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Dienstag, 26. April 2022

Feinde auch im Inneren der Kirche

»Der Herr hat uns gesagt, daß die Kirche auf verschiedene Weise immer leiden würde bis zum Ende der Welt. [...] Unter dem Neuen, das wir heute in dieser Botschaft entdecken können, ist auch die Tatsache, daß die Angriffe gegen den Papst und die Kirche nicht nur von außen kommen, sondern die Leiden der Kirche kommen gerade aus dem Inneren der Kirche, von der Sünde, die in der Kirche existiert. Auch das war immer bekannt, aber heute sehen wir es auf wahrhaft erschreckende Weise: Die größte Verfolgung der Kirche kommt nicht von den äußeren Feinden, sondern erwächst aus der Sünde in der Kirche. Und darum ist es für die Kirche zutiefst notwendig, daß sie neu lernt, Buße zu tun, die Reinigung anzunehmen; daß sie einerseits zu vergeben lernt, aber auch die Notwendigkeit der Gerechtigkeit sieht; denn Vergebung ersetzt die Gerechtigkeit nicht. Mit einem Wort, wir müssen gerade das Wesentliche neu lernen: die Umkehr, das Gebet, die Buße und die göttlichen Tugenden. So antworten wir. Seien wir realistisch darauf gefaßt, daß das Böse immer angreift, von innen und von außen, aber daß auch die Kräfte des Guten immer gegenwärtig sind und daß letztendlich der Herr stärker ist als das Böse.«

Benedikt XVI. am 11. Mai 2010 auf den Flug nach Portugal (HIER nachlesbar).

Sonntag, 18. Juli 2021

Traditionis custodes

zu Deutsch: "Wächter des Verrats"?

Buch Jeremia 23,1-6:

Weh den Hirten, die die Schafe meiner Weide zugrunde richten und zerstreuen - Spruch des Herrn.
Darum - so spricht der Herr, der Gott Israels, über die Hirten, die mein Volk weiden: Ihr habt meine Schafe zerstreut und versprengt und habt euch nicht um sie gekümmert. Jetzt ziehe ich euch zur Rechenschaft wegen eurer bösen Taten - Spruch des Herrn.
Ich selbst aber sammle den Rest meiner Schafe aus allen Ländern, wohin ich sie versprengt habe. Ich bringe sie zurück auf ihre Weide; sie sollen fruchtbar sein und sich vermehren.
Ich werde für sie Hirten bestellen, die sie weiden, und sie werden sich nicht mehr fürchten und ängstigen und nicht mehr verlorengehen - Spruch des Herrn.
Seht, es kommen Tage - Spruch des Herrn -, da werde ich für David einen gerechten Spross erwecken. Er wird als König herrschen und weise handeln, für Recht und Gerechtigkeit wird er sorgen im Land.
In seinen Tagen wird Juda gerettet werden, Israel kann in Sicherheit wohnen. Man wird ihm den Namen geben: Der Herr ist unsere Gerechtigkeit.

Donnerstag, 18. März 2021

Ein Kommentar zum Responsum der Glaubenskongregation

Ein unsystematischer und unvollständiger Kommentar zum


Responsum ad dubium der Kongregation für die Glaubenslehre über die Segnung von Verbindungen von Personen gleichen Geschlechts [HIER herunterzuladen]

  • Sofort wird klar – was aber nur bemerkt, wer ehrlich und unverbrettert ließt –, dass es in diesem Responsum nicht um die Segnung von (Einzel)Personen geht, sondern um die Segnung einer Verbindung von Personen, also um eine Lebensform, allgemeiner gesagt: um eine Handlung oder ein Tun von Personen. In den Kommentaren und Entgegenungen auf das Responsum, selbst in Wortmeldungen mancher Bischöfe, wurde der Eindruck erweckt oder sogar ausdrücklich so gesagt, dass diese römische Äußerung gegen die Segnung homosexuell empfindender Menschen gerichtet ist. Wie es der Text mehrfach(!) unmissverständlich deutlich macht, ist genau das nicht gemeint. Sogar weltliche Medien schaffen es, die im Dokument ausgedrückte Unterscheidung zwischen Sünde und Sünder deutlich hervorzuheben, beispielsweise tagesschau.de (hier), schade, dass manche kirchlichen Persönlichkeiten dazu nicht in der Lage sind.

  • Ein Beispiel ist hier Bischof Overbeck in Essen, der verlauten ließ „Wir werden mit unseren seelsorglichen Angeboten auch weiterhin alle Menschen begleiten, wenn sie darum bitten – ganz gleich in welcher Lebenssituation.“ (hier) Mit dieser Äußerung erweckt er den Eindruck, Rom habe die Seelsorge für homosexuell empfindende Menschen untersagt, wogegen er sich nun mutig zur Wehr setzt. Dabei tut Rom eigentlich das genaue Gegenteil (s.u.). Eine ehrliche (und von Einsicht zeugende) Antwort wäre es gewesen, wenn der Bischof gesagt hätte, man werde das römische Responsum als Anspron nehmen, die entsprechende Seelsorge weiter zu fördern, denn genau dazu regt es ja auch an.

  • Es ist im christlichen Denken schon immer eine Grundkonstante, zwischen dem Sünder und der Sünde zu unterscheiden. Der Sünder hat ein Anrecht auf unsere Liebe und unseren Segen, weil er diese Liebe und diesen Segen auch fraglos von Gott erhält. Seine sündhaften Handlungen haben diesen Anspruch jedoch nicht, weil er ihnen auch von Gott her nicht zukommt: Gott segnet nicht die Sünde (vgl. Gal 2,17). Paulus sagt „Segnet, die euch verfolgen“ (Röm 12,14), er sagt nicht „Segnet die Verfolgung“. Jesus sagt „Liebt eure Feinde und betet für die, die euch verfolgen“ (Mt 5,44), er sagt nicht „Betet dafür, dass die Verfolgung gelingt“. In gleicher Weise sollen wir z.B. für einen Ehebrecher beten und ihn segnen, aber unter keinen Umständen dürfen wir den Ehebruch segnen, egal wie sehr der Ehebrecher und seine Geliebte meinen, sich zu „lieben“.



AUF DAS VORGELEGTE DUBIUM:
Hat die Kirche die Vollmacht, Verbindungen von Personen gleichen Geschlechts zu segnen?

  • Es sei das Augenmerk auf die Wortwahl gerichtet: Gefragt wird nämlich nicht, ob die Kirche willens ist, oder ob sie in der Lage dazu ist, etwas zu tun. Sondern es wird gefragt, ob sie die Vollmacht hat, etwas zu tun. Es geht also nicht darum, ob die Kirche das in Frage Stehende tun kann, sondern ob sie es darf. Das „Können“ ist derweil vom „Dürfen“ abhängig, denn was nicht erlaubt ist, entfaltet in diesem Sinne auch keine Wirkung, ist nicht gültig, ist null und nichtig: Wenn ich beispielsweise als nicht bevollmächtigte Person ein Dokument unterschreibe, dann „kann“ ich diesen mechanischen Vorgang des Unterschreibens zwar offensichtlich tätigen, aber weil ich diese Unterschrift auf diesem Papier nicht leisten darf, weil ich nicht die Vollmacht dazu habe, ist meine Unterschrift Bedeutung- und Wirkungslos und bewirkt höchstens Verwirrung, Unannehmlichkeiten und zusätzlichen Verwaltungsaufwand zur Bereinigung des Fehlers.

  • Wann immer eine Frage auftaucht, in der es darum geht, ob die Kirche etwas tun darf, geht es folglich nicht um etwas, das in der Verfügungsgewalt der Kirche steht. Denn dürfen und nicht-dürfen geschieht nicht aus einem selbst heraus, sondern es ist auferlegt von dem, der die Regeln aufgestellt hat. Vollmacht wird einem durch Bevollmächtigung zuteil. (Die Alternative ist Selbstermächtigung, etwas, das gewöhnlich nicht gewaltfrei abläuft.) Also: Die Frage behandelt nicht etwas, das in der Kompetenz oder Beliebigkeit der Kirche liegt, sondern etwas, das ihr vorgegeben ist. Ginge es nur um ein Können“, ließe sich fragen, ob die Kirche nicht einfach den nötigen Mut aufbringen könnte, um es zu tun... Wenn ihr aber die Vollmacht fehlt, dann kann sie das nicht eigenmächtig ändern.

  • Nicht „Rom“ übt hier „Macht“ aus, wie es gerne dargestellt wird, sondern „Rom“ stellt gerade fest, dass es diesbezüglich keine Macht hat! Dass es auch in Sachen Religion gewalttätige Selbstermächtigung gibt, wissen wir aus Jesu eigenem Mund, wenn er über das Schicksal des Täufers Johannes (und sein eigenes) spricht: „bis heute wird dem Himmelreich Gewalt angetan und Gewalttätige reißen es an sich.“ (Mt 11,12) Gemeint ist ein gewalttätiges Auflehnen gegen die Umkehrpredigt des Täufers, das dann auch folgerichtig auf die Umkehrpredigt Jesu weiterwirkte und noch bis heute wirkt. Das Aufbäumen von Theologenschaft und Bischofsclique gegen diese „römische Note“ ist m.E. nichts anderes als die (verbal) gewalttätige Auflehnung gegen das Himmelreich (= die Herrschaft Gottes), von der Jesus sprach.

  • Übrigens: Die gleiche Formulierung bzgl. der Vollmacht findet sich z.B. auch in Ordinatio sacerdotalis, womit die Unmöglichkeit der Spendung des Weihesakraments an Frauen festgestellt wurde. Auch Johannes Paul II. verkündete damals nicht, dass die Kirche dies nicht tun könne oder wolle, sondern, Zitat: „dass die Kirche keinerlei Vollmacht hat, Frauen die Priesterweihe zu spenden“ (Nr. 4).



WIRD GEANTWORTET:
Nein.

  • Manche Reaktionen stören sich an dem, was sie als „schroffes Nein“ oder dergleichen bezeichnen. Sogar manche Theologen stoßen in dieses Horn. Dazu muss man wissen, worauf auch der Kommentar zum Responsum hinweißt, dass ein Responsum grundsätzlich mit „Ja“ oder „Nein“ antwortet, die zugrundeliegende frage (dubium) ist entsprechend stets so gestellt, dass eine Ja/Nein Antwort möglich ist. Das ist in diesem „Literatur-Genre“ so und hat nichts mit Schroffheit zutun. Hätte die Frage anders gelautet, z.B. „Muss ein Priester die Segnung eines homosexuellen Paares unterlassen?“, wäre ein ebenso „schroffes“ Ja als Antwort gekommen. Eine Frage die nicht mit Ja oder Nein beantwortet werden kann, wäre nicht in der Form eines Responsum beantwortet worden, sondern dann womöglich als Instruktion oder Brief oder dergleichen… Mehr steckt nicht hinter dem angeblich „schroffen“ „Nein“.



