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Mittwoch, 26. Juni 2013

Die Psyche der Generation Aufbruch

Ungemein klare und aufschlussreiche Einsichten mit Seltenheitswert in die Psyche so mancher Katholiken und Priester gewähren Andreas Odenthal (Liturgiewissenschaftler in Tübingen) und Wolfgang Reuter (habilitierter Privatdozent für Pastoraltheologie in Vallendar) in der Herder Korrespondenz vom April 2013 in einem Artikel über das "pro multis" ("Vergiftung des Heiligtums? Überlegungen anlässlich der Neuübersetzung der Kelchworte"). Beide sind irgendwie "vom Fach".
Sieh her, Deutschland: Deine Theologen!

Normalerweise tu ich mir das Schmierblatt nicht an, aber heute stieß ich während einer Stunde der Muße beim Schmökern in der Fakultät auf diese Perle des Absurden. Vor allem blieb ich daran haften, weil die schizophrene Argumentation und die unverhohlenen Aufrufe zum Ungehorsam identisch sind mit dem aktuellen Freiburger Ungehorsamsaufruf (siehe dazu hier und hier)... ein Schelm, wer aus dieser Korrelation irgendwelche Kausalschlüsse zieht. Erwähnte ich schon, dass dieses Blättlein in Freiburg erscheint?

In dem Text heißt es u.a.:
»Übernimmt der Priester die Neuübersetzung des Messbuchs, wird der eher fortschrittliche Teil der Gemeinde ihn als papsttreu und angepasst einstufen, etwa nach dem Motto: Kaum kommt eine Änderung aus Rom, wird sie bereitwillig übernommen. Bleibt der Priester bei der bisherigen Übersetzung, wird der eher konservative Teil der Gemeinde ihm ein renitentes Verhalten unterstellen, dem das "sentire cum ecclesia" (wobei unter "ecclesia" lediglich die Hierarchie verstanden wird) fehlt.«
- Ins Auge sollte zu allererst stechen, was hier die offenbare, schon in der ersten Zeile implizierte, Vorausetzung ist: Dass es jedem Priester freistünde, das "neue neue Messbuch" zu verwenden oder nicht. Als ob es eine Sache der Vorliebe des Priesters wäre, welches liturgische Buch er verwendet! Darauf komme ich noch zurück.
- Es ist auch sehr schön, die Sprache zu beobachten: "fortschrittlich" versus "angepasst". "Fortschrittlich" ist derjenige, der bei dem gegenwärtigen (an vielen Stellen mehr schlecht als recht übersetzten) Messbuch stehenbleibt; "angepasst" ist der, der sich gegen den theologischen wie populären Mainstream stellt, der also den eben erwähnten "fortschrittlichen" Stillstand nicht mitmachen will (und sich stattdessen lieber, gut katholisch, in Einklang mit der Gesamtkirche begibt).
- Weiters ist es sehr aufschlussreich, dass hier die Annahme von etwas, das "aus Rom" kommt, derart negativ dargestellt wird. Im grunde handelt es sich hier also an eine Absage an alles, was mit "Gehorsam" im hierarchischen (nicht demokratischen) Sinne zu tun hat.
- Ich würde dem Priester in so einem Fall kein renitenten Verhalten unterstellen... ich würde ihm unterstellen, sein bei der Weihe abgegebenes Gelübde zu brechen, nämlich das des Gehorsams!
- Was hier dem Priester als "sentire cum ecclesia" unterstellt wird, ist eine billige Farce, bloß nicht beachten! Ich erinnere mich da spontan an gewisse Erlebnisse im Sandkasten: "... hast du wohool!"

