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Montag, 18. September 2023

Wer ist hier ein Häretiker?

Der Mainzer Theologen Oliver Wintzek beschwert sich über "Verstörendes", das einige seiner Studenten an Eindrücken vom Weltjugendtag in Lissabon mitgebracht hätten (hier).

Womit wurden denn die wackeren Theologiestudenten so verstört, dass nicht einmal die gewiss solide theologische Formung ihres Magisters Wintzek sie vor solcher Verstörung bewahren konnte? Im Kern meint er wohl das, was er eine "irritationsresistente Gewissheit zu wissen, was Gott (oder Jesus) für alle Ewigkeit offenbart habe und wolle" nennt.

Besonders verstörend für die wackeren Studenten war offenbar das Vorkommen von eucharistischer Anbetung am Weltjugendtag. Für Wintzek fast schon so etwas wie eine Sünde, für die ihm zufolge selbst "'Jesus'-affiner (höherer) Klerus" "anfällig" sei. Jesus-affiner Klerus ist "anfällig" für eucharistische Anbetung: da gebe ich ihm natürlich völlig recht, nur dass ich dieses Faktum sehr begrüße. Gut, wenn es solchen Klerus gibt. Kurios finde ich es allerdings, wie wackere Theologiestudenten von soetwas "verstört" sein konnten, schließlich weiß jeder, der schon einmal einen Weltjugendtag mindestens aus der Ferne verfolgt hat, dass man eucharistische Anbetung als ein zentrales Element eines solchen Weltjugendtages erwarten darf, dessen Vorkommen also kaum Verstörungspotential bergen dürfte.

Schließlich gipfelt die Meinungsäußerung darin, dass Wintzek denen, die an Jesus Christus als den Sohn Gottes glauben und an seine eucharistische Gegenwart, die frühchristliche Häresie des Miaphysitismus (in unseren Breiten meist als Monophysitismus bezeichnet) unterstellt, also die Ansicht, Jesus habe nur eine Natur besessen, nämlich, so Wintzek, nur die göttliche. Jesus sei für sie, so unterstellt er den Gläubigen, nurmehr göttlich und gar nicht wirklich Mensch.

Ich weiß, dass Wintzek immer ganz bewusst provozieren will und darum sehr pointiert schreibt. Aber hier hat er den Bogen m.E. so sehr rhetorisch überspannt, dass er ihm mit voller Gewalt ins Gesicht zurückschlägt: Gegen einen karikierten Jesus, der nur ein "Lautsprecher ewiger Wahrheiten" sei, setzt er nämlich einen "seiner Zeit verhafteten menschlichen Verkündiger der (universalen) Gotteshoffnung Israels". Während er also den Anbetenden auf dem Weltjugendtag mit vagen Andeutungen die Häresie des Monophysitismus unterstellt, begeht er sie selbst ganz ausdrücklich. Jesus habe nichts bleibend gültiges Verkünden können, denn er war nur ein in seiner Zeit verhafteter Mensch.

Jesus ist für Wintzek ausdrücklich kein "Kundgeber Gottes" - das sei eine "Überbeanspruchung Jesu" - und fragt emphatisch: "Woher diese Gewissheit des göttlichen Willens?"

Das Großartige ist ja gerade, dass Jesus beides war und ist: wahrer Mensch und wahrer Gott. Darum konnte er auch als wahrer Gott lehren und als Mensch Kunde bringen: „Niemand hat Gott je gesehen. Der Einzige, der Gott ist und am Herzen des Vaters ruht, er hat Kunde gebracht.“ (Joh 1,18) Und dieser selbe Jesus lässt keinen Zweifel daran, dass alles, was er tut und lehrt, der Wille seines himmlichen Vaters ist: "denn ich bin nicht vom Himmel herabgekommen, um meinen Willen zu tun, sondern den Willen dessen, der mich gesandt hat." (Joh 6,38) Die Apostel haben das aufgenommen und waren völlig klar: "Das ist es, was Gott will: eure Heiligung" (1Thess 4,3).

 

Offenbar hegt Herr Wintzek selbst eine irritationsresistente Gewissheit zu wissen, wer Jesus in Wirklichkeit war und wer nicht, auch wenn das gegen das biblische Zeugnis und 2000 Jahre Tradition geht...

Achso: Woher hat er eigentlich die Erkenntnis, dass Menschen nicht in der Lage sind, den Willen Gottes zu verkünden? Wenn das die Propheten des Alten Bundes konnten, dann doch sicher auch der Mensch gewordene Gott?!

Donnerstag, 29. Dezember 2022

Jesus und Paulus

Verschiedentlich habe ich mich hier schon darüber ausgelassen, wie der theologische Mainstream versucht, einen Keil zwischen Jesus und Paulus zu treiben (z.B. hier) um je nach gusto etwas als (Ver)Fälschung oder als angeblich authentisch hinzustellen. Je nachdem, was gerade erforderlich ist. Sehr pointiert drückt dieses Mainstream-Ansinnen ein 2021 erschienener Buchtitel aus: "Jesus oder Paulus. Der Ursprung des Christentums im Konflikt" (muss man nicht lesen).

Ich möchte an einem kleinen, aber doch großen Beispiel zeigen, warum man solche kruden Thesen gelassen ignorieren und wie man sie, wenn nötig, auch gepflegt zerlegen kann.

 

Beispiel: Reich Gottes

Es ist allgemein anerkannt, dass im Zentrum der Verkündigung Jesu das Reich bzw. die Herrschaft Gottes steht. Über hundert Mal spricht Jesus in den Evangelien davon, und zwar als von einem kommenden, wie auch als von einem schon gegenwärtigen Reich. Und Paulus? 14 mal, und dabei fast ausschließlich als vom Kommenden. Dagegen spricht Jesus nicht sonderlich häufig vom Geist Gottes bzw. vom Heiligen Geist, etwa ein dutzend Mal. Und Paulus? Der spricht über hundert Mal vom Geist! Also genau verkehrt...

Hat also Paulus Jesu Botschaft vom Reich Gottes ersetzt durch seine Rede vom Geist, die bei Jesus eine (scheinbar) geringe Rolle spielte? War Paulus Jesu zentrale Botschaft egal, und er hat sie durch seine eigene ersetzt? Genau das (mehr oder weniger klar ins Wort gebracht) bringt man jedenfalls Theologiestudenten gerne bei.


Die Wahrheit ist dabei erstaunlich simpel: Sowohl für Jesus, als auch für Paulus, ist der Geist Gottes bereits Teil des Reiches Gottes, das wir als seine Söhne erben sollen bzw. er ist Teil der Herrschaft Gottes, denn Gott herrscht in und durch seinen Geist. Der Geist ist es, der das Reich, das einmal in Fülle offenbar werden soll, heute schon gegenwärtig macht. Die Spannung des "schon und noch nicht" löst sich genau im Wirken des Geistes in Klarheit auf.

Jesus: "Wenn ich aber im Geist Gottes die Dämonen austreibe, dann ist das Reich Gottes schon zu euch gekommen." (Mt 12,28)

Paulus: "Weil ihr aber Söhne seid, sandte Gott den Geist seines Sohnes in unsere Herzen, den Geist, der ruft: Abba, Vater. Daher bist du nicht mehr Sklave, sondern Sohn; bist du aber Sohn, dann auch Erbe, Erbe durch Gott." (Gal 4,6-7)

 

Für Paulus ist das Reich bzw. die Herrschaft Gottes bereits hier, weil und insofern uns der Heilige Geist geschenkt ist (vgl. 1Kor 6,9-11!). Dass Paulus mehr vom Geist als vom Reich spricht, ergibt sich daraus, dass er nach Pfingsten lebt und spricht: Der Geist ist schon gekommen, den Jesus verheißen hat.

Der gern behauptete Gegensatz existiert nicht. Paulus verkündet, genau wie Jesus, das Reich Gottes. Nur benutzt Paulus diesen Ausdruck seltener, weil er stattdessen an die konkret gelebte Erfahrung des Geistes im Leben der Christen anknüpfen kann. Im Übrigen ist letztlich Jesus selbst die Herrschaft Gottes in Person (er ist mächtig, er gebietet, vergibt, wird richten, ist Herr), daher ist es wenig verwunderlich, dass Paulus anders darüber spricht als Jesus es tat: Für den Apostel ist Gottes Reich da, wo Jesus ist (und, im und durch den Geist, angenommen wird).

Freitag, 14. Oktober 2022

Akrobatik mit dem Wort Gottes

Auf kath.ch war dieser Tage eine Story, die sehr schön illustriert, wie man das Wort Gottes auf geradezu akrobatische Weise verdrehen muss, um bestimmte Anliegen zu "stützen". Die Überschrift: "LGBTQ-Gottesdienst in Biel: Jesus ist Vorbild für queere Menschen" (hier).


Besonders krass fand ich bei dieser Gelegenheit das Motto des ganzen, das nämlich ein Bibelzitat ist, aus dem Evangelium vom vergangenen Sonntag (Lk 17,11-19): "Geht, zeigt euch!"(V. 14)

Im Kontext ist interessant: Die Kranken nähern sich Jesus in tiefster Ehrfurcht und Vorsicht, nicht nur, weil sie Aussätzige waren, sondern auch, weil sie offensichtlich Jesu Autorität und Vollmacht erkannten, sonst würden sie ja nicht gezielt an ihn herantreten: "Sie blieben in der Ferne stehen und riefen: Jesus, Meister, hab Erbarmen mit uns!" (VV. 12-13)

Jesus tut scheinbar nichts weiter, als sie zu den Priestern zu schicken. Der Sinn ist ein mehrfacher: Eine Heilung von Aussatz musste laut dem Gesetz von den Priestern bestätigt werden, die Geheilten mussten ein Opfer zum Dank darbringen (Lev 14,1-32), und zugleich zeigte Jesus durch diese Aufforderung, dass er das Gesetz befolgt.

Der Evangelist, der uns diese Episode berichtet, hebt nun besonders auf den einen Geheilten ab, der zu Jesus zurückkehrt, und sich bedankt, der nämlich ein Samaritaner war, mit dem die Juden also nichts zu tun haben wollten, der den Juden - ob gesund oder krank - als Ausgestoßener galt.


