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Donnerstag, 23. Juli 2015

Ist praktizierte Homosexualität Sünde?

Der Richter auf dem Regenbogen
Weil das Thema seit der hier eingetretenen Blogruhe überall hochgekocht ist, der US-Supreme Court meint, ein neues Menschenrecht zu definieren und ein gewisser Kardinal doch allen ernstes der Meinung ist, dass dies ein Kernanliegen der kommenden Familiensyode sein solle, ein paar Gedankenfetzen zur Orientierung. (Ich verdanke die Ausarbeitung dieses und weiterer damit zusammenhängender Texte, bereits vor einigen Wochen, einer Anregung von Unbekannt auf Facebook; danke dafür! Konnte dadurch für mich einiges ordnen.)
Ich lege hier nicht meine eigene Meinung dar, sondern den Standpunkt der Bibel (und damit des kirchlichen Lehramtes). Vgl. auch meine Ausführungen über das Be-urteilen von Sünde: hier.



Eine Vorbemerkung: Um gleich mal dem völlig falschen Eindruck zu wehren, Christen hegten speziell gegen homosexuell empfindende Menschen einen Groll, sei darauf hingewiesen, dass nach katholischem Verständnis das Ausleben der menschlichen Sexualität seinen einzigen legitimen Ort in der unauflöslichen Gemeinschaft der Ehe hat. Eine Ehe wiederum kann nach katholischem Verständnis (und darin zu unterscheiden von dem, was etwa manche Staaten unter dem Begriff "Ehe" verstehen) nur zwischen einem Mann und einer Frau gültig geschlossen werden. Folglich ist jeder vor- und außereheliche Geschlechtsverkehr als schwere Sünde zu betrachten, gleichgültig ob die Handelnden nun homo- oder heterosexuell empfinden. Dass Sex nur in die Ehe gehört, darf im Übrigen durchaus als ein Grundpfeiler der ganzen katholischen Sexualmoral betrachtet werden.
Immer gilt: Als Christen sind wir dazu gerufen, jeden Menschen, auch den Sünder (wir sind ja selber welche), zu achten, anzunehmen und zu lieben. Aber die Sünde sollen wir bekämpfen (auch unsere eigene); nie können wir Sünde einfach akzeptieren oder sogar gutheißen. Es gilt also immer zwischen den Menschen und ihren (sündhaften) Handlungen zu unterscheiden. Grundsätzlich verlangt aber der "Kampf gegen die Sünde" von uns Widerstand "bis aufs Blut" (Hebr 12,4).

»Eine nicht geringe Anzahl von Männern und Frauen haben tiefsitzende homosexuelle Tendenzen. Diese Neigung, die objektiv ungeordnet ist, stellt für die meisten von ihnen eine Prüfung dar. Ihnen ist mit Achtung, Mitgefühl und Takt zu begegnen. Man hüte sich, sie in irgend einer Weise ungerecht zurückzusetzen. Auch diese Menschen sind berufen, in ihrem Leben den Willen Gottes zu erfüllen und, wenn sie Christen sind, die Schwierigkeiten, die ihnen aus ihrer Verfaßtheit erwachsen können, mit dem Kreuzesopfer des Herrn zu vereinen.« (KKK 2358)

Oft wird gesagt, Jesus habe nichts zum Thema Homosexualität gesagt, darum dürfe die Kirche sie auch nicht verurteilen. Und es stimmt: Jesus hat nie das Wort "Homosexualität" gebraucht. Und er hat auch nie die mit diesem Wort bezeichnete Handlung explizit benannt. Aber dieser Hinweis auf das Vorkommen oder Nichtvorkommen von Begriffen im Munde Jesu hat keinerlei argumentative Kraft, denn ebensowenig hat Jesus Vergewaltigung, Pädophilie, Sodomie, Prostitution, Abtreibung, Umweltzerstörung oder Sklavenhandel explizit erwähnt; trotzdem halten wir diese Dinge für sündhaft. 

Ironischerweise vertreten die Leute, die damit argumentieren, dass Jesus dazu ja nichts gesagt habe, sehr oft auch vehement die Ansicht, die Kirche müsse endlich Scheidung und Wiederheirat anerkennen... ... Jesus: "Wer seine Frau aus der Ehe entlässt und eine andere heiratet, begeht ihr gegenüber Ehebruch. Auch eine Frau begeht Ehebruch, wenn sie ihren Mann aus der Ehe entlässt und einen anderen heiratet." (Mk 10,11f.; vgl. auch Mt 5,32; 19,9; Lk 16,18; 1.Kor 7,10f.)

Auch wird gesagt, dass das Verbot von Homosexualität alttestamentlich sei, und wir würden doch heute auch niemanden mehr steinigen. Das ist insofern falsch, weil bereits im Alten Testament die jeweiligen Gesetze und Vorschriften unterschiedliches Gewicht hatten und sie in verschiedenen Kontexten und auf verschiedene Personen(gruppen) Anwendung fanden - also nicht alle Vorschriften gleich-wertig waren. Und im Neuen Testament finden wir, autoritativ durch Jesus selbst und seine Apostel, eine "Umwertung" des Gesetzes. Jesus führt die Vielzahl der alttestamentlichen Ge- und Verbote auf ihren vom Schöpfer gesetzten Kern zurück ("der Sabbat ist für den Menschen da", "am Anfang war das nicht so"), was in Teilen einer Abschaffung gleichkommt, in anderem eine Milderung oder aber auch eine Verschärfung des bisher Geltenden bedeutet. Laxismus kann man Jesus jedenfalls nicht vorwerfen. 
Es gilt zu unterscheiden und besonders in den Blick zu nehmen, was denn nun eigentlich für Christen gilt und was nicht. Aber der Reihe nach.
 

Jesus sagt in Mt 5,17, dass er nicht gekommen sei, das (jüdische) Gesetz aufzulösen, sondern es zu erfüllen. Er kannte dieses Gesetz (die Thora), nach dem auch er und seine Familie lebten (vgl. Lk 2), auswendig und hat immer wieder ganz selbstverständlich darauf Bezug genommen und es oft auch interpretierend kommentiert. Für uns stellen sich hier zwei Fragen: Was sagt dieses Gesetz zu homosexueller Praxis? Und: Inwiefern sind diese Aussagen auch für Nichtjuden relevant?
Im Buch Leviticus (Drittes Buch Mose) finden wir fast ausschließlich Stellen, an denen es in der Einleitung von Gesetzesvorschriften heißt: "Sage Aaron und seinen Söhnen [= den Priestern]..." oder "Sage den Söhnen Israels..." (z.B. Speisegesetze). Folglich sind die so eingeleiteten Gesetze in erster Linie relevant für Juden. Es gibt lediglich vier Stellen, an denen diese Formulierung auffällig anders lautet, nämlich: "Sage den Söhnen Israels und den Fremden die in eurer Mitte wohnen...". Diese Gesetze, es sind Verbote, betreffen also auch die Nichtjuden. Diese sind:

1. Götzenopfer (Lev 17,8f.; 20,2)
2. Blut trinken (Lev 17,10.12)
3. Ersticktes essen (Lev 17,13)
4. Unzucht (Lev 18)

Unzüchtiges Verhalten wird in Lev 18 näher spezifiziert: Jegliche Form von Inzest, Ehebruch, der Beischlaf von Männern mit Männern sowie sexueller Verkehr mit Tieren. Sex von Männern mit Männern wird dabei explizit als Gräuel bezeichnet, eine Kategorie, die ansonsten vor allem für die Bewertung von Götzen(dienst) Verwendung findet (siehe dazu z.B. 2.Kön 23,13 und Hes 8), also für Verstöße gegen das allem anderen zugrundeliegende 1. Gebot des Dekalogs.
In der heidnischen Umwelt Israels - zur Zeit der Gesetzgebung (etwa in Ägypten oder Kanaan) wie auch zur Zeit Jesu (in der ganzen griechisch geprägten Welt des Mittelmeeres) - war ausgelebte Homosexualität eine verbreitete und gesellschaftlich akzeptierte Erscheinung. Die Juden machten dabei jedoch nicht mit, denn dem Gesetz Gottes zufolge handelt es sich hierbei um Praktiken, die die Menschen und auch das ganze Land, in dem sie leben, unrein machen (vgl. Lev 18,28), also um besonders schwerwiegende Vergehen die nicht gebunden sind an eine bestimmte Zeit oder Personen(gruppe).
  

