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Montag, 26. Juni 2023

Erzbischof Johannes Dyba über den Fortschritt

'Konservativ' genannt zu werden, war einem früher eher peinlich. Nach dem Schicksal, das die sogenannten 'Fortschrittlichen' in den letzten Zeiten erfahren mussten, ist es nicht mehr ganz so unangenehm. Auf dem Gebiet von Wissenschaft und Technik haben sich die Grenzen und Gefahren des 'Fortschritts ja überdeutlich gezeigt. Aber auch auf politischem und gesellschaftlichem Gebiet haben Strömungen wie Marxismus und Sozialismus in all ihren Formen, die ja lange Jahre den Fortschritt geradezu zu verkörpern behaupteten, uns an den Rand des Abgrunds geführt. Am Abgrund aber ist nun wirklich jeder weitere Fortschritt tödlich.

Es zeigt sich immer deutlicher, daß man den Fortschritt nicht so naiv wie bisher als etwas Wünschenswertes begrüßen darf, ohne zu prüfen, wovon er eigentlich 'fort'schreitet und zu welchem Ziel er hinschreitet. Ein Beispiel mag das veranschaulichen. Wenn demnächst, wie bei der jetzigen Entwicklung mit Sicherheit zu erwarten ist, der bereits gefundenen sanften Babytötungspille die sanfte Einschläferungspille für Oma und Opa folgt, dann ist das rein pharmazeutisch gesehen zwar ein Fortschritt, menschlich gesehen aber ein Rückschritt in die Ära steinzeitlicher Nomaden, die beim Weiterziehen ihre hilflosen Alten im Schnee zurückließen, weil sie für den Stamm eine für unzumutbar gehaltene Belastung darstellten.

Auch dem verlorenen Sohn" erschien der Aufbruch aus dem Vaterhaus mit prall gefüllten Beuteln sicher als ein Fortschritt. Später musste er dann einsehen, dass der wahre Fortschritt in der Rückkehr zum Vater bestand.

Damit sind wir bei der Frage des Fortschritts in Christentum und Kirche. Was hier neuerdings an Fortschritten verlangt und an 'Fortschrittlichem' angepriesen wird, muss ebenso kritisch geprüft werden. Wenn sich dann – wie im Fall Drewermann – herausstellt, dass die Preisgabe elementarer Bestandteile des katholischen Glaubens, ja sogar von Teilen des Credo ('Empfangen vom Heiligen Geist, geboren aus Maria, der Jungfrau') als besonders fortschrittlich gilt, dann liegt, wie Reinhard Löw richtig bemerkt hat, die Konsequenz nahe, dass der fortschrittlichste Christ der ist, der sich bemüht, das Christentum und damit die Kirche überhaupt abzuschaffen.

Demgegenüber muss auffallen, dass die Predigt Jesu, ebenso wie die seines Vorläufers Johannes mit einem klaren 'Kehrt um!' beginnt. Schon den Propheten des Alten Bundes war aufgefallen, dass Fortschritte" im politischen, kriegerischen, vor allem aber wirtschaftlichen Bereich die Tendenz hatten, das Volk Gottes vom Herrn zu entfernen. Immer wieder rufen sie daher das Volk 'zurück' zum Herrn, was schon damals – wie das Schicksal so vieler Propheten zeigt – keine angenehme oder dankbare Aufgabe war.

Da das Ziel des Christseins in der Nachfolge Christi liegt, sind die fortschrittlichsten Christen die Heiligen. Daran muss sich jeder messen lassen und das muss begreifen, wer in der Kirche von Fortschritt reden will: Nur wenn ich auf Gott zugehe, ist jeder Schritt ein echter Fortschritt, entferne ich mich aber von Gott und seinen Geboten, dann habe ich allen Fortschritt hinter mir gelassen. So wünsche ich allen Gläubigen in diesem Jahre einen wirklichen Fortschritt: dass sie am Ende des Jahres Gott einen Schritt näher gekommen sein mögen - nicht nur im Ablauf der Zeit, sondern auch in ihrem ganzen Sein und Leben.
 
 
(aus: Klein/Sinderhauf, "Unverschämt katholisch", 223-224)

Mittwoch, 4. Mai 2022

Das christliche Priestertum ist biblisch

Der Exeget Martin Ebner hat vor ein paar Tagen ein Interview gegeben (hier), in dem er behauptet, das Neue Testament kenne kein christliches Priestertum. Wem das bekannt vorkommt: Das gleiche hat er vor zwei Monaten schonmal öffentlichkeitswirksam behauptet (hier), siehe auch seine beiden Beiträge auf feinschwarz.net hier und hier. Natürlich hat beide Male katholisch.de die Story aufgegriffen, denn was könnte "katholischer" sein, als in schöner Regelmäßigkeit das katholische Priestertum öffentlich als evangeliumswidrig hinzustellen… Diese Taktik fördert ganz bestimmt Berufungen zum Priestertum und die allgemeine Festigkeit im Glauben!

Wie für seine Profession üblich, arbeitet Ebner mit einem geschickten Mix aus wahren Aussagen, Halbwahrheiten, Andeutungen, Falschbehauptungen und Auslassungen.

 

Ebner: „Erst ab dem 3. Jh. n. Chr. gibt es Priester in christlichen Gemeinden.“

Ja und nein. Es ist richtig, dass zu Anfang die Bezeichnung „Priester“ (gr. ἱερεύς, hiereus) keine nennenswerte Rolle spielte, das hängt aber v.a. mit dem reichhaltigen Vorhandensein heidnischer „Priester“ zusammen. Wie bei vielen anderen Dingen auch, konnten sich die Christen erst nach und nach bestimmte Begriffe oder Symbole aneignen (z.B. das Symbol des Kreuzes), sei es, dass sie sich vorher erst vergewissern mussten, sei es, dass Missverständnisse (z.B. Vergleiche mit heidnischen Kulten) vermieden werden mussten. Es ist nicht weiter verwunderlich, dass die Christen Zeit brauchten, um ihre eigene (Symbol-)Sprache zu finden für das, was sie glauben und leben.

Was Ebner nicht sieht oder sehen will (oder seinen Lesern absichtlich verschweigt), ist, dass zwar der Begriff des „Priesters“ (gr. hiereus) in den ersten zwei Jahrhunderten der Kirche unüblich war und etwa im NT nicht für die Verantwortungsträger in den christlichen Gemeinden auftaucht, aber die Sache selbst gab es durchaus und von Anfang an (s.u.).

 

Ebner fährt fort: „Für christliche Gemeinden sind Priester nicht vorgesehen. Und zwar nicht deshalb, weil es keine gegeben hätte. Nach Apg 6,7 sind auch viele Tempelpriester christusgläubig geworden. Aber sie haben keine Funktion in den Gemeinden. Und zwar aus prinzipiellen Gründen. Denn verschiedene Schriften des Neuen Testaments entwickeln eine Gemeindetheologie, die alles, was zur Zeit Jesu streng an die priesterlichen Opferriten im Tempel gebunden war, in die Hände der Getauften legt.“

Ja und nein. Es stimmt: Für Priester des Alten Bundes(!) gab es keine rituelle Funktion in den christlichen Gemeinden. Aber weiß Ebner nicht, dass es einen Unterschied gibt zwischen der rituellen Feier des Alten Bundes und der des Neuen Bundes? Die Sensation von Ebners Festsellung hält sich in Grenzen, wenn man nur etwa an Jesu Rede vom neuen Wein in neuen Schläuchen denkt: Es hat sich eben etwas geändert. Ein Priester in Israel ist etwas anderes, als ein Priester im Christentum, so wie ein Priester in einem heidnischen Kult nochmal etwas anderes ist. Vielleicht um genau dieses Missverständnis zu vermeiden, dem Ebner hier seine Leser mutwillig unterwirft, haben die Christen zu Anfang den Begriff „Priester“ (gr. hiereus) für ihre Amtsträger vermieden.

Dass das christliche Priestertum etwas ganz anderes ist, als was vorher oder im Umfeld des Christentums existierte, verdeutlicht schon die simplen Tatsache, dass es nur im Christentum das Sakrament der Priesterweihe gibt. Die christlichen Sakramente haben Vorbilder im Alten Bund (Beschneidung – Taufe, Paschalamm – Eucharistie, Salbung von Priester und Hohepriester – Weihesakrament, Reinigungsbad – Beichte), weswegen etwa Thomas von Aquin und andere Gelehrte durchaus von echten Sakramenten des Alten Bundes sprechen. Thomas sprach der Beschneidung sogar sündenvergebende Kraft zu (bezogen auf die Erbsünde). Ich vermute, dass Ebner Sakramente generell ablehnt, jedenfalls wäre das die logische Konsequenz seiner Position.

Ebners Feststellung darüber, dass „Opferriten im Tempel“ „in die Hände der Getauften“ gelegt wurden ist derweil richtiger Unsinn, denn die Christen haben mit den Opferriten im Tempel einfach nichts zu tun! Die ersten Christen gingen natürlich in den Tempel, schließlich war es nach wie vor Haus Gottes, in dem Gottes Wort verkündet wurde. In Ermangelung eines Neuen Testaments, waren die heiligen Schriften der Juden auch die einzigen heiligen Schriften der ersten Christen, darum konnten sie sich sozusagen für den „Wortgottesdienst“ im Tempel aufhalten (und um zu missionieren). Aber an den Opfern beteiligten sie sich eben gerade nicht, denn sie hatten ihr eigenes Opfermahl zu Feiern, das ihnen Jesus selbst aufgetragen hat. Und das taten sie nicht im Tempel, sondern in ihren Häusern: „Tag für Tag verharrten sie einmütig im Tempel [...] brachen in ihren Häusern das Brot“ (Apg 2,46). (Man beachte auch: sie brachen täglich das Brot, die Eucharistie ist also nicht nur etwas für die Sonntage; und, anders als das Pessach der Juden, ist das Neue, was der Herr den seinen zu seinem Gedächtnis auftrug, erst recht nicht nur einmal jährlich zu feiern.)

Nein, was „an die priesterlichen Opferriten im Tempel gebunden war“ wurde nicht „in die Hände der Getauften“ gelegt, sondern es betraf die Getauften schlicht nicht!

 

Ebner: „Wer der Eucharistiefeier vorstehen soll, wird im Neuen Testament nirgends problematisiert.“

Ja und nein. Richtig ist, dass diese spezielle Frage nach dem Vorsteher der Eucharistie in den uns überlieferten Texten nicht explizit behandelt wird. Aber damit führt Ebner seine Leser in die Irre: Er greift dieses spezielle Thema heraus, weil er weiß, dass die Ämterfrage zwar zugespitzt auf diese eine spezifische Aufgabe des Vorstehers bei der Eucharistie nicht ausdrücklich behandelt wird, aber die Ämterfrage generell wird sehr wohl gestellt, und es geht dabei um mehr als nur die (zeitweise) Übernahme von Funktionen.

Ich finde es faszinierend, dass Ebner behauptet, es gäbe kein christliches Priestertum, er aber die wesentlichste Aufgabe, die das von ihm Verneinte seit 2000 Jahren erfüllt, nicht über diese Wegwerfformel hinaus thematisiert. Er wischt es beiseite mit „das wurde nicht problematisiert“… Also: Die Eucharistie. Die Tradition sieht genau dort den Ursprung des Priestertums. Jesus sagt schwer betroffen: „Mit großer Sehnsucht habe ich danach verlangt, vor meinem Leiden dieses Paschamahl mit euch zu essen. […] Tut dies zu meinem Gedächtnis!“ (Lk 22,15.19) Die Kirche hat Jesus beim Wort genommen: Seine Sehnsucht war es, mit diesem auserwählten Kreis von Leuten, seinen Aposteln, dieses besondere Mahl zu halten. Nicht mit den 72 „anderen Jüngern“ (Lk 10,1); nicht mit den zahlreichen „Frauen in seiner Nachfolge“ (Lk 23,55; Mk 15,41), die ihn begleiteten, beherbergten und unterstützten; nicht mit den 5000, die er in Galiläa gespeist hat (Mt 14,21); nicht mit den „Mühseligen und Beladenen“ von der Straße (Mt 11,28). Sondern hier an diesem Punkt wollte er nur mit seinen Aposteln zusammen sein, und nur diesen zwölf offenbart er etwa unverschämtes, nämlich seinen Leib und sein Blut in Brots- und Weingestalt. Und er erteilt ihnen(!) den klaren Auftrag, diesen Kult zu vollziehen zu seinem Gedächtnis. Der Vorsitz bei der Eucharistie ist darum zugleich der höchste Ausdruck von Leitung und Autorität in der christlichen Gemeinde, denn durch diese Feier wird sie konstituiert.

Ebner kann das christliche Priestertum nur für nicht existent erklären, indem er es am alttestamentlichen Priestertum misst, das natürlich mit dem Neuen Bund in Jesu Blut hinfällig geworden ist. Das Eigene des neutestamentlichen Bundesschlusses (und das faktische Leben in den christlichen Gemeinden) muss Ebner für seine Argumentation ausklammern, im Grunde redet er also am Thema vorbei.

 

Tatsächlich finden wir auch im Neuen Testament eine Fülle von Diensten (Ämtern), die nicht allen, sondern eben nur bestimmten Gemeindegliedern zukommen bzw. übertragen werden. Ausdrücklich heißt es, Jesus(!) „setzte die einen als Apostel ein, andere als Propheten, andere als Evangelisten, andere als Hirten und Lehrer“ (Eph 4,11). Eigentlich simpel: „Es gibt verschiedene Dienste“, sagt Paulus, wie es auch „verschiedene Gnadengaben“ und „verschiedene Kräfte“ gibt (1Kor 12,4-6). Aber es gibt nur einen Gott und Herrn, Jesus Christus!

