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Montag, 3. Oktober 2022

Das Fragen nach dem Zölibat

»Ist das heute im Klerus - unverhohlen oder im geheimen - umsichgreifende Verlangen nach der Ehe ein Zeichen des Glaubens, jenes Glaubens, der konkret und ernsthaft, als "Ärgernis" und in "Torheit" das wirkliche Leben an die Hoffnung des Glaubens wagt? Oder ist es ein Symptom der Glaubensschwäche, eines Glaubens, der auf jeden Fall denkt: "Was man hat, das hat man"? Ist es ein Glaube, den man zwar noch als ideologischen Überbau und Zusatz - und das aus Tradition - hinnimmt, der aber ja sich nicht anmaßen darf, das Leben selbst radikal umzubauen und von Grund auf zu revolutionieren, jenes Leben, so wie es auch ohne die Hoffnung des Glaubens sonst geführt wird?«


So fragte Karl Rahner 1967 (Der Zölibat des Weltpriesters im heutigen Gespräch. Ein offener Brief, in: Geist und Leben; wieder abgedruckt in "Knechte Christi"). Ich habe (wie Rahner damals) keinen Grund zu der Annahme, die Infragestellung des Zölibats geschähe aus einem tiefen Glauben heraus. Dort wo sie geschieht, ist der Bankrott des Glaubens und der Glaubenspraxis das stets gleichbleibende Charakteristikum. Später hat Rahner seine Meinung, wie in vielen Bereichen, geändert, aber 1967 war er noch emphatisch und klar: 

»Ich wünsche und erwarte nicht, daß die Kirche für unsere abendländischen Räume ihr "Zölibatsgesetz" ändert [...] ich hoffe, daß die Kirche den heiligen Mut behält, Priestern auch im Weltklerus den Zölibat zuzumuten.«


In den Diskussionen über die immer gleichen Themen "in Kirche" ist es wichtig, die eigene Wahrnehmung zu schulen. Ein wichtiger Punkt ist die Formulierung von Fragen: Wie wird der in Diskussion stehende Gegenstand befragt? Eine schöne Lektion dazu erteilte bereits vor bald 200 Jahren Johann Adam Möhler im Blick auf die auch damals schwelende Diskussion um die Abschaffung des Zölibats der katholischen Kleriker. Möhler (Vom Geist des Zölibats, Paderborn 1992, 76):

»Der allgemeinste und überall wiederkehrende Einwurf gegen den Zölibat der katholischen Priester wird aus ihm als einem Zwangsgebot abgeleitet, das die härteste Beschränkung der persönlichen Freiheit verhänge. Daher wird gewöhnlich die für unauflöslich gehaltene Frage gestellt: Wie kann sich die Kirche berechtigt glauben, so viele Männer, einen ganzen Stand zu zwingen, der Ehe zu entsagen? Göttliche und menschliche Rechte streiten gegen sie. Vor allem leugne ich [d.i. Möhler], daß die Frage die rechte Fassung hat und verlange, daß sie vielmehr in dieser Form aufgeworfen werde: Hat die Kirche das Recht, nur jenen die priesterliche Weihe zu erteilen, deren Geist mit der höchsten religiösen Weihe schon gesalbt ist, in denen sich die reinste und schönste Blüte gottseligen Lebens entfaltet, die ganz und ungeteilt dem Herrn leben, wie der Apostel sich ausdrückt, oder die, wenn wir es in einem Worte mit demselben Apostel bezeichnen wollen, die Gabe der Jungfräulichkeit erhalten haben?«


Die erste Frageform ist für Christen eigentlich unzulässig, weil sie losgelöst von dem gestellt ist, was Christen glauben: Kein Bezug zu Christus, zur Liturgie, zur Hoffnung auf das ewige Leben etc... nichts. Rein soziologisch, psychologisch, weltlich. Und das müsste eigentlich klar sein: Eine Anfrage an eine spezifische christliche Lebensweise ohne Bezug zum christlichen Glauben beantworten zu wollen/sollen, ist Unsinn.

Nein, die Frage ist nur aus dem Glauben zu beantworten, aber dafür muss sie erst einmal anders gestellt werden! Genau auf dieser Linie fragte Rahner (an selber Stelle, 1967): 

»Warum soll die lateinische Kirche nicht bloß jenen ihr Amtspriestertum geben dürfen, die ihr sagen, sie hätten diese Berufung zum Zölibat vernommen? [...] Warum sollte die Kirche also nicht auch in Zukunft Priester gerade aus denen wählen, die sich mit Gottes Gnade trotz ihrer Schwachheit, in der sich Gottes Gnade mächtig erweist, zum Zölibat entschließen und als solche die Weihe empfangen? Die bergende Kraft, aus der heraus der Zölibat gelebt werden kann und muß, und das "Motiv", das für die Kirche selbst für dieses "Gesetz" im Vordergrund steht, müssen nicht identisch sein, obwohl beides nicht getrennt werden darf. Und so meine ich: Die Kirche tut recht daran, wenn sie auch den Zölibat will, damit wir nicht zu Beamten eines rituellen Betriebs degenerieren, sondern durch unser Leben bezeugen, wovon wir reden und was wir kultisch verrichten.«


Die Art und Weise des Fragens offenbart also allzu oft schon, wo der Fragende steht (im Glauben oder außerhalb davon) und was er als Antwort hören möchte. Natürlich kann es sein, dass eine tendenziös klingende Frage auch einfach darauf zurückzuführen ist, dass der Fragende schlicht so uninformiert und unreflektiert in der Sache ist, dass er nicht weiß, wie er danach zu fragen hat. Allerdings haben wir heutzutage (?) das Problem, dass gerade die Uninformierten die lautesten Meinungen zu haben pflegen, also gibt es hier eine großflächige Überschneidung.

Ob die Frage nun bewusst tendenziös ist - also die Absicht des Fragenden offenlegend - oder auf Uninformiertheit beruht, die ernsthaft nach Antworten sucht, in beiden Fällen kann es hilfreich sein, aus der gläubigen Perspektive die Frage neu zu formulieren, denn andernfalls wird der Blick meist unüberwindbar verstellt. Wenn das Gegenüber darauf besteht, die Frage nach dem priesterlichen Zölibat unter Absehung vom christlichen Glauben zu beantworten, würde ich von einem Antwortversuch abraten und im Gegenzug darauf hinweisen, dass die priesterliche Berufung unter solcher Absehung nicht existiert, und sich die Frage darum erübrigt. Wie die Antwort, so muss auch die Frage im christlichen Kontext gestellt werden können, denn - wie so oft - losgelöst davon ist es "Torheit".


PS. In jenem Brief von 1967 formuliert Rahner auch eine herrlich klare, fast vulgäre Absage an den nach wie vor grassierenden, pseudo-wissenschaftlichen Umgang mit der Heiligen Schrift zur Unterfütterung selbst der schrägsten theologischen Ergüsse (Rahner selbst entging weitestgehend dieser Versuchung, weil er die Schrift in späteren Jahren einfach weiträumig ignorierte, sein "Grundkurs des Glaubens" etwa, kommt fast gänzlich ohne die Bibel aus): 

»Ihr jungen Leute ruft heute energisch nach der Schrift. Schön und gut. Es ist wunderbar, daß das Wort der Schrift Euch heute mehr gilt als ein Satz aus einem staubigen Schulbuch der Scholastiker, als die säuerliche Rede eines dürren und menschlich unterernährten Aszeten oder sogar mehr als eine päpstliche Enzyklika. Aber kann ich nicht mehr lesen oder können es manche junge Geistlichen nicht mehr? Im Neuen Testament ist der Verzicht auf die Ehe bezeugt als echte, hohe und heilige Möglichkeit des christlichen Daseins. Gewiß nur für solche, die es fassen können. Aber man muß es auch fassen wollen; es ist nicht für die Eunuchen gesagt, was da steht. Aber schon kommen die dreimal Gescheiten, die das kritische Instrumentarium der modernen Exegese handhaben zu können glauben: "Das ist zeitbedingt!" "Das ist Dualismus!" "Das hat der wirkliche Jesus selber nicht gesagt!" Man ruft nach "Formgeschichte" usf. und möchte die "Rejudaisierung" oder "Hellenisierung" Jesu ausmerzen. Solche Leute nehmen die Schrift nur dann ernst, wenn es ihnen paßt; andernfalls ist ihnen die Schrift wie eine Wachsnase, die sie nach jeder Richtung drehen können. Selbst wenn man einkalkuliert, daß auch in der Schrift in diesem Fall das eigentlich "Gemeinte" unter bestimmten Vorstellungsmodellen, in geschichtlich und soziologisch bedingten Situationen, unter nie ganz reflex verarbeiteten Voraussetzungen ergriffen wird, die nicht mehr einfach die unseren heute sind, - was beweist das gegen die Ehelosigkeit "um des Himmelreiches willen", die die Schrift eben doch "meint"? Selbst wenn ein gewisser "Dualismus" den latenten Hintergrund gebildet hätte, steckt nicht auch in ihm eine Menschheitserfahrung, die nur Oberflächliche billig ganz beiseite schieben? Ist das Gemeinte selbst von diesem "Dualismus" abhängig, weil dieser die Situation war, in der das Gemeinte (von dem ich noch schreiben muß) zuerst deutlich ergriffen werden konnte (aber eben um gehalten werden zu können)? Nein, es bleibt dabei: Die Schrift weiß als Gottes Wort mitten im Menschenwort, daß der Zölibat eine echte Möglichkeit des christlichen Daseinsvollzugs ist.«

Freitag, 6. Mai 2022

Das Neue Testament gegen das Neue Testament

In Diskussionen mit „liberalen“ Theologen und theologisch (halb)gebildeten Gläubigen kommt irgendwann der Punkt, an dem von diesen einzelne neutestamentliche Schriften/Autoren gegen andere neutestamentlische Schriften/Autoren in Stellung gebracht werden.

Beispiel Priestertum: Bei Paulus (und in der Apostelgeschichte) finden wir reichhaltige Zeugnisse über die Organisation der ersten christenlichen Gemeinden, aus denen klar hervorgeht, dass es hierarchisch (d.h. von den Aposteln ausgehend) übertragene autoritative Ämter der Leitung und der Lehre gab (siehe meinen längeren Beitrag dazu HIER). In Erwiderung darauf ist dann etwa zu hören: „Ja, aber das ist ja Paulus. Jesus hat das nicht so angerodnet/gewollt. Das widerspricht der Botschaft Jesu, für den ‚alle gleich‘ waren.“ Insbesondere Paulus ist in solchen Diskussionen regelmäßig der große Verfälscher der wahren Botschaft Jesu.


