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Dienstag, 8. März 2022

Bätzing verdreht Henri de Lubac

In seiner Predigt zur Eröffnung der Vollversammlung der DBK am 7. März 2022 hat der Vortsitzende der DBK ausgerechnet Henri de Lubac zitiert, um seine kruden Ideen über die Kirche Ausdruck zu geben. Er führte aus:

»Die Kirche Jesu Christi ist „katholisch“. Und das meint weit mehr als „römisch-katholisch“ in seiner konkreten Gestalt. Katholizität, so hat es der französische Jesuit Henri de Lubac (1896–1991) durch beharrliche Studien herausgearbeitet, ist ein Zielbild, geschichtlich stets eine Herausforderung und niemals Besitzstand, den es zu verteidigen gilt. „Der Katholizismus [...] ist die Form, die die Menschheit annehmen soll“, schreibt de Lubac, „um endlich sie selbst zu werden. Er ist die einzige Wirklichkeit, die, um zu sein, es nicht nötig hat, sich entgegenzusetzen, also alles andere als eine ‚geschlossene Gesellschaft‘“ (Henri de Lubac, Glauben aus der Liebe [„Catholicisme“, 1938 erschienen]. Übertragen und eingeleitet von Hans Urs von Balthasar, Einsiedeln-Freiburg 1992, 263: Weiter spricht er davon, den Katholizismus zeichne eine Unduldsamkeit seiner Grundsätze und zugleich eine unendlich umfassende Geschmeidigkeit aus). Katholisch, das ist gelebte Verbundenheit, nicht konfessionelle Enge, nicht Abschottung und Identität durch Grenzziehungen. [...] Katholizität meint Verbundenheit. Um dieses Zielbild zu verwirklichen, müssen wir wohl noch etliche Barrieren überwinden, Durchbrüche wagen und bisher gültige Denkweisen verändern – und zuallererst demütig bekennen, wie sehr wir uns in der Kirche an unseren eigenen Geschwistern schuldig gemacht haben; wie sehr wir deren Leben belastet und ihnen die Verbundenheit verwehrt haben.«


Bätzing möchte mit allen Menschen "verbunden" sein, und meint damit v.a., dass die Kirche alles, was diese Menschen tun, etwa in ihren Betten, akzeptieren soll.

Damit verkehrt er die Aussage von de Lubac in ihr genaues Gegenteil. Ja, de Lubac sagt: »Die Kirche ist überall zu Hause, und jeder soll sich in der Kirche zuhause fühlen können« (ebd.), aber er wäre nie auf den Gedanken gekommen, dass dies bedeuten könnte, dass sich die Kirche entsprechend an alles anpassen müsse, am wenigsten in Sachen der Moral. De Lubac stellt vielmehr klar, dass die Kirche "ohne jede Naivität" auf die Menschen zugeht, d.h. sie nimmt nicht einfach alles an, sondern sie unterscheidet, sucht das "Gute" und das "Wahre" und meidet zugleich den Irrtum (ebd. 264-265) [gemäß der Mahnung des Paulus: »Prüft alles und behaltet das Gute!« (1Thess 5,21) Immer Eingedenk des darauffolgenden Verses: »Meidet das Böse in jeder Gestalt!« Vgl. ebd. 254-256]. Die sichtbare Katholizität, die sich in der Vielfalt zeigt, die sie beherbergt, ist so letztlich Ausdruck ihres inneren Reichtums.

Kurioserweise nennt de Lubac sodann etwas beim Namen, was Bätzing eigentlich die Schamesröte ins Gesicht treiben müsste, denn er, Bätzing, tut genau das, was du Lubac hier verwirft, bis in die Wortwahl ("verbinden") hinein: 

»So wenig die Methode der Kirche naiv ist, so wenig ist sie synkretistisch. Künstlich erzeugt und häufig das Werk von Verwaltungsinstanzen und Gelehrten, setzt der Synkretismus einen niedergehenden Glauben voraus. Er ist eine Beleidigung des lebendigen Gottes. Im Geistigen ist er unfruchtbar wie die Politik und die Philosophie, der er entstammt. Er erniedrigt und verflacht alle Elemente, die er verbindet [...].«

Genau da sind wir: Die Kirche (in Deutschland!) ist im Niedergang begriffen und Bätzing möchte durch Verwaltungsinstanzen und mit gelehrten Redelsführern (suizidaler Weg) das Ruder herumreißen, indem er einen Synkretismus fabriziert, der allerlei wesentliche Elemente des Katholischen erniedrigt und verflacht (z.B. das Priestertum und eben die Moral).

