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Samstag, 9. Oktober 2021

Jesus auf Augenhöhe?

Recht bekannt ist diese koptische Ikone, die Christus und den Abbas Menas zeigt.

Die Darstellung erfreut sich keiner geringen Beliebtheit, um damit Gottes "Freundschaft" zu uns Menschen auszudrücken. Schau her, sagt man uns: Wir sind mit Gott auf Augenhöhe!

Man sollte allerdings generell vorsichtig damit sein, moderne westliche Maßstäbe und Konventionen an eine 1200 Jahre alte ägyptisch Bildsprache anzulegen, damit baut man sich Luftschlösser, verfehlt aber eher die eigentliche Botschaft des Bildes. Ich musste mir das Lachen verkneifen, als mir das Bild vor einer Weile wieder einmal mit der begeisterten Beteuerung der Augenhöhe vorgestellt wurde: Vor Jesus sollten wir nicht knien, sondern aufrecht stehen, schließlich sei Gott Mensch geworden, um mit uns auf Augenhöhe zu kommen. Wie ein guter Freund legt er sogar seinen Arm um uns.

Ähem... Ja... Ja, die beiden Figuren schauen sich ganz dezent gegenseitig an, aber wenn man genau hinsieht, dann fällt auf, dass Jesus hier überhaupt nicht auf Augenhöhe mit Menas steht: Seine Augen, ja seine ganze Statur liegen deutlich höher, was durch den höher gesetzten Nimbus noch betont wird.

Die Hand, die Christus auf die rechte Schulter des Menas legt ist auch weniger eine Geste der Freundschaft ("Kumpel-Christus"), sondern sie zeigt klar das Verhältnis zwischen Herr und Untergebenem an. Manche Forscher deuten die Geste auch als Vorstellung: Der Heilige Abt wird von Christus dem Volk als Vorbild vorgestellt. In Jedem Fall gibt es aber eine klare Hierarchie: Christus nimmt ihn an, beschirmt ihn und stellt ihn dem Betrachter vor, wodurch der Heilige gewissermaßen auch beauftragt wird, Vorbild zu sein. Die Hierarchie wird auch daran deutlich, dass der Abbas auf Christus hinweist: um diesen geht es. Und während der Abbas nur eine kleine, kaum erkennbare Schriftrolle hält, trägt Christus einen großen verzierten Codex, d.h. Menas ist nur ein Fünklein, Christus ist die Sonne. Dieser Christus ist schließlich auch offenkundig in die edleren Kleider gehüllt und damit klar als höherstehend, genauer: als Herrscher ausgewiesen, denn er trägt den königlichen Purpur, während Menas eher erdfarben daherkommt.

Was das In-den-Arm-nehmen angeht: Die Umarmung durch Christus findet andernorts in der christlichen Ikonographie Ausdruck, aber auch dort hat sie nichts Kumpelhaftes; vgl. meinen Beitrag HIER dazu.

"Freund Gottes" ist ein Status, der den Heiligen vorbehalten ist und den wir auf Erden noch erringen müssen, denn wir haben im Ungehorsam, d.h. durch die Sünde, die paradiesische Freundschaft Gottes verloren (vgl. 4. Hochgebet; KKK 374). Das Angebot dieser Freundschaft ist in der Menschwerdung, sowie in Tod und Auferstehung Jesu an alle Menschen ergangen (Gott redet "aus dem Übermaß seiner Liebe die Menschen wie Freunde an und verkehrt mit ihnen", Dei Verbum 2), aber sie müssen diese Einladung auch annehmen - und bewahren: "Gott zeigt seine Allmacht darin, dass er uns von unseren Sünden bekehrt und durch die Gnade wieder zu seinen Freunden macht." (KKK 277) Auch die "Freundschaft" des Paradieses, die Gott uns neu anbietet, und die wir annehmen sollen, bleibt asymmetrisch, unvergleichbar jeder menschlichen Freundschaft, denn Christus bleibt der Herr und Herrscher, Gott bleibt Gott:

»Gott hat den Menschen nach seinem Bilde geschaffen und in seine Freundschaft aufgenommen. Als geistbeseeltes Wesen kann der Mensch diese Freundschaft nur in freier Unterordnung unter Gott leben. Das kommt darin zum Ausdruck, dass den Menschen verboten wird, vom Baum der Erkenntnis von Gut und Böse zu essen, „denn sobald du davon isst, wirst du sterben“ (Gen 2, 17). Dieser „Baum der Erkenntnis von Gut und Böse“ erinnert sinnbildlich an die unüberschreitbare Grenze, die der Mensch als Geschöpf freiwillig anerkennen und vertrauensvoll achten soll. Der Mensch hängt vom Schöpfer ab, er untersteht den Gesetzen der Schöpfung und den sittlichen Normen, die den Gebrauch der Freiheit regeln.« (KKK 396)

"Freunde Gottes" sind in der Bibel Ausnahmegestalten wie Abraham (vgl. Jes 41,8), indirekt auch Mose (vgl. Ex 33,11), oder besonders Fromme Menschen (vgl. Ps 60,7; 127,2). Im Neuen Testament wird wiederum nur Abraham als "Freund Gottes" gewürdigt (vgl. Jak 2,23), die Christen werden nie als "Freunde Gottes" beschrieben und Jesus wird nie als Freund verkündet, sondern stets als "Herr" (vgl. hier). Abt Menas kann als Freund Gottes bzw. Jesu betrachtet werden, insofern er die Herrlichkeit des Himmels bereits erlangt hat (vgl. KKK 1023). Uns wird er darum von Jesus als Vorbild vorgestellt, dem wir nacheifern sollen, damit auch wir diese Freundschaft wiedererlangen in unserer Ergebung in den Willen des Herrn. Das ist vielleicht die - realistische, christliche - Botschaft dieser Ikone.

Sonntag, 12. Januar 2014

Theophanie gegen den Tod


»Kaum war Jesus getauft und aus dem Wasser gestiegen, da öffnete sich der Himmel, und er sah den Geist Gottes wie eine Taube auf sich herabkommen. Und eine Stimme aus dem Himmel sprach: Das ist mein geliebter Sohn, an dem ich Gefallen gefunden habe.« (Mt 3,16-17)
Das Fest der Taufe Jesu ist im orthodoxen Verständnis die eigentliche Epiphanie bzw. Theophanie, weil hier Jesus als Sohn Gottes, als Messias offenbar wird.
Ebenfalls in der orthodoxen Tradition, wird der Jordan, in dem Jesus getauft wird, üblicherweise (fast) schwarz dargestellt, denn obgleich hier Gott selbst unter uns offenbar wird, geschieht dies doch in genau der Niedrigkeit und Bedrückung, in der wir, denen Er sich zugesellt, stehen. Weswegen Johannes bekanntermaßen in Ihm das Lamm Gottes erblickt, Jesaja paraphrasierend:
»Wie ein Lamm, das man zum Schlachten führt, und wie ein Schaf angesichts seiner Scherer, so tat auch er seinen Mund nicht auf. Durch Haft und Gericht wurde er dahingerafft, doch wen kümmerte sein Geschick? Er wurde vom Land der Lebenden abgeschnitten und wegen der Verbrechen seines Volkes zu Tode getroffen.« (Jes 53,7-8)

