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Samstag, 30. April 2022

Über Messstipendien

Bis vor kurzem nicht für möglich gehalten, nie einen Gedanken daran verschwendet... aber ich lasse mich ja grundsätzlich immer gerne von der Wirklichkeit eines Besseren belehren: Offenbar kann es in der katholischen Kirche in Deutschland passieren, dass das Pastoralteam einer Pfarrei beschließt, Messstipendien abzuschaffen.

Ach. Achso? Das geht?

Nein, natürlich nicht.

 

Aber der Reihe nach.

Was ist ein Messstipendium?

Ein Messstipendium (oder: Messintention) ist eine (Opfer)Gabe eines Gläubigen an einen Priester, mit dem Sinn, ihn zu verpflichten, eine Heilige Messe in der Intention (mit dem Anliegen, in der „Meinung“) des Gebers zu feiern. Heutzutage besteht es in einer Geldgabe. Diese Praxis ist so alt wie die Kirche, nur dass es sich bei den Gaben in den ersten ca. acht Jahrhunderten der Kirche meist um Naturalien (Lebensmittel) handelte. Diese auf die Feier der Messe konzentrierten Zuwendungen entwickelten sich aus den (Opfer)Gaben, die die Gläubigen generell für den Unterhalt und die wohltätige Arbeit der Kirche beisteuerten. Auf diese Weise sorgten die Gläubigen für den Unterhalt der für sie im heiligen Dienst stehenden Priester.

Die Bischöfe können festlegen, was die üblichen Beträge für ein Messstipendium sind (aber natürlich dürfen auch höhere oder niedrigere Beträge angenommen werden) und welchen Anteil an diesem Betrag der Priester selbst erhält, der Rest wird „nach oben“ weitergereicht und ist Zweckgebunden für die wesentlichen Aufgaben der Kirche.

Zumeist ist der von den Bischöfen festgesetzte Betrag in Deutschland 5€, wovon dem Priester 2,50€ zustehen. Hier in Deutschland ist der Anteil, den der Priester erhält, für diesen selbst eigentlich unerheblich, denn die Priester werden hierzulande im Allgemeinen ziemlich gut bezahlt (und dafür, dass sie keine Familie ernähren müssen und häufig nicht einmal Miete zahlen, sogar fast fragwürdig gut), weshalb sie i.d.R. dieses Geld unmittelbar einem guten Zweck zukommen lassen (andernfalls müssten sie es als Einkünfte versteuern). In vielen anderen Weltgegenden leben die Priester, wie es schon am Anfang der Kirche war, von diesen Stipendien, sie bestreiten damit ihren Lebensunterhalt.

Pro Priester und Messe darf nur eine solche Intention und folglich auch nur ein Stipendium angenommen und „erfüllt“ (Fachausdruck: „appliziert“) werden, sie wird dann im Verlauf der Messe erwähnt. Spätestens mit dem Priesterschwund der letzten Jahrzehnte und dem leider weit verbreiteten Wegfall der täglichen Zelebration können längst nicht alle Messstipendien, die – Gott sei Dank! – noch immer vergleichsweise zahlreich von den Gläubigen gegeben werden, von den Priestern erfüllt werden. Wenn man hierzulande oft eine ganze Reihung von Intentionen, etwa beim Totengedenken im Hochgebet, vernehmen kann, dann sind diese vielen Erwähnungen zwar legal, aber tatsächlich gilt diese Messe nur für die erste genannte Intention. Die anderen Intentionen werden samt Stipendium weitergereicht an andere Priester (z.B. in Klöstern), dank moderner Kommunikationstechnologie etwa auch an diejenigen in anderen Ländern, für die die Messstipendien die einzige Einkommensquelle sind. Über all das muss genau Buch geführt werden. Idealerweise nimmt der Geber eines Stipendiums auch an der entsprechenden Heiligen Messe teil, denn die Gabe des Stipendiums ist eigentlich nur der Anfang seiner Teilnahme, die sich in der Mitfeier der ganzen Messe verwirklicht und im Empfang der göttlichen Gegengabe – der Kommunion – ihren Höhepunkt erreicht.

 

Messstipendien abschaffen zu wollen ist aus verschiedenen Gründen falsch und zeugt v.a. von gravierenden Defiziten im Verständnis der Dinge des Glaubens und von erheblicher zwischenmenschlicher (pastoraler und diakonischer) Kurzsichtigkeit.

1) Zwar mögen Messstipendien für hiesige Priester keine relevante Einkommensquelle sein, weshalb die Frage aufkommen könnte „wozu?“, aber für andere Priester ist es das durchaus! Für Adveniat, Misereor etc. zu sammeln, aber dann Messstipendien abschaffen zu wollen, ist einfach zynisch. Hier mangelt es offenkundig an einem Bewusstsein für die kirchliche Gemeinschaft jenseits des eigenen Kirchturms.

2) Offenbar ist es eine hierzulande weit verbreitete Meinung, Messstipendien bezögen sich nur oder v.a. auf das Totengedenken in der Messe. Tatsächlich ist das nicht so, sie können mit jedem sinnvollen Anliegen verbunden sein (dann hört man etwa die Formulierung: „in einer bestimmten Meinung“). Faktisch sind sie hierzulande in der großen Mehrheit der Fälle mit den Verstorbenen verknüpft, eben weil man meint, es habe (nur) damit zu tun. Wenn wir das Totengedenken, oder besser: das Gebet für die Verstorbenen, als „Normalfall“ der mit einem Messstipendium verbundenen Intentionen annehmen, dann ist ihre Abschaffung erst recht als schwerwiegend, ja als grausam zu bezeichnen. Auch hier mangelt es an einem Bewusstsein für die Weite der kirchlichen Gemeinschaft, denn diese umfasst nicht nur die (vor Ort und auf der ganzen Welt) Lebendigen, sondern auch die Verstorbenen im Fegefeuer und im Himmel. Natürlich steckt hinter dem Versuch der Abschaffung der Messstipendien letztlich der weitestgehende Verlust des Glaubens an die Realität des Fegefeuers. Daher müsste das „Gebet für die Verstorbenen“, das Gott als Adressat und eben jene Verstorbenen als „Nutznießer“ hat, „für die“ gebetet wird, oftmals wohl eher „Aufforderung zur Erinnerung an die Verstorbenen“ heißen, weil als Adressat und zugleich Nutznießer eigentlich nur die Hinterbliebenen im Blick sind. Was würde ein „Gebet für die Verstorbenen“ auch bringen, wenn es kein Fegefeuer gäbe?


Mit dem letzten Punkt eng zusammenhängend ist die Verwirrung, die oft (auch unter pastoralen Mitarbeitern der Kirche) herrscht, über den Unterschied zwischen einem Stipendium für die Feier einer Heiligen Messe und einem fürbittenden Gebet zugunsten eines Verstorbenen, etwa im Rahmen einer Wort-Gottes-Feier. Tatsächlich gibt es immer wieder diözesane Verlautbarungen, die einschärfen, dass für Wort-Gottes-Feiern keine Messstipendien angenommen werden dürfen. Dass dies eigens (und wiederholt) eingeschärft werden muss, offenbart die weit verbreitete Ver(w)irrung, u.a. über den Unterschied zwischen diesen beiden Gottesdienstformen, über das Verhältnis von Wort und Sakrament, sowie bezüglich des priesterlichen Dienstes. Also:

3) Ein Messstipendium für einen Verstorbenen zu geben ist ein besonderer Akt der Nächstenliebe, der – wenn er nicht bloß „aus Tradition“ und dabei eher gedankenlos getan wird – allerdings das rechte Verständnis der Eucharistie voraussetzt. In „fromm“ ausgedrückt: Mit einem Messstipendium wird nicht nur eine Bitte zugunsten des im Fegefeuer Leidenden vor Gott gebracht, sondern diesem Leidenden werden die Früchte das rettenden Opfers Christi am Kreuz zugewendet. In „verständlich“ heißt das: Jesus hat denen, die ihm nachfolgen wollen, unmissverständlich den schwerwiegenden Auftrag erteilt: „Tut dies zu meinem Gedächtnis“ (Lk 22,19; 1Kor 11,24); gemeint ist die Feier der Eucharistie, und damit die Anteilhabe an seinem Leib und seinem Blut (vgl. 1Kor 10,16). Dieser Auftrag ist keine Nebensächlichkeit, und seine Erfüllung ist nicht „optional“. Sondern unsere Teilnahme an der Eucharistie ist von überragender Bedeutung, denn die Alternative ist schrecklich: „Amen, amen, ich sage euch: Wenn ihr das Fleisch des Menschensohnes nicht esst und sein Blut nicht trinkt, habt ihr das Leben nicht in euch.“ (Joh 6,53) Wie können wir die Teilhabe daran, aber auch den Trost und die Hilfe daraus, unseren „lieben Verstorbenen“ vorenthalten?


Neben diesen Fragwürdigkeiten, die ein Defizit an (welt- und überirdisch-)kirchlichem Bewusstsein („kirchlicher Gesinnung“) vermuten lassen, gibt es aber noch ein weiteres Problem mit dem Versuch der Abschaffung von Messstipendien, das selbst denjenigen auffallen müsste, die nicht weltkirchlich zu denken und zu fühlen gewohnt sind, und die auch die bereits verstorbenen Glieder der Kirche, insbesondere die „leidende Kirche“ im Fegefeuer, nicht recht beachten (Stichwort: sentire cum ecclesia): Ein Messstipendium ist, wie aus dem vorherigen Punkten deutlich geworden sein müsste, auch eine besondere verdienstvolle Tätigkeit der Gläubigen. Nicht nur ginge eine Abschaffung von Messstipendien somit zu Lasten derer, für die die Intentionen gelten (z.B. im Fegefeuer), sondern auch die (noch auf Erden lebenden) Gläubigen vor Ort würden massiv in der tätigen Ausübung ihres Glaubens beeinträchtigt, und zwar gleich in zweifacher Hinsicht:

4) Zum einen wird den Gläubigen dadurch – insbesondere dann, wenn das Stipendium zugunsten eines Verstorbenen gegeben wird, aber auch generell – eine bedeutende Übung der tätigen Nächstenliebe verunmöglicht; sie könnten ihren „lieben Verstorbenen“ diese größtmögliche Hilfe nicht durch die bestellten Diener der Kirche zuwenden, und auch für andere (nicht verstorbene) können sie diesen großen Dienst der Nächstenliebe nicht leisten. Das allein ist schon schrecklich. Dass inzwischen bei nicht wenigen Gläubigen das Bewusstsein für die Möglichkeit und die Bedeutung dieses besonderen Dienstes fehlt, macht seine Verunmöglichung nicht weniger schlimm, sondern weist auf ein Defizit in Verkündigung und Glaubenspraxis hin. Es ist außerdem besonders grausam den Gläubigen gegenüber, die noch dieses gläubige (kirchliche) Bewusstsein haben.

