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Dienstag, 8. September 2015

Die Horizontalität der Debatte

Ich beobachte mit Unbehagen eine höchst bedenkliche Horizontalität der meisten Debatten um die kirchliche Lehre auch und gerade innerhalb der Kirche (vgl. dazu meinen Beitrag "Dürftige Theologie - 12 - Horizontalisierung"). 
Wir alle stehen in der Gefahr, uns an vielen Stellen nur noch mit den politischen "Implikationen", vermeintliche hintergründigen "Intentionen" und oberflächlischen "Wirkungen" zu beschäftigen, ohne den wirklichen Sinn etwa eines Jubeljahres der Barmherzigkeit zu erkennen und das eigentliche Ziel allen kirchlichen Tuns zu beachten: Das ewige Heil der Seelen.

Papst Franziskus sagt beispielsweise - so auch vor wenigen Tagen wieder zu den Priestern (hier) -:  "Bitte seid große Vergeber" und er meint damit ausdrücklich das Wirken des Priesters im Beichtstuhl. Es geht hier also nicht um ein billiges "Vergeben" mit dem Slogan "Ist schon gut. Weitermachen!", gar um das Gutheißen irgendwelcher Handlungen, sondern um das Treten vor das ehrfurchtgebietende Antzlitz Gottes, des Arztes unserer Seelen und des Richters über Heil und Unheil, um ihn "mit zerknirschtem Herzen und reumütigem Sinn" um Verzeihung für die von uns begangenen Sünden zu bitten (die pastorale Einführung für die Feier der Buße hält denn auch völlig zu Recht daran fest, den Beichtvater als Arzt und als Richter zu identifizieren).
Nicht wenige Zeitgenossen, auch innerhalb der Kirche, wollen hier aber heraushören, der Papst würde die Schwere der Sünde herunterspielen oder sie gar gutheißen. Ich erlebe solche Deutungen von Franziskus' immer wiederkehrenden Rufen zur Versöhnung sogar unter Theologiestudenten. Dabei ist das Gegenteil wahr.

Das wurde mir kürzlich wieder besonders krass vor Augen geführt, als ein Kommentator auf diesem Blog auf die Erleichterung des Zugangs zum Sakrament der Beichte (zum Zwecke des Erwerbs des Jubiläumsablasses) im Falle der Beteiligung an einer Abtereibung während des außerordentlichen Heiligen Jahres der Barmherzigkeit durch Papst Franziskus, mit der "Deutung" reagierte, der Papst wolle hier "Signale" senden, gar noch solche "gegen militante Lebensschützer". (Man lese hier im Kommentarbereich, gleich der erste Kommentar.)

Aus meiner letzten Antwort auf diese Thesen des Kommentators:
»Es ist sehr bedauerlich, dass deine Perspektive so eisern horizontal ist. Du siehst scheinbar ausschließlich die "politische Botschaft", die der Papst angeblich senden will, übersiehst aber völlig das große Ganze, das eigentlich direkt vor Augen ist (den Wald vor lauter Bäumen...): Dass es bei diesen Äußerungen des Papstes einzig um die Versöhnung der verwundeten Seele mit Gott im Sakrament der Beichte geht.
Es geht somit um nichts weniger als um den wahren Kern des christlichen Glaubens: "Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung." (2Kor 5,19)

Franziskus hat es in seinem Pontifikat immer unermüdlich gepredigt und ist immer, das "Protokoll" brechend, mit gutem Beispiel voran gegangen: Lasst euch versöhnen in der Beichte! Ich erinnere mich noch an die Bilder, wie ihn sein Zeremoniar den Beistuhl zeigt, den er besetzen soll, und Franziskus lässt ihn links liegen, läuft einfach geradeaus weiter, am Kameramann vorbei, auf die andere Seite des Ganges und geht selber erstmal beichten.
Ich habe das Gefühl, als sei dir diese ganze sakramentale Dimension der Versöhnung, die unzweifelhaft im Zentrum der Verkündigung dieses Papstes steht, völlig egal... es geht dir nur um die Politik, um das "Senden" von "Botschaften". Deine Ausführungen könnten 1 zu 1 von irgendeinem Reporter stammen, der überhaupt keinen Bezug zum Glauben der Kirche hat, und der, so völlig "außen" stehend, versucht, die "Signale" zu deuten, die "das Oberhaupt der katholishen Kirche" an die Welt "sendet". Wo er doch in Wahrheit nur die Katholiken(!) zum Empfang des Bußsakramentes ermutigen will.«

Wie konnte es dazu kommen? Wie konnte es dazu kommen, dass Menschen, auch Katholiken, den Ruf zur Versöhnung (der immer ein Weg der Umkehr und der Lebensänderung ist) mit einer Verharmlosung der Schuld oder gar, wie es in den Medien ablesbar ist und wie ich es auch in Gesprächen erlebt habe, einem Freibrief zur Sünde verwechseln? Den Fehlschluss könnte man vielleicht so formulieren: "Wenn es mir vergeben werden kann, dann darf ich es also guten Gewissens tun" (wobei das mit dem Sakrament der Beichte dabei allerdings ausgeblendet wird). Irgendetwas ist ganz gehörig kaputt im moralischen und geistlichen Empfinden auch vieler Katholiken. (Vgl. meinen Beritrag über das moralische "Be-Urteilen".)

Wenn das ewige Heil der Seelen aus dem Blick gerät und nurmehr politische Botschaften und die möglichst vorteilhafte Positionierung innerhalb aktueller gesellschaftlicher Debatten von Belang sind, die nur das (vorgebliche) irdische Glück der Menschen betreffen (das erlebe ich leider auch immer häufiger bei nicht wenigen deutschen Bischöfen); wenn die Warnung vor der Sünde als Diskriminierung und zugleich der Ruf zur Versöhnung (der immer auch eine Warnung vor der Sünde beinhaltet!) als Duldung oder gar Anerkennung von Sünde missverstanden wird; wenn der Ruf "geht zur Beichte!" als ein "ach, regt euch nicht auf, so schlimm ist das doch nicht" aufgefasst wird - dann leben wir ganz sicher nicht in einer Welt, in der sich der Wille Gottes im Handeln der Menschen zeigt. Dann ist diese Welt, und die Akteure in ihr, weit, weit Weg von den Wegen Gottes.
[Kategorien wie "irdisches Glück" und "Zufriedenheit", sind denn auch der Maßstab, nach dem immer mehr Katholiken die Kirche beurteilen und wie nicht wenige Bischöfe sie sehen wollen, weswegen sie dann Marketing-Strategen zu Rate ziehen, die auf der Grundlage entsprechender Zufriedenheitsstudien "Verbesserungen" herbeiführen sollen... Wenn die Kirche zur NGO wird.]

Die traurige Ironie bei alledem ist, dass wir es hier mit exakt der gleichen Situation zutun haben, mit der auch Jesus Christus konfrontiert war (nichts Neues unter der Sonne...): Auch seine ständigen Rufe zu Umkehr und Versöhnung mit Gott wollte die Mehrheit seiner Zuhörer nur in Kategorien "politischer Botschaften" und "Signale" verstehen, weswegen sie ihn, als er diesen gesellschaftlich-politischen Erwartungen nicht gerecht wurde (Israel von der römischen Besatzung zu befreien), loswerden wollten. Der Ruf zur Umkehr war für die Menschen damals so unerträglich wie er es für uns Heutige auch ist. Da tut es gut, solche Rufe nur in gesellschaftspolitischen Kategorien aufzufassen... das ist einfach, weil es dann nur um Meinungen, Standpunkte und  Debatten geht. Mit mir und meiner Lebensweise hat das dann im Grunde nichts zutun, also muss ich da auch nichts ändern, geschweigedenn, zur Beichte gehen. Die Horizontalität schützt vor einer Infragestellung der eigenen Bequemlichkeit. Den wenigen Hirten, die unbeirrt weiter zur Umkehr rufen, der prominenteste unter ihnen ist derzeit Papst Franziskus, wird es am Ende wohl nicht anders ergehen, als es Jesus erging. Wenn dann der Papst, wie zu erwarten ist, nicht die hohen Erwartungen der "Welt" (!) an ihn erfüllt, werden sie ihn medial kreuzigen, wartets nur ab!

Man muss sich nur mal die Berichte über die Synode auch in katholischen Medien ansehen: Es wird dort nicht nach dem Willen Gottes gefragt, sondern nach den Erwartungen der Menschen. Unentwegt begegnen einem Stimmen, die irgendetwas "von der Kirche" fordern, überall werden "Erwartungen an die Synode" formuliert. Immer geht es um ein fast schon störrisches "Ich will!". Nur äußerst selten wagt es jemand, die Frage in den Raum zu werfen "Was will eigentlich Gott?". Denn Gott ist nurnoch der Alibigeber, der uns ja "Freiheit" und ein "Gewissen" gegeben habe und der deswegen alles toll zu finden hat, was wir "frei" und "gewissenhaft" tun wollen. Aber das ist ein Hirngespinst, weil so eine Einstellung in der ganzen Heilsgeschichte kein Vorbild hat: Nie war das, was die Menschen in der Mehrheit wollten identisch mit dem Willen Gottes. Deswegen bedurfte es immer der Rufe zur Umkehr zu Gott, von denen die Bibel voll ist.
Es ist eine grenzenlose Arroganz (war es zu allen Zeiten), dass wir meinen, es nicht mehr nötig zu haben umzukehren - ausgerechnet heute, da wir merken, dass wir noch nie in der Geschichte den Menschen so effizient töten und ausbeuten konnten, wie es heute getan ist, sei es im Krieg oder im Mutterleib. Wir leben wahrlich in einer "Kultur des Todes", und der Ruf danach, die vorfindliche "Lebenswirklichkeit" als Maßstab für die Wahrheit zu nehmen, ist einfach nur ekelerregend zynisch.

