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Montag, 5. September 2022

Verkündigung als Irreführung

Bischof Bätzing hat am vergangenen Sonntag in Essen zur Feier der Ludgerustracht gepredigt… und bewiesen, dass er entweder die Menschen böswillig in den Unglauben führen möchte, oder, dass er keine Ahnung vom Katholizismus hat. Sogar sein eigenes, nachlesbares theologhischen Fachwissen scheint er über Bord geworfen zu haben. Schlimm, wirklich schlimm.

Er sagte u.a.:


Dass die Grabstätten von Heiligen so bedeutsam wurden, dass man sogar Reliquienübertragungen quer durch Europa vollzog, hängt mit der familienbezogenen religiösen Einstellung der germanischen Bevölkerung zusammen. Dort bezog man sich auf einen Stammvater der Sippe – und der wurde nun im wahrsten Sinne des Wortes durch den Bezug zu einem christlichen Heiligen neu gesetzt.

Einmal davon abgesehen, dass es soetwas wie einen Heiligenkult und insbesondere Reliquienverehrung auch weit jenseits des Christentums gab und gibt (etwa im Buddhiusmus schon im 5. Jhd. v. Chr., im Konfuzianismus im 2. Jhd. v. Chr., ebenso im Islam bis heute), dies also schwerlich auf germanische Eigenheiten zurückzuführen ist, ist das von Bätzing dargelegte natürlich grundfalsch.

Im Christentum gab es Jahrhunderte vor den ersten Versuchen der Germanenmission schon einen ausgeprägten und auch theologisch reflektierten Heiligenkult inklusive Reliquienverehrung; das früheste uns in aller Deutlichkeit bezeugte Beispiel für einen ausgesprochenen Kult um einen Heiligen/Märtyrer und seine Reliquien ist Polykarp von Smyrna (gest. ca. 155), der seit ältester Zeit als Schüler des Apostels Johannes gilt, und auch da gewinnt man nicht den Eindruck, dass dies etwas Neues oder Unübliches war.

Dass die Verehrung gerade der Grabstätten der Heiligen nicht „mit der familienbezogenen religiösen Einstellung der germanischen Bevölkerung zusamme[hängt]“, sondern wohl eher biblische Wurzeln hat (Propheten- und Patriarchengräber!), kommt Bätzing offenbar nicht in den Sinn. Er dreht den Spieß einfach um und tut so, als wäre unsere christliche Heiligenverehrung ein heidnisches (germanisches) Relikt, das die Christen übernommen haben. In der Wirklichkeit ist es andersherum: Die Germanen hatten einen leichteren Zugang zum Christentum, weil sie Elemente ihrer eigenen Kuktur darin (in von heidnischen Vorstellungen gereinigter Form) wiederfanden.

Schon biblisch ist die Verehrung heiliger Gräber reichlich bezeugt. Als Jesus den Pharisäern zurief „Ihr errichtet den Propheten Grabstätten und schmückt die Denkmäler der Gerechten“ (Mt 23,29), da tadelte er nicht diese Praxis, sondern die Heuschelei die daraus entsteht, dass sie die Propheten und Gerechten zwar äußerlich ehren, sie in ihrem Tun aber verraten. Auch die Kraft solcher Gräber ist bezeugt: So hatte etwa das Grab des Elischa die Kraft, Tote zum Leben zu erwecken (vgl. 2Kön 13,20-21). Und ebenfalls biblisch ist auch schon die Verlegung von bedeutenden Gräbern („Reliquienübertragung“) bezeugt (etwa Rahels Grab: 1Sam 10,2).

Germanische Eigenheiten?


Der Glaube der Germanen war kriegerisch. Ähnlich wie bereits im Römischen Reich war man durchaus bereit, einem siegreichen Gott Folge zu leisten. So wurde das Kreuz mehr und mehr zum Siegeszeichen und Christus zum Sieger; die „Torheit des Kreuzes“, zu der sich der Apostel Paulus bekannte, trat sehr in den Hintergrund.

Soso, das Kreuz als ruhmwürdiges Siegszeichen und Christus als Sieger ist also nicht paulinisch? Redet er von dem Apostel Paulus, der immer wieder von dem Sieg und dem Siegespreis redet, den wir durch Christus errungen haben (Röm 8,37; 1Kor 9,24; 15,54.57; Phil 3,14; Kol 2,18)? Jener Paulus, der sich „allein des Kreuzes Jesu Christi, unseres Herrn, rühmen“ möchte (Gal 6,14), und der die, die nicht glauben, als „Feinde des Kreuzes Christi“ (Phil 3,18) bezeichnet?

Bätzing versteht offenbar nicht, dass Paulus mit der „Torheit des Kreuzes“ den Vorwurf der Ungläubigen benennt: „Wir dagegen verkünden Christus als den Gekreuzigten: für Juden ein Ärgernis, für Heiden eine Torheit“ (1Kor 1,23), und dass er dem entgegen setzt: „für die Berufenen aber, Juden wie Griechen: Christus, Gottes Kraft und Gottes Weisheit.“ (V. 24) Insbesondere die Nennung der „Kraft“ ist hier aufschlussreich, denn sie weist in die gleiche von Paulus so geliebte „sportliche“ Bildsprache ([Wett]Kampf, Lauf etc.), wie die Rede vom „Sieg“. Nochmal: „Denn das Wort vom Kreuz ist denen, die verloren gehen[!], Torheit; uns aber, die gerettet werden, ist es Gottes Kraft.“ (1Kor 1,18)

Achja, Jesus: „Ich habe die Welt besiegt.“ (Joh 16,33) Insbesondere der Erste Johannesbrief und die Offenbarung des Johannes sind natürlich voll von „Siegesrhetorik“ darüber, was Jesus getan hat und wer er ist.

Germanische Eigenheiten?


Im Folgenden beklagt Bätzing dann noch, dass der Charakter der Eucharistie als Opfer „stärker in den Vordergrund“ getreten sei als die Danksagung, womit er nur, ganz vorne auf dem deutsch-theologischen Mainstream reitend, seinen eigenen Unmut über die faktische Entfaltung des Durchdringens der Offenbarung im Laufe der Kirchengeschichte zum Besten gibt – er selbst wünscht sich offenbar etwas anderes, aber zum Glück beten wir nicht „Bätzings Wille geschehe“. Und er kontrastiert seine romantisierte Vorstellung einer güldenen Anfangszeit, in der jeder einzelne Mensch ausschließlich aufgrund „persönlicher Umkehr“ zum Glauben kam, mit den offenbar schä(n)dlichen Einflüssen der Germanen, die seiner Ansicht nach erst eine Annahme des Glaubens als „Familienclan“ ermöglicht, und folglich „Zwangstaufen“ befördert hätten. *Hust* Apg 16,14-15 *hust*… offenbar wurden auch vorher schon ganze „Häuser“, sprich: Familien (und damit ist biblisch nicht die Kleinfamilie im schnuckligen Einfamilienhaus gemeint!) getauft.

Nach diesem Stakkato von falschen und irreführenden Aussagen fragt der Bischof doch allen Ernstes:

Liebe Geschwister im Glauben, hilft uns ein solcher Exkurs in die Lebens- und Glaubenswelt des hl. Liudger mit all ihren Herausforderungen?

Die Antwort muss wohl lauten: Nein. Kein Stück. Es sei denn, die Intention ist es, sich möglichst schnell vom katholischen Glauben und Leben zu verabschieden.

Im Übrigen muss man wohl hoffen, dass im Publikum nicht allzu viele „Geschwister im Glauben“ saßen, jedenfalls, wenn man es am sich hier ausdrückenden Glauben des Herrn Bätzing misst.

 

Alles Treiben um den suizidalen Weg und die Abschaffung von Priestertum, Hierarchie und kirchlicher Sexualmoral einmal beiseite gelassen, zeigt diese Predigt: Dieser „Bischof“ stärkt nicht die ihm anvertraute Herde, er belebt nicht die Freude am Glauben oder die Verehrung Gottes und seiner Heiligen, sondern er sät nur Falschheiten, Zweifel und Unglaube. Er übernimmt die dümmlichen und schlicht uninformierten (ignoranten) Vorurteile einer antichristlichen Welt und „verkündet“ sie als Wahrheiten von der Kanzel. Letztlich entmündigt er die Menschen, weil er sie offenbar für dumm verkauft und in die Irre führt.

Wie kann so jemand Bischof werden - und bleiben?

Mittwoch, 6. April 2022

Der offener Brief an die Kardinäle Hollerich und Marx

Der offene Brief von Father Philip G. Bochanski, Executive Director von Courage International an die Kardinäle Jean-Claude Hollerich und Reinhard Marx, die in letzter Zeit offen die kirchliche Lehre diesbezüglich abgelehnt haben (von HIER). Courage International ist ein seit über 40 Jahren bestehendes Netzwerk von Katholiken mit homosexuellen Neigungen und denen, die ihnen verbunden sind, die der katholischen Lehre entsprechend leben wollen. Infos gibt es HIER; das "Handbook" (als PDF frei verfügbar) ist eine sehr lesenswerte Ressource zu dem ganzen Themenkomplex.

In diesem Kurzen Schreiben steht im Grunde alles drin, mehr ist nicht dazu zu sagen, mehr braucht man nicht zu sagen.