Etwas später im Text:
»Ein Priester wird - zumindest in einer ersten Phase nach der Änderung - nicht mehr unbefangen die Herrenworte sprechen können, weil sie verraten, welche kirchenpolitische Position er einnimmt. Das allerheiligste Zentrum liturgischen Feierns wird damit "politisiert" und verliert seine doch so wichtige Einheit und Erlösung stiftende Funktion. Das Heiligtum ist durch eine Überreglementierung des gewohnten liturgischen und rituellen Feierns in seinem Kern bedroht, wenn gar nicht vergiftet.«
- Wir lernen: Es geht bei der Übersetzung des Messbuches, speziell der Herrenworte, gar nicht um Wahrheit, den Dienst an Gott oder gar das Wirken Gottes an uns... es geht um das Image des Priesters!
- Warum sollte eine wortgetreue Übersetzung des für die ganze Kirche gültigen Messbuches die "so wichtige Einheit und Erlösung stiftende Funktion" der Liturgie politisieren?
- Ich halte dagegen: Durch solches Gesabbel politisiert man sie! Dieser ganze Artikel (und seine unselige Verwandtschaft) politisieren die gesamte Angelegenheit, die eigentlich eine theologische (mithin philologische) und spirituelle ist!
- Bitte merken: Reglementierung des gewohnten Feierns.

Die Rede ist dann noch von einem "Bruch", der darin bestehe, dass "ohne Not [...] eine vierzigjährige Praxis geändert" wird. Soso... eine dem Original getreuere Übersetzung eines an sich aber inhaltsgleichen Buches, das gerademal 40 (vierzig) Jahre in Gebrauch war, ist also ein Bruch. Und das ist schlecht. Was ließe sich aufgrund dieser Argumentation für die Liturgiereform nach dem letzten Konzil als Schlussfolgerung ziehen, bei der bekanntlich das komplette Messbuch, das viele viele Jahrhunderte in Gebrauch war, grundlegend umgearbeitet wurde? War das gut?... Aber ich schweife ab. 
Weiter im Text:
»Zudem ergibt sich ein nicht geringes theologisches Dilemma, wenn künftig an einer solch zentralen Stelle das "Gesetz des Betens" (lex orandi) nicht mehr mit dem "Gesetz des Glaubens" (lex credendi) übereinstimmt.«
- Na endlich kommen wir zu des Pudels Kern: Was die Autoren glauben und wovon sie sagen, dass das auch die Katholiken im deutschen Sprachraum glauben, ist das, und nur das, was expressis verbis in dieser bestimmten (mehr schlecht als recht gelungenen) Übersetzung des römischen Messbuches steht. Nicht aber, was im für die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche vorgeschriebenen (weil die lex orandi dieser Kirche wiederspiegelnden) Messbuch enthalten ist. Bingo. Danke! Wegtreten.

Regelrecht drohend und zum Fremdschämen einladend heißt es dann noch im Bezug auf die Wiederzulassung der "alten" Messe: 
»Man wird nicht fehlgehen zu prognostizieren, dass die damals vom Papst vorgetragenen Argumente für die alte Messe als außerordentlicher Form neben der ordentlichen modifiziert zur Anwendung  kommen werden, indem sie auf das bisherige und das kommende deutsche Messbuch übertragen werden: "Was früheren Generationen heilig war, bleibt auch uns heilig und groß; es kann nicht plötzlich rundum verboten oder gar schädlich sein" [...].«
- Warum habe ich nur den Eindruck, diese "Prognose" ist eher soetwas wie ein Aufruf? Hier werden schon die Messer gewetzt und die Kanonen in Stellung gebracht!
- Benedikt ist noch am leben, und schon wird er von den Geiern ausgeschlachtet... das ist so fad!