Die Kirche kann Heimat für alle Menschen sein, weil sie die Fülle der Gnade und der Wahrheit Gottes ihr eigen weiß. Als Christen glauben wir, dass einer der Weg, die Wahrheit und das Leben für alle Menschen ist. Dass die Kirche "katholisch" ist bedeutet gerade nicht, dass sie allen Menschen angepasst werden kann oder gar soll, sondern im Gegenteil, dass alle Menschen sich ihr anschließen können auch in ihrer Strenge und Klarheit. De Lubac weiter (durchaus kämpferisch):

»Endlich kann hier auch nicht von "Liberalismus" die Rede sein, von Willfährigkeit gegenüber dem Irrtum oder vom Schalwerden des evangelischen Salzes. Wie das Christentum in der ganzen Strenge seiner Forderungen vorgetragen werden muss, so muss man es auch in seiner ganzen Reinheit hervortreten lassen. Es wäre sträflich, die sanfte Strenge des Evangeliums zu verschleiern; aber nicht weniger, es mit überflüssigem Ballast zu beschweren; dies hat schon das erste Konzil verkündet. Und wenn es auch ausgemacht ist, dass das Bekehrungswerk in seinem Wesen nicht darin besteht, die übernatürliche Wahrheit zu adaptieren, sie auf das menschliche Maß herabzudrücken, sondern umgekehrt den Menschen ihr anzupassen und ihn zum Maß dieser Wahrheit, die ihn beherrscht und ihn richtet, zu erheben, so müssen gerade wir, ihre Diener, uns vor nichts so sehr hüten als vor einer lästerlichen Verwechslung unserer Geschmäcker, unserer Gewohnheiten, unserer Vorurteile, unserer Leidenschaften, unserer Beschränktheiten und Schwächen mit der göttlichen Religion, von der wir noch so wenig durchdrungen sind. Wir sollen die Seelen für Gott, nicht für uns gewinnen, und ihnen. Gott schenken, statt uns selbst ihnen aufdrängen. Wenn man dies für Liberalismus hält, so ist es jedenfalls kein anderer als der der Liebe. Da mihi amantem et scit quid dicam.

Das große Beispiel des hl. Paulus ist am geeignetsten, vor jeder hier möglichen Verwechslung im voraus zu sichern. Keiner schämte sich weniger als Paulus, das Ärgernis des Kreuzes zur Schau zu tragen, und keiner fürchtete mehr als er, dessen Kraft abzustumpfen. Keiner hat vorbehaltloser als er die Notwendigkeit verkündet, mit dem Irrtum und der Sünde zu brechen und sich selbst zu sterben, um ein neues Leben in Christus zu leben: "Fegt aus den alten Sauerteig und seid ein neuer Teig." Aber Paulus weigert sich, auf die Forderungen der judaisierenden Christen einzugehen. Er erhebt sich sogar gegen jene, die seine Kühnheit einschüchtert. Geschieht es einzig deshalb, "um, wie er selbst sagt, dem Evangelium kein Hindernis zu schaffen" oder "für Christus eine große Menge" Heiden zu gewinnen? Diese Absicht erklärte sein Verhalten nicht ganz. Was den Apostel bestimmt, ist nicht vor allem das Interesse der Propaganda: es ist die Logik seines Glaubens. Seine Gegner werfen ihm vor, dass er aus politischer Klugheit das Joch des Herrn erleichtert, indem er das Gesetz aufgibt. Nein, erwidert er, nicht damit die Menschen mich gut aufnehmen, handle ich so, sondern um mich Gott verdient zu machen. Wenn ich das "Evangelium Gottes" predige, will ich es nicht "nach Menschen weise" verkünden. Weit davon entfernt, die Lehre aus Opportunitätsrücksichten zu kompromittieren, verteidigt Paulus vielmehr ihren wahren Charakter gegen die unklugen Zugeständnisse Petri. Er weigert sich, das Evangelium andern zuliebe zu ändern, weil er damit Christus untreu würde (1Kor 1,17; 5,7; 9,12 und 19-22; Gal 1,10-11; 2,11-24).

