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Dienstag, 25. Januar 2022

Ist die katholische Sexualmoral schuld?

Die Argumentation, warum die katholische Sexualmoral, und näherhin die kritische Haltung der katholischen Kirche zur Homosexualität, für die Missbrauchs- und Vertuschungskrise (mit)verantwortlich ist, geht so:

Weil die Kirche gegenüber Homosexualität eine ablehnende („rigide“) Haltung einnimmt, können sich homosexuell empfindende Menschen nicht frei dazu bekennen. Zugleich knüpfen diese Menschen aber engmaschige Netzwerke, da sie „unterdrückt“ werden und sich also mit Ihresgleichen zusammentun wollen. Wenn nun aber jemand von der homosexuellen Orientierung etwa eines Priesters weiß, dann wird er somit in die Lage versetzt, den Betroffenen zu erpressen. Diese Netzwerke, sowie die Tatsache, dass selbst ausgelebte Homosexualität von Klerikern seitens der Autoritäten hingenommen wird, sind Gründe für die Vertuschung von Missbrauch. Das Problem sind also nicht die homosexuellen Priester, die allein dadurch schon gegen die Regeln der Kirche verstoßen haben, dass sie sich haben weihen lassen, das Problem ist, dass die Kirche Homosexualität kritisch sieht. Die Kirche muss folglich Homosexualität und homosexuelle Handlungen anerkennen, dann entstehen keine Netzwerke, es gibt keine Erpressungsmöglichkeiten und folglich keine Vertuschung (über den Missbrauch selbst ist damit nichts ausgesagt).



So neuerdings auch nachzulesen im WSW-Gutachten S. 424-425, was auch immer solche antikirchliche Propaganda dort zu suchen hat.

Spielt man das einmal mit einer anderen sexuellen Orientierung durch, z.B. Pädophilie (die – so ein Zufall aber auch – genau zu der Zeit, als die Missbräuche in den 60er und 70er Jahren ihren Höchststand erlebten, von einigen gesellschaftlichen Gruppen und politischen Parteien als eine durchaus legitime Spielart der Sexualität erachtet wurde), dann wird die Unsinnigkeit dieser Argumentation deutlich:

Weil die Kirche gegenüber Pädophilie eine ablehnende („rigide“) Haltung einnimmt, können sich pädophil empfindende Menschen nicht frei dazu bekennen. Zugleich knüpfen diese Menschen aber engmaschige Netzwerke, da sie „unterdrückt“ werden und sich also mit Ihresgleichen zusammentun wollen. Wenn nun aber jemand von der pädophilen Orientierung etwa eines Priesters weiß, dann wird er somit in die Lage versetzt, den Betroffenen zu erpressen. Diese Netzwerke, sowie die Tatsache, dass selbst ausgelebte Pädophilie von Klerikern seitens der Autoritäten hingenommen wird, sind Gründe für die Vertuschung von Missbrauch. Das Problem sind also nicht die pädophilen Priester, die allein dadurch schon gegen die Regeln der Kirche verstoßen haben, dass sie sich haben weihen lassen, das Problem ist, dass die Kirche Pädophilie kritisch sieht. Die Kirche muss folglich Pädophilie und pädophile Handlungen anerkennen, dann entstehen keine Netzwerke, es gibt keine Erpressungsmöglichkeiten und folglich keine Vertuschung (über den Missbrauch selbst ist damit nichts ausgesagt).

Ist das etwa die Lösung des Problems?


Ein Priesteramtskandidat mit tiefsitzenden homosexuellen Neigungen darf nicht geweiht werden.

Man wirft der Kirche vor, sie verhindere durch ihre Haltung die Offenheit und Ehrlichkeit im Umgang mit Homosexualität. Das verdreht aber die Tatsachen: Würden alle beteiligten Personen (Kandidaten und Verantwortliche) offen, ehrlich und liebevoll mit sich selbst und mit einander umgehen, hätten wir das Problem nicht. Ein ehrlicher Umgang hätte zur Folge, dass bestimmte Leute einfach nicht um die Weihe bitten bzw. nicht geweiht werden würden, einfach weil sie die Bedingungen nicht erfüllen, und dass sie zugleich mit aller gebotenen Hirtenliebe auf ihrem Lebensweg begleitet werden können.

Ein Problem ist sicher, dass die, die sich outen, tatsächlich oft ungerecht und lieblos behandelt werden. Solche Behandlung ist aber nicht die „rigide Haltung der Kirche“, sondern eine moralische Verfehlung derer, die so handeln! Das wird oft übersehen: Auch solch ungerechte und lieblose Behandlung ist ein Verstoß gegen die kirchliche Morallehre und darf nicht sein. Es muss vielmehr klar sein, dass die ungerechte und lieblose Behandlung homosexuell empfindende Menschen bei diesen zu Angst führt, was wiederum zur Verheimlichung führt und so wiederum zu Misstrauen durch die Verantwortlichen, was wieder ungerechte Behandlung befeuert. Diese Spirale kann nur durchbrochen werden, wenn tatsächlich ehrlich mit der Sachlage umgegangen wird, und zwar von Seiten der Kandidaten, wie von Seiten der Verantwortlichen.

Durch Verheimlichung etwa von Homosexualität wird die Spirale von wechselseitigem Misstrauen und seelischer Gewalt vorangetrieben, aber es kann keine Verständigung, keine seelische Heilung, keine Versöhnung mit Gott und keine fruchtbare Nachfolge Jesu geschehen. Nur durch Offenheit und Ehrlichkeit seitens der Betroffenen, und nur durch echte Hirtensorge und Liebe seitens der Seelsorger können diese Menschen dem Evangelium gemäß leben und dabei von der Kirche alle Unterstützung erhalten (vgl. das lesenswerte Buch "A War of Loves" von David Bennett). Würden sich die Kandidaten und die kirchlichen Autoritäten an die kirchliche Moral halten – dazu zählt auch der respekt- und liebevolle Umgang! –, dann gäbe es keine diesbezüglichen Netzwerke oder Erpressungen, folglich keine darin begründete Vertuschung. (Dass jeder bekommen soll, was er will [z.B. eine Weihe], ist übrigens weder respektvoll noch gerecht und auch keine Liebe, es ist ein Kindergarten der Gleichgültigkeit. Der Kirche kommt es nunmal zu, in Verantwortung vor Gott die Zugangsbedingungen für das Weiheamt festzulegen; sich daran zu halten ist auch wieder ein moralische Frage [--> Gehorsam].)