5) Zum anderen wurde zu Anfang erwähnt, dass ein Messstipendium eine (Opfer)Gabe eines Gläubigen für den heiligen Dienst ist. Daran wird deutlich, dass es sich bei Messstipendien, ganz gleich, mit welcher berechtigten Intention es verbunden wird, tatsächlich um eine Form der tätigen Teilnahme (actuosa participatio) der Gläubigen am heiligen Dienst handelt, wie dies etwa Papst Paul VI. in seinem Schreiben über die Messstipendien von 1974 gleich im ersten Satz hervorgehoben hat: „Es ist feste Überlieferung der Kirche, dass die Gläubigen aus frommer und kirchlicher Gesinnung gleichsam ein gewisses eigenes Opfer dem eucharistischen Opfer anschließen, um daran tätiger teilzunehmen.“ (DEL 3312) Wenn also ein Pastoralteam die Messstipendien für seinen Zuständigkeitsbereich abschaffen will, dann beraubt es die Gläubigen dieser wichtigen Weise der tätigen Teilnahme am heiligen Dienst, die doch ansonsten immer so sehr eingefordert und befördert wird. Natürlich: Hierbei spielen sicher nicht wenig der Verlust des Verständnisses der Eucharistie als Opfer, sowie ein einseitig veräußerlichtes Verständnis von „tätiger Teilnahme“ eine wesentliche Rolle, darum werden es viele Gläubige nicht unbedingt merken. Aber auch das ist eher ein Hinweis auf ein Verkündigungsdefizit und macht die Vorenthaltung dieser Möglichkeit zur tätigen Teilnahme nicht weniger schlimm; und wiederum ist es gerade für diejenigen Gläubigen ein Schlag ins Gesicht, die den kirchlichen Glauben bezüglich der Eucharstie nach wie vor teilen, und die die Heilige Messe innerlich wie äußerlich tätig leben. Ob es klug ist, ausgerechnet diejenigen, die nach wie vor den Glauben in seiner Reichhaltigkeit leben, darin zu beschneiden?


Zu guter Letzt sei noch darauf hingewiesen, dass ein Pastoralteam (Priester, Diakone, Pastoral- bzw. Gemeindereferenten) natürlich keinerlei Kompetenz oder Befugnisse hat, Messstipendien „abzuschaffen“. Allein den Bischöfen kommt es zu, für ihren Zuständigkeitsbereich irgendetwas bezüglich der rechtlichen Ordnung des Messstipendienwesens zu ändern. „Abschaffen“ (verbieten) könnten aber auch sie es nicht, denn dazu haben sie kein Recht. Messstipendien anzunehmen ist nämlich ein Recht, das jedem Priester zusteht, einfach weil er Priester ist, und nicht, weil der Bischof es ihm gestattet (hat ein Bischof keine Regelungen getroffen, gelten ortsübliche Gewohnheiten etwa bzgl. der Beträge; verbieten kann es der Bischof nicht, es sei denn indirekt, indem er Priestern das Zelebrieren der Messe verbietet): „Gemäß bewährtem Brauch der Kirche ist es jedem Priester, der eine Messe zelebriert oder konzelebriert, erlaubt, ein Messstipendium anzunehmen, damit er die Messe in einer bestimmten Meinung appliziert.“ (Can. 945 §1 CIC) Ein Priester könnte es natürlich auch einfach generell unterlassen, Messstipendien anzunehmen, er ist schließlich nicht dazu verpflichtet (es wird ihm lediglich „eindringlich empfohlen“; ebd. §2), aber dann macht sich ein solcher Priester m.E. aus den vorgenannten Gründen schwer vor Gott und den Menschen schuldig (und ich frage mich, ob hier nicht ein schwerer Mangel hinsichtlich des Lebens seiner Berufung vorliegt).


Über die Gründe für den Willen zur Abschaffung von Messstipendien kann ich nur spekulieren. Der schlechteste wäre sicherlich, wenn man sich den Verwaltungsaufwand der Buchführung ersparen wollte. Ich vermute(!) – und habe dafür auch einige Anzeichen aus Gesprächen mit Akteuren, wenn auch an anderen Orten –, dass man dadurch die Bedeutung und Akzeptanz von Wort-Gottes-Feiern erhöhen möchte, indem man erklärt, dass das Gedenken an die Toten in ihnen nicht „weniger Wert“ ist als in einer heiligen Messe. Auch dem Selbstbild (und Prestige?) der WGF-Leiter wäre das sicher zuträglich. Die traurige Ironie ist allerdings, dass man dadurch etwaige Missverständnisse und Unklarheiten über die jeweils eigene Bedeutung dieser beiden Gottesdienstformen nur verstärkt. Womöglich sind die Verantwortlichen aber auch nicht Willens und/oder in der Lage, diesen Unterschied zu erklären, und sie wollen durch die Abschaffung dieser Peinlichkeit ausweichen? Jedenfalls kann ich mir nicht vorstellen, dass einem solchen folgenschweren Entschluss besonders viel Nachdenken, Lektüre (z.B. des geltenden Kirchenrechts), Austausch mit den Betroffenen, Gebet und eigene Glaubenspraxis in diesem Bereich vorausgegangen sind... sonst würde man nicht zu einem solchen Entschluss gelangen.

 

 

PS. Die dargelegten Erwägungen verdeutlichen auch, warum Messstipendien keineswegs ein „klerikalistisches Relikt“ einer vergangenen „Priesterkirche“ sind, wie man das zuweilen hört: Die Laien müssen an die Priester Abgaben entrichten. Das ist natürlich eine durch dumme Vorurteile und Ressentiments befeuerte Verzerrung eines Sachverhalts, der sich kinderleicht auch genau andersherum deuten lässt: Messstipendien machen deutlich, dass die Priester den Laien zu dienen haben, denn jene werden von diesen beauftragt, in ihrem Anliegen in besonderer Weise vor Gott zu treten. Wollte man dieses besondere Vor-Gott-treten kritisieren, so würde man im Grunde nur die Tatsache kritisieren, dass es neben dem gemeinsamen Priestertum aller Getauften ein besonderes Weihepriestertum des Dienstes gibt. Messstipendien verdeutlichen besonders eindrücklich das Zu-, Für- und Miteinander von beiden, von denen keines ohne das andere vor Gott stehen kann.

Samstag, 9. Oktober 2021

Jesus auf Augenhöhe?

Recht bekannt ist diese koptische Ikone, die Christus und den Abbas Menas zeigt.

Die Darstellung erfreut sich keiner geringen Beliebtheit, um damit Gottes "Freundschaft" zu uns Menschen auszudrücken. Schau her, sagt man uns: Wir sind mit Gott auf Augenhöhe!

Man sollte allerdings generell vorsichtig damit sein, moderne westliche Maßstäbe und Konventionen an eine 1200 Jahre alte ägyptisch Bildsprache anzulegen, damit baut man sich Luftschlösser, verfehlt aber eher die eigentliche Botschaft des Bildes. Ich musste mir das Lachen verkneifen, als mir das Bild vor einer Weile wieder einmal mit der begeisterten Beteuerung der Augenhöhe vorgestellt wurde: Vor Jesus sollten wir nicht knien, sondern aufrecht stehen, schließlich sei Gott Mensch geworden, um mit uns auf Augenhöhe zu kommen. Wie ein guter Freund legt er sogar seinen Arm um uns.

Ähem... Ja... Ja, die beiden Figuren schauen sich ganz dezent gegenseitig an, aber wenn man genau hinsieht, dann fällt auf, dass Jesus hier überhaupt nicht auf Augenhöhe mit Menas steht: Seine Augen, ja seine ganze Statur liegen deutlich höher, was durch den höher gesetzten Nimbus noch betont wird.

Die Hand, die Christus auf die rechte Schulter des Menas legt ist auch weniger eine Geste der Freundschaft ("Kumpel-Christus"), sondern sie zeigt klar das Verhältnis zwischen Herr und Untergebenem an. Manche Forscher deuten die Geste auch als Vorstellung: Der Heilige Abt wird von Christus dem Volk als Vorbild vorgestellt. In Jedem Fall gibt es aber eine klare Hierarchie: Christus nimmt ihn an, beschirmt ihn und stellt ihn dem Betrachter vor, wodurch der Heilige gewissermaßen auch beauftragt wird, Vorbild zu sein. Die Hierarchie wird auch daran deutlich, dass der Abbas auf Christus hinweist: um diesen geht es. Und während der Abbas nur eine kleine, kaum erkennbare Schriftrolle hält, trägt Christus einen großen verzierten Codex, d.h. Menas ist nur ein Fünklein, Christus ist die Sonne. Dieser Christus ist schließlich auch offenkundig in die edleren Kleider gehüllt und damit klar als höherstehend, genauer: als Herrscher ausgewiesen, denn er trägt den königlichen Purpur, während Menas eher erdfarben daherkommt.

Was das In-den-Arm-nehmen angeht: Die Umarmung durch Christus findet andernorts in der christlichen Ikonographie Ausdruck, aber auch dort hat sie nichts Kumpelhaftes; vgl. meinen Beitrag HIER dazu.

"Freund Gottes" ist ein Status, der den Heiligen vorbehalten ist und den wir auf Erden noch erringen müssen, denn wir haben im Ungehorsam, d.h. durch die Sünde, die paradiesische Freundschaft Gottes verloren (vgl. 4. Hochgebet; KKK 374). Das Angebot dieser Freundschaft ist in der Menschwerdung, sowie in Tod und Auferstehung Jesu an alle Menschen ergangen (Gott redet "aus dem Übermaß seiner Liebe die Menschen wie Freunde an und verkehrt mit ihnen", Dei Verbum 2), aber sie müssen diese Einladung auch annehmen - und bewahren: "Gott zeigt seine Allmacht darin, dass er uns von unseren Sünden bekehrt und durch die Gnade wieder zu seinen Freunden macht." (KKK 277) Auch die "Freundschaft" des Paradieses, die Gott uns neu anbietet, und die wir annehmen sollen, bleibt asymmetrisch, unvergleichbar jeder menschlichen Freundschaft, denn Christus bleibt der Herr und Herrscher, Gott bleibt Gott:

»Gott hat den Menschen nach seinem Bilde geschaffen und in seine Freundschaft aufgenommen. Als geistbeseeltes Wesen kann der Mensch diese Freundschaft nur in freier Unterordnung unter Gott leben. Das kommt darin zum Ausdruck, dass den Menschen verboten wird, vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse zu essen, „denn sobald du davon isst, wirst du sterben“ (Gen 2, 17). Dieser „Baum der Erkenntnis von Gut und Böse“ erinnert sinnbildlich an die unüberschreitbare Grenze, die der Mensch als Geschöpf freiwillig anerkennen und vertrauensvoll achten soll. Der Mensch hängt vom Schöpfer ab, er untersteht den Gesetzen der Schöpfung und den sittlichen Normen, die den Gebrauch der Freiheit regeln.« (KKK 396)

"Freunde Gottes" sind in der Bibel Ausnahmegestalten wie Abraham (vgl. Jes 41,8), indirekt auch Mose (vgl. Ex 33,11), oder besonders Fromme Menschen (vgl. Ps 60,7; 127,2). Im Neuen Testament wird wiederum nur Abraham als "Freund Gottes" gewürdigt (vgl. Jak 2,23), die Christen werden nie als "Freunde Gottes" beschrieben und Jesus wird nie als Freund verkündet, sondern stets als "Herr" (vgl. hier). Abt Menas kann als Freund Gottes bzw. Jesu betrachtet werden, insofern er die Herrlichkeit des Himmels bereits erlangt hat (vgl. KKK 1023). Uns wird er darum von Jesus als Vorbild vorgestellt, dem wir nacheifern sollen, damit auch wir diese Freundschaft wiedererlangen in unserer Ergebung in den Willen des Herrn. Das ist vielleicht die - realistische, christliche - Botschaft dieser Ikone.