Es ist traurig, weil die, die nach "Änderungen in der Kirche" rufen, die ihren Wünschen entsprechen, nichts mehr von Gott erwarten. Sie erwarten alles vom Menschen, vom irdischen Leben, wollen hier alles Glück und alle Freiheit. Der Leser möge es selbst mal testen: Alles, was derzeit öffentlich an "Forderungen" gebracht wird, funktioniert auch ganz ohne Gott. Man kann "Gott" herausnehmen, ohne jedwede inhaltliche Beeinträchtigung. Die ganzen Reformpläne, Aufrufe, Arbeitspapiere und Beschlüsse haben Gott nur noch marginal, als Alibi drin (wenn überhaupt), nie als entscheidenden Faktor, gar als bestimmendes Merkmal, als Ursprung oder als Ziel des Handelns. Ob nun Ungehorsmsaufrufe, Dialogprozesse oder dergleichen mehr, sie alle zeichnen sich durch einen intrinsischen Atheismus aus.
Die wahren "Reformen", zumal die Reformgestalten in der Kirchengeschichte, erkannte man immer an ihrer Heiligkeit und ihrer unbedingten Ausrichtung auf Gott und seine Wahrheit. Immer auch im Dienst am Menschen, ja, aber seiner von Gott geschenkten Berufung gemäß, nicht seinen eigenen Wünschen!

»So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott!« (2Kor 5,20)


Mir scheint der ganze Trubel, als schauten wir in ein dunkles Dickicht, auf bedeutungslose Baumstümpfe, und als seien wir unfähig, nach oben zu blicken und den Wald zu erkennen, das Licht zu sehen und die Verheißung, die an uns erging: "Nun ist das Heil und die Kraft und das Reich unseres Gottes geworden und die Macht seines Christus!" (Offb 12,10)

Mittwoch, 2. September 2015

Beichte bei den Piusbrüdern

Da Papst Franziskus anlässlich des Heiligen Jahres der Barmherzigkeit nicht nur allen befugten Priestern die Lösung der "Fessel der Exkommunikation" und die Lossprechung von der Sünde der Abtreibung gewährt hat (s. hier), sondern auch den Priestern der Priesterbruderschaft Pius' X. die Spendung dieses Sakraments gewährt, sei ein Wort dazu verloren.
Der Punkt, den ich machen will, ist dieser: Oft ist zu hören, bei den Piusbrüdern würden die sakramente "unerlaubt aber gültig" gespendet. Das Stimmt... leider nicht für alle Sakramente. Entgegen anderslautender Meinungen, sind die Beichten bei den Piussen nicht nur unerlaubt, sondern höchst wahrscheinlich auch ungültig.

Der Papst schreibt:
»Bewegt von der Notwendigkeit, dem Wohl dieser Gläubigen zu entsprechen, bestimme ich in der Zwischenzeit in eigener Verfügung, dass diejenigen, die während des Heiligen Jahres der Barmherzigkeit das Sakrament der Versöhnung bei den Priestern der Bruderschaft St. Pius X. empfangen, gültig und erlaubt die Lossprechung von ihren Sünden erlangen.«

Es hat einen Grund, weshalb der CIC 21 Kanones benötigt, um die Voraussetzungen des Beichtvaters zum Beichtehören darzulegen, während für den Pönitenten 5 Kanones ausreichen. Bereits kanon 966 §1 CIC macht es überaus klar: "Zur gültigen Absolution [validam absolutionem] von Sünden ist erforderlich, dass der Spender außer der Weihegewalt die Befugnis besitzt, sie gegenüber den Gläubigen, denen er die Absolution erteilt, auszuüben."

Eine solche Befugnis kann laut c. 969 §1 nur der Ortsordinarius (Ortsbischof, dessen Vertreter oder rechtlich Gleichgestellte, vgl. c. 134 CIC) erteilen. Einen solchen haben die Piusse nicht. Denn sie haben zwar Bischöfe, aber keine Diözesen; sie haben Priester, aber keine Pfarreien (gleichgültig, ob sie selber irgendwelche Strukturen so nennen: es sind keine) - sie haben in der Gegend rumstehende Kirchen und Kapellen, aber nirgendwo eine Ortskirche... und keine Ordinarien (der Wortteil "ordo" impliziert bereits die Rechtmäßigkeit). Das ist der Grund dafür, und das wird in diesem "barmherzigen" Schreiben des Papstes evident, warum der Papst es ihnen überhaupt für dieses eine Jahr zugestehen kann!

Das Bemerkenswerte dabei ist, dass der Papst denen, die bei der Bruderschaft die Sakramente empfangen wollen, nicht ermahnt, dies bei den rechmäßigen (in voller Einheit mit Rom stehenden) Spendern zu tun, sondern er ihnen die Möglichkeit ausdrücklich zugesteht, dies bei den Piusbrüdern zu tun. Das ist nicht weniger als phänomenal, denn es bedeutet faktisch eine liebevolle Anerkennung alles Guten, das die Piusbrüder tun - Franziskus spricht vom "guten Glauben und der guten sakramentalen Praxis dieser Gläubigen" -, und es lässt, zumindest für einen Moment, die moralische und rechtliche Unhaltbarkeit der faktischen Trennung außer acht. Am kirchenpolitischen linken Rand müsste man darüber eigentlich entsetzt sein.


PS. Für alle Hobby-Theologen: Nein, das "supplet ecclesia" trifft hier nicht. Man lese dazu die sehr klaren Ausführungen von Jimmy Akin: hier. In kurz: die Kirche ersetzt nur bei ihren eigenen Leuten etwaige fehlende Leitungsgewalt, nicht bei denen, die nicht in voller Gemeinschaft mit ihr stehen, seien es orthodoxe Priester oder Priester der Piusbruderschaft.

Montag, 10. November 2014

Die Wellen

Es ist wiedermal das selbe Spiel wie schon so oft... irgendetwas passiert im Vatikan, und prompt sprudeln die Verschwörungstheorien nur so vor sich hin. Da wird wiedermal fabuliert, die Wahl des Papstes sei ungültig gewesen und sowieso und überhaupt sei das ja fast schon soetweas wie eine Terrorherrschaft im Vatikan... der "falsche Papst Bergoglio" entledigt sich seiner Widersacher und drückt seine Agenda durch. (Ein Katholik der soetwas ernsthaft behauptet, spricht sich m.E. selbst das Urteil.) *gähn*

Den vielleicht besten und besonnensten Kommentar zur Versetzung von Kardinal Burke findet man beim NCR (unbedingt lesen: hier).
Was mich angeht, ich nehms gelassen (zumal diese Personalie seit Mitte Oktober ja vom Kardinal selbst angekündirgt war). Es gibt wirklich wichtigere Angelegenheiten!

Ich muss gestehen: Mir kam das Auftreten des Kardinals Burke mit Cappa Magna immer schon dezent lächerlich vor. Jedoch bin ich zugleich auch sehr beeindruckt von der Demut und Weisheit dieses Mannes. Am meisten weiß ich wohl zu schätzen, dass er eine leider auch in Vatikankreise zu selten anzutreffende Ehrlichkeit und Authentizität ausstrahlt. Er lebt, was er predigt und er lebt v.a. für die Kirche Gottes. Darum begrüße ich es auch, dass er seine neue Aufgabe in aller Demut annimmt. 
Die neue Stelle bei den Maltesern hat auch einiges für sich (Funfact: die acht Zacken am weißen Kreuz weisen hin auf die 8[+1] Seligpreisungen). Hätte der Papst Burke "kaltstellen" wollen, hätte er gewiss andere Mittel gehabt, als ihm ein Büro ein paar Häuser weiter zuzuweisen... der Sitz der Malteser ist nämlich in Rom!... allzuweit weg ist der angebliche "Gegenspieler des Papstes" also durchaus nicht. Mir ist überdies nicht bekannt, dass mit seiner neuen Stelle etwa ein Schweigegebot, die Aufagabe seiner verbliebenen Pflichten im Vatikan oder die Einstellung aller Kontakte dorthin verbunden wäre. Burke tat seine Pflicht (vor Gott, der Kirche und seinem Gewissen) in der Apostolischen Signatur und er wird sie tun bei den Maltesern.

Es ist wieder das gleiche Debakel wie schon mehrmals... Dieser Rummel und diese Verschwörungstheorien um den Papst schaden der Kirche jedenfalls mehr als diese oder jene vatikanische Personalie. Was soll denn ein Katholik, der sich informieren möchte, dabei mitnehmen, wenn ihm alle Nase lang unterbreitet wird, wie schlimm doch alles ist und dass dieser Papst angeblich die Kirche zugrunde richtet? Selbst wenn: Es wird ihm eh nicht gelingen, denn das haben schon andere und mächtigere Päpste vor ihm versucht und sie sind allesamt gescheitert.
Es ist durchaus bemerkenswert, wie hier wiedermal die "Liberalen" und die "Konservativen" ins selbe Horn stoßen. Man ist sich offenbar einig in der Beurteilung der Lage. Toll!... ?


In der Philothea des hl. Franz von Sales las ich heute diese nette kleine Geschichte (II,13), die mir nicht nur dieser Tage sehr zu passen scheint:
»Der hl. Gregor von Nazianz – er erzählte es selbst in einer Predigt – ging eines Tages am Meeresufer auf und ab; da sah er, wie die Wellen Muscheln, Pflanzen, kleine Austern und ähnliches anschwemmten, was das Meer ausstieß, sozusagen ausspie. Dann kamen andere Wellen und schwemmten einiges davon wieder ins Meer zurück; die Felsen ringsum aber blieben fest und unbeweglich, so sehr auch die Wellen dagegen brandeten. Darüber kam ihm der schöne Gedanke, dass schwache Menschen gleich Muscheln und entwurzelten Pflanzen sich bald zur Traurigkeit, bald zur Freude hinreißen lassen, hin- und hergespült von den Wellen und Wogen des Schicksals; die Mutigen aber bleiben fest und unbeweglich in allen Stürmen. Von diesem Gedanken ausgehend betete er mit David: „Herr, rette mich, denn die Wasser sind bis in meine Seele gedrungen. Herr, rette mich vor den tiefen Wassern. Ich werde auf die hohe See hinausgetrieben, der Sturm hat mich zum Sinken gebracht“ (Ps 69,2; 16,3). – Er war ja damals in schwerer Bedrängnis, weil Maximus sich seinen Bischofssitz widerrechtlich angeeignet hatte.«

Immer mit der Ruhe Leute, alles wird gut. Wachet und betet!

Sonntag, 9. November 2014

Godspeed!

Der Kreuzknappe (klick) verlautet heute, sich aus der Bloggerei zurückzuziehen.

Sehr schade.

Donnerstag, 18. September 2014

Immer mit der Ruhe!

Die Synode steht bevor, und das Klima wird hitzig
Es zeigen sich divergierende Positionen und Einsprüche, Lagerbildung, Schnellschüsse, Emotionen.
Was im medialen Mainstream berichtet wird, kann man in aller Regel ausblenden, denn die haben entweder keine Ahnung oder ihre eigene allzu durchsichtige Agenda.