[Und es gäbe auch viel weniger Missbrauch durch Kleriker, da erwiesenermaßen die große Mehrheit dieser Fälle homosexueller bzw. ephebophiler Natur sind (war es 80%?). Aber das darf man ja nicht laut sagen.]



Im WSW-Gutachten ist dann noch zu lesen: „Homosexuelle Handlungen sind eine schwere Sünde. Homosexuelle Menschen sind daher zur Keuschheit aufgerufen (Nr. 2359 des Katechismus der Katholischen Kirche).“
Das ist natürlich wieder die bekannte Stammtisch-Irreführung. Richtig ist: Jede außerhalb der Ehe von einem Mann und einer Frau ausgelebte Sexualität ist eine schwere Sünde. Alle Menschen sind zur Keuschheit aufgerufen! Dass das die meisten Katholiken nicht wissen (weil die Hirten es ihnen auch nicht sagen) und nicht wissen wollen, ist das Problem. Jeder sexuelle Missbrauch, jede Vertuschung (und auch jede ungerechte oder respektlose Behandlung homosexuell empfindender Menschen) ist ein eklatanter Verstoß gegen die katholische Moral. Wie kann eine Aufweichung dieser Moral die Lösung sein? Wann war das Loslassen der moralischen Zügel in der Geschichte jemals zielführend für die Bekämpfung sittlicher Verfehlungen?

Das Gegenteil ist wahr. Dies kann man etwa in dem schon fast 1000 Jahre alten „Buch Gomorrah“ des heiligen Kirchenlehrers Petrus Damiani nachlesen, der sich seinerzeit (11. Jhd.) schon mit weitreichender kirchlicher Korruption und einem moralisch (sexuell!) verkommenen Klerus herumschlagen musste – erschütternd, wie ähnlich die Zustände heute wieder sind –: nur eine Rückbesinnung auf eine klare Moral und ihre Durchsetzung kann dem Ungemach Einhalt gebieten. Wenn das bedeutet, dass ein Gutteil unseres Klerus entlassen werden muss, dann ist das nur gerecht. Die Duldung etwa von Konkubinaten und anderer Praktiken ist Teil des Problems, sie führt zu jenen Netzwerken und ist eine logische Vorstufe der Vertuschung.

Ich bin 100% für die rückhaltlose Aufklärung und bin ohnehin schon länger der Meinung, dass sicherheitshalber der gesamte Episkopat in einem Aufwasch ersetzt werden müsste. Dann entsprechende Gutachten für alle Bistümer erstellen und erst dann nach und nach die Stühle wieder besetzen mit Leuten, die möglichst weit weg sind von dem hiesigen System von Unglaube/Unmoral, Missbrauch und Vertuschung (in Afrika und Asien gibt es bestimmt viele fleißige Priester!). Die neuen Bischöfe können dann in ihren Ordinariaten in gleicher Manier ein Großreinemachen veranstalten und bei der Gelegenheit die ausufernde Bürokratie (immer mehr Verwaltung für immer weniger Gläubige) proaktiv verschlanken – auch das dämmt Vertuschungsmöglichkeiten ein. Dann kann man langsam wieder aufbauen, insbesondere mit solider Glaubensbildung und der darauf fußenden offenen und ehrlichen Moralverkündigung. (Auch im Erzbistum Paderborn wird es bald, pünktlich zum altersbedingten Amtsverzicht des gegenwärtigen Bischofs [so ein Zufall!], ein Gutachten geben... man ist gespannt.)

Auch wenn beispielsweise ein Joseph Ratzinger, der wohl wichtigste und gescheiteste Theologe des 20. und beginnenden 21. Jahrhunderts, sich in der Vergangenheit etwas hat zu Schulden kommen lassen, muss das raus, sichtbar sein, bekannt werden und Umkehr geschehen! Die Berufung auf den Buchstaben des Gesetzes, der ihn entlastet, reicht nicht, denn Schuld kann auch der haben, der das Gesetz penibel befolgt, da Gesetz und Moral bekanntlich zwei sehr verschiedene Paar Schuhe sind.

Montag, 5. Mai 2014

Unsichtbare Sünde

Man wirft den Katholiken oft vor, sie würden mit ihrem "Beichtsakrament" den Menschen Schuldgefühle für ihr Tun, v.a. für ihr Sexleben eintrichtern.
Ich muss über diesen Vorwurf immer sehr schmunzeln, denn tatsächlich sind solcherlei Sünden die bei weitem "harmlosesten" Sünden, deren ausschweifende Besprechung durchaus unsinnig ist.

Wenn ich Unzucht treibe, indem ich z.B. mit einer verheirateten Frau schlafe (nicht, dass ich das täte, aber nur mal hypothetisch), dann ist bei meiner Gewissenserforschung im Vorfeld der Beichte die Tatsache meines Begehens einer Sünde überaus unproblematisch, schnell und zweifelsfrei erkennbar. Derartige "leibliche" Sünden sind eigentlich, vom theoretischen Standpunkt aus besehen, nicht der Rede Wert, sie sind geradezu harmlos, weil sie sehr klar und unzweifelhaft zu benennen sind. Sie haben eine benennbare Wirkung in der Welt, sie betreffen im wahrsten Sinne andere Menschen körperlich. Entweder ich begehe Unzucht oder nicht. Ich befinde mich darüber, immer vorausgesetzt, dass ich die Gebote kenne, nicht im Zweifel. Ob ich Unzucht begangen habe oder nicht, lässt sich leicht herausfinden. Ich kann mich auch nicht selbst betrügen, denn ich erinnere mich ja an die Tat, ich verkoste sie wohmöglich sogar noch lange Zeit danach. Und auch andere erinnern sich.

Nein, die wirklich gefährlichen Sünden sind die geistigen Sünden. 
Die tatsächlich schlimmen und auch echt zermürbenden Sünden sind unsichtbar. Und sie können von einer endlosen Menge von Faktoren verschleiert sein... es kann Wahrnehmungsstörungen geben, Fehlleistungen des Gedächtnisses, Schönreden, Wunschdenken, Verdrängen, Ablenkung... Natürlich kann vieles davon auch auf obige leibliche Sünden zutreffen, aber im geistigen Bereich wirken sich diese Anfälligkeiten sehr viel leichter und schneller aus, denn während in obigem Beispiel die Wirklichkeit nur so ist, wie sie nunmal gesetzt wurde (etwas Getanes kann nicht ungetan werden), kann sich mein Geisteszustand durchaus radikal verändern... ohne mein Zutun oder mit ihm.