In der Taufe kündigt sich Sein Geschick an,  der schwarze Jordan zeigt uns den Schlund des Todes. So sind denn auch "wir alle, die wir auf Christus Jesus getauft wurden, auf seinen Tod getauft worden" (Röm 6,3).
So stoßen also am heutigen Fest die Extreme aneinander: Die Offenbarung des herrlichen Gottes, der seinen Geist sendet und seinen Sohn bezeugt (vgl. die Lesung von Gestern, 1. Joh 5,9: "denn das ist das Zeugnis Gottes: Er hat Zeugnis abgelegt für seinen Sohn"), aber dieser Sohn kommt in unser Ungemach.
Es ist darum auch nicht verwunderlich, wenn der direkt an die heutige Perikope anschließende Satz lautet: "Dann wurde Jesus vom Geist in die Wüste geführt; dort sollte er vom Teufel in Versuchung geführt werden." (Mt 4,1). Der Geist, den Gott sandte, ist nicht dazu da, alles bequem und herrschaftlich zu gestalten. Im Gegenteil: Es ist dieser Geist, der Ihn Seinen Weg, Seiner Sendung folgend, führt, und dieser Weg muss Ihn ganz hinab, ganz zu den Verlorenen, zu uns, führen.

Gott kommt ganz zu uns, er begegnet unserem Tod mit seiner Gnade. Eine Theophanie, eine Herabkunft Gottes in unser Tränental. Und Er holt uns da heraus. So mag es denn Gott gefallen, wenn es schließlich für uns heißt: Kaum sind wir auf Ihn getauft und aus dem Tal des Todes gestiegen, da öffnet sich der Himmel für uns, sodass wir Gott in der Vollendung sehen können.

Mittwoch, 1. Januar 2014

So sollt ihr die Israeliten segnen

‏ברכת כהנים‎, birkat kohanim
Weil es heute die erste Lesung ist.

Falls sich schonmal jemand gefragt hat, warum auf jüdischen Grabsteinen oft die typische Handhaltung zum vulkanischen Quasi-Segenswunsch "live long and prosper" ("lebe lang und erfolgreich"), wie man sie oft in Star Trek beobachten kann, abgebildet ist: Das hat nichts mit Star Trek zu tun. 

Es ist die (allerdings dann mit beiden Händen ausgeübte) typische Handhaltung beim Sprechen des Aaronitischen Segens. Ich frage mich, ob der Schöpfer von Star Trek, Gene Roddenberry, obwohl er kein Jude war, sich davon hat inspirieren lassen...


Der Herr sprach zu Mose:
Sag zu Aaron und seinen Söhnen:
So sollt ihr die Israeliten segnen; sprecht zu ihnen:
  
Der Herr segne dich und behüte dich.
Der Herr lasse sein Angesicht über dich leuchten und sei dir gnädig.
Der Herr wende sein Angesicht dir zu und schenke dir Heil.  
So sollen sie meinen Namen auf die Israeliten legen und ich werde sie segnen.


Wir sollten häufiger segnen!

Donnerstag, 26. Dezember 2013

Der Herr der Töpfe und Pfannen


Herr der Töpfe und Pfannen,
ich habe keine Zeit,
eine Heilige zu sein
und Dir zum Wohlgefallen
in der Nacht zu wachen,
auch kann ich nicht meditieren
in der Morgendämmerung
und im stürmischen Horizont.

Mache mich zu einer Heiligen,
indem ich Mahlzeiten zubereite
und Teller wasche.
Nimm an meine rauen Hände,
weil sie für Dich
rau geworden sind.

Kannst Du meinen Spüllappen
als einen Geigenbogen gelten lassen,
der himmlische Harmonie
hervorbringt auf einer Pfanne?
Sie ist so schwer zu reinigen
und ach, so abscheulich!

Hörst Du, lieber Herr,
die Musik, die ich meine?
Die Stunde des Gebetes ist vorbei,
bis ich mein Geschirr
vom Abendessen gespült habe,
und dann bin ich sehr müde.

Wenn mein Herz noch am Morgen
bei der Arbeit gesungen hat,
ist es am Abend schon längst
vor mir zu Bett gegangen.
Schenke mir, Herr,
Dein unermüdliches Herz,
dass es in mir arbeite statt des meinen.

Mein Morgengebet
habe ich in die Nacht gesprochen
zur Ehre Deines Namens.
Ich habe es im voraus gebetet
für die Arbeit des morgigen Tages,
die genau dieselbe sein wird
wie heute.

Herr der Töpfe und Pfannen,
bitte darf ich Dir
anstatt gewonnener Seelen
die Ermüdung anbieten,
die mich ankommt
beim Anblick von Kaffeesatz
und angebrannten Gemüsetöpfen?

Erinnere mich an alles,
was ich leicht vergesse;
nicht nur um Treppen zu sparen,
sondern, dass mein
vollendet gedeckter Tisch
ein Gebet werde.

Obgleich ich Martha-Hände habe,
hab' ich doch ein Maria-Gemüt,
und wenn ich die schwarzen Schuhe putze,
versuche ich, Herr,
Deine Sandalen zu finden.
Ich denke daran,
wie sie auf Erden gewandelt sind,
wenn ich den Boden schrubbe.

Herr, nimm meine Betrachtung an,
weil ich keine Zeit habe für mehr.
Herr, mache Dein Aschenbrödel
zu einer himmlischen Prinzessin;
erwärme die ganze Küche
mit Deiner Liebe
und erleuchte sie mit Deinem Frieden.

Vergib mir, dass ich mich absorge,
und hilf mir, dass mein Murren aufhört.
Herr, der Du das Frühstück am See
bereitest hast, vergib der Welt,
die da sagt: "Was kann denn
aus Nazareth Gutes kommen?"

(Gedicht: Teresa von Avila zugeschrieben; Bild: Francisco de Zurbarán)

Zurbarán, 1664 gestorben, war fast ein Zeitgenosse Teresas von Avila. Während sich die Niederländer jener Zeit darauf spezialisierten Blumen zu malen, malten die Spanier Küchenutensilien... eine das Alltägliche nicht verachtende Aufmerksamkeit scheint hier ein gemeinsamer Nenner zu sein.
Das Kind, das wir dieser Tage in der Krippe erblicken, in nicht mehr zu überbietender Banalität und "Erdnähe" also, mag ein Wink sein auf den Ort, wo wir Gott nicht nur nicht vergessen, sondern getrost auch suchen sollen. Der Futtertrog im Stall ist nicht nur ärmlich, er ist v.a. irdisch. Gott tritt ganz in diese Welt... das Mindeste, was wir tun können, ist, ihn nicht bloß im geistlich Verklärten und ungemein bodenlos Überhöhten, sondern zu allererst in eben dieser Welt zu suchen, in all ihrer Stupidität und scheinbaren Gottesferne.
Gott wird Mensch um uns zu erlösen. Um Ihm anzugehören müssen wir also selbst erstmal Menschen sein, bevor wir Erlöste sein können! 

Sonntag, 24. November 2013

Christus König

Das Königtum Christi durchzieht Jesu ganzes Leben. Es begegnet uns in den Evangelien wieder und wieder... und sodann auch im Kirchenjahr.
Ein paar Beispiele.