Your Eminences,

As a priest engaged for many years in pastoral ministry to people who experience same-sex attractions, I read your recent public comments about Catholic teaching on homosexual acts with serious concern.

You suggested, Cardinal Hollerich, that “the sociological-scientific foundation of” the Catholic doctrine that homosexual acts are immoral “is no longer correct,” and you called for “a fundamental revision of Church teaching” and “a change in doctrine.” You took the same stance on this issue, Cardinal Marx, and justified your position by remarking that “the Catechism is not set in stone” and that “one may also question what it says” on this important moral teaching.

Yet the paragraph of the Catechism to which you refer presents this teaching in a remarkably firm way. That is, it notes that the teaching is clearly based on Sacred Scripture and consistently taught by the tradition of the Church (2357). This invocation of Scripture and Tradition is unusual in the Catechism, but appears often when the Church explains the charism of infallibility. Its use here clearly means that this teaching, which flows from the anthropological fact of the nature of sexed human bodies, is an infallible teaching of the ordinary universal magisterium.

When each of us was preparing for ordination, like all of our brother deacons, priests and bishops, we made a public Profession of Faith and swore an Oath of Fidelity. When we took that oath, we swore in regard to such teachings that we would “hold fast to” the Church’s doctrine, “faithfully hand it on and explain it, and … avoid any teachings contrary to it.” We invoked the Holy Trinity and the holy Gospels to witness to our honesty and sincerity.

Your Eminences, I beg you, please be faithful to your oath.

To violate your oath over this teaching would do great harm to the very people you sincerely want to help. “Neglect of the Church’s teaching prevents” these brothers and sisters of ours “from receiving the help that they need and deserve,” as the Dicastery for the Doctrine of the Faith wrote in 1986. To claim that this definitive teaching can change raises false hopes among our brothers and sisters, and is sure to leave them feeling more overlooked and resentful each time the Church faithfully restates it. By reinforcing this misunderstanding of the divine ordering of sexuality, you encourage them to seek happiness in relationships that ultimately cannot satisfy, rather than to seek fulfillment in chaste friendships.

To violate your oath would also wound our brothers and sisters who strive to live chastely in harmony with the Church’s teaching, or to encourage their loved ones to do so, at the cost of great personal sacrifice. They look to the bishops of the Church as their spiritual fathers, and seek from you affirmation and support for the commitments to chastity they have made, as faithful Catholics. When they hear you suggest that such commitments are unnecessary, they feel unseen and disrespected by the very people whose love and care they seek the most.

To violate your oath would certainly harm the moral credibility of the Church, in the eyes of the faithful and in the opinion of the world. On the eve of His Passion, Our Lord’s sincere prayer was for unity among his apostles, “so that the world may believe” (John 17:21). You stand in the place of those apostles and have undertaken the awesome responsibility of closely advising the successor of St. Peter. Your public dissent from the Church’s teaching can only create confusion and division among the faithful, and be a scandal to the secular world.

To violate your oath would, I fear, also create great harm for you. As a brother priest and collaborator in the sacred ministry, may I be so bold as to remind you, with great respect and fraternal concern, of the solemn significance of the oath we have taken? To break an oath is to commit the sin of perjury, and to deliberately persist in such a grave sin puts one’s eternal salvation in jeopardy.

It has been my privilege for almost half of my life to serve Christ’s Church as a priest, and an immense joy for more than half of my priesthood to serve Catholics who experience same-sex attractions and their loved ones. It is a great consolation to carry out this ministry with the support and encouragement of the universal Church and its eminent pastors.

Your Eminences, I beg you, please be faithful to your oath.

With sincere respect,

Father Philip G. Bochanski

Executive Director, Courage International

Dienstag, 8. März 2022

Bätzing verdreht Henri de Lubac

In seiner Predigt zur Eröffnung der Vollversammlung der DBK am 7. März 2022 hat der Vortsitzende der DBK ausgerechnet Henri de Lubac zitiert, um seine kruden Ideen über die Kirche Ausdruck zu geben. Er führte aus:

»Die Kirche Jesu Christi ist „katholisch“. Und das meint weit mehr als „römisch-katholisch“ in seiner konkreten Gestalt. Katholizität, so hat es der französische Jesuit Henri de Lubac (1896–1991) durch beharrliche Studien herausgearbeitet, ist ein Zielbild, geschichtlich stets eine Herausforderung und niemals Besitzstand, den es zu verteidigen gilt. „Der Katholizismus [...] ist die Form, die die Menschheit annehmen soll“, schreibt de Lubac, „um endlich sie selbst zu werden. Er ist die einzige Wirklichkeit, die, um zu sein, es nicht nötig hat, sich entgegenzusetzen, also alles andere als eine ‚geschlossene Gesellschaft‘“ (Henri de Lubac, Glauben aus der Liebe [„Catholicisme“, 1938 erschienen]. Übertragen und eingeleitet von Hans Urs von Balthasar, Einsiedeln-Freiburg 1992, 263: Weiter spricht er davon, den Katholizismus zeichne eine Unduldsamkeit seiner Grundsätze und zugleich eine unendlich umfassende Geschmeidigkeit aus). Katholisch, das ist gelebte Verbundenheit, nicht konfessionelle Enge, nicht Abschottung und Identität durch Grenzziehungen. [...] Katholizität meint Verbundenheit. Um dieses Zielbild zu verwirklichen, müssen wir wohl noch etliche Barrieren überwinden, Durchbrüche wagen und bisher gültige Denkweisen verändern – und zuallererst demütig bekennen, wie sehr wir uns in der Kirche an unseren eigenen Geschwistern schuldig gemacht haben; wie sehr wir deren Leben belastet und ihnen die Verbundenheit verwehrt haben.«


Bätzing möchte mit allen Menschen "verbunden" sein, und meint damit v.a., dass die Kirche alles, was diese Menschen tun, etwa in ihren Betten, akzeptieren soll.

Damit verkehrt er die Aussage von de Lubac in ihr genaues Gegenteil. Ja, de Lubac sagt: »Die Kirche ist überall zu Hause, und jeder soll sich in der Kirche zuhause fühlen können« (ebd.), aber er wäre nie auf den Gedanken gekommen, dass dies bedeuten könnte, dass sich die Kirche entsprechend an alles anpassen müsse, am wenigsten in Sachen der Moral. De Lubac stellt vielmehr klar, dass die Kirche "ohne jede Naivität" auf die Menschen zugeht, d.h. sie nimmt nicht einfach alles an, sondern sie unterscheidet, sucht das "Gute" und das "Wahre" und meidet zugleich den Irrtum (ebd. 264-265) [gemäß der Mahnung des Paulus: »Prüft alles und behaltet das Gute!« (1Thess 5,21) Immer Eingedenk des darauffolgenden Verses: »Meidet das Böse in jeder Gestalt!« Vgl. ebd. 254-256]. Die sichtbare Katholizität, die sich in der Vielfalt zeigt, die sie beherbergt, ist so letztlich Ausdruck ihres inneren Reichtums.

Kurioserweise nennt de Lubac sodann etwas beim Namen, was Bätzing eigentlich die Schamesröte ins Gesicht treiben müsste, denn er, Bätzing, tut genau das, was du Lubac hier verwirft, bis in die Wortwahl ("verbinden") hinein: 

»So wenig die Methode der Kirche naiv ist, so wenig ist sie synkretistisch. Künstlich erzeugt und häufig das Werk von Verwaltungsinstanzen und Gelehrten, setzt der Synkretismus einen niedergehenden Glauben voraus. Er ist eine Beleidigung des lebendigen Gottes. Im Geistigen ist er unfruchtbar wie die Politik und die Philosophie, der er entstammt. Er erniedrigt und verflacht alle Elemente, die er verbindet [...].«

Genau da sind wir: Die Kirche (in Deutschland!) ist im Niedergang begriffen und Bätzing möchte durch Verwaltungsinstanzen und mit gelehrten Redelsführern (suizidaler Weg) das Ruder herumreißen, indem er einen Synkretismus fabriziert, der allerlei wesentliche Elemente des Katholischen erniedrigt und verflacht (z.B. das Priestertum und eben die Moral).

Die Kirche kann Heimat für alle Menschen sein, weil sie die Fülle der Gnade und der Wahrheit Gottes ihr eigen weiß. Als Christen glauben wir, dass einer der Weg, die Wahrheit und das Leben für alle Menschen ist. Dass die Kirche "katholisch" ist bedeutet gerade nicht, dass sie allen Menschen angepasst werden kann oder gar soll, sondern im Gegenteil, dass alle Menschen sich ihr anschließen können auch in ihrer Strenge und Klarheit. De Lubac weiter (durchaus kämpferisch):

»Endlich kann hier auch nicht von "Liberalismus" die Rede sein, von Willfährigkeit gegenüber dem Irrtum oder vom Schalwerden des evangelischen Salzes. Wie das Christentum in der ganzen Strenge seiner Forderungen vorgetragen werden muss, so muss man es auch in seiner ganzen Reinheit hervortreten lassen. Es wäre sträflich, die sanfte Strenge des Evangeliums zu verschleiern; aber nicht weniger, es mit überflüssigem Ballast zu beschweren; dies hat schon das erste Konzil verkündet. Und wenn es auch ausgemacht ist, dass das Bekehrungswerk in seinem Wesen nicht darin besteht, die übernatürliche Wahrheit zu adaptieren, sie auf das menschliche Maß herabzudrücken, sondern umgekehrt den Menschen ihr anzupassen und ihn zum Maß dieser Wahrheit, die ihn beherrscht und ihn richtet, zu erheben, so müssen gerade wir, ihre Diener, uns vor nichts so sehr hüten als vor einer lästerlichen Verwechslung unserer Geschmäcker, unserer Gewohnheiten, unserer Vorurteile, unserer Leidenschaften, unserer Beschränktheiten und Schwächen mit der göttlichen Religion, von der wir noch so wenig durchdrungen sind. Wir sollen die Seelen für Gott, nicht für uns gewinnen, und ihnen. Gott schenken, statt uns selbst ihnen aufdrängen. Wenn man dies für Liberalismus hält, so ist es jedenfalls kein anderer als der der Liebe. Da mihi amantem et scit quid dicam.