Frage: Wie lässt sich das im Evangelium Berichtete mit einem LGBTQ-Gottesdienst unter dem Motto "Geht, zeigt euch!" vereinbaren?

Die Situation ist vertrackt, denn die Prämisse des Gottesdienstes ist ja gerade, dass queere Menschen angeblich (von der Kirche) "abgelehnt" werden, wie die Juden auch Samaritaner und Aussätzige, also erst recht aussätzige Samaritaner abgelehnt haben. Die Parallele ist sehr offensichtlich und böte sich an. Aber mit diesen Kranken/Geheilten sollen sich die Gottesdienstteilnehmer gerade NICHT identifizieren, denn eine "Heilung" darf ja für sie nicht in Frage kommen (aus dem Artikel: "Konversionstherapien können Menschen aus der LGBT-Communitiy unglaublich schaden"). Also, Problem: Die Evangelienperikope eignet sich eigentlich gar nicht für das, was der Gottesdienst "bringen" soll.

Wie schaffen es also die Veranstalter trotzdem, den Bibeltext nutzbar zu machen? Klar: Das Wort Gottes wird hier akrobatisch verdreht. Das "Geht, zeigt euch!" ist jetzt nicht mehr Jesu Antwort auf von schwerem Leid Befreite, die in tiefer Ehrfurcht den Herrn um Erbarmen (Heilung) angefleht haben, sondern es soll stattdessen besagen: "Seid stolz auf eure sexuelle Orientierung, versteckt euch nicht, zeigt euch den Menschen so, wie ihr seid; das Letzte, was ihr braucht, ist eine 'Heilung'!"

Wenn also nicht die Geheilten die Identifikationsfiguren für die Gottesdienstteilnehmer sind, wer dann? Im Titel des Beitrags auf kath.ch steht es schon: "Jesus ist Vorbild für queere Menschen".

In einer wahrlich kühnen Verdrehung des Bibeltextes wird nämlich der Ruf Jesu an die Aussätzigen/Geheilten umgedreht, und als eine Art Lebensmotto Jesu ausgegeben: "Er ist hinaus gegangen und hat sich gezeigt. Er hat gesagt, wer er ist und wofür er steht." (kath.ch)

Queere Menschen sind wie Jesus. Jesus ist wie die queeren Menschen.

Das hat natürlich mit dem Jesus, der uns in den Evangelien begegnet, nichts zu tun. Dieser Jesus in den Evangelien hat nicht sein Menschsein oder gar seine sexuelle Orientierung ins Rampenlicht gestellt und angepriesen, er hat keine ihm eigene, menschliche Agenda verkündet "für die er steht", sondern er verwies stets auf den Vater, von dem er kommt, und ohne den er nichts ist: "Was nennst du mich gut? Niemand ist gut als nur einer, Gott." (Lk 18,19) Jesus sagt genau das Gegenteil von dem, was die Botschaft jenes Gottesdienstes sein sollte: "Wenn ich über mich selbst Zeugnis ablege, ist mein Zeugnis nicht wahr; ein anderer ist es, der über mich Zeugnis ablegt, und ich weiß: Das Zeugnis, das er über mich ablegt, ist wahr." (Joh 5,31-32) Und: "Denn ich habe nicht von mir aus gesprochen, sondern der Vater, der mich gesandt hat, hat mir aufgetragen, was ich sagen und reden soll." (Joh 12,49)


Diese Verdrehung von Jesu Selbstverständnis als ganz vom Vater kommend hin zu einem bornierten "Ich!" wird natürlich auch dadurch nicht besser, dass Jesu Verkündigung verglichen wird mit dem Stolz auf etwas, was die Bibel einhellig (AT und NT) als Gräuel, der vom Reich Gottes ausschließt, verurteilt (vgl. hier). Denn natürlich geht es nicht um die Menschen an sich, die die Kirche ja keineswegs ausschließt, sondern eben um das wofür sie "stehen", um das, was sie wollen: Anerkennung, ja sogar Wertschätzung ihrer ("queeren") Handlungen. Diese Anerkennung zu Fordern wird mit der Verkündigung Jesu verglichen!

Und natürlich geht es im Letzten wie immer um das Selbe: "Wir setzen uns für eine Kirche ein, die alle so akzeptiert, wie sie sind"... ob sie das auch über pädophile Priester und Völkermörder sagen würden, weiß ich nicht. Aber natürlich bleibt das alte Problem: So eine Kirche wäre nicht die Kirche Jesu, denn der hat an keiner Stelle zu irgendwem gesagt "Ich akzeptiere dich so, wie du bist"... Nein, Jesus hat stets zur Umkehr aufgerufen, zu einer Veränderung der Gesinnung, des Handelns, des Lebens. Auch wer scheinbar sündenlos lebte, weil er alle Gebote penibel befolgte, bekam von Jesus kein "Toll, bleib so!" zu hören, sondern: "Wenn du vollkommen sein willst, geh, verkauf deinen Besitz und gib ihn den Armen" (Mt 19,21).


Am Ende müssen wir uns wohl grundsätzlich die Frage stellen: Wenn ein Anliegen (egal was), das wir als Christen vertreten, eine solche Verdrehung und Verfälschung des Wortes Gottes und der darin bezeugten Identität Jesu erfordert, um es überhaupt noch irgendwie mit der Bibel zu "stützen", kann es dann richtig sein? Kann dieses Anliegen echt und wahr sein, dem Willen Gottes entsprechen?

Montag, 29. August 2022

Amputierte Lesungen - Hebr 12

Die vielleicht wichtigste Errungenschaft der letzten Liturgiereform ist die sehr stark ausgeweitete Leseordnung, die nun weitaus mehr biblische Texte in die Heilige Messe bringt. Zugleich ist es eine der großen Schandtaten jener Liturgiereform, wie manchmal mit den Texten umgegangen wurde. Für mich schlimmstes Beispiel ist die Mahnung des Apostels Paulus vor dem unwürdigen Empfang der Eucharistie (1Kor 11,27-30), die konsequent ausgelassen wird (Gründonnerstag, Fronleichnam, Votivmesse Eucharistie). Das ist nicht nur dramatisch, weil es eine moralisch höchst anspruchsvolle Weisung ist, sondern es ist für Paulus DER Punkt auf den er hinaus will (denn es sind Ungereimtheiten und Streiterein um das Herrenmahl, die seinen Brief veranlasst haben!) und die Missachtung dessen ist lebensgefährlich: "Deswegen sind unter euch viele schwach und krank und nicht wenige sind schon entschlafen."

Wie dem auch sei. Die vergangenen zwei Sonntage bieten ein ähnliches Problem, diesmal ist der Hebräerbrief dem unseligen Kastrieren zum Opfer gefallen. Vor zwei Wochen war Hebr 12,5-7.11-13 die zweite Lesung, vergangenen Sonntag war es 12,18-19.22-24a. Es fehlen die Verse 4, 8-10, 14-17, 20-21 und Vers 24b.
Hebr 12,4-24 ist ein in sich geschlossener Sinnabschnitt, aus dem an diesen beiden Sonntagen vieles herausamputiert wurde, was inhaltlich durchaus schwer wiegt – und sicher nicht, weil es „zu lang“ geworden wäre, denn viel Masse ist es nicht.

Die Lesungen mit den herausgeschnittenen Versen hervorgehoben:

4 Ihr habt im Kampf gegen die Sünde noch nicht bis aufs Blut Widerstand geleistet
5 und ihr habt die Mahnung vergessen, die euch als Söhne anredet: Mein Sohn, verachte nicht die Erziehung des Herrn / und verzage nicht, wenn er dich zurechtweist!
6 Denn wen der Herr liebt, den züchtigt er; / er schlägt mit der Rute jeden Sohn, den er gern hat.
7 Haltet aus, wenn ihr gezüchtigt werdet! Gott behandelt euch wie Söhne. Denn wo ist ein Sohn, den sein Vater nicht züchtigt?
8 Würdet ihr nicht gezüchtigt, wie es doch bisher allen ergangen ist, dann wäret ihr keine legitimen Kinder, ihr wäret nicht seine Söhne.
9 Ferner: An unseren leiblichen Vätern hatten wir harte Erzieher und wir achteten sie. Sollen wir uns dann nicht erst recht dem Vater der Geister unterwerfen und so das Leben haben?
10 Jene haben uns für kurze Zeit nach ihrem Ermessen in Zucht genommen; er aber tut es zu unserem Besten, damit wir Anteil an seiner Heiligkeit gewinnen.
11 Jede Züchtigung scheint zwar für den Augenblick nicht Freude zu bringen, sondern Leid; später aber gewährt sie denen, die durch sie geschult worden sind, Gerechtigkeit als Frucht des Friedens.
12 Darum macht die erschlafften Hände und die wankenden Knie wieder stark,
13 schafft ebene Wege für eure Füße, damit die lahmen Glieder nicht ausgerenkt, sondern vielmehr geheilt werden!

14 Trachtet nach Frieden mit allen und nach der Heiligung, ohne die keiner den Herrn sehen wird!
15 Seht zu, dass niemand von der Gnade Gottes abkomme, damit keine bittere Wurzel aufsprosst, Schaden stiftet und viele durch sie verunreinigt werden,
16 dass keiner unzüchtig ist oder gottlos wie Esau, der für eine einzige Mahlzeit sein Erstgeburtsrecht verkaufte!
17 Ihr wisst auch, dass er verworfen wurde, als er später den Segen erben wollte; denn er fand keinen Raum zur Umkehr, obgleich er unter Tränen danach suchte.

18 Denn ihr seid nicht zu einem sichtbaren, lodernden Feuer hinzugetreten, zu dunklen Wolken, zu Finsternis und Sturmwind,
19 zum Klang der Posaunen und zum Schall der Worte, bei denen die Hörer flehten, diese Stimme solle nicht weiter zu ihnen reden;
20 denn sie ertrugen nicht den Befehl: Sogar ein Tier, das den Berg berührt, soll gesteinigt werden.
21 Ja, so furchtbar war die Erscheinung, dass Mose rief: Ich bin voll Angst und Schrecken.
22 Ihr seid vielmehr zum Berg Zion hinzugetreten, zur Stadt des lebendigen Gottes, dem himmlischen Jerusalem, zu Tausenden von Engeln, zu einer festlichen Versammlung
23 und zur Gemeinschaft der Erstgeborenen, die im Himmel verzeichnet sind, und zu Gott, dem Richter aller, und zu den Geistern der schon vollendeten Gerechten,
24 zum Mittler eines neuen Bundes, Jesus, und zum Blut der Besprengung, das mächtiger ruft als das Blut Abels.