Sonntag, 7. März 2021

Aszese

Paul VI. in seiner Entrittsenzyklika Ecclesiam suam von 1964 (Nr. 53): 

»Die Erneuerung und Verjüngung der Kirche ist nicht so sehr durch Änderung ihrer äußeren Gesetze bedingt, als vielmehr durch die innere Haltung des Gehorsams gegenüber Christus, durch Beobachtung jener Gesetze, die die Kirche sich selbst gibt, um Christi Weg zu folgen. Hier liegt das Geheimnis ihrer Erneuerung, hier ihre "Metanoia" (Umkehr), hier ihre Übung der Vollkommenheit. Die Beobachtung der kirchlichen Gesetze mag durch Vereinfachung mancher Vorschrift und durch das in die Freiheit des Christen von heute gesetzte Vertrauen erleichtert werden, — da er besser über seine Pflichten belehrt ist und reifer und verständiger über die Art sie zu erfüllen sich zu entscheiden vermag. Trotzdem bleibt doch das Gesetz in seiner wesentlichen Forderung bestehen, das christliche Leben, wie die Kirche es deutet und in weisen Vorschriften umschreibt, wird immer durch den "schmalen Weg", von dem Unser Herr sprach, gezeichnet sein, es wird von uns modernen Christen keine geringeren, ja vielleicht größere sittliche Energien verlangen als von den Christen von gestern, eine Bereitschaft zum Gehorsam, die heute nicht weniger als in der Vergangenheit geschuldet und vielleicht sogar schwieriger, sicher aber verdienstlicher ist, weil mehr von übernatürlichen als natürlichen Beweggründen geleitet. Nicht die Gleichförmigkeit mit dem Geist der Welt, nicht das Freisein von der Zucht einer vernünftigen Aszese, nicht die Gleichgültigkeit gegenüber den freien Sitten unserer Zeit, nicht die Befreiung von der Autorität kluger und rechtmäßiger Vorgesetzter, nicht die Gleichgültigkeit gegenüber den Widersprüchen im modernen Denken können der Kirche Kraft geben, oder sie befähigen, die Wirkungen der Gaben des Heiligen Geistes zu erfahren; können ihr die Glaubwürdigkeit ihrer Gefolgschaft für Christus den Herrn gewähren oder ihr die große Unruhe der Liebe zu den Brüdern und die Fähigkeit verleihen, ihre Heilsbotschaft ihnen mitzuteilen; nein, das alles vermag nur ihre Bereitschaft, nach Gottes Gnade zu leben, ihre Treue gegenüber dem Evangelium des Herrn, ihr hierarchischer und gemeinschaftlicher Zusammenschluss. Nicht verweichlicht und feig ist der Christ, sondern stark und treu.«

Sonntag, 25. Oktober 2015

Lektionen

Aus der Lesehore dieses Sonntags:
»Auf zweifache Weise suche ich meine Auserwählten heim: in Anfechtung und in Trost. Ich halte ihnen Tag für Tag zwei Lesungen [Lektionen]: in der einen tadele ich ihre Sünden, in der andern mahne ich sie zum Wachstum in der Tugend.« (Thomas von Kempen, Nachfolge Christi III,3)

Freitag, 18. September 2015

Der transparente Priester


Gedanken eines Laien.

»Es gibt eine spezifische Liebe des Gläubigen zu guten Priestern, die wahrscheinlich nur im katholischen Raum vorkommt - eine qualitativ durchaus eigene Liebe, nämlich im Grund die dem Göttlichen zugewandte. Sie erfasst seinen Widerschein im "Transparent"; aber nicht "nur" wie im sonstwie frommen Menschen, sondern schon ausgesprochen in der Partizipation durch den charcter indelebilis. Jedoch auch wieder nicht "unpersönlich", durch den Menschen hindurch oder über ihn hinüber Gott allein "meinend". Der Mensch wird mit sehr persönlicher Liebe gemeint und umfaßt: mit der complacentia - dem Wohlgefallen - über die Schönheit des Widerscheins, mit glühender Dankbarkeit dafür, daß er durchsichtig ist und halbwegs "würdiger" Träger, mit großer Sehnsucht nach irgend einer Form der Nähe und Teilhabe, weil dies ja Annäherung zu verheißen scheint an Das, oder vielmehr Den, den er trägt, mit inniger benevolentia, die ihm sorgend und hoffend wünscht, er möge die Durchsichtigkeit und die Ähnlichkeit und alles, was dazu gehört, behalten und darin wachsen.
Aber diese Liebe, so sehr sie den Einzelnen angeht, bezieht sich eben tatsächlich in jedem Punkt auf das Göttliche, das da sichtbar wird, und so ist sie wahrscheinlich einfach ein Teil und ein Ausdruck der Unendlichen, unstillbaren Sehnsucht nach der visio betifica.«

Was Ida Friederike Görres in diesen Zeilen vom November 1944 ausdrückt, ist für viele Katholiken heute schwer verständlich. Es setzt eine gewisse Intensität der Frömmigkeit und, im Hinblick auf die vorzügliche und dem Priester eigentliche Tätigkeit in der Feier der hl. Messe, ein Gewahrsein der Wirklichkeit des eucharistischen Opfers voraus, welches das Zweite Vartikanische Konzil fons et culmen, Quelle und Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens genannt hat (LG 11). Überhaupt ist ein tieferes Verständnis von Priestertum oder Eucharistie ohne das jeweils andere nicht denkbar. Von Johannes Paul II. wissen wir, dass der Priester zu allererst ein Diener der Eucharistie ist (vgl. EE 9 und das Schreiben der Glaubenskongregation Sacerdotium ministeriale "über den Diener der Eucharistie"), weil sich hier sein priesterliches Wesen am deutlichsten zeigt und ausdrückt.

Ein Priester der mit seiner priesterlichen Identität hadert - sei es, dass er gegenüber den Laien "nichts Besonderes" sein möchte (auch in seiner Kleidung), sei es, dass er mit den liturgischen Vorgaben, die die Feier der Sakramente regeln, allzu "kreativ" umgeht -, wird nicht durchsichtig für das Ewige, das er für die ihm anvertraute Herde "einholen" soll. Er bleibt bloß er selbst und was man an ihm sieht ist wahlweise ein Entertainer (vgl. hier), ein Blender oder einfach echt netter Kerl, der in bester Absicht handelt.

Der Priester, der die liturgischen Normen nach eigenem Gutdünken ignoriert, fällt auf. Er zieht die äußeren wie inneren Sinne auf sich. Wenn man über ihn redet, auch unter seinen "Fans", ist wirklich er und nur er gemeint.

Der Priester aber, der sein Priestertum aus der Fülle lebt, den kann man v.a. in der Feier der Liturgie, ob nun Messe, Stundengebet oder bei etwaigen Andachten, als Fenster zum Ewigen erfahren. Ein Priester, der sich ganz als Diener der Eucharistie versteht, der zugleich aber nicht einfach nur rite et recte zelebriert, sondern auch würdig und authentisch spricht, sich bewegt und ggf. predigt, der gibt den Blick frei zu Dem, für Den er mit seinem Leben einsteht. Wenn über ihn gesprochen wird ("der feiert die Messe so schön"), dann ist er als Person zwar irgendwie auch gemeint, aber das dieser Rede zugrundeliegende "erhobene" Empfinden richtet sich auf Gott, richtet sich auf Den, um Den es eigentlich geht. Da war dann Gott nicht nur als Lippenbekenntnis "in der Mitte" - da war der Herr wirklich da, hat Sich gezeigt, durch den Priester hindurch, und konnte dann auch unverstellt in Seinem Leib und Seinem Blut angebetet werden.

Die Priester die ich "toll" finde, sind genau solche. Sie machen nicht groß Aufhebens um die Gestaltung der Liturgie, sondern sie feiern sie einfach: würdig, und so wie es vorgeschrieben ist. Und dann passieren zwei erstaunliche Dinge: Es ist dann nämlich nichts zu merken von einem starren Befolgen von Regeln, vor dem die zuvor behandelte Gruppe von Priestern solche Angst zu haben scheint. Etwas pointiert gesagt: Wird die Messe würdig und den Rubriken folgend gefeiert, dann verschwinden die Rubriken. Sie werden selbstverständlich. Die Vorschriften lösen sich geradezu auf und geben den Raum frei für den zu den Menschen kommenden Gott. Und zugleich tritt auch der Zelebrant ganz in den Hintergrund, wird fast nicht mehr als Person wahrgenommen. Die Worte, die der Priester spricht, scheinen fast aus dem Off zu kommen, die Worte des Herrn derweil wirklich von Diesem selbst ausgesagt. (Mutatis mutandis gilt das alles natürlich auch für die verschiedenen liturgischen Laiendienste!) Dann steht plötzlich nur noch die Seele vor ihrem Gott, Aug in Aug. Man schaut Ihn, lauscht Ihm, verkostet Ihn. Participatio actuosa in Reinform: Geist und Seele sind hoch aktiv, dabei, mittendrin... hach...

Wo hingegen mit viel Akribie Rubriken übergangen, Texte geändert, hinzugefügt oder weggelassen werden (vgl. SC 22, wo dies vom Konzil aufs Schärfste verboten wird), da bleibt die Person des Liturgen immer gut sichtbar und hörbar... Bei jeder eigenmächtigen "Anpassung" (ließ: Manipulation) in Formulierung, Aussprache, oder Gestik und Auftreten, wird die sich zu Gott ausstrecken wollende Seele fast schon gewaltsam herabgerissen. Festgetackert. Der Liturge bleibt geradezu als Hindernis zwischen der Seele und Gott stehen. Die Relationen zirkulieren horizontal (zu Deutsch: man dreht sich im Kreis), es bleibt beim vis-à-vis zwischen Liturge und "Volk". Eine echte participatio actuosa wird hier verunmöglicht, weshalb sie auch in Gemeinden mit solchen Liturgen als Aktionismus umgedeutet und damit gänzlich missverstanden werden muss.