Wenn nun Kardinal Kasper schmollt, weil ihm einige Kollegen widersprechen, ist es sein Problem, wenn er sich dadurch unglaubhaft macht (bei mir hats bereits gewirkt).
Es werden nunmehr in immer größerem Maßstab Begriffe in Beschlag genommen und instrumentalisiert (jeder, der was gegen Kasper sagt, ist letztlich gegen Barmherzigkeit!), es werden Seilschaften konstruiert und der Papst ist wahlweise ein neuer Garibaldi oder das arme Opfer einer Schlägerbande in Purpur (jeder, der was gegen Kasper sagt, ist letztlich gegen den Papst!).

Dieses ganze Gezänk und die ideologische Lenkung durch die Medien, die bewusste Manipulation und Irreführung ist schmerzlich. Aber sie ist auch unvermeidlich. Das ist nunmal die Art und Weise, wie es zugeht! Oder habt ihr etwa allen Ernstes etwas anderes erwartet?
In der ganzen Kirchengeschichte, an allen Konzilien und um sie herum wurde heftig diskutiert, nicht selten wurde man sogar handgreiflich. Auch während des letzten Konzils wurden in den Medien viele irreführende Meinungen verbreitet und allerlei hirnrissige Maximalforderungen gestellt. Jeder Hanswurst mit einem Stift hat seine Ergüsse zum Besten gegeben. Es werden eben alle Register gezogen. Und niemanden interessiert es, dass in diesem speziellen Fall etwaige Entscheidungen sowieso erst in einem Jahr gefällt werden... Hauptsache, man hat Stimmung und Meinung produziert und kann sein Programm forcieren. Jeder tut es, nicht nur die "Liberalen".

Immer mit der Ruhe! 
Beten! Dass die Synodenväter sich von dem Lärm nicht beeindrucken lassen und es der Heilige Geist ist, der sie leitet.
Die Ehe und die Familie sind in unserer Gesellschaft das bevorzugte Schlachtfeld, auf dem sich der Vater der Lüge so richtig austobt. Betet, dass die Kirche diesem Angriff auf das sacramentum magnum (Eph 5,32) standhalten kann und den Feind zurückdrängt. Die eigentliche Herausforderung ist überhaupt nicht das, was gerade so hitzig diskutiert wird und was uns die Medien als das eigentliche "heiße Eisen", das an der Synode angepackt werden soll, verkaufen. Die eigentliche Herausforderung besteht darin, die Wahrheit und die Schönheit, die Würde und den Wert der Ehe und der Familie zu schützen, zu stärken und wieder neu fruchtbar zu machen.
Dass die Synodenväter, versammelt um Petrus, dies erkennen und betreiben, dafür sollten wir alle beten!

Und die Kirche wird auch nicht untergehen.

Montag, 1. September 2014

Der Geruch der Schafe

Noch immer geistert zuweilen der Gedanke durch die Blogs, die Rede des Papstes Franziskus vom "Geruch der Schafe", den die Hirten annehmen sollen, würde eine Verflachung der Perspektive, eine Einebnung der kirchlichen Hierarchie und eine Betonung des Innerweltlichen meinen (s. etwa hier beim Beiboot Petri).

Seinen Ursprung hat die ganze Aufregung in der Predigt des Papstes in der Chrisammesse 2013. Eigentlich ist das alles Zeitverschwendung, denn bei der Lektüre dieser selben Predigt wird sehr schnell klar, dass der Papst alles andere als eine Einebnung betreibt: Das Thema der Predigt ist die besondere Berufung des Priesters, die gegenwärtigen Gefahren für die priesterliche Identität und seine Aufgabe als Hirte und Mittler (zwischen Gott und Mensch). Der entscheidende Abschnitt liest sich denn auch wiefolgt:
»Wer nicht aus sich herausgeht, wird, statt Mittler zu sein, allmählich ein Zwischenhändler, ein Verwalter. Wir kennen alle den Unterschied: Der Zwischenhändler und der Verwalter „haben bereits ihren Lohn“, und das sie ihre eigene Haut und ihr Herz nicht aufs Spiel setzen, empfangen sie keinen liebevollen Dank, der von Herzen kommt. Genau daher kommt die Unzufriedenheit einiger, die schließlich traurig, traurige Priester, und zu einer Art Antiquitäten- oder Neuheitensammler werden, anstatt Hirten mit dem „Geruch der Schafe“ zu sein – das erbitte ich von euch: Seid Hirten mit dem „Geruch der Schafe“, dass man ihn riecht –, Hirten inmitten ihrer Herde und Menschenfischer. Es ist wahr, dass die so genannte Identitätskrise des Priesters uns alle bedroht und mit einer Kulturkrise einhergeht, doch wenn wir ihre Welle zu durchbrechen verstehen, werden wir im Namen des Herrn in See stechen und die Netze auswerfen können.« (hier nachzulesen)

Worum es dem Papst geht ist also genau das Gegenteil von dem, was ihm vorgeworfen wird... er will den Priester als Hirten und Mittler stärken und rät darum zu mehr Nähe zur Herde. Ich verstehe die ganze Aufregung ehrlich gesagt nicht...
Wer schon einmal mit Schafen und dem Hüten derselben zutun hatte, weiß nur zu gut, was gemeint ist... nach einem Tag mit der Herde hat man i.d.R. deren Geruch durchaus angenommen. Besonders wenn sie ordentlich Wolle tragen, es vielleicht sogar noch feucht ist, und man von Zeit zu Zeit auch mal zupacken muss, geht das mit der Annahme des Geruchs sehr schnell... man gewöhnt sich dran. Aber man sollte darauf achten, welche Klamotten man nimmt, denn der Geruch geht u.U. nie mehr wirklich raus.

Siehe auch hier.

Samstag, 30. August 2014

Llovera-Verschwörung

Seit vor ein paar Tagen bekannt wurde, dass der bisherige Präfekt der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung, Antonio Kardinal Cañizares Llovera, den Vatikan verlässt und den erzbischöflichen Stuhl in Valencia besetzen wird (er ersetzt dort den zugleich nach Madrid berufenen Erzbischof Carlos Osoro Sierra), rumort es auf den Blogs.
Letztlich wird dabei dem Papst unterstellt, er wolle einen unliebsamen "Konservativen" weghaben. So blökt etwa katholisches.info in die Weiten des Netzes (hier) unverhohlen von einer "Absetzung des Präfekten". Der ganze Artikel ist ziemlich ekelhaft.
Hach ist das schön, so eine einfache, klischeehafte, die eigenen Unzufriedenheit bestärkende Antwort zu haben!

Es ist seit mehr als einem Jahr bekannt, dass Kardinal Cañizares Llovera nach Spanien zurückkehren möchte. Diese Tatsache wird nun so umgedeutet, als hätte der Papst ihn bereits kurz nach seiner Wahl absetzen wollen.
Zwar stimmt es, dass zuweilen Leuten ein Wunsch nach Versetzung nahegelegt wird, aber das geschieht in der Regel dann, wenn etwas illegales oder sonstwie problematisches vorgefallen ist; in diesem Fall wäre es aber nur die "liturgische Sensibilität", wie es katholisches.info süffisant nennt, also bloß die Laune des Papstes, die ausschlaggebend ist.
Das ist natürlich furchtbar praktisch für die Verschwörungstheoretiker, aber mir scheint, ihnen ist die Konsequenz ihrer These nicht ganz klar: Wenn das stimmen sollte, dass der Wunsch von Kardinal Cañizares Llovera kein solcher ist, sondern er vom Papst aus einer Laune heraus dazu gezwungen wurde, dann haben wir im Vatikan einen ziemlich verlogenen Haufen vor uns. Dann wäre der Papst seit seiner Wahl ziemlich gezielt auf Menschenjagd gewesen und hätte fast schon augenblicklich Kandidaten für den Rauswurf identifiziert und auch bereits über ihr unabwendliches Schicksal informiert: "Du kannst schonmal deine Koffer packen, jetzt bin ich am Hebel!" (Vgl. hier)

Was bei alledem völlig außer Acht gelassen wird ist, was diese personellen Verschiebungen für Spanien bedeuten. Ist schonmal jemand auf den Gedanken gekommen, dass es der Kirche in Spanien gut tun könnte, so einen fähigen und gütigen Mann an so entscheidender Stelle bei sich zu haben? Die spanische Bischofskonferenz ist nämlich schon seit einer Weile dabei, sich selbst zu erneuern und umzumodeln. Es entgeht den gehässigen Kommentatoren auch die Person des designierten Madrider Erzbischofs Osoro Sierra, der nämlich als "aufgehender Stern" unter den spanischen Bischöfen durchaus "konservativ" gilt, und dessen Berufung nach Madrid dementsprechend von großer Bedeutung ist. Mit Cañizares Llovera in Valencia bekommt die Kirche in Spanien zudem eine wichtige Stütze in der Weltkirche.

Diese Bemühungen, dem Papst eine egozentrische Agenda zu unterstellen der jeder zum Opfer fällt, der ihm nicht in den ihm unterstellten Kram passt, funktioniert natürlich nur mit einer überaus krass selektiven Wahrnehmung. Die einzige wirkliche Information, die aus solchen Beiträgen (etwa dem oben verlinkten auf kathlisches.info) zu entnehmen ist, ist die Geisteshaltung des Autors. Ihn interessiert weder die Kirche in Spanien noch der Mensch Cañizares Llovera (der nun in sein Heimatbistum zurückkehrt), noch der Papst. Ihn interessiert nur sein heiß geliebtes Steckenpferd und die panische Angst, man könnte es ihm wegnehmen oder irgendwie madig machen.
Achja: Es steht dem Papst übrigens frei, die Personalien des Vatikans zu regeln wie es ihm beliebt. Vielleicht sollte man auch einfach mal abwarten, wer Nachfolger von Cañizares Llovera wird.

Was, wenn der Kardinal tatsächlich einfach gern in seinem Heimat zurückkehren und lieber wieder in der Seelsorge tätig sein will? Was, wenn in seiner Person der spanischen Kirche einer ihrer Söhne zurückgegeben und durch ein langes fruchtbares Wirken zum Geschenk wird? Was, wenn der Papst nicht der Buh-Mann ist?