Erläuternde Note

  • Wir können uns freuen, dass es erläuternde Noten gibt. Das war nicht immer so und das ist für die Autorität der gegebenen Antwort auch nicht erforderlich. Das Responsum wäre genauso gültig und verbindlich ohne eine erläuternde Note. Sie ist eine Hilfe zum Verständnis und zur Vermittlung. Wie sich zeigen wird, zeigt diese Note ein hohes Maß an pastoralem Einfühlungsvermögen und Realitätssinn bei den Verfassern. Ironischerweise spricht man ihnen genau das derzeit ab, während die so Absprechenden (bewusst oder aus Ignoranz) genau die Missverständnisse wiederholen, die mit dieser Note geklärt und beantwortet werden.



In einigen kirchlichen Bereichen verbreiten sich Projekte und Vorschläge von Segnungen für Verbindungen von Personen gleichen Geschlechts.

  • Inzwischen hat es sich medial herumgesprochen, dass dieses Responsum vermutlich auf eine Anfrage aus dem deutschen Sprachraum antwortet, und dass es daher auch besonders auf diese Länder gemünzt ist. Bekanntlich werden in den meisten Bistümern inzwischen solche Segnungen vorgenommen und von offizieller Stelle zumeist stillschweigend geduldet. Manche Bischöfe haben auch schon ganz offen solche Feiern angeregt.



Nicht selten sind solche Projekte durch den aufrichtigen Willen motiviert, homosexuelle Personen anzunehmen, sie zu begleiten und ihnen Wege des Glaubenswachstums anzubieten, „damit diejenigen, welche die homosexuelle Tendenz zeigen, die notwendigen Hilfen bekommen können, um den Willen Gottes in ihrem Leben zu begreifen und ganz zu erfüllen“.

  • Faktisch herrscht wohl meistens eine Einstellung vor, die den Willen Gottes für das Leben des Menschen mit seinem faktischen Leben gleichsetzt. Wie immer jemand lebt, was immer er tut und will, das wird als der Wille Gottes für sein Leben propagiert. Der Maßstab ist meist also nicht der Wille Gottes, sondern der Wille des Menschen: Wie er leben will, das ist maßgeblich. Der Anspruch einer Lebensänderung die nicht dem eigenen Willen entspricht, kommt in den meisten pastoralen Papieren und Praktiken nicht vor.

  • Die Bibel weiß es besser: Meine Gedanken sind nicht eure Gedanken und eure Wege sind nicht meine Wege“ (Jes 55,8). Wir wissen, dass sogar ein christliches Bekenntnis nicht ausreicht, um gerettet zu werden, solange nicht auch unser Handeln dem Bekenntnis entspricht; und das heißt, solange unser Handeln nicht konsequent an den Plänen bzw. am Willen Gottes ausgerichtet ist: „Herr! Herr!, wird in das Himmelreich kommen, sondern wer den Willen meines Vaters im Himmel tut.“ (Mt 7,21; vgl. 12,50) Das Entscheidende ist der Weg Gottes, der nichts anderes meint als die Befolgung seines Willens: „Du sollst die Gebote des Herrn, deines Gottes, bewahren, auf seinen Wegen gehen und ihn fürchten.“ (5Mos 8,6)



Auf diesen Wegen können das Hören des Wortes Gottes, das Gebet, die Teilnahme an liturgischen Handlungen der Kirche und praktizierte Nächstenliebe eine wichtige Rolle bei der Förderung von Bemühungen spielen, die eigene Lebensgeschichte zu deuten sowie frei und verantwortungsbewusst die eigene Taufberufung anzunehmen,...

  • Das ist ein ungemein wichtiger Punkt: Es wird klar, dass die Teilnahme und Teilhabe am Leben der Kirche sehr viel mehr beinhaltet, als die oft geforderte „Anerkennung“ durch eine öffentliche Zeremonie. Die Realität ist häufig gerade die, dass solche Zeremonien, deren Inhalt meist nicht verstanden, und die daher mit eigenen „Inhalten“ gefüllt werden, einen Gutteil unserer pastoralen Anstrengungen einnehmen: Die so genannten Kasualien (Taufe des Kindes, Erstkommunion, Firmung, Trauung, Beerdigung) werden noch relativ viel nachgefragt, aber sie entfalten faktisch keine Tiefenwirkung mehr. Sie werden innerhalb eines in hohem Maße standardisierten und ebenso flachen Kirchen- und Gottesbildes (ein säkularisiertes Christen- und Gutmenschentum, wenn man so will) als Gestaltungselemente für Familienfeiern udgl. angefragt, aber nicht als Vollzüge des christlichen Glaubens. Dementsprechend sind, wenn es um „Teilhabe an Kirche“ geht, meist auch nur solche formalisierten und öffentlichen Aktionen im Blick. Das Glaubensleben, also die bewusste Annahme der Taufberufung, umfasst mehr; einiges wurde hier genannt.



... weil „Gott jeden Menschen liebt. Und Gleiches tut auch die Kirche“, indem sie jede ungerechte Diskriminierung ablehnt.

  • Wird später noch relevant: Die Kirche lehnt ungerechte Diskriminierung ab. Das gleiche tut auch der Staat. Wie wir aus der Geschichte wissen, ist das leider sowohl bei der Kirche als auch beim Staat durchaus nicht selbstverständlich.

  • Nun behaupten manche anlässlich des Responsums, etwa der „Schweizerische Katholische Frauenbund“ (hier), es gäbe nicht soetwas wie eine gerechte Diskriminierung, Diskriminierung sei immer ungerecht. Das ist natürlich Quatsch, denn sowohl im Staat, als auch im gesellschaftlichen Alltag und so auch in der Kirche gibt es massenweise gerechte Diskriminierungen, d.h. eine Ungleichbehandlung von Personen anhand bestimmter Parameter. Beispiele gefälligst? Hier: Wenn jemand im Gefängnis sitzt und nicht nach belieben die Welt bereisen darf, dann handelt es sich dabei um eine gerechte Diskriminierung. Der Staat hat das Recht, Menschen auf diese Weise (gerechter Weise) zu diskriminieren, z.B. in der Form der Strafe für begangene Verbrechen. Aber auch jedes Schild an einer Tür „Zutritt verboten“, „Privat“, „Nur für autorisiertes Personal“ ist eine gerechte Diskriminierung, denn allen nicht Berechtigten wird der Zutritt verwehrt. Oder wenn ein Ladenbesitzer sich entscheidet, aus einem gerechten Grund einen potentiellen Kunden nicht zu bedienen, dann ist das eine gerechte Diskrimierung. Oder wenn der Busfahrer mich nicht mitnehmen will, weil ich keine Fahrkarte habe (und auch keine kaufen will), dann ist das eine gerechte Diskriminierung. Ein wichtiges Stichwort hier ist das „Hausrecht“. Das gibt es aber auch anderswo, z.B. wenn Grundstücke verlost werden: Wer kein Los kauft, wird diskriminiert, indem er nicht an der Verlosung teilnehmen darf. Wer eine Niete gezogen hat wird diskriminiert, indem er kein Grundstück bekommt. Überall gibt es gerechte Diskriminierung. Flapsig gesprochen: Wie der ÖPNV, so hat auch die Kirche Regeln, und wer sich nicht an sie hält, hat keinen Anspruch darauf, „bedient“ zu werden, er wird dann folglich gerechterweise diskriminiert.



Unter den liturgischen Handlungen der Kirche sind Sakramentalien von besonderer Bedeutung: als „heilige Zeichen, durch die in einer gewissen Nachahmung der Sakramente Wirkungen, besonders geistlicher Art, bezeichnet und kraft der Fürbitte der Kirche erlangt werden. Durch diese Zeichen werden die Menschen bereitet, die eigentliche Wirkung der Sakramente aufzunehmen; zugleich wird durch solche Zeichen das Leben in seinen verschiedenen Gegebenheiten geheiligt“.

  • Diese allgemeine Darlegung konkretisierend: Der Segen über eine innige Verbindung zwischen zwei Menschen ist Hingeordnet auf die in Gottes Plan vorgesehene Verbindung par excellence, in der sich als ein tiefes/großes Geheimnis das Verhältnis zwischen Christus und seiner Kirche (Eph 5,32) bzw. zwischen Gott und Mensch sinnbildlich verdichtet: Die Ehe.

  • In der Geschichte der Kirche gab es auch die Tradition der Freundschaftssegnung, bei der eine besondere freundschaftliche Liebe zwischen zwei Menschen (meist zwischen zwei Männern) in einer eigenen Liturgie unter den Segen Gottes gestellt wurde. Diese so genannte „Adelphopoiese“ (gr. „Brudermachung“), im Deutschen spricht man von „Schwurbruderschaft“, gab es in der Westkirche bis ins 14., in der Ostkirche noch bis ins 20. Jahrhundert. Vor ein Paar Jahren hat man versucht, hier soetwas wie eine Trauung Homosexueller oder doch zumindest die „Gutheißung“ (Segnung) gleichgeschlechtlicher Partnerschaften zu erblicken… das stellte sich erwartungsgemäß als dummer Irrtum heraus und ist seit ein paar Jahren wieder in der Versenkung verschwunden. Es würde mich aber nicht wundern, wenn das demnächst von irgendwelchen „Theologen“ erneut herangezogen wird, was dann wiederum mühselig entkräftet werden muss… Stellte sich nämlich heraus: Menschen waren einstmals in der Lage, eine innige Beziehung zu pflegen, ja sogar Liebe für einen anderen Menschen zu empfinden, ohne jeglichen Wunsch, auch mit diesem zu kopulieren… Etwas, das in unserer hypersexualisierten Welt unvorstellbar geworden ist, daher auch das Unverständnis für diese historischen Zeremonien.

  • Im Grunde wäre es wünschenswert, wir würden „Liebe“ nicht immer eingleisig als sexuelle Liebe auffassen. Es gibt z.B. auch die Liebe in der Familie, für die es eigene Segensformen gibt (Familiensegen). Ob es für freundschaftliche „Liebesbeziehungen“ wieder besondere liturgische Formen braucht, weiß ich nicht, aber sie würden in der gegenwärtigeen Situation jedenfalls ein gerütteltes Maß an Unterscheidung und Festigkeit im Glauben erfordern, um sie korrekt zu beurteilen und einzusetzen…



Der Katechismus der katholischen Kirche erläutert weiter: „Die Sakramentalien verleihen die Gnade des Heiligen Geistes nicht nach Art der Sakramente, sondern bereiten durch das Gebet der Kirche vor, die Gnade zu empfangen und mit ihr mitzuwirken“ (Nr. 1670).

  • In gewisser weise sind alle Sakramentalien mit Gebet verbundene Segnungen, denn sie alle dienen dazu, Gegenstände oder Personen in den Dienst (des Willens) Gottes zu stellen bzw. Gottes Zuwendung durch die Kirche auszudrücken.



Zur den Sakramentalien gehören Segnungen, mit denen die Kirche „die Menschen aufruft, Gott zu preisen, sie auffordert, seinen Schutz zu erbitten und sie ermahnt, sich seiner Barmherzigkeit mit der Heiligkeit des Lebens würdig zu erweisen“. Darüber hinaus sind „sie in einer gewissen Nachahmung der Sakramente eingesetzt und beziehen sich immer und hauptsächlich auf geistliche Wirkungen, die sie kraft der Fürbitte der Kirche erlangen“.