Das große Beispiel des hl. Paulus ist am geeignetsten, vor jeder hier möglichen Verwechslung im voraus zu sichern. Keiner schämte sich weniger als Paulus, das Ärgernis des Kreuzes zur Schau zu tragen, und keiner fürchtete mehr als er, dessen Kraft abzustumpfen. Keiner hat vorbehaltloser als er die Notwendigkeit verkündet, mit dem Irrtum und der Sünde zu brechen und sich selbst zu sterben, um ein neues Leben in Christus zu leben: "Fegt aus den alten Sauerteig und seid ein neuer Teig." Aber Paulus weigert sich, auf die Forderungen der judaisierenden Christen einzugehen. Er erhebt sich sogar gegen jene, die seine Kühnheit einschüchtert. Geschieht es einzig deshalb, "um, wie er selbst sagt, dem Evangelium kein Hindernis zu schaffen" oder "für Christus eine große Menge" Heiden zu gewinnen? Diese Absicht erklärte sein Verhalten nicht ganz. Was den Apostel bestimmt, ist nicht vor allem das Interesse der Propaganda: es ist die Logik seines Glaubens. Seine Gegner werfen ihm vor, dass er aus politischer Klugheit das Joch des Herrn erleichtert, indem er das Gesetz aufgibt. Nein, erwidert er, nicht damit die Menschen mich gut aufnehmen, handle ich so, sondern um mich Gott verdient zu machen. Wenn ich das "Evangelium Gottes" predige, will ich es nicht "nach Menschen weise" verkünden. Weit davon entfernt, die Lehre aus Opportunitätsrücksichten zu kompromittieren, verteidigt Paulus vielmehr ihren wahren Charakter gegen die unklugen Zugeständnisse Petri. Er weigert sich, das Evangelium andern zuliebe zu ändern, weil er damit Christus untreu würde (1Kor 1,17; 5,7; 9,12 und 19-22; Gal 1,10-11; 2,11-24).

Der Geist, der den Apostel leitet, ist derselbe, der noch heute die Kirche lenkt, und der durch die Stimme der letzten Päpste spricht [gemeint sind Pius IX. bis Pius XI.]. Der Weg, auf den er uns verpflichtet, ist der einzig sichere. Ihm folgen ist weder Naivität noch Synkretismus noch Liberalismus, sondern einfach Katholizismus.« (ebd. 265-267)

Bätzing sollte nochmal genau nachlesen und sich dann schämen! Ich kann bloß hoffen, dass sein bischöflicher Mitbruder aus Regensburg, der ein ausgewiesener Experte für Henri de Lubac ist, ihn auf seine Verirrung (und die Irreführung seiner Zuhörer) hinweist.

Sonntag, 26. Dezember 2021

Das Opfer von Weihnachten

Das Gabengebet der Messe vom Tag am 25. Dezember hat es mir angetan (die deutsche Übersetzung hat mit dem lateinischen Text nicht viel gemein, aber worum es mir geht findet sich auch im Original):

Gott, unser Vater,
in diesen Gaben
willst du uns Versöhnung schenken
und uns wieder mit dir verbinden.
Nimm sie an
und gib durch sie unserem heiligen Dienst
die höchste Vollendung.
Darum bitten wir durch Christus, unseren Herrn.

Oberflächlich betrachtet, scheint das so gar nicht zu Weihnachten zu passen. Warum (Opfer)Gaben? Warum Versöhnung? Warum der heilige Dienst? Der Sinn erhellt aus der neutestamentlichen Lesung vom 4. Advent (C), Hebr 10,5-10:

Darum spricht er bei seinem Eintritt in die Welt: Schlacht- und Speiseopfer hast du nicht gefordert, / doch einen Leib hast du mir bereitet; /
an Brand- und Sündopfern hast du kein Gefallen.
Da sagte ich: Siehe, ich komme - / so steht es über mich in der Schriftrolle -, / um deinen Willen, Gott, zu tun.
Zunächst sagt er: Schlacht- und Speiseopfer, Brand- und Sündopfer forderst du nicht, du hast daran kein Gefallen, obgleich sie doch nach dem Gesetz dargebracht werden;
dann aber hat er gesagt: Siehe, ich komme, um deinen Willen zu tun. Er hebt das Erste auf, um das Zweite in Kraft zu setzen.
Aufgrund dieses Willens sind wir durch die Hingabe des Leibes Jesu Christi geheiligt - ein für alle Mal.

Jesu "Eintritt in die Welt" ist also in höchstem Maße relevant für unsere Versöhnung mit Gott (Heiligung) und wie wir dies Feiern ist nicht Nebensache, sondern zentral: Die Feier der Eucharistie ist höchste Vollendung allen Gottesdienstes, weil in ihr Jesu Opfer am Kreuz gegenwärtig wird. Etwas mehr Klarheit bringt dieses Gabengebet vom 23. Dezember (dem kurioser Weise der gleiche lateinische Text zugrunde liegt):

Heiliger Gott,
du hast uns diese Opferfeier geschenkt
als höchsten Lobpreis,
den wir dir darbringen können.
Sie versöhne uns mit dir
und reinige uns von unseren Sünden,
damit wir mit lauterem Herzen
das Geburtsfest unseres Erlösers begehen,
der mit dir lebt und herrscht in alle Ewigkeit.
Die Reihenfolge der Sätze ist gegenüber der ersten zitierten Oration vertauscht, somit ist die Versöhnung hier Folge des höchsten Lobpreises. Dass beide Reihenfolgen einen Sinn ergeben, finde ich durchaus lehrreich.

Christi Leiden, Sterben und Auferstehen ist somit überdeutlich herausgestellt als Zentrum des Mysteriums der Menschwerdung. Weihnachten ist nicht "schöner" oder "familienfreundlicher" als Karfreitag und Ostern. Beides hängt innigst zusammen: Bei seinem Eintritt in die Welt spricht er "Siehe, ich komme, um deinen Willen zu tun", und dieser Wille besteht darin, dass er für uns stirbt um für uns und mit uns zu leben: "er entäußerte sich und wurde wie ein Sklave und den Menschen gleich." (Phil 2,7) Weihnachten gibt es, weil Christus uns durch sein Kreuz erlösen wollte - die Liturgie erinnert uns eindringlich daran.

Montag, 29. November 2021

suizidale Exegese

Die Alttestamentlerin und geschäftsführende Direktorin des Katholischen Bibelwerks e.V., die auch am Forum IV des Synodalen Wegs mitarbeitet ("Leben in gelingenden Beziehungen"), Katrin Brockmöller, hat einen Beitrag für "Bibel und Kirche" (eine vierteljährliche theologische Fachzeitschrift) geschrieben, in dem sie den Grundlagentext des Forums IV des suizidalen Weges bespricht. Dieser Text ist natürlich auch auf katholisch.de erschienen (hier), denn er ist eine nützliche Irreführung über Motive und Vorgehen des suizidalen Weges.

Es lassen sich daraus manche Tricks der heutigen Theologie ersehen, die dabei helfen, alles Gewünschte "theologisch" zu untermauern. Ein paar Beispiele dazu.

 

Brockmöller schreibt: 

»Sowohl das Ideal der heterosexuellen Ehe, ihre Ausschließlichkeit, die Kontrolle der Fruchtbarkeit und vieles andere wird oft mit einem Verweis Gen 1,27 begründet: "Gott schuf den Menschen als Mann und Frau." Schon ein genauer Blick in den Text zeigt aber, dass hier Adjektive stehen ("männlich" und "weiblich"), die eher einen Raum öffnen als eine singuläre Idee von Mannsein und Frausein zu setzen.«

Hier findet ein klassischer verschleierter gedanklicher Sprung statt. Frausein und Mannsein bzw. Weiblichsein und Männlichsein stehen für den biblischen Text fest. Dies wird aufzulösen versucht, indem urplötzlich von "Ideen" bezüglich Frausein und Mannsein gesprochen wird. Das ist zunächst zwar nicht falsch, denn nicht alle Männer und nicht alle Frauen sind gleich. Damit aber die Polarität der Geschlechter zu untergraben ist schlicht unehrlich. Die (etwa geschichtlich) unterschiedlichen Ideen oder Ideale von Frausein und Mannsein fußen ja gerade darauf, dass es Frauen und Männer in ihrer Unterschiedlichkeit gibt.

Im Übrigen wird hier die Wahrheit der von Gender-Mainstreaming betriebenen Auflösung der Geschlechter (unter dem Deckmäntelchen von "Vielfalt") verschleiert, denn es wird der Eindruck erweckt, als ginge es dabei nur um unterschiedliche Ideen von Mann- und Frausein.