Der Geist, der den Apostel leitet, ist derselbe, der noch heute die Kirche lenkt, und der durch die Stimme der letzten Päpste spricht [gemeint sind Pius IX. bis Pius XI.]. Der Weg, auf den er uns verpflichtet, ist der einzig sichere. Ihm folgen ist weder Naivität noch Synkretismus noch Liberalismus, sondern einfach Katholizismus.« (ebd. 265-267)

Bätzing sollte nochmal genau nachlesen und sich dann schämen! Ich kann bloß hoffen, dass sein bischöflicher Mitbruder aus Regensburg, der ein ausgewiesener Experte für Henri de Lubac ist, ihn auf seine Verirrung (und die Irreführung seiner Zuhörer) hinweist.

Dienstag, 26. Oktober 2021

Hierarchie der Wahrheiten


Im Dekret des Zweiten Vatikanischen Konzils über den Ökumenismus, Unitatis redintegratio (UR), taucht der Begriff „Hierarchie der Wahrheiten“ auf (UR 11). Dieser Begriff hat seit dem eine erstaunliche Karriere hingelegt, denn er ist in die Alltagssprache vieler Kirchenleute und Theologen übergangen, auch weit jenseits des Themas Ökumene.

Leider wird der Begriff meistens falsch bzw. missbräuchlich verwendet. Und zwar auf die Weise, dass damit ausgesagt werden soll, dass es „wichtige“ und „weniger wichtige“, und sogar „unwichtige“ Glaubensinhalte gäbe, wobei man sich insbesondere bei der Verkündigung (Katechese, Predigt, mediale Auftritte) auf die wichtigen konzentrieren solle. Welcher hierarchische Rang einer einzelnen Glaubenswahrheit zukommt, liegt derweil meist im Ermessen des Einzelnen, aber recht beliebt ist es, nur das als „wichtig“ zu deklarieren, was im Glaubensbekenntnis steht, wobei aber diese Regel sogleich wieder gebrochen wird, denn die Jungfrauengeburt gehört diesen Verkündern zufolge sicherlich nicht zur „wichtigen“ Kategorie, und auch die Dreifaltigkeit Gottes wird zuweilen nicht in den oberen hierarchischen Rängen positioniert, da sie unverständlich sei. Mein Eindruck ist, dass meist nach dem religionsphilosophischen Modell verfahren wird: Was die meisten Menschen glauben, das ist in dieser Hierarchie ganz oben und darauf müssen wir uns in Verkündigung konzentrieren; je spezifischer es wird, desto niedriger ist der „Rang“ und desto eher kann man es, platt gesagt, weglassen. Daraus ließen sich grob fünf Ränge ableiten:

1. Was allen Menschen gemein ist

2. Was allen Religionen gemein ist

3. Was den monotheistischen Religionen gemein ist

4. Was den christlichen Konfessionen gemein ist

5. Was spezifisch katholisch [und orthodox] ist

Was wir hier haben ist eine Hierarchie, genauer: Was man in der Fachsprache „Schachtelungshierarchie“ (engl. nesting hierarchy) nennt. Hierbei sind die jeweiligen Kategorien ähnlich einer Matrjoschka ineinander verschachtelt: die „katholische Schachtel“ befindet sich zusammen mit anderen in der „christlichen Schachtel“, diese befindet sich wiederum mit anderen zusammen in der „monotheistischen Schachtel“, diese befindet sich wiederum mit anderen zusammen in der „religiösen Schachtel“ und diese befindet sich wiederum mit anderen zusammen in der „meschlichen Schachtel“. In dieser Hierarchie ist folglich das Wichtigste alles, worüber sich alle Menschen einigen können usw.; am unwichtigsten ist das, was die eigene Kirche ausmacht.


Ursprünglich im Kontext des Themas Ökumene eingeführt, hat der Begriff der „Hierarchie der Wahrheiten“ doch überragende Bedeutung. Aber sein falscher Gebrauch hat gerade für die Ökumene verheerende Folgen.

Sinn jener religionsphilosophischen Unterteilung in wichtig und unwichtig ist es, im ökumenischen und interreligiösen Austausch eine möglichst große Nähe herzustellen und nicht mit „Eigenem“ den anderen auf Distanz zu halten. Das klingt zunächst gut, führt aber auch dazu, dass man etwa als katholischer Gesprächspartner von seinem Gegenüber am Ende des Tages nicht ernst genommen wird, denn man gibt dadurch seine eigene Identität preis.