  • Wir erfahren: Ein Segen befähigt zur „Mitwirkung“, er entält eine Ermanung und er hat (hoffentlich) auch eine Wirkung. Ein Segen ist also kein Konsumgut – das man passiv empfängt, um dann weiter das zu tun, was man halt tun will –, sondern er wirkt und bewirkt etwas.

  • Festzuhalten ist, dass ein Segen an sich nicht an in der Vergagenheit liegende Vorausetzungen beim Empfänger gebunden ist, denn was auch immer in der Vergangenheit gewesen ist, wo auch immer der bisherige Weg langführte: Der Segen dient dazu, mehr auf den Wegen Gottes zu gehen. Ein Segen ist aus genau diesem Grund aber durchaus anspruchsvoll in Richtung Zukunft, und er bringt eine Verpflichtung mit sich bezüglich der Absicht (für diese Zukunft), mit der er empfangen wird.

  • Wenn „Segnen“ bedeutet, jemandem das „gute Wort Gottes“ zukommen zu lassen, dann kann dies immer nur in dem Sinn geschehen, dass das Segnen dazu dient, den Willen Gottes zu erfüllen: Das „Wort, das meinen Mund verlässt: Es kehrt nicht leer zu mir zurück, ohne zu bewirken, was ich will, und das zu erreichen, wozu ich es ausgesandt habe.“ (Jes 55,11)

  • Ganz gleich, ob wir Gegenstände, Tiere oder Menschen Segnen: Immer ist der Sinn des Ganzen dies, dass der Wille Gottes durch sie mehr erfüllt wird, dass das Leben von Gottes Geschöpfen gelingt und (mehr) Frucht bringt. Eine sündhafte Handlung kann folglich nicht gesegnet werden „auf dass sie gelinge“, der Versuch wäre nichts weniger als Blasphemie. Umso mehr sollen wir die so handelnden Menschen – Sünder, wie wir alle! – segnen, auf dass sie von ihrem sündigen Tun ablassen und sich auf den Weg Gottes begeben.

  • Hier wird auch einleuchtend, warum die Kirche Gegenstände segnet, nicht aber bestimmte Handlungen von Menschen: Gegenstände sind nicht sündhaft und sie können gar nicht sündigen, nur Menschen können das. Man kann Gegenstände zu sündhaften Zwecken gebrauchen, aber dann sündigt der Gebrauchende, nicht der Gegenstand. Der Spruch „Ihr segnet Kläranlagen, aber nicht Schwule“ ist also in mehrfacher Hinsicht fragwürdig: 1. Segnen wir Schwule durchaus, nur nicht ihre „schwulen“ Handlungen; wie wir jeden Sünder segnen, nicht aber die Sünden, die er begeht. 2. Ist es ziemlich menschenverachtend, homosexuell empfindende Menschen mit unbelebten Gegenständen, erst recht mit Kläranlagen, zu vergleichen. Menschen können sich für oder gegen Gott, für das Gute oder für die Sünde entscheiden; Kläranlagen können dies nicht. Offensichtlich respektiert und schützt die Kirche die Würde dieser Menschen mehr als diejenigen, die solche dümmlichen Vergleiche anstellen.



Um der Natur der Sakramentalien zu entsprechen, ist es deshalb erforderlich, dass, wenn über einige menschliche Beziehungen ein Segen herabgerufen wird, abgesehen von der rechten Absicht derjenigen, die daran teilnehmen, die zu segnende Wirklichkeit objektiv und positiv darauf hingeordnet ist, die Gnade zu empfangen und auszudrücken, und zwar im Dienst der Pläne Gottes, die in die Schöpfung eingeschrieben und von Christus dem Herrn vollständig offenbart sind. Mit dem Wesen der von der Kirche erteilten Segnung ist daher nur vereinbar, was an sich darauf hingeordnet ist, diesen Plänen zu dienen.

  • Aufhorchen ließ mich hier das Wort „vollständig“. Die Pläne Gottes für seine Schöpfung sind durch Christus vollständig offenbar geworden. Dies bedeutet, dass es keine „neuen Erkenntnisse“ geben kann (weder aus Privatoffenbarungen, noch aus den oft herbeifabulierten „Humanwissenschaften“), die an diesem einmal geoffenbarten Willen Gottes etwas ändern können. Sein Wille ist es, dass wir durch Christus gerettet sind, dass wir uns von der Sünde entfernen und ihm zuwenden sollen. Punkt. Die Zehn Gebote sind keine Verhandlungssache. Ebenso wenig die Bergperedigt oder sonstwelche Weisungen, die die Kirche uns authentisch, im Gehorsam gegen den Willen Gottes vorlegt.

  • "Vollständig offenbart" heißt indes nicht, das dieser Plan auch schon vollständig von der Kirche erkannt und verstanden wird. Der Geist, der uns in die ganze Wahrheit einführt (vgl. Joh 16,13) ist ja nach wie vor am Wirken. Gleichwohl kann ein Fortschritt in diesem Verständnis nie dem bisherigen Weg widersprechen; es kann keine echte Einsicht aus dem Geist Gottes geben, die einer früheren Einsicht aus demselben Geist widerspricht. Was einmal als wahr erkannt wurde, bleibt wahr. Dies zu leugnen wäre Relativismus, der die Möglichkeit von Wahrheit ablehnt.

  • Außerdem: Der Segen gilt allem, „was an sich darauf hingeordnet ist“ Gottes Plänen zu dienen. Es geht also nicht um Dinge, von denen wir behaupten, sie würden diesen Plänen dienen, und es geht auch nicht um solche Dinge, deren Hinordnung auf diese Pläne durch menschliches Verhalten pervertiert wurde. Nicht menschlicher Wunsch und seine Einbildungskraft sind also maßgeblich, sondern die Dinge an sich.



Aus diesem Grund ist es nicht erlaubt, Beziehungen oder selbst stabilen Partnerschaften einen Segen zu erteilen, die eine sexuelle Praxis außerhalb der Ehe (das heißt außerhalb einer unauflöslichen Verbindung eines Mannes und einer Frau, die an sich für die Lebensweitergabe offen ist) einschließen, wie dies bei Verbindungen von Personen gleichen Geschlechts der Fall ist.

  • Achtung, wichtig: Was die Kirche über die Unmöglichkeit der Segnungen von Verbindungen zwischen Menschen lehrt, betrifft nur solche Verbindungen „die eine sexuelle Praxis außerhalb der Ehe einschließen“ und es betrifft alle Verbidnungen „die eine sexuelle Praxis außerhalb der Ehe einschließen“. Also auch alle heterosexuellen Beziehungen und Partnerschaften, auf die dies zutrifft. Die zuvor erwähnte Adelphopoiese, genau wie Segnungen für Familien oder solche zur Verlobung, sind darum unproblematisch. [Nun wird mancher sagen: „Ja, aber die Verlobten sind noch nicht verheiratet und die ‚machen es‘ doch bestimmt schon!“ Das mag sein. Solange sie es nicht an die große Glocke hängen, geht die Kirche jedoch wohlwollend, gütig und barmherzig davon aus, dass sie „es“ nicht „machen“, sondern sich an die Lehre der Kirche halten – oder sich zumindest aufrichtig darum bemühen (im Falle des Scheiterns gibt es die Beichte). Das ist auch nicht soo wirklichkeitsfremd, wie es oft dargestellt wird, ich selbst kenne einige v.a. junge Menschen, die sich daran (ge)halten (haben), einschließlich meine Frau und mich.]

  • Nun hat man der Kirche (wiedermal) eine „Fixierung auf Sexualität“ vorgeworfen. Das ist natürlich Unsinn, denn wo ist hier die Fixierung? Wann hat sich die Kirche denn das letzte Mal über das Thema Sex geäußert? Ist länger her… also gibt es hier keine Fixierung. Da die Kirche aber zu allem, was zum Menschsein gehört, etwas zu sagen hat, kommt ab und an natürlich auch mal Sex zur Sprache, der gehört nämlich zum Menschsein dazu und ist sogar von quasi-sakramentaler Natur (eine sakramental geschlossene Ehe ist erst dann gänzlich unauflöslich, wenn sie „vollzogen“ wurde). Manfred Lütz sagte einmal pointiert „Sex ist ein Sakrament!“… so hoch, so wichtig, ja so heilig(!) schätzt die Kirche Sex(ualität) ein.

  • Nicht unwichtig ist, dass hier davon die Rede ist, dass eine Ehe per Definition „an sich für die Lebensweitergabe offen“ ist. Denn nichts lieben Pharisäer mehr, als Haare zu spalten und darauf hinzuweisen, dass auch in Ehen zwischen Mann und Frau nicht immer Nachwuchs vorhanden ist, ob das denn gleichfalls „ungültige“ Verbindungen seien… Das ist natürlich nur ein Ablenkungsmanöver. Das Entscheidende ist nicht, ob tatsächlich Kinder da sind, wie das „alttestamentlich“ zuweilen der Fall war (Unfruchtbarkeit als Zeichen für das Verfluchtsein von Gott), sondern ob die Verbindung „an sich offen“ für Kinder ist – die ja immer Geschenk Gottes, nie Verdienst, und nicht mit Gewalt (künstliche Befruchtung, Leihmutterschaft) zu erringen sind.

  • Diese Offenheit, die stets den Menschen als ganzen Betrifft (ein bloßes Gefühl genügt z.B. nicht) kann übrigens auch in heterosexuellen Verbindungen fehlen, weswegen etwa das bewusste Aussschließen von Nachwuchs ein Grund für die Nichtigkeit einer Ehe ist. Bei homosexuellen Paaren ist es so, dass sie, egal wie offen für Nachwuchs sie seelisch (gefühlsmäßig) oder geistig (willensmäßig) auch sein mögen, sie es als „ganze Menschen“ (aus Seele, Geist und Körper) faktisch nicht sind und nicht sein können, denn zwei Männer oder zwei Frauen können keinen Nachwuchs hervorbringen, ganz egal wie sehr sie es wollen, fühlen oder wie gesund und fit sie sind. (Ein bewusstloser Mensch – sozusagen ohne „Geist“ – kann darum auch keine Ehe eingehen.)

  • „Aber was, wenn z.B. die Frau aufgrund einer Erkrankung keine Kinder bekommen kann, dann ‚kann‘ sie doch auch nicht ‚körperlich offen‘ sein?“ Eine Krankheit ändert nichts an der genannten „Offenheit“, schließlich betrachten wir auch Krankheit nicht (mehr) als Hinweis auf eine Verfluchung durch Gott. Eine Erkrankung mit der sexuellen Orientierung eines Menschen zu vergleichen ist indes Unfug, Homosexualität ist keine Krankheit.



Das Vorhandensein positiver Elemente – die in sich betrachtet dennoch zu schätzen und hervorzuheben sind – in solchen Beziehungen ist trotzdem nicht in der Lage, diese zu rechtfertigen und sie daher rechtmäßig zum Gegenstand einer kirchlichen Segnung zu machen, weil diese Elemente im Dienst einer Verbindung stehen, die nicht auf den Plan des Schöpfers hingeordnet ist.