Kommen wir langsam zum Schluss:
»Die über vierzig Jahre geübte Version "für alle" - von Johannes Paul II. in seinem Gründonnerstagsbrief von 2005 als adäquate Interpretation gewürdigt - wäre von hierher mit denselben Maßstäben zu messen wie der alte Ritus. Und dann, so die Prognose, steht neben der außerordentlichen Form die ordentliche Form in zwei approbierten Fassungen, der von 1970 und der zukünftigen.«
- Jenen bekloppten Rekurs auf den armen seligen Johannes Paul II., von dem man niederträchtigerweise ab und an mal einen Satzfetzen ausschlachtet, den man aber ansonsten geflissentlich ignoriert, habe ich hier (klick) schon bedacht.
- Glauben die Autoren wirklich (wirklich!), dass "Rom" einfach so das bisherige (mehr schlecht als recht übersetzte) Messbuch bestehen lassen wird, nur weil irgendwelche Gurken das aufgrund ihres "renitenten Verhaltens" so möchten? Wenn ja, dann liegt hier vielleicht eine Pathologie (wahlweise auch eine Besessenheit) vor, und nicht einfach nur Unwissenheit ...
»Postmoderne Beliebigkeit wird in Zukunft die Feier der Eucharistie im deutschen Sprachraum prägen - von Einheitlichkeit im Beten keine Spur.
Es steht zu befürchten, dass in Folge der Entscheidung Roms bezüglich der Übersetzung der Kelchworte der Schaden groß sein wird. Zu verantworten ist er von der Hierarchie, nicht von denen, die das Messbuch nutzen - oder es eben nicht nutzen.«
- Vor Lachen konnte ich mich kaum halten, als ich das laß. Mal ehrlich: Genau die Leute, die sich hier aufregen und "postmoderne Beliebnigkeit" blöken sind diejenigen, die sich sowieso nie an Rubriken halten und die Messe eher, dem eigenen Ego frönend, nach Bauchgefühl denn nach objektiven Regeln "zelebrieren". Denen geht doch die "Reglementierung des Feierns" (s.o.) am Ar*** vorbei! Man prognostiziert also das, was man selbst seit Jahrzehnten praktiziert (und was mit ein Grund für die Einführung des neuen Messbuches ist, das nämlich auch in den Rubriken einige überfällige Nachbesserungen enthält... auch dies wird diese Leute nicht kümmern).
- Bemerkenswert ist, wie die Autoren schlicht und ergreifend Unfähig sind "Einheit im Beten" über den deutschen Tellerrand hinaus zu erwägen... für sie spielt nur der Binnenraum eine Rolle, um den es bei diesem Streben nach "Einheit" aber gar nicht geht (sondern um die Weltkirche)! Provinzialismus par excellence!
- Und wieder dieses "befürchten"... das hat sowas mafiöses: "Ich befürchte, ihre körperliche Gesundheit wird in den nächsten Tagen schwer mitgenommen werden..."
- Merke: Ob der Priester das hoffentlich bald kommende vorgeschriebene Messbuch "nutzt", bleibt dem Priester überlassen. Finde den Fehler!
- Was hier zum Ausdruck kommt, ist ein absolutistischerer Klerikalismus, gegen den die Gegenreformation wie ein Kindergottesdienst wirkt. Der Priester entscheidet. Der Priester übt hier Macht aus... die ihm im Übrigen gar nicht zusteht!
- Ob die Piusbrüder anfangs auch so dachten?

Ziel einer erneuten Diskussion um das pro multis, worüber zu diskutieren ja bekanntlich insiofern sinnfrei ist, weil die Sache vorbei und endgültig entschieden ist, soll sein: 
»Schaden vom innersten Heiligtum der Eucharistie abzuwenden«.
 - Nunja... möglicherweise wird der Schaden groß sein... aber wenn hier etwas geschädigt wird, dann das goldene Kalb, dessen Anbetung hier propagiert wird!
 

Ansonsten war es bei der Lektüre recht erheiternd, wie die Notwendigkeit einer Katechese zum Messbuch (die der emeritierte Papst in seinem Brief zum pro multis angemahnt hat) regelrecht als etwas Irriges ins Lächerliche gezogen wird... Was auch mehr sagt, als den Autoren lieb sein dürfte: Offenbar sind sie nie in den Genuss einer Sakramentenkatechese gekommen... oder einer anständigen Liturgievorlesung...
Soweit dieser intime Blick in die Psyche deutscher "Aufbruchskatholiken"... ein besserer Begriff fiel mir nicht ein. Sorry.

Freitag, 21. Juni 2013

Ein absurder Aufbruch


Die Quellen der kirchlichen Lehre (und also des Glaubens dieser Kirche und ihrer Glieder) sind die Bibel und die Tradition. Bei der Tradition kann man drei Teile Unterscheiden: 1. Die Lehre der Kirchenschriftsteller, besodners der Kirchenväter und Kirchenlehrer, 2. die Lehrtradition, v.a. in Form von Konzilien, päpstlichen Schreiben oder Katechismen, und schließlich 3. die Liturgie.

