“...) Es steckt hier aber noch etwas dahinter: Es geht den Verantwortlichen letztlich um ihre eigene Macht bzw. den Machterhalt. Man nennt das natürlich nicht so, sondern redet von „Einfluss“ und „Relevanz“ in der Gesellschaft und ihren Debatten und ist bereit, alles dafür zu tun, um nicht „belang-“ oder „bedeutungslos“ zu werden. Das Ziel klingt zunächst löblich, wird hier aber faktisch um einen zu hohen Preis erkauft, denn alles Anstößige fällt ihm früher oder später zum Opfer. Alternativ verzichtet man beim Wortergreifen gleich ganz auf das Eigene und nimmt sich die Agenda von jemand anderem, um sie zum „neuen“ eigenen Anliegen zu machen, obwohl jener Andere das schon viel länger und viel effizienter tut, z.B. Umweltschutz. Hauptsache, man redet mit, hat „etwas zu sagen“ (egal was...).

13. Auch hier wieder: Letztlich wird diese Haltung das Gegenteil dessen bewirken, was sie vorgibt zu wollen. Sie wird zu einem völligen Bedeutungsverlust führen, denn eine weitere Echokammer die dem Mainstream nachplappert braucht die Gesellschaft nicht. Eine solche Kirche können nicht einmal mehr ihre Gegner ernst nehmen, sie wird zum Objekt der Belustigung. Anglikaner und die EKD führen das exemplarisch vor Augen und die katholischen deutschen Bischöfe wetteifern schon um diesen fragwürdigen Pokal.

14. Auf ein Feindbild muss man in den bischöflichen Behörden dennoch nicht verzichten, denn es gibt ja noch die bekehrten Christen.
Bei aller berechtigten Skepsis gegenüber neu aufblühenden Bewegungen an der Basis und der Begeisterung von Einzelpersonen für das Evangelium – die Art und Weise, wie man in dieser Kirche mit gläubigen Menschen umgeht und die eifersüchtig gehütete ideologische Monokultur in den bischöflichen Behörden, Gremien und akademischen Einrichtungen erinnern frappierend an das Vorgehen kommunistischer Organisationen mit ihren Säuberungsaktionen und einheitlichen Parteilinien. Auch das letzte verbliebene Zentralkomitee (terminus technicus einer kommunistischen Einrichtung!) auf deutschem Boden trägt seinen Namen nicht zu Unrecht.

15. Es geht in diesem Text nicht darum, die harte Arbeit vieler Menschen schlecht zu machen. Ich hinterfrage aber die viel zu oft anzutreffenden Motive und Methoden, sowie die Haltung gegenüber denen, die es im beschriebenen Sinne ernst meinen mit dem unverkürzten Glauben der Kirche. Diözesane Liturgiereferenten, die eine getreu nach dem Messbuch gefeierte Heilige Messe mit Fundamentalismus gleichsetzen, sind zwar ein Extrembeispiel, aber auch davon gibt es mehr als man denkt. Und auch der das Reden und Handeln bestimmende Kampf um Macht in den bischöflichen Behörden – das Kratzen nach oben und das Treten nach unten – ist Alltag in Deutschland. Persönliche Profilierung vor Evangelisierung“ kommt hier auf allen Ebenen vor (hoffentlich nicht allzu oft).

16. Bleibt zu fragen: Und nun? Was macht einer der als „zu fromm“ für den kirchlichen Dienst eingestuft wird? Klappe halten und Nische suchen. Das schlimmste Vergehen im deutschen Kirchenapparat besteht darin, fromm zu sein. Diesen Eindruck sollte man also tunlichst vermeiden. Wer gerne Rosenkranz betet, die eucharistische Anbetung besucht oder – oh Graus! – mehrmals die Woche an einer hl. Messe teilnimmt, erzeugt bei Kirchenamtlichen vor allem eines: großes Misstrauen. Ein völliger Mangel an jedweder Frömmigkeit ist derweil kein Problem, denn das gilt dann – auch diese Tatsache ist an sich schon faszinierend als „Privatsache“. Eine tiefe Frömmigkeit gilt als problematisch, besonders, wenn man es mit Lehre und Verkündigung zu tun hat, das Fehlen derselben ist hingegen unbedenklich.
Die Zeit ist noch nicht reif für überzeugte Katholiken im Dienst der Kirche, dafür hat sie hierzulande einfach noch viel zu viel Geld.