Das Neue Testament bringt nun einige Änderungen für den Umgang mit dem Gesetz. Die Rezeption dieser hier relevanten und zuvor genannten Gesetze ist es, die uns jetzt interessiert. Und genau da finden wir eine erstaunliche Beständigkeit im Zeugnis der Schift vor:
A) Jesus, der mit dem Gesetz bestens vertraut war, nennt ausdrücklich die Unzucht  (und wir haben keinen Grund, anzunehmen, dass er darunter etwas anderes versteht als das, was das jüdische Gesetz darunter versteht) und verurteilt sie als etwas, das aus dem Herzen des Menschen kommt und ihn unrein macht: "Denn von innen, aus dem Herzen der Menschen, kommen die bösen Gedanken, Unzucht, Diebstahl, Mord, Ehebruch, Habgier, Bosheit, Hinterlist, Ausschweifung, Neid, Verleumdung, Hochmut und Unvernunft." (Mk 7,21-22)
B) Paulus, der große Lehrer der göttlichen Liebe (vgl. 1.Kor 13), greift dies in seinem Brief an die Römer auf (Röm 1,24ff.) und behandelt auch explizit gleichgeschlechtlichen Geschlechtsverkehr mit harten Worten: Männer wie Frauen haben "den natürlichen Verkehr [...] verlassen [und] sind in ihrer Begierde zueinander entbrannt". "Sie vertauschten die Wahrheit Gottes mit der Lüge" weil sie es "nach ihrem eigenen Urteil nicht nötig hatten, Gott anzuerkennen" und "empfingen den gebührenden Lohn ihrer Verirrung an sich selbst."
C) Exakt jene vier Bereiche, die auch für die "Fremden in Israel" verboten waren (Götzenopfer, Blut und Ersticktes, Unzucht [mit allem, was dazugehört]), werden - darin im Sinne des Gesetzgebers völlig folgerichtig - auch vom Apostelkonzil (Apg 15) für die nichtjüdischen Nachfolger Jesu als einzige verbindliche Gebote des in Leviticus gegebenen Gesetzes benannt: "Denn der Heilige Geist und wir haben beschlossen, euch keine weitere Last aufzuerlegen als diese notwendigen Dinge: Götzenopferfleisch, Blut, Ersticktes und Unzucht zu meiden. Wenn ihr euch davor hütet, handelt ihr richtig." (Apg 15, 28f.) Was früher für alle, auch die Nichtjuden, galt, gilt weiterhin für alle.
D) Nach Offb 21,8 wird nichts Unreines in das neue, ewige Jerusalem, die Stadt Gottes hineinkommen: "Aber die Feiglinge und Treulosen, die Befleckten, die Mörder und Unzüchtigen, die Zauberer, Götzendiener und alle Lügner - ihr Los wird der See von brennendem Schwefel sein. Dies ist der zweite Tod." Und noch knapper: "nichts Unreines wird hineinkommen und keiner, der Gräuel [!] tut" (Offb 21,27)
  
Den neutestamentlichen Befund zusammenfassend, ergibt sich folgendes Bild:
a) Das von Gott den Juden (und den Fremden) gegebene Gesetz verbietet aufs Schärfste die Unzucht und darin auch expressis verbis das Ausleben gleichgeschlechtlicher Sexualität.
b) Jesus hat dieses Verbot bestätigt.
c) Die frühe Kirche hat dies einmütig und "im Heiligen Geist" ebenfalls bestätigt.
d) Die prophetische Beschreibung des Gerichtes Gottes in der Offenbarung des Johannes bestätigt schließlich die Folgenschwere des Gräuels der Unzucht.
Anzumerken ist hierbei noch, dass die frühen Christen sehr bald auch von den verbliebenen Speisegeboten Abschied genommen haben, was aber durchaus auf der Linie von Jesu Verkündigung liegt, wie uns der Evangelist Markus ausdrücklich nach einer wörtlichen Rede Jesu in einer redaktionellen Anmerkung mitteilt: "Merkt ihr nicht, dass alles, was von außen in den Menschen hineingeht, ihn nicht unrein machen kann? ... Damit erklärte er [Jesus] alle Speisen für rein." (Mk 7,17f.)

Manchmal wird behauptet, das Thema sei unbedeutend, weil es im Gesetz selten explizit behandelt wird (nur Lev 18). Das stimmt aber nicht. Zuweilen wird auch gegenteilig behauptet, es gäbe in der Heiligen Schrift geradezu eine Obsession mit diesem Thema. Auch das stimmt nicht: Die Bibel behandelt einfach alles was den Menschen betrifft in gebührender und ungeschönter Weise (der KKK behandelt das Thema übrigens nur in 3 von insgesamt ca. 3000 Nummern - auch hier keine Obsession).


Dieser biblische Befund mag uns erschrecken. Wir müssen uns aber immer fragen, wie ernst wir das Wort Gottes nehmen. Die ganze Heilige Schrift ist hier eindeutig. Es gibt in der gesamten Bibel keine Andeutungen, die eine andere Schlussfolgerung nahelegen als diese, dass ausgelebte Homosexualität eine schwere Sünde ist. Es gibt keine Abmilderung und keine Relativierung. Wir wissen, dass Jesus gerade bei den Themen Ehe und Sexualität die Vorschriften des Alten Testaments nie abgeschwächt, sondern oft genug sogar noch (und zwar im Sinne des Schöpfers und Gesetzgebers) verschärft hat. Als die Juden Jesus fragten "Warum hat denn Mose geboten, einen Scheidebrief zu geben und zu entlassen?" Antwortet Jesus, das Zugeständnis des Mose aufhebend und auf die Schöpfungsordnung verweisend: "Er spricht zu ihnen: Mose hat wegen eurer Herzenshärtigkeit euch gestattet, eure Frauen zu entlassen; von Anfang an aber ist es nicht so gewesen. Ich sage euch aber, dass, wer immer seine Frau entlässt, außer wegen Hurerei, und eine andere heiratet, Ehebruch begeht; und wer eine Entlassene heiratet, begeht Ehebruch." (Mt 19,7-9)
Diese herausgehobene Stellung der Sexualität ist naheliegend, wenn man bedenkt, dass der Mensch auf diese Zweisamkeit hin geschaffen wurde ("als Mann und Frau schif er sie... sie werden ein Fleisch sein") und das "erste Gebot" Gottes an den Menschen auch hier angesiedelt ist ("seid fruchtbar und mehret euch"). Sie betrifft den Menschen so existentiell wie kein anderer Bereich des Lebens - positiv wie negativ. Unsere Sexualität ist ein wesentlicher Teil unseres Weges zur Heiligkeit, zum Leben bei Gott. Jenes berüchtigte Kapitel 18 in Levitikus ist denn auch nicht nur eine Schilderung einer schweren Sünde ("Gräuel"), die es zu unterlassen gilt, es ist v.a. eine Verheißung des Lebens, dem nämlich das Verbot einzig dient. Die Unterweisung beginnt wiefolgt:
»Ich bin der HERR, euer Gott.
Nach der Weise des Landes Ägypten, in dem ihr gewohnt habt, sollt ihr nicht tun; und nach der Weise des Landes Kanaan, wohin ich euch bringe, sollt ihr nicht tun; und in ihren Ordnungen sollt ihr nicht leben
Meine Rechtsbestimmungen sollt ihr tun, und meine Ordnungen sollt ihr halten, um in ihnen zu leben.
Ich bin der HERR, euer Gott.
Und meine Ordnungen und meine Rechtsbestimmungen sollt ihr halten. Durch sie wird der Mensch, der sie tut, Leben haben.
Ich bin der HERR.« (Lev 18,2-5; vgl. Lev 19,2) 