Die bereits angeklungenen Problematiken will ich noch in einigen Punkten etwas vertiefen:

- Der Vorwurf, sich hier an Äußerlichkeiten zu klammern, trifft den Vorwerfenden: Wir Menschen sind nunmal leib-geistige, körperliche Sinneswesen. Das "Äußere" ist das, worüber wir wahrnehmen und in Beziehung treten. Der ganze Sinn etwa einer Ikone ist ja, durch das Sichtbare zum Unsichtbaren zu geleiten. Und so kann denn auch etwas so äußerliches wie beispielsweise das liturgische Gewand innerhalb der liturgischen Feier durchaus hindernd oder fördernd für die Hinwendung zu Gott wirken: Wenn der Liturge im grauen "Betsack" mit Regenbogenstola daherkommt, statt, wie von den Rubriken gefordert, in würdiger, edler und dem Anlass entsprechender liturgischer Kleidung, dann ist er der dem Äußerlichen Verhaftete. (Appropos: Die Eucharistie gibt Anteil am himmlichen Hochzeitsmahl... Wie erging es noch gleich dem Gast in Jesu Gleichnis, der kein Hochzeitsgewand trug?...) Wer dieses Argument äußert um seinen grauen Betsack zu rechtfertigen (oder gleich den Verzicht auf spezielle liturgische Gewandung), ist in Wahrheit derjenige, der an Äußerlichkeiten hängen bleibt, denn er überlegt sich ja, wie er mit seiner Kleidung ein Statement abgeben kann, anstatt einfach nur, in Bescheidenheit, dem ihm (per Gesetz) Vorgegebenen zu folgen.
Der "gute" Priester, den ich meine, befolgt die Regeln, weil es seinem Wesen als Priester, als Diener des unaussprechlichen Mysteriums, entspricht. Und er tritt dann hinter dem liturgischen Gewand auch zurück. Er trägt es ja auch nicht zu seiner Ehre, sondern zur Ehre Gottes... und spätestens wenn er dann, angetan mit Rauchmantel und Velum, den eucharistischen Segen spendet, verschwindet er auch rein äußerlich betrachtet restlos unter dem Gewand und hinter Dem, um Den es eigentlich geht. Wer die Regeln bewusst missachtet, möchte aber nur sich selbst positionieren um damit irgendetwas - also letztlich wieder: sich selbst - auszusagen. 

- Die eigentliche Zelebrationsrichtung auch des gegenwärtigen Römischen Messbuchs ist ad orientem (vgl. meine Ausführungen dazu hier). Diese Zelebrationsrichtung vermag jene "Transparenz" noch zu verstärken, weil der Priester als Individuum dann sogar topographisch "abnimmt", getreu dem Wort des Johannes: "Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen."

- Entsprechend dem Grundsatz lex orandi, lex credendi entspricht das "Gesetz des Betens" dem "Gesetz des Glaubens" (vgl. meine Ausführungen dazu hier). Das Römische Messbuch enthält den ganzen Glauben der Kirche. Wenn nun ein Zelebrant nach eigenem Dafürhalten die in diesem Messbuch enthaltenen Gebete umformuliert, was sagt dass dann über seinen Glauben aus? Und was bedeutet das für die feiernde Gemeinde, die das dann oktroyiert bekommt? Die Liturgie ist etwas Vorgegebenes, an dem aus gutem Grund niemand rumwerkeln darf. Zur Erinnerung: Die liturgischen Vorschriften, Rubriken, sind Gesetze. Dass sie nicht im CIC stehen hat gute Gründe, aber nichts desto trotz sind es Gesetze der Kirche, die gewissenhaft zu befolgen alle Glieder der Kirche, insbesondere die Priester, verpflichtet sind (das wiederum steht im CIC). Eine würdige und den Vorgaben der Kirche gemäß gefeierte Liturgie ist ein einklagbares Recht jedes Gläubigen. Ein Priester der an der Liturgie rumbastelt, bricht das Gesetz und beraubt die Gläubigen ihrer Rechte. Vom spirituellen Schaden, um den es mir hier geht, ganz zu schweigen.

- Besonders krass wird die Horizontalisierung und Selbstbezogenheit der Liturgie feiernden Gemeinde in jeder Form der Anbiederung und des Gekünstelten, in der Ausrichtung auf eine bestimmte Zielgruppe, oder bei der "thematischen" Gestaltung einer Messe. Eine hl. Messe darf nicht "Rahmen" für irgendein "Thema" sein oder in irgendeiner Weise "partikular" ausgerichtet sein, denn sie ist selbst das Herzstück der Kirche und des Lebens in ihr. Nur wenn der Gottesdienst um seiner selbst (also: um Gottes) Willen vollzogen wird, ist er "echt", und dort kann sich dann auch jeder in jeder Lage einfinden. (Kleines Gedankenexperiment: Wenn ich z.B. gerade in einer Lebenskrise stecke und dann, in der Messe trostsuchend, mit dem Thema "Naturschutz" oder "Frauenrechte" als Grundton der Feierlichkeit berieselt werde (siehe ein besonders krasses Beispiel hier), dann geh ich da kein zweites Mal hin...) Und, nein: Die der Liturgie immanenten Besonderheiten (Votivmessen, liturgische Feste und Heiligengedenktage) unterscheiden sich von jenen "Themen" insofern, als sie immer den Blick auf das Heilsmysterium lenken... und sie sind Teil der lex orandi und damit der lex credendi der Kirche, denn sie kommen nicht zur Liturgie "hinzu" wie jegliche "(aktuellen) Themen", sondern sind integraler Bestandteil von ihr.
 
- Wenn der Priester "sein Ding" macht und man sich nicht von ihm festtackern lassen (nicht horizontal zirkulieren, sondern in Gemeinschaft mit Gott treten) will, bleibt einem oft nichts anderes übrig, als das zu tun, was man sich in bestimmten Kreisen immer befleißigt an der "alten" Messe zu kritisieren, was einem dann aber plötzlich und etwas von oben herab als zu tun empfohlen wird: Selber auch sein eigenes Ding zu machen, den Zelebranten und was "da vorne" geschieht zu ignorieren und sich, irgendwie davon abgekoppelt, nach eigener Façon zu Gott aufzuschwingen... was aber definitiv nicht Sinn der Sache ist. 

- Auch die Gläubigen sind nicht zu vergessen. Ich begann ja meine Ausführungen mit einem Anspruch, den die Gläubigen erfüllen müssen. Das Wunderbare ist, dass eine Liturgie, die einfach nur Liturgie der Kirche ist (ohne "Thema", ohne Entertainer etc.) einen Raum schafft, in dem sich jeder hineinfinden kann - oder auch nicht (auch Jesus ist ja wahrlich nicht jeder nachgefolgt). Das kann sehr unterschiedlich ausfallen und nicht jedem behagt jeder Aspekt. Aber der Unterschied zwischen authentisch gefeierter Liturgie und thematischen oder sonstwie verunstalteten Messen besteht darin, dass in ersterer der Einzelne sich der Kirche mit ihrem zweitausendjähreigen Erbe (und ihrer von Gott zugesicherten Autorität) gegenüber verhalten muss: letztlich also dem Glauben der Kirche gegenüber, der sich in ihrem Beten ausdrückt (lex orandi, lex credendi) - und er nicht, wie in letzterem Fall, der Laune des Pfarrers oder den "tollen Ideen" einer Pastoralassistentin ausgeliefert ist.

- Es sei auch nicht unerwähnt gelassen, dass natürlich auch das penible Befolgen der Rubriken problematisch sein kann. Es kann für manchen regelrecht zum Fetisch werden. Weswegen ich bei dem bisher Dargelegten - was etwa Anbiederung, Künsteleien, "viel Aufhebens machen" und dergleichen anbelangt - durchaus auch die Fälle im Blick habe, wo dies etwa unter dem Mäntelchen von Summorum pontificum betrieben wird. Auch Rubrizismus gilt es zu vermeiden, das Stichwort lautet auch hier: Gelassenheit. Ein authentischer Priester ist dies aus sich heraus und um Gottes und des Heils der ihm anvertrauten Seelen Willen, nicht um irgendwelchen Menschen zu gefallen. Er wird transparent auf das Göttliche hin, wenn er selbst echt und authentisch (ungekünstelt) Priester ist.

- Noch eine persönliche Note (das Geschilderte stammt alles aus persönlicher Erfahrung, aber jetzt kommt noch etwas Persönlicheres): In der Zeit zwischen meiner Bekehrung zum Christentum und meiner Taufe, als ich noch nicht wusste, ob ich katholische werden will, habe ich im Umkreis meiner damaligen Wohnstatt sehr bald die Messen gemieden, weil ich das selbstreferentielle Gehabe und die Flachheit nicht aushielt, die mir dort entgegenbrandete (heute, nach einigen Jahren des Theologiestudiums, weiß ich, dass so manche dieser Messen sehr wahrscheinlich nichtmal gültig waren). Ich habe zuweilen weite Strecken in Kauf genommen, um am Beten der Kirche teilhaben und so ihren Glauben kennenlernen zu können (ich verbrachte auch viel Zeit in "konservativen" evangelischen Kreisen... bis heute erhalte ich von dort viele wertvolle Impulse). Hätte ich nur diese Gemeinden und ihr quasiliturgisches Treiben als Referenzpunkte, als Orte des Kontaktes mit dem Katholizismus gehabt - ich wäre niemals katholisch geworden. Heute weiß ich leider auch, dass es solche Gemeinden überall gibt und es alles andere als Ausnahmen waren... und es graust mir... DORT findet man nicht - oder nur sehr schwer - zur Kirche. Aber da, wo gute Priester ihre Berufung wirklich als solche ausüben, da werden die Menschen berührt, da finden Bekehrungen statt, da strahlt Gott in die Gemeinde... das hab ich am eigenen Leib erfahren dürfen und ich erfahre es bis heute.

