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Samstag, 15. März 2014

Über den Wunsch nach besonderen Gnaden


(Angeregt von hier.) In Zeiten von allerlei Erscheinungen und Privatoffenbarngen (samt gewisser Ausartungen etwa in Međugorje), von denen ich durchaus kein Fan bin und als Katholik auch nicht zu sein brauche (vgl. KKK 67), ist es sinnvoll, sich an die großen Autoritäten in Sachen Mystik und Aszese zu wenden, die Gott seiner Kirche geschenkt hat. Die wohl wichtigsten Lehrer in dieser Sache sind sicherlich jene Karmeliten die wir nicht nur als Heilige, sondern auch als Kirchenlehrer verehren.

Johannes vom Kreuz schreibt über den Wunsch nach übernatürlichen Gnadenerweisen, Erscheinungen, Visionen, Entrückungen, Privatoffenbarungen etc. (Aufstieg zum Berg Karmel, II. Buch, 22. Kapitel, Abschnitte 5-7; vgl. auch die Kapitel 18-20):
»Wer deshalb jetzt noch Gott befragen oder eine Vision oder Offenbarung von ihm wünschen wollte, beginge nicht nur eine Dummheit, sondern er würde Gott eine Beleidigung zufügen, weil er seine Augen nicht ganz und gar auf Christus richtet, ohne noch etwas anderes oder Neues zu wollen. Gott könnte ihm nämlich folgendermaßen antworten und sagen: Wenn ich dir doch schon alles in meinem Wort, das mein Sohn ist, gesagt habe und kein anderes mehr habe, was könnte ich dir dann jetzt noch antworten oder offenbaren, was mehr wäre als dieses? Richte deine Augen allein auf ihn, denn in ihm habe ich dir alles gesagt und geoffenbart, und du wirst in ihm noch viel mehr finden, als du erbittest und ersehnst. Du bittest nämlich um innere Ansprachen und Offenbarungen über Teilbereiche, doch wenn du deine Augen auf ihn richtest, wirst du es im Ganzen finden, denn er ist meine ganze Rede und Antwort, er ist meine ganze Vision und Offenbarung. Das habe ich euch schon gesagt, geantwortet, kundgetan und geoffenbart, als ich ihn euch zum Bruder, zum Gefährten und Lehrmeister, als Lösegeld und Lohn gab. Denn seit dem Tag, als ich auf dem Berg Tabor mitmeinem Geist auf ihn herabkam, und sagte Hic est filius meus dilectus, in quo mihi bene complacui, ipsum audite, das heißt: Dieser ist mein geliebter Sohn, an dem ich mein Wohlgefallen habe; auf ihn höret! habe ich meine Hand von all jenen Arten von Unterweisungen und Antworten zurückgezogen und sie ihm gereicht. Hört auf ihn, denn ich habe nicht noch mehr Glauben zu offenbaren, noch mehr Dinge kundzutun. Denn wenn ich früher sprach, war es, weil ich Christus verhieß, und wenn sie mich befragten, erbaten und erhofften sie mit ihren Fragen Christus, in dem sie alles Gute finden sollten, wie es jetzt die ganze Lehre der Evangelisten und Apostel zu verstehen gibt. Wer mich jetzt aber noch nach jener Methode