Die Kirche wusste sich immer an diese biblischen Vorgaben gebunden. Von einer veränderten Lebenswirklichkeit kann nicht die Rede sein, denn, wie gesagt, war Homosexualität in der Welt, in der das Christentum entstand, übliche Praxis (zusammen mit Gladiatorenkämpfen, Kreuzigungen und Sklaverei...). Was heute anders ist, ist die Einstellung mancher Hirten und vieler die sich Christen nennen, zum Wort Gottes... inwiefern es noch gilt und was das für Folgen hat für unser moralisches Urteilsvermögen. Ich werde letztere Frage in einem kommenden Beitrag vertiefen (hier).
»Homosexuelle Menschen sind zur Keuschheit gerufen [wie alle anderen Menschen auch]. Durch die Tugenden der Selbstbeherrschung, die zur inneren Freiheit erziehen, können und sollen sie sich – vielleicht auch mit Hilfe einer selbstlosen Freundschaft –, durch das Gebet und die sakramentale Gnade Schritt um Schritt, aber entschieden der christlichen Vollkommenheit annähern.« (KKK 2359)


PS. Was das nunmehr in den USA eingeführte so genannte "Menschenrecht" auf gleichgeschlechtliche Ehen betrifft, nur eine kurze Notiz: Als Katholiken leben wir schon seit Langem in einer Umwelt, in der es viele Lebensverhältnisse gibt, die - staatlicherseits oder von der veröffentlichten Meinung - als "Ehe" betrachtet werden, von denen wir aber wissen, dass sie keine sind. (Oder wie sollte man das sonst bewerten, dass Zweit- und Drittehen inzwischen völlig "normal" sind?) Schon heute müssen Katholiken ihren Begriff von Ehe samantisch von dem der Mehrheit der Gesellschaft abgrenzen. Insofern wird die in absehbarer Zeit auch hierzulande kommende "Homo-Ehe" wenig Neues bringen. Und wer mit dieser Entwickklung nicht schon seit geraumer Zeit gerechnet hat, der lebt wohl in einem Schneckenhaus... natürlich musste das kommen und natürlich wird das auch bei uns bald aktuell. Eine Ablehnung seitens des Staates ist heute nicht mehr haltbar. Machen wir uns nichts vor: Gesetzesentwürfe zu Geschwisterehe (in Zeiten von ubiquitärer Verhütung und Abtreibung fällt der biologische Grund für ein Inzestverbot faktisch weg) und Vielehe ("wo Menschen Verantwortung füreinander übernehmen") sind auch schon in vielen Schubladen auf stand-by.

Früher wollten die jungen Wilden die Ehe abschaffen, heute fordern sie "für alle" die Ehe. Freilich ist das Ergebnis dieser jeweiligen Bestrebungen das Gleiche: Eine faktische Egalisierung ist nur eben ein viel effizienterer Weg zu ihrer Zerstörung als die Agitation gegen sie... damit lässt sich Mehrheit (freilich nicht: Wahrheit) herstellen...
Alles was Menschen an "Gesetzen" machen, kann auch von Menschen wieder rückgängig gemacht werden. Auch die Legalität der Abtreibung wurde in den USA einst höchstrichterlich beschlossen, aber inzwischen hat der Lebensschutz dort die Chance, der neue Mainstream zu werden!

Sonntag, 8. Juni 2014

interreligiöses Pfingsten


Pfingsten ist mehr als ein christliches Wunder. Als Christen glauben wir, dass der Geist weht wo er will, und wir glauben, dass er überall dort wehen will, wo Menschen Gott suchen.

Man vergleicht gerne den Heiligen Geist mit dem Wind, und die Menschen mit einem Segelschiff. Ich finde diesen Vergleich sehr viel treffender, als den Geist etwa mit der Schwerkraft zu vergkleichen. Beides sind zwar Naturkräfte, aber während die Schwerkraft immer gleich wirkt, ja es unmöglich ist, sich gegen sie abzuschirmen (man kann ihr nur mit großem Aufwand widerstehen), bedarf das Segelschiff auch einiger Eigenschaften, um den Wind nutzen zu können. Zwar bewirken der bloße Luftwiderstand und die Reibung ein irgendwie geartetes Fortkommen, aber das ist eher ziellos und wenig hilfreich. Es braucht bestimmte Techniken und seemännisches Können, um den Wind "einzufangen" und nutzen zu können. So ist es auch mit dem Geist: Wenn man sich ihm nicht öffnet, sich auf eine gewisse Weise für ihn bereitet, dann verpufft er in seiner wesentlichen fruchtbaren Wirkung. Gott schenkt uns seine Gnade, aber er oktryiert sie nicht.

Das Treffen im Vatikan zwischen religiösen und staatlichen Führern des Nahen Ostens, scheint mir eine Gelegenheit gewesen zu sein, bei der die Segel geöffnet wurden. Jeder für sich, auf seine Weise. Aber doch in einer gewissen Gemeinschaft, nämlich als Kinder Abrahams und Geschöpfe des einen Schöpfers.
Als Christen dürfen wir darauf Vertrauen, dass der dreieine Gott auch in denen wirkt, die ihn nur unvollständig erkennen.
Es war ein schöner Anlass... hoffnungsvoll für den Frieden! Wie es an dem Treffen mit einem Zitat ausgedrückt wurde: Wer in Jerusalem Frieden schaffen kann, der kann in der ganzen Welt Frieden schaffen.
Orate fratres!

Montag, 26. Mai 2014

Prophetische Freundschaft

Im Uhrzeigersinn: Papst Franziskus, der Rabbi Abraham Skorka und der Scheich* Omar Abboud. Umarmung nahe der Klagemauer in Jerusalem (als Video gibs das hier).

Abraham Skorka ist Rektor des lateinamerikanischen Rabbinenseminars in Buenos Aires. Omar Abboud war Generalsekretär des islamischen Zentrums in Argentinien und ist gegenwärtig Direktor des Instituts für interreligiösen Dialog in Buenos Aires. Beide kennt Jorge Mario Bergoglio schon seit über 20 Jahren, alle drei verbindet eine enge Freundschaft.
Es ist sehr bewegend, diese "Männerfreundschaft" zu sehen an so einem wichtigen Ort (wobei der Scheich sich aus naheliegenden Gründen nicht der Mauer genähert hat). Es ist geradezu prophetisch, dass wir einen Papst haben, der eine solch enge Freundschaft über die religiösen Grenzen hinweg pflegt und auch als Papst nicht aufgibt. Wenn Frieden irgendwie möglich ist, dann mittels solcher Freundschaften!
Deo gratias!
 
Hier ist das gleiche Ensemble vor ein paar Jahren in Buenos Aires.

* "Scheich" ist ein arabischer Ehrentitel der sowohl im religiösen wie im profanen Bereich im Islam geläufig ist.

Donnerstag, 8. Mai 2014

Jeder gegen jeden

Tolles Bild eben auf kath.net mit drei erstaunlich ähnlichen Schlagzeilen:
»Hagia Sophia soll offenbar wieder als Moschee genutzt werden«

»Maroniten-Patriarch: Heiliges Land gehört den Christen«

»'Tod den Arabern, den Christen und allen, die Israel hassen'«

Muslime provozieren Christen, Christen provizieren Juden, Juden provozieren Christen und Muslime... Gehts noch?

Montag, 17. März 2014

Happy Purim!

Gestern und heute feiern die Juden das Fest Purim bzw. Schuschan-Purim (siehe unten). Purim wird am 14. Adar begangen, dieses Jahr entsprach das dem 16. März.

Das passt irgendwie, hat doch die Kirche in ihrer Liturgie vergangenen Donnerstag das Gebet der Ester (Est 14,1.3-5.12-14) gelesen.

Aber immer der Reihe nach: Purim ist kein Fest, das in der Tora verankert ist. Wie Chanukka (siehe hier), ist auch dieses Fest erst nach dem babylonischen Exil entstanden. Und es geht genau auf jene Episode zurück, aus der die Kirche letzte Woche eine Schlüsselstelle gelesen hat: Wir befinden uns in der babylonischen Gefangenschaft. Weil der am Königshof in Dienst stehende Jude Mordechai sich nicht vor ihm beugen wollte, beschloß der Hofbeamte Haman alle Juden töten zu lassen. Aber die Königin Ester (eine Adoptivtochter Mordechais, die, als Jüdin!, auf Umwegen die Frau des babylonischen Königs Ahasveros wurde, nachdem dieser seine erste Frau verjagte) beschwor den König, der sie über alles liebte, es nicht zuzulassen und gibt sich vor ihm als Jüdin zu erkennen. Daraufhin wird Haman erhängt und die Juden erhalten das Recht, sich gegen die Anhänger und Helfer Hamans zu wehren (was sie auch tun, indem sie die umbringen, die sie umbriungen wollten). Diese Gelegenheit markiert den einzigen Fall, bei dem sich die Juden in der Dispora selbst retteten. Ein Grund zu feiern!