Wenn wir einmal jene Kleinigkeit beiseite lassen, dass auch mindestens ein Evangelist uns von solchen Ämtern berichtet, nämlich der Autor der Apostelgeschichte, aus dessen Feder auch das dritte Evangelium stammt, dann offenbart so eine Haltung doch etwas Grundfalsches: Hier wird offenkundig nach eigenem Gutdünken ausgewählt, welche Schriften des Wortes Gottes authentisch sind, und welche angeblich bereits Jesu „wahre Intention“ verfälschen. Stichwort: Frühkatholizismus. Solches Auswählen nennt man im Griechischen αἱρέομαι – haireomai: ich wähle aus. Davon kommt unser modernes Wort „Häresie“, und es ist schon seit den ersten christlichen Jahrhunderten ein guter Indikator häretischer Gruppen, dass sie Teile der Heiligen Schrift ablehnen (z.B. Markionismus).

Eine Verfälschung von Jesu Botschaft etwa durch den Apostel Paulus zu behaupten ist aber auch aus historischer Sicht wenig sinnvoll. Bekanntlich ging die Verkündigung des Paulus der Abfassung der (meisten) Evangelien um einige Jahre, wenn nicht Jahrzehnte voraus, und ihre Abfasser stammten womöglich aus von Paulus gegründeten Gemeinden, waren eng mit Paulus verbandelt (etwa als Reisegefährten) oder wussten zumindest von ihm und seiner Tätigkeit; in jedem Fall bestand ihre Zielgruppe, für die sie ihre Evangelien schrieben, zumindest teilweise auch aus den von eben jenem Paulus gegründeten (und mit Lehr- und Leitungsämtern versehenen) Gemeinden. Dass nun die Autoren der Evangelien die faktischen Zustände in den Gemeinden – aus denen sie selbst stammten, die sie mitbegründet oder für die sie ihre Evangelien geschrieben haben –, inklusive der von den Aposteln eingesetzten Ämter, nicht in die Evangelien hineingetragen haben, indem sie diese Gemeindeordnungen gar in den Mund Jesu legten (etwa: „Jesus sprach: Es wird Bischöfe und Presbyter und Diakone geben in euren Gemeinden, die euch leiten und lehren...“), spricht zunächst einmal für die Authentizität der Evangelien, die nicht für eine bestimmte Gemeinde oder für die Belehrung anlässlich einer bestimmten Situation in einer solchen geschrieben wurden, sondern etwas Größeres, Allgemeingültiges vermitteln wollten.

Aber es spricht durchaus auch für die Gewissheit der Evangelisten wie auch der Gemeinden, Jesu Auftrag treu zu sein: Sie wussten, dass Jesus diese Ämter, die sie haben, nicht im Einzelnen festgelegt hat, aber sie wussten auch, dass sie dennoch Jesu Willen treu sind. Darum brauchten sie diese konkreten Strukturen, die sie sich – so sind sie überzeugt – unter dem Beistand des Heiligen Geistes zugelegt haben (mit der Einsetzung solcher Amtspersonen ging stets Gebet und Fasten einher!), nicht Jesus unterzuschieben, um sie zu legitimieren. Es ist schließlich auch interessant, dass kein Autor einer neutestamentlichen Schrift irgendwelche Widerworte oder auch bloß Kritik gegen diese weit verbreitete – „sie setzten in jeder Gemeinde Älteste ein“ (Apg 14,23; vgl. Tit 1,5) – Ämter(struktur) äußert. Es gibt Konflikte um diese Ämter, sicher, aber genau deshalb wissen wir, dass die Apostel auf rechtmäßig (d.h. von ihnen direkt oder über Mitarbeiter) eingesetzten Ämtern bestanden haben (siehe meinen verlinkten Beitrag dazu). Das „königliche Priestertum“ aller Christen wird im NT zudem ausnahmslos ganz ohne irgendwelche Hinweise auf Leitung, Macht und „Partizipation“ erörtert (ebenso).

Schließlich, machen wir uns nichts vor: Hätten die Evangelisten in ihren Evangelien irgendetwas geschrieben, was für die konkrete Ämterstruktur in den christlichen Gemeinden relevant ist, wären die Theologen sofort zur Stelle, diese Passagen als nachträgliche Einfügungen zur Rechtfertigung des bereits (von Paulus?) verfälschten Evangeliums zu identifizieren. Oh, halt, das tun sie ja schon längst: Dass Jesus seine(!) Kirche(!) auf dem Felsenfundament (Petrus) gründen wollte, darf natürlich nicht sein... Die Argumentation solcher Theologie ist auch aus diesem Grund nicht wissenschaftlich, denn sie ist im Endeffekt nicht falsifizierbar: Es lässt sich immer ein „theologisches“ Argument herbeibringen, das die getätigte Behauptung „stützt“, nichts anderes ist ja letztlich die Behauptung, Paulus habe das „wahre Evangelium Jesu“ verfälscht. Und so dreht sich das „häretische“ (nach dem eigenen Gusto auswählende) Karussell weiter…


Eine Abwandlung dieses Vorgehens ist diese so oder so ähnlich oft zu hörende Stammtischfloskel: „So sicher/klar/eindeutig ist das mit [hier beliebiges, von der Kirche längst entschiedenes Thema einsetzen] gar nicht, man kann auch ganz anderer Ansicht sein, schließlich haben wir ja auch vier Evangelien, die sich oft deutlich unterscheiden oder sogar widersprechen!“

Hier wird die Tatsache, dass wir im Neuen Testament VIER Evangelien haben als Argument gegen die Existenz EINER (verbindlichen) Wahrheit oder Moral herangezogen. Das ist natürlich auch Unsinn, denn zwar stimmt es, dass wir vier Evangelien haben, die uns also vier Perspektiven auf Jesus ermöglichen. Aber es stimmt nun mal auch, dass sich diese vier Evangelien in allem Wesentlichen nicht widersprechen: Sie alle berichten über die Menschwerdung Gottes, über Jesu Tod und seine Auferstehung zu unserer Erlösung. „Widersprüche“ gibt es nur hinsichtlich der Orte oder Reihenfolge bestimmter Ereignisse, oder auch über manche Details (wie viele Engel waren in Jesu Grab? hat nur einer der mitgekreuzigten Schächer gegen Jesus gelästert, oder beide? ist Judas gestürzt, oder hat er sich erhängt?).

Bei diesem „Argument“ geht es meist noch nicht einmal um konkrete Fragestellungen, nach dem Schema: Weil Jesus nicht in jedem Evangelium Ehescheidung und Wiederheirat in gleicher Weise verbietet (nämlich nicht bei Johannes), ließe sich schlussfolgern, dass Ehescheidung und Wiederheirat also auch durchaus O.K. sein können. So „inhaltlich“ wird das „Argument“ nur äußerst selten gebraucht, denn das setzt eine gewisse Kenntnis der gegeneinander in Stellung gebrachten Schriften voraus. Sondern i.d.R. wird das schnöde Faktum der Mehrzahl der Evangelien – es geht also nur um die Quantität der Bücher, nicht um die Qualität ihres Zeugnisses – als Rechtfertigung der Legitimität einer Vielzahl von „Deutungen“ behauptet – wiederum rein quantitativ betrachten, nicht qualitativ im Hinblick auf deren Authentizität, Richtigkeit oder gar innere Kohärenz: Es gibt mehr als ein Evangelium, also darf es auch mehr als eine Vorstellung darüber geben, wer Jesus war, was er wollte etc. Es spielt dann auch keine Rolle, wenn sich diese Vorstellungen völlig widersprechen und mit allen vier Evangelien nicht in Einklang zu bringen sind. Dass die Evangelien in ihrer Darstellung dieses Jesus und seiner Verkündigung widerspruchsfrei sind und ein einmütiges Zeugnis abgeben, ist unerheblich, und es lässt sich in so einer Unterhaltung auch nicht mal eben beweisen. Die Behauptung ist schnell gemacht, ihre Widerlegung wäre zu aufwendig...


Übrigens war das Ausspielen oder Überbetonen einzelner biblischer Schriften gegen andere auch das normale Vorgehen frühchristlicher Häresien gewesen: Die Ebioniten akzeptierten nur das Matthäusevangelium, Marcion nur Lukas (mit vielen Auslassungen), manch andere Gnostiker nur Markus und die Valentinianer beharrten einzig auf Johannes. Gerade Marcion war es, der insbesondere den Apostel Paulus über alle anderen Apostel stellte und ihn sogar regelrecht als den einzigen Apostel betrachtete (alle anderen Apostel, so lehren manche Marcioniten, seien verdammt, denn nur Paulus habe die christliche Taufe empfangen).

 

Die christliche Vorgehensweise besteht natürlich seit ältesten Zeiten darin, nicht ein biblisches Zeugnis gegen das andere auszuspielen, sondern das Ganze als authentisches Wort Gottes anzuerkennen. So kann es dann beispielsweise zugleich eine priesterliche Würde aller Getauften, und ein besonderes Priestertum des Dienstes geben, ohne, dass ein Widerspruch bestünde. Unterschiedliche Perspektiven auf das eine und selbe Geheimnis des Glaubens sind dann alle wertvoll, solange sie an der „gesunden Lehre“ festhalten und nicht jeder „nach eigenen Begierden Lehrer sucht, um sich die Ohren zu kitzeln“ (2Tim 4,3). Die vier Evangelien haben je eigene Akzente und Perspektiven, aber sie alle geben Zeugnis von der einen Wahrheit, die Jesus Christus ist. Und Paulus (und Petrus und Jakobus und Judas und Johannes...) ebenso.

Mittwoch, 4. Mai 2022

Das christliche Priestertum ist biblisch

Der Exeget Martin Ebner hat vor ein paar Tagen ein Interview gegeben (hier), in dem er behauptet, das Neue Testament kenne kein christliches Priestertum. Wem das bekannt vorkommt: Das gleiche hat er vor zwei Monaten schonmal öffentlichkeitswirksam behauptet (hier), siehe auch seine beiden Beiträge auf feinschwarz.net hier und hier. Natürlich hat beide Male katholisch.de die Story aufgegriffen, denn was könnte "katholischer" sein, als in schöner Regelmäßigkeit das katholische Priestertum öffentlich als evangeliumswidrig hinzustellen… Diese Taktik fördert ganz bestimmt Berufungen zum Priestertum und die allgemeine Festigkeit im Glauben!

Wie für seine Profession üblich, arbeitet Ebner mit einem geschickten Mix aus wahren Aussagen, Halbwahrheiten, Andeutungen, Falschbehauptungen und Auslassungen.