Freitag, 13. Juni 2014

hetzende Hetze

Im Zuge der aktuellen Kritik an den katholischen Jugendverbänden hat sich bekanntlich Carsten Leinhäuser auf seinem Blog vaticarsten gewissermaßen hinter die KjG gestellt und mit dem Begriff des "Moralporno" dagegen stellung bezogen (hier). Kath.net hat darauf regiert (hier) und nun "hetzt" man sich gegenseitig mit dem Vorwurf der "Hetze" auf (hier).

Ich persönlich finde den verlinkten kath.net Artikel unter aller Sau und die darunter zu findenden Kommentare sind einfach abgründig.

Aber auch die position von Carsten Leinhäuser finde ich wenig schlüssig und seine erste Wortmeldung dazu fand ich ziemlich unpassend. Er spricht davon, dass Jugendverbände ja auch mal "übers Ziel hinausschießen" dürften. Nein, lieber Herr Leinhäuser, das dürfen sie in solchen Dingen nicht! Wenn ein katholischer Verband in einem offiziellen Statement (an dem gewiss mehrere wohlbezahlte katholische Menschen arbeiten) Positionen vertritt oder sich zu Eigen macht, die im eklatenten Widerspruch zur katholischen Lehre stehen, dann ist das kein Versehen. Es ist klar, dass die Verantwortlichen die katholische Lehre entweder nicht kennen oder nicht akzeptieren, in beiden Fällen gehören sie von ihren (für die Bildung der katholischen Jugend) verantwortlichen Stellen entfernt. Wie Peter (hier) gezeigt hat, liegt der Fehler im System.

Bemerkenswert finde ich es, wie nun auf einander losgestochen wird. Während Vaticarsten glaubt jede Kritik und jede Wachsamkeit in Bausch und Bogen als Hetze klassifizieren zu müssen, sehen viele kath.net User offenbar wenig Probleme damit, ihm gleich noch allerlei weitergehende Vorwürfe in die Schuhe zu schieben, statt sich mit seiner nicht völlig unberechtigten Kritik zu beschäftigen.

Ich bin gespannt, wie das weitergeht... für mehr Gedankengut dazu habe ich gerade keine Zeit.

Dienstag, 27. Mai 2014

Los-Wochos: Bibel(übersetzungen)

Andreas von Pro Spe Salutis hat (hier) so halbwegs zu Los-Wochos der Bibelübersetzungen aufgefordert. Nundenn...

Es gibt Übersetzungen wie Sand am Meer. Gerade die deutschen Theologen waren seit dem 20. Jahrhundert nicht faul, was das angeht. Leider sind die deutschen Katholiken mit ihrer "Einheitsübersetzung" durchaus gestraft. Sie fällt mir häufiger negativ auf, als dass sie mich positiv erfreut; meistens ist ihre Sprache eher langweilig. Was besonders schade ist, da ich selbst sehr aus der Liturgie, v.a aus der täglichen hl. Messe heraus lebe. Zu viel verwaschen, banalisiert oder auch sinnentstellt... man merkt die Absicht der Übersetzer, Anstoß zu vermeiden, besonders da sehr deutlich, wo v.a. Jesus dies eben gerade nicht tut. Sehr schade.
Andere für mein Empfinden schlechte Übersetzungen (aus verschiedenen Gründen) sind etwa die Schlachter 2000 und die Gute Nachricht.
Ideologisch verballhornte Bearbeitungen schlechter deutscher Übersetzungen, die zuweilen vorgeben, selbst "Übersetzungen" zu sein, gibt es auch: etwa die "Neue-Welt-Übersetzung" der Zeugen Jehovas, die "Volxbibel" des Gründers der Jesus Freaks und die "Bibel in [selbst]gerechter Sprache" der EKD. Letztere besitze ich nur für den Fall, dass ich das Bedürfnis verspühre, mal wieder gepflegt heulen, lachen oder kotzen zu müssen. 
Aber genug der Abgründe.

- Meine erste Bibel war eine Lutherübersetzung (1984) und ich bin bis heute ein großer Fan von ihr. Aus irgendeinem Grund gibt es offenbar nur von der LÜ wirklich solche Ausgaben, die die Bezeichnung "Taschenausgabe" verdienen, und das liegt nicht bloß an den Gideons (die man übrigens immer unterstützen sollte!). Weshalb ich unterwegs meistens die LÜ (sei es komplett, sei es nur NT+Ps; verschiedene Überarbeitungen) dabei habe. Generell verwende ich aber je nach Anlass verschiedene Übersetzungen.
- Die von Andreas in seinem Beitrag breit behandelte Übersetzung der Heiligen Schrift des Alten Bundes von Paul Rießler, aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts, die ich auch hier auf dem Blog schon mindestens zweimal zitiert und explizit benannt habe, verwende ich bevorzugt zur Schriftmeditation, besonders was die lyrischen und prophetischen Texte des AT anbelangt. Es ist eine "kantige", oft altertümlich wirkende und sehr, im positiven Sinne, aufrüttelnde und aus dem Gewohnten herausreißende metrische Übersetzung auf höchstem sprachlichen Niveau. Das schöne Schriftbild (Fraktur), der Satz in Sinnzeilen, der Verzicht auf Spalten und Fußzeilen (Anmerkungen finden sich hinten in den Bänden), sowie das wunderschön gefärbte und texturierte Papier meiner (auch äußerlich sehr schönen) Ausgabe aus den 30er Jahren, tragen zum Lesevergnügen das Ihrige bei.
- Für die Betrachtung des NT bleibe ich meist bei Luther, den ich auch für etwaige längere Lesungen in den großen Horen des Stundengebets nutze. Natürlich ist auch die LÜ nicht perfekt, aber sie ist doch weit von der Alltäglichkeit der EÜ entfernt. Eine wirklich gute katholische Übersetzung des NT ins Deutsche habe ich noch nicht gefunden.
- Für die Psalmen habe ich im Laufe der Jahre einige Übersetzungen "getestet" und bin schließlich beim "Münsterschwarzacher Psalter" gelandet. Zwar ist diese Übersetzung natürlich für das benediktinische Offizium "optimiert", aber auch zur Meditation im Kämmerlein ist sie sehr geeignet. Die Sprache ist gehoben und nicht alltäglich... sie berührt!
- Für einen "jüdischen Blick", v.a. auf die geschichtlichen Bücher des AT, greife ich gerne zur Buber/Rosenzweig Übersetzung des AT, auch der Psalter ist darin sehr ansprechend.
- Für das tägliche theologische Arbeiten mit der Schrift verwende ich bevorzugt die Elberfelder Bibel (2006) - einfach eine gute, ausgewogene, solide Übersetzung! -, obgleich ich natürlich am Ende des Tages, so ich nicht selbst übersetze, im universitären Einerlei leider die Einheitsübersetzung zitieren muss.
- Für die gelegentliche Dosis Derbheit empfiehlt sich die NT-Übersetzung von Berger/Nord. Wer es eher trocken wortwörtlich will, der greife zum Münchener NT.
- Die nichtdeutsche Übersetzung die es mir am meisten angetan hat, ist zweifelsohne die englische New Jerusalem Bible. Die hat nicht nur die Kommentare der französischen Bible de Jérusalem (wie die deutschen Ausgaben, die unter diesem Label firmieren, als Text aber dann doch bloß die EÜ bieten), sondern übernimmt da, wo der Originaltext verschiedene Sinnrichtungen zulässt, auch deren Sinn. Vor allem aber bietet die NJB eine sehr ansprechende Sprache die weit davon entfernt ist, den Text zu banalisieren oder zu verharmlosen. Mit der gelegentlichen inklusiven Sprache der NJB kann ich ganz gut leben. Gegenüber der "Revised Standard Version Catholic Edition", die von den konservativen Kreisen in den USA favorisiert wird, scheint mir die NJB beim laut Lesen klangvoller, während die RSV-CE sicherlich dem originalen Wortlaut näher liegt und also für die theologische Arbeit vorzuziehen ist.
- Andere Übersetzungen die ich rumliegen oder -stehen habe sind auch manchmal lesenswert, manchmal auch einfach nur gerade in Armreichweite (Hamp/Stenzel/Kürzinger, Rösch, Herder, Zürcher Bibel, Allioli/Arndt, NIV, manche Noname-Übersetzungen in verschiedenen europäischen Sprachen).



Zwei Gedanken noch dazu:

Natürlich ist der Gebrauch so vieler unterschiedlicher Übersetzungen ein Handicap, das es z.B. erschwert, sich biblische Texte einzuprägen. Früher kannten die Christen ihre Bibel auch darum sehr viel besser als wir Heutigen, weil sie, auch die Theologen!, in der Regel ihr ganzes Leben lang ein und die selbe Übersetzung gelesen haben und, etwa im Gottesdienst, zu Hören bekamen. Wenn man aber heute an einem einzigen Tag beispielsweise 4 oder 5 verschiedenen Übersetzungen eines bestimmten Psalms begegnet, je nachdem, ob man in der hl. Messe ist (die Vertonungen im Kantorale sind ja auch textlich sehr unterschiedlich), an einer Vorlesung teilnimmt, das Stundengebet verrichtet, am Computer etwas auf einem Blog ließt oder einfach nur so zuhause in einer (von vielen verschiedenen) Bibel ließt... die Texte stimmen nicht überein. Wie soll man da einzelne Verse im Gedächtnis behalten? Es bleibt daher, wenn man Glück hat, meist bei Paraphrasen.

Ich habe v.a. durch das Stundengebet festgestellt, dass eine Übersetzung dann gut ist, wenn sie v.a. im laut gelesenen Vollzug fähig ist, das Gemüt und den Geist anzusprechen und das Gebet zu fördern. Das Vorlesen (auch und gerade sich selbst!), ist überhaupt etwas, was wir Christen wieder lernen sollten. Zumal es für die Menschen der Bibel völlig selbstverständlich war, dass, wenn man ließt, man dies laut tut (vgl. Apg 8,30: "Philippus lief hin und hörte ihn den Propheten Jesaja lesen"). Solch eine Lesung muss auch ein Heraustreten aus dem Alltag ermöglichen (weswegen die Volxbibel so ein Unding ist).
Zu keiner Zeit in der Geschichte wurden die heiligen Schriften in der Alltagssprache verfasst oder übersetzt! Ob nun die Septuaginta, die Vulgata, die slawischen Übersetzungen... sie alle wahrten immer eine gehobene Sprache und jedem war klar, dass beispielsweise niemand wirklich so sprach, wie die Menschen in diesen Texten mit einander sprechen. Es geht bei dieser Nichtalltäglichkeit freilich nicht um die Konstruktion einer Parallelwelt, sondern um das Aufbrechen unserer Perspektive aus der Welt hin zu Gott!
Gerade in der Klagelyrik des AT ist jede Abmilderung der Agonie des Beters fehl am Platz. Gleiches gilt auch für den Lobpreis, der ruhig in seiner ganzen Überschwenglichkeit auftrahlen darf. Die Bibel bietet jede menschliche Erfahrung archetypisch dar und ist doch zugleich erhaben. Das will ich beim Lesen spüren!