Die Liturgie ist eine Quelle der Lehre der Kirche. Sie ist zwar keine Offenbarungsquelle, aber sie ist doch hinreichend insofern, als man, theoretisch, allein anhand der Gesamtheit der approbierten liturgischen Texte (Gebete, Präfationen, Anrufungen, Segensformeln, Hymnen, Antiphonen etc.), ohne Katechismen oder sonstetwas zu konsultieren, die gesamte Glaubenslehre erfahren könnte.
Die Kirche betet, was sie glaubt und sie glaubt, was sie betet.

Das Zentralmassiv dieser liturgischen Texte war und ist das Messbuch der römisch katholischen Kirche. Weshalb sich ja auch Bonifatius, der Apostel der Deutschen, sehr darum bemühte, ein römisches Messbuch mit auf seine Mission zu nehmen, und warum Karl der Große mittels des römischen Missales nicht wenig zur Vereinigung des Abendlandes beitrug. (Leider enthält das aktuelle deutsche Messbuch zahlreiche gravierende Fehler [z.B. dies], weshalb schon seit Jahrzehnten an einer Neuübersetzung gearbeitet wurde, welche inzwischen abgeschlossen und von Rom abgesegnet ist.)

Der Text des aktuellen Freiburger Ungehorsamsaufrufs (s. hier) - der, obzwar er sich nicht so nennt, mit seiner "Befürchtung einer Spaltung" jedoch wenig subtil genau mit dieser Spaltung unverwunden droht - dieser Text offenbart in ungeahnter Freizügigkeit etwas Erstaunliches: Die Existenz einer eigenen Religionsgemeinschaft mitten in der Körperschaft des öffentlichen Rechts "Katholische Kirche in Deutschland".

Eine andere Erklärung will mir nicht einfallen, wenn die Unterzeichner des Aufrufs fabulieren, dass sie "hin­ter [den Textformulierungen] nur schwer ste­hen kön­nen", und sie vollmundig bekunden: "Wir kön­nen nur das glaub­wür­dig wei­ter­ge­ben, was wir selbst glauben."
Das heißt doch aber nichts anderes als: Das was im Messbuch der römisch katholischen Kirche (im Original!) steht, das glauben wir nicht.
Oder irre ich mich?

Liebe Aufbrüchler: Wenn ihr nicht glaubt, was die Kirche glaubt, dann seid so ehrlich und haut endlich ab! Niemand zwingt euch, dieser Kirche anzugehören.

Das Ganze ist, wiedermal, ein lächerliches Schauspiel. Hier geht es nicht um Wahrheit oder Redlichkeit. Es geht nur um das Brüllen an sich. Es ist der neue Konservativismus, der sich an das "Erreichte" klammert mit aller Macht und der kein Iota aufzugeben gewillt ist von der schönen Bausatz-Wunderwelt, die man sich geschaffen hat. Dass man überhaupt so sehr auf dieser einen speziellen Übersetzung des Messbuches beharren kann, zeigt so einiges:
Es offenbart einen bemerkenswerten Provinzialismus, der sich in einem Nischenglauben äußert, der nur im Geltungsbereich dieser Übersetzung anzuztreffen ist. Und es offenbart die Unzulänglichkeit dieser Übersetzung, da sie offenbar einen solchen Nischenglauben ermöglicht, und also die Notwendigkeit einer Korrektur, sprich: die Einführung der neuen Übersetzung.

Die Unterzeichner stellen sich selbst ins Abseits der Weltkirche. Diese schreitet ohne sie weiter.
Und die Dreistigkeit und Hinterlist trieft aus jeder Pore. Der den Text des Aufrufs abschließende "Vorschlag" der Einführung einer "Studienausgabe" ist ziemlich plumpe Augenwischerei: Seit Jahren zögern die deutschen Bischöfe die Implementierung des neuen Messbuches hinaus. Nun ist es endlich approbiert und fertig, und vermodert schön weiter in irgend einer Schublade. (Nicht einmal die Herausgabe eines Überklebsels "für viele" bringt man fertig, obwohl es vor einigen Jahren völlig problemlos möglich war, alle "Brüder" und "Söhne" in altehrwürdigen Liedern im Gotteslob zu überkleben, um auch ja nicht diskriminierend zu erscheinen... Kulturzensur ist nichts Neues.)
Jetzt eine Studienausgabe zu verlangen und einen "offenen Dialog" führen zu wollen bedeutet nichts anderes als: Das ganze Hickhack der letzten Jahrzehnte nochmal von Vorne zu beginnen. Es kann eigentlich nur die eine Agenda dahinter stehen: Verzögerung.
Direkt ins Gefängnis, nicht über Los.
Dass man keinen Dialog will, sondern an der bestehenden, nicht selten verfälschten Übersetzung festhalten will und v.a. das Wesen der Eucharistie (weiterhin) beharrlich leugnen will ("Opfersprache"), stellt der Text ja ohnehin offen heraus. Diese Leute haben m.E. den Boden des katholischen Glaubens verlassen.