Ein wirklich sehr kurzer, überhaupt nicht erschöpfender Kommentar zu den amputierten Versen, und warum sie wichtig sind.

Vers 4: Das Fehlen dieses Verses entmündigt die Zuhörer, denn ihnen wird das eigentliche Thema des Abschnitts vorenthalten. Und leider hat das den gegenteiligen Effekt von dem, was wohl angestrebt war: Die Passage über die Züchtigung durch Gott wird dadurch nicht entschärft, sondern in ein ganz falsches Licht gerückt. Denn Vers 4 macht deutlich, dass es um die Nachfolge Jesu geht, der vor allen anderen „bis aufs Blut gelitten“ hat. Außerdem wird klar, dass es nicht einfach um irgendwelche, willkürlich zugefügten Leiderfahrungen geht, sondern um Leid, das in Kauf genommen wird, um nicht zu sündigen (man denke etwa an die Wahl der Märtyrer, den Götzen zu Opfern oder von Löwen zerfetzt zu werden). Ohne Vers 4 entsteht hier ein ganz irriger Eindruck.

Vers 8: Es wird deutlich, was man gerne vergessen möchte, dass es auch illegitime Söhne Gottes gibt, so wie es auch Ehebrecher in Bezug auf Gott gibt (nämlich: Götzendiener). Mir scheint hier die Sinnspitze des Abschnitts betroffen: Der Autor möchte die Züchtigungen als etwas Unvermeidliches darstellen, und kontrastiert dies damit, dass es noch viel schlimmer für seine Zuhörer wäre, wenn sie sich dem entziehen wollten, weil sie dann keine legitimen Söhne mehr wären.

Verse 9-10: Das ist heute nicht mehr zeitgemäß. Umso verwunderlicher, dass die Stoßrichtung des Abschnitts beibehalten wurde: Der Hinweis auf die zu erwartende Züchtigung. Hätte man hier bloß Missverständnisse vermeiden wollen (dass manche Zuhörer, insbesondere in nicht-europäischen Kulturen, dies zum Anlass für häusliche Züchtigungen nehmen), hätte man den ganzen Abschnitt dazu weglassen müssen. Gerade die Verse 9-10 hätten dem heutigen Leser deutlich machen können, woher diese Bildrede von der Züchtigung durch Gott in Hebr stammt.

Verse 14-17: Das gehört zweifelsohne zur Kernbotschaft Christi: Gefordert wird „Heiligung, ohne die keiner den Herrn sehen wird“. Es geht letztlich um nichts weniger als die Angleichung an Jesus (siehe Vers 4!). Johannes hilft zum Verständnis: „Jeder, der diese Hoffnung auf ihn setzt, heiligt sich, so wie er heilig ist.“ (1Joh 3,3) Ähnlich wie Vers 8, ist wohl auch hier das Anstößige, das zur Amputation geführt hat, dass Hebr die Möglichkeit des Abfalls thematisiert. Mehr noch: Es wird die Gefahr der Fäulnis innerhalb der Gemeinde angesprochen, die um sich greifen kann: „damit keine bittere Wurzel aufsprosst, Schaden stiftet und viele durch sie verunreinigt werden“. Das will man natürlich heute nicht hören, das ist nicht nett.

Verse 20-21: Wieder ist die Sinnspitze des Abschnitts getroffen, diesmal aber noch krasser, denn der Passage fehlt damit die Spitze gleich ganz, sie wird nicht nur unverständlicher, wie im vorherigen Abschnitt. Was ist diese Sinnspitze? Nun, das sichtbare, lodernde, zu dem wir nicht „hingetreten“ sind, ist reichlich vage – was meint der Autor, worauf spielt er an? Natürlich: Es sind verschiedene Offenbarungen Gottes im Alten Bund (Dornbusch, Wolkensäule etc.). Aber so, wie die Passage im Lektionar steht, fehlt die eigentliche Wucht, denn die wichtigste, gewaltigste und für Israel unüberbietbare Offenbarung fehlt. Die Verse 20-21 spielen ziemlich deutlich genau darauf an: Es geht um die Offenbarung Gottes auf dem Sinai („Berg“, „Mose“). Hebr will sagen: Wozu wir hingetreten sind, ist noch weit mehr als alle Offenbarungen, sogar mehr als jene Offenbarung am Sinai!

Vers 24b: Da man Vers 4 weggelassen hat, ist man hier wenigstens konsequent, und lässt auch diese Anspielung auf Jesu Leid „bis aufs Blut“ weg. Schade, damit ist auch der Hinweis zerstört, der das Christusereignis in die gesamte Menschheitsgeschichte (von Abel an) einbindet.

In Summe macht Hebr deutlich: Was wir hier in Jesus haben, der für uns starb und dem wir uns auch im Leid angleichen sollen, ist mehr als alle früheren Offenbarungen Gottes an die Menschen, und auch mehr als alle früheren Hinwendungen (Schreie) der Menschen zu Gott. Leider hat man es offenbar den Gläubigen (und den Predigern) nicht zugetraut, dieses Große ganz vor das geistige Auge gestellt zu bekommen...

Montag, 25. Oktober 2021

Die Blindheit des Bartimäus

Ein Priester und Theologe, den ich ansonsten sehr schätze, hat gestern zur Bartimäus-Perikope (Mk 10,46-52) eine Predigt gehalten, die ich in mehrfacher Hinsicht für fraglich/falsch halte.


Zunächst wurde auf den Namen Bartimäus abgehoben, der einen "Mann ohne Eigenschaften" bezeichne, weil es eigentlich kein "richtiger" Name sei, da er wörtlich soviel wie "Sohn des Timäus" bedeute, was im Text selber ja auch so drinsteht. Nun ist es zwar richtig, dass Bar-Timäus wörtlich übersetzt "Sohn des Timäus" heißt, aber darum ist weder der Name noch sein Inhaber Bedeutungs- oder Eigenschaftslos. 

1. sagt dieser Name bereits so Manches aus: Offenbar war Bartimäus Sohn eines griechischen Vaters (denn Timaios ist ein griechischer Name) und einer jüdischen Mutter (darum jüdisch "bar": Sohn). Diese Tatsache mag für ihn bereits zu einer gewissen sozialen Ausgrenzung geführt haben.

2. ist es durchaus ein "richtiger" Name, der in der Kultur, in der er steht, sogar höchst bedeutungsvoll ist: Den Juden war ihre Abstammung ausgesprochen wichtig, so auch die Fortführung von Namen über Generationen hinweg. Darum das Unverständnis der Leute, als Elisabeth ihren Sohn Johannes nennt: "Es gibt doch niemanden in deiner Verwandtschaft, der so heißt." (Lk 1,61) Die Auslöschung oder das Vergessen eines Namens ist in dieser Kultur bis heute das schlimmste Schicksal, wogegen das Bewahren des Namens große Ehre und Gnade ist, weswegen Gott auch seinem Volk, mit dem er den Bund schließt, sagen kann, dass er ihm "Denkmal und Name" (Jes 56,5) gibt (hebr. jad waschem; davon hat jene große Holocaust-Gedenkstätte in Jerusalem [sie ist mehr als das, es ist u.a. auch eine Behörde, die Zurückkehrenden Juden die Staatsbürgerschaft verleiht] ihren Namen). Namen sind auch dann "richtig", wenn sie nicht besonders tiefgründig sind... In Italien heißen bis heute manche Männer "Primo" und "Secondo", wörtlich: "Erster" und "Zweiter" (erster Sohn, zweiter Sohn); der in Deutschland nicht seltene Name "Andreas" ist griechisch und bedeutet einfach nur "Mann" (gr. andros)... ist also ein Mann namens "Andreas" eigenschaftslos, weil sein Name einfach nur "Mann" bedeutet? (Und was sagt dieser Name über Frauen aus, die "Andrea" heißen?) [Besonders krass ist der Name Barrabas: bar abbas = Sohn des Vaters...]

Soviel dazu. Achja, und in Skandinavien ist es bis heute üblich, dass der Nachname "Sohn von..." lautet: z.B. Olafsson = Sohn des Olaf.

 

Was mich aber v.a. ins Grübeln brachte war das Insistieren des Predigers darauf, dass es hier angeblich gar nicht um eine körperliche, sondern um eine geistig/seelische Blindheit (gegenüber der Wahrheit) gehe. Dem muss man vom Textbefund her entschieden widersprechen. Zwar wird Blindheit biblisch häufig als eine geistige verstanden (aber nicht "immer", wie der Prediger meinte), die gegenüber Gott und seinem Heil als Blindheit des Verstandes oder Verirrung des Geistes gilt - darum ist Gott das Licht in der Finsternis, der "blinde Augen öffnet" (vgl. Jes 42,7; Offb 3,17) -, aber das ist hier offenkundig gerade nicht der Fall.

Einen Schritt zurück: Dass es sich um einen Bettler handelt stützt bereits eine körperliche Blindheit, denn es waren oft gerade die Lahmen und Blinden, die im Betteln ihren Broterwerb hatten, weil sie für andere Tätigkeiten nicht zu gebrauchen waren. Lahm war Bartimäus offenbar nicht, denn er springt auf und geht Jesus entgegen.