 

Ebner: „Erst ab dem 3. Jh. n. Chr. gibt es Priester in christlichen Gemeinden.“

Ja und nein. Es ist richtig, dass zu Anfang die Bezeichnung „Priester“ (gr. ἱερεύς, hiereus) keine nennenswerte Rolle spielte, das hängt aber v.a. mit dem reichhaltigen Vorhandensein heidnischer „Priester“ zusammen. Wie bei vielen anderen Dingen auch, konnten sich die Christen erst nach und nach bestimmte Begriffe oder Symbole aneignen (z.B. das Symbol des Kreuzes), sei es, dass sie sich vorher erst vergewissern mussten, sei es, dass Missverständnisse (z.B. Vergleiche mit heidnischen Kulten) vermieden werden mussten. Es ist nicht weiter verwunderlich, dass die Christen Zeit brauchten, um ihre eigene (Symbol-)Sprache zu finden für das, was sie glauben und leben.

Was Ebner nicht sieht oder sehen will (oder seinen Lesern absichtlich verschweigt), ist, dass zwar der Begriff des „Priesters“ (gr. hiereus) in den ersten zwei Jahrhunderten der Kirche unüblich war und etwa im NT nicht für die Verantwortungsträger in den christlichen Gemeinden auftaucht, aber die Sache selbst gab es durchaus und von Anfang an (s.u.).

 

Ebner fährt fort: „Für christliche Gemeinden sind Priester nicht vorgesehen. Und zwar nicht deshalb, weil es keine gegeben hätte. Nach Apg 6,7 sind auch viele Tempelpriester christusgläubig geworden. Aber sie haben keine Funktion in den Gemeinden. Und zwar aus prinzipiellen Gründen. Denn verschiedene Schriften des Neuen Testaments entwickeln eine Gemeindetheologie, die alles, was zur Zeit Jesu streng an die priesterlichen Opferriten im Tempel gebunden war, in die Hände der Getauften legt.“

Ja und nein. Es stimmt: Für Priester des Alten Bundes(!) gab es keine rituelle Funktion in den christlichen Gemeinden. Aber weiß Ebner nicht, dass es einen Unterschied gibt zwischen der rituellen Feier des Alten Bundes und der des Neuen Bundes? Die Sensation von Ebners Festsellung hält sich in Grenzen, wenn man nur etwa an Jesu Rede vom neuen Wein in neuen Schläuchen denkt: Es hat sich eben etwas geändert. Ein Priester in Israel ist etwas anderes, als ein Priester im Christentum, so wie ein Priester in einem heidnischen Kult nochmal etwas anderes ist. Vielleicht um genau dieses Missverständnis zu vermeiden, dem Ebner hier seine Leser mutwillig unterwirft, haben die Christen zu Anfang den Begriff „Priester“ (gr. hiereus) für ihre Amtsträger vermieden.

Dass das christliche Priestertum etwas ganz anderes ist, als was vorher oder im Umfeld des Christentums existierte, verdeutlicht schon die simplen Tatsache, dass es nur im Christentum das Sakrament der Priesterweihe gibt. Die christlichen Sakramente haben Vorbilder im Alten Bund (Beschneidung – Taufe, Paschalamm – Eucharistie, Salbung von Priester und Hohepriester – Weihesakrament, Reinigungsbad – Beichte), weswegen etwa Thomas von Aquin und andere Gelehrte durchaus von echten Sakramenten des Alten Bundes sprechen. Thomas sprach der Beschneidung sogar sündenvergebende Kraft zu (bezogen auf die Erbsünde). Ich vermute, dass Ebner Sakramente generell ablehnt, jedenfalls wäre das die logische Konsequenz seiner Position.

Ebners Feststellung darüber, dass „Opferriten im Tempel“ „in die Hände der Getauften“ gelegt wurden ist derweil richtiger Unsinn, denn die Christen haben mit den Opferriten im Tempel einfach nichts zu tun! Die ersten Christen gingen natürlich in den Tempel, schließlich war es nach wie vor Haus Gottes, in dem Gottes Wort verkündet wurde. In Ermangelung eines Neuen Testaments, waren die heiligen Schriften der Juden auch die einzigen heiligen Schriften der ersten Christen, darum konnten sie sich sozusagen für den „Wortgottesdienst“ im Tempel aufhalten (und um zu missionieren). Aber an den Opfern beteiligten sie sich eben gerade nicht, denn sie hatten ihr eigenes Opfermahl zu Feiern, das ihnen Jesus selbst aufgetragen hat. Und das taten sie nicht im Tempel, sondern in ihren Häusern: „Tag für Tag verharrten sie einmütig im Tempel [...] brachen in ihren Häusern das Brot“ (Apg 2,46). (Man beachte auch: sie brachen täglich das Brot, die Eucharistie ist also nicht nur etwas für die Sonntage; und, anders als das Pessach der Juden, ist das Neue, was der Herr den seinen zu seinem Gedächtnis auftrug, erst recht nicht nur einmal jährlich zu feiern.)

Nein, was „an die priesterlichen Opferriten im Tempel gebunden war“ wurde nicht „in die Hände der Getauften“ gelegt, sondern es betraf die Getauften schlicht nicht!

 

Ebner: „Wer der Eucharistiefeier vorstehen soll, wird im Neuen Testament nirgends problematisiert.“

Ja und nein. Richtig ist, dass diese spezielle Frage nach dem Vorsteher der Eucharistie in den uns überlieferten Texten nicht explizit behandelt wird. Aber damit führt Ebner seine Leser in die Irre: Er greift dieses spezielle Thema heraus, weil er weiß, dass die Ämterfrage zwar zugespitzt auf diese eine spezifische Aufgabe des Vorstehers bei der Eucharistie nicht ausdrücklich behandelt wird, aber die Ämterfrage generell wird sehr wohl gestellt, und es geht dabei um mehr als nur die (zeitweise) Übernahme von Funktionen.

Ich finde es faszinierend, dass Ebner behauptet, es gäbe kein christliches Priestertum, er aber die wesentlichste Aufgabe, die das von ihm Verneinte seit 2000 Jahren erfüllt, nicht über diese Wegwerfformel hinaus thematisiert. Er wischt es beiseite mit „das wurde nicht problematisiert“… Also: Die Eucharistie. Die Tradition sieht genau dort den Ursprung des Priestertums. Jesus sagt schwer betroffen: „Mit großer Sehnsucht habe ich danach verlangt, vor meinem Leiden dieses Paschamahl mit euch zu essen. […] Tut dies zu meinem Gedächtnis!“ (Lk 22,15.19) Die Kirche hat Jesus beim Wort genommen: Seine Sehnsucht war es, mit diesem auserwählten Kreis von Leuten, seinen Aposteln, dieses besondere Mahl zu halten. Nicht mit den 72 „anderen Jüngern“ (Lk 10,1); nicht mit den zahlreichen „Frauen in seiner Nachfolge“ (Lk 23,55; Mk 15,41), die ihn begleiteten, beherbergten und unterstützten; nicht mit den 5000, die er in Galiläa gespeist hat (Mt 14,21); nicht mit den „Mühseligen und Beladenen“ von der Straße (Mt 11,28). Sondern hier an diesem Punkt wollte er nur mit seinen Aposteln zusammen sein, und nur diesen zwölf offenbart er etwa unverschämtes, nämlich seinen Leib und sein Blut in Brots- und Weingestalt. Und er erteilt ihnen(!) den klaren Auftrag, diesen Kult zu vollziehen zu seinem Gedächtnis. Der Vorsitz bei der Eucharistie ist darum zugleich der höchste Ausdruck von Leitung und Autorität in der christlichen Gemeinde, denn durch diese Feier wird sie konstituiert.

Ebner kann das christliche Priestertum nur für nicht existent erklären, indem er es am alttestamentlichen Priestertum misst, das natürlich mit dem Neuen Bund in Jesu Blut hinfällig geworden ist. Das Eigene des neutestamentlichen Bundesschlusses (und das faktische Leben in den christlichen Gemeinden) muss Ebner für seine Argumentation ausklammern, im Grunde redet er also am Thema vorbei.

 

Tatsächlich finden wir auch im Neuen Testament eine Fülle von Diensten (Ämtern), die nicht allen, sondern eben nur bestimmten Gemeindegliedern zukommen bzw. übertragen werden. Ausdrücklich heißt es, Jesus(!) „setzte die einen als Apostel ein, andere als Propheten, andere als Evangelisten, andere als Hirten und Lehrer“ (Eph 4,11). Eigentlich simpel: „Es gibt verschiedene Dienste“, sagt Paulus, wie es auch „verschiedene Gnadengaben“ und „verschiedene Kräfte“ gibt (1Kor 12,4-6). Aber es gibt nur einen Gott und Herrn, Jesus Christus!

Wir haben sogar einen recht genauen Bericht davon, wie neue Ämter für den Dienst an der christlichen Gemeinde eingerichtet wurden: In Kapitel 6 der Apostelgeschichte wird das Amt der Diakone geschaffen, die sich „dem Dienst an den Tischen widmen“ sollen: „Männer von gutem Ruf und voll Geist und Weisheit“ (Apg 6,2-3). Wir sehen dabei auch, dass solche Ämter rituell übertragen wurden: „Sie ließen sie vor die Apostel hintreten und diese legten ihnen unter Gebet die Hände auf.“ (V. 6) Ähnlich mit den „Ältesten“: Paulus und Barnabas „setzten für sie [= die neu gewonnenen Jünger] in jeder Gemeinde Älteste ein und empfahlen sie unter Gebet und Fasten dem Herrn“ (Apg 14,23). An anderer Stelle lesen wir, wie Paulus den Timotheus an die Gnade erinnert, die ihm „durch die Auflegung meiner Hände zuteilgeworden ist“ (2Tim 1,6), und dass dieser selbst „keinem vorschnell die Hände auf[legen]“ (1Tim 5,22) soll. Diese Praxis kommt übrigens, wie die Sakramente überhaupt, nicht von irgendwoher, sondern schließt durchaus an die Tradition des Alten Bundes an: Schon Mose hatte dem Josua die Hände aufgelegt, um ihm seine Vollmacht weiterzugeben (vgl. Num 27,20-23).

 

Zwar hat Ebner mit der Feststellung recht, dass es im NT den Begriff „Priester“ (gr. hiereus) für diese Ämter nicht gibt, aber die simpelste Erwiderung darauf lautet: Na und? Auch den Begriff „Trinität“ finden wir nicht im NT, ist also der Glaube an den dreieinen Gott falsch?

