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Freitag, 8. Oktober 2021

Irenäus von Lyon, Kirchenlehrer

Papst Franziskus hat angekündigt, dem Kirchenvater Irenäus von Lyon den Titel eines Kirchenlehrers zu verleihen. Das ist sehr zu begrüßen. Irenäus war, ohne jede Übertreibung, der wichtigste christliche Denker des 2. Jahrhunderts und er ist der beste Beleg dafür, dass so ziemlich alles, was Katholiken heute glauben, auch schon damals geglaubt wurde. Er wird (vielleicht genau darum) heute kaum noch wahrgenommen. Ich war froh, ihn schon vor meinem Theologiestudium kennengelernt zu haben. Irenäus beschreibt an einer Stelle sehr schön das Treiben der Mehrheit unserer heutigen Theologen und Kirchenfunktionäre in Deutschland, etwa auf dem suizidalen Weg, das in 1840 Jahren offenbar keinen merklichen argumentativen Fortschritt gemacht hat:

»Widerlegt man nämlich die Häretiker aus den Schriften, dann erheben sie gegen eben diese Schriften die Anklage, dass sie nicht zuverlässig seien, keine Autorität besäßen, auf verschiedene Weise verstanden werden könnten, und dass aus ihnen die Wahrheit zu finden nur die imstande seien, die die Tradition verstünden. Diese sei nämlich nicht niedergeschrieben, sondern werde durch die lebendige Stimme überliefert, weswegen auch Paulus sage: „Weisheit reden wir unter den Vollkommenen, aber nicht die Weisheit dieser Welt“ (1Kor 2,6). Unter dieser Weisheit versteht jeder von ihnen natürlich das von ihm erfundene System, so dass nach Ihnen die Wahrheit bald bei Valentinus, bald bei Markion, bald bei Cerinth ist. Später war sie natürlich bei Basilides oder bei einem seiner Widersacher, der auch nichts Rechtes vorbringen konnte. Denn verdreht sind sie alle, und trotzdem schämen sie sich nicht, sich selbst als die Richtschnur der Wahrheit hinzustellen.
 

Berufen wir uns aber ihnen gegenüber auf die apostolische Tradition, die durch die Nachfolge der Priester [ließ: Bischöfe] in der Kirche bewahrt wird, dann verwerfen sie wieder die Tradition, nennen sich klüger als Priester und Apostel und sagen, sie hätten allein die Wahrheit gefunden. Die Apostel hätten den Worten des Heilandes noch allerlei aus dem Gesetz beigemischt; und nicht bloß die Apostel, sondern auch der Herr habe seine Aussprüche teils vom Demiurgen, teils aus dem Ort der Mitte, teils von dem Allerhöchsten [d.h. aus unzuverlässigen, widersprüchlichen Quellen]. Sie aber wüssten klar, rein und schlicht das darin verborgene Geheimnis – fürwahr, eine ganz unverschämte Gotteslästerung! So stehen sie also weder auf dem Boden der Schrift, noch der Tradition.« (Gegen die Häresien III,2,1-2)

Samstag, 18. September 2021

absterbende Volkskirche

Viele Verantwortliche „in Kirche“ gehen heutzutage den Weg des geringsten Widerstandes, wenn es um die Verkündigung des Glaubens und der Moral geht; den Weg, der jede Anstößigkeit vermeidet: Man ist, insbesondere dort, wo man sich durchaus auch als „Dienstleister“ sieht, bemüht, „anschlussfähig an die Erfahrung der Menschen“ zu sein, „jedem etwas zu bieten“ und „alle mitzunehmen“. In kurz: Man möchte gerne die Volkskirche (oder einen Anschein davon) aufrecht erhalten. Dieses vorgehen geschieht nicht selten in guter Absicht, und man will es auch im Evangelium begründet sehen: Sollen wir denn nicht allen Menschen Jesus verkünden? Müssen wir es denn nicht allen Menschen ermöglichen, das Evangelium anzunehmen?

Ja, diese Möglichkeit sollen wir allen ohne Ausnahme eröffnen. Aber was heißt das?

Wir sollen Jesus allen Menschen verkünden, das ist richtig: „Geht hinaus in die ganze Welt und verkündet das Evangelium der ganzen Schöpfung!“ (Mk 16,15; vgl. Kol 1,23) Alle Menschen sollen Gottes Heil schauen (vgl. Lk 3,6; vgl. Offb 3,15). Aber: Nirgends im Evangelium steht, dass alle, denen es verkündet wird und die es sehen, es auch annehmen werden. Es besteht ein gewaltiger Unterschied, ob wir allen Menschen die Möglichkeit geben, das Evangelium anzunehmen (indem wir es verkünden), oder ob wir das Evangelium allen Menschen annehmbar machen (indem wir es verwässern).

Eines der bekanntesten Gleichnisse Jesu ist das Sämannsgleichnis:

„Siehe, ein Sämann ging hinaus, um zu säen. Als er säte, fiel ein Teil auf den Weg und die Vögel kamen und fraßen es. Ein anderer Teil fiel auf felsigen Boden, wo es nur wenig Erde gab, und ging sofort auf, weil das Erdreich nicht tief war; als aber die Sonne hochstieg, wurde die Saat versengt und verdorrte, weil sie keine Wurzeln hatte. Wieder ein anderer Teil fiel in die Dornen und die Dornen wuchsen und erstickten die Saat. Ein anderer Teil aber fiel auf guten Boden und brachte Frucht, teils hundertfach, teils sechzigfach, teils dreißigfach.“ (Mt 13,3-8)

Es ist bezeichnend, dass gerade dieses Gleichnis in aller Ausführlichkeit von Jesus selbst erläutert wird, so dass kein Zweifel über seine Bedeutung besteht: Der Same ist das Wort der Verkündigung, das längst nicht überall, wo es ausgestreut (verkündet) wird, Frucht zu bringen vermag. Also: Was Jesus verkündet fällt nicht überall auf fruchtbaren Boden, es scheint sogar eher nur der kleinere Teil zu sein, der letztlich Frucht bringt, meistens trifft es auf taube Ohren. Für uns Heutige ist das schwer vorstellbar: Wir glauben gern, dass doch jeder halbwegs vernünftige Mensch Jesus toll finden müsste. Seine Botschaft – meinen wir damit eigentlich auch seinen ständigen Ruf zur radikalen Umkehr, oder doch eher ausschließlich den zur dienstbereiten Mitmenschlichkeit? – müsste doch von jedem anerkannt und bejaht werden können…