befragen sollte und sich wünschte, daß ich zu ihm spreche oder ihm etwas offenbare, der würde mich gewissermaßen ein zweites Mal um Christus bitten und mich um mehr Glauben bitten, während er in dem, der in Christus bereits geschenkt ist, versagte. Und so würde er meinem geliebten Sohn schweres Unrecht zufügen, denn er würde damit nicht nur im Glauben versagen, sondern er zwänge ihn, nochmals Fleisch anzunehmen und sein erstes Leben und Sterben durchzustehen. Du wirst nichts finden, was du von mir erbitten, noch was du an Offenbarungen oder Visionen von mir ersehnen könntest. Schau ihn dir nur gut an, denn dort in ihm wirst du all das schon getan und gegeben finden, und noch viel mehr. 
Wenn du möchtest, daß ich dir mit einem Trostwort antworte, dann schau auf meinen Sohn, mir ergeben und aus Liebe zu mir hingegeben und gepeinigt, und du wirst sehen, wie viel er dir antwortet. Wenn du möchtest, daß ich dir manches verborgene Schalten und Walten erkläre, dann richte deine Augen allein auf ihn, und du wirst die verborgensten Geheimnisse und Weisheit und Wunder Gottes finden, die in ihm verschlossen sind, wie mein Apostel sagt: In quo sunt omnes thesauri sapientiae et scientiae Dei absconditi. Das ist: In diesem Sohn Gottes sind alle Schätze von Gottes Weisheit und Wissen verborgen (Kol 2,3). Diese Schätze der Weisheit sind für dich viel tiefer und köstlicher und nützlicher als das, was du wissen wolltest. Ihrer rühmte sich daher derselbe Apostel, als er sagte, daß er nichts anderes zu verstehen gegeben hatte noch anderes wisse als nur Jesus Christus, und zwar als den Gekreuzigten (1 Kor 2,2). Und wenn du noch andere gottgewirkte oder leibliche Visionen und Offenbarungen möchtest, dann schau auf ihn, der sogar Menschengestalt annahm, und du wirst darin mehr finden als du denkst. Denn der Apostel sagt weiter: In ipso habitat omnis plenitudo divinitatis corporaliter. Das will sagen: In Christus wohnt die ganze Fülle der Gottheit in leiblicher Gestalt (Kol 2,9). 
Also ist es nicht angemessen, Gott jetzt noch auf jene Weise zu befragen, noch ist es notwendig, daß er spricht, denn da er in Christus den Glauben in seiner Fülle endgültig ausgesagt hat, ist kein weiteres Glaubensgut mehr zu offenbaren, noch wird es das je wieder geben. Wer also jetzt noch irgendetwas auf übernatürlichem Wege empfangen wollte, würde, wie wir gesagt haben, in Gott einen Mangel bemerken, daß er nämlich in seinem Sohn nicht alles in ausreichendem Maß gegeben hätte. Denn selbst wenn er bei diesem seinem Tun auch den Glauben voraussetzt und daran festhält, so ist es dennoch Neugierde aus zu geringem Glauben. Von daher darf man auf übernatürlichem Weg keinerlei Belehrung oder sonst etwas erwarten.«