Die geistigen Sünden behalten wir in ihrer Mehrheit gepflegt für uns, sie dringen nicht nach außen. Wir maskieren und verstecken sie gern. Auch vor unseren besten Freunden oder unserem Partner. Die leiblichen Sünden sind für andere Sichtbar, sie betreffen oft andere direkt. Sie können uns demnach auch von anderen immer wieder ins Bewusstsein gebracht werden (etwa von denen, die durch mein Handeln in Mitleidenschaft gezogen wurden). Die geistigen Sünden, die, die wir zumeist ganz für uns behalten, wie z.B. unsere Arroganz, unsere misanthropen Gedanken, unsere Gleichgültigkeit und Egozentrik, an die kann uns niemand erinnern, weil wir sie vor allen verbergen. Und unsere Fähigkeit zur Täuschung ist wohl bei niemandem jemals so effektiv, wie bei uns selbst: Wir können uns selbst für einfühlsam und menschlich halten und auch so anderen gegenüber auftreten, und in Wahrheit egozentrische Unmenschen sein.

Ich erlebe es häufig, dass beim Gespräch über das Thema "Beichte" der Schwerpunkt sehr auf den Tatsünden liegt und auch von Beichtvätern höre ich das oft, dass viele Pönitenten oft einfach aufzählen, was sie alles falsch gemacht haben. Aber das sind Peanuts. Die schlimmsten Heucheleien, die heimtückischsten Sünden, die gewieftesten Falschheiten und abgründigsten Bosheiten spielen sich in unserem Kopf ab. Hier ist Ehrlichkeit und Wahrhaftigkeit bei weitem am schwersten. Zu leicht ist hier der Selbstbetrug, zu anfällig sind wir hier, für die Verwirrungen durch all das, was uns von Gott fernhält.

Die sexuelle Sünde? Ach Gottchen... im Handumdrehen abgehakt! Aber der Stolz auf diese Sünde? Ihre achso plausible Rechtfertigung? Das Liebäugeln mit ihr?...

Sonntag, 2. März 2014

Kaspers Referat!

Nun ist also der kaspersche Eröffnungsreferat beim Konsistorium doch schon öffentlich. Zwar bisher nur auf Italienisch, aber immerhin. Unter dem Titel "Bibel, Eros und Familie" in Il Foglio (hier gibts das PDF). Und tatsächlich: Was ich vor ein paar Tagen aus der Vätertheologie dargelegt habe, ist haargenau das, was Kardinal Kasper auch vorbringt. Die Lektüre (hier) ist für das Folgende obligatorisch. Nachdem Kasper gegen Ende seines Referats genau das ausgeführt hat, kommt wohl der entscheidende Abschnitt dazu (der folgende deutsche Text ist eine ad hoc Übersetzung von mir und daher nicht perfekt und ohne Gewähr):
»Analog dazu gab es auch unter den Christen die Hartherzigkeit (Mt 19,8) und Fälle des Ehebruchs mit einer darauf folgenden zweiten quasi-ehelischer Verbindung. Die Antwort der Kirchenväter darauf war nicht einmütig. Sicher ist jedoch, dass es in den einzelnen Ortskirchen ein Gewohnheitsrecht [diritto consuetudinario] gab, auf dessen Grundlage die Christen, noch zu Lebzeiten des ersten Partners, in einer zweiten Verbindung lebten. Nach einer Zeit der Buße hatten sie zwar kein zweites Schiff zur Verfügung, keine zweite Ehe, aber durch die Teilnahme an der Kommunion [attraverso la partecipazione alla comunione] eine Planke des Heils.«

Ich finde es bemerkenswert, dass Kaper hier die Eucharistie als Mittel zu jener zweiten Planke anführt, obwohl er im Abschnitt direkt davor richtigerweise dargelegt hat, dass die Buße diese zweite Planke ist (die "zweite Taufe" nicht durch Wasser, sondern durch Tränen). Die Eucharistie kann aber nicht der Weg zur Buße sein, sondern nur andersherum wird ein Schuh draus: Die Buße ist der Weg zum Empfang der Eucharistie! Die (ehemals) enge Verknüpfung von Buße und Eucharistie liegt gerade darin, dass man sich durch Buße (und Umkehr!) bereitet, um den Leib und das Blut des Herrn zu empfangen. Nicht andersherum.
Direkt im Anschluss führt Kasper für seine These ein paar Kirchenväter an, ohne allzu konkret zu werden. Er nennt Origenes, Basilius, Gregor und Augustinus, aber benennt keine Werke dieser Theologen, anhand derer man seine Behauptungen überprüfen könnte.
»Origenes spricht von dieser Praxis [i.e. jenes zuvor erwähnte Gewohnheistrecht], und nannte sie "nicht unvernünftig" ["non irragionevole"]. Auch Basilius der Große und Gregor von Nazianz - zwei Kirchenväter der noch ungeteilten Kirche! - erwähnen diese Praxis. Ebenso scheint Augustinus, der sonst sehr streng in dieser Frage urteilt, zumindest an einem Punkt nicht jede pastorale Lösung ausgeschlossen zu haben. Diese Väter wollten, aufgrund pastoraler Überlegungen [per ragioni pastorali], im Letzten "Schlimmeres vermeiden" ["evitare di peggio"], indem sie tolerierten, was an und für sich nicht akzeptiert werden konnte [tollerare ciò che di per sé è impossibile accettare]. Es existierte eine Pastoral der Toleranz, der Barmherzigkeit und der Nachsicht [una pastorale della tolleranza, della clemenza e dell’indulgenza] und es gibt gute Gründe dafür, dass diese Praxis gegen den Rigosrismus der Novatianer vom Konzil von Nicäa (325) bestätigt wurde.«

Was Augustinus anlangt, kann ich dies zumindest insofern bestätigemn, dass er sehr streng urteilte. Der sagt nämlich in seiner Sermo 392, dass diejenigen, die sich einer schweren Sünde bewusst sind (aus dem Kontext erschließt sich, dass die Ehebrecher gemeint sind!), sich von der Kommunion fernhalten sollen (a communione se cohibeant), damit sie nicht von der Kanzel aus verjagt werden (ne de cancellis proiciantur). Und er fordert sie auf zur Reue und zur Unterlassung ihrer Hurerei (agant etiam ipsi paenitentiam, et deinceps ab immunditia abstineant fornicationum suarum). Hier wird sehr deutlich, dass für Augustinus die Buße die Voraussetzung dafür ist, dass ein Ehebrecher die Kommunion empfangen darf. Das passt im übrigens auch mit der Taufsymbolik und der Planke zusammen: Erst nach der Taufe war der Kommunionempfang überhaupt gestattet; die durch die schwere Sünde verlorene Taufgnade hat demnach zur Folge, nicht mehr zur Kommunion zugelassen zu werden, und erst durch die "zweite Taufe", wird dieses Recht wieder erlangt.
An welchem Punkt Augustinus "scheinbar" anders urteilte, ist mir nicht bekannt und ich finde es befremdlich, dass der Kardinal überhaupt nur recht vage Andeutungen macht.