  • Wichtige Unterscheidung: positive Elemente machen den Kontext, in dem sie eingebettet sind, nicht durch ihr bloßes Vorhandensein zu etwas Gutem. Wenn ein Ehebrecher mit seiner Geliebten „Werte“ wie Freundschaft, Hilfsbereitschaft und „Treue“ (haha!) pflegt, bleibt seine Beziehung zu ihr dennoch ein Ehebruch und also eine Sünde. Was immer es an „Positivem“ in dieser Beziehung gibt, ist nicht wegen der (sündhaften) Beziehung da, sondern höchstens trotz dieser. Daher machen sie diesen Ehebruch nicht „gut“, sie „rechtfertigen“ den Ehebruch nicht, er bleibt Sünde und kann niemals von der Kirche (ab)gesegnet werden. Genau betrachtet fördern diese positiven Elemente hier sogar die Sünde, weil sie der sündhaften Beziehung mehr „Haltbarkeit“ verleihen… Es wird also klar: Auch an und für sich Positives wie z.B. „Hilfsbereitschaft“ kann pervertieren und gewissermaßen „im Dienst“ der Sünde stehen. Man kann das auch mit beliebigen anderen Szenarien durchspielen: Ein Missbrauchstäter, der die an sich positiven Elemente „Fürsorge“ oder „Väterlichkeit“ pervertiert; oder das positive Element „kindliches Vertrauen“, das sein Opfer daran hindert, aus dieser schrecklichen Beziehung auszubrechen. Der Punkt ist: Nur weil ein Gefühl, eine Überzeugung, ein Wille oder eine charakterliche Eigenschaft an und für sich positiv ist, bedeutet dies nicht, dass sie auch in jedem Kontext Positives hervorbringt. Das bloße Vorhandensein „positiver Elemente“ hat darum keinerlei Gewicht für die Beurteilung des Kontextes in dem sie vorkommen, wenn dieser Kontext an sich schon sündhaft ist. [Die einzige zu stellende Frage ist also letztlich: Ist praktizierte Homosexualität, wie überhaupt praktizierte Sexualität außerhalb der Ehe, Sünde, oder ist sie es nicht? Bibel und Kirche sagen: ja, sie ist es.]

  • Heilsgeschichtlich gewendet sind „positive Elemente“ wie Freundschaft, Vertrauen, Treue, Dankbarkeit etc. in einer Ehe nicht nur für das Gute, das die Ehe ist, förderlich, sondern sie haben selbst ihren Ursprung aus der Gnade, die dem ehelichen Bund zuteil wird.



Da die Segnungen für Personen in Beziehung zu den Sakramenten stehen, kann darüber hinaus die Segnung gleichgeschlechtlicher Verbindungen nicht als zulässig angesehen werden, weil sie in gewisser Weise eine Nachahmung oder einen analogen Hinweis auf den Brautsegen darstellen würde, der auf den Mann und die Frau herabgerufen wird, die sich im Sakrament der Ehe vereinigen, da „es keinerlei Fundament dafür [gibt], zwischen den homosexuellen Lebensgemeinschaften und dem Plan Gottes über Ehe und Familie Analogien herzustellen, auch nicht in einem weiteren Sinn“.

  • Manche Kommentatoren meinen, die Kongregation würde hier eine Verwechslung zwischen einer sakramentalen Ehe und einer bloßen Segnung für eine Partnerschaft befürchten, was ein falsches Sakramentsverständnis auf Seiten der Kongregation sei. Antwort: 1. Ja und 2. Nein.

  • Zu 2.: Die Gefahr einer Verwechslung sieht die Kongregation zunächst im Blick auf den zur kirchlichen Trauung gehörigen Brautsegen, nicht im Blick auf das Sakrament. Aber das eine führt zum anderen:

  • Zu 1.: Die Gefahr einer solchen Verwechslung ist zweifelsohne real, denn bei Licht betrachtet wissen die meisten, die sich in unseren Kirchen „trauen“, nicht, was sie dort tun. Papst Franziskus hatte 2016 (in der konkreten Wortwahl wohl eher unüberlegt, der Sache nach aber nicht falsch) drastisch dargelegt: „sie wissen nicht, was sie sagen“, wenn sie sich das Ja-Wort geben. Er schließt daraus: „die große Mehrheit unserer sakramentalen Ehen“ sei daher „ungültig“. Der Papst stellte fest, dass „die Leute nicht wissen, was das Sakrament bedeutet“ (hier). Dass die Erfragung des Konsenses ein sakramentaler Vollzug ist, ist den meisten überhaupt nicht bewusst. Oder überhaupt, was ein Sakrament ist. Mag sein, dass diese Erfragung für nicht wenige Paare nur so eine Art Willenserklärung ist, wie etwa bei der Taufe eines Kindes, wenn der Zelebrant fragt „Was erbitten Sie von der Kirche“ und man mit „die Taufe“ antwortet. Meist besteht das Entscheidende für die Paare darin „den Segen Gottes“ zu erhalten. Das ist für sich genommen auch schön und begrüßenswert, aber zuwenig. Und genau darum besteht die sehr reale Gefahr der Verwechslung mit anderen „Segnungen“. Da ist die Glaubenskongregation sehr hellsichtig und realistisch.

  • Zu glauben, die Menschen, die Adressaten solcher Feiern wären, würden hier die Unterscheidung klar haben, ist ausgesprochen unrealistisch. Von sonstigen Mitfeiernden und Außenstehenden ganz zu schweigen. Faktisch ist der Zustand der religiösen Bildung auf einem absoluten Tiefpunkt. Mir sind z.B. beruflich bedingt Ergebnisse von (nicht veröffentlichten) Umfragen aus österreichischen Diözesen bekannt, aus denen hervorgeht, dass viele der regelmäßigen Gottesdienstbesucher(!) nicht unterscheiden (können) zwischen einer Wort-Gottes-Feier mit Kommunionempfang und einer Eucharistiefeier. [Ich weiß zudem aus direkter Beobachtung, dass auch reichlich Theologen den wesentlichen Unterschied nicht benennen können.] Eine Segensfeier für ein Homosexuelles Paar wäre für die meisten Menschen genausowenig von einer Trauung unterscheidbar, zumal die umgebenden Feierlichkeiten außerhalb des Kirchenraums (und wohl schon die Deko und Gestaltung in demselben) gewiss auch keinen Unterschied deutlich machen würden. Selbst wenn den „Gesegneten“ der Unterschied bewusst und verständlich wäre: Es rechnet wohl niemand ernsthaft damit, dass sie diesen Unterschied dann auch in der Gestaltung der Feierlichkeiten kenntlich machen würden.



Die Erklärung der Unzulässigkeit von Segnungen der Verbindungen von Personen gleichen Geschlechts ist daher weder eine ungerechte Diskriminierung noch enthält sie die Absicht, eine solche zu sein, sondern ruft die Wahrheit des liturgischen Ritus in Erinnerung und das, was dem Wesen der Sakramentalien zutiefst entspricht, so wie die Kirche sie versteht.

  • Jeder Mensch kann sich zu jeder Zeit den Segen Gottes „holen“, sei es im liturgischen Rahmen etwa am Schluss einer jeden hl. Messe oder im persönlichen oder gemeinschaftlichen Gebet („Der Herr segne uns, er bewahre uns vor Unheil und führe uns zum ewigen Leben“); oder einfach indem er Gott darum bittet oder jemand anderen bittet, ihn zu segnen. Nichts und niemand hindert einen Menschen, Gottes Segen zu erhalten, am wenigsten die Kirche. Es gibt nur ein Hindernis zwischen dem Menschen und Gott: Die Sünde des Menschen.

  • Die Kirche segnet alle und sie betet für alle. Als Christen sollen wir auch homosexuell empfindende Menschen segnen. Nicht, weil sie homosexuell sind, sondern weil sie von Gott in diese Welt gestellt sind, von ihm als seine Geschöpfe geliebt und darum schon immer von ihm, Gott, gesegnet. Sündhafte Handlungen von Menschen können wir aber nicht segnen, weil sie nicht von Gott in die Welt gesetzt sind, sondern aus dem freien Willen der Menschen kommen. Zu glauben, alles was Menschen tun, habe ein Recht auf Segen, weil Gott doch alle (Menschen!) segne, ist ein grober Irrtum; man spiele das nur einmal mit anderen freien menschlichen Handlungen wie Mord, Ehebruch oder Diebstahl durch. Menschen können sündigen, d.h. sich von Gott(es Plan) abwenden, daher kann nicht alles, was Menschen tun, gesegnet werden.

  • Die Sünde ist Trennung von Gott und faktisch das Ausschlagen seines Segens.



Die christliche Gemeinschaft und die geistlichen Hirten sind aufgerufen, Menschen mit homosexuellen Neigungen mit Respekt und Takt aufzunehmen; sie werden im Einklang mit der kirchlichen Lehre die am besten geeigneten Wege zu finden wissen, um ihnen das Evangelium in seiner Fülle zu verkünden. Diese Personen mögen gleichzeitig die aufrichtige Nähe der Kirche anerkennen – die für sie betet, sie begleitet, mit ihnen den Weg des christlichen Glaubens teilt – und ihre Lehren mit aufrichtiger Bereitwilligkeit annehmen.

  • Dieser Aufruf gilt eigentlich für alle Menschen. Faktisch kennen die meisten Getauften die (Moral)Lehre der Kirche nicht und sie leben sie folglich auch nicht (und sie können folglich auch nicht über ihren Sinn oder Unsinn urteilen). Die Umfrage im Vorfeld der Familiensynode hat diese weitestgehende Unkenntnis (bei gleichzeitiger blinder Ablehnung des nicht Bekannten) eindrücklich belegt, vgl. meine Anmerkungen dazu hier; in kurz: die Hirten und Theologen haben seit Jahrzehnten (spätestens seit Humanae vitae) ihre Pflicht diesbzeüglich sträflich vernachlässigt und geben „Rom“ die Schuld daran. Die Theologie hat diesen Irrweg befeuert. [Dieses ideologische Spiel geht sogar so weit, dass z.B. einige Bücher von Johannes Paul II., insbesondere „Liebe und Verantwortung“, jahrzehntelang vergriffen waren und ganz bewusst nicht nachgedruckt wurden, auch nicht als dieser große Papst starb und heiliggesprochen wurde (welche Chance, sein schriftliches Erbe gewinnbringend unters Volk zu werfen!… vertan…): der Kösel-Verlag saß auf den Rechten seiner deutschen Übersetzung von 1979 und tat nichts damit. Es musste erst von Josef Spindelböck eine neue Übersetzung aus dem Polnischen erstellt werden, damit dieses wichtige Buch den deutschsprachigen Leser über einen anderen Verlag wieder erreichen konnte. Solche Blockaden seitens der Verlage sind recht effektiv, wenn man bestimmte Positionen und Gedanken kleinhalten will, und es ist die Theologie, die hier Druck auszuüben vermag.]