Auch Theresa von Avila hat dieses Thema mit großer Weisheit und Umsicht durchaus kritisch behandelt (Innere Burg, 6. Wohnung, 9. Kapitel, Abschnitte 14-16; vgl. auch Kapitel 8):
»Einen großen Gewinn erlangt die Seele durch diese Gnade des Herrn, und der ist, dass sie sich, sobald sie an ihn oder an sein Leben oder seine Passion denkt, an sein überaus sanftes und wunderschönes Antlitz erinnert, was ein riesiger Trost ist, wie wir ihn ja auch hier in größerem Maße haben, wenn wir einen Menschen, der uns viel Gutes tut, gesehen haben, als wenn wir ihn nie kennen gelernt hätten. Ich sage euch, dass eine so köstliche Erinnerung sehr tröstlich und hilfreich ist. Sie bringt noch viele weitere Güter mit sich; da aber über die Auswirkungen, die diese Dinge haben, schon so viel gesagt wurde und noch mehr zu sagen ist, will ich mich damit nicht ermüden und auch euch nicht müde machen, sondern nur sehr darauf hinweisen, dass ihr Gott niemals darum bitten noch von ihm wünschen solltet, euch auf diesem Weg zu führen, falls ihr erfahrt oder hört, dass er den Seelen diese Gnaden erweist.
Auch wenn er euch genau richtig vorkommen mag, und man ihn auch hochachten und in Ehren halten soll, so ist das aus folgenden Gründen doch nicht angebracht: Erstens, weil es ein Mangel an Demut wäre, wenn ihr wolltet, dass euch gegeben wird, was ihr niemals verdient habt, und von daher glaube ich, dass wer immer sich das wünscht, nicht viel davon hat. Denn so wie ein einfacher Bauer weit davon entfernt ist, sich nach der Königswürde zu sehnen, weil es ihm unmöglich erscheint, da er sie nicht verdient, genauso weit weg ist es ein demütiger Mensch von dergleichen Dingen. Und ich glaube auch, dass sie ihm niemals geschenkt werden, denn zuvor gibt der Herr eine tiefe Selbsterkenntnis, die diese Gnaden verursacht. Denn wie wird einer, der solche Gedanken hegt, in Wahrheit erkennen, dass ihm eine sehr große schon dadurch zuteil wird, da er nicht in der Hölle gehalten wird? Zweitens, weil es ganz sicher ist, dass er sich einem Betrug oder doch großer Gefahr aussetzte, da der Böse nicht mehr braucht als nur eine kleine Tür offen zu sehen, um uns tausenderlei Dinge vorzugaukeln. Drittens, die eigene Einbildung, also die Person selbst, bringt sich, wenn ein starker Wunsch da ist, in ihrem Erkennen so weit, dass sie sieht und hört, was sie sich wünscht, genauso wie es denen, die tagsüber mit Lust auf etwas umhergehen und viel daran denken, passiert, dass es ihnen im Traum unterkommt. Viertens ist es eine große Dreistigkeit, wenn ich den Weg wählen wollte, ohne zu wissen, welcher mir mehr zusagt, statt es dem Herrn – der mich ja kennt – zu überlassen, mich auf dem, der zu mir passt, zu führen, damit ich in allem seinen Willen tue. Meint ihr vielleicht, fünftens, dass diejenigen, denen der Herr solche Gnaden erweist, nur wenige Prüfungen zu erleiden hätten? Nein, riesengroße und von vielerlei Art! Was wisst ihr, ob ihr fähig seid, sie zu ertragen? Sechstens, dass ihr nicht durch eben das, wodurch ihr zu gewinnen meint, verliert wie Saul, obwohl er König war (1 Sam 15,10f.).  
Und schließlich, Schwestern, gibt es, abgesehen von diesen, noch weitere Gründe; glaubt mir, dass es am sichersten ist, nur zu wollen, was Gott will, der uns besser kennt als wir selbst und uns liebt. Geben wir uns in seine Hände, damit sein Wille an uns geschehe, und wir werden nicht irren können, wenn wir mit entschlossenem Willen uns immer daran halten. Ihr solltet auch bedenken, dass man deshalb, weil man viele solcher Gnaden empfangen hat, keine größere Herrlichkeit verdient, denn dafür ist man mehr verpflichtet zu dienen, weil man ja mehr empfängt. Da, wo man mehr verdient, nimmt uns der Herr nichts weg, da das in unserer Hand liegt; und so gibt es viele heilige Menschen, die nie erfahren haben, was es heißt, eine von jenen Gnaden zu empfangen, und andere, die sie empfangen, es aber nicht sind. Und glaubt nicht, dass das ständig so ist, denn für das eine Mal, das sie der Herr erweist, gibt es ganz viele Prüfungen, und so denkt die Seele gar nicht daran, ob sie noch mehr erhalten wird, sondern wie dafür zu dienen.«