Aber genau das war offenkundig nicht der Fall, die Menschen nahmen ihn nicht auf (vgl. Joh 1,11), lehnten ihn ab, nahmen Anstoß, hassten und verfolgten ihn sogar bis zum Tod. Dabei ist es zu billig, hier einfach die „bösen“ Menschen zu beschuldigen. Es sind ganz normale Menschen, die an ihm wegen seines Anspruchs Anstoß nehmen (vgl. Mt 13,57), und sogar seinen eigenen Jüngern prophezeite er mit Blick auf sein Leiden: „Ihr werdet in dieser Nacht an mir Anstoß nehmen“ (26,31). Jesu Worte und Taten kommen nicht bei jedem noch so wohlwollenden Hörer an; bei den meisten Zuhörern stieß Jesus früher oder später auf Ablehnung, am Kreuz, am Ziel und Höhepunkt seines Heilsweges, war er dann fast ganz allein.

Für uns stellt sich die Frage: Warum sollten wir Heutigen mehr Erfolg in der Verkündigung erwarten, als es Jesus selbst beschieden war? Sind wir bessere Verkünder als er? Sind wir bessere Zeugen der Liebe Gottes, als die Liebe Gottes in Person? Wenn es nicht aufgeht, ist laut Gleichnis nicht das Saatgut (d.i. die Botschaft) schuld, sondern der unfruchtbare Boden (oder die Doofheit des Sämanns, weil er das Saatgut auf die Felsen wirft…).

Die Bibel ernst nehmend, müssen wir realistischerweise anerkennen, dass es auch „Säue“ gibt, vor die wir die „Perlen des Heiligen“ nicht werfen sollen, damit sie nicht zertreten werden (vgl. Mt 7,6), dass es nicht selten vorkommt, dass Jesu Jünger aus einer Stadt abziehen müssen und von ihren Sandalen den Staub „zum Zeugnis gegen sie“ abschütteln (vgl. Lk 9.5), und dass selbst „viele seiner Jünger“ sich wegen der „harten Worte“ Jesu zurückziehen und nicht mehr mit ihm umhergehen“ (Joh 6,66). Insbesondere in letzterem Fall, in der großen Eucharistierede im Johannesevangelium, offenbart Jesus in unübertrefflicher Deutlichkeit seinen Zuhörern etwas, was sie erschüttern musste: „Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, hat das ewige Leben und ich werde ihn auferwecken am Jüngsten Tag“ (Joh 6,54) Ergebnis: Viele seiner Jünger, die ihm zuhörten, sagten: Diese Rede ist hart. Wer kann sie hören? Jesus erkannte, dass seine Jünger darüber murrten, und fragte sie: Daran nehmt ihr Anstoß? [...] Daraufhin zogen sich viele seiner Jünger zurück und gingen nicht mehr mit ihm umher.“ (VV. 60-61.66) Jesus ging ihnen nicht nach und rief: „Halt, wartet, ich habe es nicht so gemeint, ich meinte es doch bloß symbolisch!“, sondern er blieb beim verstörenden Realismus seiner Aussage und fragte seine Apostel: „Wollt auch ihr weggehen?“ (V. 67) Dieser Weggang von „vielen“ seiner Jünger wird umso erschütternder, wenn man bedenkt, was die Konsequenz für die Weggehenden sein könnte: „Wenn ihr das Fleisch des Menschensohnes nicht esst und sein Blut nicht trinkt, habt ihr das Leben nicht in euch.(Joh 6,53) Der Clou: Jesus hat das „Brot vom Himmel“ seinen Zuhörern von einst durchaus pädagogisch klug anhand ihrer eigenen Lebens- und Gedankenwelt zu erklären versucht, nämlich ausgehend von einem Vergleich mit dem Manna in der Wüste (Joh 6,48-51) – und trotzdem kehrten sich viele ab und akzeptierten es nicht. Pädagogische Klugheit scheint also auch nicht das Allheilmittel zu sein.

Den Fall von Johannes 6 würde man in der heutigen Pastoral als unerhörten Skandal sehen: Jesus geht seinen Zuhörern nicht nach, er lässt sie ziehen und bleibt bei seinem Wort, das nicht bei jedem Anklang fand. Wir lernen: Noch nie war das Evangelium zeitgemäß, den Zuhörern angemessen, allgemein verständlich oder mehrheitsfähig. Die Realität ist, dass Jesus für die Verkündigung des Evangeliums v.a. Ablehnung erfuhr und letztlich auch verfolgt wurde, ebenso die Apostel. Manchmal wird versucht, den Grund für diese Verfolgung ausschließlich in politischen Motiven zu suchen, nicht in der verkündeten Botschaft. Aber das ist Unsinn: „Wir haben ein Gesetz und nach dem Gesetz  muss er sterben, weil er sich zum Sohn Gottes gemacht hat.“ (Joh 19,7)

Hier kann der Prophet Ezechiel ein stimmiges Vorbild für uns sein: Gott sendet ihn zum Volk Israel, bekräftigt aber eigens, dass er sich nicht um den Erfolg oder Misserfolg seiner Predigt kümmern soll: „Zu ihnen sende ich dich. Du sollst zu ihnen sagen: So spricht Gott, der Herr. Sie aber: Mögen sie hören oder lassen – denn sie sind ein Haus der Widerspenstigkeit –, sie werden erkennen müssen, dass mitten unter ihnen ein Prophet war.“ (Ez 2,4-5; vgl. V. 7; 3,11) Der Auftrag der Kirche, wie der der Propheten und Jesu selbst und seiner Apostel, war und ist es nicht, „gut anzukommen“, sondern das Wort zu säen. Jesus sagte doch: „Wenn man euch nicht aufnimmt und eure Worte nicht hören will, geht weg aus jenem Haus oder aus jener Stadt und schüttelt den Staub von euren Füßen!“ (Mt 10,14) Er sagte nicht, was man heute zu gerne denkt: „Wenn man euch nicht aufnimmt und eure Worte nicht hören will, dann sagt ihnen andere Worte, sie hören wollen!“ Ob das Wort auf guten Boden fällt, wächst und Frucht bringt, haben wir nicht in der Hand, wir können höchstens für die Qualität des Samens sorgen, also um die Authentizität und Integrität des verkündeten Evangeliums. Das Wachsenlassen ist Gottes Sache (vgl. 1Kor 3,5-9). Aus dieser Demut – in dem Wissen, dass wir die zu verkündigende Botschaft nie allen annehmbar machen können – erwächst dann womöglich ganz von selbst ein Selbstbewusstsein, das der gesellschaftlichen Realität die Stirn bietet und trotzdem verkündet, wie Ezechiel (vgl. Ez 3,7-9).