Es steht außer Zweifel, dass bereits im Neuen Testament bestimmte Ämter durch „Handauflegung und Gebet“ an ausgewählte und entsprechend geprüfte Gemeindemitglieder „hierarchisch“ (d.h. von „oben“, von den Aposteln ausgehend) übertragen wurden. Genau das ist in schöner Kontinuität bis heute ein wesentliches Element des Lebens der Kirche. Ebner hat natürlich ein Problem damit, darum unterlässt er es tunlichst, diese Tatsache zu erwähnen oder er entsorgt sie einfach als nicht relevant für die Frage. Neben den schon zitierten Evangelisten, Lehrern, Propheten etc. gab es auch drei Bezeichnungen, insbesondere für die „Leitungsebene“ in den Gemeinden und für diejenigen, die autoritativ lehrten und den Glauben verteidigten, die uns heute nur allzu vertraut sind, wenn sie auch im NT noch nicht die exakt gleiche Bedeutung oder Aufgabenzuweisung haben, wie dies später der Fall war oder wie es heute der Fall ist.

- Diakon (gr. διάkovoς; dt. Diener/Gesandter): „Ebenso müssen Diakone sein: achtbar, nicht doppelzüngig, nicht dem Wein ergeben und nicht gewinnsüchtig; sie sollen mit reinem Gewissen am Geheimnis des Glaubens festhalten. Auch sie soll man vorher prüfen, und nur wenn sie unbescholten sind, sollen sie ihren Dienst ausüben.“ (1Tim 3,8-10)

- Presbyter (gr. πρεσβύτερος; dt. Ältester): „Presbyter, die das Amt des Vorstehers gut versehen, verdienen doppelte Anerkennung, besonders solche, die sich mit ganzer Kraft dem Wort und der Lehre widmen.“ (1Tim 5,17)

- Episkop (gr. ἐπίσκοπος; dt. Aufseher): „Denn der Episkop muss unbescholten sein als Haushalter Gottes, nicht überheblich und jähzornig, kein Trinker, nicht gewalttätig, nicht habgierig, sondern gastfreundlich, das Gute liebend; besonnen, gerecht, fromm und beherrscht, einer, der sich an das zuverlässige Wort hält, das der Lehre entspricht, damit er in der Lage ist, in der gesunden Lehre zu unterweisen und die Widersprechenden zu überführen.“ (Tit 1,7-9)

Davon leiten sich unsere modernen deutschen Wörter „Diakon“, „Priester“ und „Bischof“ ab. Dass das griechische Wort für „Priester“ (gr. hiereus) in den frühesten christlichen Gemeinden nicht in Gebrauch war, ist unerheblich. Letztlich mag es Zufall sein, dass sich gerade diese drei Begriffe für ein dreigliedriges Amt durchgesetzt haben und wir heute keine Ämter mit der Bezeichnung „Evangelist“ und „Prophet“ mehr haben. Das spielt aber keine Rolle: Es gab von Anfang an solche Leitungs- und Lehrämter, und es gibt sie bis heute. Das ist das Entscheidende, nicht, wie diese Ämter heißen.

 

Es ist inzwischen allgemein üblich, auf die Geschichtlichkeit der Kirche zu pochen, die sich nicht losgelöst von Zeitumständen entwickelt hat und auch weiterhin entwickeln wird. Und das stimmt auch! Interessanterweise provozieren Leute wie Ebner jedoch den Verdacht, dass sie diese Geschichtlichkeit aber dann doch wieder leugnen, weil offenbar etwas heute (oder seit 1800 Jahren) nicht sein darf, was nicht eindeutig und klar bereits im Neuen Testament genau so zu finden ist. Ebner behauptet: Es gibt im NT keine „Priester“ (gr. hiereus), darum darf es sie auch nie geben, und wenn es sie gibt, dann ist das ein Missstand, der gegen das von Jesus gepredigte Evangelium verstößt.

Ebner und andere leugnen nicht die Geschichtlichkeit der Kirche – sie selbst wollen diese Geschichte ja in Richtung Zukunft mitbestimmen! –, aber sie sprechen der faktischen Entwicklung der Kirche und ihrer Ämter jegliche Legitimität ab, weil sie nicht ihren Wünschen gemäß verlaufen ist. Es darf einfach nicht sein, dass alles, was die Kirche heute glaubt und lebt im NT bereits zumindest keimhaft zu finden ist und sich später so entfaltet hat, wie es das eben getan hat. Dann ignoriert man eben die im NT bezeugten Ämter oder erklärt diese Bezeugungen „wissenschaftlich“ für irrelevant. Das hat aber nichts mit Wissenschaftlichkeit zu tun, das ist einfach nur Ideologie. Welche Arroganz daraus spricht, 2000 Jahre Kirchengeschichte an den eigenen billigen Meinungen und drögen Vorlieben zu messen...

Die Implikation dieser Position ist freilich unausweichlich: Die Kirche damit meine ich nicht nur die katholische Kirche: alle alten Kirchen, ob nun ost- und westsyrisch, koptisch, äthiopisch, armenisch, oder byzantinisch, haben das dreigliedrige Priestertum hat sich offenbar 1800 Jahre lang geirrt, und jetzt kommt Herr Ebner (+ Kollegen) und führt sie endlich, nach so vielen Jahrhunderten des Irrtums! – auf den einzig wahren Weg des Evangeliums zurück... Aber eine Kirche, die sich (mindestens) 1800 Jahre lang in etwas so Grundlegendem wie dem Aufbau des Volkes Gottes so völlig geirrt hat, kann nicht „Säule und Fundament der Wahrheit“ (1Tim 3,15) sein. Die Zusage Jesu, der Heilige Geist werde „euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe“ (Joh 14,26) ist dann Schall und Rauch; der Kirche könnte man dann grundsätzlich nichts glauben. Auch die von der Kirche von all den zuvor genannten Kirchen uns bis heute überlieferte Heilige Schrift ist dann in Gänze unzuverlässig und alles, was Ebner über das Vorkommen oder Nichtvorkommen von Begriffen im NT redet, ist somit letztlich auch egal. Ebner und seine Gesinnungsgenossen ziehen sich, wie üblich, selbst den Boden unter den Füßen weg und merken es noch nicht mal.

 

Spannende finde ich es, dass sogar der Vergleich mit dem alttestamentlichen Priestertum Ebners These durchaus nicht sonderlich stützt. 

Zunächst: Viel ist die Rede vom „gemeinsamen Priestertum“ aller Getauften Ebner erwähnt das komischerweise nicht –, dass wir, die Christen, „ein auserwähltes Geschlecht, eine königliche Priesterschaft, ein heiliger Stamm“ (1Petr 2,9) sind. Das ist übrigens keine nachkonziliare Neuentdeckung, schon vorher sprach man unter Theologen zuweilen, wenn auch etwas umständlich, vom „Laienpriestertum“. Peinlich für viele, die auf dieses gemeinsame Priestertum pochen, ist indes, dass es biblisch in Jesu Kreuzesopfer begründet ist, weil sich darin Jesus als Hohepriester und Opfer zugleich offenbarte: „sein Blut“ macht uns zu Priestern (vgl. Offb 1,5-6; 5,9-10). Die Kirche ist Leib Christi, des einzigen Hohepriesters, also ist das ganze Volk Gottes „priesterlich“.

Jedenfalls: Was gerne unerwähnt bleibt ist, dass auch schon das Volk des Alten Bundes „ein Königreich von Priestern und [...] ein heiliges Volk“ (Ex 19,6; vgl. 23,22) genannt wurde. Obwohl es also ein „Königreich von Priestern“ war, hatte Israel dennoch „Priester“ in einem engeren, besonderen Sinne. Das gemeinsame Priestertum aller Getauften, das es in analoger Weise auch schon bei den „Beschnittenen“ gab (siehe Thomas: Beschneidung als Sakrament), schließt also in keiner Weise die Existenz eines besonderen Priestertums aus. Im Gegenteil: Ein priesterliches Volk ist geradezu die notwendige Voraussetzung für ein besonderes Priestertum des Dienstes. Weil die Christen ein priesterliches Volk sind, kann es besondere priesterliche Ämter geben, wie dies auch im Alten Bund der Fall war.

Klar kann man nun behaupten „aber im Neuen Bund ist das eben anders“, aber dann muss man das belegen. Die im ganzen NT klar bezeugten Ämter in den frühen christlichen Gemeinden sprechen jedenfalls eindeutig dagegen. Natürlich gibt es Dinge, die im Neuen Bund „anders“ sind, Jesus war stets bereit, etwa die Rückbesinnung auf den „Anfang“ ins Spiel zu bringen, was jedoch regelmäßig nicht eine Entspannung, sondern eine Verschärfung brachte (vgl. Ehebruch und Scheidung); aber nirgends hat Jesus besonderen priesterlichen Ämtern eine Absage erteilt.

Zwischen dem priesterlichen Volk im AT und dem priesterlichen Volk im NT gibt es indes eine bemerkenswerte Verschiebung des „Rasters“, wenn man so will: Während im Alten Bund alle drei Ebenen – Hohepriester, Priester, Volk – rein menschlich sind, gilt mit Christus eine andere Logik: Er, Christus, ist der Hohepriester (vgl. Hebr 9,11), womit das Richtige an Ebners Behauptung in den Blick kommt: Was im Alten Bund nur für Priester galt, gilt nun für das ganze Volk, denn alle Getauften haben Zutritt zum Heiligtum, das Jesus Christus selbst ist. Aber es bleibt dennoch die Möglichkeit eines besonderen priesterlichen Dienstes offen, der für das Volk, das in der Welt lebt, unmittelbarer dem Allerheiligsten dient und es in geistlichen Dingen leitet, wie es ausgerechnet der Apostel Paulus vormacht, der von sich sagt, er würde dem „Evangelium Gottes wie ein Priester“ dienen (Röm 15,16).