Samstag, 11. Januar 2014

Erinnerung der herrlichen und lieblichen Gegenwart Gottes


Gott ist gegenwärtig. Lasset uns anbeten
Und in Ehrfurcht vor ihn treten.
Gott ist in der Mitte. Alles in uns schweige
Und sich innigst vor ihm beuge.
Wer ihn kennt,      Wer ihn nennt,
Schlag die Augen nieder;
Kommt, ergebt euch wieder.

Gott ist gegenwärtig, dem die Cherubinen
Tag und Nacht gebücket dienen.
Heilig! heilig! singen alle Engel-Chören,
Wann sie dieses Wesen ehren.
Herr, vernimm      Unsre Stimm,
Da auch wir Geringen
Unsre Opfer bringen.

Wir entsagen willig allen Eitelkeiten,
Aaller Erdenlust und Freuden;
Da liegt unser Wille, Seele, Leib und Leben
Dir zum Eigentum ergeben.
Du allein      sollst es sein, 
Unser Gott und Herre,
Dir gebührt die Ehre.

Majestätisch Wesen! Möcht ich recht dich preisen
Und im Geist dir Dienst erweisen!
Möcht ich wie die Engel immer vor dir stehen
Und dich gegenwärtig sehen!
Lass mich dir      für und für
Trachten zu gefallen,
Liebster Gott, in allem.

Luft, die alles füllet! drin wir immer schweben,
Aller Dinge Grund und Leben,
Meer ohn Grund und Ende! Wunder aller Wunder!
Ich senk mich in dich hinunter.
Ich in dir,      Du in mir,
Lass mich ganz verschwinden,
Dich nur sehn und finden.

Du durchdringest alles: lass dein schönstes Lichte,
Herr, berühren mein Gesichte.
Wie die zarten Blumen willig sich entfalten
Und der Sonne stille halten,
Lass mich so,      Still und froh,
Deine Strahlen fassen
Und dich wirken lassen.

Mache mich einfältig, innig, abgeschieden,
Sanft und still in deinem Frieden;
Mach mich reines Herzens, dass ich deine Klarheit
Schauen mag in Geist und Wahrheit;
Lass mein Herz      Überwärts
Wie ein' Adler schweben
Und in dir nur leben.

Herr, komm in mir wohnen, lass mein' Geist auf Erden
Dir ein Heiligtum noch werden;
Komm, du nahes Wesen, dich in mir verkläre,
Dass ich dich stets lieb und ehre.
Wo ich geh,      Sitz und steh,
Lass mich dich erblicken
Und vor dir mich bücken.

(Gerhard Tersteegen, † 1769; im neuen Gotteslob ist dieses Gedicht des Pietisten Tersteegen mit allen acht Strophen in einer leicht modifizierten Fassung und mit einer Melodie von Joachim Neander enthalten - ich habe es bisher im Gotteslob schmerzlich vermisst!)

Dienstag, 15. Januar 2013

Wohin schaust du?

Mosaik in Sant'Apollinare in Classe, Ravenna (6. Jhd.)
Der Philosoph Erich Przywara unterscheidet in einer Betrachtung drei "Orte", denen der Christ sich in seiner Gottesbeziehung je zuwendet: 
- Bethlehem
- Golgota
- Ostern

Ihnen entsprechen: 
- Kindschaft
- Leid (Aufopferung)
- Freiheit

Montag, 27. August 2012

Notizen zur christlichen Mystik

Im Rahmen des Katechetischen (s. Label), was ich hier ab und an zu schreiben gedenke (vgl. Jahr des Glaubens), bisher aber erst zweimal getan hab. Diesmal aus einem Text, den ich vor scheinbar ewigen Zeiten einmal für jemanden schrieb. Das war grad am Beginn meines Theologiestudiums, ich bitte daher, Ungenauigkeiten zu Entschuldigen. ;)

Für Außenstehende, so auch für mich, bevor ich katholisch wurde, erscheint die Katholische Kirche bzw. der Katholizismus als Religion unheimlich verkopft, trocken, verstaubt und emotionslos. "Mystisch" war das letzte Wort, das ich damit in Verbindung gebracht hätte.
Bald lernte ich aber, dass das Herzstück des Katholischen, die Eucharistie, kondensierte, greifbare Mystik ist... "Mystik zum anfassen" (nur dass ich die Handkommunion bald schon unterließ, als ich mehr darber lernte); "Mystik scheibchenweise".