Ich kann es nur als Realsatire werten, dass man sich zwar mit "Ein notwendiger Aufbruch" übertitelt, man sich dann aber die Verhinderung eines Fortschreitens (das gerade die ganze Weltkirche vollzieht!) zum Ziel setzt. Brecht auf, indem ihr bleibt, wo ihr seid!


Nachtrag (29.06.):
Inzwischen sind es 146 Unterzeichner. Scheint nicht viel mehr zu werden. Der Trend im Vergleich mit den vorherigen Initiativen ist merklich rückläufig (beim Memorandum waren es ca. 300, beim Ungehorsamsaufruf vom letzten Jahr um die 200). Zu beachten sind auch die vielen emeritierten und pensionierten Unterzeichner...

Zum Staunen kann es demgegenüber verführen, wenn man bemerkt, dass fast ein Fünftel der Unterzeichner ständige Diakone sind. Warum Staunen? Naja: Mit welchem Recht unterzeichnen die denn eigentlich diese Erklärung? Man kann die Diakone hierbei eigentlich nur als Stimmvieh klassifizieren.

In der Erklärung heißt es: "Für uns Pries­ter und Dia­kone wird es besonders schwie­rig, wenn wir Text­for­mu­lie­run­gen benut­zen sol­len, hin­ter denen wir nur schwer ste­hen kön­nen..." Nun zeige man mir bitte diese Texte, die der Diakon aus dem Messbuch zu sprechen hat und hinter denen er nicht stehen kann! Abgesehen von "Geheimnis des Glaubens", "Der Friede sei mit euch" und "Gehet hin in Frieden" gibt es da nämlich nichts... Der Diakon hat nämlich mit dem Messbuch nichts zu tun!
Noch deutlicher kann man Heuchelei (oder Dummheit?) gar nicht in Worte fassen...


Ich bin jedenfalls gespannt, was der Erzbischof jetzt macht... im grunde ist die Aktion ja bereits dadurch quasi abgesegnet, dass an dem Treffen, aus dem dieses Papier hervorging, die Dom­ka­pi­tu­lare Peter Kohl und Andreas Möhrle sowie der Pressesprecher des Erzbistums, Robert Eberle, anwesend waren (womit man sich auch durchaus brüstet).

Freiburger Ungehorsam 2.0

Die Priester und Diakone, die letztes Jahr den Aufsta... äh: Aufbruch probten, legen nach (hier):
»Ein­dring­li­che Bitte an Erz­bi­schof Dr. Robert Zol­litsch, das der­zeit geplante „Neue Mess­buch“ nicht in Kraft zu setzen«
Die selben Leute wie damals, nur diesmal geht es um das neue Messbuch... das noch nicht einmal da ist! Vorauseilender Ungehorsam.

Und es ist SOO witzig: Man heult und weint, redet von "Betroffenen", von Gewissensnot und von eine regelrechten Bedrohung des Glaubens der Gläubigen.
Man befürchtet "eine Spal­tung inner­halb der Pries­ter­schaft" und merkt dabei nicht, dass man mit der eigenen Initiative haargenau dies tut.

Dem neuen Messbuch, das ja, nota bene, nur eine getreuere Übersetzung des allgemein gültigen und vorgeschriebenen Messbuches der einen katholischen Kirche ist, wird unterstellt, einen anderen Glauben zu propagieren und die Gottesbeziehung der Menschen zu unterminieren. LOL!