Wir haben sogar einen recht genauen Bericht davon, wie neue Ämter für den Dienst an der christlichen Gemeinde eingerichtet wurden: In Kapitel 6 der Apostelgeschichte wird das Amt der Diakone geschaffen, die sich „dem Dienst an den Tischen widmen“ sollen: „Männer von gutem Ruf und voll Geist und Weisheit“ (Apg 6,2-3). Wir sehen dabei auch, dass solche Ämter rituell übertragen wurden: „Sie ließen sie vor die Apostel hintreten und diese legten ihnen unter Gebet die Hände auf.“ (V. 6) Ähnlich mit den „Ältesten“: Paulus und Barnabas „setzten für sie [= die neu gewonnenen Jünger] in jeder Gemeinde Älteste ein und empfahlen sie unter Gebet und Fasten dem Herrn“ (Apg 14,23). An anderer Stelle lesen wir, wie Paulus den Timotheus an die Gnade erinnert, die ihm „durch die Auflegung meiner Hände zuteilgeworden ist“ (2Tim 1,6), und dass dieser selbst „keinem vorschnell die Hände auf[legen]“ (1Tim 5,22) soll. Diese Praxis kommt übrigens, wie die Sakramente überhaupt, nicht von irgendwoher, sondern schließt durchaus an die Tradition des Alten Bundes an: Schon Mose hatte dem Josua die Hände aufgelegt, um ihm seine Vollmacht weiterzugeben (vgl. Num 27,20-23).

 

Zwar hat Ebner mit der Feststellung recht, dass es im NT den Begriff „Priester“ (gr. hiereus) für diese Ämter nicht gibt, aber die simpelste Erwiderung darauf lautet: Na und? Auch den Begriff „Trinität“ finden wir nicht im NT, ist also der Glaube an den dreieinen Gott falsch?

Es steht außer Zweifel, dass bereits im Neuen Testament bestimmte Ämter durch „Handauflegung und Gebet“ an ausgewählte und entsprechend geprüfte Gemeindemitglieder „hierarchisch“ (d.h. von „oben“, von den Aposteln ausgehend) übertragen wurden. Genau das ist in schöner Kontinuität bis heute ein wesentliches Element des Lebens der Kirche. Ebner hat natürlich ein Problem damit, darum unterlässt er es tunlichst, diese Tatsache zu erwähnen oder er entsorgt sie einfach als nicht relevant für die Frage. Neben den schon zitierten Evangelisten, Lehrern, Propheten etc. gab es auch drei Bezeichnungen, insbesondere für die „Leitungsebene“ in den Gemeinden und für diejenigen, die autoritativ lehrten und den Glauben verteidigten, die uns heute nur allzu vertraut sind, wenn sie auch im NT noch nicht die exakt gleiche Bedeutung oder Aufgabenzuweisung haben, wie dies später der Fall war oder wie es heute der Fall ist.

- Diakon (gr. διάkovoς; dt. Diener/Gesandter): „Ebenso müssen Diakone sein: achtbar, nicht doppelzüngig, nicht dem Wein ergeben und nicht gewinnsüchtig; sie sollen mit reinem Gewissen am Geheimnis des Glaubens festhalten. Auch sie soll man vorher prüfen, und nur wenn sie unbescholten sind, sollen sie ihren Dienst ausüben.“ (1Tim 3,8-10)

- Presbyter (gr. πρεσβύτερος; dt. Ältester): „Presbyter, die das Amt des Vorstehers gut versehen, verdienen doppelte Anerkennung, besonders solche, die sich mit ganzer Kraft dem Wort und der Lehre widmen.“ (1Tim 5,17)

- Episkop (gr. ἐπίσκοπος; dt. Aufseher): „Denn der Episkop muss unbescholten sein als Haushalter Gottes, nicht überheblich und jähzornig, kein Trinker, nicht gewalttätig, nicht habgierig, sondern gastfreundlich, das Gute liebend; besonnen, gerecht, fromm und beherrscht, einer, der sich an das zuverlässige Wort hält, das der Lehre entspricht, damit er in der Lage ist, in der gesunden Lehre zu unterweisen und die Widersprechenden zu überführen.“ (Tit 1,7-9)

Davon leiten sich unsere modernen deutschen Wörter „Diakon“, „Priester“ und „Bischof“ ab. Dass das griechische Wort für „Priester“ (gr. hiereus) in den frühesten christlichen Gemeinden nicht in Gebrauch war, ist unerheblich. Letztlich mag es Zufall sein, dass sich gerade diese drei Begriffe für ein dreigliedriges Amt durchgesetzt haben und wir heute keine Ämter mit der Bezeichnung „Evangelist“ und „Prophet“ mehr haben. Das spielt aber keine Rolle: Es gab von Anfang an solche Leitungs- und Lehrämter, und es gibt sie bis heute. Das ist das Entscheidende, nicht, wie diese Ämter heißen.

 

Es ist inzwischen allgemein üblich, auf die Geschichtlichkeit der Kirche zu pochen, die sich nicht losgelöst von Zeitumständen entwickelt hat und auch weiterhin entwickeln wird. Und das stimmt auch! Interessanterweise provozieren Leute wie Ebner jedoch den Verdacht, dass sie diese Geschichtlichkeit aber dann doch wieder leugnen, weil offenbar etwas heute (oder seit 1800 Jahren) nicht sein darf, was nicht eindeutig und klar bereits im Neuen Testament genau so zu finden ist. Ebner behauptet: Es gibt im NT keine „Priester“ (gr. hiereus), darum darf es sie auch nie geben, und wenn es sie gibt, dann ist das ein Missstand, der gegen das von Jesus gepredigte Evangelium verstößt.

Ebner und andere leugnen nicht die Geschichtlichkeit der Kirche – sie selbst wollen diese Geschichte ja in Richtung Zukunft mitbestimmen! –, aber sie sprechen der faktischen Entwicklung der Kirche und ihrer Ämter jegliche Legitimität ab, weil sie nicht ihren Wünschen gemäß verlaufen ist. Es darf einfach nicht sein, dass alles, was die Kirche heute glaubt und lebt im NT bereits zumindest keimhaft zu finden ist und sich später so entfaltet hat, wie es das eben getan hat. Dann ignoriert man eben die im NT bezeugten Ämter oder erklärt diese Bezeugungen „wissenschaftlich“ für irrelevant. Das hat aber nichts mit Wissenschaftlichkeit zu tun, das ist einfach nur Ideologie. Welche Arroganz daraus spricht, 2000 Jahre Kirchengeschichte an den eigenen billigen Meinungen und drögen Vorlieben zu messen...

Die Implikation dieser Position ist freilich unausweichlich: Die Kirche damit meine ich nicht nur die katholische Kirche: alle alten Kirchen, ob nun ost- und westsyrisch, koptisch, äthiopisch, armenisch, oder byzantinisch, haben das dreigliedrige Priestertum hat sich offenbar 1800 Jahre lang geirrt, und jetzt kommt Herr Ebner (+ Kollegen) und führt sie endlich, nach so vielen Jahrhunderten des Irrtums! – auf den einzig wahren Weg des Evangeliums zurück... Aber eine Kirche, die sich (mindestens) 1800 Jahre lang in etwas so Grundlegendem wie dem Aufbau des Volkes Gottes so völlig geirrt hat, kann nicht „Säule und Fundament der Wahrheit“ (1Tim 3,15) sein. Die Zusage Jesu, der Heilige Geist werde „euch alles lehren und euch an alles erinnern, was ich euch gesagt habe“ (Joh 14,26) ist dann Schall und Rauch; der Kirche könnte man dann grundsätzlich nichts glauben. Auch die von der Kirche von all den zuvor genannten Kirchen uns bis heute überlieferte Heilige Schrift ist dann in Gänze unzuverlässig und alles, was Ebner über das Vorkommen oder Nichtvorkommen von Begriffen im NT redet, ist somit letztlich auch egal. Ebner und seine Gesinnungsgenossen ziehen sich, wie üblich, selbst den Boden unter den Füßen weg und merken es noch nicht mal.

 

Spannende finde ich es, dass sogar der Vergleich mit dem alttestamentlichen Priestertum Ebners These durchaus nicht sonderlich stützt. 

Zunächst: Viel ist die Rede vom „gemeinsamen Priestertum“ aller Getauften Ebner erwähnt das komischerweise nicht –, dass wir, die Christen, „ein auserwähltes Geschlecht, eine königliche Priesterschaft, ein heiliger Stamm“ (1Petr 2,9) sind. Das ist übrigens keine nachkonziliare Neuentdeckung, schon vorher sprach man unter Theologen zuweilen, wenn auch etwas umständlich, vom „Laienpriestertum“. Peinlich für viele, die auf dieses gemeinsame Priestertum pochen, ist indes, dass es biblisch in Jesu Kreuzesopfer begründet ist, weil sich darin Jesus als Hohepriester und Opfer zugleich offenbarte: „sein Blut“ macht uns zu Priestern (vgl. Offb 1,5-6; 5,9-10). Die Kirche ist Leib Christi, des einzigen Hohepriesters, also ist das ganze Volk Gottes „priesterlich“.

Jedenfalls: Was gerne unerwähnt bleibt ist, dass auch schon das Volk des Alten Bundes „ein Königreich von Priestern und [...] ein heiliges Volk“ (Ex 19,6; vgl. 23,22) genannt wurde. Obwohl es also ein „Königreich von Priestern“ war, hatte Israel dennoch „Priester“ in einem engeren, besonderen Sinne. Das gemeinsame Priestertum aller Getauften, das es in analoger Weise auch schon bei den „Beschnittenen“ gab (siehe Thomas: Beschneidung als Sakrament), schließt also in keiner Weise die Existenz eines besonderen Priestertums aus. Im Gegenteil: Ein priesterliches Volk ist geradezu die notwendige Voraussetzung für ein besonderes Priestertum des Dienstes. Weil die Christen ein priesterliches Volk sind, kann es besondere priesterliche Ämter geben, wie dies auch im Alten Bund der Fall war.

Klar kann man nun behaupten „aber im Neuen Bund ist das eben anders“, aber dann muss man das belegen. Die im ganzen NT klar bezeugten Ämter in den frühen christlichen Gemeinden sprechen jedenfalls eindeutig dagegen. Natürlich gibt es Dinge, die im Neuen Bund „anders“ sind, Jesus war stets bereit, etwa die Rückbesinnung auf den „Anfang“ ins Spiel zu bringen, was jedoch regelmäßig nicht eine Entspannung, sondern eine Verschärfung brachte (vgl. Ehebruch und Scheidung); aber nirgends hat Jesus besonderen priesterlichen Ämtern eine Absage erteilt.

Zwischen dem priesterlichen Volk im AT und dem priesterlichen Volk im NT gibt es indes eine bemerkenswerte Verschiebung des „Rasters“, wenn man so will: Während im Alten Bund alle drei Ebenen – Hohepriester, Priester, Volk – rein menschlich sind, gilt mit Christus eine andere Logik: Er, Christus, ist der Hohepriester (vgl. Hebr 9,11), womit das Richtige an Ebners Behauptung in den Blick kommt: Was im Alten Bund nur für Priester galt, gilt nun für das ganze Volk, denn alle Getauften haben Zutritt zum Heiligtum, das Jesus Christus selbst ist. Aber es bleibt dennoch die Möglichkeit eines besonderen priesterlichen Dienstes offen, der für das Volk, das in der Welt lebt, unmittelbarer dem Allerheiligsten dient und es in geistlichen Dingen leitet, wie es ausgerechnet der Apostel Paulus vormacht, der von sich sagt, er würde dem „Evangelium Gottes wie ein Priester“ dienen (Röm 15,16).

Man beachte, dass das Priestertum aller Christen immer in einem eindeutig kultischen Kontext aufkommt; es geht nie um „Gemeindeleitung“, Macht oder Partizipation, sondern um die Verherrlichung Gottes und die Verkündigung des Evangeliums: Die Christen sind Priester, um durch Jesus Christus geistige Opfer darzubringen, die Gott gefallen [und] damit ihr die großen Taten dessen verkündet, der euch aus der Finsternis in sein wunderbares Licht gerufen hat.“ (1Petr 2,5.9) Zur Frage nach (Leitungs)Ämtern in der Kirche sagt das gemeinsame Priestertum also gar nichts aus. Dass es nicht nur faktisch in den ersten christlichen Gemeinden bereits eine sich entwickelnde Ämterstruktur gab, sondern dass Jesus selbst menschliche Hirten gewollt hat für die, die ihm nachfolgen, ist schließlich unbezweifelbar, wie er nach seiner Auferstehung gegenüber Petrus deutlich machte: Weide meine Lämmer! [...] Weide meine Schafe! [...] Weide meine Schafe!(Joh 21,15-17)

 

Für Ebner gab es am Beginn des Christentums kein besonderes Priestertum, alle Christen waren gleich, niemand tat etwas, was nicht auch ein anderer tun konnte. Es gab ihm zufolge folglich auch keine Opfer (denn das hieße, dass jemand es darbringt, und jemand anders nicht), sondern nur ein gemeinschaftliches Mahl. Wohl am schlagkräftigsten lässt sich alles das mit Klemens von Rom widerlegen, der in seinem Brief an die korinthische Gemeinde genau auf diese Themen eingeht... Es gibt indes keinen Grund, anzunehmen, dass irgendetwas daran neu war oder es von der korinthischen oder anderen Gemeinden als unchristlich abgetan wurde, Klemens legt einfach nur dar, was schon zu seiner Zeit allgemein üblich war. Welche Zeit ist das? Nun, wir können Klemens ruhig zu jener frühesten Zeit des Christentums rechnen, sein Brief ist wahrscheinlich älter als manche Schriften des Neuen Testaments (insbesondere die des Johannes). Zum Kontext: In Korinth war damals im Grunde das gleiche passiert, womit ein paar jahrzehnte zuvor bereits Paulus zu kämpfen hatte, nämlich die Infragestellung der heiligen Ordnung der Feier der Eucharistie, und damit zugleich die Ordnung der Dienstämter. Klemens schreibt in den Kapiteln 40, 42 und 44 seines Briefes das Folgende:

»40,1. Da uns also dieses ganz klar ist, und wir weit hinabgedrungen sind in die Tiefen der göttlichen Erkenntnis, müssen wir alles ordnungsgemäß tun, was der Herr an bestimmten Zeiten zu erfüllen angeordnet hat. 2. Er wollte, dass Opfer und Gottesdienst gehalten werde, aber nicht aufs Geratewohl und ohne Ordnung solle es geschehen, sondern zu festgesetzten Zeiten und Stunden. 3. Wo und durch wen er es verrichtet wissen will, hat er nach seinem allerhöchsten Willen selbst bestimmt, damit alles heiligmäßig geschehe und so in Wohlgefallen aufgenommen werde von seinem Willen. 4. Die nun ihre Opfer darbringen zur vorgeschriebenen Zeit, sind wohlgefällig und selig; denn wenn sie den Gesetzen des Herrn nachkommen, sündigen sie nicht. 5. Dem obersten Priester sind nämlich eigene Verrichtungen zugeteilt, auch den Priestern ist ihr eigener Platz angewiesen, und den Leviten obliegen eigene Dienstleistungen; der Laie ist an die Laienvorschriften gebunden.