Gerade für Protestanten ist es oft interessant zu wissen, dass „protestantisch“ und „mystisch“ meistens (mit sehr wenigen Ausnahmen, wie etwa Dietrich Bonhoeffer) tatsächlich als Gegensätze betrachtet werden, und zwar hauptsächlich von den Protestanten selbst!
Adolf von Harnack, wohl der bedeutendste protestantische Theologe im späten 19. und beginnenden 20. Jahrhundert, schreibt im dritten Band von seinem Lehrbuch der Dogmatik folgendes: "Die Mystik ist die katholische Frömmigkeit überhaupt" (Hervorhebung von Harnack); ein Mystiker der nicht Katholik sei, so Harnack, sei "ein Dilettant" (1910, 434). "Die Mystik", so Harnack weiter, "wird man niemals protestantisch machen können, ohne der Geschichte und dem Katholizismus ins Gesicht zu schlagen" (ebd., 436). Bei Harnack ist die Mystik immerhin noch recht positiv gewertet, aber eben nicht Teil des Protestantismus. Bei Karl Barth, dem "evangelischen Kirchenvater des 20. Jahrhunderts" klingen die Töne schon anders; er betrachtet die Mystik als einen "Abfall von Gott" und sein Kollege Emil Brunner (den ich ansonsten durchaus zu schätzen weiß) stellt die Protestanten vor die Wahl: "Entweder die Mystik oder das Wort Gottes" (für einen Protestanten, für den ja dieses Wort, die Bibel, die einzige und höchste Autorität ist, sola scriptura, eine leichte Wahl).

Luther selbst und einige seiner Zeitgenossen waren noch deutlich mystischer Geprägt (Thomas Müntzer wäre hier zu nennen und besonders Jakob Böhme, der große Philosoph). Luther studierte u.a. in Klöstern, die sich der "devotio moderna" verschrieben hatten, einer im 14. Jahrhundert aufkeimenden mystischen Erneuerungsbewegung die bis Heute in der Kirche ihren Platz hat (z.B. die "Brüder vom gemeinsamen Leben"; die "Nachfolge Christi" von Thomas von Kempen ist auch eine Frucht davon). Diese mystischen Prägungen gingen aber leider Gottes ähnlich schnell verloren wie alles andere, was Luther noch an "Katholischem" beibehielt.

Was nun die Katholiken anlangt, liegt der Anfangs zitierte Harnack m.E. ziemlich richtig mit seiner Einschätzung, denn die Mystiker hatten, besonders im Mittelalter und in der frühen Neuzeit, einen ganz enormen Einfluss auf den Werdegang und die Identität der Kirche. Katharina von Siena war nicht nur "die größte Frau der Christenheit" (glaubt man den Italienern), sondern sie war wohl auch eine der größten Mystikerinnen. Sie hatte sich nach eigenen Aussagen in einer Vision mystisch mit Jesus vermählt und hat mit ihm ihr Herz getauscht (ein sehr bekanntes Motiv in der Kunst; die "Herz-Jesu Mystik" ist noch Heute recht weit verbreitet).
Andere wichtige und bekannte Persönlichkeiten sind z.B. der Heilige Franz von Sales, Franziskus von Assisi, Ignatius von Loyola, Teresa von Avila, natürlich Hildegard von Bingen und Meister Eckhart und Juan de la Cruz. Letzterer wurde, als der tiefe Mystiker der er war, 1926 sogar zum Kirchenlehrer ernannt, was durchaus eine bedeutende Auszeichnung ist, gab es doch in den 2000 Jahren der Kirchengeschichte nur 33 Menschen, die den Titel "Kirchenlehrer" zuerkannt bekamen; unter ihnen erstaunlicherweise auch einig Frauen (z.B. die erwähnte Katharina) und weitere Mystiker(innen).
Tatsächlich ist es so, dass man die Kirche als den "mystischen Leib Christi" bezeichnet. Und das ist keine fromme Floskel  (vgl. Röm 12,5)! In der frühen Kirche bezeichnete man auch die Eucharistie als "mystischen Leib Christi".