  • Hierzulande hört man es nicht gern, das es tatsächlich homosexuell empfindende Menschen gibt, die sich bemühen, entsprechend der Lehre der Kirche zu leben. Allen Unkenrufen zum Trotz gibt es diese Menschen. Besonders hervorzuheben ist hier das seit über 40 Jahren aktive Apostolat „Courage International“, das sich genau dieser Menschen annimmt. Diese homosexuell empfindenden Menschen, die nach der Lehre der Kirche zu leben sich bemühen, die gibt es, und der Prozentsatz könnte u.U. (ist nur eine Mußmaßung meinerseits) sogar dem der Heterosexuellen ähneln, die dies gleichfalls tun wollen.

  • Ich bin mir derweil sicher: Würden die Hirten ihrer Pflicht nachkommen und diese Lehre (zunächst selbst kennen und) unverkürzt verkünden, würden sehr viel mehr Menschen nach ihr leben, denn diese Lehre ist befreiend, erfüllend und einfach schön. Meine Meinung? Die hierzulande durch viel theologische Propaganda und Falschinformation fast schon zum Schimpfwort gewordene „Theologie des Leibes“ ist Mark und Bein einer christlichen Lehre und Lebenspraxis von Liebe und Sexualität für das 21. Jahrhundert. Möge sich Gott der Hirten erbarmen, die seit Jahrzehnten ihre Pflicht so sträflich vernachlässigt haben...



Die Antwort auf das vorgelegte Dubium schließt nicht aus, dass Segnungen einzelnen Personen mit homosexueller Neigung gespendet werden, die den Willen bekunden, in Treue zu den geoffenbarten Plänen Gottes zu leben, wie sie in der kirchlichen Lehre vorgelegt werden; sie erklärt jedoch jede Segnungsform für unzulässig, die dazu neigt, ihre Verbindungen anzuerkennen. In diesem Fall würde die Segnung nämlich die Absicht zum Ausdruck bringen, nicht bestimmte Einzelpersonen dem Schutz und der Hilfe Gottes im oben genannten Sinne anzuvertrauen, sondern einen Entschluss und eine Lebenspraxis zu billigen und zu fördern, die nicht als objektiv auf die geoffenbarten Pläne Gottes hingeordnet anerkannt werden können.

  • Erneut erfahren wir, dass für den Empfang des Segens Gottes der Wille, die Absicht für die Zukunft entscheidend ist. Wenn ich davon ausgehe, dass mir der Segen Kraft für ein anstehendes Werk gibt, dann wäre es schlicht eine Gotteslästerung (eine Sünde gegen den Heiligen Geist [Mt 12,31]?), diese göttliche Kraft für eine Sünde, also die Abkehr von Gott und zum Schaden für mich und andere einzusetzen. Die Argumentation zielt also nicht darauf ab, Gottes Segen oder gar Gott selbst „in Schutz zunehmen“, wie manche meinen. Sondern es geht um den Schutz des Menschen vor noch tieferer Verstrickung in die Sünde durch die Vergötzung oder Fetischisierung des göttlichen Segens für sündige Zwecke.

  • Ein Segen ist immer eine Einladung (oder Aufforderung), auf dem Weg Gottes zu gehen. Er dient nicht unseren Wünschen, sondern dem Willen Gottes für uns.

  • „Gottes Pläne“… wie sehr stört man sich an diesem Begriff! Es wird als kaum zu überbietende Dreistigkeit gesehen, dass „Rom“ meint, die „Pläne Gottes“ zu kennen. Tatsächlich geht es hier nur um das, was ich bereits erwähnte: Die Kirche äußert hier keinen Machtanspruch (oder Wissensvorsprung), sondern sie weist auf ihre eigenen Grenzen hin, dass sie sich nämlich nicht gegen den geoffenbarten Willen Gottes erheben kann (zur Frage, ob praktizierte Homosexualität laut der Bibel Sünde ist, vgl. meine Überlegungen hier). Täte sie es, sie hörte auf, seine Kirche zu sein.



Gleichzeitig erinnert die Kirche daran, dass Gott selbst nicht aufhört, jedes seiner Kinder zu segnen, die in dieser Welt pilgern, denn für ihn „sind wir […] wichtiger als alle Sünden, die wir begehen können“. Aber er segnet nicht die Sünde und er kann sie nicht segnen: Er segnet den sündigen Menschen, damit er erkennt, dass er Teil seines Liebesplans ist, und sich von ihm verändern lässt. Denn er „nimmt uns so, wie wir sind, aber lässt uns nie so, wie wir sind“.

  • Nochmal: Es ist zu unterscheiden zwischen dem Sünder und der Sünde, also zwischen dem Menschen und dem, was er tut. Wenn wir die Unterscheidung zwischen Sünder und Sünde nicht machen, dann müssten wir beides miteinander identifizieren – der Sünder ist die Sünde –, was dann nur zwei ungute Möglichkeiten bereithält: 1) Wir verurteilen jeden Sünder endgültig, ohne Möglichkeit von Umkehr und Vergebung, denn es gibt ja keine Unterscheidung zwischen der Sünde und dem Sünder – das will offenkundig niemand und das ist auch nicht der Weg Gottes. 2) Weil wir den Menschen für absolut gut halten, müssen wir auch alle seine sündhaften Handlungen für gut erklären, also faktisch die Idee der „Sünde“ abschaffen, um nicht – was wir ja nicht wollen – in 1) zu geraten – das scheint es zu sein, was nicht wenige heute gerne hätten, aber auch das ist offenkundig nicht der Weg Gottes. Der Ruf Jesu zur Umkehr (Mt 3,2) ist der Beweis für die Notwendigkeit der Unterscheidung zwischen Sünder und Sünde, denn dieser Ruf setzt sowohl die Realität der Sünde voraus, als auch die Möglickeit, sich von ihr abzuwenden.

  • Die Logik Mensch gut = Handlung gut ist für mich eine Ausgeburt des Snobismus. Sowas kann nur jemand denken, der noch nie die Folgen eigener oder fremder Sünden an sich selbst oder an anderen erlebt hat. Hier kommt ins Spiel, was Bernhard Meuser in seinem Buch "Freie Liebe" beschrieben hat: die, die die kirchliche Moral abschaffen wollen, zeichnen z.B. homosexuelle Beziehungen immer nur in den schillernsten Farben. Alles super aufgeklärte und reife, tief gläubige Menschen die ausschließlich respektvoll, achtsam und liebenswürdig miteinander umgehen. Zugleich zeichnen sie Menschen, die an der kirchlichen Moral scheitern, als die Schlimmsten, weil sie es überhaupt versucht haben. In der Realität sind die hier in Frage stehenden gleichgeschlechtlichen Beziehungen meist alles andere als ideal: Monogamie ist eher die Ausnahme, Drogen, Alkohol und Promiskuität sind hier deutlich häufiger anzutreffen. Die traurige Ironie dabei ist freilich, dass es für das Scheitern an der kirchlichen Moral viel Hoffnung gibt, denn insbesondere die Beichte schenkt stets die Möglichkeit des neuen Anfangs, während das Scheitern außerhalb der Kirche sehr schnell in einen bodenlosen Abgrund führt…



Aus diesen Gründen verfügt die Kirche weder über die Vollmacht, Verbindungen von Personen gleichen Geschlechts im oben gemeinten Sinne zu segnen, noch kann sie über diese Vollmacht verfügen.

  • Manche Kommentatoren behaupten, es gäbe in diesem Schreiben „dynamische Begrifflichkeitendie eine Weiterentwicklung ermöglichen würden (hier). Der entscheidende Begriff hier (wie auch in Ordinatio sacerdotalis) ist jedoch, wie schon erläutert, der der Vollmacht, und der ist nicht dynamisch.

  • Was ich oben zur Vollmacht ausgeführt habe, wird hier am Ende des Dokuments noch überboten: Nicht nur hat die Kirche die Vollmacht nicht, sie kann diese Vollmacht überhaupt nicht haben; Die Kirche darf nicht nur solche Verbindungen nicht segnen, sie kann es gar nicht dürfen. Mehr Absolutheit und weniger „Dynamik“ geht nicht.

  • Die Kritiker werden nun erwidern: Dann nehmen wir uns eben diese Vollmacht, wir bevollmächtigen uns selbst. Und damit sind wir wieder bei Jesus: bis heute wird dem Himmelreich Gewalt angetan und Gewalttätige reißen es an sich.“ (Mt 11,12) Nichts Neues unter der Sonne (vgl. Pred 1,9).



Papst Franziskus wurde in der dem unterzeichnenden Sekretär dieser Kongregation gewährten Audienz über das vorliegende Responsum ad dubium samt der Erläuternden Note informiert und hat ihre Veröffentlichung gutgeheißen.

  • Der Münsteraner Dogmatiker Michael Seewald meint, mit dieser Wortmeldung aus Rom seien drei der synodalen Themen faktisch abgewickelt (hier): 1) den Zölibat habe Papst Franziskus nach der Amazonassynode bekräftigt (z.B. hier); 2) das Frauenpriestertum könne man sowieso vergessen (vgl. die entsprechende Stellungnahme der Glaubenskongregation aus dem Jahr 2018, hier, worin die Lehre von Ordinatio sacerdotalis nochmals bestätigt wurde); 3) und nun sei auch die Frage nach der Segnung homosexueller Partnerschaften vom Tisch.Ganz Unrecht hat der Dogmatiker nicht, er vergisst allerdings die Instruktion der Kleruskongregation vom Juni 2020 („Die pastorale Umkehr der Pfarrgemeinde“, hier), die klargestellt hat, dass Laien nicht Pfarrer sein können; damit ist auch das vierte Thema des suizidalen Weges eigentlich erledigt. Was dem Dogmatiker auch entgangen zu sein scheint (was man in Deutschland aber generell einfach nicht wahrnehmen wollte), ist, dass das hier nun behandelte Thema eigentlich bereits 2016 durch Amoris Laetitia Nr. 251 (hier) entschieden wurde, worauf sich das hier behandelte Schreiben ja auch maßgeblich stützt, da „es keinerlei Fundament dafür [gibt], zwischen den homosexuellen Lebensgemeinschaften und dem Plan Gottes über Ehe und Familie Analogien herzustellen, auch nicht in einem weiteren Sinn“.

  • Alle vier „Themen“ des synodalen Weges haben bereits ihre Absage vom Papst erhalten… Und nun?



Rom, am Sitz der Kongregation für die Glaubenslehre, am 22. Februar 2021, dem Fest der Kathedra Petri.