Samstag, 24. Mai 2014

Angst um den Zölibat?

Derzeit tauchen immer wieder irgendwelche Verschwörungstheorien auf, die ein Ende des Zölibats befürchten... Das geht so weit, dass mancher meint, die Diskussion um die zivil zweimal Geehelichten sei nur ein Ablenkungsmanöver (s. hier). Ja, Bischof Scherer mag den Zölibat nicht. Ja, ein paar Priestergeliebte* schreiben dem Papst rührige Briefe.

Ich teile diese Sorge nicht.

Und hier ist der Grund: Vom 30. September bis zum 28. Oktober 1990 tagte die achte Ordentliche Generalversammlung der Weltbischofssynode zum Thema "Die Priesterbildung im Kontext der Gegenwart", deren Ergebnisse in dem Nachsynodalen Apostolischen Schreiben "Pastores dabo vobis" vom 25. März 1992 festgehalten sind. Dort ist der Abschnitt 29 dem Zölibat gewidmet, worin zu lesen ist (für die Lesemuffel: das Entscheidende kommt im 3 und 4 Absatz):

»Unter den evangelischen Räten, schreibt das Konzil, "ragt die kostbar göttliche Gnadengabe hervor, die der Vater einigen gibt (vgl. Mt 19,11; 1 Kor 7,7), die Jungfräulichkeit oder der Zölibat, in dem man sich leichter ungeteilten Herzens (vgl. 1 Kor 7,32-34) Gott allein hingibt. Diese vollkommene Enthaltsamkeit um des Himmelreiches willen wurde von der Kirche immer besonders in Ehren gehalten als Zeichen und Antrieb für die Liebe und als eine besondere Quelle geistlicher Fruchtbarkeit in der Welt" (LG 42). In der Jungfräulichkeit und im Zölibat bewahrt die Keuschheit ihren ursprünglichen Sinngehalt: Die menschliche Geschlechtlichkeit wird dabei als authentischer Ausdruck der Ziele und als wertvoller Dienst an interpersonaler Gemeinschaft und Hingabe gelebt. Dieser Sinngehalt ist in der Jungfräulichkeit voll bewahrt; diese verwirklicht gerade auch im Verzicht auf die Ehe die "bräutliche Bedeutung" des Leibes durch eine persönliche Bindung und Hingabe an Jesus Christus und seine Kirche, die die im jenseits zu erwartende vollkommene und endgültige Gemeinschaft und Hingabe ankündigen und vorwegnehmen: "In der Jungfräulichkeit steht der Mensch auch leiblich in der Erwartung der eschatologischen Hochzeit Christi mit der Kirche; er schenkt sich ganz der Kirche und hofft, daß Christus sich der Kirche schenken wird in der vollen Wahrheit des ewigen Lebens" (Familiaris consortio 16). 
In diesem Licht lassen sich die Beweggründe für die Entscheidung leichter verstehen und beurteilen, die die Kirche des Abendlandes vor Jahrhunderten getroffen und an der sie festgehalten hat trotz aller Schwierigkeiten und der Einsprüche, die im Laufe der Zeit dagegen erhoben wurden, nämlich die Priesterweihe nur Männern zu erteilen, die den Beweis erbringen, daß sie von Gott zur Gabe der Keuschheit in der Lebensform der bedingungslosen und dauerhaften Ehelosigkeit berufen sind.
Die Synodenväter haben ihre Gedanken dazu klar und nachdrücklich in einer wichtigen Vorlage zum Ausdruck gebracht, die es verdient, vollständig und wörtlich wiedergegeben zu werden: Während die in den Ostkirchen geltende Disziplin beibehalten wird, erinnert die Synode in der festen Überzeugung, daß die vollkommene Keuschheit im priesterlichen Zölibat ein Charisma ist, die Priester daran, daß die Keuschheit ein unschätzbares Geschenk Gottes für die Kirche und einen prophetischen Wert für die heutige Welt darstellt. Diese Synode billigt und bekräftigt von neuem und mit Nachdruck alles, was die lateinische Kirche und einige östliche Riten fordern, nämlich daß die priesterliche Würde nur solchen Männern übertragen wird, die von Gott das Geschenk der Berufung zur Keuschheit in der Ehelosigkeit empfangen haben (ohne Vorurteil gegen die Tradition einiger orientalischer Kirchen und gegen die Sonderfälle zum Katholizismus konvertierter verheirateter Geistlicher; für diese Fälle sind in der Enzyklika Pauls Vl. über den priesterlichen Zölibat, Nr. 42, Ausnahmen vorgesehen). Die Synode will bei niemandem den geringsten Zweifel an der festen Entschlossenheit der Kirche aufkommen lassen, an dem Gesetz festzuhalten, das den zur Priesterweihe nach dem lateinischen Ritus ausersehenen Kandidaten den frei gewählten ständigen Zölibat auferlegt. Die Synode drängt darauf, daß der Zölibat in seinem vollen biblischen, theologischen und spirituellen Reichtum dargestellt und erläutert wird, nämlich als kostbares Geschenk Gottes an seine Kirche und als Zeichen des Reiches, das nicht von dieser Welt ist, Zeichen der Liebe Gottes zu dieser Welt sowie der ungeteilten Liebe des Priesters zu Gott und zum Volk Gottes, sodaß der Zölibat als positive Bereicherung des Priestertums angesehen werden kann".
Besonders wichtig ist es, daß der Priester die theologische Begründung des kirchlichen Zölibatsgesetzes erfaßt. Als Gesetz drückt es noch vor dem Willen des einzelnen, der durch dessen Verfügbarkeit zum Ausdruck gebracht wird, den Willen der Kirche aus. Aber der Wille der Kirche findet seine letzte Begründung in dem Band, das den Zölibat mit der heiligen Weihe verbindet, die den Priester Jesus Christus, dem Haupt und Bräutigam der Kirche, gleichgestaltet. Die Kirche als Braut Jesu Christi will vom Priester mit der Vollständigkeit und Ausschließlichkeit geliebt werden, mit der Jesus Christus, das Haupt und der Bräutigam, sie geliebt hat. Der priesterliche Zölibat ist also Selbsthingabe in und mit Christus an seine Kirche und Ausdruck des priesterlichen Dienstes an der Kirche in und mit dem Herrn.
Für ein angemessenes geistliches Leben des Priesters darf der Zölibat nicht als ein isoliertes oder rein negatives Element, sondern immer als Aspekt einer positiven, ganz spezifischen und charakteristischen Lebensorientierung angesehen und gelebt werden: Er verläßt Vater und Mutter und folgt Jesus, dem Guten Hirten, in eine apostolische Gemeinschaft, um dem Volk Gottes zu dienen. Der Zölibat muß also als unschätzbares Geschenk Gottes, als "Antrieb der Hirtenliebe" (PO 16) als einzigartige Teilnahme an Gottes Vaterschaft und an der Fruchtbarkeit der Kirche und als Zeugnis vor der Welt für das eschatologische Reich in freier und von Liebe getragener Entscheidung angenommen und unablässig erneuert werden. Um sämtliche moralischen, pastoralen und spirituellen Erfordernisse des priesterlichen Zölibats zu leben, braucht es unbedingt das demütige und vertrauensvolle Gebet, wie uns das Konzil lehrt: "je mehr in der heutigen Welt viele Menschen ein Leben in vollkommener Enthaltsamkeit für unmöglich halten, um so demütiger und beharrlicher werden die Priester und mit ihnen die ganze Kirche die Gabe der Beständigkeit und Treue erflehen, die denen niemals verweigert wird, die um sie bitten. Zugleich werden sie alle übernatürlichen und natürlichen Hilfen anwenden, die jedem zur Verfügung stehen" (ebd.). Auch wird das Gebet, in Verbindung mit den Sakramenten der Kirche und asketischem Eifer, in schwierigen Situationen Hoffnung, bei Verfehlungen Vergebung und dort, wo es gilt, sich neu auf den Weg zu machen, Vertrauen und Mut einflößen.«


Wie üblich, kann man auch hier wieder sehen, dass offensichtlich vielfach, gerade auch in den Ländern, aus denen nun (und immer schon - *gähn*) der Aufschrei kommt, geflissentlich ignoriert wurde, was die Synode wollte. 

Wichtig ist aber für mich v.a. dies: Das ist der mit allem nur möglichen Nachdruck erklärte Wille der Kirche: "Die Kirche als Braut Jesu Christi will vom Priester mit der Vollständigkeit und Ausschließlichkeit geliebt werden, mit der Jesus Christus, das Haupt und der Bräutigam, sie geliebt hat." 
Daran wird sich so bald nichts ändern.



* Ob den "Priestergeliebten" bewusst ist, dass ihre achsotollen Beziehungen auf dem Bruch eines vor Gott und der Kirche feierlich abgelegten Gelöbnisses ruhen? Was erwarten die sich von ihren Wunschmännern für die Zukunft? Plötzliche Treue zu einem anderen vor Gott und der Kirche feierlich abgelegten Gelöbnis?
Davon abgesehen sollte den Damen mal jemand sagen, dass, selbst wenn der Zölibat abgeschafft würde, SIE dennoch niemals "Priesterfrauen" werden könnten... Die Weihe ist nunmal ein Ehehindernis (und zwar auch in der orthodoxen Tradition, die man so gern als Vorbild herbeifabuliert)!

Donnerstag, 27. März 2014

Die Frau in der Kirche

e. hat als neues Thema der heißen Eisen "Das Frauenbild in der Kirche" ausgerufen (hier). In dieser Formulierung ist mir das Thema aber zu oberflächlich, ich taufe es also für mich um: "Die Frau in der Kirche".