- Der thematische Kreis (*g*) schließt sich: Es kommt hier nämlich auch das Thema der (Ordens- wie Priester)Berufungen ins Spiel: Viele der hier geschilderten Problematiken rühren daher oder führen dazu, dass man den Priester oft nurmehr auf seine Funktionen reduzieren (ihn "funktionalisieren") will, die dann auch Laien übernehmen können sollen (auch die Idee, Frauen zu "weihen", obwohl wir wissen, dass es nicht geht, hat hier ihren locus). Wo das der Fall ist, wird aber weder das Priestertum, noch die Eucharistie, noch die Kirche, noch überhaupt "Sakramente" verstanden. Priester wird man nicht, weil man dies möchte, sondern weil man von Gott berufen ist. Und es obliegt der Kirche, festzustellen (und Kriterien dafür festzulegen), ob die Berufung echt ist. Wer aber den Priester nur unter dem Aspekt seiner (äußerlichen) Funktionen betrachtet, dem fehlt offenkundig die hier lang und breit beschriebene Erfahrung der Transparenz des Priesters für das Göttliche; für den ist eine hl. Messe u.U. nur wenig mehr als ein gemeinschaftliches Singspiel.
Jeder Priester oder vielversprechende Priesteramtskandidat den ich kenne (und derer sind viele), hat im Hintergrund seiner Berufung einen authentischen Priester, in etwa wie ich ihn oben beschrieben habe. Priester, so sagt man augenzwinkernd, können sich nur selbst fortpflanzen: Nur wo ein Priester sein Priestersein authentisch lebt - und dessen Zentrum, Quelle und Höhepunkt ist nunmal die feier der Eucharistie - werden junge Männer in-spiriert, auch selbst diesen Weg einzuschlagen (gratia supponit naturam auch hier). Priester wird man nicht, weil man auf der Diözesanhomepage sich nach nem Job umgesehen hat (siehe meine Analyse davon hier). Priester wird man, weil man erlebt hat, wie Priestersein ist, was es ausmacht, wie es gelingt: Vorbilder. Das sind in aller Regel auch die Priester, die in der beschriebenen Weise transparent sind für Den, Dem sie ihr Leben geweiht haben. (In meiner Gemeinde, in der seit Jahren großer Wert auf eine würdige Liturgie gelegt wird, haben wir z.Z. fast schon eine regelrechte Schwemme an Ordens- und Priesterberufungen - und das liturgische Leben spielt dabei eine entscheidende Rolle... sehr spannend!)

... 
Gott sei Dank haben wir das sakramentale Priestertum. Dass auch Priester am Ende des Tages bloß Menschen sind, ist klar. Aber den Anspruch dürfen die Laien haben, dass der Priester sich nach Kräften darum bemüht, das zu tun, was er bei seiner Weihe versprochen hat: "in der Verkündigung des Evangeliums und in der Darlegung des katholischen Glaubens den Dienst am Wort Gottes treu und gewissenhaft zu erfüllen", "die Mysterien Christi, besonders die Sakramente der Eucharistie und der Versöhnung, gemäß der kirchlichen Überlieferung zum Lobe Gottes und zum Heil seines Volkes in gläubiger Ehrfurcht zu feiern" und sich "Christus, dem Herrn, von Tag zu Tag enger zu verbinden und so zum heil der Menschen für Gott zu leben" in "Ehrfurcht und Gehorsam" gegenüber dem Bischof. Dann kann sich auch verwirklichen, was der Bischof ihm nach diesen feierlichen Versprechen sagt: "Gott selbst vollende das gute Werk, das er in dir begonnen hat." Dann kann dieser Priester auch transparent werden für Gottes Wirken in seiner Kirche, wofür wir ihn lieben.
Heiliger Jean-Marie Vianney, bitte für uns.

... ich bin übrigens der Meinung, dass das Buch von Michael Kunzler (R.I.P.) "Liturge sein: Entwurf einer Ars celebrandi" *hint* für jeden Priester und Priesteramtskandidaten Pflichtlektüre sein sollte...

Freitag, 24. Juli 2015

Demut

»Schwer ist für Gott die Erziehung seiner Auserwählten, zumal seiner Priester. Er muß sie reich ausstatten, als Fundgruben für ihre Gemeinde, aber sie bettelarm machen, damit sie auch in ihrer lebendigsten, persönlichsten Wirksamkeit allein auf ihn verweisen. Sie dürfen nur für andere reich sein, müssen besitzen, ohne es zu wissen, ohne es zu achten, müssen aber auch wissen, was Reichtum ist, ohne ihn selbst bei sich zu suchen. Demut enthält noch viel seltsamere Paradoxe als man für gewöhnlich meint.«

(Hans Urs von Balthasar)

Dienstag, 28. Oktober 2014

Exorzisten und wir


»Exorzisten, in ihrem besonderen Dienst, den sie in Gemeinschaft mit ihren Bischöfen ausüben, manifestieren die Liebe und die Wärme der Kirche für diejenigen, die wegen der Werke des Bösen leiden.«

So Papst Franziskus neulich (hier) in einem Brief an die "Associazione internazionale esorcisti" (Internationale Exorzistenvereinigung).

Ich erinnere mich noch gut, wie überrascht ich war, als der Papst gleich in seiner allerersten Predigt im Amt vom Teufel sprach. Hätte Benedikt das getan, wären sofort alle über ihn hergefallen, aber bei Franziskus konnte man das schonmal freundlich "übersehen". Doof nur, dass dieser Papst immer wieder damit kommt... kaum eine Woche geht vorbei, in der mal nicht vom Bösen, von Teufel und Satan die Rede ist. Freilich nie prominent, denn dieser ist und bleibt eine zum Scheitern veruerteilte Nebenrolle.
Ich begrüße diese Direktheit des Papstes. Es ist dem Bösen tatsächlich bereits großartig gelungen v.a. die "Gelehrten" (Theologen) von sener Nichtexistenz zu überzeugen. Dieser Papst weigert sich, mit dem Strom zu schwimmen.

Für den Papst, wie für jeden, der den christlichen Glauben und das Zeugnis der Bibel ernst nimmt, ist der Kampf gegen das Böse nichts Fernes oder Mythisches. Es ist etwas sehr Reales. Es ist Teil unseres Glaubens, dass wir in unserem irdischen Leben nicht nur von heiligem Geist inspiriert, sondern auch vom Ungeist versucht werden. Es ist zwar kein Kampf den wir zu gewinnen, kein Feind den wir zu besiegen haben - der Kampf ist gekämpft, der Feind ist besiegt - aber das "Schon und Nochnicht" des Gottesreiches bringt es mit sich, dass nicht alles schon Friede, Freude, Eierkuchen ist. Ambrosius sagt, dass, wer sich Gott anvertraut, den Teufel nicht fürchtet. Fürchten sollen wir ihn also nicht. Aber wachsam sollen wir trotzdem sein (1Petr 5,8)!

Ich habe stets die Gewissenserforschung am Beginn der Komplet als sehr hilfreich empfunden. Komplementär dazu ist eine Vorausschau, wie sie Franz von Sales in seiner Philothea preist, am Morgen eines jeden Tages sehr zu empfehlen.
Auch das ist für den Papst klar (von hier):

»Jesus sagt deutlich, dass die Teufel zurückkehren, immer. Auch am Ende des Lebens, davon gibt er, Jesus, uns ein Beispiel. Und um zu behüten, um wachsam zu sein, dass die Dämonen nicht eintreten, muss man sich zu sammeln wissen, das heißt: in Stille vor sich selbst und vor Gott stehen, und am Ende des Tages sich fragen: ‚Was ist heute in meinem Herzen geschehen? Ist da jemand eingetreten, den ich nicht kenne? Ist der Schlüssel an seinem Platz?’. Und das wird uns helfen, uns vor den vielen Bosheiten zu verteidigen, auch vor jenen, die wir selbst tun können, wenn diese Dämonen eintreten, die so hinterlistig sind und uns am Ende alle betrügen«

Das Christsein garantiert kein Heil. "Es werden nicht alle, die zu mir sagen: Herr, Herr!, in das Himmelreich kommen, sondern die den Willen tun meines Vaters im Himmel. Denn viele sind berufen, aber wenige sind auserwählt." (Mt 7,21; 22,14) Ebensowenig ist dem Christen irdisches Glück oder Sorglosigkeit zugesagt, denn "unter Verfolgung" werden die irdischen Güter denen gewährt, die Gott suchen (vgl. Mk 10,30). Die Freude des Christen ist die Freude Christi, die in uns vollkommen werden soll. Sie ist aber keine selbstgenügsame, bequeme Freude, sondern die Freude an Gott, die selbst in der tiefsten Not nicht erlischt. Nichts hasst der Ungeist mehr, als diese Freude an Gott. Wir wissen: "In der Welt habt ihr Angst; aber seid getrost, ich habe die Welt überwunden." (Joh 16,33)

Die Exosziosten der Kirche machen es vielleicht professioneller, aber jeder Einzelne ist dazu aufgerufen, sich dem Ungeist entgegen zu stellen. Die Sakramente (besonders die Beichte) und Sakramentalien, die Übungen der Frömmigkeit (noch ist Rosenkranzmonat!) sind die besten Instrumente, hier wirksam zu werden - für einen selbst und für andere.

Mittwoch, 15. Oktober 2014

Geistliche Kommunion

verborgen anwesend
Blogger-Kollege Tarquinius hat einen zum Nachdenken anregenden Beitrag zur Frage der geistlichen Kommunion geschrieben (hier). (Ich war zu faul, die Anregung von Ed Peters selbst in die Tat umzusetzen, also: Danke dafür! ;))

Leider gibt es erstaunlich wenig Literatur zu diesem Thema, und die letzten 50 Jahre hat man offenbar gar nicht mehr darüber nachgedacht (die Gründe sind bekannt). Das ist mir schmerzlich aufgegangen in der Zeit zwischen meiner Bekehrung und meiner Taufe, als mir nunmal ausschließlich die geistliche Kommunion zur Verfügung stand.
Soweit ich das verstanden habe, ist die geistliche Kommunion stets auf die sakramentale hingeordnet, in der Art, wie ein Akt vollkommener Reue in Ermangelung eines Priesters auf den Empfang des Bußsakramentes hingeordnet ist. Heißt: Wenn es keine Möglichkeit zum Sakramentenempfang gibt (sei es aufgrund von äußeren oder inneren Faktoren), man diesen aber in der gleichen Gesinnung der Liebe und mit der gleichen Bereitschaft zur Bekehrung und Hingabe ersehnt, dann wird einem die sakramentale Gnade zuteil. Aber sobald die Möglichkeit des Empfangs sich ergibt, ist diese auch zu nutzen. Dies geschieht dann freilich nicht im Sinne eines "Nachholens" einer Pflichtübung, sondern als Realisierung dessen, was schon zuvor im Hinblick auf den tatsächlichen Empfang gewährt wurde.