Eine Bestätigung dieser Praxis durch Nicäa ist mir ebenfalls nicht bekannt; später nennt der Kardinal dann ausdrücklich den Kanon 8 jenes Konzils, der berüchtigterweise von "zweimal Verheirateten" spricht. Kardinal Brandmüller hat jüngst klargestellt, dass die Deutung dieses Satzfetzens auf die Legitimität einer zweiten Ehe zu Lebzeiten des ersten Partners (!) eine historische Fiktion ist, die im Widerspruch steht zu allem, was wir sonst über diese Zeit wissen (s. hier). Eine Bestätigung jener gewohnheitsrechtlichen Praxis ist das erst recht nicht, zumal diese Praxis in den Canones weder explizit noch implizit Erwähnung findet. Kasper nennt auch ausdrücklich jenes unwissenschaftliche Buch, das auch Kardinal Brandmüller bespricht.

Es ist interessant, dass das Beste, womit der Kardinal aufwarten konnte, eine negative Befürwortung in Form einer doppelten Verneinung ist, jene gewohnheitsrechtliche Praxis sei "nicht unvernünftig". Gibt es keine dezidiert positive Bewertung dieser Praxis in den Vätertexten? Wenn doch. warum zitiert sie der Kardinal nicht? Warum bleibt er überhaupt so vage und undeutlich? Ist es so schwer, ein Zitat eines Kirchenvaters einzuflechten? Im restlichen Referat ist er nicht so faul mit Zitaten und Quellenangaben...

Ich bin gespannt, ob das Referat in seiner Form als Buch endlich mal Quellen bietet... bis jetzt bin ich überaus unzufrieden mit dem, was Kardinal Kasper für dieses spezielle Thema an "Argumenten" bringt.


Es sei nochmal nachdrücklich daran erinnert, dass dieses Thema nur ein Nebenschauplatz eines viel dringenderen Problemfeldes ist. nämlich die heute mehr denn je angefochtene und gefährdete Ehe und Familie, aber auch die große Chance die sie bereit hält für die Evangelisierung. Dass ich mich dem eben behandelten gesondert widme, liegt an der Hitzigkeit und der Sorge, die viele gerade mit diesem Thema verbinden. Wenn ich die Zeit finde, gehe ich demnächst noch weiter auf den Rest (den größeren Teil) von Kaspers Referat ein.

Freitag, 13. September 2013

Was Ehe löst?

Chagall - der verliebte Clown
In den letzten beiden Teilen (hier und hier) ging es darum, was Ehe nicht bindet. Es ist nicht unser Tun, was eine Ehe bindet, was ihr letztlich Bestand verleihen kann. Zwar begründet letztlich eine Entscheidung eine Ehe, nicht ein Gefühl, aber weder das eine noch das andere ist letztlich Garant für ihren Bestand.
Was aber "löst" denn eine Ehe?

Vor ein paar Wochen wurde das Ergebnis einer Umfrage zu diesem Thema veröffentlicht (hier). Als Gründe für eine Scheidung wurden genannt: 
- Untreue 
- Unerfahrenheit und Unreife
- autoritäres bzw. dominantes und auch gewalttätiges Verhalten

Mal von Hinten nach Vorn: 

- Autoritäres und gar gewalttätiges Verhalten. Wie kann es passieren, dass man solche Charaktereigenschaften nicht vor der Eheschließung bemerkt? Oder wurden sie bemerkt, aber hingenommen, in der Hoffnung einer eventuell irgendwann hoffentlich vielleicht einmal eintretenden Wandlung?
Tip: So wie ein Mann mit seiner Mutter umgeht, so wird er auch mit seiner Ehefrau umgehen!

- Unerfahrenheit und Unreife. Ehm... ja. Bzgl. Unreife gilt das gleiche wie eben schon: Sowas kann man feststellen! Erfahrung: Woher soll die Erfahrung denn stammen, wenn nicht aus dem gemeinsamen Leben? Das ist so ähnlich wie bei den Handwerksbetrieben, die keine Lehrlinge einstellen, weil sie nur qualifiziertes Personal wollen... wo soll das qualifizierte Personal herkommen? Wachsen die auf Bäumen? Woher soll die "Erfahrung" in Sachen Partnerschaft/Ehe kommen, wenn nicht durch das Leben einer solchen? "Mein Partner hat keine Erfahrung mit Kindern, darum will ich mit ihm keine Kinder."? WTF?

- Untreue. Was oft nicht gesehen wird ist, dass in den meisten Fällen (wenn der untreue Partner nicht schon to begin with ein promiskuitives A****loch ist) durchaus zwei Schuldige auszumachen sind. Wenn etwa die Frau ihrem Mann willkürlich (etwa um ihn für irgendwas zu "bestrafen") oder einfach aus fahrläßiger Ignoranz Zärtlichkeit und Nähe vorenthält. Nicht wenige ansonsten treue Männer werden so regelrecht in die Untreue getrieben. Männer brauchen körperliche Nähe. Viel davon! Und wenn sie die "zuhause" nicht bekommen, dann schauen sie sich anderswo um... (Weswegen auch ausgerechnet die Baby- und Kleinkind-Phase die ist, in der Untreue am häufigsten passiert. Liebe Mütter: Das Kind braucht viel Nähe. Aber vernachlässigt um Gottes Willen nicht die Väter!) Besonders wenn Frauen böswillig oder sonstwie intentional (manche Frauen meinen auch, ihren Mann durch einen planmäßigen Entzug von Nähe "erziehen" zu müssen/können!) den Männern die Nähe vorenthalten, dann führt das v.a. zu einem Ergebnis: Frust. Zum Fremdgang bedarf es dann oft nurnoch einer Gelegenheit. Andersherum gibt es das übrigens auch.
Außerdem ist Untreue nicht automatisch ein Grund für eine Trennung, denn wenn Christen eines tun sollen, dann Umkehren und Verzeihen (das gilt für alle Beteiligten)!