Grundsätzlich lässt sich konstatieren, dass der erste christliche Mystiker wohl Jesus selbst gewesen ist, der tatsächlich so etwas wie eine "Christusmystik" gelehrt hat. Ich denke da z.B. an die vielen Ermahnungen, die Menschen sollen ihn Lieben, mit ihm und in ihm "eins sein", sein "Fleisch essen" etc. Jesus betet zum Vater: "Wie du, Vater, in mir bist und ich in dir, so sollen auch sie in uns sein" (Joh 17,21). Wenn das keine Mystik ist, weiß ich auch nicht... Überhaupt redet die Bibel oft oft vom himmlichen "(Hochzeits)Mahl" (Offb 3,20; 19,9) und die ganze Bibel ist durchzogen von dem Bild, dass Gott (der Bräutigam), sich mit den Menschen (der Braut) vermählt (oft mit Jerusalem als Symbol für die Menschheit): "Wie der junge Mann sich mit der Jungfrau vermählt, so vermählt sich mit dir dein Erbauer. Wie der Bräutigam sich freut über die Braut, so freut sich dein Gott über dich." (Jes 62,5; vgl. Offb 21,2) So groß ist die Liebe! Das "Hohelied der Liebe" im Alten Testament wird auch in aller Regel so verstanden (ganz besonders schöne Passage: Hl 4,1-15). Auch die Hoffnung der Urchristen richtet sich auf "die Ankunft Jesu Christi, unseres Herrn, und unsere Vereinigung mit ihm" (2Thess 2,1).
Wie angesichts dieses Befundes irgendein Christ nicht Mystiker sein kann oder will, ist mir schleierhaft.

Der genannte Johannes vom Kreuz († 1591) ist besonders für seine intensive Vermählungsmystik bekannt.
Hier mal ein Beispiel aus seiner mystischen Lyrik:
Lebend'ges Liebesfeuer, 
Das mit so süßem Leide 
Verwundet meiner Seele tiefsten Gründe! 
Vollend, und diesen Schleier 
- Hast ja an Stolz nicht Freude -
Zerreiß in Huld, daß jede Trennung schwinde.


Die Vermählungsmystik ist gewissermaßen der Kulminationspunkt aller christlichen Mystik. Doch es geht noch weiter.
Nicht nur versteht sich die christliche (katholische) Kirche als "mystischer Leib Christi", auch das Leben in dieser Kirche ist nur so durchsetzt von Mystik.
Bestes Beispiel hierfür sind die Sakramente der Kirche, die ihr Leben und Wirken in höchstem Maße verwirklichen. Diese Sakramente werden verstanden als "aus der Seite Jesu entsprungen"; jene Seite, die bei der Kreuzigung mittels einer Lanze durchbohrt wurde und aus der Blut und Wasser (= die Sakramente der Kirche) flossen (Joh 19,34). Das an sich ist schonmal ein mystisches Symbol (die Wunde als Quelle der Gnaden, als Quelle der Kirche). Wenn man jetzt aber noch bedenkt, dass in der orthodoxen Tradition das, was wir im Westen als "Sakramente" kennen, mit dem Wort "Mysterium" bezeichnet wird (synonym!), sollte jedem klar sein, wo Mystik in der Kirche zu finden ist... überall!
Und das bringt uns zurück zur Vermählungsmystik: Das ganze Leben und Wirken der Kirche, sei es in den Sakramenten, sei es außerhalb (z.B. in der Mission oder der Caritas), zielt letztlich ja auf dieses Hineingenommenwerden in Gott ab. Die Sakramente geben dabei in überfließendem Maße Anteil an dieser "Ausrichtung" und verwirklichen sie.
Wenn der Katholik zur "Kommunion" geht, geschieht das nicht von ungefähr, denn er tritt dadurch in die Gemeinschaft, "communio", mit Gott ein. Und nun ist es ja so, dass nach katholischem Glauben dieses Brot und dieser Wein den man dort empfängt, in seiner (metaphysischen) Substanz gar nicht mehr Brot und Wein ist, sondern Leib und Blut Christi! Es handelt sich also um eine geradezu substanzielle (leibliche) Anteilnahme an Gott (Jesus Christus) selbst.