Das Fest ist sowas wie der jüdische Karneval, nur dass das Fasten vor der Ausgelassenheit steht (weil Ester zusammen mit den Juden fastete, bevor sie beim König vorstellig wurde). Nach dem Fasten geht es bunt her: Die Kinder kommen in bunten Kostümen (z.B. sind die Mädchen gern als Prinzessin verkleidet, die Buben als Könige und Sultane) zum Gottesdienst in die Synagoge (soviel zum Thema Karnevals-Messen!). Am Abend wird die Ester-Rolle vorgelesen und jedesmal wenn der Name Haman ertönt, verwandelt sich die Synagoge in einen regelrechten Hexenkessel: Die Kinder machen Lärm mit Rasseln und Klappern, ein riesen Spaß!, die Erwachsenen stampfen auf den Boden und schlagen auf die Tische. Haman ist das Sinnbild aller Feinde der Juden und wird entsprechend verachtet.
Es wird viel getrunken an diesem Tag: Der Talmud sagt, man solle soviel trinken, dass man "Verflucht sei Haman" nicht mehr von "Gesegnet sei Mordechai" unterscheiden kann.
Es wird auch viel geköstigt, v.a. Süßes. Bekannt sind die Haman-Taschen (siehe Bild): kleine dreieckige Hefeteigtaschen mit Nüssen, Mohn und Marmelade gefüllt.

Der Name Purim stammt übrigens daher, dass der babylonische König am Beginn des Jahres immer das Los (hebr. pur) zu werfen pflegte, um etwas über das neue Jahr zu erfahren; das Los fiel auf den 13. Adar, was der Tag des Genozids an den Juden werden sollte. Der Genozid trat nicht ein, also wird am 14. Adar, dem Tag danach, gefeiert was das Zeug hält.

Warum ich oben meinte, dass das Fest auch heute (am 17. März), am 15. Adar gefeiert wird (und dann Schuschan-Purim heißt): Weil die damalige persische Hauptstadt Susa (hebr. Schuschan) eine Stadtmauer besaß, wird das Fest in einer Stadt, die seit der Zeit Josuas eine feste Stadtmauer besitzt, einen Tag später gefeiert, was aber heute nur auf Jerusalem zutrifft... und aus irgend einem Grund feiert man wohl auch in Prag Purim am 15. Adar.

Happy Purim! ;)
 

Das Gebet der Ester wie es die Leseordnung der Kirche aufweist:
In jenen Tagen wurde die Königin Ester von Todesangst ergriffen und suchte Zuflucht beim Herrn, und sie betete zum Herrn, dem Gott Israels:
Herr, unser König, du bist der Einzige. Hilf mir! Denn ich bin allein und habe keinen Helfer außer dir; die Gefahr steht greifbar vor mir.

Von Kindheit an habe ich in meiner Familie und meinem Stamm gehört, dass du, Herr, Israel aus allen Völkern erwählt hast; du hast dir unsere Väter aus allen ihren Vorfahren als deinen ewigen Erbbesitz ausgesucht und hast an ihnen gehandelt, wie du es versprochen hattest.
Denk an uns, Herr! Offenbare dich in der Zeit unserer Not, und gib mir Mut, König der Götter und Herrscher über alle Mächte!
Leg mir in Gegenwart des Löwen die passenden Worte in den Mund, und stimm sein Herz um, damit er unseren Feind hasst und ihn und seine Gesinnungsgenossen vernichtet.
Uns aber rette mit deiner Hand! Hilf mir, denn ich bin allein und habe niemand außer dir, o Herr!

Mittwoch, 1. Januar 2014

So sollt ihr die Israeliten segnen

‏ברכת כהנים‎, birkat kohanim
Weil es heute die erste Lesung ist.

Falls sich schonmal jemand gefragt hat, warum auf jüdischen Grabsteinen oft die typische Handhaltung zum vulkanischen Quasi-Segenswunsch "live long and prosper" ("lebe lang und erfolgreich"), wie man sie oft in Star Trek beobachten kann, abgebildet ist: Das hat nichts mit Star Trek zu tun. 

Es ist die (allerdings dann mit beiden Händen ausgeübte) typische Handhaltung beim Sprechen des Aaronitischen Segens. Ich frage mich, ob der Schöpfer von Star Trek, Gene Roddenberry, obwohl er kein Jude war, sich davon hat inspirieren lassen...


Der Herr sprach zu Mose:
Sag zu Aaron und seinen Söhnen:
So sollt ihr die Israeliten segnen; sprecht zu ihnen:
  
Der Herr segne dich und behüte dich.
Der Herr lasse sein Angesicht über dich leuchten und sei dir gnädig.
Der Herr wende sein Angesicht dir zu und schenke dir Heil.  
So sollen sie meinen Namen auf die Israeliten legen und ich werde sie segnen.


Wir sollten häufiger segnen!

Taufe und Beschneidung

»Als aber die Zeit erfüllt war, sandte Gott seinen Sohn, geboren von einer Frau und dem Gesetz unterstellt, damit er die freikaufe, die unter dem Gesetz stehen, und damit wir die Sohnschaft erlangen. Weil ihr aber Söhne seid, sandte Gott den Geist seines Sohnes in unser Herz, den Geist, der ruft: Abba, Vater. Daher bist du nicht mehr Sklave, sondern Sohn; bist du aber Sohn, dann auch Erbe, Erbe durch Gott.« (Gal 4,4-7)

»Als acht Tage vorüber waren und das Kind beschnitten werden sollte, gab man ihm den Namen Jesus, den der Engel genannt hatte, noch ehe das Kind im Schoß seiner Mutter empfangen wurde.« (Lk 2,21)

Ich habe letztes Jahr am 3. Januar das leider von der Liturgiereform vernichtete Fest des Namens Jesu behandelt und seine Verflochtenheit mit dem Fest der Beschneidung des Herrn, das, gleichfalls der Liturgiereform zum Opfer gefallen, heute am 1. Januar gefeiert wurde (mehr dazu: hier).

Die Beschneidung ist das Zeichen des Bundes zwischen Gott und Abraham.
»Du aber halte meinen Bund, du und deine Nachkommen, Generation um Generation. Das ist mein Bund zwischen mir und euch samt deinen Nachkommen, den ihr halten sollt: Alles, was männlich ist unter euch, muss beschnitten werden. Am Fleisch eurer Vorhaut müsst ihr euch beschneiden lassen. Das soll geschehen zum Zeichen des Bundes zwischen mir und euch. Alle männlichen Kinder bei euch müssen, sobald sie acht Tage alt sind, beschnitten werden in jeder eurer Generationen« (1Mo 17,9-12).

Die Beschneidung ist nicht nur Bundeszeichen, sondern sie ist der Bund selbst, sie ist die Bundeshandlung. Weswegen Gott sagen kann, dass ein Mann der nicht beschnitten ist, den Bund bricht (1Mo 17,14). [Übrigens ist die Tatsache, dass Abrahams erster Sohn Ismael 13 Jahre alt war, als er beschnitten wurdem (1Mo 17,24-25), der Grund, warum junge Muslime mit 13 beschnitten werden und nicht, wie die Juden, bereits als Säuglinge.]
Die Beschneidung ist jedoch weit mehr als ein physicher Akt. Bereits im Buch Deuteronomium ist ausführlich von der "Beschneidung des Herzens" die Rede, was den eigentlichen, tieferen Sinn dieser Bundeshandlung zeigt: 
»Ihr sollt die Vorhaut eures Herzens beschneiden und nicht länger halsstarrig sein.« (5Mo 10,16)
»Der Herr, dein Gott, wird dein Herz und das Herz deiner Nachkommen beschneiden. Dann wirst du den Herrn, deinen Gott, mit ganzem Herzen und mit ganzer Seele lieben können, damit du Leben hast.« (5Mo 30,6)

Es wird immer gesagt, das christliche Equivalent zur jüdischen Beschneidung sei die Taufe. Das ist richtig, aber oberflächlich.
Zunächst eine Frage: Wenn Männer dadurch in das jüdische Volk aufgenommen werden (also konvertieren) können, indem sie sich beschneiden lassen, wie werden denn dann Frauen zu Juden, da sie doch nicht beschnitten werden? Die Lösung: Durch ein Tauchbad, nicht unähnlich der Taufe. Die Taufe steht also von daher bereits in einer engeren Verknüpfung mit der Beschneidung, als dies zunächst scheinen mag.