Vor allem stelle ich mir die Frage: Why bother? Die Leute, die hier plärren, sind genau die Leute, die sowieso nicht nach Rubriken, sondern nach Belieben die Messe feiern. Die halten sich sowieso an nichts, egal wie die Rubriken oder die Übersetzungen lauten...


PS. Nur son Gedanke: Die letzte Gruppierung, die sich gegen die Einführung eines "neuen" Messbuches wandte, kennen wir heute als Piusbruderschaft.

PPS. Fortsetzung hier.


Nachtrag (27.06.): Interessantes Detail: Einer der maßgeblichen Köpfe hinter dem Aufruf, der Freiburger Pfarrer Konrad Irslinger, hat in seiner Pfarrei das "Herr ich bin nicht würdig..." abgeschafft und durch "Herr, ich danke dir, dass du mich würdig gemacht hast" ersetzt. In der Erklärung "Kirche 2013" spiegelt sich das deutlich wieder, wenn es dort heißt: Christus habe "uns wür­dig gemacht [...] am Kreuz durch seine Lebenshingabe". Zu bemerken ist hierzu, dass zum einen die Erlösungstat Christi überhaupt keine Rolle mehr spielt (wir wurden nicht erlöst, wovon auch?, sondern lediglich "würdig gemacht"), zum anderen aber eine durchaus gravierende Anmaßung geschieht, indem man sich de facto selbst für würdig erklärt... dekretiert vom Pfarrer.

Freitag, 13. Juli 2012

Sprachliche Notizen zu "pro multis"

Selbst noch nach der Entscheidung des Papstes, an der kein Weg vorbei führt, lassen es sich einige Theologen nicht nehmen, alte Kamellen aufzuwärmen. Ein paar derjenigen Kamellen, die am lautesten "Dummheit" schreien, will ich hier kurz skizzieren. Daran kann man sehen, auf welchem Niveau zuweilen in der Theologie gearbeitet wird.

Zunächst sei festzuhalten: "für viele" ist die einzige mögliche Übersetzung der Formel, die sowohl mit dem lateinischen Original unseres Messbuches, als auch mit dem griechischen NT übereinstimmt.

Nun mag man "pro multis" auch mit "für die vielen" wiedergeben, eingedenk der Tatsache, dass das lateinische keine Artikel hat und darum diese Übersetzung vom lateinischen her möglich ist.
Aber die Formel "mein Blut, das für euch und für viele vergossen wird" ist ein Schriftzitat (nämlich eine uralte Kombination aus Mt und Lk) und das Griechische kennt sehr wohl Artikel, und auch dort findet sich kein solcher. Also kann es nur "für viele" heißen. Nicht "für die vielen" und erst recht nicht "für alle".

Um das abzukürzen:
pro multis = für viele (steht so im Original)
pro omnibus = für alle (steht nicht im Original)

peri pollon = für viele (steht so im Original)
peri panton = für alle (steht nicht im Original)

Nun wenden aber manche Leute ein, im Hebräischen/Aramäischen gäbe es kein Wort für "alle" und hier habe der Evangelist einen Semitismus verwendet. Zum einen ist das falsch, denn das hebräische kann sehr wohl zwischen "alle" (kol/kûl)  und "viele" (rabbim/sagî) unterscheiden.
Aber selbst wenn der Evangelist hier auf irgend eine Weise einen Semitismus verwendet hätte: Wieso? Im Griechischen, einer Sprache die z.B. Lukas glänzend beherrschte, gibt es doch die Möglichkeit sehr klar zu differenzieren. Wenn es der Intention Jesu entsprochen hätte, wenn Er "alle" gemeint hat - und wer, wenn nicht der Evangelist, wüsste darüber besser bescheid? -, warum hat der Evangelist es dann nicht so geschrieben?