Mal ehrlich: Was glauben die so Vorgehenden eigentlich, wie vertrauenerweckend der andere auf einen wirkt und wie ernstgenommen man sich fühlt, wenn man feststellen muss, dass der Gesprächspartner nicht mal sich selbst, seinen eigenen Glauben, ernst nimmt? Oder andersherum: Wenn ich meinen eigenen Glauben nicht ernst nehme, d.h. ihn nicht unverkürzt annehme, bejahe und bekenne, dann kann ich nicht erwarten, dass mein Gegenüber mir abnimmt, dass ich ihn und seinen Glauben ernst nehme.

Durch so einen Mangel an Ernsthaftigkeit der geglaubten Wahrheit gegenüber kann auch kein Vertrauen entstehen, denn jeder ernsthafte Dialog löst sich in Luft auf, er wird ersetzt durch eine (politische/ideologische) Verhandlung. Das ist genau das, was den Großteil unserer gegenwärtigen „offiziellen“ ökumenischen Gespräche auszeichnet: Es sind Verhandlungen um Begriffe, nicht Gespräche über den Glauben. Die Ergebnisse sind dann dementsprechend auch Verträge und Vereinbarungen, aber keine Nähe, keine Gemeinschaft. Ein gutes Beispiel ist jenes schreckliche (weil unehrliche, und damit unchristliche, außerdem häretische und in hohem Maße manipulative) Dokument „Gemeinsam am Tisch des Herrn, mit dem ich mich HIER und HIER näher befasst habe. Ich sprach damals von einer Papierökumene, Karl-Heinz Menke nennt es Tintenfischökumenik, bei der alles Anstößige hinter einem Tintenschleier verschwindet.


Mit derHierarchie der Wahrheiten“, wie sie das letzte Konzil benannte hat, hat dieses Einteilen in „wichtig“ und „unwichtig“ nichts, aber auch gar nichts zu tun. Wie fern ein Zurückstellen von Glaubenswahrheiten um des ökumenischen Friedens oder scheinbarer (begrifflich ausgefeilter und vertraglich festgehaltener) Übereinkünfte willen jenem Begriff des Zweiten Vatikanischen Konzils ist, kann dieser Satz aus dem selben Abschnitt (drei Sätze vorher) gut veranschaulichen:

Die gesamte Lehre muss klar vorgelegt werden. Nichts ist dem ökumenischen Geist so fern wie jener falsche Irenismus, durch den die Reinheit der katholischen Lehre Schaden leidet und ihr ursprünglicher und sicherer Sinn verdunkelt wird.“ (UR 11)

Was es mit dem Begriff „Hierarchie der Wahrheiten“ tatsächlich auf sich hat, erklärt das Konzil eigentlich unmissverständlich, aber es gibt einen Grund, warum stets nur dieser Begriff zitiert wird und nicht der Satz, in dem er steht, oder gar dessen Kontext. Dort heißt es (satzweise):

[1)] Zugleich muss aber der katholische Glaube tiefer und richtiger ausgedrückt werden auf eine Weise und in einer Sprache, die auch von den getrennten Brüdern wirklich verstanden werden kann.

[2)] Darüber hinaus müssen beim ökumenischen Dialog die katholischen Theologen, wenn sie in Treue zur Lehre der Kirche in gemeinsamer Forschungsarbeit mit den getrennten Brüdern die göttlichen Geheimnisse zu ergründen suchen, mit Wahrheitsliebe, mit Liebe und Demut vorgehen.

[3)] Beim Vergleich der Lehren miteinander soll man nicht vergessen, dass es eine Rangordnung oder ‚Hierarchieder Wahrheiten innerhalb der katholischen Lehre gibt, je nach der verschiedenen Art ihres Zusammenhangs mit dem Fundament des christlichen Glaubens.

[4)] So wird der Weg bereitet werden, auf dem alle in diesem brüderlichen Wettbewerb zur tieferen Erkenntnis und deutlicheren Darstellung der unerforschlichen Reichtümer Christi angeregt werden.“ (UR 11)

1) Es fällt auf, dass es hier überhaupt nicht um Glaubensinhalte (oder Glaubenswahrheiten) geht, sondern um die Sprache und das Sprechen: Wie drücken wir uns aus? Drücken wir uns so aus, dass man uns versteht? Drücken wir uns bzw. den Glauben „tief“ und „richtig“, ja sogar „tiefer“ und „richtiger“ aus? Der lateinische Text klingt hier noch schärfer als die übliche deutsche Übersetzung: „fides catholica et profundius et rectius explicanda est“ – „der katholische Glaube ist sowohl tiefer als auch richtiger darzulegen“ [und zwar] auf eine Weise und in einer Sprache, die von den getrennten Brüdern wirklich verstanden werden kann.