17. Bekehrte Christen stehen jenem Durst nach Macht („Relevanz“) und Geld („wir tun doch so viel Gutes damit“) im Weg. Sie erinnern nämlich daran, dass Jesus genau von denen zu Tode verurteilt wurde, die vom Messias einen Zuwachs an Macht und Einfluss für sich erwarteten (der politische, über die Römer siegende Held), und die zutiefst enttäuscht und wütend waren, als sie merkten, dass dieser Jesus aus Nazareth genau dies weder für sich noch für andere bringen würde. Für diese Enttäuschung hatte er in ihren Augen den Tod verdient. Er stirbt am Kreuz und die ihm nachfolgen sind „die Geringsten“ und „von der Welt gehasst“. (Ein Zustand, den die katholische Kirche in Deutschland offenbar mit allen Mitteln zu vermeiden versucht. Es gibt einen Bergriff dafür: Everybody's Darling. So ganz scheint er mir nicht mit der Verkündigung Jesu vereinbar.)
Der Bekehrte ist sich des notwendig eintretenden Widerspruchs der Welt bewusst und nimmt diesen Kampf ebenso bewusst für sich an (ecclesia militans und der „schmale Weg“); die Verantwortungsträger in der Kirche, allen voran die meisten Bischöfe hierzulande, sind Getriebene ihrer Angst vor Bedeutungs- und Machtverlust und davor, in unserer Mediengesellschaft „nicht gut dazustehen“. Es ist Angst vor dem Schicksal der Jünger Jesu, folglich haben sie auch Angst vor denen, die sie – oder andere – daran erinnern könnten.


18. Zum Schluss ein Gedanke aus einer Predigt eines guten Pastors in meiner Nähe: Es gab in der Kirchengeschichte viele Märtyrer. Der Grund für das Erleiden des Martyriums wird oft genug darin bestanden haben, dass diese Menschen sich nicht so recht dem Zeitgeist anzupassen wussten. In Deutschland gibt es heute keine Märtyrer mehr, woran das wohl liegt?
...
Halt, Korrektur, denn die Angst vor bekehrten Christen hat eine schlimme Kehrseite: Auch heute gibt es in Deutschland Märtyrer, nur kommt die Verfolgung, die sie erleiden, nicht von außen, sondern sie geschieht inmitten der Kirche und durch ihre Verantwortungsträger...

Mittwoch, 27. März 2019

Dürftige Theologie - 19 - Meinungen

Bitte die Einführung (hier) beachten!
 

Bischof Helmut Dieser von Aachen gab neulich (hier) ein erfrischend unaufgeregtes und nicht nach Aufmerksamkeit heischendes Interview. Dennoch sind manche Aussagen durchaus hinterfragbar. Dass etwa der Bischof meint, "momentan" nicht für das Frauenpriestertum eintreten zu können, verschweigt die simple Tatsache, dass es unerheblich ist, ob er dafür eintritt oder nicht: es geht nicht. Und das rührt auch schon an den Hauptpunkt, an dem es mich juckt, wenn der Bischof etwa sagt: "Wir müssen uns darum die Mühe machen, miteinander so zu reden, dass die verschiedenen Meinungen wirklich einander begegnen können."

Zwar ist dann noch irgendwo die Rede von einer "Wahrheitserkenntnis", aber dieses große Wort wirkt etwas schal, wenn das damit Bezeichnete darauf folgend in ein banales Zuhören aufgelöst wird.

Ich habe kein Problem mit divergierenden Meinungen und Ansichten. Problematisch wird es, wenn von unterschiedlichen Meinungen geredet wird, wo es nicht um Meinungen geht, sondern um Wahrheit. Beispiel Frauenpriestertum. Es ist völlig unerheblich, was meine persönliche Meinung dazu ist. Es gab eine Zeit, da war ich der Meinung, man müsse Frauen auch weihen. Diese Meinung hatte ich so lange, bis mir aufgefallen ist, dass es nicht möglich ist. Genausogut könnte ich der Meinung sein, die Erde sei eine Scheibe. Diese Meinung darf ich zwar gerne haben, aber dann bin ich eben eher geisteskrank.