42,1. Die Apostel haben uns das Evangelium verkündet, (das sie) vom Herrn Jesus Christus (bekommen haben), Jesus Christus aber ist gesandt von Gott. 2. Christus ist also von Gott und die Apostel von Christus (gesandt); beides ist demnach geschehen in aller Ordnung nach dem Willen Gottes. 3. Sie empfingen also ihre Aufträge, wurden durch die Auferstehung unseres Herrn Jesus Christus mit Gewissheit erfüllt, wurden im Glauben an das Wort Gottes gefestigt, und dann zogen sie voll des Heiligen Geistes hinaus zur Predigt, dass das Reich Gottes nahe sei. 4. Indem sie nun in Ländern und Städten predigten, setzten sie die Erstlingsfrüchte ihrer (Predigt), nach vorhergegangener Prüfung im Geiste, zu Bischöfen und Diakonen der zukünftigen Gläubigen ein. 5. Und dies war nichts Neues; denn schon seit langer Zeit war geschrieben über Bischöfe und Diakone. So nämlich sagt einmal die Schrift: „Ich will einsetzen ihre Bischöfe in Gerechtigkeit und ihre Diakone in Treue“ [Jes 60,17; ungenau zitiert].

44,1. Auch unsere Apostel wussten durch unseren Herrn Jesus Christus, dass Streit entstehen werde um die Bischofswürde. 2. Aus diesem Grunde setzten sie auch, da sie eine genaue Kenntnis hiervon zum voraus erhalten hatten, die oben Genannten ein und gaben ihnen dazu Auftrag, dass, wenn sie entschlafen wären, andere erprobte Männer ihren Dienst übernähmen.«



Fassen wir zusammen: Ebner leugnet die Legitimität besonderer, mit Autorität und Lehrgewalt versehener Ämter in der christlichen Gemeinde, indem er alle entsprechenden Zeugnisse aus dem NT einfach ignoriert. Das sei kein Thema gewesen, das wurde nicht problematisiert. Die Ämterfrage wurde im NT aber durchaus problematisiert, weswegen Paulus der zerstrittenen Gemeinde in Korinth die rhetorische Frage stellen muss: „Sind etwa alle Apostel, alle Propheten, alle Lehrer? Haben alle die Kraft, Machttaten zu wirken?“ (1Kor 12,29) Die Antwort ist natürlich: Nein! Heute haben wir in Deutschland offenbar genau das gleiche Problem erneut (nichts Neues unter der Sonne), und solche dümmlichen Behauptungen wie die von Ebner sind ein wesentlicher Grund dafür.

Samstag, 30. April 2022

Über Messstipendien

Bis vor kurzem nicht für möglich gehalten, nie einen Gedanken daran verschwendet... aber ich lasse mich ja grundsätzlich immer gerne von der Wirklichkeit eines Besseren belehren: Offenbar kann es in der katholischen Kirche in Deutschland passieren, dass das Pastoralteam einer Pfarrei beschließt, Messstipendien abzuschaffen.

Ach. Achso? Das geht?

Nein, natürlich nicht.

 

Aber der Reihe nach.

Was ist ein Messstipendium?

Ein Messstipendium (oder: Messintention) ist eine (Opfer)Gabe eines Gläubigen an einen Priester, mit dem Sinn, ihn zu verpflichten, eine Heilige Messe in der Intention (mit dem Anliegen, in der „Meinung“) des Gebers zu feiern. Heutzutage besteht es in einer Geldgabe. Diese Praxis ist so alt wie die Kirche, nur dass es sich bei den Gaben in den ersten ca. acht Jahrhunderten der Kirche meist um Naturalien (Lebensmittel) handelte. Diese auf die Feier der Messe konzentrierten Zuwendungen entwickelten sich aus den (Opfer)Gaben, die die Gläubigen generell für den Unterhalt und die wohltätige Arbeit der Kirche beisteuerten. Auf diese Weise sorgten die Gläubigen für den Unterhalt der für sie im heiligen Dienst stehenden Priester.

Die Bischöfe können festlegen, was die üblichen Beträge für ein Messstipendium sind (aber natürlich dürfen auch höhere oder niedrigere Beträge angenommen werden) und welchen Anteil an diesem Betrag der Priester selbst erhält, der Rest wird „nach oben“ weitergereicht und ist Zweckgebunden für die wesentlichen Aufgaben der Kirche.

Zumeist ist der von den Bischöfen festgesetzte Betrag in Deutschland 5€, wovon dem Priester 2,50€ zustehen. Hier in Deutschland ist der Anteil, den der Priester erhält, für diesen selbst eigentlich unerheblich, denn die Priester werden hierzulande im Allgemeinen ziemlich gut bezahlt (und dafür, dass sie keine Familie ernähren müssen und häufig nicht einmal Miete zahlen, sogar fast fragwürdig gut), weshalb sie i.d.R. dieses Geld unmittelbar einem guten Zweck zukommen lassen (andernfalls müssten sie es als Einkünfte versteuern). In vielen anderen Weltgegenden leben die Priester, wie es schon am Anfang der Kirche war, von diesen Stipendien, sie bestreiten damit ihren Lebensunterhalt.

Pro Priester und Messe darf nur eine solche Intention und folglich auch nur ein Stipendium angenommen und „erfüllt“ (Fachausdruck: „appliziert“) werden, sie wird dann im Verlauf der Messe erwähnt. Spätestens mit dem Priesterschwund der letzten Jahrzehnte und dem leider weit verbreiteten Wegfall der täglichen Zelebration können längst nicht alle Messstipendien, die – Gott sei Dank! – noch immer vergleichsweise zahlreich von den Gläubigen gegeben werden, von den Priestern erfüllt werden. Wenn man hierzulande oft eine ganze Reihung von Intentionen, etwa beim Totengedenken im Hochgebet, vernehmen kann, dann sind diese vielen Erwähnungen zwar legal, aber tatsächlich gilt diese Messe nur für die erste genannte Intention. Die anderen Intentionen werden samt Stipendium weitergereicht an andere Priester (z.B. in Klöstern), dank moderner Kommunikationstechnologie etwa auch an diejenigen in anderen Ländern, für die die Messstipendien die einzige Einkommensquelle sind. Über all das muss genau Buch geführt werden. Idealerweise nimmt der Geber eines Stipendiums auch an der entsprechenden Heiligen Messe teil, denn die Gabe des Stipendiums ist eigentlich nur der Anfang seiner Teilnahme, die sich in der Mitfeier der ganzen Messe verwirklicht und im Empfang der göttlichen Gegengabe – der Kommunion – ihren Höhepunkt erreicht.

 

Messstipendien abschaffen zu wollen ist aus verschiedenen Gründen falsch und zeugt v.a. von gravierenden Defiziten im Verständnis der Dinge des Glaubens und von erheblicher zwischenmenschlicher (pastoraler und diakonischer) Kurzsichtigkeit.

1) Zwar mögen Messstipendien für hiesige Priester keine relevante Einkommensquelle sein, weshalb die Frage aufkommen könnte „wozu?“, aber für andere Priester ist es das durchaus! Für Adveniat, Misereor etc. zu sammeln, aber dann Messstipendien abschaffen zu wollen, ist einfach zynisch. Hier mangelt es offenkundig an einem Bewusstsein für die kirchliche Gemeinschaft jenseits des eigenen Kirchturms.

2) Offenbar ist es eine hierzulande weit verbreitete Meinung, Messstipendien bezögen sich nur oder v.a. auf das Totengedenken in der Messe. Tatsächlich ist das nicht so, sie können mit jedem sinnvollen Anliegen verbunden sein (dann hört man etwa die Formulierung: „in einer bestimmten Meinung“). Faktisch sind sie hierzulande in der großen Mehrheit der Fälle mit den Verstorbenen verknüpft, eben weil man meint, es habe (nur) damit zu tun. Wenn wir das Totengedenken, oder besser: das Gebet für die Verstorbenen, als „Normalfall“ der mit einem Messstipendium verbundenen Intentionen annehmen, dann ist ihre Abschaffung erst recht als schwerwiegend, ja als grausam zu bezeichnen. Auch hier mangelt es an einem Bewusstsein für die Weite der kirchlichen Gemeinschaft, denn diese umfasst nicht nur die (vor Ort und auf der ganzen Welt) Lebendigen, sondern auch die Verstorbenen im Fegefeuer und im Himmel. Natürlich steckt hinter dem Versuch der Abschaffung der Messstipendien letztlich der weitestgehende Verlust des Glaubens an die Realität des Fegefeuers. Daher müsste das „Gebet für die Verstorbenen“, das Gott als Adressat und eben jene Verstorbenen als „Nutznießer“ hat, „für die“ gebetet wird, oftmals wohl eher „Aufforderung zur Erinnerung an die Verstorbenen“ heißen, weil als Adressat und zugleich Nutznießer eigentlich nur die Hinterbliebenen im Blick sind. Was würde ein „Gebet für die Verstorbenen“ auch bringen, wenn es kein Fegefeuer gäbe?


Mit dem letzten Punkt eng zusammenhängend ist die Verwirrung, die oft (auch unter pastoralen Mitarbeitern der Kirche) herrscht, über den Unterschied zwischen einem Stipendium für die Feier einer Heiligen Messe und einem fürbittenden Gebet zugunsten eines Verstorbenen, etwa im Rahmen einer Wort-Gottes-Feier. Tatsächlich gibt es immer wieder diözesane Verlautbarungen, die einschärfen, dass für Wort-Gottes-Feiern keine Messstipendien angenommen werden dürfen. Dass dies eigens (und wiederholt) eingeschärft werden muss, offenbart die weit verbreitete Ver(w)irrung, u.a. über den Unterschied zwischen diesen beiden Gottesdienstformen, über das Verhältnis von Wort und Sakrament, sowie bezüglich des priesterlichen Dienstes. Also:

3) Ein Messstipendium für einen Verstorbenen zu geben ist ein besonderer Akt der Nächstenliebe, der – wenn er nicht bloß „aus Tradition“ und dabei eher gedankenlos getan wird – allerdings das rechte Verständnis der Eucharistie voraussetzt. In „fromm“ ausgedrückt: Mit einem Messstipendium wird nicht nur eine Bitte zugunsten des im Fegefeuer Leidenden vor Gott gebracht, sondern diesem Leidenden werden die Früchte das rettenden Opfers Christi am Kreuz zugewendet. In „verständlich“ heißt das: Jesus hat denen, die ihm nachfolgen wollen, unmissverständlich den schwerwiegenden Auftrag erteilt: „Tut dies zu meinem Gedächtnis“ (Lk 22,19; 1Kor 11,24); gemeint ist die Feier der Eucharistie, und damit die Anteilhabe an seinem Leib und seinem Blut (vgl. 1Kor 10,16). Dieser Auftrag ist keine Nebensächlichkeit, und seine Erfüllung ist nicht „optional“. Sondern unsere Teilnahme an der Eucharistie ist von überragender Bedeutung, denn die Alternative ist schrecklich: „Amen, amen, ich sage euch: Wenn ihr das Fleisch des Menschensohnes nicht esst und sein Blut nicht trinkt, habt ihr das Leben nicht in euch.“ (Joh 6,53) Wie können wir die Teilhabe daran, aber auch den Trost und die Hilfe daraus, unseren „lieben Verstorbenen“ vorenthalten?