Also, die in der genannten Umfrage angegebenen Gründe für das Scheitern einer Ehe scheinen mir doch ziemlich befremdlich.
Ich bin immer mehr der Meinung, dass es dringend ausgiebige Vorbereitungen auf den Empfang des Ehesakramentes geben muss. Es ist doch erstaunlich, dass Priesteramtskandidaten und Bewerber für das Ordensleben jahrelange Vorbereitungen durchmachen müssen, aber für eine Eheschließung verlangt die Kirche nur ein Brautgespräch. Es ist ohne Probleme möglich völlig überstürzt und in aller Eile zu heiraten. Weder wird eine Zeit der Prüfung (ähnlich einem Postulat in einem Orden) verlangt, noch wird überhaupt die Latte recht hoch gelegt... die Ehe wird geradezu "vor die Säue" geschmissen. Der ganze Fokus liegt auf dem Rechtsakt, auf den entsprechenden Formularen und Bestimmungen. Nur ein absolutes Minimum an "Zustimmung" zu dem, was die Kirche von der Ehe lehrt, ist notwendig: Man darf die zentralen Aspekte nicht explizit ablehnen.

Natürlich ist das problematisch, weil es im Unterschied zum Priester- und Ordensleben das Recht jedes Menschen ist, sich zu binden. Aber die Tatsache, dass es sich hier um ein Sakrament handelt das ein ganzes Leben lang, so glauben wir ja, zwei Menschen beansprucht, verlangt eigentlich nach einem regelrechten "Skrutinium" ähnlich dem für Priesteramtskandidaten.

Pfarrer sollten den Mut haben zu ermahnen, Fristen zu setzen, unbequeme Fragen zu stellen und nichts zu verheimlichen. Ich hege keinen Zweifel, dass gerade bei der Nachkonzilsgeneration (wo sowieso alles "Sakramentale" auf institutioneller Ebene infrage gestellt wurde), die jetzt v.a. mit dem Problem von Scheidung konfrointieret ist, eine grottige Vorbereitung und ein gewaltiger Mangel an Wissen und Verständnis dessen vorherrscht, was eine sakramenale Ehe eigentlich ist. Daher auch das viele Blöken bzgl. "wiederverheiratet Geschiedener", ungeachtet der Tatsache, dass eine gültig geschlossene und vollzogene Ehe zwischen Getauften nicht geschieden werden kann und es folglich auch keine "Wiederverheiratung" geben kann. Das oben behandelte kann offenbar zwei Menschen trennen... aber es kann eine Ehe nicht lösen!

Was bindet denn nun also eine Ehe?

Montag, 29. Juli 2013

Jetzt geht's aber ab! (Update!)

Es brodelt und blubbert an allen Enden, der Papst habe so mir nichts, dir nichts den Franziskanern der Immakulata die überlieferte Messe verboten. Von einem "Attentat auf die Alte Messe" ist die Rede. Seilschaften und Vetternwirtschaft, Verschwörung und Kirchenkampf werden beschworen. Jüngste Äußerungen des Papstes werden sehr kunstvoll gedeutet. Und wie so oft: Nichts genaues weiß man nicht.

Bekannt ist, dass der Orden einen Apostolischen Kommissar mit Leitungsvollmacht bekommen hat (P. Fidenzio Volpi O.F.M. Cap.), und das offenbar vom Papst verfügt wurde, dass die Priester des Ordens, die ansonsten intern die überlieferte Messe pflegen, diese nur noch mit Erlaubnis feiern dürfen. (Was in Teilen Deutschlands übrigens, leider, üblich ist...)

Interessant an den hochkochenden Emotionen allüberall finde ich, dass eine für die Beurteilung dieser Maßnahme notwendige Frage noch nicht beantwortet wurde: Warum?
katholisches.info redet von 6 Ordensmitgliedern (von 800), die sich in Rom beschwert hätten. Aber weder ist klar, worüber sie sich beschwert haben sollen (sicher nicht, dass ihr Orden sich besonders die überlieferte Messe zu Eigen gemacht hat, denn jeder ist frei, seinen Orden zu verlassen, wenn ihm sowas nicht passt), noch wird überhaupt irgend eine Quelle für die Behauptung angegeben.
Ich konnte bisher nichts Griffiges ausfindig machen. Eines ist mir aber klar: In dem Dekret (hier) wird als Ziel der Einsetzung des Kommissars benannt, "die interne Einheit des Ordens, die brüderliche Gemeinschaft, die angemessene Bildung des konsekrierten Lebens, die Organisation des Apostolats, und die rechte Verwaltung der zeitlichen Güter zu schützen und zu fördern". Dies zu gewährleisten, habe es erforderlich gemacht, nach einer bereits erfolgten Apostolischen Visitation einen Kommissar einzusetzen.
Für mich klingt das nicht gerade so, als ob "liturgische" Beschwerden einer Handvoll Ordensangehöriger hierfür der Auslöser sind!

Abwarten und Tee trinken. Solange nicht klar ist, was in dem Orden los ist und warum es zur Visitation kam und nun als Folge davon ein Kommissar eingesetzt werden musste, sollte man sich mit Polarisierungen (hier der supertolle mega doppelplusgute Kirchenrettungsorden, dort die Seilschaften im Vatikan, wohmöglich noch mit Freimarerunterfütterung) zurückhalten. Besonnenheit ist angesagt.