Man beachte, dass das Priestertum aller Christen immer in einem eindeutig kultischen Kontext aufkommt; es geht nie um „Gemeindeleitung“, Macht oder Partizipation, sondern um die Verherrlichung Gottes und die Verkündigung des Evangeliums: Die Christen sind Priester, um durch Jesus Christus geistige Opfer darzubringen, die Gott gefallen [und] damit ihr die großen Taten dessen verkündet, der euch aus der Finsternis in sein wunderbares Licht gerufen hat.“ (1Petr 2,5.9) Zur Frage nach (Leitungs)Ämtern in der Kirche sagt das gemeinsame Priestertum also gar nichts aus. Dass es nicht nur faktisch in den ersten christlichen Gemeinden bereits eine sich entwickelnde Ämterstruktur gab, sondern dass Jesus selbst menschliche Hirten gewollt hat für die, die ihm nachfolgen, ist schließlich unbezweifelbar, wie er nach seiner Auferstehung gegenüber Petrus deutlich machte: Weide meine Lämmer! [...] Weide meine Schafe! [...] Weide meine Schafe!(Joh 21,15-17)

 

Für Ebner gab es am Beginn des Christentums kein besonderes Priestertum, alle Christen waren gleich, niemand tat etwas, was nicht auch ein anderer tun konnte. Es gab ihm zufolge folglich auch keine Opfer (denn das hieße, dass jemand es darbringt, und jemand anders nicht), sondern nur ein gemeinschaftliches Mahl. Wohl am schlagkräftigsten lässt sich alles das mit Klemens von Rom widerlegen, der in seinem Brief an die korinthische Gemeinde genau auf diese Themen eingeht... Es gibt indes keinen Grund, anzunehmen, dass irgendetwas daran neu war oder es von der korinthischen oder anderen Gemeinden als unchristlich abgetan wurde, Klemens legt einfach nur dar, was schon zu seiner Zeit allgemein üblich war. Welche Zeit ist das? Nun, wir können Klemens ruhig zu jener frühesten Zeit des Christentums rechnen, sein Brief ist wahrscheinlich älter als manche Schriften des Neuen Testaments (insbesondere die des Johannes). Zum Kontext: In Korinth war damals im Grunde das gleiche passiert, womit ein paar jahrzehnte zuvor bereits Paulus zu kämpfen hatte, nämlich die Infragestellung der heiligen Ordnung der Feier der Eucharistie, und damit zugleich die Ordnung der Dienstämter. Klemens schreibt in den Kapiteln 40, 42 und 44 seines Briefes das Folgende:

»40,1. Da uns also dieses ganz klar ist, und wir weit hinabgedrungen sind in die Tiefen der göttlichen Erkenntnis, müssen wir alles ordnungsgemäß tun, was der Herr an bestimmten Zeiten zu erfüllen angeordnet hat. 2. Er wollte, dass Opfer und Gottesdienst gehalten werde, aber nicht aufs Geratewohl und ohne Ordnung solle es geschehen, sondern zu festgesetzten Zeiten und Stunden. 3. Wo und durch wen er es verrichtet wissen will, hat er nach seinem allerhöchsten Willen selbst bestimmt, damit alles heiligmäßig geschehe und so in Wohlgefallen aufgenommen werde von seinem Willen. 4. Die nun ihre Opfer darbringen zur vorgeschriebenen Zeit, sind wohlgefällig und selig; denn wenn sie den Gesetzen des Herrn nachkommen, sündigen sie nicht. 5. Dem obersten Priester sind nämlich eigene Verrichtungen zugeteilt, auch den Priestern ist ihr eigener Platz angewiesen, und den Leviten obliegen eigene Dienstleistungen; der Laie ist an die Laienvorschriften gebunden.

42,1. Die Apostel haben uns das Evangelium verkündet, (das sie) vom Herrn Jesus Christus (bekommen haben), Jesus Christus aber ist gesandt von Gott. 2. Christus ist also von Gott und die Apostel von Christus (gesandt); beides ist demnach geschehen in aller Ordnung nach dem Willen Gottes. 3. Sie empfingen also ihre Aufträge, wurden durch die Auferstehung unseres Herrn Jesus Christus mit Gewissheit erfüllt, wurden im Glauben an das Wort Gottes gefestigt, und dann zogen sie voll des Heiligen Geistes hinaus zur Predigt, dass das Reich Gottes nahe sei. 4. Indem sie nun in Ländern und Städten predigten, setzten sie die Erstlingsfrüchte ihrer (Predigt), nach vorhergegangener Prüfung im Geiste, zu Bischöfen und Diakonen der zukünftigen Gläubigen ein. 5. Und dies war nichts Neues; denn schon seit langer Zeit war geschrieben über Bischöfe und Diakone. So nämlich sagt einmal die Schrift: „Ich will einsetzen ihre Bischöfe in Gerechtigkeit und ihre Diakone in Treue“ [Jes 60,17; ungenau zitiert].

44,1. Auch unsere Apostel wussten durch unseren Herrn Jesus Christus, dass Streit entstehen werde um die Bischofswürde. 2. Aus diesem Grunde setzten sie auch, da sie eine genaue Kenntnis hiervon zum voraus erhalten hatten, die oben Genannten ein und gaben ihnen dazu Auftrag, dass, wenn sie entschlafen wären, andere erprobte Männer ihren Dienst übernähmen.«



Fassen wir zusammen: Ebner leugnet die Legitimität besonderer, mit Autorität und Lehrgewalt versehener Ämter in der christlichen Gemeinde, indem er alle entsprechenden Zeugnisse aus dem NT einfach ignoriert. Das sei kein Thema gewesen, das wurde nicht problematisiert. Die Ämterfrage wurde im NT aber durchaus problematisiert, weswegen Paulus der zerstrittenen Gemeinde in Korinth die rhetorische Frage stellen muss: „Sind etwa alle Apostel, alle Propheten, alle Lehrer? Haben alle die Kraft, Machttaten zu wirken?“ (1Kor 12,29) Die Antwort ist natürlich: Nein! Heute haben wir in Deutschland offenbar genau das gleiche Problem erneut (nichts Neues unter der Sonne), und solche dümmlichen Behauptungen wie die von Ebner sind ein wesentlicher Grund dafür.

Samstag, 30. April 2022

Über Messstipendien

Bis vor kurzem nicht für möglich gehalten, nie einen Gedanken daran verschwendet... aber ich lasse mich ja grundsätzlich immer gerne von der Wirklichkeit eines Besseren belehren: Offenbar kann es in der katholischen Kirche in Deutschland passieren, dass das Pastoralteam einer Pfarrei beschließt, Messstipendien abzuschaffen.

Ach. Achso? Das geht?

Nein, natürlich nicht.

 

Aber der Reihe nach.

Was ist ein Messstipendium?

Ein Messstipendium (oder: Messintention) ist eine (Opfer)Gabe eines Gläubigen an einen Priester, mit dem Sinn, ihn zu verpflichten, eine Heilige Messe in der Intention (mit dem Anliegen, in der „Meinung“) des Gebers zu feiern. Heutzutage besteht es in einer Geldgabe. Diese Praxis ist so alt wie die Kirche, nur dass es sich bei den Gaben in den ersten ca. acht Jahrhunderten der Kirche meist um Naturalien (Lebensmittel) handelte. Diese auf die Feier der Messe konzentrierten Zuwendungen entwickelten sich aus den (Opfer)Gaben, die die Gläubigen generell für den Unterhalt und die wohltätige Arbeit der Kirche beisteuerten. Auf diese Weise sorgten die Gläubigen für den Unterhalt der für sie im heiligen Dienst stehenden Priester.

Die Bischöfe können festlegen, was die üblichen Beträge für ein Messstipendium sind (aber natürlich dürfen auch höhere oder niedrigere Beträge angenommen werden) und welchen Anteil an diesem Betrag der Priester selbst erhält, der Rest wird „nach oben“ weitergereicht und ist Zweckgebunden für die wesentlichen Aufgaben der Kirche.

Zumeist ist der von den Bischöfen festgesetzte Betrag in Deutschland 5€, wovon dem Priester 2,50€ zustehen. Hier in Deutschland ist der Anteil, den der Priester erhält, für diesen selbst eigentlich unerheblich, denn die Priester werden hierzulande im Allgemeinen ziemlich gut bezahlt (und dafür, dass sie keine Familie ernähren müssen und häufig nicht einmal Miete zahlen, sogar fast fragwürdig gut), weshalb sie i.d.R. dieses Geld unmittelbar einem guten Zweck zukommen lassen (andernfalls müssten sie es als Einkünfte versteuern). In vielen anderen Weltgegenden leben die Priester, wie es schon am Anfang der Kirche war, von diesen Stipendien, sie bestreiten damit ihren Lebensunterhalt.

Pro Priester und Messe darf nur eine solche Intention und folglich auch nur ein Stipendium angenommen und „erfüllt“ (Fachausdruck: „appliziert“) werden, sie wird dann im Verlauf der Messe erwähnt. Spätestens mit dem Priesterschwund der letzten Jahrzehnte und dem leider weit verbreiteten Wegfall der täglichen Zelebration können längst nicht alle Messstipendien, die – Gott sei Dank! – noch immer vergleichsweise zahlreich von den Gläubigen gegeben werden, von den Priestern erfüllt werden. Wenn man hierzulande oft eine ganze Reihung von Intentionen, etwa beim Totengedenken im Hochgebet, vernehmen kann, dann sind diese vielen Erwähnungen zwar legal, aber tatsächlich gilt diese Messe nur für die erste genannte Intention. Die anderen Intentionen werden samt Stipendium weitergereicht an andere Priester (z.B. in Klöstern), dank moderner Kommunikationstechnologie etwa auch an diejenigen in anderen Ländern, für die die Messstipendien die einzige Einkommensquelle sind. Über all das muss genau Buch geführt werden. Idealerweise nimmt der Geber eines Stipendiums auch an der entsprechenden Heiligen Messe teil, denn die Gabe des Stipendiums ist eigentlich nur der Anfang seiner Teilnahme, die sich in der Mitfeier der ganzen Messe verwirklicht und im Empfang der göttlichen Gegengabe – der Kommunion – ihren Höhepunkt erreicht.

 

Messstipendien abschaffen zu wollen ist aus verschiedenen Gründen falsch und zeugt v.a. von gravierenden Defiziten im Verständnis der Dinge des Glaubens und von erheblicher zwischenmenschlicher (pastoraler und diakonischer) Kurzsichtigkeit.

1) Zwar mögen Messstipendien für hiesige Priester keine relevante Einkommensquelle sein, weshalb die Frage aufkommen könnte „wozu?“, aber für andere Priester ist es das durchaus! Für Adveniat, Misereor etc. zu sammeln, aber dann Messstipendien abschaffen zu wollen, ist einfach zynisch. Hier mangelt es offenkundig an einem Bewusstsein für die kirchliche Gemeinschaft jenseits des eigenen Kirchturms.

2) Offenbar ist es eine hierzulande weit verbreitete Meinung, Messstipendien bezögen sich nur oder v.a. auf das Totengedenken in der Messe. Tatsächlich ist das nicht so, sie können mit jedem sinnvollen Anliegen verbunden sein (dann hört man etwa die Formulierung: „in einer bestimmten Meinung“). Faktisch sind sie hierzulande in der großen Mehrheit der Fälle mit den Verstorbenen verknüpft, eben weil man meint, es habe (nur) damit zu tun. Wenn wir das Totengedenken, oder besser: das Gebet für die Verstorbenen, als „Normalfall“ der mit einem Messstipendium verbundenen Intentionen annehmen, dann ist ihre Abschaffung erst recht als schwerwiegend, ja als grausam zu bezeichnen. Auch hier mangelt es an einem Bewusstsein für die Weite der kirchlichen Gemeinschaft, denn diese umfasst nicht nur die (vor Ort und auf der ganzen Welt) Lebendigen, sondern auch die Verstorbenen im Fegefeuer und im Himmel. Natürlich steckt hinter dem Versuch der Abschaffung der Messstipendien letztlich der weitestgehende Verlust des Glaubens an die Realität des Fegefeuers. Daher müsste das „Gebet für die Verstorbenen“, das Gott als Adressat und eben jene Verstorbenen als „Nutznießer“ hat, „für die“ gebetet wird, oftmals wohl eher „Aufforderung zur Erinnerung an die Verstorbenen“ heißen, weil als Adressat und zugleich Nutznießer eigentlich nur die Hinterbliebenen im Blick sind. Was würde ein „Gebet für die Verstorbenen“ auch bringen, wenn es kein Fegefeuer gäbe?