Neben diesen Fragwürdigkeiten, die ein Defizit an (welt- und überirdisch-)kirchlichem Bewusstsein („kirchlicher Gesinnung“) vermuten lassen, gibt es aber noch ein weiteres Problem mit dem Versuch der Abschaffung von Messstipendien, das selbst denjenigen auffallen müsste, die nicht weltkirchlich zu denken und zu fühlen gewohnt sind, und die auch die bereits verstorbenen Glieder der Kirche, insbesondere die „leidende Kirche“ im Fegefeuer, nicht recht beachten (Stichwort: sentire cum ecclesia): Ein Messstipendium ist, wie aus dem vorherigen Punkten deutlich geworden sein müsste, auch eine besondere verdienstvolle Tätigkeit der Gläubigen. Nicht nur ginge eine Abschaffung von Messstipendien somit zu Lasten derer, für die die Intentionen gelten (z.B. im Fegefeuer), sondern auch die (noch auf Erden lebenden) Gläubigen vor Ort würden massiv in der tätigen Ausübung ihres Glaubens beeinträchtigt, und zwar gleich in zweifacher Hinsicht:

4) Zum einen wird den Gläubigen dadurch – insbesondere dann, wenn das Stipendium zugunsten eines Verstorbenen gegeben wird, aber auch generell – eine bedeutende Übung der tätigen Nächstenliebe verunmöglicht; sie könnten ihren „lieben Verstorbenen“ diese größtmögliche Hilfe nicht durch die bestellten Diener der Kirche zuwenden, und auch für andere (nicht verstorbene) können sie diesen großen Dienst der Nächstenliebe nicht leisten. Das allein ist schon schrecklich. Dass inzwischen bei nicht wenigen Gläubigen das Bewusstsein für die Möglichkeit und die Bedeutung dieses besonderen Dienstes fehlt, macht seine Verunmöglichung nicht weniger schlimm, sondern weist auf ein Defizit in Verkündigung und Glaubenspraxis hin. Es ist außerdem besonders grausam den Gläubigen gegenüber, die noch dieses gläubige (kirchliche) Bewusstsein haben.

5) Zum anderen wurde zu Anfang erwähnt, dass ein Messstipendium eine (Opfer)Gabe eines Gläubigen für den heiligen Dienst ist. Daran wird deutlich, dass es sich bei Messstipendien, ganz gleich, mit welcher berechtigten Intention es verbunden wird, tatsächlich um eine Form der tätigen Teilnahme (actuosa participatio) der Gläubigen am heiligen Dienst handelt, wie dies etwa Papst Paul VI. in seinem Schreiben über die Messstipendien von 1974 gleich im ersten Satz hervorgehoben hat: „Es ist feste Überlieferung der Kirche, dass die Gläubigen aus frommer und kirchlicher Gesinnung gleichsam ein gewisses eigenes Opfer dem eucharistischen Opfer anschließen, um daran tätiger teilzunehmen.“ (DEL 3312) Wenn also ein Pastoralteam die Messstipendien für seinen Zuständigkeitsbereich abschaffen will, dann beraubt es die Gläubigen dieser wichtigen Weise der tätigen Teilnahme am heiligen Dienst, die doch ansonsten immer so sehr eingefordert und befördert wird. Natürlich: Hierbei spielen sicher nicht wenig der Verlust des Verständnisses der Eucharistie als Opfer, sowie ein einseitig veräußerlichtes Verständnis von „tätiger Teilnahme“ eine wesentliche Rolle, darum werden es viele Gläubige nicht unbedingt merken. Aber auch das ist eher ein Hinweis auf ein Verkündigungsdefizit und macht die Vorenthaltung dieser Möglichkeit zur tätigen Teilnahme nicht weniger schlimm; und wiederum ist es gerade für diejenigen Gläubigen ein Schlag ins Gesicht, die den kirchlichen Glauben bezüglich der Eucharstie nach wie vor teilen, und die die Heilige Messe innerlich wie äußerlich tätig leben. Ob es klug ist, ausgerechnet diejenigen, die nach wie vor den Glauben in seiner Reichhaltigkeit leben, darin zu beschneiden?


Zu guter Letzt sei noch darauf hingewiesen, dass ein Pastoralteam (Priester, Diakone, Pastoral- bzw. Gemeindereferenten) natürlich keinerlei Kompetenz oder Befugnisse hat, Messstipendien „abzuschaffen“. Allein den Bischöfen kommt es zu, für ihren Zuständigkeitsbereich irgendetwas bezüglich der rechtlichen Ordnung des Messstipendienwesens zu ändern. „Abschaffen“ (verbieten) könnten aber auch sie es nicht, denn dazu haben sie kein Recht. Messstipendien anzunehmen ist nämlich ein Recht, das jedem Priester zusteht, einfach weil er Priester ist, und nicht, weil der Bischof es ihm gestattet (hat ein Bischof keine Regelungen getroffen, gelten ortsübliche Gewohnheiten etwa bzgl. der Beträge; verbieten kann es der Bischof nicht, es sei denn indirekt, indem er Priestern das Zelebrieren der Messe verbietet): „Gemäß bewährtem Brauch der Kirche ist es jedem Priester, der eine Messe zelebriert oder konzelebriert, erlaubt, ein Messstipendium anzunehmen, damit er die Messe in einer bestimmten Meinung appliziert.“ (Can. 945 §1 CIC) Ein Priester könnte es natürlich auch einfach generell unterlassen, Messstipendien anzunehmen, er ist schließlich nicht dazu verpflichtet (es wird ihm lediglich „eindringlich empfohlen“; ebd. §2), aber dann macht sich ein solcher Priester m.E. aus den vorgenannten Gründen schwer vor Gott und den Menschen schuldig (und ich frage mich, ob hier nicht ein schwerer Mangel hinsichtlich des Lebens seiner Berufung vorliegt).


Über die Gründe für den Willen zur Abschaffung von Messstipendien kann ich nur spekulieren. Der schlechteste wäre sicherlich, wenn man sich den Verwaltungsaufwand der Buchführung ersparen wollte. Ich vermute(!) – und habe dafür auch einige Anzeichen aus Gesprächen mit Akteuren, wenn auch an anderen Orten –, dass man dadurch die Bedeutung und Akzeptanz von Wort-Gottes-Feiern erhöhen möchte, indem man erklärt, dass das Gedenken an die Toten in ihnen nicht „weniger Wert“ ist als in einer heiligen Messe. Auch dem Selbstbild (und Prestige?) der WGF-Leiter wäre das sicher zuträglich. Die traurige Ironie ist allerdings, dass man dadurch etwaige Missverständnisse und Unklarheiten über die jeweils eigene Bedeutung dieser beiden Gottesdienstformen nur verstärkt. Womöglich sind die Verantwortlichen aber auch nicht Willens und/oder in der Lage, diesen Unterschied zu erklären, und sie wollen durch die Abschaffung dieser Peinlichkeit ausweichen? Jedenfalls kann ich mir nicht vorstellen, dass einem solchen folgenschweren Entschluss besonders viel Nachdenken, Lektüre (z.B. des geltenden Kirchenrechts), Austausch mit den Betroffenen, Gebet und eigene Glaubenspraxis in diesem Bereich vorausgegangen sind... sonst würde man nicht zu einem solchen Entschluss gelangen.

 

 

PS. Die dargelegten Erwägungen verdeutlichen auch, warum Messstipendien keineswegs ein „klerikalistisches Relikt“ einer vergangenen „Priesterkirche“ sind, wie man das zuweilen hört: Die Laien müssen an die Priester Abgaben entrichten. Das ist natürlich eine durch dumme Vorurteile und Ressentiments befeuerte Verzerrung eines Sachverhalts, der sich kinderleicht auch genau andersherum deuten lässt: Messstipendien machen deutlich, dass die Priester den Laien zu dienen haben, denn jene werden von diesen beauftragt, in ihrem Anliegen in besonderer Weise vor Gott zu treten. Wollte man dieses besondere Vor-Gott-treten kritisieren, so würde man im Grunde nur die Tatsache kritisieren, dass es neben dem gemeinsamen Priestertum aller Getauften ein besonderes Weihepriestertum des Dienstes gibt. Messstipendien verdeutlichen besonders eindrücklich das Zu-, Für- und Miteinander von beiden, von denen keines ohne das andere vor Gott stehen kann.

Dienstag, 8. März 2022

Bätzing verdreht Henri de Lubac

In seiner Predigt zur Eröffnung der Vollversammlung der DBK am 7. März 2022 hat der Vortsitzende der DBK ausgerechnet Henri de Lubac zitiert, um seine kruden Ideen über die Kirche Ausdruck zu geben. Er führte aus:

»Die Kirche Jesu Christi ist „katholisch“. Und das meint weit mehr als „römisch-katholisch“ in seiner konkreten Gestalt. Katholizität, so hat es der französische Jesuit Henri de Lubac (1896–1991) durch beharrliche Studien herausgearbeitet, ist ein Zielbild, geschichtlich stets eine Herausforderung und niemals Besitzstand, den es zu verteidigen gilt. „Der Katholizismus [...] ist die Form, die die Menschheit annehmen soll“, schreibt de Lubac, „um endlich sie selbst zu werden. Er ist die einzige Wirklichkeit, die, um zu sein, es nicht nötig hat, sich entgegenzusetzen, also alles andere als eine ‚geschlossene Gesellschaft‘“ (Henri de Lubac, Glauben aus der Liebe [„Catholicisme“, 1938 erschienen]. Übertragen und eingeleitet von Hans Urs von Balthasar, Einsiedeln-Freiburg 1992, 263: Weiter spricht er davon, den Katholizismus zeichne eine Unduldsamkeit seiner Grundsätze und zugleich eine unendlich umfassende Geschmeidigkeit aus). Katholisch, das ist gelebte Verbundenheit, nicht konfessionelle Enge, nicht Abschottung und Identität durch Grenzziehungen. [...] Katholizität meint Verbundenheit. Um dieses Zielbild zu verwirklichen, müssen wir wohl noch etliche Barrieren überwinden, Durchbrüche wagen und bisher gültige Denkweisen verändern – und zuallererst demütig bekennen, wie sehr wir uns in der Kirche an unseren eigenen Geschwistern schuldig gemacht haben; wie sehr wir deren Leben belastet und ihnen die Verbundenheit verwehrt haben.«


Bätzing möchte mit allen Menschen "verbunden" sein, und meint damit v.a., dass die Kirche alles, was diese Menschen tun, etwa in ihren Betten, akzeptieren soll.

Damit verkehrt er die Aussage von de Lubac in ihr genaues Gegenteil. Ja, de Lubac sagt: »Die Kirche ist überall zu Hause, und jeder soll sich in der Kirche zuhause fühlen können« (ebd.), aber er wäre nie auf den Gedanken gekommen, dass dies bedeuten könnte, dass sich die Kirche entsprechend an alles anpassen müsse, am wenigsten in Sachen der Moral. De Lubac stellt vielmehr klar, dass die Kirche "ohne jede Naivität" auf die Menschen zugeht, d.h. sie nimmt nicht einfach alles an, sondern sie unterscheidet, sucht das "Gute" und das "Wahre" und meidet zugleich den Irrtum (ebd. 264-265) [gemäß der Mahnung des Paulus: »Prüft alles und behaltet das Gute!« (1Thess 5,21) Immer Eingedenk des darauffolgenden Verses: »Meidet das Böse in jeder Gestalt!« Vgl. ebd. 254-256]. Die sichtbare Katholizität, die sich in der Vielfalt zeigt, die sie beherbergt, ist so letztlich Ausdruck ihres inneren Reichtums.

Kurioserweise nennt de Lubac sodann etwas beim Namen, was Bätzing eigentlich die Schamesröte ins Gesicht treiben müsste, denn er, Bätzing, tut genau das, was du Lubac hier verwirft, bis in die Wortwahl ("verbinden") hinein: 

»So wenig die Methode der Kirche naiv ist, so wenig ist sie synkretistisch. Künstlich erzeugt und häufig das Werk von Verwaltungsinstanzen und Gelehrten, setzt der Synkretismus einen niedergehenden Glauben voraus. Er ist eine Beleidigung des lebendigen Gottes. Im Geistigen ist er unfruchtbar wie die Politik und die Philosophie, der er entstammt. Er erniedrigt und verflacht alle Elemente, die er verbindet [...].«

Genau da sind wir: Die Kirche (in Deutschland!) ist im Niedergang begriffen und Bätzing möchte durch Verwaltungsinstanzen und mit gelehrten Redelsführern (suizidaler Weg) das Ruder herumreißen, indem er einen Synkretismus fabriziert, der allerlei wesentliche Elemente des Katholischen erniedrigt und verflacht (z.B. das Priestertum und eben die Moral).

Die Kirche kann Heimat für alle Menschen sein, weil sie die Fülle der Gnade und der Wahrheit Gottes ihr eigen weiß. Als Christen glauben wir, dass einer der Weg, die Wahrheit und das Leben für alle Menschen ist. Dass die Kirche "katholisch" ist bedeutet gerade nicht, dass sie allen Menschen angepasst werden kann oder gar soll, sondern im Gegenteil, dass alle Menschen sich ihr anschließen können auch in ihrer Strenge und Klarheit. De Lubac weiter (durchaus kämpferisch):

»Endlich kann hier auch nicht von "Liberalismus" die Rede sein, von Willfährigkeit gegenüber dem Irrtum oder vom Schalwerden des evangelischen Salzes. Wie das Christentum in der ganzen Strenge seiner Forderungen vorgetragen werden muss, so muss man es auch in seiner ganzen Reinheit hervortreten lassen. Es wäre sträflich, die sanfte Strenge des Evangeliums zu verschleiern; aber nicht weniger, es mit überflüssigem Ballast zu beschweren; dies hat schon das erste Konzil verkündet. Und wenn es auch ausgemacht ist, dass das Bekehrungswerk in seinem Wesen nicht darin besteht, die übernatürliche Wahrheit zu adaptieren, sie auf das menschliche Maß herabzudrücken, sondern umgekehrt den Menschen ihr anzupassen und ihn zum Maß dieser Wahrheit, die ihn beherrscht und ihn richtet, zu erheben, so müssen gerade wir, ihre Diener, uns vor nichts so sehr hüten als vor einer lästerlichen Verwechslung unserer Geschmäcker, unserer Gewohnheiten, unserer Vorurteile, unserer Leidenschaften, unserer Beschränktheiten und Schwächen mit der göttlichen Religion, von der wir noch so wenig durchdrungen sind. Wir sollen die Seelen für Gott, nicht für uns gewinnen, und ihnen. Gott schenken, statt uns selbst ihnen aufdrängen. Wenn man dies für Liberalismus hält, so ist es jedenfalls kein anderer als der der Liebe. Da mihi amantem et scit quid dicam.