Weihnachten: Die Weisen huldigen dem König mit Gold, Weihrauch und Myrrhe:
»Als sie den Stern sahen, wurden sie von sehr großer Freude erfüllt. Sie gingen in das Haus und sahen das Kind und Maria, seine Mutter; da fielen sie nieder und huldigten ihm. Dann holten sie ihre Schätze hervor und brachten ihm Gold, Weihrauch und Myrrhe als Gaben dar.« (Mt 2,10-11)

Taufe Jesu: Johannes sagt über die hohe Würde dessen, der nach ihm kommt:
»Nach mir kommt einer, der ist stärker als ich; ich bin es nicht wert, mich zu bücken, um ihm die Schuhe aufzuschnüren.« (Lk 1,7)

Palmsonntag: Das Volk empfängt den rechtmäßigen Erben des Königs David:
»Viele Menschen breiteten ihre Kleider auf der Straße aus, andere schnitten Zweige von den Bäumen und streuten sie auf den Weg. Die Leute aber, die vor ihm hergingen und die ihm folgten, riefen: Hosanna dem Sohn Davids! Gesegnet sei er, der kommt im Namen des Herrn. Hosanna in der Höhe!« (Mt 21,8-9)

Karfreitag: In seiner Passion wird er als König verhöhnt und als vermeintlicher Aufrührerkönig gehängt:
»Dann flochten sie einen Kranz aus Dornen; den setzten sie ihm auf und gaben ihm einen Stock in die rechte Hand. Sie fielen vor ihm auf die Knie und verhöhnten ihn, indem sie riefen: Heil dir, König der Juden! [...]
Über seinem Kopf hatten sie eine Aufschrift angebracht, die seine Schuld angab: Das ist Jesus, der König der Juden.« (Mt 27,29.37)

Christi Himmelfahrt: Nach seiner Auferstehung, begibt sich Jesus auf den Königsthron zur Rechten des Vaters:
»Nachdem Jesus, der Herr, dies zu ihnen gesagt hatte, wurde er in den Himmel aufgeommen und setzte sich zur Rechten Gottes.« (Mk 16,19-20)

Christkönig: Am Ende der Zeiten wird er wiederkommen in königlicher Herrlichkeit:
»Danach wird das Zeichen des Menschensohnes am Himmel erscheinen; dann werden alle Völker der Erde jammern und klagen und sie werden den Menschensohn mit großer Macht und Herrlichkeit auf den Wolken des Himmels kommen sehen. Er wird seine Engel unter lautem Posaunenschall aussenden und sie werden die von ihm Auserwählten aus allen vier Windrichtungen zusammenführen, von einem Ende des Himmels bis zum andern.« (Mt 24,30-31)


Vor allem in der orthodoxen Tradition, seltener im Westen, gibt es eine Darstellung des Königtums Christi, die für uns recht ungewohnt ist: Wir sehen einen Thron, auf dem niemand sitzt. (Bild: Basilika Santa Maria Assunta, Venedig)
In der Antike war es ein weit verbreiteter Brauch, bei Versammlungen für den Abwesenden König oder Kaiser den Thron leer zu lassen oder bei religiösen Kulthandlungen einen Stuhl für die Gottheit zu reservieren, damit diese, unsichtbar, etwa an einem Mahl teilnehmen konnte. Die Christen haben diesen Brauch ikonographisch übernommen, jedoch ließen sie den Thron nicht leer. Vielmehr thront das Evengelienbuch auf ihm.
Hinter bzw. über dem Thron, bildkompositorisch also dort, wo eigentlich das glorreich bekrönte Antlitz des Thronenden sein müsste, befindet sich das Kreuz sowie die übrigen Folterwerkzeuge der Passion, flankiert von Engeln. Es ist die Thronbereitung. Manchmal noch, wie auch hier, mit Adam und Eva in anbetender Prostratio (analog zur Befreiung der Stammeltern aus der Unterwelt in der orthodoxen Osterikone).

Natürlich sind nicht die Folterwerkzeuge, allen voran das Kreuz, das "Thronende", sondern andersherum: Das Kreuz ist der eigentliche Thron dessen, für den in dieser Darstellung der Thron bereitet wird (die Darstellung ist daher auch eng verknüpft mit der Himmelfahrt). Christus ist auch König am Kreuz und durch das Kreuz. So hat der Schächer völlig recht, wenn er sagt:
»Jesus, denk an mich, wenn du in deine Königsherrschaft kommst.« (Lk 23,42)

Und Jesus kann ihm in Vollmacht antworten:
Amen, ich sage dir: Heute noch wirst du mit mir im Paradies sein.« (Lk 23,42-43)

Die Folterwerkzeuge sind zu Siegeszeichen geworden; statt des geschmähten Verurteilten, ziert ein Lorbeerkranz das Kreuz.
Ich habe absichtlich in der obigen Auflistung dem Fest Christkönig den Text über die Wiederkunft Christi zugeordnet (obwohl es nach der Leseordnung die Kreuzigung nach Lukas ist), denn Christkönig ist ein eschatologisches Fest. Christi Wiederkunft in Vollmacht ist es letztlich, worauf uns dieses Fest, gerade aufgrund der Tatsache, dass es das Ende des liturgischen Jahres markiert, verweist: Nachdem wir im Verlauf des Kirchenjahres immer wieder mit der Königswürde des Christus konfrontiert wurden, mal subtil, mal herrlich, bleibt nun "am Ende", der Ausblick ins Ewige, das Herinbrechen wird mit seiner Wiederkunft auf den Wolken des Himmels.


מרנא תא 
Komm, Herr Jesus!

Samstag, 14. September 2013

Folterinstrument

Paul Fryer - Pieta
Die Allgegenwart des Kreuzes, auch in meiner Wohnung hängt in jedem Zimmer eines, mag uns abstumpfen, uns vergessen lassen, worum es sich dabei handelt. Darum finde ich dieses Kunstwerk überaus bemerkenswert: Ein maltretierter Körper (aus Wachs, dem von Grünewald nachempfunden) auf einem elektrischen Stuhl. Ein Mensch, unschuldig, geschlagen, getreten, bespuckt, gefoltert, getötet. 
Hätte Jesus heute gelebt, wäre er auf dem elektrischen Stuhl hingerichtet worden.

»Im Kreuz ist Heil, im Kreuz ist Leben, im Kreuz ist Hoffnung.«
Aber ist uns auch ab und an mal bewusst, dass das Kreuz ein Folterinstrument ist? Das Kreuz sagt uns nicht nur, dass Gott die Liebe ist, dass er sich für uns gibt und wir darum jauchzen können. Das Kreuz sagt uns auch, was wir Menschen Ihm, der uns liebt, angetan haben und jeden Tag weiter antun... nicht nur "die da" in Syrien, sondern wir, hier, heute, vorhin! 
Freut euch: Der Tod, der am Kreuz siegte, wurde am Kreuz besiegt!

Samstag, 24. August 2013

Über die Verfassung der Kirche

Auferstehung zum Gericht, untere Zeile oben.
Habe heute meine Wahlbenachrichtigung zur Bundestagswahl bekommen... Aus diesem Anlass: Auf ein Wort bzgl. Demokratie in der Kirche!