  • Des Öfteren wird so getan, als ob dieses Verbot der Segnung gleichgeschlechtlicher Verbindungen etwas Neues wäre. Das ist es natürlich nicht, denn die Kirche hat solche Segnungen nie gutgeheißen, auch schon vor dem 22. Februar 2021. Ausdrückliche „Verbote“ gibt es erst aus jüngerer Zeit, einfach weil es erst in jüngerer Zeit Forderungen und Versuche gibt, solche Segnungen durchzuführen. Das Responsum aus Rom bestätigt und bekräftigt jedoch nur, was vorher schon galt, insofern ist jede Empörung seitens kirchlicher Würdenträger oder aus der Theologenschaft entweder nur ein Schauspiel für die Medien, oder die sich so Äußernden hatten bislang wirklich keine Ahnung, was ihre Kirche lehrt. Ein gutes Beispiel bietet aktuell der in solchen Fragen des Öfteren sich äußernde Bischof Johan Bonny aus Antwerpen, der nach dieser Weisung aus Rom, medial gut platziert, sich nun für seine Kirche „schämt“ (hier). [Ich hatte mich vor einigen Jahren schonmal mit dem Wirrwar des Denkens dieses Bischofs befasst (hier).] Dass die Kirche Segnungen für gleichgeschlechtliche Verbindungen für unzulässig hält und sie auch vor diesem Responsum schon (auf lokaler Ebene) verboten wurden, lässt sich sogar ohne Rückgriff auf den Katechismus oder den Blick ins ferne „Rom“ belegen: Im Jahr 2018 hat der Freiburger Erzbischof Stephan Burger im Anschluss an jene aus Amoris laetitia zitierte Stelle (Nr. 251) für sein Bistum bereits die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare ausdrücklich untersagt, ebenso Bischof Fürst von Rottenburg-Stuttgart (hier). Ein Jahr zuvor tat Bischof Genn in Münster das Gleiche (hier). Also: Die aktuelle „römische“ Weisung ist nichts Neues.

Donnerstag, 7. Mai 2020

Naive Theologen

Angesichts einiger weniger kontroverser Äußerungen des emeritierten Papstes am Ende der neuen Benedikt-Biographie von Peter Seewald (sehr lesenswert, ich kann es kaum beiseite legen!), fühlt sich der Freiburger Fundamentaltheologe Herr Striet – einer der wenigen Theologen, die ganz offen dem Atheismus frönen (s. meine Bemerkung hier) – dazu herausgefordert zu betonen, dass unsere Gesellschaft ganz und gar „nicht religionsfeindlich“ sei. „Allerdings“, so führt er fort, „verlangen sie von Menschen, die ihre religiösen Überzeugungen in den öffentlichen Diskurs einbringen wollen, dass sie so gute Gründe für sie aufbringen können, dass sie auch zu überzeugen vermögen.“ (hier).

Ein Wort: Naiv.

Ich glaube, Herrn Striet ist wirklich davon überzeugt, dass unsere Gesellschaft „nicht religionsfeindlich“ ist. Und ich habe eine Vermutung, warum er davon überzeugt ist.

Ums kurz zu machen: Herr Striet fühlt sich in dieser Gesellschaft geborgen und keineswegs angefeindet, weil er selbst alles nur Denkbare tut, um mit dieser Gesellschaft konform zu sein! Die „Religion“ die er vertritt, steht per Definition in keiner ernsthaften Spannung zu dieser Gesellschaft, denn ihr oberstes Ziel besteht in der Gleichförmigkeit mit ihr.
Das und nur das, meint Striet mit „überzeugen“: Es geht nicht wirklich darum, jemanden umzustimmen, sondern es geht darum ihm nach dem Mund zu reden und das weltliche Gegenüber davon zu „überzeugen“, dass man genau so ist und denkt, wie er: „Ich bin keine Gefahr für dich und dein gewohntes denken/fühlen/handeln, und ich beweise es dir, indem ich nichts vertrete, was dich kränken oder belästigen oder herausfordern könnte.“

Es ist schon erstaunlich, dass Menschen, die ihre ganze Anstrengung darauf verwenden, sich und ihre „Religion“ mit der Gesellschaft in Gleichschritt zu bringen, in vollem Ernst verkünden können, die Gesellschaft stünde dieser ihrer „Religion“ nicht feindlich gegenüber. Natürlich nicht! Wieso sollte sie?

Was Herr Striet nicht sieht, und wohl auch nicht sehen kann, ist die Tatsache, dass diese Gesellschaft durchaus religionsfeindlich ist, nämlich immer genau dann, wenn die jeweiligen religiösen Ansichten nicht widerspruchsfrei zu den Ansichten dieser Gesellschaft passen. Er kann das nicht sehen, weil er in diesen Fällen selbst auf der Seite jener Gesellschaft steht.
Die Wirklichkeit, von der Herr Striet nichts wissen möchte, ist sogar noch dramatischer: Nicht nur diese Gesellschaft ist einem überzeugten und authentischen Christentum gegenüber feindlich gesonnen, sondern die katholische Kirche selbst, so wie sie gegenwärtig in Deutschland strukturell aufgestellt ist, ist über weite Strecken gegenüber ihren eigenen Gliedern feindlich gesonnen: Wer die Lehre der Kirche unverkürzt verkündet, oder wer auch nur vereinzelten als „traditionell“ empfundenen Frömmigkeitsformen anhängt, der hat es in der katholischen Kirche in Deutschland schwer. In verantwortliche Positionen kommt man so eher nicht. Wer an den aktuellen (von der angeblich nicht religionsfeindlichen Gesellschaft vorgelegten) Dogmen der Demokratisierung und Egalisierung, der Entsakralisierung und Säkularisierung (von Kirchenraum, Priestertum, Liturgie und Sakramenten) sowie der moralischen Liberalisierung Zweifel anmeldet, wird mundtot gemacht. Wer für diese Dogmen kämpft, ist gern gesehener "Dialogpartner". Der suizidale Weg ist hier nur das offensichtlichste Beispiel.

Es ist schon irgendwie putzig, als wie naiv dieser sich selbst als der alleraufgeklärteste ansehende Kerl sich hier offenbart.

Samstag, 26. Oktober 2019

Gefährliche eucharistische Anbetung

Vor ein paar Tagen hat ein Artikel auf katholisch.de für Furore gesorgt (HIER), weil darin die eucharistische Anbetung auf Recht merkwürdige Weise herabgesetzt und suspekt gemacht wurde. (Es wurde u.a. ein für mich nicht nachvollziehbarer Zahlenvergleich mit irgend so einer dubiosen politischen Organisation bemüht, die sich als "katholische Jugend" tarnt.) Und nebenbei wurde dadurch die Werbetrommel für den "Adoratio"-Kongress gerührt. (Ich würde gerne selber teilnehmen, kann aber leider nicht.)

Mich hat jener Artikel schockiert, aber nicht sonderlich überrascht. Die Theologie in Deutschland und auch die Reflektionsprozesse in den deutschen Kirchenbehörden sind seit ein paar Jahren (ausgelöst durch das Phänomen "Nightfever") damit beschäftigt, nicht selten missgünstig auf die eucharistische Anbetung zu blicken.
Solche Reaktionen kommen zu einem Gutteil daher, dass alle gebräuchlichen religions-soziologischen Modelle, mit denen man hier wie dort arbeitet und die quasi die "Offenbarungsquelle" für das die Pastoral bestimmende "Lehramt" sind, diesen Trend weder vorhergesagt haben noch irgendwie erklären können. Man ist also zunächst einmal schlicht ratlos und weiß nicht, was man davon halten oder wie man damit umgehen soll. Darum wurde Nightfever in der Theologie und in vielen Diözesen auch so lange ignoriert, bis es nicht mehr zu ignorieren war.

Ein anderer Grund für die abweisende Reaktion auf ein Erblühen der eucharistischen Anbetung liegt wohl darin begründet, dass diese fundamental im Widerspruch zu dem steht, was im Kern des theologischen Mainstreams seit Jahren nicht mehr wie früher nur festgestellt, sondern aktiv betrieben wird: die Entsakralisierung. (Vgl. auch meinen Beitrag "Über die Angst vor bekehrten Christen".) Es gibt eine inzwischen tief sitzende Abneigung gegen das Heilige, was u.a. daran liegt, dass es nicht demokratisch einzuebnen ist und nicht dem "Machen" unterworfen werden kann. Wenn es das Heilige, das Sakrale gibt, dann ist hier etwas nicht "auf Augenhöhe" und damit inkompatibel mit der herrschenden Ideologie. Die Folgen dieser Abneigung werden augenfällig in mancher Kirchenarchitektur, aber mehr noch in pastoralen Programmen deutscher Diözesen und natürlich in der sich selbst "theologisch" nennenden Literatur.
Die eucharistische Anbetung - oder allgemeiner: die unmittelbare Begegnung mit dem Heiligen - passt nicht in das, was den Verantwortlichen in Theologie und Bistumsverwaltung wichtig ist: sie widerspricht dem Konsens zwischen Theologie und Pastoral, sie widerspricht den Prognosen und Planungen, und sie widerspricht v.a. der aktiv angestrebten Umgestaltung des gläubigen Bewusstseins (weg von Dingen wie Geheimnis, Sünde, Heiligkeit, Wahrheit etc.). (Randnotiz: In Freiburg, Regensburg und Paderborn wurde in den vergangenen Jahren [2008, 2009 {aktualisiert 2016} und 2017] jeweils eine recht umfangreiche Broschüre zum Thema eucharistische Anbetung herausgegeben, jedoch scheinen das eher isolierte Phänomene zu sei, die schon in den bischöflichen Behörden selbst zumeist belächelt oder ignoriert werden.)

Es ist immer erheiternd, wenn man Theologen und Kirchenfunktionäre über das "Hören auf den Heiligen Geist" reden hört. Aber wehe, wenn etwas Unvorhergesehenes geschieht, das auch noch unzweifelhaft katholisch ist. Im Zweifel ignoriert man es dann einfach, packt es in die Schublade "zu Überwindendes" und schreitet mit dem religions-soziologisch abgesicherten pastoralen Programm unbeirrt voran.


Der Theologe Gregor Maria Hoff aus Salzburg hat angesichts der Missbrauchskrise den Begriff der "Sakralisierungsfalle" geprägt, den ich zwar nicht für glücklich gewählt, aber zumindest für einigermaßen nützlich zur Beschreibung eines Sachverhalts halte: Es geht um die Gefahr, dass ein Priester bzw. seine Autorität/Macht zu sehr (durch sich selbst oder von anderen) überhöht, geradezu engelgleich stilisiert wird, was dann leider den Tätern zugute kommt, sei es psychologisch für sie selbst, sei es, weil dadurch die Vertuschung begünstigt wird. Der Begriff "Sakralisierungsfalle" rückt leider (ob beabsichtigt oder nicht) das Sakrale und den (echten) Klerikalismus in eine enge gedankliche Nähe. Inzwischen ist auch wahrzunehmen, wie das gedankliche Umfeld dieses Begriffs auf andere Aspekte der Kirche angewendet wird, namentlich etwa die eucharistische Anbetung.
Theologen wie Kirchenbeamte können heute ganz selbstverständlich davon sprechen, dass eucharistische Anbetung irgendwie "problematisch" sei. Dies wird dann z.B. damit begründet, dass hier die "Gefahr der Sakralisierung", d.h. der geistlichen Überhöhung bestünde. Konkret ist damit etwa gemeint: Die durch die Aussetzung des Allerheiligsten notwendig eintretende "Unterscheidung zwischen sakral und profan" würde die Eucharistie aus dem "kommunikativen Zusammenhang der Liturgie" herausreißen. (Das in den "..." sind übrigens Zitate, ich denke mir das nicht aus.)
Mit Letzterem ist gemeint, dass in der Liturgie der Kirche Kommunikation zwischen Mensch und Mensch stattfinde, was bei der eucharistischen Anbetung nicht der Fall sei (= Problem). Auf den Gedanken, dass die eucharistische Anbetung vielleicht der "kommunikative Zusammenhang" par excellence sein könnte, weil hier der Einzelne Christ unmittelbar geistig und leiblich vor den geistig und leiblich anwesenden Gott kommt um mit diesem ins Gespräch zu treten, kommt man dabei natürlich nicht. Die vertikale Dimension (das Heilige!) ist allzuoft gar nicht mehr im Bewusstsein jener Theologen und Kirchenbeamten. 