Das große Beispiel des hl. Paulus ist am geeignetsten, vor jeder hier möglichen Verwechslung im voraus zu sichern. Keiner schämte sich weniger als Paulus, das Ärgernis des Kreuzes zur Schau zu tragen, und keiner fürchtete mehr als er, dessen Kraft abzustumpfen. Keiner hat vorbehaltloser als er die Notwendigkeit verkündet, mit dem Irrtum und der Sünde zu brechen und sich selbst zu sterben, um ein neues Leben in Christus zu leben: "Fegt aus den alten Sauerteig und seid ein neuer Teig." Aber Paulus weigert sich, auf die Forderungen der judaisierenden Christen einzugehen. Er erhebt sich sogar gegen jene, die seine Kühnheit einschüchtert. Geschieht es einzig deshalb, "um, wie er selbst sagt, dem Evangelium kein Hindernis zu schaffen" oder "für Christus eine große Menge" Heiden zu gewinnen? Diese Absicht erklärte sein Verhalten nicht ganz. Was den Apostel bestimmt, ist nicht vor allem das Interesse der Propaganda: es ist die Logik seines Glaubens. Seine Gegner werfen ihm vor, dass er aus politischer Klugheit das Joch des Herrn erleichtert, indem er das Gesetz aufgibt. Nein, erwidert er, nicht damit die Menschen mich gut aufnehmen, handle ich so, sondern um mich Gott verdient zu machen. Wenn ich das "Evangelium Gottes" predige, will ich es nicht "nach Menschen weise" verkünden. Weit davon entfernt, die Lehre aus Opportunitätsrücksichten zu kompromittieren, verteidigt Paulus vielmehr ihren wahren Charakter gegen die unklugen Zugeständnisse Petri. Er weigert sich, das Evangelium andern zuliebe zu ändern, weil er damit Christus untreu würde (1Kor 1,17; 5,7; 9,12 und 19-22; Gal 1,10-11; 2,11-24).

Der Geist, der den Apostel leitet, ist derselbe, der noch heute die Kirche lenkt, und der durch die Stimme der letzten Päpste spricht [gemeint sind Pius IX. bis Pius XI.]. Der Weg, auf den er uns verpflichtet, ist der einzig sichere. Ihm folgen ist weder Naivität noch Synkretismus noch Liberalismus, sondern einfach Katholizismus.« (ebd. 265-267)

Bätzing sollte nochmal genau nachlesen und sich dann schämen! Ich kann bloß hoffen, dass sein bischöflicher Mitbruder aus Regensburg, der ein ausgewiesener Experte für Henri de Lubac ist, ihn auf seine Verirrung (und die Irreführung seiner Zuhörer) hinweist.

Mittwoch, 23. Februar 2022

...weder Schrift noch Tradition

»Widerlegt man nämlich die Häretiker aus den Schriften, dann erheben sie gegen eben diese Schriften die Anklage, dass sie nicht zuverlässig seien, keine Autorität besäßen, auf verschiedene Weise verstanden werden könnten, und dass aus ihnen die Wahrheit zu finden nur die imstande seien, die die Tradition verstünden. Diese sei nämlich nicht niedergeschrieben, sondern werde durch die lebendige Stimme überliefert, weswegen auch Paulus sage: "Weisheit reden wir unter den Vollkommenen, aber nicht die Weisheit dieser Welt" (1Kor 2,6). Unter dieser Weisheit versteht jeder von ihnen natürlich das von ihm erfundene System, so dass nach Ihnen die Wahrheit bald bei Valentinus, bald bei Markion, bald bei Cerinth ist. Später war sie natürlich bei Basilides oder bei einem seiner Widersacher, der auch nichts Rechtes vorbringen konnte. Denn verdreht sind sie alle, und trotzdem schämen sie sich nicht, sich selbst als die Richtschnur der Wahrheit hinzustellen.

Berufen wir uns aber ihnen gegenüber auf die apostolische Tradition, die durch die Nachfolge der Priester in der Kirche bewahrt wird, dann verwerfen sie wieder die Tradition, nennen sich klüger als Priester und Apostel und sagen, sie hätten allein die Wahrheit gefunden. Die Apostel hätten den Worten des Heilandes noch allerlei aus dem Gesetz beigemischt; und nicht bloß die Apostel, sondern auch der Herr habe seine Aussprüche teils vom Demiurgen, teils aus dem Ort der Mitte, teils von dem Allerhöchsten. Sie aber wüssten klar, rein und schlicht das darin verborgene Geheimnis — fürwahr, eine ganz unverschämte Gotteslästerung! So stehen sie also weder auf dem Boden der Schrift, noch der Tradition.

Gleichsam gegen Schlangen, die sich glatt nach allen Seiten herauszuwinden suchen, haben wir also zu kämpfen. Deshalb müssen wir ihnen auch von allen Seiten entgegentreten; vielleicht, dass wir dann einige von ihnen durch die Zurückweisung stutzig machen und bewegen können, zur Wahrheit zurückzukehren. Denn wenn es auch nicht leicht ist, dass eine Seele, die vom Irrtum umgarnt ist, wieder vernünftig wird, so ist es doch nicht absolut unmöglich, dass sie dem Irrtum entrinne, wenn ihr die Wahrheit entgegengehalten wird.« (Adv. Haer. III,2,1-3)


Heute so zutreffend wie vor über 1800 Jahren, als Irenäus von Lyon dies schrieb, nur die Häretiker heißen heute anders.

Sonntag, 23. Januar 2022

Tradition und Fortschritt

Der heilige und kluge Mann erkannte nämlich, dass die Frömmigkeit nichts anderes gestatte, als dass alles mit derselben Treue den Kindern übermittelt werde, mit der wir es von den Vätern empfangen haben; dass ferner wir die Religion nicht dahin führen, wohin wir wollen, sondern ihr vielmehr zu folgen haben, wohin sie uns führt; dass es endlich das Eigentümliche der christlichen Bescheidenheit und Bedachtsamkeit ist, nicht das Eigene den Nachkommen zu überliefern, sondern das von den Vorfahren Empfangene zu bewahren.

[...]

Aber vielleicht sagt jemand: Wird es also in der Kirche Christi keinen Fortschritt der Religion geben? Gewiss soll es einen geben, sogar einen recht großen. Denn wer wäre gegen die Menschen so neidisch und gegen Gott so feindselig, dass er das zu verhindern suchte? Allein es muss in Wahrheit ein Fortschritt im Glauben sein, keine Veränderung. Zum Fortschritt gehört nämlich, dass etwas in sich selbst zunehme, zur Veränderung aber, dass etwas aus dem einen sich in ein anderes verwandle. Wachsen also und kräftig zunehmen soll sowohl bei den einzelnen als bei allen, sowohl bei dem einen Menschen als in der ganzen Kirche, nach den Stufen des Alters und der Zeiten, die Einsicht, das Wissen und die Weisheit, aber lediglich in der eigenen Art, nämlich in derselben Lehre, in demselben Sinne und in derselben Bedeutung.

[...]

Denn es gehört sich, dass jene alten Lehrsätze einer himmlischen Philosophie im Verlaufe der Zeit weiter ausgebildet, gefeilt und geglättet werden; aber es ist unzulässig, dass sie verändert, unzulässig, dass sie entstellt, unzulässig, dass sie verstümmelt werden; sie mögen an Deutlichkeit, Licht und Klarheit gewinnen, aber sie müssen ihre Vollständigkeit, Reinheit und Eigentümlichkeit behalten.

Denn wenn einmal eine solche Willkür gottlosen Betruges zugelassen würde, so würde, ich sage es mit Schrecken, die größte Gefahr der Zerstörung und Vernichtung der Religion die Folge sein. Denn wird einmal auch nur ein kleiner Teil der katholischen Glaubenslehre aufgegeben, so wird auch ein anderer und dann wieder ein anderer und zuletzt einer nach dem anderen wie gewohnheits- und rechtmäßig aufgegeben werden. Wenn aber die einzelnen Teile verworfen werden, was anders wird dann die letzte Folge sein, als dass das Ganze zugleich verworfen wird?

 

Vinzenz von Lérins, Commonitorium 9.28.30-31

Montag, 29. November 2021

suizidale Exegese

Die Alttestamentlerin und geschäftsführende Direktorin des Katholischen Bibelwerks e.V., die auch am Forum IV des Synodalen Wegs mitarbeitet ("Leben in gelingenden Beziehungen"), Katrin Brockmöller, hat einen Beitrag für "Bibel und Kirche" (eine vierteljährliche theologische Fachzeitschrift) geschrieben, in dem sie den Grundlagentext des Forums IV des suizidalen Weges bespricht. Dieser Text ist natürlich auch auf katholisch.de erschienen (hier), denn er ist eine nützliche Irreführung über Motive und Vorgehen des suizidalen Weges.

Es lassen sich daraus manche Tricks der heutigen Theologie ersehen, die dabei helfen, alles Gewünschte "theologisch" zu untermauern. Ein paar Beispiele dazu.

 

Brockmöller schreibt: 

»Sowohl das Ideal der heterosexuellen Ehe, ihre Ausschließlichkeit, die Kontrolle der Fruchtbarkeit und vieles andere wird oft mit einem Verweis Gen 1,27 begründet: "Gott schuf den Menschen als Mann und Frau." Schon ein genauer Blick in den Text zeigt aber, dass hier Adjektive stehen ("männlich" und "weiblich"), die eher einen Raum öffnen als eine singuläre Idee von Mannsein und Frausein zu setzen

Hier findet ein klassischer verschleierter gedanklicher Sprung statt. Frausein und Mannsein bzw. Weiblichsein und Männlichsein stehen für den biblischen Text fest. Dies wird aufzulösen versucht, indem urplötzlich von "Ideen" bezüglich Frausein und Mannsein gesprochen wird. Das ist zunächst zwar nicht falsch, denn nicht alle Männer und nicht alle Frauen sind gleich. Damit aber die Polarität der Geschlechter zu untergraben ist schlicht unehrlich. Die (etwa geschichtlich) unterschiedlichen Ideen oder Ideale von Frausein und Mannsein fußen ja gerade darauf, dass es Frauen und Männer in ihrer Unterschiedlichkeit gibt.

Im Übrigen wird hier die Wahrheit der von Gender-Mainstreaming betriebenen Auflösung der Geschlechter (unter dem Deckmäntelchen von "Vielfalt") verschleiert, denn es wird der Eindruck erweckt, als ginge es dabei nur um unterschiedliche Ideen von Mann- und Frausein.


Sie schreibt weiter: 

»Zudem handelt es sich bei Gen 1,27 nicht um philosophische oder normative Aussagen, sondern um Poesie. Daraus lassen sich beim besten Willen keine Normen ableiten.«

Grober Unfug. Es wird völlig aus dem Nichts eine wechselseitige Ausschließlichkeit von Poesie und Normen/Philosophie behauptet: Weil es ein poetischer Text ist, kann er keine normativen Aussagen enthalten. Vielleicht noch offensichtlicher absurd ist die Unterstellung, ein poetischer Text könne nicht philosophisch sein. Hat die Frau noch nie etwas von Ovid oder Seneca, von Thomas von Aquin, Goethe oder Herder gehört (um nur einige wenige Namen zu nennen, die mir spontan in den Sinn kommen)?

Gerade die Bibel ist aber doch übervoll mit belehrender, und dadurch immer wieder auch Normen aufstellender Poesie! Nur mal die ersten Beiden Verse des Psalmes 1 zur Illustration: "Selig der Mann, der nicht nach dem Rat der Frevler geht, nicht auf dem Weg der Sünder steht, nicht im Kreis der Spötter sitzt, sondern sein Gefallen hat an der Weisung des HERRN, bei Tag und bei Nacht über seine Weisung nachsinnt." Wird hier nicht die Norm aufgestellt, dass man nicht auf Frevler und Spötter, sondern auf Gott hören soll? Man spricht hier auch von "Lehrgedichten", die sich überall in unterschiedlichen Formen in der ganzen Bibel finden. Eine ähnliche Schöpfungsdichtung, die durchaus normativ und auch philosophisch randvoll ist, ist z.B. Joh 1: "Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott..."


Weiter:

»Gen 1 beschreibt, wie etwas Neues sich entwickelt, wie ein Lebenshaus entsteht, in dem Unterschiede sichtbar werden und Raum für dazwischen entsteht: Die Gegensatzpaare "Licht und Finsternis", "Himmel und Erde", "Trockenes Land und Meer", "männlich und weiblich" werden benannt. Dazwischen gibt es auch Dämmerung, Feuchtgebiete, geschlechtliche Vielfalt, ...«

Bezeichnend, dass ihr zu "Himmel und Erde" kein Zwischending eingefallen ist, schade. Natürlich ist das billige Begriffsklopperei, denn nur weil es Wörter für Dinge gibt, sind diese noch nicht real oder gar normativ. Die "Vielfalt der Geschlechter" wird hier behauptet, aber nicht belegt.

Im übrigen dürfte die Frau nicht unerwähnt lassen, dass den Autoren dieses Textes Feuchtgebiete und Dämmerung bekannt waren, dass ihnen aber ebenso klar bewusst war, dass es nur zwei Geschlechter gibt. Neben dem Offenbarungscharakter dieses Textes ("Normen", man könnte auch sagen: Wahrheiten) widerspricht ihrer These also auch die Intention der Schreiber der heiligen Texte.