Sie schreibt weiter: 

»Zudem handelt es sich bei Gen 1,27 nicht um philosophische oder normative Aussagen, sondern um Poesie. Daraus lassen sich beim besten Willen keine Normen ableiten.«

Grober Unfug. Es wird völlig aus dem Nichts eine wechselseitige Ausschließlichkeit von Poesie und Normen/Philosophie behauptet: Weil es ein poetischer Text ist, kann er keine normativen Aussagen enthalten. Vielleicht noch offensichtlicher absurd ist die Unterstellung, ein poetischer Text könne nicht philosophisch sein. Hat die Frau noch nie etwas von Ovid oder Seneca, von Thomas von Aquin, Goethe oder Herder gehört (um nur einige wenige Namen zu nennen, die mir spontan in den Sinn kommen)?

Gerade die Bibel ist aber doch übervoll mit belehrender, und dadurch immer wieder auch Normen aufstellender Poesie! Nur mal die ersten Beiden Verse des Psalmes 1 zur Illustration: "Selig der Mann, der nicht nach dem Rat der Frevler geht, nicht auf dem Weg der Sünder steht, nicht im Kreis der Spötter sitzt, sondern sein Gefallen hat an der Weisung des HERRN, bei Tag und bei Nacht über seine Weisung nachsinnt." Wird hier nicht die Norm aufgestellt, dass man nicht auf Frevler und Spötter, sondern auf Gott hören soll? Man spricht hier auch von "Lehrgedichten", die sich überall in unterschiedlichen Formen in der ganzen Bibel finden. Eine ähnliche Schöpfungsdichtung, die durchaus normativ und auch philosophisch randvoll ist, ist z.B. Joh 1: "Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott und das Wort war Gott..."


Weiter:

»Gen 1 beschreibt, wie etwas Neues sich entwickelt, wie ein Lebenshaus entsteht, in dem Unterschiede sichtbar werden und Raum für dazwischen entsteht: Die Gegensatzpaare "Licht und Finsternis", "Himmel und Erde", "Trockenes Land und Meer", "männlich und weiblich" werden benannt. Dazwischen gibt es auch Dämmerung, Feuchtgebiete, geschlechtliche Vielfalt, ...«

Bezeichnend, dass ihr zu "Himmel und Erde" kein Zwischending eingefallen ist, schade. Natürlich ist das billige Begriffsklopperei, denn nur weil es Wörter für Dinge gibt, sind diese noch nicht real oder gar normativ. Die "Vielfalt der Geschlechter" wird hier behauptet, aber nicht belegt.

Im übrigen dürfte die Frau nicht unerwähnt lassen, dass den Autoren dieses Textes Feuchtgebiete und Dämmerung bekannt waren, dass ihnen aber ebenso klar bewusst war, dass es nur zwei Geschlechter gibt. Neben dem Offenbarungscharakter dieses Textes ("Normen", man könnte auch sagen: Wahrheiten) widerspricht ihrer These also auch die Intention der Schreiber der heiligen Texte.

Interessant finde ich, wie routiniert hier im ersten Satz Gottes Wirk-lichkeit entsorgt wird: Neues "entwickelt sich", "entsteht" oder "wird sichtbar"... Alles scheinbar von sich aus. Keine Absicht, kein Wille, kein Handelnder, in einem Wort: Kein Schöpfer. Natürlich, sie darf diese Dinge nicht erwähnen, denn was Gottes Absicht und Wille ist, ist ja explizit nicht das, was sie will und beabsichtigt. Die Frau schafft es, in ihrer Zusammenfassung einer Erzählung, deren entscheidender Sinn darin besteht, eben jenen Gott als souverän Handelnden und Wollenden über allen Naturerscheinungen zu präsentieren (z.B. gegen die Verehrung der Gestirne als Götter: sie sind nur "Lampen", die Gott an den Himmel gesteckt hat), diesen handelnden Gott restlos zu eliminieren. Respekt. Gen 1 will vielmehr sagen: Ob Gestirne oder Menschen, sie sind nicht aus sich selbst, sie machen sich nicht selbst und sie haben keine Macht; alles kommt von Gott und ist nach seinem Willen und Entschluss ("lasst uns Menschen machen") geordnet.


Und nochmal weiter: 

»So ist aktuell im Text zwar sehr deutlich bereits benannt, dass die Institution Ehe in der Antike eine klare Schutzfunktion für Kinder hat und daher sozial und theologisch so nachdrücklich gestützt wurde. Heute ist dieser Schutz über andere Systeme möglich, so dass Kinder gut ins Leben begleitet werden können, sollte eine Ehe zerbrechen (vgl. A.3.2.).«

Es wird so dargestellt, als sei jene soziale Schutzfunktion von Kindern (und Frauen) der objektiv feststehende, klare, unzweifelhafte und auch der einzige Grund, warum es in der Bibel die Ehe gibt. Das ist für die Autorin so völlig klar, dass es nur benannt zu werden braucht, es muss nicht nachweisen werden. Und hier liegt der Fehler, denn tatsächlich hat das noch niemand nachgewiesen. Damit ist dies aber keine objektive Tatsache, sondern es ist eine Behauptung. Mehr nicht.

Verwandt, in diesem speziellen Text aber nicht erwähnt, ist die ebenso beliebte Behauptung, das Verbot gleichgeschlechtlicher Partnerschaften diene dem demographischen Wachstum des Volkes: Möglichst viele Kinder sollen geboren werden, damit man ein "großes Volk" wird; da aus gleichgeschlechtlichen Partnerschaften aber keine Kinder hervorgehen können, sind die verboten.

In beiden Fällen wird ein modernes soziologisches Denken verabsolutiert und den biblischen Texten ganz einfach untergeschoben. Zugleich wird Gott dabei ganz herausgenommen: Dass es die Ehe gibt, hat nichts mehr mit Gott zu tun, kommt v.a. nicht von ihm, ist nicht sein Wille, sondern ist rein soziologisch zu erklären. Das ist alttestamentlich schon eine äußerst steile Behauptung, die spätestens mit dem Neuen Testament geradezu absurd geworden ist, denn die Ehe ist DAS Abbild der Liebe Gottes zu den Menschen in Jesus Christus: "Darum wird der Mann Vater und Mutter verlassen und sich an seine Frau binden und die zwei werden ein Fleisch sein. Dies ist ein tiefes Geheimnis; ich beziehe es auf Christus und die Kirche." (Eph 5,31-32)


Frau Brockmöller verweist mit dem suizidalen Text selbst auch auf den guten, ja "sehr guten" Anfang und die durch den "Sündenfall" (dort in Anführungszeichen gesetzt) eingetretene Zerrüttung zwischen den Menschen. Ich bekomme aber den starken Eindruck dass sie hierbei etwas verdreht: Für sie scheint die heutzutage propagierte "Vielfalt der Geschlechter" zu jenem paradiesischen Urzustand zu gehören, während die abgelehnte "singuläre Idee" der Zweigeschlechtlichkeit als eine Folge jener Zerrüttung dargestellt wird. Das sagt sie so explizit natürlich nicht, die Blöße gibt sie sich nicht, aber sie spricht ausdrücklich davon, dass es ursprünglich (nach Gen 1) "Freiraum" für "Vielfalt" gegeben habe und dann "Abwertungen" (z.B. von homosexuellen Beziehungen) in die Welt kamen.

Dadurch wird das biblische Zeugnis richtiggehend verdreht. Dagegen sei, etwas plakativ, gesagt: Wäre die zweigeschlechtliche Ehe als Norm eine Folge des Sündenfalls, dann wäre ihre Dekretierung ("als Mann und Frau schuf er sie" bzw. die Erschaffung der Frau aus dem Mann) NACH dem Sündenfall erzählt worden, denn vorher bedurfte es keiner "Schutzmaßnahmen" etwa für die Kinder und die Frauen (oder für das Wachstum des Volkes). Für die biblischen Erzählungen und die dahinter liegende Intention gehören offenbar die Zweigeschlechtlichkeit und die Ehe zum anfänglich geschaffenen Paradieseszustand, d.h. auch zum "natürlichen" Zustand des Menschen (darum ist gleichgeschlechtlicher Verkehr auch "widernatürlich": Röm 1,26). Alles dem Widersprechende ist Folge des Sündenfalls. Das ist im Alten Testament schon sehr deutlich: Gott hat die Menschen als Frau und Mann für einander geschaffen; es ist die Sünde, das Abwenden von Gott und seinem Willen, was zur Zerrüttung führt. Auch Jesus verweist schließlich auf den schöpfungsgemäßen "Anfang" für seine Ehemoral. (Vgl. hier meine Gedanken zum Thema Keuschheit)

Letztlich zeigt sich, dass dieser Umgang mit den Texten immer gleich funktioniert: Man beginnt mit einer Überzeugung und stülpt sie dem Text über. Dabei ist es ganz egal, was der Text selber hergibt: Wenn möglich, werden Textfetzen wunschgemäß umgedeutet, wo das nicht geht, wird er durch ein modernes Konzept schlicht ersetzt. Hier also: Den einen oder anderen Vers der biblischen Schöpfungserzählungen glaubt man, der eigenen Überzeugung dienstbar machen zu können ("männlich und weiblich schuf er sie"), und alles was nicht dienstbar gemacht werden kann (z.B. dass Gott Mann und Frau für- und aufeinander hin geschaffen hat), das ersetzt man durch die Behauptung, dass Ehe nur ein (natürlich rein menschliches) soziales Konstrukt zum Schutz von Kindern und Frauen ist. Wenn man Textfetzen (oder auch bloß Anspielungen auf solche) dienstbar machen zu können glaubt, ist es wichtig, den Kontext zu verschleiern: Wenn man z.B. mit Rückgriff auf die zweite Schöpfungserzählung von "Ergänzung, Hilfe" spricht, ist es wichtig, es bei diesen allgemeinen Begriffen zu belassen und nicht zu erwähnen, dass die Frau als "Hilfe und Ergänzung" des Mannes von Gott geschaffen wurde (und andersherum). So bleiben "Hilfe und Ergänzung", erweitert um "Vielfalt" und "wechselseitiger Freude aneinander", als abstrakte "Ideen" frei verfügbar für alles, was man damit stützen möchte. Und fertig ist die Auseinandersetzung mit dem Bibeltext (als Stück antiker Literatur, nicht als Offenbarung), woraufhin man stolz behaupten zu können meint, "das Hören auf die Schrift als Grundlage aller Pastoral" zu betrachten (so der suizidale Text). Was für eine Farce.