Ratzinger hat recht wenn er sagt "der Glaube ist einfach"... so auch diese (warum auch immer) landauf, landab diskutierte Frage: Im Grunde tut man nichts anderes, als dem Evangelisten etwas zu unterstellen. Jedes Plädoyer für eine andere Übersetzung als "für viele" lässt sich ultimativ auf folgendes "Argument" reduzieren:
»Ja, es steht zwar "für viele" geschrieben, aber eigentlich müsste da stehen "für alle". Woher wir das wissen? Och... so halt.«

Schließlich bleibt zu sagen, dass es vollkommen egal ist, was bei dieser Schrifstelle gemeint sein könnte: Es ist zunächstmal unsere Pflicht, die Worte der Evangelien zu bewahren und authentisch zu bezeugen. Wie wir das was de facto da steht(!) dann interpretieren oder welche tieferliegenden Sinnschichten es gibt, das ist etwas Sekundäres, das ist Teil der Verkündigung und Lehre. Würden wir anders handeln, würden wir den Reichtum der Schrift, die zu allen Zeiten und in jeder Kultur Gültigkeit beansprucht, brutal kastrieren. Würde jede Generation das Schriftwort nur so bewahren, wie sie es gerade interpretiert, dann hätten wir schon lange keine Bibel mehr...

Dienstag, 26. Juni 2012

JPII und das pro multis

Welche Abgründe sich auftun, wenn Theologen ihre Meinungen wissenschaftlich beklecksen, ist erstaunlich.
So hat z.B. Wolfgang Beinert 2007 eine Notiz in "Christ in der Gegenwart" veröffentlicht, in der er den nunmehr seligen Papst Johannes Paul II. für seine Ablehung der Übersetzung von pro multis mit "für viele" vereinnahmen wollte. Die Notiz besteht im Wesentlichen aus einem Auszug aus dem Gründonnerstagsbrief jenes Papstes aus dem Jahr 2005; der Untertitel der Notiz lautet pathetisch: "Papst Johannes Paul II. war für das 'für alle'".
Natürlich wurde diese Notiz dieser Tage noch einmal hervorgekramt und ist, brandaktuell!, hier nachzulesen.
Und es stimmt, JPII hält darin eine Übersetzung mit "für alle" für legitim.

Zum Schluss der Notiz in CiG fügt Beinert dann lakonisch hinzu: "Ein Kommentar ist kaum erforderlich, höchstens ein Nachdenken über die Halbwertszeit päpstlicher Worte."

Ja, ne... is klar... Wenn einem die Argumente ausgehen, bemüht man eben das argumentum ad verecundiam, egal wie hanebüschen es ist.
Hier wird also ein Gründonnerstagsbrief, der keinen besonderen lehramtlichen Status genießt, nie auf Latein veröffentlicht wurde, nicht in den AAS auftaucht und sich eh nur an die Priester richtet, als das Vermächtnis eines großartigen Papstes bemüht.
Dazu sei erwähnt, dass das wirkliche Vermächtnis von JPII im Hinblick auf die Eucharistie seine Enzyklika "Ecclesia de Eucharistia" ist, und die enthält keine positive Würdigung des "für alle". Dafür aber sehr viele andere Dinge, die aber scheinbar nur wenige Theologen hierzulande interessieren.
Auch sei darauf hingewiesen, dass jener Gründonnerstagsbrief noch einige andere Dinge enthält, die man den CiG-Lesern ans Herz legen müsste; u.a. ist darin von einer "eucharistischen Gestalt" die Rede, die das Priestertum haben soll.
Was die "Halbwertszeit päpstlicher Worte" anbelang, müssten wohl die meisten CiG-Leser und -Autoren, wenn sie ehrlich sind, einstimmig mit "ca. 3 Minuten" antworten, denn so viele durchaus lehramtlich relevante Texte werden gerade in diesem Wochenblättchen schon aus Gewohnheit ignoriert oder offen bekämpft...

Montag, 25. Juni 2012

Nochmal "pro multis"

Es war in den letzten Wochen recht amüsant, die Diskussionen zu beobachten, die um die pro multis Entscheidung des Papstes geführt werden.
Da ich mich auch Jobmäßig gerade mit genau diesem Thema beschäftigen darf, war es besonders erhellend zu beobachten, mit welch haarsträubenden und immer wieder auch gegenteiligen "Argumenten" und Vorwürfen da hantiert wurde und wird. 