2) Hier geht es noch immer nicht um einzelne Glaubensinhalte, sondern um Haltungen: Als erstes um die „Treue zur Lehre der Kirche“ und sodann um Wahrheitsliebe, Liebe, Demut. Zu gemeinsamer Forschungsarbeit“, d.h. konfessionsübergreifend, wird ermutigt, Gegenstand sind die „göttlichen Geheimnisse“, die aber nicht nach „wichtig“ oder „unwichtig“ sortiert werden, sondern einfach gegeben sind.

3) Hier haben wir endlich den Begriff der „Hierarchie der Wahrheiten“. Es fällt auf, dass die genannten Wahrheiten „innerhalb der katholischen Lehre“ verortet werden, es geht also gewissermaßen um alles „was katholisch ist“. Vor allem von Bedeutung ist jedoch, die nähere Bestimmung, was mit diesem Begriff ausgesagt ist: Auch hier ist nirgends die Rede von „wichtigen“ und „weniger wichtigen“ oder „unwichtigen“ Wahrheiten. Vielmehr ergibt sich die Verschiedenheit der Wahrheiten, die als Rangfolge oder Hierarchie bezeichnet wird, aus der „Art ihres Zusammenhangs mit dem Fundament des christlichen Glaubens“. Dies ist durchaus konkret aufzufassen: Es ist keine generelle Rangordnung gegeben, sondern jede Glaubenswahrheit hat ihren spezifischen Zusammenhang mit dem Fundament. (Welches offenkundig Christus ist.)

4) „Wettbewerb“ ist hier eine missverständliche Übersetzung. Es ist hier wohl nicht gemeint, wer wen besser überzeugen kann oder wer am Ende als „Sieger“ hervorgeht, sondern es ist eher ein geistlicher Wettkampf gegen die eigene Schwäche gemeint, der „Sieg“ ist jenes tiefere, richtigere Verstehen, die Mittel in diesem Kampf sind jene Treue, Wahrheitsliebe und Demut.


Doch der Schaden geht weit über ökumenische Gespräche hinaus.

Der Begriff „Hierarchie der Wahrheiten“ wurde, weil er so „neu“ klingt dankbar angenommen, nachdem er seines Textzusammenhangs entledigt wurde, umgedeutet und für die Demontage des Glaubens gebraucht. Man meinte, hier endlich einen Anpack zu haben, um das Wichtige vom Unwichtigen zu scheiden und unnötigen Ballast abzuwerfen (ein breiter Konsens unter Theologen unmittelbar nach dem letzten Konzil war es z.B., dass man die Existenz von Engeln entsorgen müsse, die in dieser Hierarchie ganz weit unten stünde). Das war natürlich von Anfang an nur ideologisch motiviertes Wunschdenken, schon allein weil, wie bereits dargelegt, der selbe Passus des Konzilstextes klar macht, dass „die gesamte Lehre klar vorgelegt werden“ muss.

Auch wenn der Begriff „Hierarchie der Wahrheiten“ als solcher „neu“ ist, so ist doch das, was er bezeichnet, so neu nicht. Das Erste(!) Vatikanische Konzil sprach in ähnlicher Weise in der Konstitution Dei filius vom „nexus mysteriorum inter se“ (vgl. DH 3016), also von der „Vernetzung“ der Geheimnisse des Glaubens untereinander, die sich so gegenseitig erhellen und erschließen. Auch der Begriff der Analogie des Glaubens“ (lat. analogia fidei) ist hier gefallen und meint im Grunde das Gleiche (vgl. KKK 114). Die Rede von der „Hierarchie“ oder „Rangordnung“ scheint mir indes für die gemeinte Sache durchaus passend, denn es besteht in diesem Nexus faktisch eine Hierarchie (wörtlich: heilige Ordnung), da gewisse Glaubenswahrheiten auf dem Fundament anderer Glaubenswahrheiten ruhen oder, andersherum, durch diese gewissermaßen „von oben“ erhellt, erschlossen werden. Das Bild vom Netz(werk) ist hier eng verwandt mit dem des lebendigen Körpers: Nach Thomas von Aquin (STh II-II, q. 1, a. 6) heißen die einzelnen Glaubenswahrheiten „[Glaubens]Artikel“ (lat. articulus: Glied), weil sie Teil eines organischen, als „Leib“ gedachten Ganzen sind und entsprechend zusammen gehören.