"... welche Wahrheit kann von der Lüge kommen?" (Sir 34,4)

Dienstag, 26. Oktober 2021

Hierarchie der Wahrheiten


Im Dekret des Zweiten Vatikanischen Konzils über den Ökumenismus, Unitatis redintegratio (UR), taucht der Begriff „Hierarchie der Wahrheiten“ auf (UR 11). Dieser Begriff hat seit dem eine erstaunliche Karriere hingelegt, denn er ist in die Alltagssprache vieler Kirchenleute und Theologen übergangen, auch weit jenseits des Themas Ökumene.

Leider wird der Begriff meistens falsch bzw. missbräuchlich verwendet. Und zwar auf die Weise, dass damit ausgesagt werden soll, dass es „wichtige“ und „weniger wichtige“, und sogar „unwichtige“ Glaubensinhalte gäbe, wobei man sich insbesondere bei der Verkündigung (Katechese, Predigt, mediale Auftritte) auf die wichtigen konzentrieren solle. Welcher hierarchische Rang einer einzelnen Glaubenswahrheit zukommt, liegt derweil meist im Ermessen des Einzelnen, aber recht beliebt ist es, nur das als „wichtig“ zu deklarieren, was im Glaubensbekenntnis steht, wobei aber diese Regel sogleich wieder gebrochen wird, denn die Jungfrauengeburt gehört diesen Verkündern zufolge sicherlich nicht zur „wichtigen“ Kategorie, und auch die Dreifaltigkeit Gottes wird zuweilen nicht in den oberen hierarchischen Rängen positioniert, da sie unverständlich sei. Mein Eindruck ist, dass meist nach dem religionsphilosophischen Modell verfahren wird: Was die meisten Menschen glauben, das ist in dieser Hierarchie ganz oben und darauf müssen wir uns in Verkündigung konzentrieren; je spezifischer es wird, desto niedriger ist der „Rang“ und desto eher kann man es, platt gesagt, weglassen. Daraus ließen sich grob fünf Ränge ableiten:

1. Was allen Menschen gemein ist

2. Was allen Religionen gemein ist

3. Was den monotheistischen Religionen gemein ist

4. Was den christlichen Konfessionen gemein ist

5. Was spezifisch katholisch [und orthodox] ist

Was wir hier haben ist eine Hierarchie, genauer: Was man in der Fachsprache „Schachtelungshierarchie“ (engl. nesting hierarchy) nennt. Hierbei sind die jeweiligen Kategorien ähnlich einer Matrjoschka ineinander verschachtelt: die „katholische Schachtel“ befindet sich zusammen mit anderen in der „christlichen Schachtel“, diese befindet sich wiederum mit anderen zusammen in der „monotheistischen Schachtel“, diese befindet sich wiederum mit anderen zusammen in der „religiösen Schachtel“ und diese befindet sich wiederum mit anderen zusammen in der „meschlichen Schachtel“. In dieser Hierarchie ist folglich das Wichtigste alles, worüber sich alle Menschen einigen können usw.; am unwichtigsten ist das, was die eigene Kirche ausmacht.


Ursprünglich im Kontext des Themas Ökumene eingeführt, hat der Begriff der „Hierarchie der Wahrheiten“ doch überragende Bedeutung. Aber sein falscher Gebrauch hat gerade für die Ökumene verheerende Folgen.

Sinn jener religionsphilosophischen Unterteilung in wichtig und unwichtig ist es, im ökumenischen und interreligiösen Austausch eine möglichst große Nähe herzustellen und nicht mit „Eigenem“ den anderen auf Distanz zu halten. Das klingt zunächst gut, führt aber auch dazu, dass man etwa als katholischer Gesprächspartner von seinem Gegenüber am Ende des Tages nicht ernst genommen wird, denn man gibt dadurch seine eigene Identität preis.

Mal ehrlich: Was glauben die so Vorgehenden eigentlich, wie vertrauenerweckend der andere auf einen wirkt und wie ernstgenommen man sich fühlt, wenn man feststellen muss, dass der Gesprächspartner nicht mal sich selbst, seinen eigenen Glauben, ernst nimmt? Oder andersherum: Wenn ich meinen eigenen Glauben nicht ernst nehme, d.h. ihn nicht unverkürzt annehme, bejahe und bekenne, dann kann ich nicht erwarten, dass mein Gegenüber mir abnimmt, dass ich ihn und seinen Glauben ernst nehme.

Durch so einen Mangel an Ernsthaftigkeit der geglaubten Wahrheit gegenüber kann auch kein Vertrauen entstehen, denn jeder ernsthafte Dialog löst sich in Luft auf, er wird ersetzt durch eine (politische/ideologische) Verhandlung. Das ist genau das, was den Großteil unserer gegenwärtigen „offiziellen“ ökumenischen Gespräche auszeichnet: Es sind Verhandlungen um Begriffe, nicht Gespräche über den Glauben. Die Ergebnisse sind dann dementsprechend auch Verträge und Vereinbarungen, aber keine Nähe, keine Gemeinschaft. Ein gutes Beispiel ist jenes schreckliche (weil unehrliche, und damit unchristliche, außerdem häretische und in hohem Maße manipulative) Dokument „Gemeinsam am Tisch des Herrn“, mit dem ich mich HIER und HIER näher befasst habe. Ich sprach damals von einer „Papierökumene“, Karl-Heinz Menke nennt es „Tintenfischökumenik“, bei der alles Anstößige hinter einem Tintenschleier verschwindet.


Mit der „Hierarchie der Wahrheiten“, wie sie das letzte Konzil benannte hat, hat dieses Einteilen in „wichtig“ und „unwichtig“ nichts, aber auch gar nichts zu tun. Wie fern ein Zurückstellen von Glaubenswahrheiten um des ökumenischen Friedens oder scheinbarer (begrifflich ausgefeilter und vertraglich festgehaltener) Übereinkünfte willen jenem Begriff des Zweiten Vatikanischen Konzils ist, kann dieser Satz aus dem selben Abschnitt (drei Sätze vorher) gut veranschaulichen:

„Die gesamte Lehre muss klar vorgelegt werden. Nichts ist dem ökumenischen Geist so fern wie jener falsche Irenismus, durch den die Reinheit der katholischen Lehre Schaden leidet und ihr ursprünglicher und sicherer Sinn verdunkelt wird.“ (UR 11)

Was es mit dem Begriff „Hierarchie der Wahrheiten“ tatsächlich auf sich hat, erklärt das Konzil eigentlich unmissverständlich, aber es gibt einen Grund, warum stets nur dieser Begriff zitiert wird und nicht der Satz, in dem er steht, oder gar dessen Kontext. Dort heißt es (satzweise):

„[1)] Zugleich muss aber der katholische Glaube tiefer und richtiger ausgedrückt werden auf eine Weise und in einer Sprache, die auch von den getrennten Brüdern wirklich verstanden werden kann.

[2)] Darüber hinaus müssen beim ökumenischen Dialog die katholischen Theologen, wenn sie in Treue zur Lehre der Kirche in gemeinsamer Forschungsarbeit mit den getrennten Brüdern die göttlichen Geheimnisse zu ergründen suchen, mit Wahrheitsliebe, mit Liebe und Demut vorgehen.

[3)] Beim Vergleich der Lehren miteinander soll man nicht vergessen, dass es eine Rangordnung oder ‚Hierarchie‘ der Wahrheiten innerhalb der katholischen Lehre gibt, je nach der verschiedenen Art ihres Zusammenhangs mit dem Fundament des christlichen Glaubens.