Wenige Verse vor der heute aus dem Galaterbrief gelesenen Perikope finden wir jenes berühmte Bild, das für das Verständnis der Taufe von so großem Wert ist:
»Denn ihr alle, die ihr auf Christus getauft seid, habt Christus (als Gewand) angelegt.« (Gal 3,27)

Noch einmal Gal 4,6 (s.o.):
»Weil ihr aber Söhne seid, sandte Gott den Geist seines Sohnes in unser Herz, den Geist, der ruft: Abba, Vater.«

Die Parallelen zu den biblischen Aussagen über die Beschneidung sind ziemlich offensichtlich. Was bedeuten sie?
Die Taufe bedeutet für uns Christen in dem hier behandelten Zusammenhang zweierlei: Zum einen, dass wir Christus "als Gewand angelegt" haben. Und sie bedeutet weiters dass wir den Geist Christi in unsere Herzen eingegeossen bekommen haben (Johannes sagt bei Mk 1,8: "Ich habe euch nur mit Wasser getauft, er aber wird euch mit dem Heiligen Geist taufen.").
Wenn wir nun aber als physisch Unbeschnittene den (beschnittenen) Juden Jesus anlegen, d.h. sein "Äußeres" (und also auch seine Identität als Jude, bezeugt im Bundeszeichen der Beschneidung) um uns legen, dann sind wir in einem gewissen Sinn nach der Taufe Beschnittene. 
Und mit dem Geist, der in unsere Herzen gesendet ist, erfahren wir die tiefere Dimension der Beschneidung: die Besch(n)eidung des Herzens.
 
Wir kommen ohne das Judesein Jesu nicht aus. Der "Oktavtag von Weihnachten" ist mehr als nur der Abschluss eines großen christlichen Festes, er markiert in besonderer Weise die Identität des Messias. Von einer jüdischen Frau geboren, deren Hochfest wir heute feiern, ist er wahrer Gott und wahrer Mensch. Ganz bei uns und ganz bei Gott, der einzige Mittler, das ewige Worte des Bundes an uns. Sein Geist belebt uns und hält uns in der Treue zu ihm.
Wir sind Gottes Eigentum und legitime Miterben seines Bundes den er mir Abraham geschlossen und in Christus endgültig gefestigt und besiegelt hat. 

Halleluja, Christus ist geboren!

Samstag, 17. August 2013

Interreligiös: Dialog und Respekt

Das Gegenteil von Respekt
Das Beiboot Petri haut wieder eine Aufregermeldung raus. Dort (klick) ist zu lesen:
»Die Kirche hat offiziell [...] Abschied von der Mission genommen. Jetzt wird nicht mehr das "Gehet hin in alle Völker..." befolgt- es ist durch ein zeitgeistkonformes pluralistisches  "dialogisiert mit allen Völkern und respektiert ihre jeweilig andere Religion" ersetzt worden.
[...] Das Christentum -so hört man nun also aus Rom- ist eine Religion unter vielen, gleichberechtigten und nicht mehr das Evangelium steht im Vordergrund sondern das Wohl der Menschheit durch Dialog«

Bezug genommen wird auf den Besuch von Kardinal Jean-Louis Tauran (dem als Kardinalprotodiakon das diesmalige "Habemus papam" zufiel) bei den Sikh in Birmingham im Juni dieses Jahres (besonders aktuell ist der Aufschrei also nicht, aber auch damals gab es deswegen bereits Scherereien).

Ich finde die Aussage von damasus recht befremdlich, zumal in dem von ihm als Beleg zitierten Text nichts von all dem vorkommt, was er ihm unterstellt. Weder findet sich darin eine Egalisierung oder Desavouirung des katholioschen Glaubens oder Christi Heilswerk, noch eine Absage an Mission, noch wird eine Prioritisierung des sozialen Wohles der Menschheit vor allem anderen (inkl. dem Heil derselben) vorgenommen.

Der Kardinal stellt lediglich fest, dass wir de facto (in Birmingham vermutlich noch mehr als in der durchschnittlichen deutschen Metropole) in einer Gesellschaft leben, in der in unserem direkten Umfeld mehr und mehr Menschen leben, die einer anderen Kultur und einer anderen Religion angehören (hier ist die ganze Ansprache nachzulesen), und dass wir dementsprechend nur durch gegenseitigen Respekt und durch Kommunikation (über)leben können. Abschottung und Bekämpfung führen nur zu dem einen: Krieg.

Kardinal Tauran ist Präsident des Päpstlichen Rates für den Interreligiösen Dialog. Allein diese Tatsache sollte aufhorchen lassen. Weil er dies ist, finde ich es nur mäßig überraschend, ihn von einem Dialog zwischen unterschiedlichen Religionen reden zu hören. Das ist nunmal seine Aufgabe, dafür wird er bezahlt. Und ich habe keinen Grund anzunehmen, dass er diesen Job nicht gut macht.

Die Behauptung, die Kirche habe "offiziell [...] Abschied von der Mission genommen" ist so irre, dass ich gar nicht recht weiß, wo ich anfangen soll... Für alle Fälle sei daher mal kurz auf die sprachliche Ebene der Kritik eingegangen: dialogisieren und respektieren mit/von anderen Religionen.
Respekt ist leteinischen Ursprungs und besteht aus dem Präfix re "zurück" und dem Verb specere "schauen auf", und kam wohl in der Form respicere, was soviel wie "zurücksehen", "überdenken", "berücksichtigen" bedeutet, auf uns. Ein adäquates Synonym in diesem hier gegebenen Kontext wäre das deutsche Wort "Achtung". 
Dialog ist ein Kompositum aus der griechischen Präposition dia (διά) "durch"/"zwischen" und dem Verb legein (λέγειν) "reden" und kam über das Verbum dialegomai (διαλέγομαι) "miteinander reden"/"diskutieren" und das lateinische dialogus schließlich in unseren mitteleuropäischen Sprachgebrauch. Synonym wäre hier nun das deutsche Wort "(Zwie)Gespräch".

Wenn wir also nicht "dialogisieren und respektieren" sollen, was schlägt denn nun damasus als Alternative zu Respekt und Dialog zwischen den Religionen vor? Respektlosigkeit? Verachtung? Schweigen? Ignorieren? Gewaltsam und/oder mittels Propaganda bekämpfen?

Anders gefragt: Wie stellt sich damasus Frieden auf der Welt vor, der ja immer, auch für Christen, durchaus anzustreben ist, weil Krieg bekanntermaßen ein grässliches Monster ist, das Menschen, vor allem die Schwachen und Armen, frisst und verschlingt ohne je satt zu werden? Da die Religion allzuoft und immer schon den Vorwand für Krieg lieferte, ist es da nicht irgendwie sinnig, genau auf dieser ebene Frieden zu suchen? Und wie wäre der wohl zu bewerkstelligen, wenn nicht durch Dialog und Respekt? Ob damasus wohl eine Situation lieber wäre
, wie sie derzeit von einigen Radikalen in Ägypten im wahrsten Sinne "befeuert" wird (s. Bild)? Dort kann man beobachten, was ein Mangel an Respekt anrichten kann!

Habe selten so dummes Geschwätz in der Blogozese gelesen...
Nein, "Rom" hat sich nicht von der Evangelisierung verabschiedet. Es tut nur etwas, was die Islamisten, fundamentalistische Christen und sonstige Spinner nicht tun: Respekt vor den anderen haben, mit ihnen reden und das was es an gemeinsamen Werten gibt zum Wohle der Menschen pflegen und fördern.