Dass Bartimäus nicht blind gegenüber Gott und seinem Heilswerk ist, nicht geistig blind oder verirrt, ist sofort überdeutlich, denn er hat offenkundig bereits von Jesus gehört und setzte bereits sein Vertrauen, seinen Glauben in ihn. Als er erfuhr, dass dieser Jesus in seiner Nähe ist, ruft er ihn sofort. Und nicht nur ruft er Jesus, etwa als "Jesus, Zimmermann aus Nazareth", wie ihn Leute benennen, die ihn nicht wirklich erkannten (vgl. Mk 6,3), sondern er ruft ihn als "Jesus, Sohn Davids", was nichts weniger als ein messianischer Hoheitstitel ist, denn aus dem Geschlecht Davids erwarteten die Juden ihren Retter (vgl. 2Sam 7,16; Röm 1,3). So heißt es in einem "Psalm Salomos" (aus dem 1. Jhd v. Chr., nicht in der Bibel, geben einen sehr getreuen Einblick in das religöse Denken der Zeit unmittelbar vor Jesu auftreten): "Sieh, Herr, darein! Lass ihren König wiederum erstehen, den Davidssohn, zur Zeit, die du erkoren, Gott, dass Israel, dein Knecht, ihm diene!" (PsSal 17,23 [Riessler])

Bartimäus ist nicht geistig/seelisch blind oder von Gott weg verirrt, im Gegenteil: Dieser (körperlich) blinde Bettler sieht mehr als alle anderen in dieser Episode, er erkennt den Messias und glaubt an ihn, dass er ihn heilen und (so wörtlich im Text) erretten kann.

Der Blinde sieht von Anfang an besser als die Sehenden, denn er sieht mit den Augen des Glaubens. Er wirft sein Obergewand fort (ein lebenswichtiges Kleidungsstück, das gerade Bettlern Nachts das Überleben sicherte) und wirft sich selbst mit aller Kraft und gegen den Schweigeruf der Umstehenden (alles körperlich Sehende!) Jesus entgegen und folgt ihm schließlich nach.

Donnerstag, 23. Juli 2015

Ist praktizierte Homosexualität Sünde?

Der Richter auf dem Regenbogen
Weil das Thema seit der hier eingetretenen Blogruhe überall hochgekocht ist, der US-Supreme Court meint, ein neues Menschenrecht zu definieren und ein gewisser Kardinal doch allen ernstes der Meinung ist, dass dies ein Kernanliegen der kommenden Familiensyode sein solle, ein paar Gedankenfetzen zur Orientierung. (Ich verdanke die Ausarbeitung dieses und weiterer damit zusammenhängender Texte, bereits vor einigen Wochen, einer Anregung von Unbekannt auf Facebook; danke dafür! Konnte dadurch für mich einiges ordnen.)
Ich lege hier nicht meine eigene Meinung dar, sondern den Standpunkt der Bibel (und damit des kirchlichen Lehramtes). Vgl. auch meine Ausführungen über das Be-urteilen von Sünde: hier.



Eine Vorbemerkung: Um gleich mal dem völlig falschen Eindruck zu wehren, Christen hegten speziell gegen homosexuell empfindende Menschen einen Groll, sei darauf hingewiesen, dass nach katholischem Verständnis das Ausleben der menschlichen Sexualität seinen einzigen legitimen Ort in der unauflöslichen Gemeinschaft der Ehe hat. Eine Ehe wiederum kann nach katholischem Verständnis (und darin zu unterscheiden von dem, was etwa manche Staaten unter dem Begriff "Ehe" verstehen) nur zwischen einem Mann und einer Frau gültig geschlossen werden. Folglich ist jeder vor- und außereheliche Geschlechtsverkehr als schwere Sünde zu betrachten, gleichgültig ob die Handelnden nun homo- oder heterosexuell empfinden. Dass Sex nur in die Ehe gehört, darf im Übrigen durchaus als ein Grundpfeiler der ganzen katholischen Sexualmoral betrachtet werden.
Immer gilt: Als Christen sind wir dazu gerufen, jeden Menschen, auch den Sünder (wir sind ja selber welche), zu achten, anzunehmen und zu lieben. Aber die Sünde sollen wir bekämpfen (auch unsere eigene); nie können wir Sünde einfach akzeptieren oder sogar gutheißen. Es gilt also immer zwischen den Menschen und ihren (sündhaften) Handlungen zu unterscheiden. Grundsätzlich verlangt aber der "Kampf gegen die Sünde" von uns Widerstand "bis aufs Blut" (Hebr 12,4).

»Eine nicht geringe Anzahl von Männern und Frauen haben tiefsitzende homosexuelle Tendenzen. Diese Neigung, die objektiv ungeordnet ist, stellt für die meisten von ihnen eine Prüfung dar. Ihnen ist mit Achtung, Mitgefühl und Takt zu begegnen. Man hüte sich, sie in irgend einer Weise ungerecht zurückzusetzen. Auch diese Menschen sind berufen, in ihrem Leben den Willen Gottes zu erfüllen und, wenn sie Christen sind, die Schwierigkeiten, die ihnen aus ihrer Verfaßtheit erwachsen können, mit dem Kreuzesopfer des Herrn zu vereinen.« (KKK 2358)

Oft wird gesagt, Jesus habe nichts zum Thema Homosexualität gesagt, darum dürfe die Kirche sie auch nicht verurteilen. Und es stimmt: Jesus hat nie das Wort "Homosexualität" gebraucht. Und er hat auch nie die mit diesem Wort bezeichnete Handlung explizit benannt. Aber dieser Hinweis auf das Vorkommen oder Nichtvorkommen von Begriffen im Munde Jesu hat keinerlei argumentative Kraft, denn ebensowenig hat Jesus Vergewaltigung, Pädophilie, Sodomie, Prostitution, Abtreibung, Umweltzerstörung oder Sklavenhandel explizit erwähnt; trotzdem halten wir diese Dinge für sündhaft. 

Ironischerweise vertreten die Leute, die damit argumentieren, dass Jesus dazu ja nichts gesagt habe, sehr oft auch vehement die Ansicht, die Kirche müsse endlich Scheidung und Wiederheirat anerkennen... ... Jesus: "Wer seine Frau aus der Ehe entlässt und eine andere heiratet, begeht ihr gegenüber Ehebruch. Auch eine Frau begeht Ehebruch, wenn sie ihren Mann aus der Ehe entlässt und einen anderen heiratet." (Mk 10,11f.; vgl. auch Mt 5,32; 19,9; Lk 16,18; 1.Kor 7,10f.)

Auch wird gesagt, dass das Verbot von Homosexualität alttestamentlich sei, und wir würden doch heute auch niemanden mehr steinigen. Das ist insofern falsch, weil bereits im Alten Testament die jeweiligen Gesetze und Vorschriften unterschiedliches Gewicht hatten und sie in verschiedenen Kontexten und auf verschiedene Personen(gruppen) Anwendung fanden - also nicht alle Vorschriften gleich-wertig waren. Und im Neuen Testament finden wir, autoritativ durch Jesus selbst und seine Apostel, eine "Umwertung" des Gesetzes. Jesus führt die Vielzahl der alttestamentlichen Ge- und Verbote auf ihren vom Schöpfer gesetzten Kern zurück ("der Sabbat ist für den Menschen da", "am Anfang war das nicht so"), was in Teilen einer Abschaffung gleichkommt, in anderem eine Milderung oder aber auch eine Verschärfung des bisher Geltenden bedeutet. Laxismus kann man Jesus jedenfalls nicht vorwerfen. 
Es gilt zu unterscheiden und besonders in den Blick zu nehmen, was denn nun eigentlich für Christen gilt und was nicht. Aber der Reihe nach.
 

Jesus sagt in Mt 5,17, dass er nicht gekommen sei, das (jüdische) Gesetz aufzulösen, sondern es zu erfüllen. Er kannte dieses Gesetz (die Thora), nach dem auch er und seine Familie lebten (vgl. Lk 2), auswendig und hat immer wieder ganz selbstverständlich darauf Bezug genommen und es oft auch interpretierend kommentiert. Für uns stellen sich hier zwei Fragen: Was sagt dieses Gesetz zu homosexueller Praxis? Und: Inwiefern sind diese Aussagen auch für Nichtjuden relevant?
Im Buch Leviticus (Drittes Buch Mose) finden wir fast ausschließlich Stellen, an denen es in der Einleitung von Gesetzesvorschriften heißt: "Sage Aaron und seinen Söhnen [= den Priestern]..." oder "Sage den Söhnen Israels..." (z.B. Speisegesetze). Folglich sind die so eingeleiteten Gesetze in erster Linie relevant für Juden. Es gibt lediglich vier Stellen, an denen diese Formulierung auffällig anders lautet, nämlich: "Sage den Söhnen Israels und den Fremden die in eurer Mitte wohnen...". Diese Gesetze, es sind Verbote, betreffen also auch die Nichtjuden. Diese sind:

1. Götzenopfer (Lev 17,8f.; 20,2)
2. Blut trinken (Lev 17,10.12)
3. Ersticktes essen (Lev 17,13)
4. Unzucht (Lev 18)

Unzüchtiges Verhalten wird in Lev 18 näher spezifiziert: Jegliche Form von Inzest, Ehebruch, der Beischlaf von Männern mit Männern sowie sexueller Verkehr mit Tieren. Sex von Männern mit Männern wird dabei explizit als Gräuel bezeichnet, eine Kategorie, die ansonsten vor allem für die Bewertung von Götzen(dienst) Verwendung findet (siehe dazu z.B. 2.Kön 23,13 und Hes 8), also für Verstöße gegen das allem anderen zugrundeliegende 1. Gebot des Dekalogs.
In der heidnischen Umwelt Israels - zur Zeit der Gesetzgebung (etwa in Ägypten oder Kanaan) wie auch zur Zeit Jesu (in der ganzen griechisch geprägten Welt des Mittelmeeres) - war ausgelebte Homosexualität eine verbreitete und gesellschaftlich akzeptierte Erscheinung. Die Juden machten dabei jedoch nicht mit, denn dem Gesetz Gottes zufolge handelt es sich hierbei um Praktiken, die die Menschen und auch das ganze Land, in dem sie leben, unrein machen (vgl. Lev 18,28), also um besonders schwerwiegende Vergehen die nicht gebunden sind an eine bestimmte Zeit oder Personen(gruppe).
  