Mit dem letzten Punkt eng zusammenhängend ist die Verwirrung, die oft (auch unter pastoralen Mitarbeitern der Kirche) herrscht, über den Unterschied zwischen einem Stipendium für die Feier einer Heiligen Messe und einem fürbittenden Gebet zugunsten eines Verstorbenen, etwa im Rahmen einer Wort-Gottes-Feier. Tatsächlich gibt es immer wieder diözesane Verlautbarungen, die einschärfen, dass für Wort-Gottes-Feiern keine Messstipendien angenommen werden dürfen. Dass dies eigens (und wiederholt) eingeschärft werden muss, offenbart die weit verbreitete Ver(w)irrung, u.a. über den Unterschied zwischen diesen beiden Gottesdienstformen, über das Verhältnis von Wort und Sakrament, sowie bezüglich des priesterlichen Dienstes. Also:

3) Ein Messstipendium für einen Verstorbenen zu geben ist ein besonderer Akt der Nächstenliebe, der – wenn er nicht bloß „aus Tradition“ und dabei eher gedankenlos getan wird – allerdings das rechte Verständnis der Eucharistie voraussetzt. In „fromm“ ausgedrückt: Mit einem Messstipendium wird nicht nur eine Bitte zugunsten des im Fegefeuer Leidenden vor Gott gebracht, sondern diesem Leidenden werden die Früchte das rettenden Opfers Christi am Kreuz zugewendet. In „verständlich“ heißt das: Jesus hat denen, die ihm nachfolgen wollen, unmissverständlich den schwerwiegenden Auftrag erteilt: „Tut dies zu meinem Gedächtnis“ (Lk 22,19; 1Kor 11,24); gemeint ist die Feier der Eucharistie, und damit die Anteilhabe an seinem Leib und seinem Blut (vgl. 1Kor 10,16). Dieser Auftrag ist keine Nebensächlichkeit, und seine Erfüllung ist nicht „optional“. Sondern unsere Teilnahme an der Eucharistie ist von überragender Bedeutung, denn die Alternative ist schrecklich: „Amen, amen, ich sage euch: Wenn ihr das Fleisch des Menschensohnes nicht esst und sein Blut nicht trinkt, habt ihr das Leben nicht in euch.“ (Joh 6,53) Wie können wir die Teilhabe daran, aber auch den Trost und die Hilfe daraus, unseren „lieben Verstorbenen“ vorenthalten?


Neben diesen Fragwürdigkeiten, die ein Defizit an (welt- und überirdisch-)kirchlichem Bewusstsein („kirchlicher Gesinnung“) vermuten lassen, gibt es aber noch ein weiteres Problem mit dem Versuch der Abschaffung von Messstipendien, das selbst denjenigen auffallen müsste, die nicht weltkirchlich zu denken und zu fühlen gewohnt sind, und die auch die bereits verstorbenen Glieder der Kirche, insbesondere die „leidende Kirche“ im Fegefeuer, nicht recht beachten (Stichwort: sentire cum ecclesia): Ein Messstipendium ist, wie aus dem vorherigen Punkten deutlich geworden sein müsste, auch eine besondere verdienstvolle Tätigkeit der Gläubigen. Nicht nur ginge eine Abschaffung von Messstipendien somit zu Lasten derer, für die die Intentionen gelten (z.B. im Fegefeuer), sondern auch die (noch auf Erden lebenden) Gläubigen vor Ort würden massiv in der tätigen Ausübung ihres Glaubens beeinträchtigt, und zwar gleich in zweifacher Hinsicht:

4) Zum einen wird den Gläubigen dadurch – insbesondere dann, wenn das Stipendium zugunsten eines Verstorbenen gegeben wird, aber auch generell – eine bedeutende Übung der tätigen Nächstenliebe verunmöglicht; sie könnten ihren „lieben Verstorbenen“ diese größtmögliche Hilfe nicht durch die bestellten Diener der Kirche zuwenden, und auch für andere (nicht verstorbene) können sie diesen großen Dienst der Nächstenliebe nicht leisten. Das allein ist schon schrecklich. Dass inzwischen bei nicht wenigen Gläubigen das Bewusstsein für die Möglichkeit und die Bedeutung dieses besonderen Dienstes fehlt, macht seine Verunmöglichung nicht weniger schlimm, sondern weist auf ein Defizit in Verkündigung und Glaubenspraxis hin. Es ist außerdem besonders grausam den Gläubigen gegenüber, die noch dieses gläubige (kirchliche) Bewusstsein haben.

5) Zum anderen wurde zu Anfang erwähnt, dass ein Messstipendium eine (Opfer)Gabe eines Gläubigen für den heiligen Dienst ist. Daran wird deutlich, dass es sich bei Messstipendien, ganz gleich, mit welcher berechtigten Intention es verbunden wird, tatsächlich um eine Form der tätigen Teilnahme (actuosa participatio) der Gläubigen am heiligen Dienst handelt, wie dies etwa Papst Paul VI. in seinem Schreiben über die Messstipendien von 1974 gleich im ersten Satz hervorgehoben hat: „Es ist feste Überlieferung der Kirche, dass die Gläubigen aus frommer und kirchlicher Gesinnung gleichsam ein gewisses eigenes Opfer dem eucharistischen Opfer anschließen, um daran tätiger teilzunehmen.“ (DEL 3312) Wenn also ein Pastoralteam die Messstipendien für seinen Zuständigkeitsbereich abschaffen will, dann beraubt es die Gläubigen dieser wichtigen Weise der tätigen Teilnahme am heiligen Dienst, die doch ansonsten immer so sehr eingefordert und befördert wird. Natürlich: Hierbei spielen sicher nicht wenig der Verlust des Verständnisses der Eucharistie als Opfer, sowie ein einseitig veräußerlichtes Verständnis von „tätiger Teilnahme“ eine wesentliche Rolle, darum werden es viele Gläubige nicht unbedingt merken. Aber auch das ist eher ein Hinweis auf ein Verkündigungsdefizit und macht die Vorenthaltung dieser Möglichkeit zur tätigen Teilnahme nicht weniger schlimm; und wiederum ist es gerade für diejenigen Gläubigen ein Schlag ins Gesicht, die den kirchlichen Glauben bezüglich der Eucharstie nach wie vor teilen, und die die Heilige Messe innerlich wie äußerlich tätig leben. Ob es klug ist, ausgerechnet diejenigen, die nach wie vor den Glauben in seiner Reichhaltigkeit leben, darin zu beschneiden?


Zu guter Letzt sei noch darauf hingewiesen, dass ein Pastoralteam (Priester, Diakone, Pastoral- bzw. Gemeindereferenten) natürlich keinerlei Kompetenz oder Befugnisse hat, Messstipendien „abzuschaffen“. Allein den Bischöfen kommt es zu, für ihren Zuständigkeitsbereich irgendetwas bezüglich der rechtlichen Ordnung des Messstipendienwesens zu ändern. „Abschaffen“ (verbieten) könnten aber auch sie es nicht, denn dazu haben sie kein Recht. Messstipendien anzunehmen ist nämlich ein Recht, das jedem Priester zusteht, einfach weil er Priester ist, und nicht, weil der Bischof es ihm gestattet (hat ein Bischof keine Regelungen getroffen, gelten ortsübliche Gewohnheiten etwa bzgl. der Beträge; verbieten kann es der Bischof nicht, es sei denn indirekt, indem er Priestern das Zelebrieren der Messe verbietet): „Gemäß bewährtem Brauch der Kirche ist es jedem Priester, der eine Messe zelebriert oder konzelebriert, erlaubt, ein Messstipendium anzunehmen, damit er die Messe in einer bestimmten Meinung appliziert.“ (Can. 945 §1 CIC) Ein Priester könnte es natürlich auch einfach generell unterlassen, Messstipendien anzunehmen, er ist schließlich nicht dazu verpflichtet (es wird ihm lediglich „eindringlich empfohlen“; ebd. §2), aber dann macht sich ein solcher Priester m.E. aus den vorgenannten Gründen schwer vor Gott und den Menschen schuldig (und ich frage mich, ob hier nicht ein schwerer Mangel hinsichtlich des Lebens seiner Berufung vorliegt).


Über die Gründe für den Willen zur Abschaffung von Messstipendien kann ich nur spekulieren. Der schlechteste wäre sicherlich, wenn man sich den Verwaltungsaufwand der Buchführung ersparen wollte. Ich vermute(!) – und habe dafür auch einige Anzeichen aus Gesprächen mit Akteuren, wenn auch an anderen Orten –, dass man dadurch die Bedeutung und Akzeptanz von Wort-Gottes-Feiern erhöhen möchte, indem man erklärt, dass das Gedenken an die Toten in ihnen nicht „weniger Wert“ ist als in einer heiligen Messe. Auch dem Selbstbild (und Prestige?) der WGF-Leiter wäre das sicher zuträglich. Die traurige Ironie ist allerdings, dass man dadurch etwaige Missverständnisse und Unklarheiten über die jeweils eigene Bedeutung dieser beiden Gottesdienstformen nur verstärkt. Womöglich sind die Verantwortlichen aber auch nicht Willens und/oder in der Lage, diesen Unterschied zu erklären, und sie wollen durch die Abschaffung dieser Peinlichkeit ausweichen? Jedenfalls kann ich mir nicht vorstellen, dass einem solchen folgenschweren Entschluss besonders viel Nachdenken, Lektüre (z.B. des geltenden Kirchenrechts), Austausch mit den Betroffenen, Gebet und eigene Glaubenspraxis in diesem Bereich vorausgegangen sind... sonst würde man nicht zu einem solchen Entschluss gelangen.