Damit ist nicht jedem gedankenlosen Verkündigungsirrsinn (z.B. Obstkiste in der Fußgängerzone) Tür und Tor geöffnet, denn natürlich gilt es, auf Identität, Situation und Fassungsvermögen der Zuhörer Rücksicht zu nehmen. Paulus ist das beste Beispiel, wenn er an die Korinther schreibt: „Vor euch, Brüder und Schwestern, konnte ich aber nicht wie vor Geisterfüllten reden; ihr wart noch irdisch eingestellt, unmündige Kinder in Christus. Milch gab ich euch zu trinken statt fester Speise; denn diese konntet ihr noch nicht vertragen. (1Kor 3,1-2) Der springende Punkt ist aber gerade der, dass dieser Status überwunden werden soll. Der gleiche Paulus schreibt nämlich auch, er „bete darum, dass eure Liebe immer noch reicher an Einsicht und Verständnis wird, damit ihr beurteilen könnt, worauf es ankommt.“ (Phil 1,9) Und noch deutlicher:

„Daher hören wir [] nicht auf, für euch zu beten und zu bitten, dass ihr mit der Erkenntnis seines Willens in aller Weisheit und geistlichen Einsicht erfüllt werdet. Denn ihr sollt ein Leben führen, das des Herrn würdig ist und in allem sein Gefallen findet. Ihr sollt Frucht bringen in jeder Art von guten Werken und wachsen in der Erkenntnis Gottes. [] Denn Gott wollte mit seiner ganzen Fülle in [seinem Sohn] wohnen, um durch ihn alles auf ihn hin zu versöhnen. Alles im Himmel und auf Erden wollte er zu Christus führen“ (Kol 1,9-10.19-20).



Abstriche an Glaubensinhalten und an der Moral zu machen, ist ein Symptom einer absterbenden Volkskirche. Nur jemand, der selbst aus der Volkskirche stammt, könnte auf die Idee kommen, den Glauben nach eigenem Ermessen umzumodeln (oder jemand, der das ohnehin vorhat und extra dafür der Körperschaft öffentlichen Rechts "Katholische Kirche in Deutschland" beitritt  auch solche gibt es). Die Akteure der Glaubenszersetzung, auch die Theologen, kommen allesamt aus der Volkskirche: Viele Bischöfe die von der „Relevanz der Kirche in der Gesellschaft“ reden, trauern dem Ansehen nach, das ihr Amt in Zeiten der Volkskirche genossen hat, manch andere Funktionäre sehnen sich nicht minder nach den Pfründen, die ihre Position früher einmal mit sich brachte und die Theologenschaft möchte einfach möglichst vielen was zu sagen haben, sie brauchen ein Publikum (darum reden sie über alles mögliche, nur nicht über den Glauben).

Diese Zersetzung ist

1. der Versuch, die Flächendeckung der Volkskirche möglichst zu erhalten, was logischerweise nur dadurch bewerkstelligt werden kann, dass man Glaube und Kirche einer möglichst großen Zahl von Menschen zumutbar, annehmbar, bekömmlich macht. Sprich: indem man Glaube und Moral den Wünschen der Menschen anpasst. Im Idealfall lässt man „demokratisch“ (d.h. durch handverlesene Repräsentanten) darüber abstimmen.

2. eine Reaktion auf (auch zu Recht) beklemmend empfundene Eigenheiten des Volkskirchentums, deren man sich entledigen will. Weil die Volkskirche (die man aber, siehe 1., komischerweise zu erhalten versucht) problematische Begleiterscheinungen hatte, muss man alles mögliche ändern, von dem man meint, dass es für die Probleme verantwortlich war. Dafür eignen sich besonders all die Dinge, zu denen man selbst eh keinen echten Bezug hat.

Der Form wird so Priorität vor den Inhalten gegeben. Was den Handelnden nicht in den Sinn kommt ist, dass die Probleme der Volkskirche in ihrer Sozialform (eben: Volkskirche) begründet sind, nicht in Glaube und Moral, denn ihr Festhalten an jener Form bei gleichzeitiger Ablehnung dieser Inhalte übertönt alles. Umso bedenklicher, dass es im Grunde diese Sozialform ist, die man erhalten möchte, indem man den Glauben abspeckt. Wie man es auch dreht und wendet, das Vorgehen ist in jeder Hinsicht ganz falsch.



Der natürliche Zustand des Christen ist nicht die Volkskirche, sondern die Verfolgung. Jesu Verheißung lautete bekanntlich nicht: „Selig seid ihr, wenn alle um euch herum nominell Christen sind…“ sondern: „Selig seid ihr, wenn man euch schmäht und verfolgt und alles Böse über euch redet um meinetwillen. […] wer aber das Leben um meinetwillen verliert, wird es finden.“ (Mt 5,11; 10,39) Freilich: Wir sollen die Verfolgung nicht suchen oder provozieren. Paulus: „Soweit es euch möglich ist, haltet mit allen Menschen Frieden!“ (Röm 12,18) Aber dieses „soweit möglich“ betrifft genau die Lehre des Glaubens und das aus ihr resultierende moralische Leben, das zu bezeugen Standhaftigkeit gegen Widerstände verlangt: „Seid also standhaft, Brüder und Schwestern, und haltet an den Überlieferungen fest, in denen wir euch unterwiesen haben“ (2Thess 2,15).