Das Neue Testament bringt nun einige Änderungen für den Umgang mit dem Gesetz. Die Rezeption dieser hier relevanten und zuvor genannten Gesetze ist es, die uns jetzt interessiert. Und genau da finden wir eine erstaunliche Beständigkeit im Zeugnis der Schift vor:
A) Jesus, der mit dem Gesetz bestens vertraut war, nennt ausdrücklich die Unzucht  (und wir haben keinen Grund, anzunehmen, dass er darunter etwas anderes versteht als das, was das jüdische Gesetz darunter versteht) und verurteilt sie als etwas, das aus dem Herzen des Menschen kommt und ihn unrein macht: "Denn von innen, aus dem Herzen der Menschen, kommen die bösen Gedanken, Unzucht, Diebstahl, Mord, Ehebruch, Habgier, Bosheit, Hinterlist, Ausschweifung, Neid, Verleumdung, Hochmut und Unvernunft." (Mk 7,21-22)
B) Paulus, der große Lehrer der göttlichen Liebe (vgl. 1.Kor 13), greift dies in seinem Brief an die Römer auf (Röm 1,24ff.) und behandelt auch explizit gleichgeschlechtlichen Geschlechtsverkehr mit harten Worten: Männer wie Frauen haben "den natürlichen Verkehr [...] verlassen [und] sind in ihrer Begierde zueinander entbrannt". "Sie vertauschten die Wahrheit Gottes mit der Lüge" weil sie es "nach ihrem eigenen Urteil nicht nötig hatten, Gott anzuerkennen" und "empfingen den gebührenden Lohn ihrer Verirrung an sich selbst."
C) Exakt jene vier Bereiche, die auch für die "Fremden in Israel" verboten waren (Götzenopfer, Blut und Ersticktes, Unzucht [mit allem, was dazugehört]), werden - darin im Sinne des Gesetzgebers völlig folgerichtig - auch vom Apostelkonzil (Apg 15) für die nichtjüdischen Nachfolger Jesu als einzige verbindliche Gebote des in Leviticus gegebenen Gesetzes benannt: "Denn der Heilige Geist und wir haben beschlossen, euch keine weitere Last aufzuerlegen als diese notwendigen Dinge: Götzenopferfleisch, Blut, Ersticktes und Unzucht zu meiden. Wenn ihr euch davor hütet, handelt ihr richtig." (Apg 15, 28f.) Was früher für alle, auch die Nichtjuden, galt, gilt weiterhin für alle.
D) Nach Offb 21,8 wird nichts Unreines in das neue, ewige Jerusalem, die Stadt Gottes hineinkommen: "Aber die Feiglinge und Treulosen, die Befleckten, die Mörder und Unzüchtigen, die Zauberer, Götzendiener und alle Lügner - ihr Los wird der See von brennendem Schwefel sein. Dies ist der zweite Tod." Und noch knapper: "nichts Unreines wird hineinkommen und keiner, der Gräuel [!] tut" (Offb 21,27)
  
Den neutestamentlichen Befund zusammenfassend, ergibt sich folgendes Bild:
a) Das von Gott den Juden (und den Fremden) gegebene Gesetz verbietet aufs Schärfste die Unzucht und darin auch expressis verbis das Ausleben gleichgeschlechtlicher Sexualität.
b) Jesus hat dieses Verbot bestätigt.
c) Die frühe Kirche hat dies einmütig und "im Heiligen Geist" ebenfalls bestätigt.
d) Die prophetische Beschreibung des Gerichtes Gottes in der Offenbarung des Johannes bestätigt schließlich die Folgenschwere des Gräuels der Unzucht.
Anzumerken ist hierbei noch, dass die frühen Christen sehr bald auch von den verbliebenen Speisegeboten Abschied genommen haben, was aber durchaus auf der Linie von Jesu Verkündigung liegt, wie uns der Evangelist Markus ausdrücklich nach einer wörtlichen Rede Jesu in einer redaktionellen Anmerkung mitteilt: "Merkt ihr nicht, dass alles, was von außen in den Menschen hineingeht, ihn nicht unrein machen kann? ... Damit erklärte er [Jesus] alle Speisen für rein." (Mk 7,17f.)

Manchmal wird behauptet, das Thema sei unbedeutend, weil es im Gesetz selten explizit behandelt wird (nur Lev 18). Das stimmt aber nicht. Zuweilen wird auch gegenteilig behauptet, es gäbe in der Heiligen Schrift geradezu eine Obsession mit diesem Thema. Auch das stimmt nicht: Die Bibel behandelt einfach alles was den Menschen betrifft in gebührender und ungeschönter Weise (der KKK behandelt das Thema übrigens nur in 3 von insgesamt ca. 3000 Nummern - auch hier keine Obsession).


Dieser biblische Befund mag uns erschrecken. Wir müssen uns aber immer fragen, wie ernst wir das Wort Gottes nehmen. Die ganze Heilige Schrift ist hier eindeutig. Es gibt in der gesamten Bibel keine Andeutungen, die eine andere Schlussfolgerung nahelegen als diese, dass ausgelebte Homosexualität eine schwere Sünde ist. Es gibt keine Abmilderung und keine Relativierung. Wir wissen, dass Jesus gerade bei den Themen Ehe und Sexualität die Vorschriften des Alten Testaments nie abgeschwächt, sondern oft genug sogar noch (und zwar im Sinne des Schöpfers und Gesetzgebers) verschärft hat. Als die Juden Jesus fragten "Warum hat denn Mose geboten, einen Scheidebrief zu geben und zu entlassen?" Antwortet Jesus, das Zugeständnis des Mose aufhebend und auf die Schöpfungsordnung verweisend: "Er spricht zu ihnen: Mose hat wegen eurer Herzenshärtigkeit euch gestattet, eure Frauen zu entlassen; von Anfang an aber ist es nicht so gewesen. Ich sage euch aber, dass, wer immer seine Frau entlässt, außer wegen Hurerei, und eine andere heiratet, Ehebruch begeht; und wer eine Entlassene heiratet, begeht Ehebruch." (Mt 19,7-9)
Diese herausgehobene Stellung der Sexualität ist naheliegend, wenn man bedenkt, dass der Mensch auf diese Zweisamkeit hin geschaffen wurde ("als Mann und Frau schif er sie... sie werden ein Fleisch sein") und das "erste Gebot" Gottes an den Menschen auch hier angesiedelt ist ("seid fruchtbar und mehret euch"). Sie betrifft den Menschen so existentiell wie kein anderer Bereich des Lebens - positiv wie negativ. Unsere Sexualität ist ein wesentlicher Teil unseres Weges zur Heiligkeit, zum Leben bei Gott. Jenes berüchtigte Kapitel 18 in Levitikus ist denn auch nicht nur eine Schilderung einer schweren Sünde ("Gräuel"), die es zu unterlassen gilt, es ist v.a. eine Verheißung des Lebens, dem nämlich das Verbot einzig dient. Die Unterweisung beginnt wiefolgt:
»Ich bin der HERR, euer Gott.
Nach der Weise des Landes Ägypten, in dem ihr gewohnt habt, sollt ihr nicht tun; und nach der Weise des Landes Kanaan, wohin ich euch bringe, sollt ihr nicht tun; und in ihren Ordnungen sollt ihr nicht leben
Meine Rechtsbestimmungen sollt ihr tun, und meine Ordnungen sollt ihr halten, um in ihnen zu leben.
Ich bin der HERR, euer Gott.
Und meine Ordnungen und meine Rechtsbestimmungen sollt ihr halten. Durch sie wird der Mensch, der sie tut, Leben haben.
Ich bin der HERR.« (Lev 18,2-5; vgl. Lev 19,2) 


Die Kirche wusste sich immer an diese biblischen Vorgaben gebunden. Von einer veränderten Lebenswirklichkeit kann nicht die Rede sein, denn, wie gesagt, war Homosexualität in der Welt, in der das Christentum entstand, übliche Praxis (zusammen mit Gladiatorenkämpfen, Kreuzigungen und Sklaverei...). Was heute anders ist, ist die Einstellung mancher Hirten und vieler die sich Christen nennen, zum Wort Gottes... inwiefern es noch gilt und was das für Folgen hat für unser moralisches Urteilsvermögen. Ich werde letztere Frage in einem kommenden Beitrag vertiefen (hier).
»Homosexuelle Menschen sind zur Keuschheit gerufen [wie alle anderen Menschen auch]. Durch die Tugenden der Selbstbeherrschung, die zur inneren Freiheit erziehen, können und sollen sie sich – vielleicht auch mit Hilfe einer selbstlosen Freundschaft –, durch das Gebet und die sakramentale Gnade Schritt um Schritt, aber entschieden der christlichen Vollkommenheit annähern.« (KKK 2359)


PS. Was das nunmehr in den USA eingeführte so genannte "Menschenrecht" auf gleichgeschlechtliche Ehen betrifft, nur eine kurze Notiz: Als Katholiken leben wir schon seit Langem in einer Umwelt, in der es viele Lebensverhältnisse gibt, die - staatlicherseits oder von der veröffentlichten Meinung - als "Ehe" betrachtet werden, von denen wir aber wissen, dass sie keine sind. (Oder wie sollte man das sonst bewerten, dass Zweit- und Drittehen inzwischen völlig "normal" sind?) Schon heute müssen Katholiken ihren Begriff von Ehe samantisch von dem der Mehrheit der Gesellschaft abgrenzen. Insofern wird die in absehbarer Zeit auch hierzulande kommende "Homo-Ehe" wenig Neues bringen. Und wer mit dieser Entwickklung nicht schon seit geraumer Zeit gerechnet hat, der lebt wohl in einem Schneckenhaus... natürlich musste das kommen und natürlich wird das auch bei uns bald aktuell. Eine Ablehnung seitens des Staates ist heute nicht mehr haltbar. Machen wir uns nichts vor: Gesetzesentwürfe zu Geschwisterehe (in Zeiten von ubiquitärer Verhütung und Abtreibung fällt der biologische Grund für ein Inzestverbot faktisch weg) und Vielehe ("wo Menschen Verantwortung füreinander übernehmen") sind auch schon in vielen Schubladen auf stand-by.

Früher wollten die jungen Wilden die Ehe abschaffen, heute fordern sie "für alle" die Ehe. Freilich ist das Ergebnis dieser jeweiligen Bestrebungen das Gleiche: Eine faktische Egalisierung ist nur eben ein viel effizienterer Weg zu ihrer Zerstörung als die Agitation gegen sie... damit lässt sich Mehrheit (freilich nicht: Wahrheit) herstellen...
Alles was Menschen an "Gesetzen" machen, kann auch von Menschen wieder rückgängig gemacht werden. Auch die Legalität der Abtreibung wurde in den USA einst höchstrichterlich beschlossen, aber inzwischen hat der Lebensschutz dort die Chance, der neue Mainstream zu werden!