Das Konzil von Trient wusste noch die drei Arten des Empfangs der heiligsten Eucharistie wohl zu unterscheiden:
»In bezug auf den Gebrauch aber haben unsere Väter richtig und klug drei Weisen, dieses heilige Sakrament zu empfangen, unterschieden.
Sie lehrten nämlich, daß manche es lediglich sakramental genießen als Sünder [d.h. sie machen sich eben dadurch schuldig!]; andere nur geistlich, nämlich jene, die, jenes vor Augen gestellte himmlische Brot dem Verlangen nach essend, mit lebendigem Glauben, "der durch die Liebe wirkt" (Gal 5,6), seine Frucht und seinen Nutzen verspüren; die dritten aber zugleich sakramental und geistlich; es sind aber diejenigen, die sich zuvor so prüfen und herrichten, daß sie, mit dem Hochzeitsgewande angetan, zu diesem göttlichen Tische hinzutreten (vgl. Mt 22,11f).«
(13. Sitzung, Kapitel 8; DH 1649)

Im Fall der geistlichen Kommunion wegen "Unwürdigkeit" (Paulus) bedeutet dies freilich einen Ansporn zur Bekehrung. Das wirft nun aber tatsächlich die Frage auf, wie das bei vorauszusehender und sogar beabsichtiger Dauerhaftigkeit des Zustandes ausschaut...
Ich nehme mir da die Worte Johannes Pauls II. zu Herzen, der am Ende des Abschnittes, der dieses leidige Thema behandelt, in FC schreibt:
»Die Kirche vertraut fest darauf; daß auch diejenigen, die sich vom Gebot des Herrn entfernt haben und noch in einer solchen Situation leben, von Gott die Gnade der Umkehr und des Heils erhalten können, wenn sie ausdauernd geblieben sind in Gebet, Buße und Liebe.«

Die Hinordnung der geistlichen Kommunion auf die sakramentale hat keine festen zeitlichen Parameter. Insofern spielt es keine Rolle, wie lange ich schmachte. Aber was Tarquinius schreibt stimmt natürlich: Ich kann nicht zugleich wahrhaft nach der Eucharistie verlangen und das Böse, das mich (objektiv!) davon abhält wollen. Eine, wie es der Römische Katechismus nennt, "Abscheu" gegen die Sünde ist eine notwendige Voraussetzung für die Hinwendung zu Gott. Ich kann nicht zugleich in zwei entgegengesetzte Richtungen blicken und nicht zugleich zwei Herren dienen. Die Internationale Theologische Kommission, die ich in meinem letzten Beitrag (hier) diesbezüglich bereits zu Wort kommen ließ, drückt das so aus: 
»Würde [die Kirche] wiederverheiratete Geschiedene zur Eucharistie zulassen, so würde sie diese Ehepartner glauben machen, sie könnten auf der Ebene der Zeichen mit dem kommunizieren, dessen eheliches Geheimnis sie auf der Ebene der Wirklichkeit ablehnen.«

Wir können den Menschen nicht ins Herz schauen. Und wir wissen nicht, was die Zukunft für den Einzelnen bringt. Was wir wissen ist, dass die Kirche der Gnade Gottes keine Grenzen setzen kann und dass der tatsächliche Verlauf dieser Grenzen, von der Hölle mal abgesehen, auch der Kirche letztlich unbekannt ist. Was die Kirche aber tut und was auch zu ihrem Daseinsgrund gehört ist, alles zu tun, um die Menschen sicher in das Vaterhaus zu bringen. Die Schafe ins Trockene, wie man so schön sagt.
Das kann man sich vielleicht in etwa wie bei einer herannahenden Flut vorstellen: Um nicht fortgerissen zu werden, kann es genügen, ein paar Meter den Hügel hinaufzugehen, so genau weiß man das nicht, bevor die Wellen tatsächlich kommen. Sicherer ist es aber, weiter hinaufzusteigen, zu versuchen, die höchste Stelle zu erreichen, solange noch Zeit bleibt.
Es ist die Aufgabe der Kirche den Leuten dieses klarzumachen: Die Gnade Gottes reicht immer weiter als wir denken. Aber wenn wir uns überhaupt nicht nach besten Kräften "nach oben" bewegen, dann dürfen wir uns hinterher nicht beklagen, wenn wir von den Wellen erfasst werden. Dass wir auch dann noch auf Rettung von Oben hoffen dürfen und auch unsere Mitbrüber nicht tatenlos rumstehen, ist urchristlich... sich aber sehenden Auges und trotz Warnungen mitreißen zu lassen, ist einfach nur dumm... und gefährlich!

Die geistliche Kommunion ist immer ein Weg, nie das Ziel. Ein Weg muss aber auch gegangen werden und führt notwendig vom Hier zum Dort und vom Jetzt zum Einst. Wer sich auf den Weg zu Gott begibt mag straucheln, immer wieder hängen bleiben, zurückfallen, ausrutschen, vom Bösen überfallen werden oder auch mal in die Irre gehen. Aber ich wage zu behaupten, dass es für jeden Hoffnung gibt und jeder sich immer und immer wieder auf diesen Weg begeben darf, egal wie klein sein Fortschritt ist. Und: Keiner ist dabei allein.

Donnerstag, 31. Juli 2014

Der gute Geist schenkt Ruhe

»Denn nun ist es dem bösen Geiste eigen, zu beißen, traurig zu stimmen und Hindernisse zu legen, indem er mit falschen Gründen beunruhigt, damit man nicht weiter vorrücke. Und dem guten Geist ist es eigen, Mut und Kraft, Tröstungen, Tränen, Einsprechungen und Ruhe zu geben, indem er alle Hindernisse leicht macht und weghebt, damit man im Tun des Guten weiter voranschreite.«

(Unterscheidung der Geister, Regel 2; aus: Ignatius von Loyola, Die Exerzitien, übertragen von H. U. v. Balthasar, Einsiedeln 1993, S. 99)

Samstag, 10. Mai 2014

Es ist der Herr!

»Viele nun von seinen Jüngern, die es gehört hatten, sprachen: Diese Rede ist hart. Wer kann sie hören? Da aber Jesus bei sich selbst wusste, dass seine Jünger hierüber murrten, sprach er zu ihnen: Ärgert euch dies? [...] Die Worte, die ich zu euch geredet habe, sind Geist und sind Leben [...] Darum habe ich euch gesagt, dass niemand zu mir kommen kann, es sei ihm denn von dem Vater gegeben. Von da an gingen viele seiner Jünger zurück und gingen nicht mehr mit ihm.« (Joh 6,60ff.)


 
Auf meinem Lager zur Nachtzeit suchte ich ihn,
den meine Seele liebt,
ich suchte ihn und fand ihn nicht.  
"Aufstehn will ich denn,
will die Stadt durchstreifen,
die Straßen und die Plätze, will ihn suchen,
den meine Seele liebt."
Ich suchte ihn und fand ihn nicht.
Es fanden mich die Wächter,
die die Stadt durchstreifen:
"Habt ihr ihn gesehen, den meine Seele liebt?"
Kaum war ich an ihnen vorüber,
da fand ich ihn, den meine Seele liebt.
Ich ergriff ihn und ließ ihn nicht mehr los,
bis ich ihn ins Haus meiner Mutter gebracht hatte
und in das Gemach derer,
die mit mir schwanger war.
  
(Hld 3,1-4)

Samstag, 15. März 2014

Über den Wunsch nach besonderen Gnaden


(Angeregt von hier.) In Zeiten von allerlei Erscheinungen und Privatoffenbarngen (samt gewisser Ausartungen etwa in Međugorje), von denen ich durchaus kein Fan bin und als Katholik auch nicht zu sein brauche (vgl. KKK 67), ist es sinnvoll, sich an die großen Autoritäten in Sachen Mystik und Aszese zu wenden, die Gott seiner Kirche geschenkt hat. Die wohl wichtigsten Lehrer in dieser Sache sind sicherlich jene Karmeliten die wir nicht nur als Heilige, sondern auch als Kirchenlehrer verehren.

Johannes vom Kreuz schreibt über den Wunsch nach übernatürlichen Gnadenerweisen, Erscheinungen, Visionen, Entrückungen, Privatoffenbarungen etc. (Aufstieg zum Berg Karmel, II. Buch, 22. Kapitel, Abschnitte 5-7; vgl. auch die Kapitel 18-20):
»Wer deshalb jetzt noch Gott befragen oder eine Vision oder Offenbarung von ihm wünschen wollte, beginge nicht nur eine Dummheit, sondern er würde Gott eine Beleidigung zufügen, weil er seine Augen nicht ganz und gar auf Christus richtet, ohne noch etwas anderes oder Neues zu wollen. Gott könnte ihm nämlich folgendermaßen antworten und sagen: Wenn ich dir doch schon alles in meinem Wort, das mein Sohn ist, gesagt habe und kein anderes mehr habe, was könnte ich dir dann jetzt noch antworten oder offenbaren, was mehr wäre als dieses? Richte deine Augen allein auf ihn, denn in ihm habe ich dir alles gesagt und geoffenbart, und du wirst in ihm noch viel mehr finden, als du erbittest und ersehnst. Du bittest nämlich um innere Ansprachen und Offenbarungen über Teilbereiche, doch wenn du deine Augen auf ihn richtest, wirst du es im Ganzen finden, denn er ist meine ganze Rede und Antwort, er ist meine ganze Vision und Offenbarung. Das habe ich euch schon gesagt, geantwortet, kundgetan und geoffenbart, als ich ihn euch zum Bruder, zum Gefährten und Lehrmeister, als Lösegeld und Lohn gab. Denn seit dem Tag, als ich auf dem Berg Tabor mitmeinem Geist auf ihn herabkam, und sagte Hic est filius meus dilectus, in quo mihi bene complacui, ipsum audite, das heißt: Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich mein Wohlgefallen habe; auf ihn höret! habe ich meine Hand von all jenen Arten von Unterweisungen und Antworten zurückgezogen und sie ihm gereicht. Hört auf ihn, denn ich habe nicht noch mehr Glauben zu offenbaren, noch mehr Dinge kundzutun. Denn wenn ich früher sprach, war es, weil ich Christus verhieß, und wenn sie mich befragten, erbaten und erhofften sie mit ihren Fragen Christus, in dem sie alles Gute finden sollten, wie es jetzt die ganze Lehre der Evangelisten und Apostel zu verstehen gibt. Wer mich jetzt aber noch nach jener Methode befragen sollte und sich wünschte, daß ich zu ihm spreche oder ihm etwas offenbare, der würde mich gewissermaßen ein zweites Mal um Christus bitten und mich um mehr Glauben bitten, während er in dem, der in Christus bereits geschenkt ist, versagte. Und so würde er meinem geliebten Sohn schweres Unrecht zufügen, denn er würde damit nicht nur im Glauben versagen, sondern er zwänge ihn, nochmals Fleisch anzunehmen und sein erstes Leben und Sterben durchzustehen. Du wirst nichts finden, was du von mir erbitten, noch was du an Offenbarungen oder Visionen von mir ersehnen könntest. Schau ihn dir nur gut an, denn dort in ihm wirst du all das schon getan und gegeben finden, und noch viel mehr. 
Wenn du möchtest, daß ich dir mit einem Trostwort antworte, dann schau auf meinen Sohn, mir ergeben und aus Liebe zu mir hingegeben und gepeinigt, und du wirst sehen, wie viel er dir antwortet. Wenn du möchtest, daß ich dir manches verborgene Schalten und Walten erkläre, dann richte deine Augen allein auf ihn, und du wirst die verborgensten Geheimnisse und Weisheit und Wunder Gottes finden, die in ihm verschlossen sind, wie mein Apostel sagt: In quo sunt omnes thesauri sapientiae et scientiae Dei absconditi. Das ist: In diesem Sohn Gottes sind alle Schätze von Gottes Weisheit und Wissen verborgen (Kol 2,3). Diese Schätze der Weisheit sind für dich viel tiefer und köstlicher und nützlicher als das, was du wissen wolltest. Ihrer rühmte sich daher derselbe Apostel, als er sagte, daß er nichts anderes zu verstehen gegeben hatte noch anderes wisse als nur Jesus Christus, und zwar als den Gekreuzigten (1 Kor 2,2). Und wenn du noch andere gottgewirkte oder leibliche Visionen und Offenbarungen möchtest, dann schau auf ihn, der sogar Menschengestalt annahm, und du wirst darin mehr finden als du denkst. Denn der Apostel sagt weiter: In ipso habitat omnis plenitudo divinitatis corporaliter. Das will sagen: In Christus wohnt die ganze Fülle der Gottheit in leiblicher Gestalt (Kol 2,9). 
Also ist es nicht angemessen, Gott jetzt noch auf jene Weise zu befragen, noch ist es notwendig, daß er spricht, denn da er in Christus den Glauben in seiner Fülle endgültig ausgesagt hat, ist kein weiteres Glaubensgut mehr zu offenbaren, noch wird es das je wieder geben. Wer also jetzt noch irgendetwas auf übernatürlichem Wege empfangen wollte, würde, wie wir gesagt haben, in Gott einen Mangel bemerken, daß er nämlich in seinem Sohn nicht alles in ausreichendem Maß gegeben hätte. Denn selbst wenn er bei diesem seinem Tun auch den Glauben voraussetzt und daran festhält, so ist es dennoch Neugierde aus zu geringem Glauben. Von daher darf man auf übernatürlichem Weg keinerlei Belehrung oder sonst etwas erwarten.«