[4)] So wird der Weg bereitet werden, auf dem alle in diesem brüderlichen Wettbewerb zur tieferen Erkenntnis und deutlicheren Darstellung der unerforschlichen Reichtümer Christi angeregt werden.“ (UR 11)

1) Es fällt auf, dass es hier überhaupt nicht um Glaubensinhalte (oder Glaubenswahrheiten) geht, sondern um die Sprache und das Sprechen: Wie drücken wir uns aus? Drücken wir uns so aus, dass man uns versteht? Drücken wir uns bzw. den Glauben „tief“ und „richtig“, ja sogar „tiefer“ und „richtiger“ aus? Der lateinische Text klingt hier noch schärfer als die übliche deutsche Übersetzung: „fides catholica et profundius et rectius explicanda est“ – „der katholische Glaube ist sowohl tiefer als auch richtiger darzulegen“ [und zwar] auf eine Weise und in einer Sprache, die von den getrennten Brüdern wirklich verstanden werden kann.

2) Hier geht es noch immer nicht um einzelne Glaubensinhalte, sondern um Haltungen: Als erstes um die „Treue zur Lehre der Kirche“ und sodann um Wahrheitsliebe, Liebe, Demut. Zu „gemeinsamer Forschungsarbeit“, d.h. konfessionsübergreifend, wird ermutigt, Gegenstand sind die „göttlichen Geheimnisse“, die aber nicht nach „wichtig“ oder „unwichtig“ sortiert werden, sondern einfach gegeben sind.

3) Hier haben wir endlich den Begriff der „Hierarchie der Wahrheiten“. Es fällt auf, dass die genannten Wahrheiten „innerhalb der katholischen Lehre“ verortet werden, es geht also gewissermaßen um alles „was katholisch ist“. Vor allem von Bedeutung ist jedoch, die nähere Bestimmung, was mit diesem Begriff ausgesagt ist: Auch hier ist nirgends die Rede von „wichtigen“ und „weniger wichtigen“ oder „unwichtigen“ Wahrheiten. Vielmehr ergibt sich die Verschiedenheit der Wahrheiten, die als Rangfolge oder Hierarchie bezeichnet wird, aus der „Art ihres Zusammenhangs mit dem Fundament des christlichen Glaubens“. Dies ist durchaus konkret aufzufassen: Es ist keine generelle Rangordnung gegeben, sondern jede Glaubenswahrheit hat ihren spezifischen Zusammenhang mit dem Fundament. (Welches offenkundig Christus ist.)

4) „Wettbewerb“ ist hier eine missverständliche Übersetzung. Es ist hier wohl nicht gemeint, wer wen besser überzeugen kann oder wer am Ende als „Sieger“ hervorgeht, sondern es ist eher ein geistlicher Wettkampf gegen die eigene Schwäche gemeint, der „Sieg“ ist jenes tiefere, richtigere Verstehen, die Mittel in diesem Kampf sind jene Treue, Wahrheitsliebe und Demut.


Doch der Schaden geht weit über ökumenische Gespräche hinaus.

Der Begriff „Hierarchie der Wahrheiten“ wurde, weil er so „neu“ klingt dankbar angenommen, nachdem er seines Textzusammenhangs entledigt wurde, umgedeutet und für die Demontage des Glaubens gebraucht. Man meinte, hier endlich einen Anpack zu haben, um das Wichtige vom Unwichtigen zu scheiden und unnötigen Ballast abzuwerfen (ein breiter Konsens unter Theologen unmittelbar nach dem letzten Konzil war es z.B., dass man die Existenz von Engeln entsorgen müsse, die in dieser Hierarchie ganz weit unten stünde). Das war natürlich von Anfang an nur ideologisch motiviertes Wunschdenken, schon allein weil, wie bereits dargelegt, der selbe Passus des Konzilstextes klar macht, dass „die gesamte Lehre klar vorgelegt werden“ muss.

Auch wenn der Begriff „Hierarchie der Wahrheiten“ als solcher „neu“ ist, so ist doch das, was er bezeichnet, so neu nicht. Das Erste(!) Vatikanische Konzil sprach in ähnlicher Weise in der Konstitution Dei filius vom „nexus mysteriorum inter se“ (vgl. DH 3016), also von der „Vernetzung“ der Geheimnisse des Glaubens untereinander, die sich so gegenseitig erhellen und erschließen. Auch der Begriff der „Analogie des Glaubens“ (lat. analogia fidei) ist hier gefallen und meint im Grunde das Gleiche (vgl. KKK 114). Die Rede von der „Hierarchie“ oder „Rangordnung“ scheint mir indes für die gemeinte Sache durchaus passend, denn es besteht in diesem Nexus faktisch eine Hierarchie (wörtlich: heilige Ordnung), da gewisse Glaubenswahrheiten auf dem Fundament anderer Glaubenswahrheiten ruhen oder, andersherum, durch diese gewissermaßen „von oben“ erhellt, erschlossen werden. Das Bild vom Netz(werk) ist hier eng verwandt mit dem des lebendigen Körpers: Nach Thomas von Aquin (STh II-II, q. 1, a. 6) heißen die einzelnen Glaubenswahrheiten „[Glaubens]Artikel“ (lat. articulus: Glied), weil sie Teil eines organischen, als „Leib“ gedachten Ganzen sind und entsprechend zusammen gehören.

Ein Beispiel: Die Glaubenswahrheit der Aufnahme Mariens in den Himmel ist nicht verständlich, ohne die Glaubenswahrheit ihrer besonderen Begnadung, und diese wiederum ist ohne die Glaubenswahrheit der Erlösung in und durch Christus nicht einsichtig. Marias Begnadung steht so gesehen in der Hierarchie an „höherer Stelle“ als ihre Aufnahme in den Himmel, und die Erlösung durch Christus an „höchster Stelle“; aber alle drei sind und bleiben wahr und verpflichtend zu glauben, keine ist „unwichtig“ oder kann entfallen. Das ist es, was „Hierarchie der Wahrheiten“ meint, nichts anderes.
Auf klug könnte man sagen: „Hierarchie der Wahrheiten“ ist ein hermeneutischer oder didaktischer Begriff, kein dogmatischer. Die „Hierarchie“ dient dem „richtigeren und tieferen“ Verständnis (vgl. UR 11) der einzelnen Wahrheiten des Glaubens im Gesamt des Glaubens, sie rührt nicht an deren Wahrheitsgehalt.

Dass die Wahrheiten des Glaubens in einer „Rangordnung“ stehen, war immer schon im Bewusstsein der Kirche präsent, was etwa daran klar wird, dass in den wichtigsten historischen Glaubensbekenntnissen nicht alle Feinheiten des katholischen Glaubens eingeflossen sind, sondern nur seine zentralsten oder grundlegendsten Elemente. Dadurch wurde aber nie die Wahrheit und Verbindlichkeit von all dem abgelehnt, was nicht in diese aufgenommen wurde (z.B. taucht in diesen die bischöfliche Amtsstruktur der Kirche nicht auf, obwohl sie für die Bischöfe, die diese Bekenntnisse verfassten und approbierten, gewiss wichtig und verbindlich war).

Leider hat schon sehr bald, noch während des Konzils, jenes falsche Verständnis des Begriffs oftmals die Oberhand gewonnen, weswegen bereits das „Allgemeine Katechetische Direktorium“ von 1971 (das nie offiziell ins Deutsche übersetzt wurde, weil man meinte, Katechese eigentlich nicht mehr nötig zu haben) betonte:

„Diese Hierarchie bedeutet nicht, dass einige Wahrheiten weniger als andere zum Glauben gehören, sondern dass manche Wahrheiten auf anderen grundlegenderen aufbauen und von ihnen her Licht erhalten.“ (Nr. 43)

 

Die missbräuchliche Verwendung des Begriffs funktioniert indes nur, solange die so Sprechenden nicht darüber nachdenken, was sie da eigentlich sagen. Denn der Begriff „Hierarchie der Wahrheiten“ kann gar keine Wertung über die Verbindlichkeit oder Relevanz des zu Verkündigenden bezeichnen, weil eine Wahrheit nunmal eine Wahrheit bleibt, auch wenn sie zusammen mit anderen in einer „Hierarchie“ angeordnet wird. So, wie er faktisch verwendet wird, müsste der Begriff eigentlich „Hierarchie der Wahrheitsgrade“ oder „Hierarchie der Verbindlichkeiten“ heißen, dann würden der Begriff und seine Deutung zusammenpassen. (Eine Ironie dieses falschen Denkens ist, dass man damit die so genannten „Gewissheitsgrade“, die sich früher in der neuscholastischen Dogmatik großer Beliebtheit erfreuten, und die man heute nur zu gerne als unsinnig verlacht, in einer verdummten Variante wieder aufleben lässt, ohne es zu merken.) Nun heißt der Begriff aber „Hierarchie der Wahrheiten“: Die Wahrheiten bleiben Wahrheiten, sie büßen ihre wesentliche Eigenschaft des Wahrseins durch die wie auch immer vorgenommene Anordnung in der Hierarchie nicht ein; sie müssen folglich in ihrer Gesamtheit anerkannt, bejaht und bekannt werden, denn die bzw. eine Wahrheit (wir könnten auch sagen: Realität) zu leugnen ist immer ein Fehler, das wissen auch die so Sprechenden.