Appropos Besonnenheit: Die Äußerungen von Franziskus. Martina liefert dazu (hier) ein paar Beispiele.
Da wird z.B. das Folgende aus der Ansprache (hier zu lesen) von vor ein paar Tagen vor dem Koordinierungskommitee (was immer das ist) der südamerikanischen Bischofskonferenz angeführt (einer von vier vom Papst exemplarisch benannten Ideologisierungen des Evangeliums):
»d) Der pelagianische Entwurf. Er erscheint grundsätzlich unter der Form der Restauration. Angesichts der Übel der Kirche sucht man eine nur disziplinäre Lösung in der Wiederherstellung von überholten Verhaltensweisen und Formen, die nicht einmal kulturell bedeutend zu sein vermögen. In Lateinamerika gibt es ihn in kleinen Gruppen, in einigen neuen Ordenskongregationen, und er zeigt sich in Neigungen zu doktrineller und disziplinärer „Sicherheit".«
Man fühlt sich offenbar angesprochen. Ich bin ein Freund der überlieferten Messe, ich fühle mich nicht gemeint. Ich kenne aber einige Leute, die hier gemeint sind!
- Restauration bedeutet die Wiederherstellung überholter Zustände. Die Kirche an einem bestimmten (willkürlich) festgelegten Zeitpunkt einzufrieren, ist jedenfalls die Taktik der Piusbrüder. Insofern kann kein Katholik eine solche Restauration gutheißen. 
- Weil der Papst hier von "überholten Verhaltensweisen und Formen" spricht, meint man, er würde hier besonders die "überlieferte Form (AAAHHH!!! es ist das gleiche Wort: 'FOOORRRMMMM'!!)" des römischen Ritus meinen. Das steht da aber nicht!
- Die an anderer Stelle erwähnte "Umkehr in der Pastoral" wird schnurstracks als Gegensatz zur Hermeneutik der Kontinuität gedeutet. Wieso? Warum ist eine "Umkehr" (im Original: Conversion) etwas Schlimmes? Kann (darf?) es nicht sein, dass in der Vergangenheit Fehler gemacht wurden?
- Die Ablehung einer "Neigungen zu doktrineller und disziplinärer 'Sicherheit'" wird als Relativismus interpretiert. Mal abgesehen davon, dass dies im Widerspruch zu allem steht, was dieser Papst sonst so sagt: Es ist doch tatsächlich so, dass sich manche in so eine "Sicherheit" (man beachte die Gänsefüßchen!) flüchten und dann, mit sich selbst und der Disziplin im reinen, so manche Christenpflicht vernachlässigen.
- Wichtig scheint mir, und dem widmet Martina keine Silbe, dass der Papst hier von einem "pelagianischen Entwurf" redet. Was meint das? Pelagianismus bedeutet, grob gesagt, Erlösung aufgrund eigenen Tuns. Und genau das behandelt der Papst hier: Versuche, sich durch äußere Formen (!) und Verhaltensweisen heilig zu machen, ohne den Geist der Wahrheit. Diese Tendenz gibt es überall, auch (und nicht zu knapp!) in den Kreisen der Liebhaber der überlieferten Messe.

Mit der richtigen Intention, kann man alles irgendwie so deuten, dass es zum Meckern Anlass gibt...


Update (22:50): Es gibt (hier) eine interessante Gegendarstellung aus dem Innern des Ordens selbst. Das geht es u.a. in eine ähnliche Richung, wie das was ich oben erwähnte. Da heißt es z.B.:
»The restrictions on our community are specific to us and have been put in place for reasons specific to us. Pope Francis has not contradicted Pope Benedict. The visitation of our community began under Pope Benedict and the Commission was recommended by Cardinal João Braz de Aviz who was appointed to the Congregation by Pope Benedict.«

Sonntag, 28. Juli 2013

Was Ehe auch nicht bindet

Chagall - drei Kerzen
Fortsetzung.

Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen sind also für das Bestehenbleiben einer Ehe heute eher ungünstiger geworden.
Aber die Frage, was nun eine Ehe bindet, bzw. was nicht, erstreck sich auf mehr. Die Umwelt, macht uns ja nicht zu Opfern. Zumindest nicht ganz. Die Umwelt macht es uns schwerer, aber die eigentlichen Akteure sind doch wir, oder?

Wenn man Liebe Definiert als ein Gefühl, dann kann auch sie eine Ehe nicht binden. Was wir Menschen fühlen kann schon darum keine "unauflösliche Ehe" konstituieren, weil Gefühle ihrem Wesen nach wandelbar, ja regelrecht labil sind. Wer auf sein Gefühl baut und ewige Treue verspricht, versagt.

Liebe ist etwas anderes. Liebe ist vor allem eine Entscheidung. Gefühle sind natürlich nicht negativ, sie sind, zumal heute, besonders wichtig für das "sich finden", aber das Finden ist ja nur der Auftakt, und der macht noch kein fertiges Stück.
So eine Entscheidung muss sich auch bewähren, sie muss quasi täglich erneuert werden. Sehr ähnlich, der Entscheidung zum Glauben: Wenn der Glaube sich auf ein Spiel von Gefühlen beschränkt, ist er zum Scheitern verurteilt. Die Event-Kultur auch in manchen kirchlichen Kreisen, gibt davon Zeugnis.
Der Glaube bewährt sich, wie auch die Liebe zu einem Menschen, in der täglichen Entscheidung für den anderen, wider alle Unbequemlichkeiten, Unschönheiten, Schmerzen und Enttäuschungen. Und wie beim Glaube, so wächst auch die Liebe gerade in der Annahme und im Dulden der Widrigkeiten.

Es ist mein Wille, mit dem ich den anderen annehme. Ich muss mich für jemanden entscheiden und dann in der Ehe zu dieser Entscheidung stehen, komme was wolle. Verliebtsein ist ein Gefühl. Liebe ist v.a. ein Willensakt: Die Frage, die der Priester bei der Trauung stellt, und deren Antwort das Eheband knüpft, lautet ja nicht "Wirst du ihn/sie lieben, ehren etc.", sondern sie lautet: "Willst du ihn/sie lieben, ehren etc."!
Letztlich gehört beides zusammen. Gefühl und Wille können schwerrlich völlig getrennt werden, auch wenn manchmal eines fehlt, und das andere tragen muss.

Aber selbst diese Liebe, diese Entscheidung für den anderen, ist nicht das, was eine Ehe bindet, was sie unauflöslich macht. Denn auch eine Entscheidung kann sich bekanntlich ändern. Gläubige können Atheisten, Eheleute untreu werden.
Es ist ein moderner Mythos (der seit mindestens 40 Jahren auch von Moraltheologen gerne produziert wird), dass "die Liebe" (sei das nun ein Gefühl oder eine Entscheidung) eine Ehe konstituiere. Das lässt dann den bequemen Schluss zu, dass, wenn die Liebe stirbt, die Ehe nicht mehr besteht.
Liebe, sei es das Gefühl oder die Entscheidung, bindet keine Ehe, denn beides kann enden. So unabdingbar sie für die Beteilgten auch ist, sie macht eine Ehe nicht unauflöslich.
 
to be continued...

Dienstag, 23. Juli 2013

Was Ehe nicht bindet

Chagall - arabische Nächte
Hier schreibt ein Laie (weil unverheiratet).

Das Sakrament der Ehe hat mich immer schon mit besonderer Verwunderung erfüllt. Kein bisschen weniger als der Zölibat hat es mich fasziniert und geschockt. Man muss sich das mal vorstellen: Im grunde versprechen da zwei Menschen nicht nur einander die Treue, sondern sie versprechen auch, dass zwei ihnen völlig unbekannte Menschen einander die Treue halten werden. Denn keiner der beiden, die im Moment der Eheschließung vor dem Altar stehen, weiß, wie er/sie selbst sich und wie sich sein/ihr Gegenüber entwickeln wird. Denn diese Treue muss ja selbst dann noch gelten, wenn sie sich beide in unvorhersehbarer Weise verändern sollten. Unvorstellbar.