Als Mann fühle ich mich da natürlich herzlich inkompetent. Wenn ich eines über Frauen gelernt habe, dann dass ein Mann niemals sinnvoll über sie sprechen kann. Ich habe immer das Gefühl, bestenfalls an der Oberfläche entlangschrammen und anhand des Reibungswiderstandes ihre Beschaffenheit beschreiben zu können. Das halte ich aber für wenig zielführend... Daher beschränke ich mich hier auf die Gedanken anderer, sehr viel klügerer Leute.
Wen die "offizielle" Version interessiert, der kann ja den Brief von Papst Johannes Paul II. lesen, den er 1995 an die Frauen sandte (hier nachzulesen) oder sich das Apostolische Schreiben Mulieres Dignitatem von 1988 (hier) zu Gemüte führen (ich habe viel Gutes von Frauen über diese Schreiben vernommen! JPII war vielleicht auch in dieser Hinsicht begnadet).

Viel interessanter ist es aber, eine Altmeisterin der katholischen Seele ("Die größte Dichterin der Transzendenz") zu Wort kommen zu lassen. [Außerdem kann ich so auch mal wieder (vgl. hier) eine mir unerhört wichtige katholische Autorin etwas ausführlicher zu Wort kommen lassen!]

Vorhang auf für Gertrud von Le Fort.


»Neben dem Träger der religiösen Vaterschaft, dem geistig zeugenden Priestertum des Mannes steht in der Kirche die religiöse Sendung der Frau, ihr Apostolat als mütterliche Sendung. Erst in ihm erfüllt sich der Frau nicht nur im letzten und höchsten Sinne, sondern im eigentlichen Sinne überhaupt das Heilandswort: "Wer ein Kind aufnimmt in meinem Namen, der nimmt mich auf"; das Leben der Kirche als religiöses Leben ist das Leben des werdenden Christus in den Seelen. Wie die Kugelgestalt der Erde als fraktale Form in der Kuppel eines Domes wiederkehrt, so ergreift hier der religiöse Gedanke die Urform, um sie emporzuheben. Wir sahen die erbarmende Liebe der mütterlichen Frau durch die Schutz- und Pflegebedürftigkeit des eigenen Kindes sich zur allgemeinen Mütterlichkeit weiten - wir sehen diese allgemeine Mütterlichkeit in der religiösen Berufung erhöht zum Dienste am werdenden Christus in den Seelen. Dem Strahl aus der Krone der "Mutter der Barmherzigkeit" enspricht ein Strahl aus der Krone der "Mutter der göttlichen Gnade".
Wie die Frau als Mutter nicht durch einen eigenen großen Weiheakt ausgezeichnet wurde, so ist auch ihr Apostolat nicht durch einen solchen ausgezeichnet. Das Apostolat der Frau bildet nur einen Teil des Laienapostolats, dessen Träger jeder Christ ist. Die Mutter erfüllt sich niemals in der Mutter, sondern im Kinde: Auch hier liegt das große Sakrament auf dem Sohn der Mutter, nicht auf der Mutter selbst; aber gerade dadurch berührt sich die Sendung der Frau in der Kirche aufs tiefste mit dem Wesen der Kirche, gerade dadurch stellt sie einen Teil dieses Wesens dar: Die Kirche selbst ist, als Mutter betrachtet, ein mitwirkendes Prinzip - der in ihr wirkende ist Christus.
Hier liegt der tiefste Grund, weshalb die Kirche der Frau niemals das Priestertum anvertrauen konnte - es ist derselbe Grund, welcher den heiligen Paulus bestimmte, die Verschleierung der Frau im Gottesdienst zu fordern. Die Kirche konnte der Frau das Priestertum nicht anvertrauen, denn sie hätte damit die eigentliche Bedeutung der Frau in der Kirche vernichtet - sie hätte einen teil ihres eigenen Wesens vernichtet,  jenen, dessen symbolhafte Darstellung der Frau anvertraut waurde. Die Forderung des heiligen Paulus stellt nicht etwa eine durch zeitliche Verhältnisse bedingte Sitte dar, sondern sie stellt die Forderung der überzeitlichen Kirche an die in ihrer religiösen Bedeutung zeitlose Frau dar!«

(aus: Die zeitlose Frau, 1934)

Mittwoch, 19. März 2014

Der Reichtum der Kirche

Dem Aufruf von e. (mit dem Blog "Ein neues Land", klick) folgend, die mich vor einigen Tagen zu dieser Aktion "angeworben" hat.

Reichtum ist per se nichts Verwerfliches. Verwerflich ist der Reichtum, wenn er im Egoismus entspringt und nur dem Egoisten nützt.

Der materielle Reichtum, der der Kirche alle Nase lang zum Vorwurf gemacht wird, entspringt zum weitaus größten Teil nicht dem Egoismus und er nützt auch nicht den Egoisten. Sondern allen! Die materiellen Güter der Kirche sind v.a. dies: Kult(ur)güter. Es sind Gebäude und Gegenstände, sie oftmals seit vielen Generationen einer Unzahl von Menschen zur Verfügung stehen. Wofür? Zu allererst: Zur Verherrlichung Gottes.
Das trifft auf das Kirchengebäude ebenso zu wie auf die barocke Kasel des Priesters: Alle diese Dinge dienen nicht der Verherrlischung irgendeines Menschen, auch die Gewänder dienen nicht dem Prestige des Priesters. Selbst da, wo dieser Prestige-Grund irgendwann einmal ursächlich gewesen sein mag, ist er dies wohl seit Generationen nicht mehr: Sie dienen dem Gottesdienst indem sie v.a. das Sakrale deutlich vom Profanen abgrenzen und das Wesentliche in den Fokus rücken (vgl. dazu hier).
Das gilt übrigens für so ziemlich jede Religion auf Erden: Selbst in den ärmlichsten Dörfern einer "primitiven" Kultur mit ebensolcher Religion bringen die Bewohner ihre kostbarsten Stoffe und sonstigen handwerklichen Erzeugnisse herbei, um die Stätte ihrer Gottesverehrung zu schmücken. Sie tragen zu den religiösen Festen ihren schönsten Gewänder, ihren schönsten Schmuck... Es ist Teil jeder Religion, für Gott das Wertvollste hinzugeben, um ihn zu verherrlischen.

Diese Gegenstände, wenn wir mal bei altehrwürdigen katholischen Gotteshäusern bleiben, haben zudem oftmals den Status von Kulturgütern erlangt und sind nicht mit Geld (oder Nahrungsmitteln) aufzuwiegende Zeugnisse der Geschichte, der Schaffenskraft und Kreativität der Menschen, sowie unschätzbare "Dinge von Schönheit". Soll etwa Der Vatikan den Petersdom verkaufen, um allen Obdachlosen in Rom für ein paar Jahre eine warme Mahlzeit mehr spendieren zu können? Aber müsste man dann nicht auch von dem, der den Petersdom gekauft hat, verlangen, ihn zu verkaufen und mit dem Erlös etwas "Gutes" zu tun? Wohin würde denn diese Verkaufswelle führen? Müsste man das ganze dann am Ende nicht einfach verbrennen? Was hätten dann die "Armen" davon? (Zumal der Unterhalt viel zu teuer ist: Der Betrieb des Petersdoms, oder auch der Vatikanischen Museen, ist ein riesen Verlustgeschäft, in das die Kirche Jahr für Jahr, trotz der Unmengen an die Kapazität überlastenden zahlenden Touristen!, viele Millionen investiert!) Aber was ist dann mit all den Leuten, die durch die Arbeit an und mit diesen Kulturgütern ihr Brot verdienen? Da sind Künstler, Architekten, Handwerker, Archivare, Historiker, Archäologen... ein nicht gerade kleiner Teil der Tourismusindustrie (samt der Hotels, Einkaufsmöglichkeiten und Restaurants) der Stadt Rom! Nach dieser Logik dürften wir alle auch kein Geld ausgeben, um diese Kulturschätze zu besichtigen... lieber Brot für die Armen kaufen!!!... Aber wer würde diese Kulturschätze dann noch kaufen wollen, wenn er nur Geld hineinsteckt aber nichts rausbekommt? Kauft er sie dann nur für sein Privatvergnügen im Keller? Ist das nicht auch moralisch höchst fragwürdig?... usw. usf.
Denkt man solche Forderungen, was die Kirche alles verkaufen sollte, einmal weiter, stellt man fest, dass es notwendig absurd wird. Und, hey: Nur die Kirche? Hätte nicht der Staat auch ne ganze Menge zu verkaufen? Oder jeder Einzelne von uns? Aber an wen denn? Sollen wir die Zivilisation (zu der doch wohl auch die Errungenschaften von Handwerk, Kunst und Architektur im Lauf der Jahrhunderte zählen) rückgängig machen und wieder in der Steppe leben?
Stattdessen sollte man froh sein, dass die Kirche so große Anstrengungen in Kauf nimmt (und so vielen Leuten Arbeit gibt!), dass uns und den nach uns Kommenden diese Güter, die ja wahrlich Teil unserer Kultur sind!, erhalten bleiben... mit all ihrer Schönheit, ihrer historischen Bedeutung, und vor allem: Ihrem bleibenden Verweis auf etwas, das mehr ist als Stein, Gold, Stoff, Holz, Papier, Glas, Farbe, Musik(!) und was noch...

Davon zu unterscheiden ist freilich das, was die Kirche an Gütern besitzt die weder ihrem religiösen Auftrag zugutekommen, noch von besonderem kulturellem Wert sind. Da gibt es zwar vieles, was an sich dennoch erhaltenswert ist, etwa aus sozialen Gründen (z.B. günstiger Mietraum, wovon ich z.B. als Student auch profitiere!). Aber es gibt sicherlich Vieles, gerade in der katholischen Kirche in Deutschland, das hier niergends einzuordnen ist, darauf kann und sollte die Kirche m.E. getrost verzichten!
Ich finde es z.B. erschütternd, dass meine Diözese laut offiziellen Angaben 20% ihrer Kirchensteuereinnahmen (die knapp 80% ihrer gesamten Einnahmen ausmachen) für "Verwaltung und Finanzen" aufwendet; von den vielen Initiativen (z.B. Diözesanversammlung; s. hier) und kirchlichen Vereinigungen (z.B. BDKJ, s. hier), die ich keineswegs unterstützen möchte und die nachweislich weder den Armen helfen noch der Ausbreitung des Evangeliums förderlich sind, ganz zu schweigen.
Überhaupt weiß ich aus eigener Erfahrung, wie grotesk zuweilen in der Kirche mit Geld umgegangen wird. Da herrscht Vetternwirtschaft, da werden Mehrausgaben aus bloßer Faulheit billigend in Kauf genommen, da werden unnütze oder gar kontraproduktive Ausgaben getätigt sogar gegen den zuvor eingeholten Rat von Leuten, die sich besser auskennen. Irgendwelche ehrenamtlichen Stiftungsräte meinen, sie könnten über handwerkliche oder bauliche Fragen besser urteilen als der Fachmann und wundern sich hinterher, wenn sie aufgrund von fehlerhaften Konstruktionen erneut Ausgaben tätigen müssen. Da werden Unsummen verbrannt! (Und nebenbei werden die ehrenamtlichen Helfer, v.a. wenn sie ihre tatsächliche Fachkompetenz einzubringen versuchen, nervlich aufgerieben...) Solange auf dem Papier alles im Reinen ist, kümmert es niemanden. Das ist auf pfarreilicher Eben nicht anders als auf diözesaner. Wir hamms ja!