Freitag, 17. September 2021

Folgen der Abirrung

Aus der Lesung vom Tag, eine Beschreibung des Zustandes weiter kirchlicher Kreise gerade in Deutschland aber längst nicht nur hier...:

»Wer sich nicht an die gesunden Worte Jesu Christi, unseres Herrn, und an die Lehre unseres Glaubens hält, der ist verblendet; er versteht nichts, sondern ist krank vor lauter Auseinandersetzungen und Wortgefechten. Diese führen zu Neid, Streit, Verleumdungen, üblen Verdächtigungen und Gezänk unter den Menschen, deren Denken verdorben ist; diese Leute sind von der Wahrheit abgekommen...« (1Tim 6,3-5)


Kyrie eleison!

Freitag, 23. Juli 2021

Die richtige Antwort auf Traditionis custodes

Es ließe sich viel über jenes schlampig geschriebene, auf Unwissenheit und Desinteresse beruhende, politisch-ideologisch motivierte, unbarmherzige, pauschal verurteilende, unnötige, theologisch abgründige, traditionsvergessene, in keiner Weise auf Versöhnung und kirchliche Einheit ausgerichtete, sondern letztlich schismatische Tendezen nur provozierende Motu proprio sagen... Aber die beste Antwort darauf hat bisher m.E. der Erzbischof von Sydney insbesondere in den ersten Abschnitten gegeben:




Montag, 24. Mai 2021

Gedanken zum "synodalen Prozess"

Ein paar erste einordnende Gedanken und Hinweise zum in diesem Jahr startenden synodalen Prozess der Weltkirche:


1) Schon allein sprachlich wird man sich hierzulande viel Mühe geben, den weltweiten synodalen Prozess als Ausweitung des deutschen suizidalen Weges zu verkaufen indem man z.B. den schwachsinnigen Namen „synodaler Weg“ („gemeinsamer Weg Weg“) dafür verwendet. Man reklamiert jetzt schon für sich, diesen weltweiten Prozess (mit) inspiriert zu haben, ja dessen „Wegbereiter“ zu sein. Natürlich stimmt das nicht, allein schon deshalb, weil der deutsche „synodale Weg“ 1. rechtswidrig ist (siehe den Brief von Kardinal Ouellet an Marxens vom September 2019) und 2. alle seine Themen bereits von Rom kassiert worden sind. Der suizidale Weg in Deutschland ist per Definition nicht synodal, weil er nicht die Spielregeln einer Synode befolgt. Das Wort synodal im Namen macht es nicht automatisch zu einer Synode - so wenig wie Zitronenfalter Zitronen falten. Das ist ja auch der Grund, warum man ihn so bekloppt benannt hat, statt ihn „Synode“ zu nennen: Man wollte das für „Synoden“ verbindliche Reglement umgehen, und hat dafür in Kauf genommen, ein kirchenrechtlich nicht existentes Etwas zu erschaffen, das folglich auch keine rechtliche Verbindlichkeit für irgendwen beanspruchen kann. (Die „Würzburger Synode“ von 1971-75 hat übrigens auch keinerlei Rechtsgültigkeit, da ihre Beschlüsse von Rom nicht approbiert wurden, aber das nur am Rande. Irgendwie können wir Deutschen Synode nicht.)

2) Natürlich hat der weltweite synodale Prozess auch aus sich heraus nichts mit dem deutschen suizidalen Weg seit 2019 zutun oder gemein: Jener wurde im Grunde bereits 2015 vom Papst zwischen den Zeilen angekündigt als er sagte: „Die Welt, in der wir leben und die in all ihrer Widersprüchlichkeit zu lieben und ihr zu dienen wir berufen sind, verlangt von der Kirche eine Steigerung ihres Zusammenwirkens in allen Bereichen ihrer Sendung. Genau dieser Weg der Synodalität ist das, was Gott sich von der Kirche des dritten Jahrtausends erwartet.“ (Ansprache zur 50-Jahr-Feier der Errichtung der Bischofssynode am 17. Oktober 2015; hier) Was im Oktober losgehen soll, hat der Papst damals schon ziemlich genau ausformuliert: „Die synodale Reise[*] beginnt im Hinhören auf das Volk, das ‚auch teilnimmt am prophetischen Amt Christi‘ […]. Der Weg der Synode setzt sich fort im Hinhören auf die Hirten. Durch die Synodenväter handeln die Bischöfe als authentische Hüter, Ausleger und Zeugen des Glaubens der ganzen Kirche, wobei sie verstehen müssen, diesen von den oft wechselhaften Strömungen der öffentlichen Meinung zu unterscheiden. […] Und schließlich gipfelt der synodale Weg im Hören auf den Bischof von Rom, der berufen ist, als ‚Hirte und Lehrer aller Christen‘ zu sprechen: nicht von seinen persönlichen Überzeugungen ausgehend, sondern als oberster Zeuge der fides totius Ecclesiae [des Glaubens der gesamten Kirche], als ‚Garant des Gehorsams und der Übereinstimmung der Kirche mit dem Willen Gottes, mit dem Evangelium Christi und mit der Überlieferung der Kirche‘.“

3) Bereits seit 2014 hat sich zudem die Internationale Theologische Kommission mit dem Thema befasst und dazu 2018 ein entsprechendes Dokument veröffentlicht (das man für den deutschen suizidalen Weg geflissentlich ignoriert hat, das die Weltkirche aber nicht ignorieren kann), das jeder Interessierte lesen sollte (hier; vgl. Karl-Heinz Menke dazu hier).