Man muss sich das einmal vor Augen führen: Da wenden sich (v.a. junge) Leute mit Überzeugung und Sehnsucht dem zu, was/den wir Katholiken als Zentrum, Quelle und Höhepunkt des christlichen Lebens wie des Lebens der ganzen Kirche bekennen. Aber nicht wenige Theologen und Bistumsbeamten (oder katholisch.de-Autoren) sehen darin nicht etwa einen Anlass zu Freude und Dank, sondern zunächst einmal etwas "Problematisches", ja sogar eine "Gefahr"...

Ich glaube, die eucharistische Anbetung ist tatsächlich eine Gefahr: Eine Gefahr für alles, was nicht der heil(ig)enden Botschaft des Evangeliums entspricht.

Montag, 12. August 2019

Über die Angst vor bekehrten Christen

Unsystematische Gedanken zur Lage der katholischen Kirche in Deutschland. 


0. Eine Erfahrung, die ich inzwischen sowohl auf der pfarrlichen, als auch auf der akademischen, als auch beruflich auf der administrativen Ebene der katholischen Kirche in Deutschland machen durfte ist die, dass man dort zutiefst misstrauisch ist gegenüber und Angst hat vor Leuten, die nicht katholisch aufgewachsen sind. Am meisten hat man Angst vor solchen, die sich als Erwachsene ganz bewusst dazu entschieden haben, sich in der katholischen Kirche taufen zu lassen. Die sind von vornherein sehr verdächtig.

1. Das ist natürlich völlig absurd. Geradezu surreal. Waren nicht in den ersten Jahren des Christentums nahezu alle Nachfolger dieses Jesus erst als Erwachsene zum Glauben gekommen? Ja, stimmt. Und die Erwachsenentaufe blieb auch noch lange der Standard.
Aber heute hat man Angst vor solchen Leuten und der Grund ist offensichtlich: Diese Leute nehmen den Glauben ernst. Die gesammelten katholischen Glaubensinhalte und den Anspruch, den dieser Glaube an sie und ihre Lebensweise stellt.

2. Mit „katholisch aufgewachsen“ meine ich einen Menschen, der als Kind getauft wurde und dann die üblichen Mühlen in Gemeinde und Schule durchlaufen hat. Dabei steht es auf einem völlig anderen Blatt, ob von diesen Mühlen irgendetwas wirklich ins Innere jenes Menschen vorgedrungen ist, sodass sein Denken und Handeln sich merklich von der „Welt“ unterscheidet. Aus Erfahrung weiß ich, dass diejenigen, die in diesem Sinne katholisch aufgewachsen sind und sich heute bemühen, den unverkürzten Glauben der Kirche zu leben (d.h. ganz banal: die sich in dem, was sie glauben und wie sie handeln, an den Weltkatechismus halten), i.d.R. früher oder später in ihrem Leben eine Bekehrung erlebt haben. Diese kann schon im Kindesalter geschehen sein oder erst viel viel später. Es gibt Ausnahmen, entweder durch ein entsprechend fruchtbares Klima Zuhause oder durch unmittelbare Gnade, wo ohne ein benennbares Bekehrungserlebnis jener unverkürzte Glaube „selbstverständlich“ gelebt wird.

3. Wo eine solche Bekehrung nicht stattgefunden hat oder das Leben nach dem unverkürzten Glauben nicht ausnahmsweise selbstverständlich ist, ist der Glaube nie zu dieser nötigen Reife der Bekehrung gekommen (auch wenn man sich hier häufig mit dem „reifen“ oder „aufgeklärten Glauben“ besonders rühmt), sondern bleibt in etwa auf dem kümmerlichen Status, der die typische Frucht unseres Religionsunterrichts ist, plus einiger wissenschaftlicher Finessen und politischer Ambitionen. Nun mag man zwar einwenden, dass ein solch mittelmäßiger Glaube, der auch dementsprechend gelebt wird, doch schon seinen Wert habe. Das stimmt auch, aber nur insofern er auf die Fülle hin ausgerichtet bleibt, d.h. insofern die Fülle des Glaubens (und des Lebens daraus) angestrebt wird, solange man sich auf dem Weg zu „mehr“ befindet. Dem, der seine Pflicht erfüllt, sagt Jesus nicht „gut so, reicht“, sondern: Sei vollkommen!

4. Wer keine Affinität zu jenem unverkürzten Glauben hat, für den ist schon die Rede davon unerträglich. Un-er-träg-lich! Viel wichtiger als das, woran man glaubt, ist für diese Menschen ohnehin, „dass“ man überhaupt (irgendetwas) glaubt. Irgendwie merhrheitskompatibel links-grün gutmenschlich Handeln gehört auch dazu, manchmal sogar die Ablehnung von Abtreibung (aber dann nicht allzu laut artikuliert, um niemanden vor den Kopf zu stoßen). Und wenn doch mal Glaubensinhalte gefragt sind, dann werden die so verklausuliert oder verwässert ins Wort gebracht, dass man sich nie ganz sicher sein kann, wovon da eigentlich die Rede ist.
[Die Gegenüberstellung von Glaubensakt und Glaubensinhalt ist in etwa so sinnvoll wie die Gegenüberstellung von Feuer an sich und Brennstoff… als ob man Feuer haben könnte ohne „etwas“ das brennt (z.B. Holz und Sauerstoff...). Ohne Glaubensinhalte ist nichts da, was geglaubt werden könnte!]

5. Zur Verdeutlichung: Der Unterschied zwischen dem, was ich hier mittelmäßigen Glauben und dem, was ich unverkürzten Glauben nenne besteht darin, dass Letzterer danach strebt und sich bemüht, den ganzen Glauben, wie er maßgeblich im Katechismus der katholischen Kirche dargelegt ist, anzunehmen und zu leben, so umfassend wie möglich. (Nicht gemeint sind fragwürdige, manchmal sektenartige Richtungen wie Engelwerk, Warnung“ oder sonstige Privatoffenbarunen die zum Superdogma gewählt wurden.) Der Mittelmäßige ist zufrieden mit dem Maß, in dem er den Glauben annehmen zu können meint und er hält es nicht für nötig, den ganzen Glauben annehmen zu müssen. Für manche mag das interessant sein, er braucht das nicht. Das eigene Ermessen ist hier Maßstab dessen, was zu glauben und wie zu handeln ist, souverän und „mündig“ steht er über dem Glauben. Hier trifft der atheistische Vorwurf, der Mensch mache sich Gott nach seinem Bilde, ins Schwarze.

6. Für so einen Menschen ist es schwer vorstellbar, dass sein Katholischsein Auswirkungen auf sein Denken, Fühlen, Handeln jenseits dessen haben könnte, was er von sich aus schon denkt, fühlt und handelt. Jeder Anspruch des Evangeliums über das hinaus wie man selber denken, fühlen und handel will wird ausgeblendet. Irgendwie ist das ja auch verständlich: Da er ja schon katholisch ist solange er sich erinnern kann, ist das, wie er denkt, fühlt und handelt, eben das, wie Katholiken denken, fühlen und handeln. Es hat hier eigentlich nie eine wirkliche Konfrontation des eigenen Lebens mit dem Glauben gegeben, das „normale“ Leben, das man eben führt, wird für den Standard gehalten, wie ein Leben als Christ zu sein hat. Eine Bekehrung ist nicht erforderlich, denn man „ist“ doch schon katholisch. Klingt logisch, oder? (Das ist und war immer schon die Gefahr der Kindertaufe. Sie ist nur dadurch zu bannen, dass die Eltern sich um ein unverkürztes Katholischsein mühen.)

7. In krassem Kontrast dazu steht ein Mensch, der sich bei vollem Bewusstsein und nach reiflicher Überlegung auf den Weg begibt, dieser Kirche und damit Jesus Christus wirklich anzugehören, ob er ungetauft ist oder getauft aber bisher lauwarm. Für ihn ist ganz klar, dass dieses „neue Leben“ sich merklich vom vorherigen unterscheiden muss. Andernfalls wäre die ganze Aktion sinnfrei.
Dieser Mensch weiß, dass der Glaube der Kirche nicht mit seinen Ideen und Vorstellungen zusammenpasst, schon gar nicht sich aus diesen speist. Nichts an diesem Glauben, weder die Inhalte, noch die moralischen Folgerungen daraus, sind für ihn selbstverständlich. Jesus war für ihn nie der, für den er ihn hält, sondern er wurde von Jesus auf unaussprechlich faszinierende und zugleich ehrfurchtgebietende Weise überrascht, von ihm ergriffen, manchmal regelrecht überwältigt. (Das ist etwas völlig anderes, als das was jener Prediger meint, der seine Zuhörer auf Jesu „überraschendes“ Handeln hinsichtlich des Umweltschutzes aufmerksam machen will… Hinter der Phrase „lassen sie sich überraschen“ steckt bei den meisten Predigern ein „Ich sag ihnen jetzt mal, wie es wirklich ist!“, gefolgt von einer Banalität.)
In kurz: Für den bekehrten Christen ist das Evangelium in seinen Inhalten und Forderungen zutiefst anstößig. Darum ist er hier: weil er daran angestoßen ist.

8. Der Bekehrte weiß: Er muss viel lernen und er muss sich und sein Leben grundlegend ändern um zu Jesus zu gehören, nicht Jesus (oder das, was die Kirche über ihn lehrt) muss sich ändern um zu ihm und seinem Lebensentwurf zu passen. Das ist fundamental und es gilt übrigens auch für die Liturgie der Kirche! Der Bekehrte will den unverkürzten katholischen Glauben annehmen. Das heißt aber auch: Ihm geht es nicht um eine Gruppe, eine Pfarrei oder ein Bistum. Folglich auch nicht um das, was in einer solchen Struktur gerade en vogue ist. Auch nicht liturgisch! Die Vorlieben einer bestimmten Person oder Gruppe, und seien es der Pfarreirat, der Pfarrer, irgendwelche Kirchenbeamte oder der örtliche Bischof, interessieren ihn erstmal herzlich wenig. Ihn interessiert der katholische Glaube in seiner Gesamtheit. Er will Jesus kennenlernen, nicht die Meinungen Einzelner oder einer Gruppe, nicht die Kreativität des Pfarrers (oder des Liturgieausschusses), nicht die mehr oder minder gescheiten „Visionen“ eines Bischofs. Der Bekehrte hat nicht vor, Mitglied einer Pfarrei oder eines Bistums zu werden, sondern er will katholisch werden. In der Kirche sucht er die Begegnung mit dem lebendigen Sohn Gottes der Mensch wurde und bleibend in ihr in Wort und Sakrament gegenwärtig ist, er sucht keine politischen Aktionen und er sucht auch nicht den nächsten Eine-Welt-Laden.