Interessant finde ich, wie routiniert hier im ersten Satz Gottes Wirk-lichkeit entsorgt wird: Neues "entwickelt sich", "entsteht" oder "wird sichtbar"... Alles scheinbar von sich aus. Keine Absicht, kein Wille, kein Handelnder, in einem Wort: Kein Schöpfer. Natürlich, sie darf diese Dinge nicht erwähnen, denn was Gottes Absicht und Wille ist, ist ja explizit nicht das, was sie will und beabsichtigt. Die Frau schafft es, in ihrer Zusammenfassung einer Erzählung, deren entscheidender Sinn darin besteht, eben jenen Gott als souverän Handelnden und Wollenden über allen Naturerscheinungen zu präsentieren (z.B. gegen die Verehrung der Gestirne als Götter: sie sind nur "Lampen", die Gott an den Himmel gesteckt hat), diesen handelnden Gott restlos zu eliminieren. Respekt. Gen 1 will vielmehr sagen: Ob Gestirne oder Menschen, sie sind nicht aus sich selbst, sie machen sich nicht selbst und sie haben keine Macht; alles kommt von Gott und ist nach seinem Willen und Entschluss ("lasst uns Menschen machen") geordnet.


Und nochmal weiter: 

»So ist aktuell im Text zwar sehr deutlich bereits benannt, dass die Institution Ehe in der Antike eine klare Schutzfunktion für Kinder hat und daher sozial und theologisch so nachdrücklich gestützt wurde. Heute ist dieser Schutz über andere Systeme möglich, so dass Kinder gut ins Leben begleitet werden können, sollte eine Ehe zerbrechen (vgl. A.3.2.).«

Es wird so dargestellt, als sei jene soziale Schutzfunktion von Kindern (und Frauen) der objektiv feststehende, klare, unzweifelhafte und auch der einzige Grund, warum es in der Bibel die Ehe gibt. Das ist für die Autorin so völlig klar, dass es nur benannt zu werden braucht, es muss nicht nachweisen werden. Und hier liegt der Fehler, denn tatsächlich hat das noch niemand nachgewiesen. Damit ist dies aber keine objektive Tatsache, sondern es ist eine Behauptung. Mehr nicht.

Verwandt, in diesem speziellen Text aber nicht erwähnt, ist die ebenso beliebte Behauptung, das Verbot gleichgeschlechtlicher Partnerschaften diene dem demographischen Wachstum des Volkes: Möglichst viele Kinder sollen geboren werden, damit man ein "großes Volk" wird; da aus gleichgeschlechtlichen Partnerschaften aber keine Kinder hervorgehen können, sind die verboten.

In beiden Fällen wird ein modernes soziologisches Denken verabsolutiert und den biblischen Texten ganz einfach untergeschoben. Zugleich wird Gott dabei ganz herausgenommen: Dass es die Ehe gibt, hat nichts mehr mit Gott zu tun, kommt v.a. nicht von ihm, ist nicht sein Wille, sondern ist rein soziologisch zu erklären. Das ist alttestamentlich schon eine äußerst steile Behauptung, die spätestens mit dem Neuen Testament geradezu absurd geworden ist, denn die Ehe ist DAS Abbild der Liebe Gottes zu den Menschen in Jesus Christus: "Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen und sich an seine Frau binden und die zwei werden ein Fleisch sein. Dies ist ein tiefes Geheimnis; ich beziehe es auf Christus und die Kirche." (Eph 5,31-32)


Frau Brockmöller verweist mit dem suizidalen Text selbst auch auf den guten, ja "sehr guten" Anfang und die durch den "Sündenfall" (dort in Anführungszeichen gesetzt) eingetretene Zerrüttung zwischen den Menschen. Ich bekomme aber den starken Eindruck dass sie hierbei etwas verdreht: Für sie scheint die heutzutage propagierte "Vielfalt der Geschlechter" zu jenem paradiesischen Urzustand zu gehören, während die abgelehnte "singuläre Idee" der Zweigeschlechtlichkeit als eine Folge jener Zerrüttung dargestellt wird. Das sagt sie so explizit natürlich nicht, die Blöße gibt sie sich nicht, aber sie spricht ausdrücklich davon, dass es ursprünglich (nach Gen 1) "Freiraum" für "Vielfalt" gegeben habe und dann "Abwertungen" (z.B. von homosexuellen Beziehungen) in die Welt kamen.

Dadurch wird das biblische Zeugnis richtiggehend verdreht. Dagegen sei, etwas plakativ, gesagt: Wäre die zweigeschlechtliche Ehe als Norm eine Folge des Sündenfalls, dann wäre ihre Dekretierung ("als Mann und Frau schuf er sie" bzw. die Erschaffung der Frau aus dem Mann) NACH dem Sündenfall erzählt worden, denn vorher bedurfte es keiner "Schutzmaßnahmen" etwa für die Kinder und die Frauen (oder für das Wachstum des Volkes). Für die biblischen Erzählungen und die dahinter liegende Intention gehören offenbar die Zweigeschlechtlichkeit und die Ehe zum anfänglich geschaffenen Paradieseszustand, d.h. auch zum "natürlichen" Zustand des Menschen (darum ist gleichgeschlechtlicher Verkehr auch "widernatürlich": Röm 1,26). Alles dem Widersprechende ist Folge des Sündenfalls. Das ist im Alten Testament schon sehr deutlich: Gott hat die Menschen als Frau und Mann für einander geschaffen; es ist die Sünde, das Abwenden von Gott und seinem Willen, was zur Zerrüttung führt. Auch Jesus verweist schließlich auf den schöpfungsgemäßen "Anfang" für seine Ehemoral. (Vgl. hier meine Gedanken zum Thema Keuschheit)

Letztlich zeigt sich, dass dieser Umgang mit den Texten immer gleich funktioniert: Man beginnt mit einer Überzeugung und stülpt sie dem Text über. Dabei ist es ganz egal, was der Text selber hergibt: Wenn möglich, werden Textfetzen wunschgemäß umgedeutet, wo das nicht geht, wird er durch ein modernes Konzept schlicht ersetzt. Hier also: Den einen oder anderen Vers der biblischen Schöpfungserzählungen glaubt man, der eigenen Überzeugung dienstbar machen zu können ("männlich und weiblich schuf er sie"), und alles was nicht dienstbar gemacht werden kann (z.B. dass Gott Mann und Frau für- und aufeinander hin geschaffen hat), das ersetzt man durch die Behauptung, dass Ehe nur ein (natürlich rein menschliches) soziales Konstrukt zum Schutz von Kindern und Frauen ist. Wenn man Textfetzen (oder auch bloß Anspielungen auf solche) dienstbar machen zu können glaubt, ist es wichtig, den Kontext zu verschleiern: Wenn man z.B. mit Rückgriff auf die zweite Schöpfungserzählung von "Ergänzung, Hilfe" spricht, ist es wichtig, es bei diesen allgemeinen Begriffen zu belassen und nicht zu erwähnen, dass die Frau als "Hilfe und Ergänzung" des Mannes von Gott geschaffen wurde (und andersherum). So bleiben "Hilfe und Ergänzung", erweitert um "Vielfalt" und "wechselseitiger Freude aneinander", als abstrakte "Ideen" frei verfügbar für alles, was man damit stützen möchte. Und fertig ist die Auseinandersetzung mit dem Bibeltext (als Stück antiker Literatur, nicht als Offenbarung), woraufhin man stolz behaupten zu können meint, "das Hören auf die Schrift als Grundlage aller Pastoral" zu betrachten (so der suizidale Text). Was für eine Farce.

"... welche Wahrheit kann von der Lüge kommen?" (Sir 34,4)

Mittwoch, 13. Oktober 2021

Keuschheit

Erschaffung Evas (Jim Forest)
Nicht wenige Katholiken, selbst solche, die einen Abschluss in (katholischer) Theologie oder Religionspädagogik vorzuweisen haben, verbinden mit dem Begriff „Keuschheit“ Dinge wie: Verklemmtheit, Entsagung, Zölibat, Leibfeindlichkeit. Keuschheit bedeute, auf Sex zu verzichten, ja sich geradezu selbst zu geißeln [vgl. im Englischen: chastity = Keuschheit; to chastise = züchtigen] und andere zu unterdrücken; sie sei Teil einer mittelalterlichen Moral und ist merkwürdigerweise v.a. „weiblich“ konnotiert. Warum auch immer. Der Begriff wird daher – auf diesem falschen Verständnis beruhend: zu Recht – abgelehnt. Im Folgenden sei versucht, in aller Knappheit und ohne Ausschweifungen in benachbarte Gefilde, aufzudröseln, was dieses kuriose Wort „Keuschheit“ eigentlich meint und warum es seinen schlechten Ruf nicht verdient hat. 
 
 
Was sagt denn die Kirche, was Keuschheit ist? 
 
Der Katechismus der katholischen Kirche (KKK) betrachtet Keuschheit als eine „Tugend und Gabe“ die es ermöglicht „mit aufrichtigem und ungeteiltem Herzen zu lieben“ (KKK 2520). Das ist doch mal etwas in jeder Hinsicht Positives und Wundervolles; das abzulehnen wäre töricht.
 
Dass Keuschheit nicht das Gleiche ist wie der Zölibat, erhellt schon daraus, dass, wiederum dem Katechismus folgend, jeder Getaufte „seinem Lebensstand entsprechend ein keusches Leben zu führen“ gerufen ist (KKK 2394). Also neben zölibatär Lebenden (vgl. KKK 915: „Keuschheit in Ehelosigkeit“) auch Eheleute (vgl. KKK 2365: „eheliche Keuschheit“), Alleinstehende und was es sonst noch gibt – auch homosexuell empfindende Getaufte sind davon nicht ausgenommen (vgl. KKK 2357-59). 
 
 
Keuschheit in der Natur
 
Das deutsche Wort Keuschheit kommt von lat. conscius, was soviel wie bewusst oder selbstbewusst bedeutet; „keusche Sexualität“ ist also vor allem eines, nämlich bewusst gelebte Sexualität, die nicht vom Tosen der Begierden hin und her getrieben, sondern vom Willen geleitet wird. Von der Unkeuschheit gilt daher folgerichtig: „sie wissen nicht, was sie tun!“ (Lk 23,34) Als Tugend ist Keuschheit etwas weltanschaulich Neutrales, sie kann ganz unabhängig von Gott oder christlicher Moral verstanden werden.
 
Eine der vier klassischen, schon in der vor- und außerchristlichen Antike geläufigen Grund- oder Kardinaltugenden ist die Selbstbeherrschung (etwa bei Platon und Cicero). Das griechische Wort dafür ist egkrateia, worin das Stammwort krat steckt, das wir etwa aus dem Wort „Demokratie“ kennen und das Herrschaft oder Macht bedeutet (Demo-kratie: Herrschaft des Volkes, von gr. demos). Die Vorsilbe eg kommt von en, wodurch das Wort egkrateia also eine Herrschaft in sich selbst meint: Selbstbeherrschung. Das griechische Wort kann auch Ausdauer und das Ertragen von etwas meinen. Das Gegenteil ist die Zügellosigkeit (gr. akrasia).
 
Ein besseres, weniger „hierarchisches“ Wort für Selbstbeherrschung mag Mäßigung sein. Hinsichtlich der Nahrungsaufnahme (oder generell des Konsums) ist ihr Gegenteil die Völlerei. Im Blick auf das Geschlechtsleben kann man die Mäßigung präziser als Keuschheit bezeichnen, deren Gegenteil die Wolllust ist. In beiden Fällen geht es, wie das Wort „Mäßigung“ schon nahelegt, nicht einfach um Verzicht, sondern um das richtige Maß und Maßhalten. (Jenes bekannte Diktum des schweizer Arztes Theophrast von Hohenheim, genannt Paracelsus, – „Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift; allein die Dosis machts, dass ein Ding kein Gift sei“ – verallgemeinernd, könnte man sagen: Das Rechte Maß bewahrt vor Schaden.)
 
Die Keuschheit gehört als Tugend zunächst einmal zur Naturordnung, sie ist, wie gesagt, nicht etwas spezifisch „Christliches“ oder gar mittelalterliches. Interessant ist, dass der Katechismus genau von dieser natürlichen Bedeutung ausgeht, wenn er sich dem Begriff der Keuschheit nähert. Die Geschlechtlichkeit „zeigt, dass der Mensch auch der körperlichen und biologischen Welt angehört“ (KKK 2337). Diese Tatsache macht die Sexualität aber nicht zur Sünde oder zu einer Bürde, wie das viele Sekten in der Geschichte behaupteten. Im Gegenteil: Sexualität gehört wesentlich zum Menschen als Abbild Gottes, sie gehört zu seiner Fähigkeit zu lieben und Gemeinschaft zu bilden. „Jeder Mensch, ob Mann oder Frau, muss seine Geschlechtlichkeit anerkennen und annehmen.“ (KKK 2333) Dabei handelt es sich aber um eine komplexe Wirklichkeit, sie „berührt alle Aspekte des Menschen in der Einheit seines Leibes und seiner Seele.“ (KKK 2332) 
 
 
Keuschheit in Gesellschaft
 
Keuschheit meint mehr als bloß „Enthaltsamkeit“ im Sinne eines Verzicht auf etwas oder gar im Sinne einer Geißelung, auch wenn sie in der Vergangenheit oft in diese Richtung eingeengt wurde. Angesichts der Komplexität und Bedeutung, die der Sexualität im Menschen als Person aus Leib, Geist und Seele zukommt, kann auch die Keuschheit nicht weniger komplex sein. Die Definition des Katechismus ist hier allerdings auf den ersten Blick etwas sperrig: „Keuschheit bedeutet die geglückte Integration der Geschlechtlichkeit in die Person und folglich die innere Einheit des Menschen in seinem leiblichen und geistigen Sein.“ (KKK 2337)
 
Zunächst fällt auf, dass hier überhaupt nicht von Verzicht oder dergleichen die Rede ist. Die „Integration der Sexualität in die Person“ ist eine rein positive Bestimmung. Sie meint die Harmonie oder Übereinstimmung des sexuellen Empfindens wie des ganz praktischen Sexuallebens mit der Ganzheit der menschlichen Person aus Geist und Leib, also ihre Ordnung gemäß dem Mensch(s)e(i)n, ihre Vermenschlichung: Durch die Keuschheit wird die Geschlechtlichkeit „persönlich und wahrhaft menschlich“ (KKK 2337). Keuschheit bedeutet, noch immer ohne Berücksichtigung des christlichen Glaubens und etwaiger göttlicher Gebote, eine vor dem Wesen des Menschen verantwortete Gestaltung der Sexualität.
 