Die falsche Verwendung des Begriffs findet dann z.B. in dem (immer schon von unzähligen Theologen geäußerten) Vorwurf gegen den Katechismus der katholischen Kirche Ausdruck, dieser würde jene Hierarchie nicht gebührend berücksichtigen, weil dort alles einfach als „wahr“ hingestellt, und nicht nach „Wahrheitsgraden“ unterschieden würde (siehe HIER ganz unten). Diese Kritik ist Unsinn, weil „Hierarchie der Wahrheiten“ eben nichts am Wahrsein der Wahrheiten ändert. In Wirklichkeit ist der Katechismus, wie jedes gute Glaubensbuch, konsequent nach dem Prinzip der Hierarchie der Wahrheiten strukturiert, da er die Zusammenhänge der einzelnen Wahrheiten mit dem Fundament des Glaubens darlegt und verdeutlicht. Die einzelnen Wahrheiten werden dabei jeweils als wahr dargestellt, weil es eben Wahrheiten sind und bleiben. Daher heißt es auch in jenem „Allgemeinen Katechetischen Direktorium“ von 1971: „In der Heilsbotschaft besteht eine gewisse Hierarchie der Wahrheiten, die die Kirche immer anerkannt hat, wenn sie Glaubensbekenntnisse und -kompendien verfaßte.“ (Nr. 43)


Ich spare mir hier eine Auflistung aller Stellen, an denen die Päpste und ihre Dikasterien die korrekte Bedeutung des Begriffs der „Hierarchie der Wahrheiten“ immer wieder aufs neue eingeschärft haben, und beschränke mich nur auf die vermutlich aktuellste von diesen. Papst Franziskus schreibt in seinem Apostolischen Schreiben Evangelii gaudium:

„Alle offenbarten Wahrheiten entspringen aus derselben göttlichen Quelle und werden mit ein und demselben Glauben geglaubt, doch einige von ihnen sind wichtiger, um unmittelbarer das Eigentliche des Evangeliums auszudrücken. […] Man darf die Vollständigkeit der Botschaft des Evangeliums nicht verstümmeln. Außerdem versteht man jede Wahrheit besser, wenn man sie in Beziehung zu der harmonischen Ganzheit der christlichen Botschaft setzt, und in diesem Zusammenhang haben alle Wahrheiten ihre Bedeutung und erhellen sich gegenseitig.“ (Nr. 36-39)
Weiter heißt es dort:
„Das Evangelium lädt vor allem dazu ein, dem Gott zu antworten, der uns liebt und uns rettet – ihm zu antworten, indem man ihn in den anderen erkennt und aus sich selbst herausgeht, um das Wohl aller zu suchen. Diese Einladung darf unter keinen Umständen verdunkelt werden! Alle Tugenden stehen im Dienst dieser Antwort der Liebe. Wenn diese Einladung nicht stark und anziehend leuchtet, riskiert das moralische Gebäude der Kirche, ein Kartenhaus zu werden, und das ist unsere schlimmste Gefahr. Denn dann wird es nicht eigentlich das Evangelium sein, was verkündet wird, sondern einige lehrmäßige oder moralische Schwerpunkte, die aus bestimmten theologischen Optionen hervorgehen. Die Botschaft läuft Gefahr, ihre Frische zu verlieren und nicht mehr ‚den Duft des Evangeliums‘ zu haben.“ (Nr. 39)

Genau das ist seit Jahrzehnten leider in großem Umfang zu beobachten, nicht nur im ökumenischen Dialog, sondern in allen Bereichen des kirchlichen Lebens ähnelt das Ganze mehr und mehr einem Kartenhaus. Wen wunderts, dass nun mittels suizidalem Weg dasselbe zum Einsturz gebracht werden soll...es wurde ja jahrzehntelang sturmreif geschossen...

Samstag, 18. September 2021

absterbende Volkskirche

Viele Verantwortliche „in Kirche“ gehen heutzutage den Weg des geringsten Widerstandes, wenn es um die Verkündigung des Glaubens und der Moral geht; den Weg, der jede Anstößigkeit vermeidet: Man ist, insbesondere dort, wo man sich durchaus auch als „Dienstleister“ sieht, bemüht, „anschlussfähig an die Erfahrung der Menschen“ zu sein, „jedem etwas zu bieten“ und „alle mitzunehmen“. In kurz: Man möchte gerne die Volkskirche (oder einen Anschein davon) aufrecht erhalten. Dieses vorgehen geschieht nicht selten in guter Absicht, und man will es auch im Evangelium begründet sehen: Sollen wir denn nicht allen Menschen Jesus verkünden? Müssen wir es denn nicht allen Menschen ermöglichen, das Evangelium anzunehmen?

Ja, diese Möglichkeit sollen wir allen ohne Ausnahme eröffnen. Aber was heißt das?

Wir sollen Jesus allen Menschen verkünden, das ist richtig: „Geht hinaus in die ganze Welt und verkündet das Evangelium der ganzen Schöpfung!“ (Mk 16,15; vgl. Kol 1,23) Alle Menschen sollen Gottes Heil schauen (vgl. Lk 3,6; vgl. Offb 3,15). Aber: Nirgends im Evangelium steht, dass alle, denen es verkündet wird und die es sehen, es auch annehmen werden. Es besteht ein gewaltiger Unterschied, ob wir allen Menschen die Möglichkeit geben, das Evangelium anzunehmen (indem wir es verkünden), oder ob wir das Evangelium allen Menschen annehmbar machen (indem wir es verwässern).

Eines der bekanntesten Gleichnisse Jesu ist das Sämannsgleichnis:

„Siehe, ein Sämann ging hinaus, um zu säen. Als er säte, fiel ein Teil auf den Weg und die Vögel kamen und fraßen es. Ein anderer Teil fiel auf felsigen Boden, wo es nur wenig Erde gab, und ging sofort auf, weil das Erdreich nicht tief war; als aber die Sonne hochstieg, wurde die Saat versengt und verdorrte, weil sie keine Wurzeln hatte. Wieder ein anderer Teil fiel in die Dornen und die Dornen wuchsen und erstickten die Saat. Ein anderer Teil aber fiel auf guten Boden und brachte Frucht, teils hundertfach, teils sechzigfach, teils dreißigfach.“ (Mt 13,3-8)

Es ist bezeichnend, dass gerade dieses Gleichnis in aller Ausführlichkeit von Jesus selbst erläutert wird, so dass kein Zweifel über seine Bedeutung besteht: Der Same ist das Wort der Verkündigung, das längst nicht überall, wo es ausgestreut (verkündet) wird, Frucht zu bringen vermag. Also: Was Jesus verkündet fällt nicht überall auf fruchtbaren Boden, es scheint sogar eher nur der kleinere Teil zu sein, der letztlich Frucht bringt, meistens trifft es auf taube Ohren. Für uns Heutige ist das schwer vorstellbar: Wir glauben gern, dass doch jeder halbwegs vernünftige Mensch Jesus toll finden müsste. Seine Botschaft – meinen wir damit eigentlich auch seinen ständigen Ruf zur radikalen Umkehr, oder doch eher ausschließlich den zur dienstbereiten Mitmenschlichkeit? – müsste doch von jedem anerkannt und bejaht werden können…

Aber genau das war offenkundig nicht der Fall, die Menschen nahmen ihn nicht auf (vgl. Joh 1,11), lehnten ihn ab, nahmen Anstoß, hassten und verfolgten ihn sogar bis zum Tod. Dabei ist es zu billig, hier einfach die „bösen“ Menschen zu beschuldigen. Es sind ganz normale Menschen, die an ihm wegen seines Anspruchs Anstoß nehmen (vgl. Mt 13,57), und sogar seinen eigenen Jüngern prophezeite er mit Blick auf sein Leiden: „Ihr werdet in dieser Nacht an mir Anstoß nehmen“ (26,31). Jesu Worte und Taten kommen nicht bei jedem noch so wohlwollenden Hörer an; bei den meisten Zuhörern stieß Jesus früher oder später auf Ablehnung, am Kreuz, am Ziel und Höhepunkt seines Heilsweges, war er dann fast ganz allein.

Für uns stellt sich die Frage: Warum sollten wir Heutigen mehr Erfolg in der Verkündigung erwarten, als es Jesus selbst beschieden war? Sind wir bessere Verkünder als er? Sind wir bessere Zeugen der Liebe Gottes, als die Liebe Gottes in Person? Wenn es nicht aufgeht, ist laut Gleichnis nicht das Saatgut (d.i. die Botschaft) schuld, sondern der unfruchtbare Boden (oder die Doofheit des Sämanns, weil er das Saatgut auf die Felsen wirft…).