Überaus bewegt war ich von der interreligiösen Begegnung, an der Papst Benedikt während seiner Israelreise im Mai 2009 in Galiläa teilnahm. Am Ende dieser Begegnung wurde ein wunderbares Zeichen gesetzt, nämlich ein gemeinsames (gesungenes) Gebet um Frieden: 


Freitag, 2. August 2013

Der Gott der Muslime

Immer wieder kommt es mir vor die Augen, wie Katholiken den Anhängern des Islam absprechen wollen, dass diese an Gott (Allah, s. Bild) glauben.
Und jedesmal ist es die gleiche ignorante und arrogante Art, die da zu spüren ist.

Aus aktuellem Anlass mal ein paar Gedanken dazu.

katholisches.info dupliziert mal wieder (im Rahmen des derzeit wohl angesagten Papstbashings) Messa in Latino (hier und hier). Diesmal mit diesem haarsträubenden Schmankerl; ein, wie sie es nennen, "Promemoria" für den Heiligen Vater; Anlaß ist die Grußbotschaft des Papstes an die Moslems zum Ende des Ramadan. Es geht um Begriffe und es geht um Logik, was auch den systematischen Aufbau erklärt. Der Autor jener Zeilen will dem Leser etwas logisch zwingend "beweisen". Der Einfachheit halber nummeriere ich mal die einzelnen Sätze.

»1) Wer nur an Gott glaubt, ist Jude.
2) Wer nicht an Jesus Christus wahrer Gott und wahrer Mensch glaubt, ist nicht Christ.
3) Wer nicht an Gott Heiliger Geist glaubt, ist nicht Katholik.
4) Die Allerheiligste Dreifaltigkeit ist der wahre und einzige Gott.


5)Der Islam glaubt nicht an Jesus Christus als Gott, deshalb ist Allah nicht Gott.
6)Deshalb ist Allah nicht unser Gott-Vater, weil er nicht derselbe christliche Gott ist.
7)Es ist daher nicht wahr, daß der Gott der Juden und der Christen, derselbe Gott der Moslems ist.
8) „Wer mich sieht, sieht den Vater“, sagt Jesus.
9) Jesus ist der Weg, um zum Vater zu gelangen: ohne Jesus ist der Vater nicht derselbe.
10) Der Heilige Geist qui ex Patre Filioque procedit.


11) Der Vater, der Sohn und der Heilige Geist sind die Allerheiligste Dreifaltigkeit, wahrer und einziger Gott.«

Zu 1): Nonsens. Hier herrscht eine ziemliche Begriffsverwirrung, da nicht nur Juden "nur an Gott" glauben. Wir Christen tun das auch. Und Muslime auch. Mir scheint, der Autor ziert sich hier etwas, weil er eigentlich auch den Juden absprechen möchte, dass sie an Gott glauben... wohl weil es unschick ist, tut ers nicht. Siehe Punkt 5).
Zu 2): Es gab v.a in der frühen Kirche einige "christliche Sekten", die die wahre Gottheit Jesu ablehnten. Inwiefern man diesen das "Christ"-sein absprechen kann, halte ich rein begrifflich für zweifelhaft, da sie sich ja durchaus auf Christus beriefen, ihn aber eben nicht als Gott anerkannten.
Zu 3): Das ist eine merkwürdige Aussage. Heißt das, man kann getrost orthodoxer oder protestantischer Christ sein, ohne an den Heiligen Geist zu glauben?
Zu 4): "Die Dreifaltigkeit ist Gott" halte ich für eine zumindest fragwürdige Formulierung. Gott ist dreieinig, ja. Vater, Sohn und Geist sind gleichermaßen der eine Gott. Aber "die Dreifaltigkeit" als Gott zu bezeichnen? Wir beten ja auch nicht "die Dreifaltigkeit" an, sondern Gott (in drei Personen).
Zu 5): Non sequitur. Nur weil Muslime nicht an die Göttlichkeit Jesu Christi glauben, heißt das noch gar nichts für ihren Gottglauben. Siehe Punkt 1): Auch die Juden glauben nicht an die Göttlichkeit Jesu Christi... wieso kann man denen dann aber zubilligen immerhin "nur an Gott" zu glauben?
Zu 6): Hier scheint der Autor selbst nicht mehr zu wissen, was er eigentlkich sagen will... im grunde ist es ein Zirkelschluss: Der islamische Gott ist nicht der christliche Gott, weil der christliche Gott nicht der islamische Gott ist. Klingt logisch, sagt aber nichts.
Zu 7): In der Scheinwelt des Autors ist genau genommen auch der jüdische Gott nicht der selbe wie der christliche.
Zu 8): Zitate Hinklatschen ist leicht. Aber was bedeutet es? Heißt das, dass Jesu Zuhörer, als sie ihn anschauten, den Vater sahen? Hat der Vater etwa die gleiche Frisur? Die gleichen Flecken und Narben? Was sahen denn Jesu Zuhörer (und Zuschauer)?
Zu 9): Richtig: Jesus ist der Weg. Und was bedeutet das? Der Rest ist falsch. Ohne Jesus gäbe es gar keinen "Vater", denn der Vater ist Vater in seiner Relation zum Sohn, wie der Sohn Sohn ist in Relation zum Vater. Ohne den Sohn kein Vater, ohne den Vater kein Sohn. Die Personen unterscheiden sich nämlich in ihrer Relation zu einander.
Zu 10): Abgesehen von der mangelhaften Übersetzung, gibt es an dieser Feststellung nichts zu mäkeln.
Zu 11): Siehe 4).

Der Autor dieser Zeilen, der sich offenbar als Hüter der katholischen Wahrheit betrachtet, begeht hier eine ganze Reihe von Fehlern, für die man in einer Prüfung im theologischen Grunstudium grandios durchfallen würde. Vor allem den, dass er "Gott" und "Gottesbild" nicht zu unterscheiden vermag. Dass es einen Unterschied gibt, zwischen dem, wie wir Menschen uns Gott vorstellen und was wir über ihn wissen (können), und dem, wie Gott in Wirklichkeit ist, kommt ihm gar nicht in den Sinn. Für den Autor scheint das Dogma sein ein und alles zu sein, aber zugleich hat er bestechend wenig Ahnung davon.
Krass ist auch, wie er, vielleicht unbewusst, eine Hierarchie in Gott einbaut, indem er Gott Vater andeutungsweise zum "eigentlichen" Gott erklärt. Jesus erscheint zuweilen nurmehr als der "Weg" zu jenem. Den Muslimen spricht er den Glauben an den einzigen Gott ja mit dem Argument ab, sie würden nicht an Christus glauben, der der Weg zum Vater ist, und folglich wäre der "Vater" ("Gott"?) für sie "anders"... Muslime würden also nicht an den gleichen Gott glauben, weil sie nicht an Jesus glauben... ganz dezent wird hier die Gottheit Jesu untergraben und Gott-Vater mit Gott per se gleichgesetzt. Wie sonst ist es zu erklären, dass Juden angeblich "nur an Gott" glauben? Ist der Christengott etwa "mehr" als "nur Gott"? "Gott Plus"? "Gott plus Jesus"?
Dass sich die exakt gleiche Argumentation auch auf die Juden anwenden ließe, ist dem Autor wohl nicht bewusst gewesen.

Zu sagen bleibt, dass die Tatsache, dass Juden und Muslime ein anderes Gottesbild haben, kein Urteil zulässt, wonach sie aufgrund ihres (verglichen mit dem christlichen, trinitarischen) falschen oder defizitären Gottesbildes, nicht den wahren Gott verehren. Ein Mangel an Wissen oder falsches Wissen schließt nicht von der Verehrung Gottes aus! Wir sind hier ja schließlich nicht bei den Gnostikern!
Das Gegenteil ist der Fall: Auch durch ein falsches Gottesbild hindurch (weil man es z.B. nicht besser weiß) wird, bei rechter (d.h. gottsuchender) Gesinnung, der eine und einzige Gott verehrt. Das ist sogar biblisch bezeugt, nämlich bei Paulus in Athen: "Denn als ich umherging und mir eure Heiligtümer ansah, fand ich auch einen Altar mit der Aufschrift: EINEM UNBEKANNTEN GOTT. Was ihr verehrt, ohne es zu kennen, das verkünde ich euch." (Apg 17,23)
Was tun denn die Juden und Muslime, die nicht an einen dreieinigen Gott glauben, anderes, als unwissend den einen wahren und dreieinigen Gott zu verehren, den sie zwar nicht als "den dreieinigen" kennen, den sie aber doch als den einen, den Schöpfer uvm. anerkennen?
Ihr Gottesbild mag fehlerhaft(er als das christliche) sein; aber das bedeutet nicht, dass sie nicht Gott verehren!