Wichtig hierbei ist nun aber, dass wir den Unterschied zwischen der fernöstlichen Mystik und der christlichen Mystik festhalten. Diese beiden unterscheiden sich nämlich fundamental.
Während in der östlichen Mystik (und ebenso in sämtlicher Esoterik) die Methode, die Technik (oder Praktik) essentiell ist; die entscheidende Instanz für das "Gelingen" des mystichen Weges also der einzelne Mensch selbst ist (der Meditierende ist also, so widersinnig das klingt, der Akteur, der sich selbst mystisch zu entrücken sucht), gibt es im christlichen Verständnis nur bedingt etwas, was der Mensch zur Erlangung mystischer Erfahrungen beitragen kann. Das hängt freilich (logischerweise) damit zusammen, dass es im Christentum ja ein personales (und treues!) Gegenüber gibt. Das Ziel ist nicht ein das Individuum auflösendes Nirvana, sondern das Hineingenommensein in Gott, das ewige Leben in der Gemeinschaft mit ihm. Dieser Gott, der jeden von uns beim Namen ruft (s.o.), ist der Akteur. Das wird aus den Ursprüngen umso klarer: Gott hat sich Offenbart und zu den Menshen gesprochen. Er hat uns zuerst geliebt. Jesus gründet seine Forderung nach Liebe darauf, dass er es zuerst getan hat: "Liebt einander! Wie ich euch geliebt habe, so sollt auch ihr einander lieben." (Joh 13,34)
Der "Vorteil" dabei ist, dass diese Gottesbeziehung jeden Menschen in gleicher Weise angeht. Während man im Buddhismus schon ein eheloser Mönch sein muss, um sich ganz auf die Perfektionierung der richtigen Technik konzentrieren zu können, kommt der Gott, wie ihn die Christen kennen, jedem Menschen entgegen und will jeden zu sich ziehen und in sich hineinnehmen. Nach katholischem Verständnis (und sogar im Kirchenrecht in Form eines Gleichheitsgrundsatzes festgeschrieben), herrscht nicht nur bei der, jedem Menschen eigenen Würde Gleichheit unter den Gläubigen, sondern auch in ihren Tätigkeiten: das was ein beliebiger Laie tut ist nicht weniger wert als das, was ein Priester, ein Bischof oder ein Papst tut. Ist auch folgerichtig, denn es ist ja Gott, der anspricht und befähigt.
Diese erste Initiative Gottes ist der Grund, warum so viele Heilige ihre größten Gottesbegegnungen erlebten, noch bevor sie überhaupt zu ihrem "heiligmäßigen" Leben fanden. Oder konkreter: Das ist der Grund, warum es soetwas wie eine Bekehrung gibt: Der Anruf Gottes, der jeden Menschen unbedingt und unmittelbar angeht, wird gehört und beantwortet.
Die christliche Mystik ist im wahrsten Sinne also für jeden da, ist grundlegendes Moment katholischer Praxis (v.a. in den Sakramenten) und ist begründet auf der Hinwendung Gottes zu uns und seinem Anklopfen an unsere Pforten.

In der Lebensbeschreibung des Heiligen Franziskus wird Folgendes berichtet, als er in der Nähe der verlassenen S. Damiano Kirche vorüberging: "Er trat vom Geiste geführt ein, um zu beten, und warf sich demütig und voll Hingabe vor dem Gekreuzigten Nieder. Da ward er von ungewohnten Heimsuchungen des Geistes betroffen und fühlte sich ganz anders, als er eben noch bei seinem Eintritt gewesen." Daran schließt sich die Vision des sprechenden Kreuzes an.
Diese kurze Passage zeigt, wie das mystische Erleben im Christentum vonstatten gehen kann: Es ist nicht das eigene Können, das eigene Engagement von Bedeutung. Der Mensch bringt sich (in seiner Freiheit!) dar, öffnet sich in Demut und Hingabe für das Wirken des Höchsten, sodass dieser es ist, der antreibt und durch den Menschen handelt ("im Geiste"). Das Höchste der Mystik ist freilich die unmittelbare Gottesschau oder andere Formen der Einung mit Gott, wie eben die erwähnte mystische Vermählung.

Nicht nur ist nach den Berichten großer Heiliger (Mystiker, Kirchenlehrer) das ganze Leben des Christen ein mystisches Hinwenden zu Gott, es ist dadurch freilich auch ein Kampf, denn unsere Schwachheit hält uns viel zu oft davon ab, diesem Ruf zu folgen. So warnt uns denn auch Jesus ausdrücklich, uns nicht von den Sorgen des Alltags (Lk 21,34) abhalten zu lassen, von dem beständigen Streben nach der (mystischen) Vereinigung mit ihm...
"Die Mystik ist die katholische Frömmigkeit überhaupt"...