Die Bibel ernst nehmend, müssen wir realistischerweise anerkennen, dass es auch „Säue“ gibt, vor die wir die „Perlen des Heiligen“ nicht werfen sollen, damit sie nicht zertreten werden (vgl. Mt 7,6), dass es nicht selten vorkommt, dass Jesu Jünger aus einer Stadt abziehen müssen und von ihren Sandalen den Staub „zum Zeugnis gegen sie“ abschütteln (vgl. Lk 9.5), und dass selbst „viele seiner Jünger“ sich wegen der „harten Worte“ Jesu zurückziehen und „nicht mehr mit ihm umhergehen“ (Joh 6,66). Insbesondere in letzterem Fall, in der großen Eucharistierede im Johannesevangelium, offenbart Jesus in unübertrefflicher Deutlichkeit seinen Zuhörern etwas, was sie erschüttern musste: „Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, hat das ewige Leben und ich werde ihn auferwecken am Jüngsten Tag“ (Joh 6,54) Ergebnis: „Viele seiner Jünger, die ihm zuhörten, sagten: Diese Rede ist hart. Wer kann sie hören? Jesus erkannte, dass seine Jünger darüber murrten, und fragte sie: Daran nehmt ihr Anstoß? [...] Daraufhin zogen sich viele seiner Jünger zurück und gingen nicht mehr mit ihm umher.“ (VV. 60-61.66) Jesus ging ihnen nicht nach und rief: „Halt, wartet, ich habe es nicht so gemeint, ich meinte es doch bloß symbolisch!“, sondern er blieb beim verstörenden Realismus seiner Aussage und fragte seine Apostel: „Wollt auch ihr weggehen?“ (V. 67) Dieser Weggang von „vielen“ seiner Jünger wird umso erschütternder, wenn man bedenkt, was die Konsequenz für die Weggehenden sein könnte: „Wenn ihr das Fleisch des Menschensohnes nicht esst und sein Blut nicht trinkt, habt ihr das Leben nicht in euch.“ (Joh 6,53) Der Clou: Jesus hat das „Brot vom Himmel“ seinen Zuhörern von einst durchaus pädagogisch klug anhand ihrer eigenen Lebens- und Gedankenwelt zu erklären versucht, nämlich ausgehend von einem Vergleich mit dem Manna in der Wüste (Joh 6,48-51) – und trotzdem kehrten sich viele ab und akzeptierten es nicht. Pädagogische Klugheit scheint also auch nicht das Allheilmittel zu sein.

Den Fall von Johannes 6 würde man in der heutigen Pastoral als unerhörten Skandal sehen: Jesus geht seinen Zuhörern nicht nach, er lässt sie ziehen und bleibt bei seinem Wort, das nicht bei jedem Anklang fand. Wir lernen: Noch nie war das Evangelium zeitgemäß, den Zuhörern angemessen, allgemein verständlich oder mehrheitsfähig. Die Realität ist, dass Jesus für die Verkündigung des Evangeliums v.a. Ablehnung erfuhr und letztlich auch verfolgt wurde, ebenso die Apostel. Manchmal wird versucht, den Grund für diese Verfolgung ausschließlich in politischen Motiven zu suchen, nicht in der verkündeten Botschaft. Aber das ist Unsinn: „Wir haben ein Gesetz und nach dem Gesetz  muss er sterben, weil er sich zum Sohn Gottes gemacht hat.“ (Joh 19,7)

Hier kann der Prophet Ezechiel ein stimmiges Vorbild für uns sein: Gott sendet ihn zum Volk Israel, bekräftigt aber eigens, dass er sich nicht um den Erfolg oder Misserfolg seiner Predigt kümmern soll: „Zu ihnen sende ich dich. Du sollst zu ihnen sagen: So spricht Gott, der Herr. Sie aber: Mögen sie hören oder lassen – denn sie sind ein Haus der Widerspenstigkeit –, sie werden erkennen müssen, dass mitten unter ihnen ein Prophet war.“ (Ez 2,4-5; vgl. V. 7; 3,11) Der Auftrag der Kirche, wie der der Propheten und Jesu selbst und seiner Apostel, war und ist es nicht, „gut anzukommen“, sondern das Wort zu säen. Jesus sagte doch: „Wenn man euch nicht aufnimmt und eure Worte nicht hören will, geht weg aus jenem Haus oder aus jener Stadt und schüttelt den Staub von euren Füßen!“ (Mt 10,14) Er sagte nicht, was man heute zu gerne denkt: „Wenn man euch nicht aufnimmt und eure Worte nicht hören will, dann sagt ihnen andere Worte, sie hören wollen!“ Ob das Wort auf guten Boden fällt, wächst und Frucht bringt, haben wir nicht in der Hand, wir können höchstens für die Qualität des Samens sorgen, also um die Authentizität und Integrität des verkündeten Evangeliums. Das Wachsenlassen ist Gottes Sache (vgl. 1Kor 3,5-9). Aus dieser Demut – in dem Wissen, dass wir die zu verkündigende Botschaft nie allen annehmbar machen können – erwächst dann womöglich ganz von selbst ein Selbstbewusstsein, das der gesellschaftlichen Realität die Stirn bietet und trotzdem verkündet, wie Ezechiel (vgl. Ez 3,7-9).

Damit ist nicht jedem gedankenlosen Verkündigungsirrsinn (z.B. Obstkiste in der Fußgängerzone) Tür und Tor geöffnet, denn natürlich gilt es, auf Identität, Situation und Fassungsvermögen der Zuhörer Rücksicht zu nehmen. Paulus ist das beste Beispiel, wenn er an die Korinther schreibt: „Vor euch, Brüder und Schwestern, konnte ich aber nicht wie vor Geisterfüllten reden; ihr wart noch irdisch eingestellt, unmündige Kinder in Christus. Milch gab ich euch zu trinken statt fester Speise; denn diese konntet ihr noch nicht vertragen. (1Kor 3,1-2) Der springende Punkt ist aber gerade der, dass dieser Status überwunden werden soll. Der gleiche Paulus schreibt nämlich auch, er „bete darum, dass eure Liebe immer noch reicher an Einsicht und Verständnis wird, damit ihr beurteilen könnt, worauf es ankommt.“ (Phil 1,9) Und noch deutlicher:

„Daher hören wir […] nicht auf, für euch zu beten und zu bitten, dass ihr mit der Erkenntnis seines Willens in aller Weisheit und geistlichen Einsicht erfüllt werdet. Denn ihr sollt ein Leben führen, das des Herrn würdig ist und in allem sein Gefallen findet. Ihr sollt Frucht bringen in jeder Art von guten Werken und wachsen in der Erkenntnis Gottes. […] Denn Gott wollte mit seiner ganzen Fülle in [seinem Sohn] wohnen, um durch ihn alles auf ihn hin zu versöhnen. Alles im Himmel und auf Erden wollte er zu Christus führen“ (Kol 1,9-10.19-20).



Abstriche an Glaubensinhalten und an der Moral zu machen, ist ein Symptom einer absterbenden Volkskirche. Nur jemand, der selbst aus der Volkskirche stammt, könnte auf die Idee kommen, den Glauben nach eigenem Ermessen umzumodeln (oder jemand, der das ohnehin vorhat und extra dafür der Körperschaft öffentlichen Rechts "Katholische Kirche in Deutschland" beitritt…  auch solche gibt es). Die Akteure der Glaubenszersetzung, auch die Theologen, kommen allesamt aus der Volkskirche: Viele Bischöfe die von der „Relevanz der Kirche in der Gesellschaft“ reden, trauern dem Ansehen nach, das ihr Amt in Zeiten der Volkskirche genossen hat, manch andere Funktionäre sehnen sich nicht minder nach den Pfründen, die ihre Position früher einmal mit sich brachte und die Theologenschaft möchte einfach möglichst vielen was zu sagen haben, sie brauchen ein Publikum (darum reden sie über alles mögliche, nur nicht über den Glauben).

Diese Zersetzung ist

1. der Versuch, die Flächendeckung der Volkskirche möglichst zu erhalten, was logischerweise nur dadurch bewerkstelligt werden kann, dass man Glaube und Kirche einer möglichst großen Zahl von Menschen zumutbar, annehmbar, bekömmlich macht. Sprich: indem man Glaube und Moral den Wünschen der Menschen anpasst. Im Idealfall lässt man „demokratisch“ (d.h. durch handverlesene Repräsentanten) darüber abstimmen.

2. eine Reaktion auf (auch zu Recht) beklemmend empfundene Eigenheiten des Volkskirchentums, deren man sich entledigen will. Weil die Volkskirche (die man aber, siehe 1., komischerweise zu erhalten versucht) problematische Begleiterscheinungen hatte, muss man alles mögliche ändern, von dem man meint, dass es für die Probleme verantwortlich war. Dafür eignen sich besonders all die Dinge, zu denen man selbst eh keinen echten Bezug hat.

Der Form wird so Priorität vor den Inhalten gegeben. Was den Handelnden nicht in den Sinn kommt ist, dass die Probleme der Volkskirche in ihrer Sozialform (eben: Volkskirche) begründet sind, nicht in Glaube und Moral, denn ihr Festhalten an jener Form bei gleichzeitiger Ablehnung dieser Inhalte übertönt alles. Umso bedenklicher, dass es im Grunde diese Sozialform ist, die man erhalten möchte, indem man den Glauben abspeckt. Wie man es auch dreht und wendet, das Vorgehen ist in jeder Hinsicht ganz falsch.



Der natürliche Zustand des Christen ist nicht die Volkskirche, sondern die Verfolgung. Jesu Verheißung lautete bekanntlich nicht: „Selig seid ihr, wenn alle um euch herum nominell Christen sind…“ sondern: „Selig seid ihr, wenn man euch schmäht und verfolgt und alles Böse über euch redet um meinetwillen. […] wer aber das Leben um meinetwillen verliert, wird es finden.“ (Mt 5,11; 10,39) Freilich: Wir sollen die Verfolgung nicht suchen oder provozieren. Paulus: „Soweit es euch möglich ist, haltet mit allen Menschen Frieden!“ (Röm 12,18) Aber dieses „soweit möglich“ betrifft genau die Lehre des Glaubens und das aus ihr resultierende moralische Leben, das zu bezeugen Standhaftigkeit gegen Widerstände verlangt: „Seid also standhaft, Brüder und Schwestern, und haltet an den Überlieferungen fest, in denen wir euch unterwiesen haben“ (2Thess 2,15).