Zudem macht es uns die heutige Gesellschaft und Lebenssituation auch nicht eben einfacher. Menschen die heute heiraten, stehen vor sehr viel größeren Herausforderungen, als frühere Generationen. Zum einen natürlich in dem allbekannten Sinne jenes Klageliedes, demzufolge die menschgemachte Umwelt unwahrscheinlich übersexualisiert ist und sowohl Mann als auch Frau ständig mit (v.a. sexuellen) Reizen regelrecht bombardiert werden, die in ihrer Quantität wie in ihrer Qualität für frühere Generationen nicht einmal vorstellbar waren. Gerade Männer, die biologisch bedingt nunmal auf bestimmte (v.a. optische) Reize anspringen, hatten in früheren Zeiten ziemlich milde Bedingungen. Was uns Männern heutzutage an "Objekten des Begehrens" tagtäglich in Bild und Fleisch vor die Augen kommt, wäre für eine mittelalterlichen Mann schlicht eine Überforderung gewesen. Das Positive ist, dass nicht zuletzt dank "Schönheits"chirurgie und Photoshop diese spezifischen Reize inzwischen oft so sehr potenziert werden, dass sie immer häufiger nur noch groteskt und abstoßend wirken, keineswegs mehr erotisch und anziehend.

Neben diesem alten Klagelied, sind die Bedingungen für ehelische Treue aber noch durch eigentlich positive Entwicklungen krass verschärft. Etwas so alltägliches wie die dramatische gestiegene Lebenserwartung darf man hier nicht unterschätzen: War man in früheren Generationen in den meisten Fällen wenn es hochkam 20 Jahre lang verheiratet, weil dann der Tod eines Beteiligten Einzug hielt, lebt man heute nach der Eheschließung oft sehr viel länger. Die Treue muss sich also sehr viel länger "halten"... denn auch nach 30 Jahren können Ehen durchaus noch scheitern.
Außerdem ist heute ein früher durchaus zentraler Aspekt weggefallen, der sehr häufig überhaupt als der Grund für eine Eheschließung galt: der finanzielle und der Sicherheitsaspekt. Diese Abhängigkeit (v.a. der Frau vom Mann) fehlt heute. Das "Zusammenbleiben" muss anders begründet werden.

Eine romantische "Heirat aus Liebe" ist ja bekanntlich nun ein recht modernes Phänomen. Und selbst das wird heute meist falsch verstanden. Man verwechselt Liebe mit Verliebtsein und guckt dann in die Röhre...

to be continued...

Dienstag, 13. November 2012

Ich glaube ('an')...

Auf dem JA des Glaubens Blog gibt es einen netten kleinen Beitrag zur Frage des "Glaubens an..." und des Glaubens ohne "an", z.B. "Ich glaube... die katholische Kirche". Das ist auch eine Frage, die mich in der Zeit meiner Bekehrung sehr beschäftigt hat.

Ich kann mich aus Zeitmangel jetzt nicht ausbreiten, daher nur ein paar mögliche Ansätze: Die Formulierung "Ich glaube... die katholische Kirche" meint zunächst, dass man die Existenz dieser Kirche anerkennt (wie auch der anderen "Mysterien", von denen Rufinus spricht). Die Kirche ist kein "Gegenüber" des Glaubens, aber sie ist der "Ort" in dem der Glaube ver-ortet ist. Das "an" bezieht sich immer auf das personale Gegenüber. 
Zugleich besteht die Kirche aber aus ihren Gliedern, also aus denen, die glauben, was dem Glaube der Christen eine gewisse "konstitutive" Bedeutung für die Kirche zuweißt. Im Mittelalter sagte man, dass die Kirche so lange (auf Erden) existiere, solange auch nur ein einziger Mensch ("eine Frau") glaubt. "Ich glaube die Kirche" könnte man also fast schon als ein wirkendes Tätigsein auffassen, freilich immer bedenkend, dass die Kirche v.a. Leib Christi ist und eben gerade nicht bloß aus der irdischen gegenwärtigen Gemeinschaft besteht, sondern überzeitlich ist und die Gemeinschaft der Heiligen (im Himmel) auch zu ihr gehört.
Und schließlich glaube ich auch den "Glauben (mit) der Kirche": "Der Glaube der Kirche geht dem Glauben des einzelnen voraus, der aufgefordert wird, ihm zuzustimmen." (KKK 1124)

Die anderen Punkte (Vergebung, Auferstehung etc.) verhalten sich da freilich anders. Diese Dinge sind gleichfalls kein (personales) Gegenüber, sehr wohl aber "Gegenstände", d.h. Inhalte des Glaubens; es sind wirklich die "Dinge" DIE wir glauben, die wir erhoffen, ersehnen, erwarten und erflehen. Anders bei Gott: Da erflehen wir immer etwas "von" ihm. Auch wenn wir z.B. "den Heiligen Geist erflehen", meinen wir doch, dass er in uns komme, dass er bei uns sei usw.


Es gilt also zu unterscheiden zwischen dem Glauben AN ein (personales) Gegenüber und dem Glaube der bestimmte Hoffnungen zum Gegenstand hat, der bestimmte Wahrheiten über Gott und die Welt anerkennt (Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten, ewiges Leben, Realpräsenz in der Eucharistie, Unfehlbarkeit des Papstes etc.).

Mittwoch, 12. September 2012

Wie einen Dialog führen?

Ich tue mich sehr schwer mit dem Dialog in der deutschen Kirche. Nicht, weil diejenigen, die am lautesten schreien, am meisten Papier produzieren und medial am präsentesten sind, andere Ansichten über bestimmte Theman haben als ich, sondern weil die gemeinsame Grundlage für einen Dialog nicht existiert. 
Für einen jeden Dialog müssen sich die Teilnehmer zumindest über gewisse Dinge einig sein. Z.B. die Sprache, in der der Dialog geführt werden soll, oder die simple Voraussetzung, dass das worüber man dialogisiert, existiert.

Ich habe, etwa in einer eher mediokren Podiumsdiskussion, am eigenen Leib erfahren dürfen, dass ich z.B. nicht imstande bin, mit dem BDKJ einen Dialog zu führen. Es geht nicht! Man kann zwar mit einander reden, aber man redet doch immer an einander vorbei. Man kann sprechen, aber nur über Nebensächliches.
Das Problem: Es gibt keine gemeinsdame Grundlage, auf der wir stehen. Mir beliebt es zu glauben, dass ich auf dem Boden der (katholischen) Tatsachen stehe, weil ich den Katechismus und andere offizielle und damit "objektive" Faktoren als Richtmaß nehme. Mein Gegenüber jedoch, verwirft gerade die Realität (oder zumindest Relevanz) solch eines objektiven Maßstabes. Wohl gemerkt: Es geht erstmal gar nicht um den Inhalt dieser Dokumente, sondern um ihre bloße Existenz und die daraus resultierende Relevanz.