4) Der nun angestoßene synodale Prozess zielt m.E. auch stark auf Fortschritte auf dem Weg der Ökumene mit den orthodoxen Kirchen. Verwiesen sei auf die „Gemeinsame Internationale Kommission für den theologischen Dialog zwischen der Römisch‐Katholischen Kirche und der Orthodoxen Kirche“; über die Jahre gehörten dieser Kommission so illustre Namen an wie z.B. Louis Bouyer und Joseph Ratzinger auf katholischer Seite, und John Zizioulas und Dumitru Staniloae auf orthodoxer Seite (hier gibt es alle Dokumente von 1980 bis 2010). Diese Kommission hat seit dem so genannten Valamo-Dokument (benannt nach dem Ort der Unterzeichnung) von 1988 immer wieder auch die Synodalität als wesentliches Element des kirchlichen Lebens herausgestellt: unter den „Formen der Ausübung der Gemeinschaft unter den Bischöfen“ wird dort als „hauptsächlich das synodale oder konziliare Leben“ benannt (Nr. 52). Auch 2007 hat diese Kommission im so genannten Dokument von Ravenna die Frage der Konziliarität/Synodalität thematisiert. Darin heißt es z.B.: „Diese konziliare Dimension des Lebens der Kirche gehört zu ihrem tiefsten Wesen. D.h. sie ist im Willen Christi für sein Volk begründet (vgl. Mt 18,15-20), selbst wenn ihre kanonische Verwirklichung notgedrungen auch durch Geschichte und den sozialen, politischen und kulturellen Kontext bestimmt wird.“ (Nr. 10) Der nun angestoßene synodale Prozess soll bekanntluch auf mehreren Ebenen laufen (Bistümre, Bischofskonferenzen, kontinentale Konferenzen, Rom); genau das fand sich 2007 im Ravenna-Dokument formuliert: „So definiert muß die konziliare Dimension der Kirche auf den drei Ebenen kirchlicher Communio, der lokalen, regionalen und universalen Ebene, zu finden sein“ (ebd.). Im Jahr 2016 wurde das so genannten Chieti-Dokument veröffentlicht (hier), das sich mit Synodalität und Primat der Kirche im ersten Jahrtausend befasste. Dort wird etwa mit Blick auf Johannes Chrysostomos gesagt: „Synodalität ist eine grundlegende Qualität der Kirche als ganzer.“ (Nr. 3) Auch hier findet sich wieder die dreistufige unterscheidung der lokalen, regionalen und universslen Synodalität, was dann im Einzelnen näher ausgeführt wird.

5) Die Meinungsmacher und Meinungsmachthaber in der deutschen suizidalen Kirche werden sich sehr bemühen, das Ruder an sich zu reißen und weltweit Druck auszuüben. Keine Sorge: Die Zeiten sind vorbei. Die katholische Kirche in Deutschland hat längst ihre Glaubwürdigkeit verspielt. Auch die deutschsprachige Theologie, die einst das letzte Konzil maßgeblich bestimmte, und die aktuell das Loblied auf die Segnung gleichgeschlechtlicher Akte singt, wird weltweit mehr und mehr ignoriert.

6) Der suizidale Weg deutscher Machart wird durch den weltkirchlichen synodalen Prozess faktisch zur Marginalie. Alles was bisher dafür getan wurde und was noch getan werden sollte, kann direkt in die Tonne. Schon strukturell wird jener weltkirchliche Prozess völlig anders ablaufen und der Takt wird letztlich von Rom vorgegeben (hier der Ablauf). Die rechtswidrig erzielten „Ergebnisse“ des suizidalen Weges können nicht in das neue Format überführt werden.

7) In seinem Brief an das pilgernde Volk Gottes in Deutschland (vgl. meine Gedanjken dazu hier, hier und hier) hat Franziskus deutlich gemacht, was für ihn bei der Frage der Synodalität die „bestimmenden Elemente“ sind: Evangelisierung und der Sensus Ecclesiae (vgl. dazu hier). Beides existiert beim deutschen suizidalen Weg nicht. Papst Franziskus am 30. April dieses Jahres an die Nationalversammlung der Katholischen Aktion Italiens (hier; eigene Übersetzung): „Eine Kirche des Dialogs ist eine synodale Kirche, die auf den Geist und auf die Stimme Gottes hört, die uns durch den Schrei der Armen und der Erde erreicht. In der Tat ist das Synodale nicht so sehr ein Plan, der geplant und verwirklicht werden muss, sondern vor allem ist es ein Stil, den es zu verkörpern gilt. Und wir müssen präzise sein, wenn wir von Synodalität, von einer synodalen Reise, von synodaler Erfahrung sprechen. Es ist kein Parlament, Synodalität bedeutet nicht, zu parlamentieren. Synodalität ist nicht die bloße Diskussion über Probleme, über verschiedene Dinge, die in der Gesellschaft existieren ... sie ist mehr. Die Synodalität strebt keine Mehrheit an, eine Einigung über pastorale Lösungen, die wir treffen müssen. Das allein ist keine Synodalität; das ist ein schönes ‚katholisches Parlament‘, okay, aber es ist keine Synodalität. Weil der Geist fehlt. Was die Diskussion, das ‚Parlament‘, die Suche nach Dingen[?] zur Synodalität macht, ist die Gegenwart des Geistes: Gebet, Schweigen, Unterscheidung von allem, was wir teilen. Ohne den Geist kann es keine Synodalität geben, und ohne Gebet gibt es keinen Geist. Dies ist sehr wichtig.“

 

Ich bin sehr gespannt. Die deutschsprachigen Mitraträger werden es in der Mehrheit und als DBK wohl tunlichst vermeiden, ihrer Hirtenpflicht nachzukommen, und sich stattdessen mit großer Begeisterung vor den Karren wechselhafter Strömungen der öffentlichen Meinung“ spannen lassen; aber ich bin zuversichtlich, dass die Weltkirche sich daran kein Beispiel nehmen wird.



[*] Das  italienische „cammino sinodale“ kann man mit „synodaler Weg“ übersetzen, aber dann ist es eben unsinnig, weil im griechischen Wort „Synode“ schon das Wort „Weg“ drinsteckt (syn = gemeinsam; hodos = Weg). Auf italienisch kann man das deshalb sinnvoll sagen, weil das italienische Wort „cammino“ eigentlich
das Gehen/Laufen oder „das zu Gehende/Laufende“ meint (it. camminare = laufen, gehen, wandern); stünde hier ein anderes italienisches Wort für „Weg“, z.B. sentiero (Pfad), via (Weg) oder passo (Pass, Schritt, Weg), ergäbe sich das gleiche Problem wie im Deutschen. Nur dooferwesie haben wir keine deutsche Entsprechung für cammino, die diesen Unfug vermeiden könnte, am ehesten scheint mir im Kontext noch das Wort „Reise“ zu funktionieren, daher von mir so wiedergegeben. Wer auch immer in der DBK sich für die Benennung des suizidalen Weges womöglich an jenen Worten des Papstes bedient hat, beherrschte vermutlich weder Italienisch noch Griechisch.