Dies hat ein doppeltes Moment: Keuschheit ist einerseits ein Schutz der Integrität des Menschen vor Beeinträchtigungen und Schaden. Sie dient der (nicht nur) körperlichen Unversehrtheit, die zu den Grundrechten des Menschen gehört. Andererseits ist Keuschheit auch eine positive, fördernde Kraft.
 
Kleine Umleitung: Das Gegenteil der Keuschheit ist logischerweise die Unkeuschheit. Diese meint nicht nur all das, was ich selbst willentlich gegen meine eigene Keuschheit (Unversehrtheit) – also das rechte Maß der Geschlechtlichkeit – tue, sondern ich kann sie auch erleiden oder anderen zufügen: Mein Nächster hat, genau wie ich, ein Recht auf Keuschheit, wie er ein Recht auf körperliche Unversehrtheit hat. Somit würde ich mich schuldig machen, wenn ich sie bei ihm beeinträchtige, z.B. indem ich ihn zu unsittlichen Handlungen verführe. Keuschheit ist also nicht nur etwas „für mich“, sondern sie ist auch eine wichtige zwischenmenschliche Angelegenheit und zwar sowohl im negativen Sinne der Abwendung von Schaden, wie auch im positiven Sinne der Förderung eines guten menschlichen Miteinanders. In den Worten des Katechismus: „Die Tugend der Keuschheit wahrt somit zugleich die Unversehrtheit der Person und die Ganzheit der Hingabe.“ (KKK 2337) Meine und die der anderen!
 
Im Kern geht es bei der Keuschheit, wie überhaupt bei der Mäßigung, um Selbstbeherrschung, mit dem Ziel dann fruchtbar und „gesund“ leben zu können. Was im Blick auf die Ernährung jedem einleuchtet, betrifft aber nicht nur diese, sondern die ganze Biologie des Menschen und darüber hinaus auch sein Seelenleben. Und noch einmal geweitet betrifft es nicht nur mich, sondern auch die Menschen um mich herum. Nochmal: Es geht bei der Keuschheit nicht nur um den (negativen) Verzicht zum Schutz vor Schaden, sondern auch um die (positive) Entfaltung für ein gelingendes, „integriertes“, integres Menschsein (lat. integer: unversehrt) – zu dem eben auch die Geschlechtlichkeit gehört: „Der keusche Mensch bewahrt die in ihm angelegten Lebens- und Liebeskräfte unversehrt. Diese Unversehrtheit sichert die Einheit der Person“ (KKK 2338).
 
Selbstbeherrschung, Mäßigung, Keuschheit, können allesamt auch durchaus sehr positiv verstanden werden. Jeder der ernsthaft Sport treibt weiß, dass auch Selbstbeherrschung durchaus kein negatives Wort ist, gerade wenn es nicht nur um Verzicht, sondern um eine positive Entfaltung und Entwicklung geht.
 
Dass Handlungen, die gegen unsere Natur verstoßen, als unkeusch zu betrachten sind, liegt somit nahe. Aber selbst dieser Naturbegriff ist heute nicht mehr selbstverständlich. Die christliche Moral setzt jedenfalls voraus, dass es eine menschliche Identität gibt, die nicht unserem Willen unterworfen, sondern vorgegeben ist, was zur Folge hat, dass auch Dinge, die ich will, gegen mein Menschsein verstoßen können. Mit „Menschsein“ ist hier indes zweierlei gemeint: Mein biologisches, irdisches Sein mit seiner ihm eigenen Würde, und meine gnadenhafte Berufung von Gott her durch die Taufe. Was uns zur spezifisch christlichen Tugend der Keuschheit als einer Gabe führt. 
 
 
Keuschheit in der Bibel 
 
Keuschheit ist auch eine Gabe und eine Gnade (vgl. KKK 2345). Jede Gabe braucht einen Geber: das ist Gott, der Quell aller Gnaden und aller Gaben.
 
Dem oben zum griechischen Begriff egkrateia Gesagten ist noch hinzuzufügen, wie es sich damit in der Bibel verhält. Hier ist dieser Begriff erst relativ spät hineingekommen, da es sich um ein griechisches Wort handelt. Ist er dort auch zunächst eher negativ verwendet (vgl. Sir 18,30: „Folge deinen Begierden nicht, sondern zügle dein Verlangen“), ist er doch bald auch durchaus positiv besetzt, so etwa im 4. Buch der Makkabäer (nicht im christlichen Kanon, aber in der Septuaginta, dem griechischen Alten Testament, enthalten), worin sie als „Freundin“ betitelt und in den größeren Kontext eines (jüdisch verstandenen) gottgefälligen Lebens eingebettet wird: „Nicht belügen will ich dich, du Gesetz, mein Erzieher; nicht dich fliehen, Freundin Selbstbeherrschung, nicht dich schänden, weisheitliebende Vernunft, nicht dich verleugnen, hochwürdiges Priesteramt und Gesetzeswissen.“ (4Makk 5,34-35 [Riessler]) [Ich vermute hier allerdings eine starke Überschneidung mit dem griechischen Wort sophrosyne, was gemeinhin mit „Besonnenheit“ übersetzt wird, manchmal auch mit „Mäßigung“; sie ermöglicht es nach 4Makk 5,23 u.a. „dass wir über alle Lüste und Begierden herrschen“.]
 
Paulus betreibt diese Selbstbeherrschung, wobei hier jenes „sportliche“ Element zum Tragen kommt, die Anstrengung um eines bestimmten Zieles willen: „Jeder Wettkämpfer lebt aber völlig enthaltsam; jene tun dies, um einen vergänglichen, wir aber, um einen unvergänglichen Siegeskranz zu gewinnen.“ (1Kor 9,25) Der Begriff kommt im Neuen Testament relativ selten vor, in den Evangelien gar nicht. Dieses Faktum allein sagt jedoch nichts über seinen Stellenwert aus. Zwei Stellen sind für uns besonders interessant:
 
Als Tugend wird die Mäßigung/Enthaltsamkeit/Keuschheit etwa in Apg 24,24-25 erwähnt: „Einige Tage darauf erschien Felix mit seiner Gemahlin Drusilla, einer Jüdin, ließ Paulus holen und hörte ihn an über den Glauben an Christus Jesus. Als aber die Rede auf Gerechtigkeit, Enthaltsamkeit [egkrateias] und das bevorstehende Gericht kam, geriet Felix in Furcht und unterbrach ihn: Für jetzt kannst du gehen; wenn ich Zeit finde, werde ich dich wieder rufen.“
 
Der Autor der Apostelgeschichte nennt drei Punkte um den „Glauben an Christus“, wie ihn Paulus in diesem Gespräch bekannte, zusammenfassen: Gerechtigkeit, Keuschheit, Gericht. „Gerechtigkeit“ meint hier das sittliche Handeln gegenüber anderen Menschen, „Keuschheit“ das sittliche Handeln an sich selbst, und „Gericht“ das, worauf diese beiden sittlichen Pflichten, wenn sie erfüllt werden, vorbereiten. Das erinnert stark an den jüdischen (aber nicht in der Bibel zu findenden) Aristeasbrief (2. Jhd. v. Chr.), wo es heißt: „Das Tugendhafte Verhalten aber verhindert die Hingabe an ein Genießerleben und heißt Mäßigkeit [egkrateia] und Gerechtigkeit vorziehen. All dies steht aber unter Gottes Leitung.“ (Arist 278 [Riessler]) Die Keuschheit dient für Paulus im Gespräch mit dem Statthalter Felix also zusammen mit der Gerechtigkeit als Zusammenfassung der ganzen christlichen Lebensführung, wie sie sich aus dem christlichen Glauben ergibt. Angesichts dieses Bekenntnisses des Paulus zum christlichen Lebenswandel im Angesicht des Gerichts geraten Felix und seine Frau in „Furcht“ (Apg 24,25) und sie schicken Paulus weg (zurück ins Gefängnis). Diese Reaktion erinnert frappierend an das Vorgehen vieler moderner Theologen...
 
Eine zweite Stelle ist die Abfolge, die der Apostel Petrus für die Glaubensentwicklung in 2Petr 1,5-7 darlegt: „Darum setzt allen Eifer daran, mit eurem Glauben die Tugend zu verbinden, mit der Tugend die Erkenntnis, mit der Erkenntnis die Selbstbeherrschung [egkrateian], mit der Selbstbeherrschung die Ausdauer, mit der Ausdauer die Frömmigkeit, mit der Frömmigkeit die Brüderlichkeit und mit der Brüderlichkeit die Liebe!“
 
Es handelt sich hier um eine sprachliche Ausdrucksform, die im antiken Christentum häufiger begegnet, auch in der Bibel, und die gewissermaßen eine Zusammenfassung der christlichen Ethik bieten möchte. Eine Kurzform davon ist etwa der bekannte Dreipass „Glaube – Hoffnung – Liebe“ (vgl. 1Kor 13,13). Meist ist hier der Glaube an den Anfang gesetzt – denn mit ihm beginnt das christliche Leben – und die Liebe ans Ende – denn in ihr erfüllt es sich, kommt zur höchsten Blüte. (Wobei hier nicht ein Gefühl, die romantische Liebe, gemeint ist, sondern die brüderliche Liebe zu den Menschen und die ergebene Liebe zu Gott; eine Liebe, die sehr wohl per Gebot verordnet werden kann: „Liebt einander!“ und „Liebt Gott!“, vgl. 5Mose 11,13.22; Joh 15,12.17). Für uns ist nun wichtig, dass auch der Keuschheit hier eine wichtige Stellung zukommt. Es ist hier nicht der Raum, allen diesen Begriffen nachzugehen, es genügt zu wissen, dass die Keuschheit ganz zu Recht zwischen der Erkenntnis (darüber, was gut und böse, richtig und falsch ist) und der Ausdauer (oder: Geduld, Standhaftigkeit) eingeordnet wird, denn ohne das Wissen darum, was zu meiden und was zu suchen ist, kann ich nicht keusch leben; zugleich kann ich dem mich versuchenden Andrängen der Welt nicht standhalten, wenn ich dies nicht auch hinsichtlich meiner körperlichen Veranlagung und Bedürfnisse tue.
 
Aus dem geringen Vorkommen der Vokabel egkrateia – insbesondere aus ihrem Fehlen in den Evangelien – und der Tatsache, dass sie erst spät aus dem Griechischen übernommen wurde, wollen nicht wenige Theologen gerne ableiten, dass Keuschheit für das Christentum eigentlich keine Rolle spielt; ja, dass es überhaupt keine Basis für eine christliche Askese gäbe, sondern nur der Glaube oder die Berufung auf Gott gelte (also: Protestantismus). Das ist natürlich Unfug. Jesus hielt offenkundig die Keuschheit für höchst bedeutsam, auch wenn das Wort selbst in den Evangelien nicht aus seinem Mund überliefert ist (warum auch? er hielt schließlich keine Seminare über griechische Philosophie ab!). Seine übertreibende Warnung vor dem Ehebruch (vgl. Mt 5,28: „wer eine Frau auch nur ansieht, um sie zu begehren…“) und die Verschärfung des Scheidungsverbots (vgl. Mt 19,8: „am Anfang war das nicht so…“), sind nichts anderes als konkrete Beispiele für die Anforderungen eines keuschen Lebenswandels. Insgesamt verlangt Jesus also auch im Geschlechtsleben unbedingte Lauterkeit im Tun wie im Denken. Die Ehelosigkeit um des Himmelreiches Willen, als eine Art Hochform der Keuschheit, ist seine ureigene Erfindung – weder im Judentum noch im damaligen Heidentum wäre man je auf einen solchen Gedanken gekommen. 
 
Jesus Christus selbst ist das wichtigste Vorbild und der Maßstab der Christen für einen keuschen Lebenswandel, auch wenn er selbst sie nur in der Form lebte, wie sie den Ehelosen geboten ist. Christus ist der Bräutigam der Seele, darum lässt die Keuschheit „den Jünger Christi erkennen, wie er Jesus nachfolgen und ähnlich werden kann. Jesus hat uns zu seinen Freunden erwählt, sich uns ganz hingegeben und lässt uns an seinem Gottsein teilhaben.“ (KKK 2347)
 
Keuschheit ist dem Neun Testament zufolge also nicht optional, sondern gehört zum Weg des Glaubens dazu. Ein keusches, d.h. das gesunde Maß wahrendes Leben verwirklicht insbesondere die Liebe zu sich selbst im Sinne des zuvor aus Apg 24 zitierten, und damit den letzte Teil des dreifachen biblischen Liebesgebots: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben […] und deinen Nächsten wie dich selbst“ (Lk 10,27), das auch Paulus und Jakobus aufgreifen (vgl. Röm 13,19; Gal 5,14; Jak 2,8). Die Keuschheit ist schließlich auch eine der Früchte des Heiligen Geistes, die Paulus den Galatern aufzählt: „Die Frucht aber des Geistes ist Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, Keuschheit“ (Gal 5,22-23). Paulus scheint hier nicht grundlos die Keuschheit, d.h. die Mäßigung im Geschlechtsleben, als Letzte in einer Reihe von v.a. geistigen Tugenden genannt zu haben, denn er fährt sogleich mit einer „körperlichen“ Metapher fort, wobei für ihn (wie für Johannes) „Fleisch“ auch einfach ein Wort für das Sündhafte, Unchristliche sein kann (im Gegensatz zu „Geist“), was dann körperliche wie geistige Laster meint: „Die zu Christus Jesus gehören, haben das Fleisch und damit ihre Leidenschaften und Begierden gekreuzigt. Wenn wir im Geist leben, lasst uns auch im Geist wandeln!“ (Gal 5,24-25) Zu meinen, Keuschheit sei wenig Bedeutsam im Neuen Testament, wenn ein Gutteil der neutestamentlichen Schriften das „Fleisch“ als Gegensatz zum „Geist“ sehen, ist schon ziemlich verquer.
 