Meist führe ich etwaige Pfarrerinitiative, Kirchenvolksbegehren und andere Erscheinungen auf einen Mangel an Bildung zurück. Etwa in dem Sinne, dass die Leute, obzwar sie häufig Theologen sind, oft einfach "nicht wissen", wie es sich verhält, z.B. bei der Frage der sakramentalen Weihe von Frauen. "Es geht nicht." Dieses Faktum gilt es zu wissen.

Ich meine aber inzwischen, dass es nicht so sehr ein Bildungsdefizit ist, das für das ganze Debakel mit diesen Initiativen verantwortlich ist. Zwar "auch", aber nicht ursächlich.

Viel näher am Ursprung scheint mir ein grundsätzliches Unbehagen und eine generelle Ablehnung dessen zu sein, was die Kirche ist und wie sie verfasst ist.
Die Kirche ist eine "ständehierarchisch organisierte Anstalt zum Zwecke der Heilsvermittlung". Das heißt also, dass sie 1. hierarchisch, 2. in Ständen verfasst und 3. ihr ganzer Sinn und Zwek das Heil der Seelen ist.
Diese Verfasstheit, die eine göttliche Stiftung und damit unabänderlich ist, wird von solchen Leuten, die, wie gesagt, oftmals Theologen sind und folglich über diese Tatsachen belehrt wurden, abgelehnt. Folgerichtig wird dann natürlich auch die rechtliche Struktur der Kirche abgelehnt.

Anders als etwa im Recht des Deutschen Staates, fallen im kirchlichen Recht Gleichwürdigkeit und Gleichberechtigung nicht zusammen. Jeder Katholk besitzt die Gleiche Würde vor Gott, aber nicht jeder Katholik hat die gleichen Rechte und Pflichten. Das mag man bedauern, ist aber nicht zu ändern (s. Hierarchie).
Kirchliche Gesetze sind keine "Grundrechte" die jedem Menschen durch seine Geburt zukommen, sondern es sind "Gemeinrechte", die dem Getauften im Hinblick auf die Gemeinschaft zukommen. Während das weltliche Recht den einzelnen Bürger und seine Individualität vor dem Staat schützen soll, indem es Letzteren bindet, soll das kirchliche Recht die Kirche, also die Gemeinschaft der Gläubigen schützen und den Einzelnen auf die Gemeinschaft hin binden. Weltlich besehen ist die Freiheit des Individuums also das oberste Ziel, in der Kirche ist es die Freiheit des Einzelnen auf die Kirche hin, d.h. auf die Verwirklichung seiner Persönlichkeit in, mit und durch die Kirche, nie aber getrennt von ihr ("Ein Leib in Christus"). Ist die weltliche Freiheit des Einzelnen etwas, das individuell gefunden und gestaltet werden muss, so wird die Freiheit des Katholiken objektiv vorgefunden. Hat der Einzelne gegenüber dem Staat, aufgrund seiner Geburt, die ihn zu einem Individuum macht, das Recht, dessen Eingriffe abzuwehren, seine (z.B. sozialen) Leistungen zu beanspuchen und an seiner Willensbildung teilzunehmen, so hat der Katholik seine Rechte und Pflichten aufgrund der Taufe, die ihn zum Glied im organischen Gefüge der Kirche macht, ihn aber nicht als Individuum konstituiert. (Sowohl das Vat II. als auch der CIC kennen den Terminus "Individuum" nicht!)

Die Hierarchische Verfasstheit der Kirche ist unaufgebbar, denn die Suprematie Gottes ist unüberwindbar. Die Kirche lehrt mit der Autorität Christi ("wer euch hört, hört mich") und kann darum nicht "demokratisch" sein. Als der Herr seine große Eucharistierede in Joh 6 schloss, ließt er nicht darüber abstimmen, ob das so O.K. war oder nicht, sondern er ließt die, denen es nicht gefiel, weggehen. Das was ist, nämlich die Wahrheit, ist unabänderlich und muss angenommen oder verworfen werden ("euer Ja sein ein Ja, euer Nein ein Nein"); es steht nicht zur Abstimmung.

Wenn einzelne Priester und Bischöfe die Verfasstheit der Kirche mit Füßen treten und sich in jeder Hinsicht mit allen anderen gleichmachen wollen, ist das nur zutiefst zu bedauern. Sie spielen etwas vor, was es nicht gibt. So wie Mann und Frau naturnotwendig unterschieden sind, so sind es in der göttlichen Verfasstheit der Kirche Kleriker und Laien.


Es ist sehr bedauerlich, dass ausgerechnet Leute, die sehr wohl über die Verfasstheit der Kirche bescheid wissen, die Menschen darüber belügen. Sie gaukeln etwas vor, stellen die Kirche als eine Institution dar, deren Recht und Verfassung so oder so ähnlich funktionieren wie die eines Staates. Dabei ist die Kirche mit jeder weltlichen Instanz unvergleichlich und völlig anders strukturiert - und zwar aufgrund göttlicher Einsetzung! Sie ist mit keinem politischen System vergleichbar sondern etwas ganz und gar Eigenes und Schönes. Man wünscht eine "Freiheit von der Hierarchie", ähnlich der Freiheit von der staatlichen Obrigkeit, und vergisst dabei, dass diese Hierarchie im Dienste der Wahrheit und damit im Dienste des Heils unserer Seelen eingesetzt ist. Der weltlichen "Freiheit vom Staat" entspricht in der Kirche nur die "geistliche Freiheit zur Gemeinschaft"!
Die gottgewollte hierarchische Verfassung der Kirche ist übrigens Glaubenssatz.

Die Rechte der Glieder der Kirche sind keine Freiheitsrechte und können es nie sein, egal wie oft soetwas herumgebrüllt wird. Unsere Rechte sind Gliedschaftsrechte die uns die Freiheit geben, unsere Pflichten gegenüber Gott und der Gemeinschaft der Gläubigen zu erfüllen, sie dienen nicht der uneingeschränkten Selbstverwirklichung.

Es ist ein ebenso radikaler wie verkehrter Individualismus am Werk, bei dem jeder nur das Eigene durchsetzen will... weil zufällig einige manchmal das gleiche Wollen, kommen dann "Initiativen" und "Volksbegehren" (oder Piusbrüder) dabei heraus. Aber eigentlich sind es alles Egomanen, die nur so lange zusammenarbeiten, wie es ihren bloß eigenen Wünschen nützlich ist. Eine solche Haltung hat in der Kirche nichts zu suchen. Die Kirche, der Leib Christi, besteht im Zusammenhalt und in der Unterordnung aller unter den einen Herrn Jesus Christus. In einer guten Kirchenrechtsvorlesung lernt man sehr schnell, dass das Grundwort in der Kirche nicht "Ich" ist, wie etwa im Staat, sondern "Wir". Das mag "totalitär" anmuten, ist es ja auch insofern, weil Gott, auf den hin das alles veranstaltet wird und der es selbst so instituiert hat, "total" ist und wir ihm "total" (gesamt, gänzlich, ganz) angehören sollen.

Es sind die Verdammten, die, jeder für sich, in die Verdammnis gehen. Die "Heiligen" aber, sind diejenigen, die einander beistehen, die sich gegenseitig helfen und sich dabei auch einander unterordnen. Der Weg zum Heil ist ein gemeinschaftlicher Weg, der in die Verdammnis ein monadischer.
Sehr schön ist das im Tympanon des Westportals des Freiburger Münsters bei der Auferstehung der Toten dargstellt: Die Seligen linker Hand helfen einander aus dem Grab und halten sich bei der Hand, während bei den Verdammten zur Rechten jeder für sich ist und als Erstes seine Grabplatte allein wuchten muss...
Die Kirche ist wesentlich communio und wesentlich hierarchisch. Wer das nicht akzeptiert, sollte einsehen, dass er es nicht ändern kann und sich damit anfreunden, oder sich einen anderen "Verein" suchen.