Samstag, 3. April 2021

Cantalamessa über die Spaltungen in der Kirche

Der Prediger des Päpstlichen Hauses, Kardinal Raniero Cantalamessa (wärmstes zur Lektüre empfohlen sei aus seiner Feder "Komm, Schöpfer Geist - Betrachtungen zum Hymnus Veni Creator Spiritus" und "Die Eucharistie unsere Heiligung") in der gestrigen Karfreitagsliturgie des Papstes (eigene Übersetzung):

 

»Die katholische Brüderlichkeit ist verwundet. Christi Obergewand ist in Stücke zerteilt durch die Spaltungen zwischen den Kirchen. Aber nicht weniger schlimm ist, dass jedes dieser Teile erneut in weitere Teile zerteilt wird.

Was ist die häufigste Ursache für Spaltungen unter den Katholiken? Es ist nicht das Dogma, es sind nicht die Sakramente und die Ämter - alles Dinge, die wir dank der Gnade Gottes unversehrt und einmütig bewahren. Es ist die politische Option, wenn sie die religiöse und kirchliche ablöst und für eine Ideologie eintritt, während sie den Wert und die Pflicht des kirchlichen Gehorsams gänzlich vergisst. Dies ist der wahre Grund der Spaltung in bestimmten Teilen der Welt, auch wenn er verschwiegen oder abfällig verneint wird. Dies bedeutet, dass das Reich dieser Welt im eigenen Herzen wichtiger geworden ist, als das Reich Gottes. 

Ich glaube, dass wir alle dazu aufgerufen sind, in dieser Hinsicht eine ernste Gewissenserforschung zu betreiben und uns zu bekehren. Jene [Spaltung] ist schlechthin das Werk desjenigen, dessen Name "diabolos" ist, d.h. der Spalter, der Feind, der das Unkraut sät, wie Jesus ihn im Gleichnis nennt.« (hier)


Donnerstag, 28. Januar 2021

Thomas von Aquin über die Kirche

»Viertens ist sie fest (apostolisch). – Ein Haus heisst fest:

1. Wenn es auf gutem Fundamente ruht. – Das eigentliche Fundament der Kirche aber ist Christus, denn: "ein anderes Fundament kann niemand legen, als das gelegt ist, und das ist Christus Jesus" (1Kor 3,2). Das fernere Fundament sind dann die Apostel und ihre Lehre. Deshalb ist dieses Haus fest und heißt es in der Apokalypse (Apk 21,14), dass die Mauer der Stadt zwölf Grundsteine hatte, worauf die Namen der zwölf Apostel geschrieben waren; und darum auch wird die Kirche "apostolische" genannt und Petrus zur Andeutung ihrer Stärke Felsenmann.
2. Es erhellt die Festigkeit eines Hauses ferner daraus, wenn es trotz Erschütterung nicht eingestürzt werden kann. – Die Kirche aber konnte nie zerstört werden, und zwar nicht: von den Verfolgern, vielmehr erstarkte sie nur während den Verfolgungen, und ihre Verfolger und die, gegen welche sie selbst auftrat, erlagen. Denn: "wer auf diesen Stein fällt, der wird zerschmettert werden, und auf wen er fällt, den wird er zermalmen" (Mt 21,44). Nicht auch von den Häresien, vielmehr, je mehr Irrtümer auftraten, um so mehr wurde die Wahrheit allseitig beleuchtet, denn es gilt von den Irrlehrern das Wort: "Sie sind Menschen verdorbenen Sinnes, verworfen in Glaubenssachen, aber sie werden es nicht weit bringen" (2Tim 3,8). – Aber auch von den Versuchungen des Satans konnte sie nicht überwunden werden; denn die Kirche ist wie ein Turm, in welchem jeder Schutz sucht, der wider den Teufel kämpft: "Ein fester Turm ist der Name des Herrn" (Spr 18,10). Und deshalb strengt sich der Teufel besonders an, sie zu zerstören, aber er wird nicht Meister, denn der Herr hat gesagt: "Die Pforten der Hölle werden sie nicht überwältigen" (Mt 16,18), d. h. sie werden gegen dich Krieg führen, aber nicht die Oberhand gewinnen. Daher kommt es auch, dass nur die Kirche Petri (dem bei der Aussendung der Jünger Italien zufiel) immer im Glauben fest blieb. Und während anderswo entweder der Glaube gar nicht ist, oder vermischt mit vielen Irrtümern, so ist doch die Kirche Petri im Glauben stark und von allen Irrtümern rein, was nicht zum Verwundern ist, da der Herr zu Petrus gesagt: "Ich habe für dich gebetet, Petrus, damit dein Glaube nicht wanke" (Lk 22,32).« (aus seinem "Katechismus")

Donnerstag, 7. Januar 2021

Exkommunikation, neutestamentlich

Es jährte sich in diesen Tagen zum 500. Mal die Exkommunikation Martin Luthers. Wie üblich bei runden Zahlen, wurde auch diesmal wieder die Aufhebung dieser Exkommunikation gefordert. Wer so redet offenbart damit freilich weniger sein ökumenisches Feingefühl sondern v.a., dass er nicht weiß, was eine Exkommunikation ist. Denn tatsächlich ergäbe eine solche Aufhebung wenig Sinn, da eine Exkommunikation mit dem Tod des Exkommunizierten bereits aufgehoben ist. Im Übrigen würde ein "symbolischer" Akt der Exkommunikationsaufhebung eher den Charakter einer gotteslästerlichen Anmaßung tragen, denn das Urteil über die Verstorbenen steht allein Gott zu. Dies für einen Verstorbenen zu tun, der mit seinem Tod dem Gericht Gottes überstellt ist, hieße, sich Gottes Autorität anzumaßen bzw. sich über dieselbe zu stellen.

Heute neigt man ja sehr dazu, der Kirche grundsätzlich jede Berechtigung zur "Bestrafung" oder "Verurteilung" von Menschen etwa aufgrund von Häresie abzusprechen, egal ob die Betreffenden Akteure tot oder lebendig sind. Bestimmt bloß ein Zufall, dass zugleich die Häresien wie die Pilze aus dem Boden schießen, mehr und mehr auch aus bischöflichem Mund.