Freitag, 3. Oktober 2014

Jesuanische Verbalinjurien

Kardinal Kasper sagte kürzlich in einem Interview (hier ist ein Ausschnitt zu sehen) das Folgende, was m.E. sein unermüdliches Verkündigenden des Evangeliums nach Kasper Bewerben seines "Evangeliums von der Familie" in den letzten Monaten wunderbar zusammenfasst: Würden wir Menschen, die nach einer Scheidung in einer zweiten Zivilehe leben, sagen, dass sie dabei Ehebruch (eine Todsünde und damit eine ernste Gefährdung des Seelenheils!) begehen, würden diese sich davon beleidigt fühlen (im Video ab 1:10). Folglich sollten wir das unterlassen.

»Wer seine Frau aus der Ehe entlässt
und eine andere heiratet,
begeht ihr gegenüber Ehebruch.
Auch eine Frau begeht Ehebruch,
wenn sie ihren Mann aus der Ehe entlässt
und einen anderen heiratet.«
(Jesus von Nazareth)


Von der Todsünde lehrt die Kirche: "Sie setzt das Wissen um die Sündhaftigkeit einer Handlung, ihren Gegensatz zum Gesetz Gottes, voraus." (KKK 1859) Bezüglich "Gesetz Gottes" vgl. obiges Zitat und das 6. Gebot des Dekalogs.
Die Lösung ist so simpel, dass man sich wundert, warum da bisher noch niemand drauf gekommen ist: Man muss nur das Wissen um die Sündhaftigkeit des jeweiligen Tuns ausrotten und schwupps, begeht niemand mehr eine Todsünde. Sünde nicht mehr Sünde nennen, dann sündigt niemand mehr.
Die Sache nicht mehr beim Namen zu nennen, die Wahrheit nicht mehr sagen zu dürfen, das erinnert nicht nur sehr stark an Orwells 1984, es erklärt auch, warum die "Diktatur des Relativismus" wirklich eine Diktatur im wahren und eigentlichen Sinne ist.

Der Kardinal erzählt uns so gerne, man dürfe das Evangelium nicht auf einen einzigen Satz (nämlich das mit dem Ehebruch) reduzieren. Richtig. Aber was, wenn solch ein Satz exemplarisch für einen entscheidenden Aspekt der Wahrheit über den Menschen steht? Man zeige mir die Stelle, an der Jesus die Sünde nicht Sünde nennt und es bei einem "ist schon ok" bewänden lässt. Jesus sagt: Ich verurteile dich nicht. Aber er sagt auch: Sündige von jetzt an nicht mehr.
Wir können nur spekulieren, was geschehen wäre (oder: ist?), wenn die ertappte Ehebrecherin trotz dieser Mahnung wiederum (und ständig) sündigte...

»Wahrlich, wahrlich, ich sage euch: Wer Sünde tut, der ist der Sünde Knecht.« (Joh 8,34)

Mittwoch, 17. September 2014

Spielverderber

Lehrer der Weisheit
»Mit wem soll ich also die Menschen dieser Generation vergleichen? Wem sind sie ähnlich? Sie sind wie Kinder, die auf dem Marktplatz sitzen und einander zurufen: Wir haben für euch auf der Flöte gespielt und ihr habt nicht getanzt; wir haben Klagelieder gesungen und ihr habt nicht geweint.
Johannes der Täufer ist gekommen, er isst kein Brot und trinkt keinen Wein und ihr sagt: Er ist von einem Dämon besessen. Der Menschensohn ist gekommen, er isst und trinkt; darauf sagt ihr: Dieser Fresser und Säufer, dieser Freund der Zöllner und Sünder!« (Lk 7,31-34)

Jesus ist Realist. Er erzählt nicht nur das Gute, Heile, Schöne, sondern er kennt und benennt auch die Sünde, die Eifersucht, den Neid, die Intrigen der Menschen. Sein Realismus, und durchaus auch seine Beobachtungsgabe, geht so weit, dass er selbst die Welt der Kinder, die er andernorts selig preist ("Wenn ihr nicht werdet wie die Kinder..."), nicht einfach rosafarben sieht und schildert.
Das Gleichnis von den spielenden Kindern (hier und in Mt 11,16-19 überliefert) ist einzigartig und in seiner Alltäglichkeit schon wieder ganz außergewöhnlich. Man hat es meist in eine von (mindestens) zwei verschiedene Richtungen ausgelegt: Einmal innerhalb des Volkes, sodann zwischen dem Volk und Gott.

1) Da sitzen Kinder auf dem Markt und wollen spielen. Die einen wollen etwas fröhliches Spielen, Musik machen und tanzen. Doch die anderen Kinder wollen nicht mitmachen. Dann wird vorgeschlagen, etwas trauriges zu Spielen, doch wiederum setzen sich die Spielverderber durch. Und am Ende spielt niemand, weil die Spielverderber allen das Spielen madig gemacht haben.
Es scheint sich darin der Widerstreit innerhalb des Volkes Israel gegenüber Jesus auszudrücken: Zuerst kommt Johannes der Täufer, doch den wollen nur wenige; dann kommt Jesus, doch den wollen noch weniger. Die Parteiungen verderben sich gegenseitig das "Spiel" und Jesus gerät in die Mühlen zwischen den einen die etwas wollen und den anderen, die nicht wollen. Und am Ende sind alle die Verlierer.
Also: Lassen wir uns nicht von den Spielverderbern reinreden, sondern halten wir uns an Gott und seine Kirche!

2) Die einen Kinder wollen etwas tun und sie verlangen, dass die anderen Kinder mitmachen. Wenn sie sich weigern, dem Willen und den Launen der Ersteren nachzukommen, werden sie gescholten. Nie kann man es ihnen recht machen, immer haben sie etwas auszusetzen und verweigern sich.
So in etwa gehen die Kinder Israels mit den Gnaden Gottes um: Sie wollen selbst bestimmen, sie wollen, dass Gott im wahrsten Sinne nach ihrer Pfeife tanzt. (Die redensart leitet sich hiervorn allerdings nicht ab; die geht auf das Motiv des "Totentanzes" zurück.) Konkret: Sie wünschen sich einen politischen Messias, der tut, was SIE im Sinn haben. Wird ihr Wille nicht erfüllt, gibt es Rüge. So wie das störrische Kind im Zorn sein Spielzeug zerbricht, wurde auch Jesus "zerbrochen".
Also: Seien wir keine Spielverderber und suchen wir nicht alles unter unseren Willen zu zwingen!

»Und doch hat die Weisheit durch alle ihre Kinder Recht bekommen.« (Lk 7,35)
Gott versucht es mit verschiedenen Mitteln. Johannes der Täufer tat es mit Furcht, rief zur Umkehr; Jesus ruft zum Glauben. Johannes sagte: "fleht um Erbarmen!" Jesus sagt "dankt für das Erbarmen!" Das Volk aber verschränkte sich in sich selbst, suchte und fand vermeintlich die Schuld bei dem, der gesandt wurde es zu erlösen.
Am Ende setzt sich die Weisheit durch. Es sind die Kinder der Weisheit, die am Ende mit dem Herrn siegen werden.

Donnerstag, 29. Mai 2014

Bleibend in den Sakramenten

»Er hörte auf, leibhaftig unter uns zu weilen, da er zur Rechten des Vaters bleiben wollte, bis die Zeiten vorübergegangen wären, die Gott im voraus für die Mehrung der Kinder der Kirche festgesetzt hatte, bis er in demselben Fleische, in dem er aufgefahren war, wieder kommen würde, um Gericht zu zu halten über die Lebenden und die Toten. Was also an unserem Erlöser sichtbar war, ist übergegangen in die Sakramente. Damit unser Glaube verdienstlicher und fester würde, ist an die Stelle der "sinnlichen Wahrnehmung" die "Lehre" getreten, deren gewichtigem Worte die von himmlischen Strahlen erleuchteten Herzen der Gläubigen folgen sollen!« (Leo der Große, Sermo 74 über die Himmelfahrt Christi)


Oder, mit einem Wort von Thomas von Aquin: Die Sakramente sind Reliquien der Menschwerdung.

Sonntag, 23. März 2014

Bußpädagogik

Die heutige Perikope aus dem Evangelium (Joh 4,5-42), das Zusammentreffen jesu mit der Samaritanerin am Jakobsbrunnen, ist so reicht, dass man mit Leichtigkeit viele Seiten füllen könnte. Schon jenes kleine Detail, dass sich Jesus an den Brunnen setzt, weil er erschöpft ist, kann Ausgangspunkt für einen theologischen Traktat sein.
es ist eigentlich traurig, dass uns heute eine so lange und inhaltlich überfüllte perikope vorgesetzt wird, da gehen die einzelaspekte, die ein sehr weites spektrum abdecken, irgendwie unter.


»Da kam eine samaritische Frau, um Wasser zu schöpfen. Jesus sagte zu ihr: Gib mir zu trinken!«
Jesus, der Heiland, tritt in das Leben ein. Was wird geschehen? Der Brunnen ist Ort des Lebens, Wasser ist Leben. In der arabischen Tradition sagt man, Jesus sei am Kreuz verdurstet.
Die Samaritaner waren eine jüdische Sekte die sich für das wahre Volk Gottes hielten. Die größte mögliche Verachtung herrschte zwischen diesen Gruppen.


»Die samaritische Frau sagte zu ihm: Wie kannst du als Jude mich, eine Samariterin, um Wasser bitten?«
Die Frau erkennt Jesus nicht, sie sieht nur den feindlichen Juden und erwartet, dass er auf sie herabblickt.

»Jesus antwortete ihr: Wenn du wüsstest, worin die Gabe Gottes besteht und wer es ist, der zu dir sagt: Gib mir zu trinken!, dann hättest du ihn gebeten, und er hätte dir lebendiges Wasser gegeben.«
Die Frau steht da vor ihm: Verwelkt, dürstend, nicht wissend, woher ihr Durst kommt und wie man ihn stillen kann. Sie hat Jesus nicht erkannt, sie hat Gott nicht erkannt.
Wonach es Jesus dürstet ist weniger das Wasser des Brunnens, sondern die Offenheit der Frau, ihr Glaube an ihn.