Der materielle Reichtum der Kirche ist also zu einem gewaltigen Teil ein Reichtum unserer Kultur als ganzer und kommt dieser zugute. Dieser ist daher des Schutzes und der Förderung bedürftig.
Zugleich ist aber gerade die "Amtskirche" in unserem Land im Vergleich zu anderen Ländern finanziell außerordentlich gut ausgestattet und dadurch an nicht wenigen Stellen menschlich müde und moralisch marode. Eine Bequemlichkeit herrscht, die sich dann in endlosen Strukturdebatten zeigt. Den völligen Bankrott in Sachen des Glaubens und der Moral (vgl. hier) kann man bisher noch gut mit Geld abfedern, die meisten Kirchengebäude und Gemeindezentren können wir noch unterhalten, obwohl die Menge der von der "Sache" überzeugten Nutzer dafür viel zu gering ist. Man wird sehen, wohin das führt. Irgendwann kommt man zur Besinnung (ein wichtiges Stichwort lautet: Entweltlichung), entweder freiwillig oder durch den Aufprall auf dem Boden des Fasses.

Donnerstag, 6. März 2014

Stöckchen: DBK-Vorsitz

Von Peter (hier).


Frage 1: Was muss der neue Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz mitbringen, um seiner Aufgabe gerecht zu werden? (Profil)
 

Er sollte das haben, was jeder Lehrer und Hirte in der Kirche haben sollte: den Mut, für den ganzen katholischen Glauben und die dazugehörige Moral einzetreten; selbst dann, wenn er persönlich irgendwo divergierende "Meinungen" haben sollte.
Er sollte keine Angst haben, irgendwem vor den Kopf zu stoßen, sondern, wie es sich für jemanden gehört, der ein Stellvertreter Christi sein soll: Er sollte ein Mahner wider den Geist dieser Welt sein und durchaus auch mal gesalzene Forderungen stellen. Er soll unbequem sein, ein Fels, an dem die "Welt" Anstoß nimmt.
Er sollte die Zärtlichkeit und Barmherzigkeit gegenüber dem Sünder leben, die auch mit der Christusrepräsentanz einhergeht, aber die Sünde klar zu benennen und zu bekämpfen wissen.
Er sollte die Demut besitzen, sein Amt als Sprecher der Deutschen Bischofskonferenz nicht als "Chefposten" misszuversteht (d.h. er sollte sich nicht über andere Bischöfe aufspielen, sondern seinen Platz kennen - auch gegenüber Rom).


Frage 2: Wo liegen in Ihren Augen die größten Herausforderungen der kommenden Jahre? (Herausforderung)

Neuevangelisierung. Zur Erinnerung: Das bezieht sich auf die lauen und flächendeckend in ihrer eigenen Religion ungebildeten Katholiken! Der Glaube muss gestärkt, die Glaubensbildung (z.B. Katechese) muss wieder zum Leben erweckt und die Moral von Grund auf  neu verkündet und verständlich gemacht werden (s. hier). Jedwede Hinwendung nach "Außen" kann nur erfolgreich sein, wenn das wofür man selber steht, erkennbar (und das heißt: vom Rest unterscheidbar) ist! (Die Antithese dazu lässt sich in der EKD exemplarisch besichtigen.)


Frage 3: Wenn Sie stimmberechtigt wären, wen würden Sie im März wählen? (Kandidat)

So spontan... Gregor Maria Hanke.

Donnerstag, 5. Dezember 2013

Abtreiben um Abtreibungen zu verhindern?

Eugenie stellt eine Frage zitierend in den Raum (hier): 

»"Allerdings muss ich da in der praktischen Ausbildung ein Kind abtreiben. Das soll es in meiner Praxis einmal nicht geben: Ich werde kein Kind abtreiben.
... darf ich EIN Kind umbringen, damit ich die Möglichkeit habe, vielen Kindern in Zukunft das Leben zu retten, indem ich den Müttern Möglichkeiten und Hilfen aufzeige, damit sie ihr Kind annehmen können? Ohne eine Abtreibung durchgeführt zu haben, kann ich kein Frauenarzt werden ..."«

Das Problem, mit dem wir es hier zutun haben, ist im Grunde insofern sehr weitreichend, weil wir hier einen Nerv des Verfalls der Moraltheologie treffen, nämlich die Leugnung von in sich schlechten bzw. bösen Akten. Viele Moraltheologen lehren heute (gegen das Lehramt der Kirche), dass es solche Akte nicht gibt, die in sich, d.h. immer und egal aufgrund welcher Motivation, böse sind.
Die Antwort auf die obigen Frage muss lauten: Nein.

Vielleicht der Deutlichkeit halber noch das eine oder andere päpstliche Wort zu solch einem "Dilemma". 
In Humanae vitae (1968) lesen wir (zwar im kontext der künstlichen Empfängnisregelung geäußert, aber dennoch allgemein gültig): 
»Wenn es auch zuweilen erlaubt ist, das kleinere sittliche Übel zu dulden, um ein größeres zu verhindern oder um etwas sittlich Höherwertiges zu fördern, so ist es dennoch niemals erlaubt - auch aus noch so ernsten Gründen nicht -, Böses zu tun um eines guten Zweckes willen«. (HV 14)

Und in Veritatis splendor (1993) ist zu lesen: 

»Wenn die Akte in sich schlecht sind, können eine gute Absicht oder besondere Umstände ihre Schlechtigkeit zwar abschwächen, aber nicht aufheben: Sie sind "irreparabel" schlechte Handlungen, die an und für sich und in sich nicht auf Gott und auf das Gut der menschlichen Person hinzuordnen sind: »Wer würde es im Hinblick auf die Handlungen, die durch sich selbst Sünden sind (cum iam opera ipsa peccata sunt) - schreibt der hl. Augustinus -, wie Diebstahl, Unzucht, Gotteslästerung, zu behaupten wagen, sie wären, wenn sie aus guten Motiven (causis bonis) vollbracht würden, nicht mehr Sünden oder, eine noch absurdere Schlußfolgerung, sie wären gerechtfertigte Sünden?«.
Darum können die Umstände oder die Absichten niemals einen bereits in sich durch sein Objekt sittenlosen Akt in einen "subjektiv" sittlichen oder als Wahl vertretbaren Akt verwandeln.
Im übrigen ist die Absicht dann gut, wenn sie auf das wahre Gut der Person im Blick auf ihr letztes Ziel gerichtet ist. Die Handlungen aber, die sich aufgrund ihres Objektes nicht auf Gott "hinordnen" lassen und "der menschlichen Person unwürdig" sind, stehen diesem Gut immer und in jedem Fall entgegen. In diesem Sinne bedeutet die Beachtung der Normen, die solche Handlungen verbieten und semper et pro semper, das heißt ausnahmslos, verpflichten, nicht nur keine Beschränkung für die gute Absicht, sondern sie ist geradezu der fundamentale Ausdruck guter Absicht.« (VS 81-82)


Hoffentlich hilfts.

Mir ist übrigens von so einer allgemeinen Regelung für das Studium nichts bekannt, vielleicht liegt es auch einfach am Studienort?

Mittwoch, 2. Oktober 2013

Der Papst und die Medien

Da die konservative Häme über den Papst angesichts seiner sich inzwischen reihenden Interviews gerade am tosen ist, will ich mich wiedermal (die Tage häufiger als sonst...) mit dem Papst befassen und kurz meinen Senf dazugeben.

Ich begrüße es außerordentlich, dass der Papst sich dieses Kanals zur Kommunikation bedient!
Es wird ja auf den Blogs fabuliert, zu Benedikts Zeiten hätte es noch Predigten und Katechesen gegeben, heute gäbe es nur noch Interviews. Wer die Augen aufmacht bemerkt freilich, dass auch Franziskus Woche für Woche Katechesen (z.Z. über das Glaubensbekenntnis) und fast täglich Predigten hält. Die mögen nicht das gleiche theologische Niveau haben wie die jenes größten Theologen unseres Säkulums, den als Papst zu haben wir gewürdigt waren, aber sie sind dennoch gehaltvoll und künden durchweg von Jesus Christus, der Mutter Kirche, von der christlichen Hoffnung und vom Einsatz für das Leben! Was wäre Wichtiger?

Bis ins 19. Jahrhundert bekam der Ottonormalkatholik vom Papst nicht viel mit. Mit dem Aufkommen der Zeitungen gab es vielleicht ein-zweimal im Jahr ein grau-staubiges Bild von ihm zu betrachten, das man sich dann ausschneiden und in die Sakristei oder in den Hergottswinkel hängen konnte. Die Päpste schrieben Enzykliken für die Bischöfe, mit denen sich dann die Theologen beschäftigen konnten. Wenn ein Papst alt wurde, merkte man das gegebenenfalls an jenem halbjährigen Bild in der Zeitung und einige Monate später vernahm man dann, dass der Papst verstorben sei. Seit es das Radio gibt, kam zu den semestrigen Bildchen noch die ein oder andere zweiversige Ansprache ans Ohr des Ottonormalkatholiken und er konnte sich freuen, dass ihm der Papst "frohe Weihnachten" wünschte.