Jedenfalls: Die Kirche hat sehr wohl das Recht (und sogar die Pflicht) Glieder aus ihrer Gemeinschaft auszuschließen, die ansonsten mit ihrem Dableiben v.a. zu ihrer Zersetzung beitragen würden. (Nein, "Zersetzung" ist kein Nazisprech [etwa: Wehrkraftzersetzung], das ist Biologie: so genannte "Zersetzer" - fachsprachlich auch Destruenten oder Reduzenten genannt [das Gegenteil sind die Produzenten; beides wesentlich für den natürlichen Stoffkreislauf] - sind solche Organismen, die organische Materialien in anorganische Stoffe zerlegen, hier zählen insbesondere die schon erwähnten sprießenden Pilze dazu.)

 

Zunächst haben wir das Wort Jesu über die brüderliche Zurechtweisung der Sünder: "Sündigt aber dein Bruder, so geh hin und weise ihn zurecht zwischen dir und ihm allein." (Mt 18,15) Das Vorgehen ist hier sehr klug beschrieben, denn wenn die Ermahnung unter vier Augen nicht fruchtet, sollen ein oder zwei Zeugen mitgenommen werden (V. 16), fruchtet auch das nicht, soll die ganze Gemeinde nachhelfen. Das setzt natürlich voraus, dass es in der Gemeinde ein ausgeprägtes Bewusstsein von Richtig und Falsch, von gottgefälligem Leben und Sünde gibt. Für uns Heutige stellt das ein erhebliches Problem dar, denn dies ist oft nicht mehr gegeben, auch nicht unter den bestellten Hirten.

Das alles hat übrigens nichts mit Überheblichkeit oder mit dem Thema Macht zu tun, denn wer Ohren hat zu hören, der merkt, dass diese brüderliche Zurechtweisung immer nur momentan ist, und der heute Ermahnende morgen schon der Ermahnte sein kann: "Lehrt und ermahnt einander in aller Weisheit" (Kol 3,16). Das Bewusstsein von Richtig und Falsch bedeutet ja nicht, dass keiner mehr etwas falsch macht, es hat aber zur Folge, dass es auffällt (und zwar in erster Linie als eine Gefahr für den, der falsch liegt)!! Es zeigt sich in dem Wort aus Mt 18 ein hohes Maß an Diskretion und Umsicht, aber zugleich auch ein ungeschönter Realitätssinn, denn wenn alles nichts hilft und der Sünder auch auf die ganze Gemeinde nicht hört, dann muss notwendig das eintreten, was der Sünder selbst durch sein Verhalten faktisch bereits umsetzt: Ausschluss aus der Gemeinde.

Jesus: "Hört er auch auf die Gemeinde nicht, so sei er für dich wie ein Heide und Zöllner." (Mt 18,17)

Die frühen Christen haben diese Worte Jesu beherzigt.

Paulus: "Einen Menschen, der die Gemeinde spalten will, weise ab, wenn er einmal und noch einmal ermahnt ist, und wisse, dass ein solcher ganz verkehrt ist und sündigt und sich selbst damit das Urteil spricht." (Tit 3,10-11)

[Ein kleiner sprachlicher Schlüssel zu diesem Paulus-Zitat, das komischerweise immer recht verharmlosend übersetzt wird: "Ein Mensch, der die Gemeinde spalten will" heißt im Griechischen hairetikon anthropon = ein häretischer Mensch; "abweisen" ist gr. paraitu = zurückweisen, ablehnen, nichts damit zutun haben; "ganz verkehrt" ist gr. ekstrepho = korrupt, pervers, da steckt das Wort strepho drin: das Innere nach Außen kehren; "sich selbst das Urteil sprechen" ist gr. autokatakrisis = Selbstverdammung.  --  Also: "Habe nach der ersten und zweiten Zurechtweisung nichts zu schaffen mit dem häretischen Menschen, und wisse, dass ein solcher korrupt ist und sündigt, durch sich selbst verdammt."]

 

Häretiker und hartnäckige Sünder stellen sich faktisch selbst ins Abseits, sie treten aus der Gemeinschaft der Glaubenden heraus. Leider merkt man das heute nicht mehr so deutlich, weil jenes Abseits so dermaßen überfüllt ist. Aber es ist doch Abseits (auch während der arianischen Krise in der frühen Kirche war das Abseits überfüllt, auch mit Bischöfen [die auch zumeist die Theologen der damaligen Zeit waren]). Die Menge der sich im Abseits Befindlichen spielt keine Rolle.

Jesu Worte und die des Paulus sind klar: Wer sich hartnäckig durch seine Worte (Häresie) oder seine Taten (Sünde) gegen die Gemeinde wendet, soll von den Gemeindemitgliedern als aus dieser ausgeschlossen betrachtet werden, was faktisch aber nur eine Anerkenntnis der bereits vom Betroffenen selbst bewirkten Realität bedeutet. Diese "offizielle" Anerkenntnis des Sachverhalts ("so sei er für dich...") hat insofern seinen Sinn, als dass es so an diesem Faktum keinen Zweifel gibt, auch wenn der Betroffene behauptet, er wolle ja gar nicht aus der Gemeinschaft heraustreten. Denn so ein Gang ins Abseits ist eine objektive Wirklichkeit, die nicht durch Behauptungen oder Beteuerungen wettzumachen ist (es gab ja bereits mehrmalige Ermahnungen samt der Möglichkeit zur Umkehr vor dem Heraustritt!), sondern die eine entsprechend wirksame Handlung zur Behebung des Missstands erfordert: Umkehr auf den Weg Gottes, Rückkehr in die Gemeinschaft.