Donnerstag, 9. Mai 2013

Segen für die Welt


»Und während er sie segnete, verließ er sie und wurde zum Himmel emporgehoben« (Lk 24,51)

In der orthodoxen Bildtradition, wird der gen Himmel entrückte Herr, entsprechend des Berichts im Lukasevangelium, mit einem Segensgestus dargestellt.

Der Segen, eine Sakramentalie, ist inniger Bestandteil des Lebens eines jeden Christen. Nicht nur in der schon fast abgedroschenen Formel, er solle "ein Segen sein" für die Welt, sondern auch ganz konkret im Segenspenden.
Wir sollen segnen. Die Brautleute einander, Eltern ihre Kindern...
Der Segen ist ein erstklassiger Widerspruch gegen die Privatisierung von Religion, gegen das Einsperren des Heiligen in der Kirche. Das Leben des Christen soll dieses Christsein wiederspiegel, soll die Welt um sich verchristlichen.
Das Segnen bewirkt ähnlich wie die Sakramente am Menschen eine Weihe (im weiteren Sinn), eine "Gottesweihe". Es hilft dabei, eine entsprechende Gesinnung zu entwickeln und danach zu wirken: Segen für die Welt.
Der Segen ist immer Weitergabe von göttlicher Gnade, er ist nie eigenes Tun, nie ein Geben aus Eigenem. Der Segen macht Christus, den Erhobenen, gegenwärtig, denn Er ist es, der durch uns segnet. Jeden, Spender und Emfänger, trifft der Segen nach seinem Vermögen. Segnen geschieht immer mit oder in dem Namen Gottes. Und dieser Name ist (wirk)mächtig! Segnen geschieht im Zeichen des Kreuzes, jenes Folterinstruments, das zum Thron Gottes wurde.

Bei all den Diskussionen um neue (überflüssige) Ämter für Frauen und beim Blick auf das gierige und blinde Verlangen Einiger nach eine sakramentalen Weihe, von der sie allem Anschein nach nicht einmal wissen, worum es geht, täte es bitter Not, die Würde des Christen wieder zu entdecken, die sich nicht in ehrenamtlicher Tätigkeit erschöpft, die aber genausowenig durch "Ämter" ausgefüllt werden kann. Die Berufung des Christen ist seine "intime" Beziehung zu Gott und die Anteilnahme am dreifachen Amt Christi, das er tagtäglich zu verwirklichen hat. Das Geschenk einander segnen zu können ist, neben dem Beten für einander, vielleicht die größte Gabe, mit der wir Menschen einander helfen können uns und die ganze Schöpfung zu Gott hinzuwenden.

Christus segnet uns, damit wir diesen Segen weitertragen. Christus segnet uns; auch so erfüllt sich das Wort: "Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt."

Samstag, 27. April 2013

Bankrott

Um für die Diözesanversammlung in Freiburg Platz zu machen, wurde für die dauer von 1,5 Wochen eine komplette Pfarrei evakuiert. Zur Linken kann der geneigte Leser betrachten, mit welchem kunsthistorischen Schmuckstück sich die Vertriebenen dieser Tage konfrontiert sehen. Es ist die Universitätskirche (Jesuitenkirche) in Freiburg. 
Sieht man von dem eher dürftigen und recht lieblos neben dem Tabernakel stehen gelassenen Vortragekreuz ab, gibt es nirgends in dieser Kirch ein Kreuz, weder fest oder als Teil oder Verzierungen anderer Austattungsgegenstände, noch mobil (nicht einmal auf dem Altar während der hl. Messe). In der Sakrtistei gibt es ein Kreuz (ohne Corpus), das wars.
Es ist eine überaus verstörende Kirche, die im Wesentlichen ein Gefühl hervorruft: Unwohlsein. Bei meinem ersten Besuch in dieser Kirche blieb ich nur ca. 2 Minuten, dann überrollte mich die Depression und ich kehrte an die frische Luft zurück. Seit dem stelle ich mir amüsiert vor, wie die monströse "Keule" in der Apsis mit viel Getöse auf den Hackblockaltar herunterkracht... (übrigens ist die gesamte Ausstattung nicht nur hässlich, sondern auch in fast jeder Hinsicht ganz außerordentlich unpraktisch, störend... sowohl für die an der Liturgie beteiligten, wie auch für das gläubige Volk).

Wie um alles in der Welt soll dieser Ort Suchenden Halt geben?
Wie soll hier die Gegenwart Gottes erfahrtbar werden?
Wie soll man sich hier etwa zum Priestertum und der Ganzhingabe an Gott inspirieren lassen?
Wo ist hier Schönheit, Freude, Hoffnung?
Ein weißer Raum, ein Stahlträger an dem eine riesige "Nagelkeule" hängt, ein menschlicher Torso ohne Arme und mit Cartoon-Füßen, ein paar Holzhocker.


Der Beste Kommentar zu diesem schrecklichen Ort erreichte mich vorhin per Mail:
»Die christliche Kunst aller Zeiten kannte unterschiedliche Ausdrucksformen. Doch immer beruhte sie auf jenen Motiven, auf denen die gesamte Schöpfung beruht: auf Harmonie und Schönheit. In ihrer darstellenden Form bemühte sie sich, der Wahrheit des Dargestellten
gerecht zu werden.

[...] 
Wenn der Sinn der christlichen Kunst in der Verherrlichung Gottes und der Heiligen und in der erbauenden Betrachtung der Gläubigen liegt, dann kann man hier in dieser Abwendung von der Schönheit und gottgegebenen Harmonie und Ordnung nur von einer gewaltigen Fehlleistung sprechen. Oder um es ein wenig spitz zu formulieren: ein Kunstwerk, das sich in einer Kirche befindet, muss auch den einfältigsten Menschen noch erfreuen, selbst wenn er nicht fähig ist, die tiefere Symbolik darin zu erkennen...«
(P. M.F.)

Wie passend wäre es gewesen, würde die Diözesanversammlung an diesem Ort tagen. Die Kirche ist farblos, bar jeder Schönheit... und Jesus hat keine Arme. Er ist eigentlich gar kein Mensch, denn er hat kein Gesicht. Es ist auch kein Gott da, denn der alles dominierende babylonisch-senkrechte Stahlträger gehört zum Gipfel menschlicher Zivilisation, menschlichen Machens.
Diese Kirche steht für mich schon sehr lange sinnbildlich für alles das, was in der Kirche (und in der Theologie) falsch läuft. Dieser Tage, da 150 Meter nebenan dem Atheismus gehuldigt wird und Gottes Zorn erfleht zu werden scheint, wird mir das umso schmerzlicher bewusst. Wer die Gestaltung dieser Kirche verbrochen hat, will jene Kirche, die der Leib Christi ist, genauso behandeln... er will sie, so drängt sich der dringende Verdacht auf, euthanasieren.