 

 

PS. Die dargelegten Erwägungen verdeutlichen auch, warum Messstipendien keineswegs ein „klerikalistisches Relikt“ einer vergangenen „Priesterkirche“ sind, wie man das zuweilen hört: Die Laien müssen an die Priester Abgaben entrichten. Das ist natürlich eine durch dumme Vorurteile und Ressentiments befeuerte Verzerrung eines Sachverhalts, der sich kinderleicht auch genau andersherum deuten lässt: Messstipendien machen deutlich, dass die Priester den Laien zu dienen haben, denn jene werden von diesen beauftragt, in ihrem Anliegen in besonderer Weise vor Gott zu treten. Wollte man dieses besondere Vor-Gott-treten kritisieren, so würde man im Grunde nur die Tatsache kritisieren, dass es neben dem gemeinsamen Priestertum aller Getauften ein besonderes Weihepriestertum des Dienstes gibt. Messstipendien verdeutlichen besonders eindrücklich das Zu-, Für- und Miteinander von beiden, von denen keines ohne das andere vor Gott stehen kann.

Dienstag, 22. Februar 2022

Gregor der Große über das Priestertum

... aus einem Brief an Dominicus von Karthago:

»Denn schwer ist die Last des Priestertums; zuerst muss ja der Priester als Vorbild für Andere leben und dann dafür sorgen, dass sich seine Seele nicht um der gegebenen Beispiele willen in Eitelkeit verliere. Immer soll er des Predigtamtes eingedenk sein und mit ernstlicher Furcht erwägen, dass der Herr, da er hingeht, um sein Reich in Besitz zu nehmen, sowie bei der Austeilung der Talente zu den Knechten spricht: "Machet Geschäfte bis ich wiederkomme." Dieses Geschäft betreiben wir ohne Zweifel dann auf die rechte Weise, wenn wir durch unser Leben und unser Wort Seelen gewinnen, wenn wir auch die Schwachen in der himmlischen Liebe bekräftigen, indem wir ihnen die Freuden des Himmels vor Augen halten, wenn wir die Frechen und Stolzen durch furchtbare Androhung der Höllenstrafe erschüttern, wenn wir gegen Niemand eine Schonung kennen, die mit der Wahrheit unvereinbar ist, wenn wir Freundschaft mit Gott unterhalten, vor Feindschaft mit Menschen uns nicht fürchten.«

Dienstag, 25. Januar 2022

Ist die katholische Sexualmoral schuld?

Die Argumentation, warum die katholische Sexualmoral, und näherhin die kritische Haltung der katholischen Kirche zur Homosexualität, für die Missbrauchs- und Vertuschungskrise (mit)verantwortlich ist, geht so:

Weil die Kirche gegenüber Homosexualität eine ablehnende („rigide“) Haltung einnimmt, können sich homosexuell empfindende Menschen nicht frei dazu bekennen. Zugleich knüpfen diese Menschen aber engmaschige Netzwerke, da sie „unterdrückt“ werden und sich also mit Ihresgleichen zusammentun wollen. Wenn nun aber jemand von der homosexuellen Orientierung etwa eines Priesters weiß, dann wird er somit in die Lage versetzt, den Betroffenen zu erpressen. Diese Netzwerke, sowie die Tatsache, dass selbst ausgelebte Homosexualität von Klerikern seitens der Autoritäten hingenommen wird, sind Gründe für die Vertuschung von Missbrauch. Das Problem sind also nicht die homosexuellen Priester, die allein dadurch schon gegen die Regeln der Kirche verstoßen haben, dass sie sich haben weihen lassen, das Problem ist, dass die Kirche Homosexualität kritisch sieht. Die Kirche muss folglich Homosexualität und homosexuelle Handlungen anerkennen, dann entstehen keine Netzwerke, es gibt keine Erpressungsmöglichkeiten und folglich keine Vertuschung (über den Missbrauch selbst ist damit nichts ausgesagt).



So neuerdings auch nachzulesen im WSW-Gutachten S. 424-425, was auch immer solche antikirchliche Propaganda dort zu suchen hat.

Spielt man das einmal mit einer anderen sexuellen Orientierung durch, z.B. Pädophilie (die – so ein Zufall aber auch – genau zu der Zeit, als die Missbräuche in den 60er und 70er Jahren ihren Höchststand erlebten, von einigen gesellschaftlichen Gruppen und politischen Parteien als eine durchaus legitime Spielart der Sexualität erachtet wurde), dann wird die Unsinnigkeit dieser Argumentation deutlich:

Weil die Kirche gegenüber Pädophilie eine ablehnende („rigide“) Haltung einnimmt, können sich pädophil empfindende Menschen nicht frei dazu bekennen. Zugleich knüpfen diese Menschen aber engmaschige Netzwerke, da sie „unterdrückt“ werden und sich also mit Ihresgleichen zusammentun wollen. Wenn nun aber jemand von der pädophilen Orientierung etwa eines Priesters weiß, dann wird er somit in die Lage versetzt, den Betroffenen zu erpressen. Diese Netzwerke, sowie die Tatsache, dass selbst ausgelebte Pädophilie von Klerikern seitens der Autoritäten hingenommen wird, sind Gründe für die Vertuschung von Missbrauch. Das Problem sind also nicht die pädophilen Priester, die allein dadurch schon gegen die Regeln der Kirche verstoßen haben, dass sie sich haben weihen lassen, das Problem ist, dass die Kirche Pädophilie kritisch sieht. Die Kirche muss folglich Pädophilie und pädophile Handlungen anerkennen, dann entstehen keine Netzwerke, es gibt keine Erpressungsmöglichkeiten und folglich keine Vertuschung (über den Missbrauch selbst ist damit nichts ausgesagt).

Ist das etwa die Lösung des Problems?


Ein Priesteramtskandidat mit tiefsitzenden homosexuellen Neigungen darf nicht geweiht werden.

Man wirft der Kirche vor, sie verhindere durch ihre Haltung die Offenheit und Ehrlichkeit im Umgang mit Homosexualität. Das verdreht aber die Tatsachen: Würden alle beteiligten Personen (Kandidaten und Verantwortliche) offen, ehrlich und liebevoll mit sich selbst und mit einander umgehen, hätten wir das Problem nicht. Ein ehrlicher Umgang hätte zur Folge, dass bestimmte Leute einfach nicht um die Weihe bitten bzw. nicht geweiht werden würden, einfach weil sie die Bedingungen nicht erfüllen, und dass sie zugleich mit aller gebotenen Hirtenliebe auf ihrem Lebensweg begleitet werden können.

Ein Problem ist sicher, dass die, die sich outen, tatsächlich oft ungerecht und lieblos behandelt werden. Solche Behandlung ist aber nicht die „rigide Haltung der Kirche“, sondern eine moralische Verfehlung derer, die so handeln! Das wird oft übersehen: Auch solch ungerechte und lieblose Behandlung ist ein Verstoß gegen die kirchliche Morallehre und darf nicht sein. Es muss vielmehr klar sein, dass die ungerechte und lieblose Behandlung homosexuell empfindende Menschen bei diesen zu Angst führt, was wiederum zur Verheimlichung führt und so wiederum zu Misstrauen durch die Verantwortlichen, was wieder ungerechte Behandlung befeuert. Diese Spirale kann nur durchbrochen werden, wenn tatsächlich ehrlich mit der Sachlage umgegangen wird, und zwar von Seiten der Kandidaten, wie von Seiten der Verantwortlichen.

Durch Verheimlichung etwa von Homosexualität wird die Spirale von wechselseitigem Misstrauen und seelischer Gewalt vorangetrieben, aber es kann keine Verständigung, keine seelische Heilung, keine Versöhnung mit Gott und keine fruchtbare Nachfolge Jesu geschehen. Nur durch Offenheit und Ehrlichkeit seitens der Betroffenen, und nur durch echte Hirtensorge und Liebe seitens der Seelsorger können diese Menschen dem Evangelium gemäß leben und dabei von der Kirche alle Unterstützung erhalten (vgl. das lesenswerte Buch "A War of Loves" von David Bennett). Würden sich die Kandidaten und die kirchlichen Autoritäten an die kirchliche Moral halten – dazu zählt auch der respekt- und liebevolle Umgang! –, dann gäbe es keine diesbezüglichen Netzwerke oder Erpressungen, folglich keine darin begründete Vertuschung. (Dass jeder bekommen soll, was er will [z.B. eine Weihe], ist übrigens weder respektvoll noch gerecht und auch keine Liebe, es ist ein Kindergarten der Gleichgültigkeit. Der Kirche kommt es nunmal zu, in Verantwortung vor Gott die Zugangsbedingungen für das Weiheamt festzulegen; sich daran zu halten ist auch wieder ein moralische Frage [--> Gehorsam].)

[Und es gäbe auch viel weniger Missbrauch durch Kleriker, da erwiesenermaßen die große Mehrheit dieser Fälle homosexueller bzw. ephebophiler Natur sind (war es 80%?). Aber das darf man ja nicht laut sagen.]



Im WSW-Gutachten ist dann noch zu lesen: „Homosexuelle Handlungen sind eine schwere Sünde. Homosexuelle Menschen sind daher zur Keuschheit aufgerufen (Nr. 2359 des Katechismus der Katholischen Kirche).“
Das ist natürlich wieder die bekannte Stammtisch-Irreführung. Richtig ist: Jede außerhalb der Ehe von einem Mann und einer Frau ausgelebte Sexualität ist eine schwere Sünde. Alle Menschen sind zur Keuschheit aufgerufen! Dass das die meisten Katholiken nicht wissen (weil die Hirten es ihnen auch nicht sagen) und nicht wissen wollen, ist das Problem. Jeder sexuelle Missbrauch, jede Vertuschung (und auch jede ungerechte oder respektlose Behandlung homosexuell empfindender Menschen) ist ein eklatanter Verstoß gegen die katholische Moral. Wie kann eine Aufweichung dieser Moral die Lösung sein? Wann war das Loslassen der moralischen Zügel in der Geschichte jemals zielführend für die Bekämpfung sittlicher Verfehlungen?

Das Gegenteil ist wahr. Dies kann man etwa in dem schon fast 1000 Jahre alten „Buch Gomorrah“ des heiligen Kirchenlehrers Petrus Damiani nachlesen, der sich seinerzeit (11. Jhd.) schon mit weitreichender kirchlicher Korruption und einem moralisch (sexuell!) verkommenen Klerus herumschlagen musste – erschütternd, wie ähnlich die Zustände heute wieder sind –: nur eine Rückbesinnung auf eine klare Moral und ihre Durchsetzung kann dem Ungemach Einhalt gebieten. Wenn das bedeutet, dass ein Gutteil unseres Klerus entlassen werden muss, dann ist das nur gerecht. Die Duldung etwa von Konkubinaten und anderer Praktiken ist Teil des Problems, sie führt zu jenen Netzwerken und ist eine logische Vorstufe der Vertuschung.