Ein Dialog kann aufgrund dieser Diskrepanz nicht zustande kommen. Es ist, als würde ein Buddhist mit einem Materialisten diskutieren: Für den einen ist die Welt nur Einbildung, für den anderen das einzig wirkliche. Es gibt keine Möglichkeit, den Buddhisten davon zu überzeugen, dass die Welt real ist, weil er alle Beweise als Teil des Traums deuten kann. 

Was kann man tun? Wie lässt sich diese Diskrepanz beheben?

Donnerstag, 26. April 2012

Eine Geschichte


Kent R. Wallis

Once upon a time two explorers came upon a clearing in the jungle. In the clearing were growing many flowers and many weeds. One explorer says, "Some gardener must tend this plot." So they pitch their tents and set a watch. No gardener is ever seen. "But perhaps he is an invisible gardener." So they set up a barbed-wire fence. They electrify it. They patrol with bloodhounds. (For they remember how H. G. Wells’s The Invisible Man could be both smelt and touched though he could not be seen.) But no shrieks ever suggest that some intruder has received a shock. No movements of the wire ever betray an invisible climber. The bloodhounds never give cry. Yet still the Believer is not convinced. "But there is a gardener, invisible, intangible, insensible to electric shocks, a gardener who has no scent and makes no sound, a gardener who comes secretly to look after the garden which he loves." At last the Sceptic despairs, "But what remains of your original assertion? Just how does what you call an invisible, intangible, eternally elusive gardener differ from an imaginary gardener or even from no gardener at all?"
(Antony Flew, "Theology and Falsification", in: Joel Feinberg, Reason and Responsibility: Readings in Some Basic Problems of Philosophy, 1968, 48-49)


Once upon a time two explorers came upon a clearing in the jungle. A man was there, pulling weeds, applying fertilizer, trimming branches. The man turned to the explorers and introduced himself as the royal gardener. One explorer shook his hand and exchanged pleasantries. The other ignored the gardener and turned away: "There can be no gardener in this part of the jungle," he said; "this must be some trick. Someone is trying to discredit our previous findings." They pitch camp. Every day the gardener arrives, tends the plot. Soon the plot is bursting with perfectly arranged blooms. "He’s only doing it because we’re here - to fool us into thinking this is a royal garden." The gardener takes them to a royal palace, introduces the explorers to a score of officials who verify the gardener’s status. Then the sceptic tries a last resort: "Our senses are deceiving us. There is no gardener, no blooms, no palace, no officials. It’s still a hoax!" Finally the believer despairs: "But what remains of your original assertion? Just how does this mirage, as you call it, differ from a real gardener?"
(John M. Frame, "God and Biblical Language," 1974, 171. Wer mehr wissen will, der klicke hier.)

Dienstag, 13. März 2012

Laetare? Oder: Gedanken zur Nacht...

Jeremia trauert...
Drei unabhängige Gedanken des heutigen Tages und ein gemeinsamer Nenner.

1) Am kommenden Sonntag, Laetare, wird es in der Lesung um die Sünden Israels gehen, die zum babylonischen Exil führten.
2) Braut des Lammes hat einen sehr lesenswerten Beitrag über die (Nicht)Einhaltung der Sonntagsruhe und die damit einhergehende Anbetung der Neon-Götter geschrieben... und ist mir damit zuvorgekommen.
3) Die vorletzte Vaterunser-Bitte wird ja zuweilen so gedeutet, als bezeichne sie ein "Hindurch"... "Und führe uns durch die Versuchung". Das halte ich für Humbug.

Eine der Sünden, die  Israel begangen hat um das Exil zu verdienen, erschließt sich aus Folgendem Fragment aus genannter Lesung: "Das Land bekam seine Sabbate ersetzt" (2Chr 36,21b).
Der Sabbat wurde nicht gehalten. Das Land wurde ohne Rücksicht auf Verluste an sieben Tagen der Woche und in jedem Jahr ohne Unterschied bebaut. Nun schafft Gott selbst für das Ackerland Gerechtigkeit. Wie tut er das? Indem er die Mauern der Sicherheit und Bequemlichkeit einreißt (vgl. V. 19). Exil.
Die Bitte "und führe uns nicht in Versuchung" meint das Ersparen von Anfechtung. Meint genau die Situation, die Israel durch die Verschleppung erleben musste: Und führe uns nicht in die Versuchung abzufallen von dir, wenn wir alles verloren haben (Reichtum, Sicherheit, Tempel...). Diese Bitte ist berechtigter denn je, denn wir sind nicht nur ständig in der Versuchung den Sabbat nicht zu halten, (machen doch alle!) sondern wir sollten uns fragen: Was passiert, wenn wir es nicht tun? Wenn wir plötzlich feststellen, dass unsere Bequemlichkeit gefährdet ist und die Abundanz die uns den 7-Tage-Konsumrausch ermöglicht, schwindet? (Ökologisch wie sozial.)

Was wenn wir an der Versuchung scheitern? Gott wird schon dafür sorgen, dass "das Land" zu seinem Recht kommt. Und dann?
Als die Mauer viel, bekamen die neuen Bundesländer von der EWG einige Auflagen für die Landwirtschaft vorgesetzt. U.a. die, ihre Felde regelmäßig brach liegen zu lassen und nicht zu bebauen. (Auch die Bibel kennt die Vorschrift, alle sieben Jahre, im Sabbatjahr, die Felder brach liegen zu lassen.) In der DDR gab es soetwas nicht. Es wurde einfach ständig alles bewirtschaftet - rausholen, was geht... genau so, wie es die Israeliten vor ihrer Verschleppung taten. Und wie wir es, im übertragenen Sinne, heute immer mehr erleben.

Was passiert, wenn der Sonntag wegfällt? Wenn es keinen Unterschied mehr gibt?
Laetare!, freut euch!, Gott wirds richten. Aber sind wir bereit, dieses "Richten", dieses Gericht zu (er)tragen? Von den psychischen Folgen eines ununterbrochenen Rausches ganz zu schweigen...

Wir sollten gerade die Fastenzeit für die Brache nutzen.