Es gibt soetwas, das nennt man den "Christlichen Glauben". Dieser hat Inhalte die uns bekannt sind, weil sie uns offenbart, das heißt schlicht: gesagt, verkündet wurden. Das sind so Dinge wie die Menschwerdung Gottes, die Auferstehung Jesu... Dinge halt, die sich beispielsweise im Glaubensbekenntnis finden. Aber auch viele andere Dinge, die sich nicht in altchristlichen Glaubensbekenntnissen wiederfinden, weil sie zur Zeit ihrer Abfassung ganz einfach allgemein akzeptiert waren (denn jene Bekenntnisse wurden i.d.R. formuliert, um je aktuellen Irrlehren zu begegnen, etwa solchen, die die Gottheit Jesu ablehnen, woraufhin es dann im  Credo heißt "Wahrer Gott vom wahren Gott etc."), z.B. die reale Gegenwart Jesu Christi in der Eucharistie (die gleichfalls erst dann lehramtlich in eine gewisse Form gegossen wurde, als sie von einigen bestritten wurde: Reformatoren).
[Genau auf der selben Linie gab Paul VI. 1968, in den nachkonziliaren Wirren, das "Credo des Gottesvolkes" heraus, das den katholischen Glauben in seinen wentlichen Punkten durchbuchstabiert... leider wurde es etwa hier in Deutschland konsequent und durchaus absichtlich totgeschwiegen.]

Unterschiedliche Meinungen sind gut und fruchtbar, wo sie sinnvoll und angebracht sind. Aber es gibt Dinge - wir können sie auch unter dem Stichwort "Wirklichkeit" (oder "Realität" oder "so ist es") zusammenfassen - bei denen ist es eher weniger sinnvoll, unterschiedliche Meinungen zu haben. So ist eben nicht eine Frage der Meinung, ob die Erde flach oder kugelförmig ist, oder ob sie sich um die Sonne bewegt oder andersherum.
Definierte Inhalte des Glaubens (und damit notwendig in Verbindung stehende Sachverhalte) sind auch Wirklichkeit. Entweder ist Gott in seinem Wort wirklich Mensch geworden und hat unter uns gewohnt, ist gestorben und auferstanden am dritten Tag, oder er ist es nicht. Wir Christen glauben, dass er es ist, somit gehören diese Tatsachen (und andere) für den gläubigen Menschen (darum heißt der so) zu jenem Bereich "Wirklichkeit".

Ähnlich wie bei der Form und Bewegung unseres Planeten, kann man nun zwar trotz allem unterschiedlicher Meinung sein hinsichtlich der definierten Glaubenswahrheiten, aber dann befindet sich irgendwer eben im Widerspruch zur Wirklichkeit. 

Die Form und Bewegung des Planeten lässt sich anhand von empirischen Untersuchungen klären. Wie es sich um die Inhalte des Glaubens verhält, ist einerseits schwieriger, andererseits aber doch auch leichter zu eruieren: Denn der Glaube kommt vom hören: »Wie sollen sie nun den anrufen, an den sie nicht glauben? Wie sollen sie an den glauben, von dem sie nichts gehört haben? Wie sollen sie hören, wenn niemand verkündet?« (Röm 10,14) Und Glauben muss man letztlich auch wollen!

Natürlich gibt es Spielraum in dem, was ich zuvor der Einfachheit halber auf einen knappen Begriff gebracht habe. Natürlich lässt sich etwa die Gegenawart Jesu in der Eucharistie auf vielfältige Weise beschreiben (auch Trient sagt von der Transsubstantiation nur, dass sie "treffend" [convenienter] das beschreibt, was in der Wandlung geschieht, es sagt nicht, dass dies die einzige Weise ist, wie man dieses Geheimnis fassen und verstehen kann). Ebenso ist die Form der Erde mit "kugelförmig" nicht abschließend beschrieben, zumal wir wissen, dass sie natürlich keine perfekte Kugel ist (dann gäbe es keine Berge und Täler...), sondern z.B. ein klein wenig abgeflacht ist, da sie zum Äquator hin minimal ausladender wird.
Aber trotz dieses Spielraumes, gibt es doch eine erkennbare (bzw. im Glauben anzunehmende) Wirklichkeit jenseits dieses Spielraumes, die zu bestreiten zwar möglich, aber schwerlich sinnvoll ist.

Wenn nun also überall davon geredet wird, dass es in bestimmten Punkten unterschiedliche Meinungen gibt, muss immer darauf geschaut werden, worum es konkret geht und was die "Meinungen" beinhalten. Handelt es sich um Meinungen, die dem Glauben der Kirche widersprechen, dann sind sie für jedweden Dialog über diesen Glauben wertlos, ja sogar schädlich. Die Grenzen jenes Spielraumes sind nicht immer klar, aber öfter als man gemeinhin denkt sind sie es durchaus, man lese dafür den Katechismus.