„Fleischliche Gesinnung“, Unzucht, Schamlosigkeit, Unreinheit, Gräuel – biblische Gegenbegriffe zur Keuschheit, die wir getrost mit dem Begriff „Unkeuschheit“ zusammenfassen können – sind unbedingt zu meiden. In den Sündenkatalogen tauchen sie immer wieder auf (vgl. Mk 7,21-22), und die Christen sollen auch keine Tischgemeinschaft mit denen haben, die solches tun (vgl. 1Kor 5,11); vielmehr sollen diese Neigungen „getötet“ werden (vgl. Kol 3,5). Paulus stellt daher fest: „Der Leib ist aber nicht für die Unzucht da, sondern für den Herrn“ (1Kor 6,13). Ja, die Unkeuschheit ist für ihn sogar viel gravierender als andere Sünden, gerade weil sie den eigenen Leib betreffen: „Meidet die Unzucht! Jede Sünde, die der Mensch tut, bleibt außerhalb des Leibes. Wer aber Unzucht treibt, versündigt sich gegen den eigenen Leib.“ (1Kor 6,18) Wer der Unkeuschheit verfällt, kann nicht in das Himmelreich kommen (vgl. Eph 5,5; Offb 1,27). Kein Wunder also, dass für Paulus die körperliche Unversehrtheit von der Sünde (= Keuschheit) eine enorm hohe Priorität genießt bis dahin, dass er wünscht, alle würden, wie er selbst, ehelos leben (vgl. 1Kor 7,7). Wobei er weise genug ist zu wissen, dass das Geschlechtliche nicht per se sündhaft ist (s.u.). 
 
 
Keuschheit in der Kirche 
 
Die Keuschheit spielte in der frühen Kirche eine große Rolle, denn sexuelle Freizügigkeit war sicherlich eine der prominentesten Erscheinungen, mit denen sich die Christen damals (wie heute) auseinandersetzen mussten. Das zeigt die große Radikalität, mit der die Keuschheit bis zum völligen Verzicht auf Sex – „um des Himmelreiches Willen“ – geübt wurde, insbesondere in der Form des enthaltsam lebenden Klerus‘ (Enthaltsamkeitszölibat als Vorstufe zum Ehelosigkeitszölibat) und dem nach und nach sich entwickelnden Mönchtum. [Auch hier ist Keuschheit geboten: Der Zölibatär ist nicht asexuell, sondern genauso ein sexuelles Wesen wie alle anderen auch… und darum muss auch er bewusst (keusch) damit umgehen; wer sich für dieses Leben entscheidet, der ordnet seine Sexualität, seinen Eros bewusst so, dass alle seine Liebe auf Gott gerichtet ist.] Zudem gab es sektiererische Abirrungen, wie etwa die Enkratiten (eben von jenem griechischen Wort egkrateia abgeleitet), aber auch Markioniten und andere, die das Leibliche generell unter Verdacht stellten und so Sex grundsätzlich als sündhaft betrachteten – etwas, was die Kirche nie gelehrt hat.
 
Es wurde zuvor erwähnt, dass laut dem Katechismus alle Getauften zur Keuschheit ge- bzw. berufen sind (vgl. 1Thess 4,7). Stellt sich raus, dass dies nicht alles ist: Mit der Taufe geht nach katholischem Verständnis sogar eine Pflicht zur Keuschheit einher (vgl. KKK 2355), sie ist ein Gebot, kein Angebot. Das passt zum dargelegten biblischen Befund. So ist Keuschheit nicht nur die rechte, dem Wesen des Menschen gerecht werdende Gestaltung der Sexualität, sie ist es auch vor dem Angesicht Gottes. Das ist sie aus christlicher Sicht bereits hinsichtlich der Natur des Menschen – denn diese ist von Gott geschaffen –, aber mehr noch und deutlicher (von der nichtchristlichen Umwelt unterscheidend) im Lichte der Gebote, der Berufung und der uns Geschenkten Gaben Gottes. Insbesondere ist hier der Heilige Geist zu nennen: „wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt und den ihr von Gott habt?“ (1Kor 6,19) Weil Christen nicht an ein irgendwie geistiges Nirvana, sondern an die leibliche Auferstehung glauben, ist der Leib heilig zu halten, denn er ist nicht unser Eigentum, Christus hat ihn – d.h.: uns – teuer erkauft, darum fährt Paulus unmittelbar an das zuvor Zitierte anschließend fort: „Ihr gehört nicht euch selbst; denn um einen teuren Preis seid ihr erkauft worden. Verherrlicht also Gott in eurem Leib!“ (1Kor 6,19-20; vgl. 7,23) Was ist das anderes, als ein Aufruf zur Keuschheit?
 
Als vom Herrn Erkaufte sollen wir uns selbst und unsere Mitmenschen als Geschöpfe achten, und, so sie Getaufte sind, auch als Miterben am Reich Gottes. Ein rein animalisches Triebleben, das den anderen weder als Mensch, noch als Geschöpf (noch als Christ) ehrt, ist darum immer ein Verstoß gegen die Keuschheit – und zwar der eigenen, wie der des/der anderen. Keuschheit hat ihren ganzen Sinn und Zweck aus christlicher Sicht darin, dass die Sexualität „in die Beziehung von Person zu Person, in die vollständige und zeitlich unbegrenzte wechselseitige Hingabe von Mann und Frau eingegliedert“ wird (KKK 2337). Keuschheit ist das Bewusstsein, dass Sexualität mehr ist als was die Welt (z.B. die Wissenschaft) darüber zu sagen weiß; Sex ist in sich ein „Schöpfungsgut“ (Lust, Sprache der Liebe) und er gibt auch direkt Anteil am Schöpfungswerk Gottes, da bei der Zeugung Gott selbst die Seele des neu entstandenen Menschen erschafft. Daraus erhellt, dass Sexualität ihren Ort nur in der Ehe zwischen einem Mann und einer Frau haben kann, was von der geschaffenen Natur („als Mann und Frau schuf er sie“) wie von den Geboten Gottes her ohne Alternative ist.
 
Aber ebenso wäre eine vergeistigte, die Natur verachtende Sexualität, die etwa die Freude oder die Befriedigung ablehnt, ein Verstoß gegen die Keuschheit, weil auch das dem von Gott gewollten komplexen Sinn und Ziel der Sexualität widersprechen würde: Das Lustempfinden gehört zur von Gott geschaffenen Natur dazu. Es darf bloß nicht verabsolutiert, d.h. herausgelöst werden aus dem ihm von Natur aus eigenen und gebotenen Kontext. Tatsächlich wäre das Vorenthalten der geschlechtlichen Liebe in der Ehe aus einem ungerechten (z.B. böswilligen) Grund nicht minder ein Verstoß gegen die Keuschheit. Pointiert formuliert: Kein Sex in der Ehe (ohne triftigen Grund) ist ein Fall von Unkeuschheit. Darum mahnt Paulus die Eheleute: „Entzieht euch einander nicht, außer im gegenseitigen Einverständnis und nur eine Zeit lang, um für das Gebet frei zu sein! Dann kommt wieder zusammen“ (1Kor 7,5).
 
So wird deutlich: Keuschheit ist nicht leibfeindlich. Sie ist, richtig verstanden, die höchst mögliche Leibfreundlichkeit, weil sie diesen Leib als zum Wesen des Menschen (als Geschöpf Gottes) gehörend anerkannt und heiligen will. Der Leib „gehört“ nicht dem Menschen, ein Mensch „hat“ nicht einen Leib, sondern er „ist“ dieser Leib (und der Geist und die Seele). Genau darum ist der Leib genauso zu achten, zu schützen, aber auch zu lieben wie der Mensch insgesamt. Ich bin überzeugt: Keine Religion oder Philosophie oder sonst ein Gedankengebäude in der Geschichte der Menschheit nimmt den Menschen als Ganzen so ernst und schätzt ihn so hoch, wie die katholische Sexualmoral, in deren Kern der Ruf zur Keuschheit steht. Siehe „Theologie des Leibes“. Wahre Liebe ist immer keusch, sei es die Freundschaft (Agape; vgl. KKK 2347), aber auch und gerade die erotische Liebe (Eros).
 
Keuschheit ist nicht eine irgendwie bloß nachgeordnete Tugend, auch wenn ihr insbesondere in den Ermahnungen Jesu und der Apostel stets etwa die Nächstenliebe vorausgeht. Sie ist, wie bereits dargelegt, vielmehr ein essentieller Ausdruck der Selbst- und Nächstenliebe, „eine Schule der Selbsthingabe. Die Selbstbeherrschung ist auf die Selbsthingabe hingeordnet.“ (KKK 2346) Dadurch hat die Keuschheit zugleich, wie jeder wahre Dienst der Liebe, einen deutlichen Verweischarakter auf Gott: „Die Keuschheit lässt den, der ihr gemäß lebt, für den Nächsten zu einem Zeugen der Treue und der zärtlichen Liebe Gottes werden.“ (KKK 2346) Wenn die Unkeuschheit vom Reich Gottes ausschließt, so verheißt die Keuschheit ewiges Leben (vgl. KKK 2347). Da wir uns das ewige Leben aber nicht eigenmächtig „verdienen“ können wird hier auch deutlich, warum die Keuschheit als Gabe bezeichnet wird: Wie die Liebe von jenem Gott kommt, der die Liebe selbst ist (vgl. 1Joh 4,8), so ist auch die Keuschheit von Gott geschenkt und eine Gnade zu unserem Heil; was natürlich, wie bei jeder Gnade, nicht unsere menschliche Mitwirkung aufhebt (s.u.).
 
Schließlich ist kaum zu leugnen, dass jeder Getaufte nicht nur für seine eigene Keuschheit zu sorgen hat, sondern auch die Unversehrtheit anderer achten und schützen soll, soweit es an ihm liegt; auch das ist ein Dienst der Nächstenliebe. Eine konkrete Lektion, was diese doppelte Dimension der Keuschheit betrifft, bietet Paulus im Blick auf die Ehe an, wenn er schreibt: „Das ist es, was Gott will: eure Heiligung – dass ihr die Unzucht meidet, dass jeder von euch lernt, mit seiner Frau in heiliger und achtungsvoller Weise zu verkehren, nicht in leidenschaftlicher Begierde wie die Heiden, die Gott nicht kennen“ (1Thess 4,3-5). 
 
 
Keuschheit und Scham 
 
Nach dem Philosophen Max Scheler ist die Scham das „Gewissen der Liebe“, die jede Verzweckung und Berechnung der Sexualität meiden hilft und zu ihrer Humanisierung beiträgt. Sie kommt damit der Keuschheit sehr nahe, nur dass es sich bei der Scham um eine natürliche, quasi instinktive Anlage im Menschen handelt, die schon bei kleinen Kindern auftritt, während das, was wir hier Keuschheit genannt haben, eine willentliche Handlungs- und Denkweise meint: „Die Keuschheit ist eine persönliche Aufgabe; sie erfordert aber auch eine kulturelle Anstrengung […]. Die Keuschheit setzt die Achtung der Menschenrechte voraus, insbesondere des Rechtes auf Bildung und Erziehung, welche die sittlichen und geistigen Dimensionen des menschlichen Lebens berücksichtigen.“ (KKK 2344)
 
Scheler zufolge ist die Scham nicht, wie gemeinhin behauptet wird, anerzogen, sondern es ist im Gegenteil die Schamlosigkeit, die anerzogen wird, und ebenso die falsche Scham (Prüderie); beides verhindert echte Liebe, Partnerschaft und Hingabe. Das rechte Schamgefühl gehört zu einem gesunden Menschen natürlicherweise dazu, während es beim Tier fehlt. Man hat einen absichtlichen Abbau des Schamgefühls mit der Beeinträchtigung des Immunsystems verglichen, womit wir wieder beim Recht auf Unversehrtheit wären.
 
Für den Theologen Helmut Thielicke bilden Scham und Erkenntnis eine Einheit, da die Geschlechtlichkeit ein Geheimnis sei, das nicht unrechtmäßig enthüllt werden dürfe, um nicht verletzt zu werden. Ähnlich heißt es im Katechismus: „Die Schamhaftigkeit schützt das Geheimnis der Personen und ihrer Liebe. Sie lädt zu Geduld und Mäßigung in der Liebesbeziehung ein; sie verlangt, dass die Bedingungen der endgültigen Bindung und wechselseitigen Hingabe von Mann und Frau erfüllt seien.“ (KKK 2522) Darum ist es so überaus sinnig, dass in der biblischen Sprache „erkennen“ ein Ausdruck für den Geschlechtsakt ist. Erkenntnis meint hier nicht das empirische, aufklärerische Erlangen von Wissen, sondern das innere, existentielle Sich-Erkennen zwischen zwei Personen in ihrer ganzen Würde und ohne Abstriche, weswegen beispielsweise künstliche Empfängnsiverhütung unzulässig ist: „Ich gebe mich dir hin und nehme dich an, ohne etwas auszuschließen, auch nicht unsere jeweilige Fruchtbarkeit.“
 
 
Die Keuschheit „ermöglicht, mit aufrichtigem und ungeteiltem Herzen zu lieben“ (KKK 2520), sie führt „zu einer Gemeinschaft im Geist.“ (KKK 2347)