Montag, 8. April 2013

Maria und der Engel

»Der Engel trat bei ihr ein und sagte: Sei gegrüßt, du Begnadete, der Herr ist mit dir.
Sie erschrak über die Anrede und überlegte, was dieser Gruß zu bedeuten habe. Da sagte der Engel zu ihr: Fürchte dich nicht, Maria; denn du hast bei Gott Gnade gefunden.«
 

(Aus dem Evangelium vom Tag)

Es findet sich in dieser Szene eine Spannung, die nicht wirklich aufzulösen ist: Einerseits kommt der Engel, Bote Gottes, Stimme Gottes, zu Maria und löst zu Recht Schrecken aus (wobei das griechische Wort an dieser Stelle, diatarassomai, eigentlich nur soviel wie "verwirren" bedeutet). Der Himmel Bricht ein und das Ewige tritt hervor. In vielen modernen Darstellungen dieser Szene, wird das Übergewicht des Göttlichen daher sehr betont, Maria scheint oft erdrückt, von dem Ereignis überwältigt. Das ist die eine Perspektive.

Zugleich aber geschieht hier kein autoritativer Akt, kein Befehl Gottes an sein Geschöpf. Das Gegenteil scheint der Fall zu sein. Die "alten" Darstellungen zeigen daher sehr oft den Engel merkbar "unter" Maria. Die Stimme Gottes in der Person des Engels scheint hier oft regelrecht als Bittsteller bei Maria. Hier erfährt man die Größe Gottes gerade in dieser Demut und in dem Respekt vor der Freiheit des Menschen. Denn Gott drängt sich eben nicht auf; der Engel bäumt sich nicht in aller Herrlichkeit vor der kleinen "Magd" auf. Zugleich stellt diese Darstellung der verdemütigten Haltung des Engels doch auch ein Bekenntnis zur Gottheit Jesu dar: Wenn das Kind, das Maria empfangen soll, wirklich Gott ist, dann ist Maria in einzigartiger Weise Tempel und Ort der Gegenwart Gottes. Wie befremdlich würde da eine herrscherische, dominierende Engelsgestalt wirken!



Gänzlich schön bist du, Maria,
Und kein Urmakel ist an dir.
Du bist der Ruhm Jerusalems,
Du bist die Freude Israels,
Du bist die Ehrenträgerin unseres Volkes,
Du bist der Sünder Anwältin.
O Maria!
Weiseste der Jungfraun all,
Gütigste der Jungfraun all,
Bitte für uns.
Bitte für uns bei unserm Herrn Jesum Christum!

(Antiphon, 9. Jhd.)

Freitag, 5. April 2013

Unvollständiger Bildersturm

Es macht mich immer sehr traurig zu betrachten, was die Reformation gerade auch an künstlerischen und architektonischen Schätzen vernichtet hat. Das fängt an bei gräßlich zermeißelten gotischen Sakramentsnischen und geht bis zu der Zerstörung ganzer Gewölbe und Kreuzgänge.

Umso schöner ist es da, wenn man selbst in protestantischen Hochburgen noch katholische Reste ausfindig machen kann. Heute war ich zum ersten Mal seit meinem Katholischwerden im Basler Münster und siehe da: Der wunderbar restaurierte Schlusstein in der Hauptapsis zeigt die Krönung der mit Leib und Seele in den Himmel aufgenommenen Gottesmutter Maria (s. Bild).
Von unten ist das nicht recht zu erkennen, aber vom (nicht öffentlich zugänglichen und merkwürdigerweise mit alten Bänken vollgestellten) Triphorium aus!

Schön sind auch immer wieder die "versteckten" katholischen Reste, die zuweilen wohl auch aufgrund von Unkenntnis nicht zerstört wurde (z.B. Einhörner, die für die seligste Jungfrau stehen).

Montag, 1. April 2013

Kulturgüter der Kirche

Hochaltar im Breisacher Münster
(Bild ist dankbar geklaut von Pro Spe Salutis
)
1994 verabschiedete die Deutsche Bischofskonferenz gemeinsam mit der "Päpstlichen Kommission für die Kulturgüter der Kirche" ein kleines nettes Papier das als "Charta der Villa Vigoni" bezeichnet wird und "Zum Schutz der kirchlichen Kulturgüter" dienen soll (als PDF hier zu finden).

Darin steht zu lesen: 

»1. Die Kufturgüter der Kirche sind der stärkste Ausdruck der christlichen Tradition, die von unzähligen Generationen von Gläubigen gelebt worden ist. Als solche stellen sie einen wesentlichen Teil des kulturellen Erbes der Menschheit dar. In gleicher Weise sind sie Manifestationen der Zuwendung Gottes zum Menschen wie des menschlichen Strebens zu Gott. Sie sind Zeugnisse der Identität und der Tradition der Völker.«

Und weiter unten:

»4. Insbesondere muß die Katholische Kirche ihre Kulturgüter als wesentliche Quelle und wichtiges Instrument ihrer pastoralen Tätigkeit zur Reevangelisierung der heutigen Welt betrachten.«

Das klingt schön. Und bedeutend.
Aber etwas juckt bei der Lektüre... und es kam mir gestern wieder in den Sinn, nachdem ich in einem schönen levitierten Hochamt gedient hatte:
Seit geraumer Zeit schon wurmt es mich, dass gerade die wohl begüterte Kirche in Deutschland so sehr bemüht ist, jede wahre liturgische Erneuerung nicht nur dergestalt zu deckeln, dass man die Einführung des neuen Messbuches künstlich bis in alle Ewigkeit verzögert und ein in dieser Hinsicht einfach nur peinliches halbgares und lächerlich zerstückeltes neues Gesangbuch herausbringt, sondern auch dahingehend, dass die nun wieder völlig freigestellte überlieferte Form des römischen Ritus in fast allen Diözesen totgeschwiegen oder sogar mehr oder minder offen gegängelt wird.

Ist denn nicht auch die Liturgie ein Kulturgut?
Da liegt der Hase im Pfeffer: Bei allem Gerede und allem Papier, in dem sich die deutsche Kirche mit "Kulturgütern" beschäftigt, redet sie, auch im oben zitierten Dokument, immer nur von "beweglichen und unbeweglichen Kulturgütern", niemals jedoch von immateriellen Kulturgütern. (2003 hat die UNESCO eine Konvention "Zum Schutz des immateriellen Kulturerbes" erlassen; hier zu finden.) Das hat man gar nicht auf dem Schirm und so ist klar, dass das keine Aufmerksamkeit bekommt. Dass gerade die Kirche, mehr noch als jedes Volk oder jede Nation, über ein schier unerschöpfliches und unermesslich wertvolles immaterielles Erbe verfügt (Strichwort: Tradition), scheint mir indes so selbstverständlich, dass ich mich doch sehr wundere, dass alles das nie irgendwo vorkommt.
Niemand würde ernsthaft einer reichen und anrührenden orthodoxen Liturgie absprechen, ein (immaterielles) Kulturgut zu sein... oder?
Warum ist das traditionelle Tanzen irgendwelcher Bajuwaren in Lederhosen um einen kahlen abgesägten Baum ein staatlich förderbares "Kulturgut", aber die uralte heilige Liturgie der Kirche dieser selben Kirche keinen Pfennig wert? 