Ich habe für mich vor meiner Taufe klar bekommen, dass ich den ganzen Glauben der Kirche teilen und in meinem Leben halten möchte, auch in den Punkten, die ich (noch) nicht verstehe, oder (noch) nicht kenne. Man spricht hier theologisch vom "impliziten Glauben". Mit der Zeit, und nicht zuletzt durch langwierige Lektüre verschiedener Katechismen (wobei es auch dort eine gewisse Rangfolge der Verlässlichkeit und Authentizität gibt), hat sich mein Wissen von diesem Glauben vermehrt, was mir sehr dabei geholfen hat, sinnvolle von unsinnigen Meinungen zu unterscheiden. Wenn etwa ein Katholik die Meinung vertritt, dass die Eucharistie "ein Zeichen der Liebe Gottes" sei, dann weiß ich, dass diese Meinung bestenfalls mangelhaft (weil grob unvollständig, in dem Fall fehlt das Wörtchen "auch" am Beginn), schlimmstenfalls falsch (weil falsch, wenn in dieser Form für den Äußernden vollständig und abschließend) ist.

Auch wenn das jetzt völlig unzeitgemäß ist: Es gibt Richtig/Wahr und Falsch. Und ich weiß nicht, ob es jemals in der Kirchengeschichte so viel Falsches gab, das tagtäglich aus Theologen- und Bischofsmund gedrungen ist, wie heute... und es scheint von Woche zu Woche mehr zu werden.

Zu dem obigen Pauluszitat gehört, dass das Verkündigte geglaubt, genauer: dass den Verkündigern geglaubt wird. Ich finde es zunehmend schwieriger, den amtlichen Verkündigern irgendetwas zu glauben... Grundprinzip für Paulus ist, dass er nicht seine eigene Meinung als Gottes Wille ausgibt: »vor allem habe ich euch überliefert, was auch ich empfangen habe« (1. Kor 15,3). Paulus achtet stets penibel darauf, was seine Ansichten sind und was von Gott kommt (man lese nur mal ebd. 7,8-16). Heute scheint es beim Blick auf Äußerungen von Bischöfen, etwa beim erwähnten Aachener Bischof, beinahe nur noch "Meinungen" zu geben. Das Empfangene (tradierte), das es weiterzugeben, zu überliefern gilt, taucht nicht mehr auf.
Erschwerend kommt dann noch hinzu, dass jene Meinungen - denen leider nichts "vom Herrn Empfangenes" mehr gegenübergestellt wird -, im Unterschied zum Völkerapostel, meist nicht (im obigen Beispiel freundlicherweise doch) als Meinungen gekennzeichnet sind.

Ich dürste nach Wahrheit. Meinungen interessieren mich in meinem Durst nicht. 
Meinungen füllen die Kabarett-Shows, die politischen Foren und die Stammtische. Gut so, da gehören sie hin. Sie füllen aber nicht die Kirchen. Der Glaube kommt vom Hören, er braucht darum Verkündiger. Meinungen können nun aber per Definition nicht Gegenstand von Verkündigung sein. Sie können Gegenstand von Ansprachen sein, sie können Aufwiegeln und Verdummen, manchmal aufrütteln und anspornen, wenn ich eine ähnliche Meinung vertrete. Aber sie können nicht den Durst nach Leben, Wahrheit, Licht - kurz: nach Gott - stillen.


Es mutet schon etwas grotesk an: Paulus redet vom Hören in überdeutlicher Abhängigkeit zur Verkündigung. Bischof Dieser (und eine exponentiell wachsende Zahl seiner Mitbrüder im bischöflichen Amt in Deutschland und anderswo) verzichtet auf die Verkündigung zugunsten von Meinungen und verlegt sich (der er eigentlich der Verkündigende sein sollte) ganz aufs Hören. Das ist ein kurioser Trend, der schon echt witzig sein könnte, wenn es nicht so bitterernst wäre: Die, deren erste Aufgabe das Verkündigen ist, überbieten sich gegenseitig darin, wer sich am meisten (und am öffentlichkeitswirksamsten) den Menschen gegenüber als "Zuhörer" gerieren kann. Das wird noch grotesker, wenn man bedenkt, dass es eigentlich Aufgabe der Verkündiger ist, auf Gott und sein Wort zu hören, um dann dementsprechend zu lehren...

Da wird der Hirt zum Schaf, oder andersherum draufgeschaut und als logische Konsequenz davon: der Bock zum Gärtner gemacht.


Ich habe seit geraumer Zeit durchaus nicht das Gefühl, von Hirten geleitet zu werden, es ist eher so eine beklemmende Ahnung, von Tagelöhnern alleingelassen zu werden. (Vielleicht ist auch deswegen dieser Blog die letzten Jahre eher inaktiv...)