»Sie sagte zu ihm: Herr, du hast kein Schöpfgefäß, und der Brunnen ist tief; woher hast du also das lebendige Wasser? Bist du etwa größer als unser Vater Jakob, der uns den Brunnen gegeben und selbst daraus getrunken hat, wie seine Söhne und seine Herden?«
Der Stolz bricht durch. Der Stolz einer Samaritanerin die ihren kostbaren Brunnen verteidigt, anhand dessen sie sich identifizieren... Ist Jesus etwa größer als Jakob? Was maßt der sich an?

»Jesus antwortete ihr: Wer von diesem Wasser trinkt, wird wieder Durst bekommen; wer aber von dem Wasser trinkt, das ich ihm geben werde, wird niemals mehr Durst haben; vielmehr wird das Wasser, das ich ihm gebe, in ihm zur sprudelnden Quelle werden, deren Wasser ewiges Leben schenkt.«
Das Angebot steht, Jesus bietet ungeschminkt die Wahrheit dar.


»Da sagte die Frau zu ihm: Herr, gib mir dieses Wasser, damit ich keinen Durst mehr habe und nicht mehr hierher kommen muss, um Wasser zu schöpfen.«
Die Frauverharrt im Banalen. Sie versteckt ihre eigentliche Not, ihr Sünde vor sich selbst.

»Er sagte zu ihr: Geh, ruf deinen Mann und komm wieder her!«
 Jesus legt den Finger in die Wunde.

»Die Frau antwortete: Ich habe keinen Mann.«
Noch immer versucht die Frau ihre Not zu verbergen, sie tut es mit einer Halbwahrheit und einer Halblüge.

»Jesus sagte zu ihr: Du hast richtig gesagt: Ich habe keinen Mann. Denn fünf Männer hast du gehabt und der, den du jetzt hast, ist nicht dein Mann. Damit hast du die Wahrheit gesagt.«
Jesus verurteilt nicht die Windungen in halben Wahrheiten, sondern er zieht die reine Wahrheit aus dem Schlamassel heraus, er konfrontiert die Frau damit. Nun muss sie sich entscheiden: Lässt sie es zu, geht sie die Konfrontation mit ihrer eigenen Sünde ein oder verschanzt sie sich, läuft weg und vergräbt sich?

»Die Frau sagte zu ihm: Herr, ich sehe, dass du ein Prophet bist.«
Sie lässt sich auf Jesu Angebot ein, der Heilsweg kann beginnen...



Mit erstaunlicher psychologischer Feinfühligkeit schildert der Evangelist Johannes uns den Prozess der Bekehrung. Mit allen Widerständen, Ausflüchten, Engstirnigkeiten... Aber ebenso die Sehnsucht des Herrn, seine Hartnäckigkeit, seine schmerzende Direktheit und Kompromisslosigkeit...
Noch so viel mehr müsste man dazu schreiben... Ich lade herzlich dazu ein, diesen Weg einmal gebührend zu reflektieren und nachzufühlen!

Sonntag, 9. März 2014

Mach sie satt!

Ilya Repin - Die Versuchung Christi
In diesen unruhigen Zeiten, da manche fürchten und andere hoffen, dass sich die kirchliche Lehre an entscheidenden Punkten ändert, fühle ich mich mehr als sonst an Dostojewskis Großinquisitor erinnert.
Jene Forderungen, die Gebote zu lockern, dem Zeitgeist sich anzupassen ("das kann man doch heute nicht mehr sagen/fordern"), erinnern mich frappierend an das "Mach sie satt!" des Inquisitors; die unverbindlichen Gebote nach Wunsch sind das Brot, das Jesus nicht zu geben bereit war... und die göttlichen Gebote selbst sind die wahre Freiheit, die für die Welt bloß anstrengend und belastend, ansonsten aber "leer" erscheinen... Und wie das Brot, so wird auch die Laxheit letztlich nie Bestand haben, sondern nur den Abrgund näher bringen.
"Je mehr man das Gute tut, desto freier wird man. Wahre Freiheit gibt es nur im Dienst des Guten und der Gerechtigkeit. Die Entscheidung zum Ungehorsam und zum Bösen ist ein Mißbrauch der Freiheit und macht zum Sklaven der Sünde." (KKK 1733)

Der Großinquisitor spricht zu Jesus:

»Entscheide selbst, wer recht hatte: Du oder jener, der dich damals fragte. Erinnere dich an die erste Frage! Wenn sie auch nicht buchstäblich so lautete, ihr Sinn war doch folgender: ›Du willst in die Welt gehen und gehst mit leeren Händen, mit einem Versprechen von Freiheit, das sie in ihrer Einfalt und angeborenen Schlechtigkeit nicht einmal begreifen können, das ihnen Furcht und Schrecken einflößt – denn nichts ist jemals für den Menschen und für die menschliche Gesellschaft unerträglicher gewesen als Freiheit! Aber siehst du die Steine hier in dieser nackten, glühenden Wüste? Verwandle sie in Brot, und die Menschheit wird dir wie eine Herde nachlaufen, dankbar und gehorsam, wenn auch in steten Zittern, du könntest deine Hand von ihnen nehmen, und es hätte dann mit deinen Broten für sie ein Ende!‹ Du wolltest den Menschen nicht der Freiheit berauben und verschmähtest den Vorschlag. Denn was ist das für eine Freiheit, so urteiltest du, wenn der Gehorsam durch Brot erkauft wird? Du erwidertest, der Mensch lebt nicht vom Brot allein. Weißt du jedoch, daß sich der Geist der Erde im Namen dieses Brotes gegen dich erheben und dich besiegen wird, daß alle ihm folgen werden mit dem Ruf: ›Wer tut es diesem Tier gleich? Es gab uns das Feuer vom Himmel!‹ Weißt du auch, daß die Menschheit nach Jahrhunderten durch den Mund ihrer Weisen und Gelehrten verkünden wird, es gebe kein Verbrechen und folglich auch keine Sünde, sondern es gebe nur Hungrige? Mach sie satt, und verlang erst dann von ihnen Tugend – dies werden sie auf ihr Banner schreiben, das sie gegen dich erheben und durch das sie deinen Tempel stürzen werden. Anstelle deines Tempels wird man einen neuen Bau aufführen. Erheben wird sich erneut ein furchtbarer Turm von Babylon, und obgleich der ebensowenig wie der frühere zu Ende gebaut werden dürfte, hättest du ihn doch vermeiden und die Leiden der Menschen um tausend Jahre verkürzen können!
Zu uns nämlich kommen sie, wenn sie sich tausend Jahre mit ihrem Turm abgequält haben. Sie werden uns wieder unter der Erde suchen, in den Katakomben, in denen wir uns verborgen halten, denn wir werden wieder verfolgt und gemartert sein. Sie werden uns finden und uns zurufen: Macht uns satt! Die uns das Feuer vom Himmel versprachen, haben es uns nicht gegeben ... Und dann werden wir auch ihren Turm zu Ende bauen, denn zu Ende bauen wird ihn, wer sie satt macht. Satt machen aber werden nur wir sie, und wir werden lügen, es geschehe in deinem Namen. Oh, niemals werden sie ohne uns satt werden! Keine Wissenschaft wird ihnen Brot geben, solange sie frei bleiben – und enden wird es damit, daß sie uns ihre Freiheit zu Füßen legen und sagen: Knechtet uns lieber, aber macht uns satt! Sie werden schließlich selbst begreifen, daß Freiheit und reichlich Brot für alle zusammen nicht denkbar ist, denn niemals, niemals werden sie imstande sein, untereinander zu teilen! Sie werden auch zu der Überzeugung gelangen, daß sie niemals frei sein können, weil sie schwach, lasterhaft, bedeutungslos und rebellisch sind. Du versprachst ihnen himmlisches Brot, doch ich wiederhole: Läßt sich das in den Augen des schwachen, ewig lasterhaften und ewig undankbaren Menschengeschlechts mit dem irdischen Brot vergleichen? Und wenn dir um des himmlischen Brotes willen Tausende und aber Tausende nachfolgen, was wird dann aus den Millionen und aber Millionen jener Wesen, die nicht die Kraft haben, das irdische Brot um des himmlischen willen geringzuschätzen? Oder sind dir nur die Tausende von Großen und Starken teuer, und sollen die übrigen Millionen, zahlreich wie Sand am Meer, die Schwachen, die dich lieben, nur als Material für die Großen und Starken dienen? Nein, uns sind auch die Schwachen teuer. Sie sind lasterhaft und rebellisch, schließlich aber werden auch sie gehorsam werden. Sie werden uns anstaunen und für Götter halten, weil wir uns an ihre Spitze stellen, bereit, die Freiheit zu ertragen, vor der sie Angst haben, und über sie zu herrschen, – so schrecklich wird es ihnen schließlich vorkommen, frei zu sein. Aber wir werden sagen, wir seien dir gehorsam und herrschen in deinem Namen. Wir werden sie wieder täuschen, denn dich werden wir nicht mehr zu uns lassen. In dieser Täuschung wird jedoch auch unser Leiden liegen; denn wir werden gezwungen sein zu lügen. Das also hatte diese erste Frage in der Wüste zu bedeuten.
Das verschmähtest du um der Freiheit willen, die du höher stelltest als alles andere. Es lag in dieser Frage das große Geheimnis der Welt beschlossen. Hättest du das ›Brot‹ angenommen, so hättest du damit einem allgemeinen und ewigen menschlichen Sehnen entsprochen, dem Sehnen jedes einzelnen Menschen genauso wie dem der gesamten Menschheit, jenem Sehnen, das sich in der Frage ausdrückt: Wen soll ich anbeten? Es gibt für einen Menschen, der frei geblieben ist, keine unausweichlichere, dauerndere, quälendere Sorge, als möglichst rasch jemand zu finden, den er anbeten kann. Aber der Mensch möchte nur etwas anbeten, was bereits unbestritten ist, so unbestritten, daß sich alle Menschen zugleich zu gemeinsamer Anbetung bereit finden. Denn es ist nicht so sehr die Sorge dieser kläglichen Geschöpfe, etwas zu finden, was ich oder ein anderer anbeten kann, sondern etwas, woran alle glauben und was alle anbeten, unbedingt alle zusammen. Und eben dieses Bedürfnis nach gemeinsamer Anbetung bildet die wesentliche Qual jedes einzelnen Individuums wie der ganzen Menschheit seit Anbeginn der Zeiten. Um der gemeinsamen Anbetung willen vernichteten sie sich gegenseitig mit dem Schwert. Sie schufen sich Götter und riefen einander zu: Entsagt euren Göttern und betet unsere an – oder Tod euch und euren Göttern! Und so wird es sein bis ans Ende der Welt, selbst wenn die Götter aus der Welt verschwinden. Das macht den Menschen nichts aus, dann werden sie eben vor Götzen niederfallen.
Du kanntest dieses wichtigste Geheimnis der menschlichen Natur, es konnte dir nicht unbekannt sein. Doch du hast das einzig wirksame Banner, das dir angeboten wurde, um alle zu zwingen, dich widerspruchslos anzubeten – das Banner des irdischen Brotes –, zurückgewiesen. Hast es zurückgewiesen um der Freiheit und des himmlischen Brotes willen. Sieh dir doch an, was du getan hast! Und alles um der Freiheit willen! Ich sage dir, der Mensch kennt keine quälendere Sorge, als jemand zu finden, dem er so schnell wie möglich das Geschenk der Freiheit übergeben kann, mit dem er, dieses unglückliche Geschöpf, geboren wird. Aber nur der bekommt die Freiheit der Menschen in seine Gewalt, der ihr Gewissen beruhigt. Mit dem Brot wurde dir ein unbestrittenes Banner angeboten: Wenn du ihm Brot gibst, betet dich der Mensch an, denn nichts ist unbestrittener als das Brot. 
Doch wenn zur gleichen Zeit ohne dein Wissen jemand sein Gewissen in die Gewalt bekommt – oh, dann läßt der Mensch sogar dein Brot im Stich und folgt dem, der sein Gewissen verführt. In diesem Punkt hattest du recht. Das Geheimnis des menschlichen Seins besteht nämlich nicht darin, daß man lediglich lebt, sondern darin, wofür man lebt. Hat der Mensch keine feste Vorstellung von dem Zweck, für den er lebt, so mag er nicht weiterleben und vernichtet sich eher selbst, als daß er auf der Erde bleibt – mögen auch noch so viele Brote um ihn herumliegen. Und was war nun das Ergebnis? Statt die Freiheit der Menschen in deine Gewalt zu bringen, hast du sie ihnen noch vermehrt! Oder hattest du vergessen, daß Ruhe und sogar Tod dem Menschen lieber sind als freie Wahl in der Erkenntnis von Gut und Böse? Nichts ist für den Menschen verführerischer als die Freiheit seines Gewissens, aber nichts ist auch qualvoller. Statt dem Menschen ein für allemal feste Grundlagen zur Beruhigung seines Gewissens zu geben, hast du ihm alles aufgebürdet, was es an Ungewöhnlichem, Rätselhaftem und Unbestimmtem gibt, alles, was die Kraft der Menschen übersteigt. Du hast somit gehandelt, als ob du sie überhaupt nicht liebtest, obwohl du doch gekommen warst, um für sie dein eigenes Leben hinzugeben! Statt die Freiheit der Menschen in deine Gewalt zu bringen, hast du sie vermehrt und mit ihren Qualen das Seelenleben des Menschen für allezeit belastet. Du wünschtest freiwillige Liebe von seiten des Menschen, frei sollte er dir nachfolgen, entzückt und gefesselt von dir. Statt des festen alten Gesetzes sollte der Mensch künftig selbst mit freiem Herzen entscheiden, was gut und böse ist, und dabei nur dein Vorbild als Orientierungshilfe vor sich haben. Hast du dabei wirklich nicht bedacht, daß er schließlich sogar dein Vorbild und deine Wahrheit verwerfen und als unverbindlich ablehnen wird, wenn man ihm so eine furchtbare Last aufbürdet, wie Freiheit der Wahl? Schließlich werden die Menschen sagen, du bist nicht die Wahrheit; denn man konnte sie kaum in größerer Verwirrung und Qual zurücklassen, als du es tatest, indem du ihnen so viele Sorgen und unlösbare Aufgaben hinterließest. Auf diese Weise hast du selbst den Grund zur Zerstörung deines Reiches gelegt und darfst niemand sonst beschuldigen.«