Auch Theresa von Avila hat dieses Thema mit großer Weisheit und Umsicht durchaus kritisch behandelt (Innere Burg, 6. Wohnung, 9. Kapitel, Abschnitte 14-16; vgl. auch Kapitel 8):
»Einen großen Gewinn erlangt die Seele durch diese Gnade des Herrn, und der ist, dass sie sich, sobald sie an ihn oder an sein Leben oder seine Passion denkt, an sein überaus sanftes und wunderschönes Antlitz erinnert, was ein riesiger Trost ist, wie wir ihn ja auch hier in größerem Maße haben, wenn wir einen Menschen, der uns viel Gutes tut, gesehen haben, als wenn wir ihn nie kennen gelernt hätten. Ich sage euch, dass eine so köstliche Erinnerung sehr tröstlich und hilfreich ist. Sie bringt noch viele weitere Güter mit sich; da aber über die Auswirkungen, die diese Dinge haben, schon so viel gesagt wurde und noch mehr zu sagen ist, will ich mich damit nicht ermüden und auch euch nicht müde machen, sondern nur sehr darauf hinweisen, dass ihr Gott niemals darum bitten noch von ihm wünschen solltet, euch auf diesem Weg zu führen, falls ihr erfahrt oder hört, dass er den Seelen diese Gnaden erweist.
Auch wenn er euch genau richtig vorkommen mag, und man ihn auch hochachten und in Ehren halten soll, so ist das aus folgenden Gründen doch nicht angebracht: Erstens, weil es ein Mangel an Demut wäre, wenn ihr wolltet, dass euch gegeben wird, was ihr niemals verdient habt, und von daher glaube ich, dass wer immer sich das wünscht, nicht viel davon hat. Denn so wie ein einfacher Bauer weit davon entfernt ist, sich nach der Königswürde zu sehnen, weil es ihm unmöglich erscheint, da er sie nicht verdient, genauso weit weg ist es ein demütiger Mensch von dergleichen Dingen. Und ich glaube auch, dass sie ihm niemals geschenkt werden, denn zuvor gibt der Herr eine tiefe Selbsterkenntnis, die diese Gnaden verursacht. Denn wie wird einer, der solche Gedanken hegt, in Wahrheit erkennen, dass ihm eine sehr große schon dadurch zuteil wird, da er nicht in der Hölle gehalten wird? Zweitens, weil es ganz sicher ist, dass er sich einem Betrug oder doch großer Gefahr aussetzte, da der Böse nicht mehr braucht als nur eine kleine Tür offen zu sehen, um uns tausenderlei Dinge vorzugaukeln. Drittens, die eigene Einbildung, also die Person selbst, bringt sich, wenn ein starker Wunsch da ist, in ihrem Erkennen so weit, dass sie sieht und hört, was sie sich wünscht, genauso wie es denen, die tagsüber mit Lust auf etwas umhergehen und viel daran denken, passiert, dass es ihnen im Traum unterkommt. Viertens ist es eine große Dreistigkeit, wenn ich den Weg wählen wollte, ohne zu wissen, welcher mir mehr zusagt, statt es dem Herrn – der mich ja kennt – zu überlassen, mich auf dem, der zu mir passt, zu führen, damit ich in allem seinen Willen tue. Meint ihr vielleicht, fünftens, dass diejenigen, denen der Herr solche Gnaden erweist, nur wenige Prüfungen zu erleiden hätten? Nein, riesengroße und von vielerlei Art! Was wisst ihr, ob ihr fähig seid, sie zu ertragen? Sechstens, dass ihr nicht durch eben das, wodurch ihr zu gewinnen meint, verliert wie Saul, obwohl er König war (1 Sam 15,10f.).  
Und schließlich, Schwestern, gibt es, abgesehen von diesen, noch weitere Gründe; glaubt mir, dass es am sichersten ist, nur zu wollen, was Gott will, der uns besser kennt als wir selbst und uns liebt. Geben wir uns in seine Hände, damit sein Wille an uns geschehe, und wir werden nicht irren können, wenn wir mit entschlossenem Willen uns immer daran halten. Ihr solltet auch bedenken, dass man deshalb, weil man viele solcher Gnaden empfangen hat, keine größere Herrlichkeit verdient, denn dafür ist man mehr verpflichtet zu dienen, weil man ja mehr empfängt. Da, wo man mehr verdient, nimmt uns der Herr nichts weg, da das in unserer Hand liegt; und so gibt es viele heilige Menschen, die nie erfahren haben, was es heißt, eine von jenen Gnaden zu empfangen, und andere, die sie empfangen, es aber nicht sind. Und glaubt nicht, dass das ständig so ist, denn für das eine Mal, das sie der Herr erweist, gibt es ganz viele Prüfungen, und so denkt die Seele gar nicht daran, ob sie noch mehr erhalten wird, sondern wie dafür zu dienen.«

Sonntag, 5. Januar 2014

Der häufige Kommunionempfang

»Den häufigen Kommunionempfang gibt es erst seit Papst Pius X. und er war an eine ganze Reihe von Bedingungen gebunden. Diese Bedingungen sind heute weitgehend weggefallen. Geblieben ist der häufige Kommunionempfang, der routinemässig zur Teilnahme an der Eucharistiefeier gehört. Es ist ganz allgemein zu überlegen, wie die Ehrfurcht gegenüber dem Sakrament der Eucharistie wieder vermehrt werden kann. Diese Frage bildet den Hintergrund für viele Fragen betreffend den Sakramentenempfang u.a. auch für die Frage der Zulassung der (zivil) Wiederverheirateten zu den Sakramenten.

(Erste Anregung der Diözese Chur für die Bischofssynode in Rom 2014 als Teil der Antworten auf den vatikanischen "Fragebogen", hier)

Samstag, 14. September 2013

Folterinstrument

Paul Fryer - Pieta
Die Allgegenwart des Kreuzes, auch in meiner Wohnung hängt in jedem Zimmer eines, mag uns abstumpfen, uns vergessen lassen, worum es sich dabei handelt. Darum finde ich dieses Kunstwerk überaus bemerkenswert: Ein maltretierter Körper (aus Wachs, dem von Grünewald nachempfunden) auf einem elektrischen Stuhl. Ein Mensch, unschuldig, geschlagen, getreten, bespuckt, gefoltert, getötet. 
Hätte Jesus heute gelebt, wäre er auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet worden.

»Im Kreuz ist Heil, im Kreuz ist Leben, im Kreuz ist Hoffnung.«
Aber ist uns auch ab und an mal bewusst, dass das Kreuz ein Folterinstrument ist? Das Kreuz sagt uns nicht nur, dass Gott die Liebe ist, dass er sich für uns gibt und wir darum jauchzen können. Das Kreuz sagt uns auch, was wir Menschen Ihm, der uns liebt, angetan haben und jeden Tag weiter antun... nicht nur "die da" in Syrien, sondern wir, hier, heute, vorhin! 
Freut euch: Der Tod, der am Kreuz siegte, wurde am Kreuz besiegt!

Montag, 2. September 2013

Tätige Vereinigung mit Gott

»Sogar bezüglich des Maaßes der Gnaden und der Stufe der zukünftigen Glorie müssen wir mit dem Willen Gottes einverstanden sein. [...] Manche, welche mystische Bücher gelesen haben, verlangen nach jener außergewöhnlichen Vereinigung mit Gott, welche die leidende genannt wird; allein ich wünschte weit mehr, daß sie nach der thätigen Vereinigung, das heißt nach der vollkommenen Gleichförmigkeit mit dem Willen Gottes Verlangen trügen, in welcher, wie die heilige Theresia sagt, die wahre Vereinigung der Seele mit Gott besteht. Wenn wir uns selbst absterben, wenn wir auf die Befriedigung unserer eigenen Wünsche verzichten, damit nur der göttliche Wille in uns lebe, so findet auf uns das Wort des Apostels Anwendung: "Ich lebe, doch nicht mehr ich, sondern Christus lebt in mir." - Es wäre auch ein großer Fehler, Verzückungen, Visionen, Offenbarungen u. dgl. zu wünschen. Die Lehrer des geistlichen Lebens sagen sogar, daß diejenigen, welche sich mit solchen Gnaden beschenkt sehen, Gott bitten sollten, ihnen dieselben wieder zu entziehen, damit sie ihn auf dem einfachen Wege des Glaubens, welcher der sicherste ist, lieben könnten. Viele Heilige sind ohne diese außerordentlichen Gnaden zur Vollkommenheit gelangt; nur die Tugenden, insbesondere die Ergebung in den Willen Gottes, machen uns heilig.«

(Alfons Maria von Liguori, Schule der christlichen Vollkommenheit)

Dienstag, 27. August 2013

Die tägliche Hl. Messe... auch ohne Volk!