»Der gute Hirt gibt sein Leben hin für die Schafe. Der bezahlte Knecht aber, der nicht Hirt ist und dem die Schafe nicht gehören, sieht den Wolf kommen, lässt die Schafe im Stich und flieht; und der Wolf reißt sie und zerstreut sie. Er flieht, weil er nur ein bezahlter Knecht ist und ihm an den Schafen nichts liegt. Ich bin der gute Hirt; ich kenne die Meinen und die Meinen kennen mich, wie mich der Vater kennt und ich den Vater kenne; und ich gebe mein Leben hin für die Schafe.« (Joh 10,11b-15)

»Die Aufgabe aber, das geschriebene oder überlieferte Wort Gottes verbindlich zu erklären, ist nur dem lebendigen Lehramt der Kirche anvertraut, dessen Vollmacht im Namen Jesu Christi ausgeübt wird. Das Lehramt ist nicht über dem Wort Gottes, sondern dient ihm, indem es nichts lehrt, als was überliefert ist, weil es das Wort Gottes aus göttlichem Auftrag und mit dem Beistand des Heiligen Geistes voll Ehrfurcht hört, heilig bewahrt und treu auslegt und weil es alles, was es als von Gott geoffenbart zu glauben vorlegt, aus diesem einen Schatz des Glaubens schöpft.« (Vaticanum II, DV 10)  


Dieser Beitrag ist gewissermaßen eine Fortsetzung der Nummer 18 in dieser Serie (Perspektive) von vor 3,5 Jahren.

Mittwoch, 15. Oktober 2014

Geistliche Kommunion

verborgen anwesend
Blogger-Kollege Tarquinius hat einen zum Nachdenken anregenden Beitrag zur Frage der geistlichen Kommunion geschrieben (hier). (Ich war zu faul, die Anregung von Ed Peters selbst in die Tat umzusetzen, also: Danke dafür! ;))

Leider gibt es erstaunlich wenig Literatur zu diesem Thema, und die letzten 50 Jahre hat man offenbar gar nicht mehr darüber nachgedacht (die Gründe sind bekannt). Das ist mir schmerzlich aufgegangen in der Zeit zwischen meiner Bekehrung und meiner Taufe, als mir nunmal ausschließlich die geistliche Kommunion zur Verfügung stand.
Soweit ich das verstanden habe, ist die geistliche Kommunion stets auf die sakramentale hingeordnet, in der Art, wie ein Akt vollkommener Reue in Ermangelung eines Priesters auf den Empfang des Bußsakramentes hingeordnet ist. Heißt: Wenn es keine Möglichkeit zum Sakramentenempfang gibt (sei es aufgrund von äußeren oder inneren Faktoren), man diesen aber in der gleichen Gesinnung der Liebe und mit der gleichen Bereitschaft zur Bekehrung und Hingabe ersehnt, dann wird einem die sakramentale Gnade zuteil. Aber sobald die Möglichkeit des Empfangs sich ergibt, ist diese auch zu nutzen. Dies geschieht dann freilich nicht im Sinne eines "Nachholens" einer Pflichtübung, sondern als Realisierung dessen, was schon zuvor im Hinblick auf den tatsächlichen Empfang gewährt wurde.

Das Konzil von Trient wusste noch die drei Arten des Empfangs der heiligsten Eucharistie wohl zu unterscheiden:
»In bezug auf den Gebrauch aber haben unsere Väter richtig und klug drei Weisen, dieses heilige Sakrament zu empfangen, unterschieden.
Sie lehrten nämlich, daß manche es lediglich sakramental genießen als Sünder [d.h. sie machen sich eben dadurch schuldig!]; andere nur geistlich, nämlich jene, die, jenes vor Augen gestellte himmlische Brot dem Verlangen nach essend, mit lebendigem Glauben, "der durch die Liebe wirkt" (Gal 5,6), seine Frucht und seinen Nutzen verspüren; die dritten aber zugleich sakramental und geistlich; es sind aber diejenigen, die sich zuvor so prüfen und herrichten, daß sie, mit dem Hochzeitsgewande angetan, zu diesem göttlichen Tische hinzutreten (vgl. Mt 22,11f).«
(13. Sitzung, Kapitel 8; DH 1649)

Im Fall der geistlichen Kommunion wegen "Unwürdigkeit" (Paulus) bedeutet dies freilich einen Ansporn zur Bekehrung. Das wirft nun aber tatsächlich die Frage auf, wie das bei vorauszusehender und sogar beabsichtiger Dauerhaftigkeit des Zustandes ausschaut...
Ich nehme mir da die Worte Johannes Pauls II. zu Herzen, der am Ende des Abschnittes, der dieses leidige Thema behandelt, in FC schreibt:
»Die Kirche vertraut fest darauf; daß auch diejenigen, die sich vom Gebot des Herrn entfernt haben und noch in einer solchen Situation leben, von Gott die Gnade der Umkehr und des Heils erhalten können, wenn sie ausdauernd geblieben sind in Gebet, Buße und Liebe.«