Ich bin 100% für die rückhaltlose Aufklärung und bin ohnehin schon länger der Meinung, dass sicherheitshalber der gesamte Episkopat in einem Aufwasch ersetzt werden müsste. Dann entsprechende Gutachten für alle Bistümer erstellen und erst dann nach und nach die Stühle wieder besetzen mit Leuten, die möglichst weit weg sind von dem hiesigen System von Unglaube/Unmoral, Missbrauch und Vertuschung (in Afrika und Asien gibt es bestimmt viele fleißige Priester!). Die neuen Bischöfe können dann in ihren Ordinariaten in gleicher Manier ein Großreinemachen veranstalten und bei der Gelegenheit die ausufernde Bürokratie (immer mehr Verwaltung für immer weniger Gläubige) proaktiv verschlanken – auch das dämmt Vertuschungsmöglichkeiten ein. Dann kann man langsam wieder aufbauen, insbesondere mit solider Glaubensbildung und der darauf fußenden offenen und ehrlichen Moralverkündigung. (Auch im Erzbistum Paderborn wird es bald, pünktlich zum altersbedingten Amtsverzicht des gegenwärtigen Bischofs [so ein Zufall!], ein Gutachten geben... man ist gespannt.)

Auch wenn beispielsweise ein Joseph Ratzinger, der wohl wichtigste und gescheiteste Theologe des 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts, sich in der Vergangenheit etwas hat zu Schulden kommen lassen, muss das raus, sichtbar sein, bekannt werden und Umkehr geschehen! Die Berufung auf den Buchstaben des Gesetzes, der ihn entlastet, reicht nicht, denn Schuld kann auch der haben, der das Gesetz penibel befolgt, da Gesetz und Moral bekanntlich zwei sehr verschiedene Paar Schuhe sind.

Donnerstag, 1. April 2021

Vinzenz von Paul über die ernste Gefahr für die Hirten

Missbrauchende, vertuschende und Irrlehren fördernde oder duldende Priester und Bischöfe aufgepasst! Aus den geistlichen Unterweisungen des hl. Vinzenz von Paul (Nr. 1065):

»Aber, mein Heiland, wenn ein guter Priester Großartiges wirken kann, welchen Schaden macht er, sobald er auf Abwege gerät!
Wer weiß, ob nicht alle Unordnungen, die wir auf der Welt sehen, den Priestem zugeschrieben werden müssen. Dies könnte einigen zum Anstoß gereichen, aber der Gegenstand erfordert es, dass ich durch die Größe des Übels die Wichtigkeit der Heilung aufzeige. Schon viele Konferenzen wurden über diese Frage gehalten und sie ist erschöpfend behandelt worden, um die Quellen so vielen Unheiles aufzudecken. Das Ergebnis aber war, dass die Kirche keine schlimmeren Feinde hat als die Priester. Von ihnen gingen die Häresien aus; Zeugen davon sind die beiden Häupter des Protestantismus, Luther und Calvin, die Priester waren. Durch die Schuld der Priester haben die Protestanten die Oberhand gewonnen, herrscht das Laster und hat die Unwissenheit im armen Volk ihren Thron errichtet. Das geschah infolge ihrer eigenen Ungeordnetheit, und weil sie sich nicht mit allen ihren Kräften, wie es ihre Pflicht gewesen wäre, diesen drei Sturzbächen entgegensetzten, von denen die Erde überflutet wurde.
Sicherlich, mein Herr, haben die Priester unserer Zeit allen Grund, Gottes Urteil zu fürchten; denn außer ihren eigenen Sünden werden sie Gott auch über die des Volkes Rechenschaft ablegen müssen, denn sie haben sich nicht bemüht seiner verletzten Gerechtigkeit für sie Genugtuung zu leisten, so wie sie dazu verpflichtet sind. Was noch schlimmer ist: Gott wird ihnen die Bestrafung der Völker anrechnen, die er über diese kommen lässt; denn sie rühren keinen Finger, um sich den Geißeln, welche die Kirche heimsuchen, entgegenzusetzen: der Pest, dem Krieg, dem Hunger und den Irrlehren, die von allen Seiten die Kirche bedrängen. Sagen wir noch mehr, mein Herr: Der schlechte Lebenswandel der Geistlichen ist schuld an dem ganzen Chaos, wodurch die heilige Braut des Erlösers so tief bedrückt und so stark entstellt wurde, dass sie kaum zu erkennen ist.
Was würden heute diese alten Väter über uns sagen, die sie in ihrer ersten Schönheit gesehen haben, wenn sie die Frevel und Schändungen erblickten, wie wir sie in ihr sehen, sie, die gemeint haben, dass die Zahl der Priester, die gerettet werden, sehr klein wäre, obwohl sie damals in ihrem größten Eifer waren.«

Mittwoch, 13. Januar 2021

"Niedere Weihen" für Frauen?

Papst Franziskus hat mit seinem Motu proprio Spiritus Domini vom 11. Januar 2021 eine Änderung des CIC c. 230 §1 verordnet, derzufolge nun auch weibliche Menschen ganz offiziell zu den Diensten als Lektor und Akolyth dauerhaft beauftragt werden können. (HIER ist das Motu proprio und HIER der Begleitbrief des Papstes, beides bisher nicht auf deutsch veröffentlicht.)

Das hat für einen gewissen Unmut gesorgt, da man das als eine Etappe in der Salamitaktik hin zur Priesterweihe für Frauen wahrnehmen zu müssen meint, v.a. vor dem Hintergrund, dass Lektor und Akolyth früher als sog. "niedere Weihen" Vorstufen zum Priestertum bildeten.


Ich möchte an dieser Stelle gern die Panik etwas dämpfen, indem ich ein paar Punkte erläutere.

  • "In den ältesten Zeiten wurden die niederen Kirchendienste vielfach von Laien besorgt, und es verging geraume Zeit, bis die verschiedenen Klassen laikaler Diener zu klerikalen Rangstufen sich entwickelten und erhoben wurden" (Nikolaus Gihr, Sakramentenlehre Bd. 2, Freiburg 1921, 235).
  • "Zum Sacrament der Priesterweihe gehören jedenfalls die drei Ordines: Episkopat, Presbyterat und Diakonat, denn diese drei sind in der Heiligen Schrift genannt und wurden von den Aposteln durch Händeauflegung übertragen" (Paul Schanz, Die Lehre von den heiligen Sakramenten der katholischen Kirche, Freiburg 1893, 674; vgl. auch Oswald, Sakramentenlehre Bd. 2, Münster 1877, 320ff.). Die sog. "niederen Weihen" waren also keine sakramentalen Weihen, sondern es handelte sich, wie es Gihr (ebd.) ausdrückt, um Anordnungen der Kirche. In aller Deutlichkeit: Die niederen Weihen waren immer schon "bloß" Sakramentalien.
  • In seinem Motu proprio Ministeria quaedam von 1972 ordnete Papst Paul VI. an: "Was bisher als 'niedere Weihen' bezeichnet wurde, soll in Zukunft die Bezeichnung Dienste erhalten [s.o., auch Gihr sprach schon von 'Kirchendiensten']" und: "Die Dienste können auch Laien übertragen werden, so dass sie nicht mehr den Kandidaten für das Weihesakrament vorbehalten bleiben."
  • Papst Franziskus lässt in seinem Begleitbrief keinen Zweifel daran, dass die Kirche, wie dies Johannes Paul II. feststellte und was Franziskus hier  ausdrücklich wiederholt, keine Berechtigung hat, Frauen zu Priestern zu weihen. Was er tut ist, er unterscheidet zwischen ordiniertem (sakramentalem) Amt und nicht-ordiniertem (nicht-sakramentalem) Dienst. Und diese Unterscheidung ist korrekt, sie war es auch schon vor dem Vaticanum II. 
  • Jene nicht-sakramentalen Dienste werden seit Jahrzehnten von Laien übernommen, wie dies auch in der frühen Kirche der Fall war. Die sakramentale Ordnung der Kirche ist davon unberührt.
  • Die Änderung, die Franziskus nun für den CIC angeordnet hat, war eigentlich überfällig. Es geht ja letztlich nur um die Frage, ob auch Frauen dauerhaft zu jenen Diensten beauftragt werden können. Faktisch geschieht das schon vielerorts, es sorgte bloß für mehr Papierkram, dass die befristete Beauftragung regelmäßig "verlängert" werden musste.
  • Faktisch wurde übrigens schon 1997 eine dauerhafte Beauftragung auch von Frauen zum Dienst des außerordentlichen Kommunionspenders ermöglicht. In der "Instruktion zu einigen Fragen über die Mitarbeit der Laien am Dienst der Priester", die von allen römischen Dikasterien (auch von Ratzinger) unterzeichnet wurde, heißt es: "Wenn Gründe echter Notwendigkeit es nahelegen, können Laien vom Bischof beauftragt werden, als außerordentliche Kommunionspender auch außerhalb der Eucharistiefeier die heilige Kommunion auszuteilen, 'ad actum vel ad tempus' oder auf Dauer; dazu ist der dafür vorgesehene liturgische Ritus anzuwenden." (Instr. Art 8 §1)
  • Die Ironie dabei ist übrigens Folgendes: Da der Gegenstand der aktuellen Frage die Dauerhaftigkeit der Beauftragung von Laien zu diesen Diensten ist, wird eigentlich nochmal deutlicher, wie wenig das hier Behandelte mit den "niederen Weihen" von einst zu tun hat, denn diese waren gerade nicht "auf Dauer", sie waren seit vielen Jahrhunderten nur noch Durchgangsstufen ohne real existierende Funktion - es war durchaus üblich, dass ein und derselbe "Weihekandidat" mehrere dieser "niederen Weihen" in ein und der selben Feier nacheinander gespendet bekam.
  • Die katholischen Stände waren übrigens nie nur schwarz/weiß, Laien/Kleriker. Klassischerweise gab (und gibt) es zwischen dem geweihten Amt (Diakone, Priester, Bischöfe) und den nicht-ordinierten Laien noch so manche "Zwischenstufe". Dazu zähl(t)en etwa die geweihten ("ordinierten") Jungfrauen, die Witwen, Bekenner und eben auch Lektoren (vgl. Martimort, Handbuch der Liturgiewissenschaft 2, Freiburg 1965, 11). Nie wurde das als eine Verwischung des Unterschieds zwischen Laien und Klerikern wahrgenommen, und auch Franziskus lässt an dieser Unterscheidung keinen Zweifel.
  • Wer hier Salamitaktik unterstellt, muss m.E. diese selbe Motivation auch für die Entscheidungen von Paul VI. und Johannes Paul II. unterstellen. Wenn überhaupt, dann ist die aktuelle Entscheidung von Franziskus eine weitere überdeutliche Bestätigung dafür, dass Frauen nicht das Sakrament der Weihe empfangen können, da jetzt deutlicher wird, für welche Dienste keine Weihe erforderlich ist, bis wohin der "Laiendienst" reicht, und wo er seine Grenze hat.