Wir wissen, dass Paulus eigenhändig Leute aus Gemeinden ausgeschlossen hat. Nachdem er etwa im Kolosserbrief über den "guten Kampf" spricht, den die Christen zu kämpfen haben, kommt er auf die zu sprechen, die diesem Anspruch nicht gerecht werden wollten. Wohlgemerkt: wollten. Es geht nicht um ein "nicht können", oder um ein passives erleiden, sondern um ein nicht wollen, es geht um Leute, die den christlichen Anspruch "von sich gestoßen und am Glauben Schiffbruch erlitten" haben (1Tim 1,19). Es geht also um Menschen, die sich selbst durch ihr Wollen und/oder Tun faktisch aus der Gemeinschaft ausgeschlossen haben (auch wenn sie vielleicht anderes behaupten). Vgl. auch dazu Gal 5,19-21. Die Reaktion des Paulus ist so v.a. eine Warnung und eine Deutung dessen, was die hier Gemeinten selbst schon getan haben: "Unter ihnen sind Hymenäus und Alexander, die ich dem Satan übergeben habe, damit sie in Zucht genommen werden und nicht mehr lästern." (V. 20) "Dem Satan übergeben" drückt recht genau das aus, was eine Exkommunikation meint, denn sie beinhaltet v.a. den Ausschluss von den Gnadenmitteln der Kirche (Sakramente), die für den von Paulus beschriebenen Kampf erforderlich sind: "Wenn ihr das Fleisch des Menschensohnes nicht esst und sein Blut nicht trinkt, habt ihr das Leben nicht in euch." (Joh 6,53)

Ein solcher Ausschluss kann von Paulus übrigens auch delegiert werden, sodass er selbst nur "im Geiste" dabei ist: "Wenn ihr im Namen unseres Herrn Jesus versammelt seid und mein Geist mit der Kraft unseres Herrn Jesus bei euch ist, sollt ihr diesen Menschen dem Satan übergeben zum Verderben des Fleisches." (1Kor 5,4-5) Das ist interessant, weil es zeigt, welche Autorität Paulus besessen hat ("mit der Kraft unseres Herrn") und dass eine Gemeinde nicht beliebig handeln konnte. Wenn aber schon die ersten Christen nicht immun gegen den Irrtum und die Sünde waren - Paulus: "Wisst ihr nicht, dass ein wenig Sauerteig den ganzen Teig durchsäuert?" (1Kor 5,6); und noch deutlicher: "ihr Wort frisst um sich wie ein Krebs[geschwür]" (2Tim 2,17) -, und sich nur dadurch zu helfen wussten, dass sie die Akteure ausschlossen, welche Arroganz (oder Dämlichkeit? oder Feigheit?) ist das, die uns Heutigen versichert, wir wären jenseits solcher Konflikte und bräuchten folglich auch solche Maßnahmen nicht mehr?


Eine Exkommunikation ist unbarmherzig... im Kopf dessen, der nicht weiß, was eine Exkommunikation ist. Entscheidend für unser Thema ist nämlich, dass ein "offizieller" Ausschluss aus der Gemeinschaft der Glaubenden (zur Erinnerung: das gilt immer nur zu Lebzeiten des Ausgeschlossenen) keine Verdammung ist, sondern genau im Gegenteil dem Heil des Betroffenen dient. Zur von Paulus genannten Übergabe an den Satan "zum Verderben des Fleisches" gehört wesentlich die Erklärung/Ergänzung des Apostels: "auf dass sein Geist gerettet werde am Tage des Herrn" (1Kor 5,5) und, bereits zuvor zitiert, "damit sie in Zucht genommen werden und nicht mehr lästern" (1Tim 1,20). Sprich: Es geht um die Hoffnung, dass der Betroffene sich bekehrt. Paulus macht sehr deutlich, dass seine "Vollmacht, die mir der Herr gegeben hat", Leute aus der Gemeinschaft auszuschließen, dazu dient "zu erbauen, nicht zu zerstören." (2Kor 13,10) Das Ziel jeder Exkommunikation ist und war schon immer nicht der Ausschluss (den die Betroffenen ja faktisch selbst bewirken) und damit die Zerstörung - sondern die Rückkehr, die Wiederaufnahme, die Versöhnung mit Gott und mit der Kirche. Mit Paulus gesprochen: Jemand wird ausgeschlossen "damit er schamrot werde." (2Thess 3,14) Im Umkehrschluss haben wir dann genau das, was wir heute überall erleben können: Die maßlose Unverschämtheit vieler Theologen und pastoralen Mitarbeiter.

Eine Exkommunikation soll heilen, alles andere ist ein Missverständnis. Zerstören (zersetzen) tun die Sünden und die Häresien, deshalb müssen ihre hartnäckigen Akteure - zum Schutz der anderen und ihnen selbst hoffentlich zu Besserung - ausgeschlossen werden. Die Auferbauung der Kirche und ihre Erhaltung, soweit es an ihren Gliedern und insbesondere ihren Hirten liegt (Paulus wusste sich in dieser Verantwortung), verlangt den Widerstand, verlangt - dank Corona wissen nun auch Nichtbiologen, wovon ich spreche - eine Immunreaktion gegen die Häresie. Die Antikörper sind alle schon da, es braucht keine Impfungen mehr, denn die Häresien von heute sind immer nur die Häresien von gestern mit neuem Etikett. Die Immunosuppression, die gegenwärtig flächendeckend geschieht, ist Teil der Erkrankung und darf nicht als Errungenschaft (der Freiheit oder gar Mündigkeit) verkannt werden.

Dennoch ist eine angemessene Sprache und Haltung, und v.a. viel Zuwendung aus Liebe erforderlich. Ermahnung und Liebe gehören neutestamentlich aufs Engste zusammen (vgl. 1Petr 2,11; Jud 1,3; 1Kor 4,14; 2Kor 2,8; Röm 15,13) und sind von hoher Priorität: "Ist nun bei euch Ermahnung in Christus, ist Trost der Liebe, ist Gemeinschaft des Geistes, ist herzliche Liebe und Barmherzigkeit..." (Phil 2,1) Und wenn es nicht anders geht und die Ermahnungen nicht fruchten, dann... ... In der katholischen Kirche in Deutschland kommt es nie so weit, denn hier finden Ermahnungen nur noch in die belanglose oder falsch Richtung statt: wenn nicht ausreichend gegendert, nicht genügend CO₂ eingespart, oder wenn einmal in die richtige Richtung (an Sünder und Häretiker) ermahnt, oder wenn die Lehre der Kirche als Standpunkt vorgebracht wird... 

 

Vor 500 Jahren waren die meisten Bischöfe hierzulande nur untätig oder unfähig, heute machen einige ihrer Nachfahren begeistert mit beim Trubel... Das Thema Exkommunikation könnte bald in höchstem Maße aktuell werden...

 

 

PS. Als kleine ironische Note habe ich hier stets die Lutherübersetzung zitiert, denn die ist nicht nur bei diesem Thema einfach kerniger...