Das ist leider kein deutsches Problem: Auch die oben erwähnte Päpstliche Kommission berücksichtigt nichts Immaterielles. In deren Profil (hier) werden als Gegenstand der Bemühungen genannt: "works of art, historical documents, books and everything kept in museums, libraries and archives"...
Mir ist schon klar, dass es Aufgabe der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung ist, über die Liturgie zu wachen. Aber wäre es nicht zumindest denkbar, dass das lebendige immaterielle Erbe der Liturgie eine gewisse Förderung im Sinne einer kulturellen Erschließung erhält, und so den Menschen innerhalb wie außerhalb der Kirche, gerade im Hinblick auf die Neuevangelisierung, wieder mehr ins Bewusstsein dringen kann? Dass also nicht nur Kelche, Patenen und kostbare Gewänder in Museen ausgestellt werden, sondern auch ihr tatsächlicher jahrtausendealter und ganz wundervoller Gebrauch anschaulich und im wahrsten Sinne erlebbar wird?

Oder anders: Ist die Transferleistung von der Pflege eines wunderschönen Hochaltars, der als beliebtes Fotomotiv auf Postkarten vermarktet und dementsprechend instand gehalten wird, hin zur Pflege und Vermittlung von dem, wozu dieser Gegenstand wohmöglich viele Jahrhunderte lang diente denn soo schwer?
Nur son Gedanke...




PS. Wenn man die "Reevangelisierung" (komisches Wort, der Begriff der "Neuevangelisierung" war doch 1994 schon lange in Gebrauch!) auch mit Hilfe der "Kulturgüter der Kirche" betreiben will, was hat man dann also vor? Will man die Leute mit Kirchtürmen, Heiligenstatuen und Brokatgewändern bewerfen? Naja... genug Munition gibt es ja, da es scheinbar nach wie vor (seit 50 Jahren...) zum guten Ton gehört, alle uns überkommene sakrale Kunst aus den sakralen(?) Räumen zu entfernen... Oder habe ich da etwas nicht verstanden?

Freitag, 29. März 2013

Das Kreuz und die Frömmigkeit

Mindestens einmal im Jahr stehe ich vor der Frage, welche Darstellung der Kreuzigung Jesu "heute" passend ist. Welche mir in der Andacht hilft, mich vielleicht erhebt oder traurig macht, berührt oder betrübt, ermutigt oder mitleiden lässt, mich beruhigt oder aufrüttelt... Welches Maß an "Immersion" ist angemessen oder geboten? Welche Anbetung der Herrlichkeit Gottes ermöglicht es mir? Welche Zuversicht oder welchen Trost bietet es mir?

Es ist ein Unterschied, ob ich eine romanische Darstellung mit einem in edler Gewandung angetanen König am Kreuz wähle, oder eine gotische "martialische" Darstellung des Zerschlagenen. Es ist ein Unterschied, ob ich eine antike eher pittoreske Darstellung mit römischen Gesichtszügen oder eine byzantinische Ikone mit seraphischer Verklärung wähle. Es ist ein Unterschied, ob ich eine moderne eher stilisierte aber wirkungsvolle Darstellung wähle, oder eine abstrakte nichtssagende. Es steht mir sogar frei, nur ein Kreuz ohne Corpus und Beiwerk zu wählen oder nur einen Corpus oder nur das Beiwerk, um des Leidens Jesu zu gedenken. (Die grässlichen im Internet kursiwerenden amerikanisch verklärten "Action-Jesus"-Darstellungen lass ich mal beiseite.)
Man darf durchaus sagen: Ein frühmittelalterlicher Lebensbaum trägt eine andere Aussage, als ein bluttriefendes Folterinstrument.

Ich merke: An diesem Ort ist jeder Einzelne gefragt. Es gibt keine kirchliche Vorschift die mir sagt, wie ich das Leiden und den Tod Jesu zu betrachten habe, wie (weit) ich mich davon berühren lasse und mit welcher Perspektive ich das Geheimnis betrachte, das dort geschieht. Die Geschichte der Frömmigkeit wie auch die der Liturgie hat im Laufe der Geschichte viele verschiedenen Blüten getrieben. Und soweit ich das überblicken kann, ist nicht nur der Kirche nichts Menschliches fremd, sondern auch ihrem Frömmigkeitsschatz. Insofern bleibt es nun also jedem Einzelnen überlassen, wie er in seinem Leben und im unendlichen Bilderschatz des Internets dem Herrn am Gedenken seiner Passion nahe sein kann...

Freitag, 25. Januar 2013

Political Correctness

Im schönen Freiburg gibt es gerade ein paar politisch korrekte Absurditäten zu bestaunen. Da ist zum einen die im letzten Jahr gestartete Initiative, einige bedeutende historische Stadtmerkmale umzubenennen, weil sie angeblich so nicht mehr in die Zeit passen. Man könnte es auch weniger blumig ausdrücken, und es als Anlaufholen zur Geschichtsfälschung bezeichnen, wenn die "Grüne Alternative" in Freiburg das Siegesdenkmal (Sieg Deutschlands im Deutsch-Französischen Krieg 1871) entfernen möchte, da dies an Militarismus und Krieg erinnere. Auch an die Umbenennung einiger Straßen ist gedacht - wenn man schon mal dabei ist. Bei einer Bürgerbefragung machte ich vor kurzem den Vorschlag, doch auch den (ökotechnisch weltbekannten und regelmäßig von Investoren aus aller Welt besuchten) Ortsteil Vauban umzubenennen, schließlich war Sébastien de Vauban (gest. 1707) v.a. auch als Festungsbaumeister berühmt. Hoffentlich habe ich da niemanden auf Ideen gebracht...

Ob eine damnatio memoriae des Krieges aber zur Folge hat, dass es keine Kriege mehr geben wird, ist doch zumindest fraglich...


Warum ich das aber hier auf diesem Blog behandle, ist das neueste Kapitel: Die Diskussion um unser schönes Martinstor, das nach über 40 Jahren wieder ein Bildnis des Patrons erhalten soll. Die traditionelle Ikonographie wird nämlich von manchem Zeitgenossen als diskriminierend empfunden.
Nun handelt es sich hier weniger um eine Fälschung der Geschichte, aber doch zumindest um eine Verunklarung von Identität: Das Martinstor heißt so, wegen der nahegelegenen Martinskirche (die älteste Kirche der Stadt), die wiederum den hl. Martin von Tours zum Patron hat. Das anbringen eines "alternativen" Bildes, würde die Identität des Martinstores verschleiern und so auch ein Stück der Identität der Stadt Freiburg. Man will den Legionär Martinus (der sich bekehrte!) nicht mehr als Legionär (zu Pferd), sondern "auf Augenhöhe" mit dem Bettler...
Wenn ich mir das Recht überlege, ist es doch wieder eine Art der Geschichtsfälschung, denn es würde der falsche Eindruck erweckt, es hätte diese Standesunterschiede, die ja tatsächlich in dieser Legende stecken, nie gegeben.
Als Alternative könnte man ja noch die andere Darstellungsweise Martins zu Rate ziehen: Mit Gans statt Bettler... oder ist das zu bayuvarisch?