Der eine unterstellt dem Papst eine Anbiederung an die Piusleute (weil: traditionskonform); der andere an die Protestanten (weil: schriftkonform). Ein Brüller! Der eine sieht darin eine Gängelung der (deutschen) Bischöfe, der andere einen päpstlichen Willkürakt (was sich nicht viel gibt). Der eine wirft dem Papst mangelnde Kenntnisse vor und behauptet, ein "für viele" stünde im Widerspruch zum (der Phantasie offenen, weil nicht überlieferten) hebräischen "Original" (weil angeblich das Hebräiche kein Wort für "alle" kenne, was jedoch nicht stimmt); der andere, es sei das dem Hebräischen einzig Entsprechende. Der eine (Katholik) hält es für exegetisch unmöglich; der nächste (Protestant) für exegetisch eindeutig klar und richtig. Der eine behauptet einen Traditionsbruch ("pro multis" sei schon immer als "für alle" verstanden worden); der andere für einen Bruch mit der modernen Gesellschaft, die keinen Heilsexklusivismus vertrage (das Wort "Entweltlichung" wird hier zuweilen zweckentfremdet). 

Mal ist die deutsche Sprache der Zankapfel, mal das (für die Liturgie der abendländischen Kirche zunächstmal maßgebliche) Latein, mal der griechische Bibeltext, mal das schon erwähnte Hebräische "Original"... etc. etc. etc. 

Natürlich würde eine Lektüre des Briefes, mit dem der Papst die Bischöfe angewiesen hat, die Worte zu ändern, völlig genügen, um zu verstehen, was dahinter steht. Und schon eine sporadische Vertrautheit mit den Schriften Joseph Ratzingers müsste genügen um zu sehen, dass ihm das keineswegs ein "neues" Anliegen ist.

Man kann es auch anders haben: Man muss nur den Römischen Katechismus aufschlagen (ja, das alte Ding aus dem 16. Jahrhundert) und findet dort eine Erklärung, wie sie in ihrer Einsichtigkeit von keinem Fach- oder Amateurkommentator, dem ich in diesen Wochen begegnet bin, erreicht wurde.
Da heißt es:
»Aber jene Worte, welche beigefügt sind; "für euch und für viele" sind teils aus Matthäus, teils aus Lukas entnommen, von der heiligen Kirche aber, welche vom Heiligen Geist belehrt ist, verbunden worden und dienen dazu, um die Frucht und den Nutzen des Leidens zu verdeutlichen. Denn wenn wir die Kraft desselben betrachten, so muss man sagen, dass der Heiland sein Blut für das Heil aller vergossen hat; wenn wir aber die Frucht, welche die Menschen daraus ziehen, im Auge haben, werden wir leicht ersehen, dass dessen Nutzen nicht allen, sondern nur vielen zuteil werde. Indem er also "für euch" sagte, meingte er damit entweder die Anwesenden oder die Auserkorenen des Judenvolkes, wie die Jünger waren, mit Ausnahme des Judas, mit welchen er redete. Wenn er aber beifügte: "für viele", so wollte er darunter die übrigen Auserwählten aus den Juden und Heiden verstanden wissen. Es ist also mit Recht geschen, dass nicht gesagt wurde "für alle", da hier bloß von den Früchten des Leidens die Rede war, welches doch nur den Auserwählten die Frucht des Heiles gebracht hat.«
(Catechismus Romanus, II, 4,24; vgl. auch KKK 1339, 1371)

Dienstag, 8. Mai 2012

Alle die Vielen...

Schon vor ner knappen Woche angefertigt aber nich veröffentlich:

Schön zu lesen, dass man auch auf evangelischer Seite die Entscheidung des Papstes positiv aufnimmt:

"Sollte die Rückbesinnung auf den Wortlaut der biblischen Texte dahin führen, dass bei jeder Feier der Messe die ökumenische Weite der "vielen" statt der "wenigen" ins Gedächtnis käme, könnte man in der Rückkehr von "für alle" zu "für viele" theologisch gar noch einen Fortschritt erkennen. Die Gewissheit, dass Christus noch heute den einen Kelch an die vielen mit den Worten reicht: "für euch und für viele zur Vergebung der Sünden" verbindet Christen bereits seit Jahrhunderten"


Fortschritt? Aufbruch! :P