Die Hinordnung der geistlichen Kommunion auf die sakramentale hat keine festen zeitlichen Parameter. Insofern spielt es keine Rolle, wie lange ich schmachte. Aber was Tarquinius schreibt stimmt natürlich: Ich kann nicht zugleich wahrhaft nach der Eucharistie verlangen und das Böse, das mich (objektiv!) davon abhält wollen. Eine, wie es der Römische Katechismus nennt, "Abscheu" gegen die Sünde ist eine notwendige Voraussetzung für die Hinwendung zu Gott. Ich kann nicht zugleich in zwei entgegengesetzte Richtungen blicken und nicht zugleich zwei Herren dienen. Die Internationale Theologische Kommission, die ich in meinem letzten Beitrag (hier) diesbezüglich bereits zu Wort kommen ließ, drückt das so aus: 
»Würde [die Kirche] wiederverheiratete Geschiedene zur Eucharistie zulassen, so würde sie diese Ehepartner glauben machen, sie könnten auf der Ebene der Zeichen mit dem kommunizieren, dessen eheliches Geheimnis sie auf der Ebene der Wirklichkeit ablehnen.«

Wir können den Menschen nicht ins Herz schauen. Und wir wissen nicht, was die Zukunft für den Einzelnen bringt. Was wir wissen ist, dass die Kirche der Gnade Gottes keine Grenzen setzen kann und dass der tatsächliche Verlauf dieser Grenzen, von der Hölle mal abgesehen, auch der Kirche letztlich unbekannt ist. Was die Kirche aber tut und was auch zu ihrem Daseinsgrund gehört ist, alles zu tun, um die Menschen sicher in das Vaterhaus zu bringen. Die Schafe ins Trockene, wie man so schön sagt.
Das kann man sich vielleicht in etwa wie bei einer herannahenden Flut vorstellen: Um nicht fortgerissen zu werden, kann es genügen, ein paar Meter den Hügel hinaufzugehen, so genau weiß man das nicht, bevor die Wellen tatsächlich kommen. Sicherer ist es aber, weiter hinaufzusteigen, zu versuchen, die höchste Stelle zu erreichen, solange noch Zeit bleibt.
Es ist die Aufgabe der Kirche den Leuten dieses klarzumachen: Die Gnade Gottes reicht immer weiter als wir denken. Aber wenn wir uns überhaupt nicht nach besten Kräften "nach oben" bewegen, dann dürfen wir uns hinterher nicht beklagen, wenn wir von den Wellen erfasst werden. Dass wir auch dann noch auf Rettung von Oben hoffen dürfen und auch unsere Mitbrüber nicht tatenlos rumstehen, ist urchristlich... sich aber sehenden Auges und trotz Warnungen mitreißen zu lassen, ist einfach nur dumm... und gefährlich!

Die geistliche Kommunion ist immer ein Weg, nie das Ziel. Ein Weg muss aber auch gegangen werden und führt notwendig vom Hier zum Dort und vom Jetzt zum Einst. Wer sich auf den Weg zu Gott begibt mag straucheln, immer wieder hängen bleiben, zurückfallen, ausrutschen, vom Bösen überfallen werden oder auch mal in die Irre gehen. Aber ich wage zu behaupten, dass es für jeden Hoffnung gibt und jeder sich immer und immer wieder auf diesen Weg begeben darf, egal wie klein sein Fortschritt ist. Und: Keiner ist dabei allein.

Dienstag, 16. September 2014

Unwohlsein bei der Kritik

Bin ich der Einzige, dem es so geht? Ein Gedanke.

Wenn geweihte Amtsträger, Bischöfe zumal, sich dem theologisch Gebildeten als theologische Banausen zu erkennen geben, weil sie Aussagen tätigen, für die jeder noch so wohlwollende Prüfer einen Theologistudenten ohne jegliche Bedenken durch die Prüfung rasseln lassen würde, bekomme ich jedesmal durchaus eine Art Unwohlsein, das nur schwer in Worte zu fassen ist.