Sonntag, 23. Februar 2014

Unerfüllbare Gebote!!

»Ihr habt gehört, dass gesagt worden ist: Du sollst deinen Nächsten lieben und deinen Feind hassen. Ich aber sage euch: Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen« (Mt 5,43-44)

Liebe wie auch Abneigung und sogar Hass, sind Emotionen, die zu uns Menschen dazugehören, weil wir Menschen nunmal notwendig in irgendeine Beziehung zu anderen Menschen treten, egal was wir tun. Auch Schweigen ist eine Form der Kommunikation, auch Ablehnung ist ein Setzen in Beziehung. Mehr noch: Es gibt diese Emotionen, diese Haltungen in der Beziehung zu anderen, für uns nur im Kontrast mit ihren Gegensätzen: Wenn ich niemals Abneigung oder Gleichgültigkeit empfinde, wie kann ich Zuneigung spühren? Dass ich jemanden aus ganzem Herzen liebe merke ich ja gerade daran, dass ich sehr viel mehr für ihn empfinde, als für alle oder die meisten anderen, mit denen ich zutun habe. Wir haben nicht nur eine einzige Emotion, sondern ein ganzes Spektrum, das bis in Gegensätze reicht.

Die Forderung, den Feind zu lieben, ist ein hölzernes Eisen, es ist ein Widerspruch in sich. Mein Feind ist doch gerade dadurch definiert, dass ich ihn nicht Liebe, wie meine Freunde gerade dadurch meine Freunde sind, dass freundschaftliche Liebe (philia) in der Beziehung herrscht. Den Feind kann ich nicht lieben, denn in dem Moment, wo ich ihn liebe, hört er auf, für mich Feind zu sein.
Nun kann man diesen unerfüllbaren, weil widersprüchlichen Anspruch auf ein "erträglicheres" Maß herunterzubrechen versuchen, und die Aussage Jesu als ein Hendiadyoin verstehen: Den Feind lieben und für die Verfolger beten, das meint eigentlich das selbe, also besteht die Erfüllung darin, für die Feinde zu beten. Aber eine solche Lösung ist wohlfeil. Beten kann ich auch für jemanden, der mir fernsteht. Beten kann ich sogar für jemanden, den ich hasse. Für jemanden zu beten kommt ohne eine direkte menschliche Beziehung aus; ich muss denjenigen, für den ich bete, nicht kennen, muss ihm nicht in die Augen sehen, mich nicht auf ihn einlassen. Liebe hingegen, verlangt genau dies!

Es gibt keine Lösung.
Dass dieser Anspruch Jesu letztlich unerfüllbar ist, war für die, die Jesus hörten, durchaus klar, zumal Jesus das auch in aller Deutlichkeit zum Ausdruck bringt:
»Ihr sollt also vollkommen sein, wie es auch euer himmlischer Vater ist.« (Mt 5,48)

Es geht bei dem Anspruch Jesu, den Feind zu Lieben, nicht um irgendeine Kasuistik. Jesus schlüsselt dieses "Gebot" nicht auf, sowenig wie er das Gebot der Nächstenliebe aufschlüsselt. Es geht nicht um die Frage, bis wohin das reicht, oder was im Einzelfall "praktisch" oder "taktisch" zu tun ist. Darum kann Jesus eine bunte Auswahl lebensnaher Beispiele nennen (Mt 5,39-42.46-47) ohne jeden Anspruch auf "Rechtssicherheit". Die Rechtssicherheit, das war genau das, was Jesus hier abschafft, nämlich das "(Ein) Auge für (ein) Auge und (ein) Zahn für (einen) Zahn". Es geht nicht um die "rechnerische" (adäquate) Erfüllung eines Gebotes.
Es geht hier um eine grundlegende Gesinnung. Eine Gesinnung die gerade darum gewährleistet und immerzu ein Anspruch und ein Ansporn bleibt, weil das ihr zugrundeliegende "Gebot" letztlich unerfüllbar ist! Wir können nicht vollkommen sein, aber wir können und sollen immerzu danach streben! [Siehe auch hier.]

Es ist traurig zu sehen, dass man diesen unlösbaren Anspruch des Evangeliums sogar in der bischöflichen Verkündigung gegenwärtig meist völlig verwässert hat. Ist etwas schwer und anspruchsvoll, scheint es gar unerfüllbar, knickt man ein und erklärt es für nicht lebensnah, nur für einige wenighe Hochleistungsspirituelle gedacht, und überhaupt und sowieso haben wir soetwas doch schon längst überwunden!
"Zurück zu Jesus" wird gerufen; "mehr Barmherzigkeit" fordert man. Man meint aber gerade nicht den Jesus, der uns vor unlösbare, ja geradezu anmaßende Ansprüche stellt. Man meint auch nicht den Jesus, für den Barmherzigkeit gegenüber dem Sünder nie um ihrer selbst willen oder gar zur Ruhigstellung des Gewissens da ist, sondern stets nur den einen Sinn hat, eine Änderung im bisherigen Leben und Verhalten (metanoia, Umkehr!) zu ermöglichen.
Aber das ist der einzige Jesus, einen anderen gibt es nicht. Es ist der Jesus, der alle an sich ziehen und zum Vater bringen will.

Wenn man die Ziele so steckt, dass sie für jeden erreichbar sind, gerät man in einen gravierenden Widerspruch zur Botschaft Christi. Wer so vorgeht, der strebt nicht zum "Haus des Vaters" (vgl. Joh 14,2) und zu seiner (wenn auch auf Erden unerreichbaren) Vollkommenheit, sondern der bastelt im gemütlichen kleinen Maßstab seine eigene Puppenstube und gibt sich zufrieden mit status quo der Sünde. Eine solche Verkündigen ist reine Selbstgerechtigkeit; was man dann Barmherzigkerit nennt, ist nicht anderes als Gönnerhaftigkeit.

»Keiner täusche sich selbst. Wenn einer unter euch meint, er sei weise in dieser Welt, dann werde er töricht, um weise zu werden. Denn die Weisheit dieser Welt ist Torheit vor Gott. In der Schrift steht nämlich: Er fängt die Weisen in ihrer eigenen List.« (1Kor 3,18-19)