9. Diese Tatsache macht v.a. Leute die erst als eErwachsene getauft wurden in den Augen von Verantwortungsträgern sehr suspekt, zuweilen schon auf Pfarreiebene (Gremien), mehr noch im akademischen Bereich, v.a. aber auf Bistumsebene. Denn auch das habe ich inzwischen gelernt: Je höher man in der kirchlichen (und auch der akademischen) Hierarchie kommt, desto größer ist die Angst vor solchen Menschen. Vielleicht spürt man dort noch auf irgendeiner Bewusstseinsebene die leise Stimme des Gewissens, die mahnt, dass der katholische Glaube doch nicht absehen kann von der Gesamtheit seiner Inhalte und einer diesen entsprechenden Lebensweise; dementsprechend wäre ein aus der Tiefe gelebter unverkürzter Glaube eine schlimme Kränkung. Aber v.a. dürfte es daran liegen, dass man weiter oben auf der hierarchischen Leiter auch dementsprechend exponierter ist und man daher umso mehr Angst vor Reaktionen von linksaußen oder generell von medialer oder politischer Seite hat. Für die weiter oben Stehenden sind Bekehrte Katholiken für den kirchlichen Dienst nicht tragbar, weil sie „zu fromm“ sind, manchmal wird ihnen das auch direkt (wenn auch nicht mit exakt diesen Worten) gesagt.
Menschen die bewusst katholisch werden, stellen ein nur mittelmäßiges Glaubensleben jedenfalls radikal in Frage, das macht sie bedrohlich.

10. Diese Angst vor der In-Frage-Stellung des mittelmäßigen Glaubens mag auch der (unbewusste) Grund dafür sein, warum sämtliche Programme und Initiativen, die von kirchenamtlicher Seite unternommen werden um „Kirchenferne“ (damit meine ich Getaufte Fernbleibende und Ungetaufte gleichermaßen) anzusprechen, ganz bewusst vollkommen flach, fast schon säkular gestaltet sind. Man begründet das meist pädagogisch: Dass man den Menschen schließlich nicht gleich mit den ganzen Inhalten kommen könne, sondern sie langsam heranführen müsse und erst mal beim „Glauben an sich“ anfangen müsse, bevor es an „Glaubensartikel“ geht. Abgesehen davon, dass das eine ganz eigenartige Bevormundung darstellt (wo man doch von aufgeklärtem oder reifem Glauben spricht!), offenbart sich dies als hohles Gefasel spätestens dann, wenn der „Einstieg“ gemacht ist, denn dann folgt inhaltlich… nichts. Jene Programme und Initiativen hören dann auf, wenn die Kirchensteuer (wieder) fließt.
Der Verdacht drängt sich zudem häufig auf, dass hier deswegen weitgehend auf Glaubensinhalte verzichtet wird, weil den Verantwortlichen diese Glaubensinhalte selbst fremd (wenn nicht sogar peinlich) sind.
Diese Programme und Initiativen versuchen die Quadratur des Kreises, da sie einerseits vorgeben das Evangelium zu den Menschen zu bringen, sie aber andererseits ganz ohne Bekehrung (für die „getauften Heiden“ wie für die Ungetauften) auskommen wollen. Das erinnert dezent an den Ablasshandel der Lutherzeit: „Du darfst Mitglied sein und musst nichts leisten, außer einem bescheidenen Obolus.“ Mehr ist mit etwaigen Imagekampagnen und Werbungsmaßnahmen jedenfalls auch nicht angestrebt und, mal ehrlich, auch nicht erwünscht.

11. Die Folge ist übrigens, dass ausgerechnet diejenigen, die ein ehrliches Interesse am Glauben haben und die nach Jesus fragen, sich von solchen Programmen abgestoßen fühlen, entweder weil sie sich als mündige Menschen nicht ernst genommen fühlen, oder weil ihnen hier schlicht ein Antizeugnis gegeben wird – und zwar von denen, die vorgeben Autorität in Glaubenssachen zu haben!

12. Letztlich geht es bei diesen Initiativen nicht darum, Menschen für Jesus zu gewinnen (denn das geht nicht ohne Bekehrung!), sondern es geht darum, Kirchensteuerzahler zu gewinnen bzw. zu halten. Es geht letztlich also um Quantität. Manchmal wird das auch explizit etwa von Bischöfen gesagt: Wir wollen wachsen. (Ein Schelm, wer hier an den „breiten Weg“ denkt, auf dem „viele gehen“...) Es steckt hier aber noch etwas dahinter: Es geht den Verantwortlichen letztlich um ihre eigene Macht bzw. den Machterhalt. Man nennt das natürlich nicht so, sondern redet von „Einfluss“ und „Relevanz“ in der Gesellschaft und ihren Debatten und ist bereit, alles dafür zu tun, um nicht „belang-“ oder „bedeutungslos“ zu werden. Das Ziel klingt zunächst löblich, wird hier aber faktisch um einen zu hohen Preis erkauft, denn alles Anstößige fällt ihm früher oder später zum Opfer. Alternativ verzichtet man beim Wortergreifen gleich ganz auf das Eigene und nimmt sich die Agenda von jemand anderem, um sie zum „neuen“ eigenen Anliegen zu machen, obwohl jener Andere das schon viel länger und viel effizienter tut, z.B. Umweltschutz. Hauptsache, man redet mit, hat „etwas zu sagen“ (egal was...).

13. Auch hier wieder: Letztlich wird diese Haltung das Gegenteil dessen bewirken, was sie vorgibt zu wollen. Sie wird zu einem völligen Bedeutungsverlust führen, denn eine weitere Echokammer die dem Mainstream nachplappert braucht die Gesellschaft nicht. Eine solche Kirche können nicht einmal mehr ihre Gegner ernst nehmen, sie wird zum Objekt der Belustigung. Anglikaner und die EKD führen das exemplarisch vor Augen und die katholischen deutschen Bischöfe wetteifern schon um diesen fragwürdigen Pokal.

14. Auf ein Feindbild muss man in den bischöflichen Behörden dennoch nicht verzichten, denn es gibt ja noch die bekehrten Christen.
Bei aller berechtigten Skepsis gegenüber neu aufblühenden Bewegungen an der Basis und der Begeisterung von Einzelpersonen für das Evangelium – die Art und Weise, wie man in dieser Kirche mit gläubigen Menschen umgeht und die eifersüchtig gehütete ideologische Monokultur in den bischöflichen Behörden, Gremien und akademischen Einrichtungen erinnern frappierend an das Vorgehen kommunistischer Organisationen mit ihren Säuberungsaktionen und einheitlichen Parteilinien. Auch das letzte verbliebene Zentralkomitee (terminus technicus einer kommunistischen Einrichtung!) auf deutschem Boden trägt seinen Namen nicht zu Unrecht.

15. Es geht in diesem Text nicht darum, die harte Arbeit vieler Menschen schlecht zu machen. Ich hinterfrage aber die viel zu oft anzutreffenden Motive und Methoden, sowie die Haltung gegenüber denen, die es im beschriebenen Sinne ernst meinen mit dem unverkürzten Glauben der Kirche. Diözesane Liturgiereferenten, die eine getreu nach dem Messbuch gefeierte Heilige Messe mit Fundamentalismus gleichsetzen, sind zwar ein Extrembeispiel, aber auch davon gibt es mehr als man denkt. Und auch der das Reden und Handeln bestimmende Kampf um Macht in den bischöflichen Behörden – das Kratzen nach oben und das Treten nach unten – ist Alltag in Deutschland. Persönliche Profilierung vor Evangelisierung“ kommt hier auf allen Ebenen vor (hoffentlich nicht allzu oft).

16. Bleibt zu fragen: Und nun? Was macht einer der als „zu fromm“ für den kirchlichen Dienst eingestuft wird? Klappe halten und Nische suchen. Das schlimmste Vergehen im deutschen Kirchenapparat besteht darin, fromm zu sein. Diesen Eindruck sollte man also tunlichst vermeiden. Wer gerne Rosenkranz betet, die eucharistische Anbetung besucht oder – oh Graus! – mehrmals die Woche an einer hl. Messe teilnimmt, erzeugt bei Kirchenamtlichen vor allem eines: großes Misstrauen. Ein völliger Mangel an jedweder Frömmigkeit ist derweil kein Problem, denn das gilt dann – auch diese Tatsache ist an sich schon faszinierend als „Privatsache“. Eine tiefe Frömmigkeit gilt als problematisch, besonders, wenn man es mit Lehre und Verkündigung zu tun hat, das Fehlen derselben ist hingegen unbedenklich.
Die Zeit ist noch nicht reif für überzeugte Katholiken im Dienst der Kirche, dafür hat sie hierzulande einfach noch viel zu viel Geld.

17. Bekehrte Christen stehen jenem Durst nach Macht („Relevanz“) und Geld („wir tun doch so viel Gutes damit“) im Weg. Sie erinnern nämlich daran, dass Jesus genau von denen zu Tode verurteilt wurde, die vom Messias einen Zuwachs an Macht und Einfluss für sich erwarteten (der politische, über die Römer siegende Held), und die zutiefst enttäuscht und wütend waren, als sie merkten, dass dieser Jesus aus Nazareth genau dies weder für sich noch für andere bringen würde. Für diese Enttäuschung hatte er in ihren Augen den Tod verdient. Er stirbt am Kreuz und die ihm nachfolgen sind „die Geringsten“ und „von der Welt gehasst“. (Ein Zustand, den die katholische Kirche in Deutschland offenbar mit allen Mitteln zu vermeiden versucht. Es gibt einen Bergriff dafür: Everybody's Darling. So ganz scheint er mir nicht mit der Verkündigung Jesu vereinbar.)
Der Bekehrte ist sich des notwendig eintretenden Widerspruchs der Welt bewusst und nimmt diesen Kampf ebenso bewusst für sich an (ecclesia militans und der „schmale Weg“); die Verantwortungsträger in der Kirche, allen voran die meisten Bischöfe hierzulande, sind Getriebene ihrer Angst vor Bedeutungs- und Machtverlust und davor, in unserer Mediengesellschaft „nicht gut dazustehen“. Es ist Angst vor dem Schicksal der Jünger Jesu, folglich haben sie auch Angst vor denen, die sie – oder andere – daran erinnern könnten.


18. Zum Schluss ein Gedanke aus einer Predigt eines guten Pastors in meiner Nähe: Es gab in der Kirchengeschichte viele Märtyrer. Der Grund für das Erleiden des Martyriums wird oft genug darin bestanden haben, dass diese Menschen sich nicht so recht dem Zeitgeist anzupassen wussten. In Deutschland gibt es heute keine Märtyrer mehr, woran das wohl liegt?
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Halt, Korrektur, denn die Angst vor bekehrten Christen hat eine schlimme Kehrseite: Auch heute gibt es in Deutschland Märtyrer, nur kommt die Verfolgung, die sie erleiden, nicht von außen, sondern sie geschieht inmitten der Kirche und durch ihre Verantwortungsträger...