Vor einigen Tagen erschien ein Schreiben der Kongregation für den Klerus über die tägliche Feier der hl. Messe. Ich hatte das Thema vor eineinhalb Jahren (hier) mal angesprochen. Nun gibt es also auch aus Rom entsprechende Impulse: "Die tägliche Feier der Heiligen Messe auch in Abwesenheit von Gläubigen" (hier zu finden). Es sei im ganzem zitiert, weil es so ein wertvoller Text ist:


Wir wissen sehr wohl, dass es in letzter Zeit immer wieder Priester gibt, die das so genannte „Messe-Fasten“ einhalten, das darin besteht, werktags, ab und zu, manchmal sogar jede Woche, die heilige Messe nicht zu zelebrieren, sie somit auch den Gläubigen vorenthaltend. In manchen Fällen ist der Priester der Ansicht, vor allem wenn er nicht auch direkt mit Seelsorge beauftragt ist, dass das tägliche Feiern der Messe nicht notwendig sei, wenn er sie nicht für eine Gemeinschaft zelebrieren kann. Und dann gibt es auch diejenigen, die der Ansicht sind, dass auch sie, in der Zeit ihrer wohlverdienten Ferien, das Recht haben „nicht zu arbeiten“; deshalb unterbrechen sie das tägliche Zelebrieren der Eucharistie. Was soll man nun davon halten? Fassen wir die Antwort in zwei Punkten zusammen: die Lehren des Magisteriums einerseits und einige theologisch-spirituelle Betrachtungen andererseits.


1. Das Lehramt

Zweifelsohne finden wir in den Lehramts-Dokumenten keine Weisungen hinsichtlich einer zwingenden Pflicht des Priesters, täglich die heilige Messe zu zelebrieren; es ist jedoch ebenso offensichtlich, dass ihm dies nicht nur empfohlen, sondern auch nahegelegt wird. Lassen Sie mich einige Beispiele nennen. Der Kodex des Kanonischen Rechts von 1983 verweist, im Rahmen eines Kanons über die Pflicht der Priester des Strebens nach Heiligkeit, auf Folgendes: «Die Priester sind nachhaltig eingeladen, täglich das eucharistische Opfer darzubringen » (Kan. 276, § 2 n. 2). Auf die tägliche Feier der Eucharistie müssen sie bereits in der Zeit ihrer Ausbildung vorbereitet werden: «Die Feier der Eucharistie hat der Mittelpunkt des ganzen Seminarlebens zu sein, so dass die Alumnen täglich an der Liebe Christi Anteil haben und die geistliche Kraft für ihre apostolische Arbeit und für ihr geistliches Leben vor allem aus dieser reichen Quelle schöpfen.» (Kan. 246 § 1).

Auf diesen letzten Kanon Bezug nehmend, unterstreicht Johannes Paul II. Folgendes: «Es ist daher angemessen, dass die Seminaristen jeden Tag an der Eucharistiefeier teilnehmen, auf dass sie, im weiteren Verlauf des Lebens, die tägliche Feier der Eucharistie als Grundregel ihres Priesterlebens verinnerlichen. Ihre Ausbildung wird sie auch dazu führen, die Feier der Eucharistie als den grundlegendsten Moment ihres Tages zu erachten.» (vgl. Angelus, 01.07.1990, n. 3; kursiv von uns).

Im nachsynodalen Apostolischen Schreiben Sacramentum Caritatis von 2007, hat Benedikt XVI. vor allem daran erinnert, dass «Bischöfe, Priester und Diakone – jeder seinem Grad entsprechend – die Zelebration als ihre Hauptpflicht betrachten müssen.» (Nr. 39). Daraus hat der Heilige Vater die logische Folgerung gezogen:
   
    «Die priesterliche Spiritualität ist von ihrem inneren Wesen her eucharistisch. [...]Den Priestern empfehle ich deshalb „die tägliche Feier der heiligen Messe, auch wenn keine Gläubigen teilnehmen” (Propositio 38 Bischofssynode). Diese Empfehlung steht zunächst in Einklang mit dem objektiv unendlichen Wert jeder Eucharistiefeier und hat überdies seinen Beweggrund in ihrer einzigartigen geistlichen Wirkkraft, denn wenn die heilige Messe mit Aufmerksamkeit und Glauben erlebt wird, ist sie formend im tiefsten Sinn des Wortes, da sie die Gleichgestaltung mit Christus fördert und den Priester in seiner Berufung stärkt.» (Nr. 80)

 Als Nachfolger dieser und weiterer Lehren besagt das Direktorium für Dienst und Leben der Priester, - 2013 von der Kongregation für den Klerus neu herausgegeben - unter Nr. 50, bezüglich der „Mittel für das spirituelle Leben“ der Priester: « Daher ist es für den Priester notwendig, sein Gebetsleben dermaßen zu gestalten, dass es folgendes umfasst: die tägliche Eucharistiefeier mit geeigneter Vorbereitung und anschließender Danksagung».
Diese und weitere Lehren des neueren Magisteriums wurzeln selbstverständlich in den Weisungen des Zweiten Vatikanischen Konzils, das unter Nr.13 des Dekrets Presbyterorum Ordinis  besagt:

«Im Mysterium des eucharistischen Opfers, dessen Darbringung die vornehmliche Aufgabe des Priesters ist, wird beständig das Werk unserer Erlösung vollzogen; darum wird seine tägliche Feier dringend empfohlen; sie ist auch dann, wenn keine Gläubigen dabei sein können, ein Akt Christi und der Kirche».

2. Die wichtigsten Gründe

Allein der Verweis auf diese Weisungen des Lehramtes sollte ausreichen um alle Priester zur täglichen Feier der heiligen Messe zu veranlassen, unabhängig davon ob Gläubige anwesend sind oder nicht. So kurz gefasst wie möglich möchten wir jedoch auch die wichtigsten theologisch-spirituellen Gründe darlegen, die diesbezüglich den Weisungen der Kirche zugrunde liegen. In knappen Verweisen sei Folgendes gesagt.

a) Privilegiertes Instrument zur Heiligkeit des Priesters. Die heilige Messe ist „Quelle und Krönung“ des ganzen priesterlichen Lebens: aus ihr schöpft der Priester die übernatürliche Kraft und nährt den Geist des Glaubens desjenigen, der ihn braucht um sich Christus gleichgestalten zu können und um ihm würdig zu dienen. Wie die Manna, die während der Flucht aus Ägypten jeden Tag gesammelt werden musste, so muss auch der Priester jeden Tag an der Quelle der Gnade trinken, dem Opfer auf dem Golgatha, das sich in jeder heiligen Messe sakramental erneuert. Diese tägliche Feier zu unterlassen - außer im Falle tatsächlicher Unmöglichkeit - bedeutet, sich der wichtigsten Nahrung zu entziehen, die zur eigenen Heiligung und für den apostolischen Dienst in der Kirche erforderlich ist. Es bedeutet auch, das Risiko einer Art spirituellen Pelagianismus zu laufen, der eher auf die Kraft des Menschen setzt als auf die Gnade des Herrn.

b) Wichtigste Pflicht des Priesters, seine Identität kennzeichnend. Es ist ja vor allem die Feier der Eucharistie, die den Priester als solchen kennzeichnet; dies bestätigt sich durch die Tatsache, dass dieser Kirchendienst, dass die Eucharistie als solche, in Christi Handeln während des Letzten Abendmahls gründet. Die heilige Messe zu feiern ist nicht die einzige Aufgabe des Priesters, aber es ist die wichtigste. Daran erinnert ja gerade auch Presbyterorum Ordinis: im Darbringen der Eucharistie „üben die Priester ihre bedeutendste Funktion aus.“ Diese Lehre wird 1992 von Johannes Paul II. in Pastores Dabo Vobis aufgegriffen: «In ihrer Berufung zum Dienst am Heiligen sind die Priester also vor allem Diener beim Messopfer» (Nr. 48).

c) Vollkommenste Handlung pastoraler Liebe. Es gibt keine bedeutenderes Handeln in Nächstenliebe, das der Priester zu Gunsten der Gläubigen ausführen könnte, das größer wäre oder mehr Bedeutung hätte als die heilige Messe. Das Zweite Vatikanische Konzil erinnert mit folgenden Worten daran: «Mit der Eucharistie stehen die übrigen Sakramente im Zusammenhang; auf die Eucharistie sind sie hingeordnet; das gilt auch für die anderen kirchlichen Dienste und für die Apostolatswerke. Die Heiligste Eucharistie enthält ja das Heilsgut der Kirche in seiner ganzen Fülle, Christus selbst, [...]. Darum zeigt sich die Eucharistie als Quelle und Höhepunkt aller Evangelisation» (Presbyterorum Ordinis, Nr. 5).

d) Seelenamt für Verstorbene. Die pastorale Liebe, die im allgemeinen nur die gläubigen viatores zu erreichen vermag, geht in der heiligen Messe über die Grenzen von Zeit und Raum hinaus. In persona Christi zelebrierend, erfüllt der Priester eine Aufgabe, die über die Wirkungsdimension der menschlichen Geste hinausgeht, die ja auf ihre Zeit, ihren Raum und auf die Geschichte ihrer Auswirkung beschränkt ist. Er geht über die Grenzen des menschlich Erreichbaren hinaus. Dies gilt insbesondere für den Wert des Verdienstes Christi, der sich in der heiligen Messe erneut dem Vater hingibt, sich für uns und für Viele opfernd. Zu den „Vielen“ für die sich Christus einmalig auf dem Kreuz geopfert hat und für die er sich auf dem Golgatha der Altäre unserer Kirchen opfert, gehören auch die verstorbenen Gläubigen, die danach streben in die göttliche Ewigkeit einzugehen. Seit jeher betet die Kirche während der Liturgie auch für sie, wie das Erwähnen der Verstorbenen in den eucharistischen Gebeten beweist. «Schon seit frühester Zeit hat die Kirche das Andenken an die Verstorbenen in Ehre gehalten und für sie Fürbitten und insbesondere das eucharistische Opfer dargebracht, damit sie geläutert werden und zur beseligenden Gottesschau gelangen können.» (Katechismus der Katholischen Kirche, n. 1032).
 
Der letzte, zusammenfassende Satz (im italienischen Original, hier) fehlt in der oben verlinkten deutschen Übersetzung, er sei noch nachgereicht:
Welcher Akt der pastoralen Liebe ist daher die tägliche Feier der Heiligen Messe auch in Fällen, in denen die Gläubigen nicht dabei sind!