Schließlich gilt auch für katholisches.info, so sie ihr "katholisch" würdig tragen wollen, was das Zweite Vatikanischen Konzil darüber gesagt hat:
»Mit Hochachtung betrachtet die Kirche auch die Muslim, die den alleinigen Gott anbeten, den lebendigen und in sich seienden, barmherzigen und allmächtigen, den Schöpfer Himmels und der Erde, der zu den Menschen gesprochen hat. Sie mühen sich, auch seinen verborgenen Ratschlüssen sich mit ganzer Seele zu unterwerfen, so wie Abraham sich Gott unterworfen hat, auf den der islamische Glaube sich gerne beruft.« (NA 3)

Sonntag, 14. Juli 2013

schwierige Exegese...?

In der außerordentlichen Form war heute die Perikope mit dem untreuen Verwalter bei Lukas dran (Lk 16,1-9). Mich interessiert hier v.a. Vers 8.
»8 Und der Herr lobte die Klugheit des unehrlichen Verwalters und sagte: Die Kinder dieser Welt sind im Umgang mit ihresgleichen klüger als die Kinder des Lichtes.
9 Ich sage euch: Macht euch Freunde mit Hilfe des ungerechten Mammons, damit ihr in die ewigen Wohnungen aufgenommen werdet, wenn es (mit euch) zu Ende geht.«

Der Vers 8 dieser Perikope hat allem Anschein nach schon sehr lange die Exegeten verwirrt. In einem alten Schott steht hinter "Herr" eine Anmerkung, wonach der Grundbesitzer im Gleichnis gemeint sei.
Aus der exegetischen Literatur erfährt man, dass es mal so, mal anders gedeutet wurde. Mal war der Grundbesitzer innerhalb des Gleichnisses dieser "Herr", mal wurde es auf Jesus hin ausgelegt. Auch in der aktuellen Literatur scheint das sehr schwankend zu sein.
Ich wundere mich über derlei Verwirrung, denn dieses "Der herr lobte..." passt in die handlung des Gleichnisses überhaupt nicht rein! Also: GAR NICHT! Mir ist schleierhaft, wie man überhaupt auf diese Idee kommen kann. Es kann nur Jesus gemeint sein (den Lukas häufig einfach "der Herr" nennt: 7,13; 10,1; 12,42 u.ö.).
Lukas tritt hier aus der Wiedergabe des Gleichnisses heraus und berichtet uns, was Jesus tat, ohne ihn sofort wörtlich zu Wort kommen zu lassen. Das zeigt die Vielseitigkeit der lukanischen Erzähltechnik.

Der Grund, warum mit diesem "Der Herr lobte..." unmöglich der Grundbesitzer im Gleichnis gemeint sein kann, ist eigentlich offensichtlich: Wenn man sich einmal in das Gleichnis hineinversetzt wird klar, dass, wenn der Chef erfahren würde, dass sein Verwalter so handelt, er ihn wohl kaum loben würde. Er würde ihn bestrafen und seinen Betrug, dessen Leidtragender er ist, rückgängig machen. Und warum um alles in der Welt sollte der Grundbesitzer hier anfangen von "Kindern des Lichts" zu reden?
Das Gleichnis zielt offensichtlich nicht auf eine moralische Begutachtung des Tuns des Verwalters, denn in Vers 9f wird eine derartige Deutung nicht einmal ansatzweise angesprochen. Die Intention Jesu ist offensichtlich eine andere. Das Gleichnis zielt auf die Klugheit und "Umsichtigkeit" des Verwalters ab, sich mit der unausweichlich und postwendend eintretenden Situation (er verliert seinen Job und sein Ansehen!) auseinander zu setzen und vorzusorgen. Er tut also das best mögliche: Er macht sich Freunde, er schafft sich Leute, die bei ihm "was gut haben".
Es hat sich mir nie erschlossen, wie man ob dieses Zeugnisses des Evangelisten verwirrt sein kann oder sie auch nur als "irgendwie unklar" betrachten kann... aber vllt. bin ich damals, als mir diese Stelle zum ersten Mal begegnete, in meiner völlig naiven Unbedarftheit einfach in einer besseren weil unverblendeten Lage gewesen... 

Die Exegeten machen es sich schon manchmal schwer... ich mache an der Uni des öfteren die Erfahrung, dass Stellen als "schwierig" oder "unklar" deklariert werden, die es eigentlich nicht sind... und ich stelle nicht selten fest, dass gerade die hochqualifizierten Fachidioten oft so abgehoben auf den Text schauen, dass sie schier nicht in der Lage sind, sich wirklich einmal in das berichtete Geschehen hinein zu versetzen.
Da lasse ich mich gerne vom Judentum belehren: Jüdische Mystik ist ganz wesentlich Schriftmystik, das kann dann z.B. heißen, sich ganz in die Schrift hinein zu begeben, so als wäre man bei den Geschehnissen wirklich dabei. Das (erhoffte) Ergebnis ist Verständnis, ist Einsicht. Das bedarf einiger Übung und ich merke an mir selbst, wie schwer mir das oft fällt. Aber es fruchtet.

Anyway. So wie der Verwalter, so sollen auch wir handeln: Das Gericht kommt für uns alle und wir wissen nicht wann... Wir sollen also klug sein, wie der Verwalter, und uns dort "Freunde" machen, wo es, im Angesicht des kommenden Gerichts, einzig von Wert ist: "sammelt euch Schätze im Himmel" (Mt 6,20).

Sonntag, 12. Mai 2013

Moderne antijüdische Exegese

Exegeten bei der Arbeit
»Natürlich wäre es ein Leichtes gewesen zu sagen: Geboren in Bethlehem, aber aufgewachsen in Nazereth. - Doch warum hält man so fest an der Beseitigung der Würde Bethlehems? Es ist offenkundig: Man will Jesus herausnehmen aus der messianischen Erwartung der Juden. Man stößt sich ganz gewaltig daran, dass Jesus der Messias des jüdischen Volkes gewesen sein soll. Man möchte ihn für einen bedeutenden Menschen halten, nur nicht für den bedeutendsten jüdischen Menschen. Deshalb darf es keine biblische Verheißung für Bethlehem geben. Jesus wird entjudifiziert.« (Klaus Berger, Die Bibelfälscher)

Den latente Antijudaismus, den Berger auch noch andernorts in seinem Buch erwähnt, habe ich in NT-Vorlesungen schon häufiger "gespührt" (ich konnte dieses mein Gefühl nur nie so klar in Worte fassen). Zwar ist man einerseits immer total stolz, dass man ja heute die geistige Größe besitzt, Jesus als Juden zu erkennen, und man verwendet löblicherweise auch nicht wenig Zeit auf die Behandlung der neutestamentlischen Zeitgeschichte, zugleich tut man aber alles, um Jesu (jüdische) Messianität zu bestreiten. Man meint, man täte dem Judentum einen Gefallen, indem man Jesu Bedeutung für dieses kleinredet.
Es ist dann natürlich eine interessante Frage: Ist das gut oder schlecht?
Ist es Judenfeindlich, wenn man behauptet, Jesus sei (zu allererst) der Messias der Juden?
Die Diskussion um die Karfreitagsfürbitte der überlieferten Messe kommt hier in den Sinn.

Ich persönlich halte es eher mit Berger: Jesus muss der Messias Israels sein, sonst ist er niemandes Messias, "denn das Heil kommt von den Juden" (Joh 4,22).