Ich frage mich dann immer, wenn ich etwa (siehe z.B. hier oder hier) die Äußerungen eines Bischofs zerpflücke - nachdem ich mich eine ganze Weile in Grund und Boden geschämt und geärgert habe, weil er solchen Mist verzapft hat - welches Recht ich eigentlich habe, dies zu tun. Und ich frage nach mehr als Recht: Habe ich die Kompetenz? Steht es mir, einem Laien, einem Studenten, einem winzigen Glied am Leibe Christi, überhaupt zu, hier Kritik an einem rechtmäßig bestellten Nachfolger der Apostel zu üben?
Ich fühle mich nicht wohl dabei, einen geweihten Amtsträger als entweder inkompetent oder, was Gott verhüten möge, als Lügner zu entlarven. (Wobei ich stets nach dem Prinzip lebe, nie Böswilligkeit anzunehmen, wo Dummheit als Erklärung ausreicht.)
Warum fühlt sich das komisch an? Ist es, weil ich Laie bin und er Bischof? Ist es, weil ich von einem Bischof zu viel erwartet habe? Ich weiß aber doch, dass die Wirkung des Weihesakramentes nicht darin besteht, den Intellekt oder gar die Heiligkeit zu erhöhen.
Schon vor einer ganzen Weile fand ich heraus, dass mein Unwohlsein durchaus berechtigt ist. Es finden sich interessante Paralllen, wenn man sich mal die Rechtslage dazu anschaut. Meinungsfreiheit besteht nämlich in der Kirche nicht derart, wie dies im Staat der Fall ist.

Entscheidend ist hier der Canon 212 im Codex Iuris Canonici:
»Can. 212 — § 1. Was die geistlichen Hirten in Stellvertretung Christi als Lehrer des Glaubens erklären oder als Leiter der Kirche bestimmen, haben die Gläubigen im Bewußtsein ihrer eigenen Verantwortung in christlichem Gehorsam zu befolgen.«

Das ist zunächstmal nicht so schlimm, finden sich doch die meisten hier relevanten Entgleisungen der Amtsträger nicht in lehramtlicher Form, sondern in Interviews und Vorträgen. Schwierig wird es, wenn, wie in deutschen Landen nicht selten der Fall, der eigene Hirte sich ganz offiziell in einen eklatanten Widerspruch zur Gesamtkirche setzt.
Aber lesen wir mal weiter:
»§ 2. Den Gläubigen ist es unbenommen, ihre Anliegen, insbesondere die geistlichen, und ihre Wünsche den Hirten der Kirche zu eröffnen.«
Ich habe also, auch als Laie, soetweas wie Meinungsfreiheit gegenüber den Hirten. Ich darf den Hirten meine "Anliegen" "eröffnen". Wohlgemwerkt: Dass hier gebrauchte Verb patefacere bedeutet offenlegen, enthüllen. Es handelt sich nicht um eine Kundgabe oder eine Unterbreitung, und noch weniger um eine Forderung. Der, dem ich meine Anliegen eröffne, ist zu keiner irgendwie gearteten Reaktion verpflichtet. Er könnte sich schweigend abwenden und seinem Tagwerk nachgehen. Als Laie habe ich demnach zunächst noch nicht einmal ein "Recht" darauf, auch nur angehört zu werden. 
Wichtig: In diesem Paragraphen geht es um das Verhältnis des Gläubigen zum Hirten, die Richtung ist daher sehr eng geführt und es findet, wie in einem vertraulichen Gespräch oder einem Brief, keine Auffächerung auf eine "breite Basis" (Dialogprozess?) statt.

»§ 3. Entsprechend ihrem Wissen, ihrer Zuständigkeit und ihrer hervorragenden Stellung haben sie das Recht und bisweilen sogar die Pflicht, ihre Meinung in dem, was das Wohl der Kirche angeht, den geistlichen Hirten mitzuteilen und sie unter Wahrung der Unversehrtheit des Glaubens und der Sitten und der Ehrfurcht gegenüber den Hirten und unter Beachtung des allgemeinen Nutzens und der Würde der Personen den übrigen Gläubigen kundzutun.«
Wichtig ist hier: Dieser Paragraph befasst sich mit zweierlei Verhältnis, nämlich dem der Gläubigen zu den Hirten und zu anderen Gläubigen.
Wir lernen: Das Zur-Geltung-bringen oder Wahrnehmbar-machen eines Anliegens (im Lateinischen: manifestare gegenüber den Hirten und notam facere gegenüber den Gläubigen), besonders gegenüber anderen Gläubigen, im Unterschied zum obigen "Eröffnen", ist an Bedingungen geknüpft. Es kann nicht einfach jeder zu allem seine Wünsche herumposaunen und Gehör verlangen, sondern nur, wie es ihm zukommt. Aufgrund der von Christus eingesetzten ständehierarchischen Verfasstheit der Kirche (vgl. meine Ausführungen dazu hier) ist solch eine Gesetzgebung durchaus sinnvoll. 
Also: Wissen (scientia), Zuständigkeit (kompetentia), Stellung (praestantia) entscheiden darüber, ob sich jemand äußern darf. (Was das für die in deutschen Landen sehr gerne, oft und lauthals zu allen erdenklichen Themen sich zu Wort meldenden kirchensteuerunterfütterten Laienverbände und ihre Wortführer bedeutet, lasse ich hier mal unkommentiert.)