Anscheinend sind einige Menschen wirklich davon überzeugt, dass sie Missstände wie Frauen- und Fremdenfeindlichkeit, Rassismus, Krieg und menschliches Elend dadurch beheben können, dass sie unsere Sprache (s. Neger in Grimms Märchen) gewaltssam modifizieren, die Geschichte fälschen und Kunst in all ihren Formen zerhackstückeln. 

lol

Sonntag, 6. Januar 2013

Wach auf!

Kapitell in der Kathedrale von Autun (ca. 1130)
Drei Pilger aus dem Morgenland. Zwei schlafen, einer öffnet gerade die Augen. Die Darstellung hat, obwohl in der einschlägigen Literatur anders vermerkt, nichts mit dem Traum zutun, der uns im Evangelium berichtet wird (dieser fand eh später statt).

Das Sterndeuten dieser Pilger ist keine Esoterik. Es ist ein Weg auf Gottes Geheiß, auf Weisung des Engels. Sie folgen eigentlich nicht dem Stern, sondern der Weisung Gottes, die sie auf diesen Stern hin gerichtet hat, der ihnen wiederum, ganz irdisch und zugleich "überirdisch", den Weg zeigt. Wohin?

Einer ist schon wach. Er wird aus dem Dunkel ins Licht geführt. Er erfährt die Berührung des Engels und kann sodann die anderen Mitnehmen, die Kunde vom Licht weitergeben.

Es ist die "Erscheinung" des Herrn. Ein Stern, eine Sonne geht auf in Juda. Christus ist erschienen!
Man kann sagen, dass die ganze Freude der Weihnacht in diesem Fest, einem der ältesten der Kirche, kulminiert. Wir feiern aber nicht einfach die Ankunft einiger Pilger in Bethlehem, sondern wir feiern in vielerlei Hinsicht die Erscheinung des Herrn... vor der ganzen Welt! Hier ist das ganze Leben Jesu mit bedacht. So betete denn die Kirche heute morgen in der Laudes:
»Heute wurde die Kirche dem himmlichen Bräutigam vermählt: Im Jordan wusch Christus sie rein von ihren Sünden. Die Weisen eilen mit Geschenken zur königlichen Hochzeit. Wasser wird in Wein gewandelt und erfreut die Gäste. Halleluja.« (Benedictus-Antiphon)

Taufe. Wunder. Schließlich die Vermählung mit der Kirche. Vollendung.
Wohin die Pilger aus dem Morgenland aufbrechen - wozu sie der Engel gerufen hat - ist nichts weniger als die Herrschaft und das Reich Gottes selbst. Und diese Pilgerschaft feiern wir heute, denn auch wir schlafen, werden geweckt und sehen den Stern der uns geleitet zum ewigen Hochzeitsmahl: Christus.

Samstag, 24. November 2012

Der König!

... gekrönt und in königlichem Purpur

Christus, du Herrscher
Himmels und der Erde,
Herr über Mächte,
Throne und Gewalten.
Du bist der Erste,
und du bist der Letzte,
Anfang und Ende.

In deinen Händen
ruht der Menschen Schicksal.
Nichts kann auf Erden
deiner Macht entgleiten.
Du sprichst das Urteil
über alle Völker,
voll des Erbarmens.

Reiche erstehen,
blühen und zerfallen,
aber das deine
überdauert alle,
denn deine Herrschaft
ist von Gott verliehen,
ewigen Ursprungs.

Keiner der Großen
kann sich mit dir messen;
Herrscher der Herren,
König aller Zeiten,
Abglanz des Vaters,
Spiegel seiner Hoheit,
thronend im Himmel.

Dir sei die Ehre,
dir und deinem Vater,
und auch dem Geiste
sei das Lob gesungen.
Gott, dem Dreieinen,
Lob und Preis und Ehre
immer und ewig. Amen.

(Hymnus der Vesper vom Hochfest Christkönig)

Mittwoch, 22. August 2012

Königin auf Knien

St. Wolfgang im Salzkammergut
Ich habe diese Darstellung an einem Altar von Michael Pacher († 1498) immer besonders geschätzt, weil sie Maria nicht dem Betrachter geöffnet zur Verehrung zwischen Gott Vater und Gott Sohn drapiert, sondern weil Maria ganz in der Anbetung und in der Demut vor Gott kniet. Das zeigt für meinen Geschmack die Essenz dieses Festes viel klarer auf.

Das Gleichnis von den Arbeitern im Weinberg, das die Kirche heute ließt: die zu verschiedenen Tageszeiten angeheuerten Arbeiter bekommen alle den gleichen Lohn, zeigt uns etwas, das auch auf das heutige Fest hinweist.
Maria hat die Krone nicht um ihrer Selbst Willen oder als Ausweis ihrer Verdienste, sondern als Ausweis der großen Gnade Gottes, als Beleg für seine große Güte, Gerechtigkeit und Barmherzigkeit. Dass sie Königin ist, kommt ja einzig daher, weil sie den König der Könige (1Tim 6,15) geboren und begleitet hat. Die Krone der Gerechtigkeit, wie sie Paulus ersehnt (2Tim 4,8), erhalten alle die ans Ziel gelangen, egal, wann sie sich auf den Weg begeben haben. Die Krone Mariens ist dafür ein herrlicher Vorbote, ein Bild das unseren "Siegeseifer" stärken kann, auf dass wir den lauf vollenden (4,7).
Die anbetende Haltung ist das was Gott gebührt, auch von der Königin des Himmels.

Montag, 20. August 2012

Umarmung der Liebe

aus dem Wonnentaler Graduale
Die Darstellung des Amplexus (dt. Umarmung), die bemerkenswerter Weise sogar heute in der Predigt vorkam, zumindest als Umschreibung, in der sich Jesus Christus vom Kreuz herabneigt und den betenden Bernhard umfängt, ist überaus aussagekräftig für dessen Theologie: Gott ist nicht fern!

Eine Frage, die mich v.a. in der Zeit meiner Bekehrung sehr beschäftigte und es auch weiterhin tut, ist die nach der Möglichkeit, Gott zu lieben. Wie ist das möglich, dass wir Menschlein, uns so sehr Gott nahen können?
Darauf gibt Bernhard von Clairvaux eine überraschend simple Antwort:
»weil er sich bewusst ist, dass er geliebt wird, verwirrt es ihn nicht, seinerseits auch zu lieben. In deinem Licht, o unerreichbares Licht, wird deutlich, was für Gutes du dem elenden Menschlein, auch wenn es schlecht ist, in deiner Macht bewahrst. Der Mensch liebt dich also gewiß nicht unverdientermaßen, denn er wird ja geliebt, ohne es zu verdienen. Er liebt ohne Ende, weil er weiß, dass er ohne Anfang geliebt wird. Der großartige Entschluss, der von Ewigkeit an im Schoß der Ewigkeit verborgen war, tritt jetzt zum Trost der Erbärmlichen ins Licht: dass Gott nicht den Tod des Sünders will, sondern vielmehr will, dass dieser umkehrt und lebt. [...] Niemand, der bereits liebt, soll daran zweifeln, dass er geliebt wird. Gern folgt die Liebe Gottes der unseren, der sie vorausgegangen ist. Wie sollte es sie verdrießen, die zu lieben, die sie schon liebte, als sie selbst noch nicht liebten? Sie hat geliebt, sage ich, sie hat geliebt. Du hast den Geist als Unterpfand der Liebe und hast den zuverlässigen Jesus zum Zeugen.«
(Aus Brief 107)