Nun kann man sagen, das sei ja voll antijüdisch, weil man den Juden die christliche Religion zu oktroyieren sucht. Eine Behauptung, die ein gewisses Bildungsdefizit offenbart, denn 1. ist Jesus der eine und einzige Erlöser ausnahmslos aller Menschen, und wem das nicht passt, der kann sich schwerlich "Christ" nennen; und 2. wendet man sich mit der Ablehung der Messianität Jesu, auch und zuerst für die Juden, im Grunde sehr krass gegen das jüdische Volk, denn man spricht diesem damit zugleich seine Heilsbedeutung und seine göttliche Erwählung ab. Nein, sagt man, das Heil, das kommt nicht von den Juden... für manche vielleicht, aber dann auch nur son bisschen...
Das ist gar kein geistiger Spagat, es ist ganz einfach: Das Volk Israel ist das auserwählte Volk Gottes. Mit diesem Volk will Gott sich der Welt offenbaren und er hat es ausgiebig getan - endgültig und im höchsten Maße in dem Juden Jesus aus Nazereth. Das ist der Grund auf dem das Christentum ruht. Das zu bekämpfen heißt nicht anderes, als das Christentum zu bekämpfen... und das Judentum gleich mit.
Dem aufklärerisch-stolzen Verkünden "Jesus war Jude" folgt dann sogleich implizit "... aber das spielt überhaupt keine Rolle. Eigentlich wäre es uns viel lieber, er wäre keiner."

Man gewinnt den Eindruck, viele Exegeten verhalten sich gegenüber der Wahrheit ganz genau so, wie die (siehe die heutige Lesung), die Stephanus, nachdem er rief "Ich sehe den Himmel offen und den Menschensohn zur Rechten Gottes stehen", zum Schweigen bringen (töten) wollten: "Da erhoben sie ein lautes Geschrei, hielten sich die Ohren zu, stürmten gemeinsam auf ihn los" (Apg 7,56-57).

Donnerstag, 11. April 2013

Die Bibel lesen

Im Anfang...
»Der lebendige Geist will begeisten und beleben; will, daß Geist und Leben einander finden, daß Geist sich ins Leben gestalte, Leben aus Geist sich kläre; er will, daß die Schöpfung sich aus sich vollende.
Dieses Willens und des gebotenen Dienstes am lebenverbundenen Geist Zeugnis will das "Alte Testament" sein. Faßt man es als "religiöses Schrifttum", einer Abteilung des abgelösten Geistes zugehörig, dann versagt es, und dann muß man sich ihm versagen. Faßt man es als Abdruck einer lebenumschließenden Wirklichkeit, dann faßt man es, und dann erfaßt es einen. Der spezifisch heutige Mensch aber vermag dies kaum noch. Wenn er an der Schrift überhaupt noch "Interesse nimmt", dann eben ein "religiöses" -- zumeist nicht einmal das, sondern ein "religionsgeschichtliches" oder ein "kulturgeschichtliches" oder ein "ästhetisches" und dergleichen mehr, jedenfalls ein Interesse des abgelösten, in autonome "Bereiche" aufgeteilten Geistes. Er stellt sich dem biblischen Wort nicht mehr, wie die früheren Geschlechter, um auf es zu hören, er konfrontiert sein Leben nicht mehr mit dem Wort; er bringt das Wort in einer der vielen unheiligen Laden unter und schafft sich Ruhe davor. So lähmt er die Gewalt, die unter allem Bestehenden am ehesten ihn zu retten vermöchte.
Die sich Besinnenden mögen mich fragen: "Und wenn dieser Mensch -- und wenn wir es zustande brächten, als Ganze vor die Ganzheit des Buches, von dem du redest, zu treten, würde nicht auch dann noch das zu einer echten Rezeption Unentbehrlichste fehlen? Würden wir dem Buch dann glauben können ? Würden wir es glauben können? Können wir mehr als glauben, daß einst so geglaubt worden ist, wie es berichtet und bekundet?"
Dem "heutigen Menschen" ist die Glaubenssicherheit nicht zugänglich und kann ihm nicht zugänglich gemacht werden. Wenn es ihm um die Sache ernst ist, weiß er das und darf sich nichts vortäuschen. Aber die Glaubensaufgeschlossenheit ist ihm nicht versagt. Auch er kann sich, eben wenn er mit der Sache wahrhaft Ernst macht, diesem Buch auftun und sich von dessen Strahlen treffen lassen, wo sie ihn eben treffen; er kann sich, ohne Vorwegnahme und ohne Vorbehalt, hergeben und sich erproben lassen; er kann aufnehmen, mit allen Kräften aufnehmen, und erwarten, was etwa an ihm geschehen wird, warten, ob nicht zu dem und jenem in dem Buch eine neue Unbefangenheit in ihm aufkeimt.
Dazu muß er freilich die Schrift vornehmen, als kennte er sie noch nicht; als hätte er sie nicht in der Schule und seither im Schein "religiöser" und "wissenschaftlicher" Sicherheiten vorgesetzt bekommen; als hätte er nicht zeitlebens allerlei auf sie sich berufende Scheinbegriffe und Scheinsätze erfahren; neu muß er sich dem neugewordenen Buch stellen, nichts von sich vorenthalten, alles zwischen jenem und ihm geschehen lassen, was geschehen mag. Er weiß nicht, welcher Spruch, welches Bild ihn von dort aus angreifen und umschmelzen, woher der Geist brausen und in ihn fahren wird, um sich in seinem Leben neu zu verleiben; aber er ist aufgetan. Er glaubt nichts von vornherein, er glaubt nichts von vornherein nicht. Er liest laut*, was dasteht, er hört das Wort, das er spricht, und es kommt zu ihm, nichts ist präjudiziert, der Strom der Zeiten strömt, und dieses Menschen Heutigkeit wird selber zum auffangenden Gefäß.«
 

(Aus: Martin Buber, Zu einer neuen Verdeutschung der Heiligen Schrift)

* Dazu Buber: »schon die hebräische Bezeichnung für "lesen" bedeutet: ausrufen, der traditionelle Name der Bibel ist: "die Lesung", eigentlich also: "die Ausrufung"«. Die Israeliten lasen nicht einfach im Stillen, sondern sie sprachen laut aus, was sie vor sich hatten. Der biblische Text, zumal im Original, muss gelesen, gesprochen und dadurch wiederum gehört werden, um voll zu seiner Geltung zu kommen.

Dienstag, 26. Februar 2013

Segne dieses Haus!

»Wer bin ich, Herr, HERR, und was ist mein Haus, dass du mich bis hierher gebracht hast? Und das war noch zu gering in deinen Augen, Herr, HERR!

Und du hast sogar über das Haus deines Knechtes auf ferne Zukunft hin geredet, und dies als Weisung für Menschen, Herr, HERR! 

Doch was soll David noch weiter zu dir reden? Du kennst ja deinen Knecht, Herr, HERR! 
Wegen deines Wortes und nach deinem Herzen hast du all dies Große getan, um es deinen Knecht erkennen zu lassen. Darum bist du groß, HERR, Gott! Ja, niemand ist dir gleich, und es gibt keinen Gott außer dir, nach allem, was wir mit unseren Ohren gehört haben. 

Und wer ist wie dein Volk, wie Israel, die einzige Nation auf Erden, für die Gott hingegangen ist, sie sich zum Volk zu erlösen und um sich einen Namen zu machen und an ihnen Großes zu erweisen und furchtgebietende Taten an deinem Land, indem du vor deinem Volk, das du dir aus Ägypten erlöst hast, Nationen und ihre Götter vertriebst. 

Und du hast dir dein Volk Israel fest gegründet, dass es ewig dir zum Volk sei; und du, HERR, bist ihr Gott geworden. 

Und nun, HERR und Gott, das Wort, das du über deinen Knecht und über sein Haus geredet hast, halte ewig aufrecht, und tu, wie du geredet hast! Dann wird dein Name ewig groß sein, indem man sagt: Der HERR der Heerscharen ist Gott über Israel! Und das Haus deines Knechtes David wird vor dir fest stehen. 

Denn du, HERR der Heerscharen, Gott Israels, hast das Ohr deines Knechtes geöffnet und gesagt: Ich werde dir ein Haus bauen! - darum hat dein Knecht sich ein Herz gefasst, dieses Gebet zu dir zu beten. Und nun, Herr, HERR, du bist es, der da Gott ist, und deine Worte sind Wahrheit, und du hast dieses Gute zu deinem Knecht geredet. 
So lass es dir nun gefallen und segne das Haus deines Knechtes, dass es ewig vor dir sei! Denn du, Herr, HERR, hast geredet, und mit deinem Segen wird das Haus deines Knechtes gesegnet sein für ewig!«

(David, nachdem er für sein Geschlecht die messiansche Weissagung erhielt: 2 Sam 7,18-29; Bild: Chagall)