Diese Vorgaben bringen mich in eine gewisse Bredouille: Zwar könnte ich mir, aufgrund meines (noch nicht abgeschlossenen) Studiums, ein bescheidenes Wissen attestieren lassen (wobei freilich nochmal zu unterscheiden wäre zwischen Wissen und Verständnis... Letzteres geht gerade auch unter Theologen mit Ersterem nur erstaunlich selten einher), aber objektiv betrachtet, habe ich weder irgendeine Zuständigkeit, noch irgendeine Stellung, die es rechtfertigen würde, mich, wie hier auf diesem Blog, öffentlich kritisch (und zuweilen auch cum ira et studio) über die fragwürdigen Äußerungen (m)eines Bischofs auszulassen.
Meine festverdrahtete Ehrfurcht vor den Amtsträgern, die bisher auch von theologischen Ofenschüssen nicht gelockert wurde, und die Tatsache, dass ich mich in diesem Blog ja primär an andere Laien wende, kollidieren irgendwie mit c. 212 §3.
Natürlich hat dieses Gesetz hier keinen dogmatischen Rang und die apostolische Sendung auch innerhalb der Kirche gilt letztlich jedem Getauften. Der Canon spricht schließlich auch von der "Pflicht" des einzelnen Gläubigen! Ein gewisses Unwohlsein bleibt. Und die prophetische Gabe einere Caterina von Siena maße ich mir nicht an.

Ich musste mir (leider) schon sehr bald nach meiner Taufe mit einer Entscheidung behelfen: Wenn und insofern(!) der für mich zuständige Hirte ungehorsam gegenüber dem für ihn zuständigen Oberen ist (und - und das muss man heutzutage in Deutschland leider dazusagen - bei einem jeden Bischof ist dies der Papst bzw. die in seinem Namen agierenden Dikasterien der römischen Kurie, nicht die "Bischofskonferenz" oder ihr Vorsitzender!), hat er meinen Gehorsam verwirkt. 
Ich weiß, dass das Glatteis ist, auf das ich mich da begebe. Mein Unwohlsein ist irregulär. Will sagen: Dass ich mich in der Lage finde, manche Äußerungen (m)eines Bischofs nicht guten Gewissens kritiklos stehen lassen zu können, ist eine irreguläre Situation. Dass jemand seinem Bischof den Gehorsam versagen muss, im Gehorsam gegen Gott, Seine (ganze!) Kirche und das eigene Gewissen, ist an sich schon eine zutiefst zu bedauernde Notsituation.
[Natürlich nehmen auch die ZdK, BDKJ und kfd'ler dieser Welt ein ziemlich gleichlautendes Argument in Anspruch. Der Unterschied ist aber doch der, dass ich als Maßstab für meine Beurteilung den KKK und das sonstige Lehramt der Kirche nehme, nicht meine eigene Meinung oder die irgendwelcher "Theologen". (Für Katholiken gibt es nämlich einen objektiven und für jeden feststellbaren gültigen Maßstab: das Lehramt der Kirche - wer das nicht anzuerkennen gewillt ist, hat meiner bescheidenen Meinung nach die falsche Religion.)]


Lange Rede kurz: Ich fühle mich nie recht wohl bei meiner vielfach geübten Kritik.
Und auch auf die Gefahr hin, dass das jetzt pathetisch rüberkommt: Ich übe sie trotzdem, backe meine kleinen Brötchen (mit putzigen kleinen Kreuzchen drauf!), weil ich einen noch so bescheidenen Beitrag leisten will zum Wohl der Kirche. Und weil mir noch etwas anderes nicht nur Unwohlsein, sondern regelrechtes Leiden bereitet: Die absichtliche oder unabsichtliche Verblödung und Verblendung derer, die, mangels besseren Wissens und mit oder ohne eigene Schuld, den "Urhebern" und Multiplikatoren schlechter/falscher Theologie Glauben schenken. 
Liebe Bischöfe, hört auf mit dem Mist! Wie dankbar bin ich da einem Bischof Stefan Oster, dem als Hirte natürlich Wissen, Zuständigkeit und Stellung in umfassender Weise zukommen - und der unermüdlich für die Wahrheit eintritt!