Die Zeit ist heute eine andere. Wir leben in einer globalisierten Welt mit ebenso globaler Kommunikation. Alles ist durchdrungen und umgeben von Kommunikationswegen, alles was Ton und Bild zu leisten vermögen ist in sekundenschnelle und in HD um die ganze Welt verteilt.
Will die Kirche in dieser Welt eine Rolle spielen, muss sie sich ihrer Kommunikationswege bedienen, zumal eine Abschottung ganz einfach nicht möglich wäre. 

Wer ließt denn schon eine Enzyklika? Keine Sau.
Oder wer verfolgt die päpstlichen Gottesdienste und Gebetsveranstaltungen auf Youtube oder (seltener) im TV? Wohl nur ein Teil der Presse und eine fromme Elite.
Um zur breiten Masse der Menschen zu sprechen, sind Interviews das ideale Mittel und Franziskus ein Genie, dass er es zu nutzen weiß: In einem Interview kann gar nicht um den heißen Brei geredet werden, der Interviewer verlangt knackige Antworten und bald ist Redaktionsschluss. Man gibt auch nicht von sich, was man selbst gerade meint sagen zu müssen, sondern wird von einem "normalen Menschen", der idealerweise "am Puls der Zeit" fühlt, konkret gefragt. Das erreicht die Leute, das wollen und auch nur das können sie überhaupt aufnehmen und bedenken, in der Flut der täglich wallenden Informationen. Kurze knackige Antworten auf echte Fragen von echten Menschen. Große Texte, und seien sie auf Knien und nicht bloß am Schreibtisch entstanden, können das nicht leisten, von der sie unvermeidlich beherrschenden innerkirchlichen Sprache ganz zu schweigen.

Und ich finde es auch gut, dass sich die Medien nach wie vor in Euphorie üben und alles unbequeme ausblenden: Wenigstens werfen sie so nicht ständig mit Dreck und verunmöglichen jede Verkündigung. Dass man dem Papst so viele Vorschusslorbeeren schenkt und ihn hochjubelt, ermöglicht es ihm, Gehör zu finden! Oder wäre es uns etwa lieber, die Medien würden wie gehabt andauernd nur über Missbrauch, Untreue und Skandale berichten?

Der Papst (jeder Papst) hat der Welt einiges zu sagen. Benedikt nicht minder als Franziskus. Aber Benedikt ging mit den Medien nicht allzu klug um, wie mir scheint. Das ist keineswegs ein Vorwurf: Er stammte eben noch aus einer anderen Zeit, als die Medien noch nicht diese Omnipräsenz hatten. Jedenfalls schafften es die Medien ständig, alles Wichtige auszublenden und sich auf anstößige Marginalien und etwaige Skandälchen zu konzentrieren. Man dichtete Benedikt eine Besessenheit mit dem Thema Sexualität an, obwohl dieses ganze weite Feld realiter vielleicht in höchstens 2% seiner Äußerungen überhaupt nur irgendwie vorkam. Tatsächlich hat Benedikt das bereits ausgiebig getan, was Franziskus nun ausdrücklich von allen Katholiken fordert (s. hier): nicht ständig über diese ewig gleichen Aufregerthemen zu reden; was freilich die Relevanz und die Wahrheit der krichlichen Position diesbezüglich keineswegs relativiert.

Franziskus nutzt indes jede Gelegenheit, das zu sagen was Not tut und manchmal auch Sachen, die uns Mitteleuropäern vielleicht weniger wichtig/aktuell erscheinen (heimatliches Erbe?). Dass Vieles nicht gehört wird (und zwar von Rechts wie von Links), ist klar. Das ist unvermeidlich: Jeder hört nur, was er hören will. Obwohl Franziskus substantiell de facto nichts anderes sagt als Benedikt, schafft er es, "gefühlsmäßig" viel zu verändern. Dieses "Gefühl" ist weitaus wichtiger, als uns oft klar ist: Es ist der Grund, warum wir so selektiv wahrnehmen, und der Ursprung von Ungehorsamsaufrufen und dergleichen... der "gefühlte" Reformstau verursacht so viel Unbehagen! Wenn der Papst nun also auch nur das Gefühl erzeugen kann, der ebenso gefühlte Reformstau würde nun angegangen oder bereits gebrochen, ist schon viel gewonnen, denn es "ent-spannt" im wahrsten Sinne des Wortes die Stimmung, und gibt so den Blick frei auf das Wesentliche. Das tut der Kirche gut und es ist ohnehin notwednig.

Überhaupt ist Wahrnehmung in einer Welt der Medien viel wirkmächtiger und "relevanter" als Tatsachen: Wenn heute in den Medien kursiert, diese oder jene Bank stünde vor der Pleite, dann rennen Morgen alle hin um ihr Ged zu retten und dann ist Übermorgen diese Bank tatsächlich pleite, völlig egal, ob es ihr vor zwei Tagen noch prächtig ging. Wahrnehmung ist, medial gesehen, alles.  Zugleich fehlt es bei Franziskus aber durchaus nicht am Inhalt, bloß wird der massenmedial meist ohne den nötigen Verstehenskontext und ungeachtet der "Hierarchie der Wahrheiten", wovon der Papst ja auch selbst spricht, verbreitet. Die Chance, dass er dennoch gehört wird und sich Leute auch mal mehr als nur reißerische Überschriften zumuten, ist jedenfalls schonmal gegeben...

Auch die vielen Gesten des Papstes, die großen und die kleinen, sind ungemein wichtig. Actions speak louder than words. Was manchem als Show aufstößt und andere als "revolutionär" feiern, ist in Wirklichkeit etwas viel Banaleres: Es ist Ehrlichkeit und Natürlichkeit (und oft einfach Brauch, siehe die Prostratio am Karfreitag). Die "Medialisierung" ist unvermeidlich (s.o.) und es sollte uns freuen, dass diese Gesten wahrgenommen werden. Bei Benedikt hat man sie nicht wahrgenommen oder wahrnehmen wollen, das ist nicht mehr zu ändern. Aber sollten wir es deswegen missbilligen, wenn die gleichen Gesten und viele weitere nun endlich doch mal (positiv) wahrgenommen werden? Wir sollten uns darüber freuen! Aufklärung ("das macht jeder Priester am Karfrteitag") kann man später immernoch betreiben.

Wir Katholiken sollten uns überhaupt darüber freuen, dass der Papst so große Aufmerksamkeit genießt und diese zudem weitestgehend frei ist von künstlich erzeugter Empörung und Missgunst und nicht verdeckt ist von Kot und Klischees (man ist über alles "erstaunt" und "überrascht" was geschieht!). Natürlich wird auch diese starke Präsenz in den Medien nicht ewig anhalten, aber solange es währt, ist das durchaus zu begrüßen! Franziskus findet Gehör mit dem, was er sagt... vielleicht fragmentarisch und zuweilen ideologieverbrämt willentlich falsch (wenn sich etwa "WisiKi bestätigt fühlt), aber immerhin - pardon - kotzen und keifen sie nicht, wie anno dazumal unter Benedikt! Die Chance besteht also, wie gesagt, dass der Papst wirklich angehört wird. Ansonsten: Lasst doch die Leute jubeln, die ernsthaft glauben, der Papst, der einen australischen Priester exkommuniziert hat, weil dieser für das Frauenpriestertum und die Homo-Ehe votiert, werde demnächst Frauen zu Priesterinnen weihen und homosexuelle Ehen anerkennen. Sollen sie das ruhig glauben, wenn es sie ruhig stellt! Das Erwachen kommt früh genug.

Auf der anderen Seite des Spektrums finden wir die, die meinen, der Papst wäre dem Relativismus verfallen und die Kirche stünde nun wirklich hart am Abgrund, bloß weil der Papst mit etwas anderen Worten die kirchlich gelehrte Pflicht jedes Menschen, auf sein Gewissen zu hören, formuliert hat (zu tun, was er/sie als Gut erkennt!). Diese Leute seien darauf hingewisen, dass sich in diesen Interviews nicht das Lehramt der Kirche ausspricht... es sind bloß Interviews! Die genaue magisteriale Relevanz dieser Kommunikationsform muss wohl noch dezidiert eruiert werden (ein sehr guter Ansatz findet sich hier), aber ich bezweifle, dass es als allzu dramatisch einzustufen ist, wenn der Papst hie und da mal nicht formvollendet unmissverständlich formuliert. Ich kann damit leben. Zumal selbst dann Missverständnisse und auch ideologische Instrumentalisierungen nie ausgeschlossen werden können und im Ernstfall man immernoch einen "Geist" hineininterpretieren wird, mit dessen Hilfe sich (siehe Vat. II) aus allem alles herauslesen lässt, so abstrus es auch sei.

Interviews hat übrigens auch Benedikt XVI. einige gegeben, sei es in Flugzeugen, in Buchform oder mit Reportern im gepflegten Rahmen in Castel Gandolfo, und bei denen waren dann auch des Öfteren, wegen der ganannten unvermeidlichen selektiven Wahrnehmung oder aufgrund willkürlicher Falschinterpretationen gewisser Interessengruppen, nachträgliche Klarstellungen und Zurechtrückungen vonnöten. Das ist halt so... eine Eigenschaft der medialen Welt. Und die Kirche, als das Kuriosum das sie heute faktisch in der säkularen Welt darstellt, ist davon besonders betroffen. Im Grunde galt das aber schon immer: Man nenne mir ein kirchliches Dokument oder einen Akt der Verkündigung in irgendeiner Zeit der Geschichte, bei dem die "Welt" die "Kirche" auf Anhieb richtig verstanden hat. Das sind nunmal allzuoft Gegensätze, Spannungen und Konflikte können da nicht ausbleiben. Und so weit wie dann auchnoch die Welt in die Kirche eindringt (siehe ZdK, das ja trotz gegenteiliger Beteuerungen eine rein politische Veranstaltung zu sein scheint), so weit dringt auch dieser Konflikt in die sichtbaren Grenzen der Kirche ein.


Franziskus ist so katholisch wie jeder Papst. Er kommuniziert aber gezielter und alltagstauglicher nach "draußen" (missionarisch!) als sein Vorgänger, und genau das ist es, was wir heute in dieser "Medienwelt" brauchen, denn da leben die Menschen: im Alltag. Die Menschen leben nicht in der Theologenstube, wie es manche "Konservative" anscheinend glauben, für die jedes pontifikale Räuspern nicht formalistisch und dogmatisch einwandfrei genug sein kann! Sie konzentrieren sich nur auf das Äußerliche, nur auf die Form. Aber genau die Form ist es, die Franziskus radikal geändert hat; nicht der Inhalt!