Ein Beispiel: Die Glaubenswahrheit der Aufnahme Mariens in den Himmel ist nicht verständlich, ohne die Glaubenswahrheit ihrer besonderen Begnadung, und diese wiederum ist ohne die Glaubenswahrheit der Erlösung in und durch Christus nicht einsichtig. Marias Begnadung steht so gesehen in der Hierarchie an höherer Stelle als ihre Aufnahme in den Himmel, und die Erlösung durch Christus an höchster Stelle; aber alle drei sind und bleiben wahr und verpflichtend zu glauben, keine ist unwichtig“ oder kann entfallen. Das ist es, was Hierarchie der Wahrheiten meint, nichts anderes.
Auf klug könnte man sagen: „Hierarchie der Wahrheiten“ ist ein hermeneutischer oder didaktischer Begriff, kein dogmatischer. Die „Hierarchie“ dient dem „richtigeren und tieferen“ Verständnis (vgl. UR 11) der einzelnen Wahrheiten des Glaubens im Gesamt des Glaubens, sie rührt nicht an deren Wahrheitsgehalt.

Dass die Wahrheiten des Glaubens in einer Rangordnung stehen, war immer schon im Bewusstsein der Kirche präsent, was etwa daran klar wird, dass in den wichtigsten historischen Glaubensbekenntnissen nicht alle Feinheiten des katholischen Glaubens eingeflossen sind, sondern nur seine zentralsten oder grundlegendsten Elemente. Dadurch wurde aber nie die Wahrheit und Verbindlichkeit von all dem abgelehnt, was nicht in diese aufgenommen wurde (z.B. taucht in diesen die bischöfliche Amtsstruktur der Kirche nicht auf, obwohl sie für die Bischöfe, die diese Bekenntnisse verfassten und approbierten, gewiss wichtig und verbindlich war).

Leider hat schon sehr bald, noch während des Konzils, jenes falsche Verständnis des Begriffs oftmals die Oberhand gewonnen, weswegen bereits das „Allgemeine Katechetische Direktorium“ von 1971 (das nie offiziell ins Deutsche übersetzt wurde, weil man meinte, Katechese eigentlich nicht mehr nötig zu haben) betonte:

„Diese Hierarchie bedeutet nicht, dass einige Wahrheiten weniger als andere zum Glauben gehören, sondern dass manche Wahrheiten auf anderen grundlegenderen aufbauen und von ihnen her Licht erhalten.“ (Nr. 43)

 

Die missbräuchliche Verwendung des Begriffs funktioniert indes nur, solange die so Sprechenden nicht darüber nachdenken, was sie da eigentlich sagen. Denn der Begriff „Hierarchie der Wahrheiten“ kann gar keine Wertung über die Verbindlichkeit oder Relevanz des zu Verkündigenden bezeichnen, weil eine Wahrheit nunmal eine Wahrheit bleibt, auch wenn sie zusammen mit anderen in einer „Hierarchie“ angeordnet wird. So, wie er faktisch verwendet wird, müsste der Begriff eigentlich „Hierarchie der Wahrheitsgrade“ oder „Hierarchie der Verbindlichkeiten“ heißen, dann würden der Begriff und seine Deutung zusammenpassen. (Eine Ironie dieses falschen Denkens ist, dass man damit die so genannten „Gewissheitsgrade“, die sich früher in der neuscholastischen Dogmatik großer Beliebtheit erfreuten, und die man heute nur zu gerne als unsinnig verlacht, in einer verdummten Variante wieder aufleben lässt, ohne es zu merken.) Nun heißt der Begriff aber „Hierarchie der Wahrheiten“: Die Wahrheiten bleiben Wahrheiten, sie büßen ihre wesentliche Eigenschaft des Wahrseins durch die wie auch immer vorgenommene Anordnung in der Hierarchie nicht ein; sie müssen folglich in ihrer Gesamtheit anerkannt, bejaht und bekannt werden, denn die bzw. eine Wahrheit (wir könnten auch sagen: Realität) zu leugnen ist immer ein Fehler, das wissen auch die so Sprechenden.

Die falsche Verwendung des Begriffs findet dann z.B. in dem (immer schon von unzähligen Theologen geäußerten) Vorwurf gegen den Katechismus der katholischen Kirche Ausdruck, dieser würde jene Hierarchie nicht gebührend berücksichtigen, weil dort alles einfach als „wahr“ hingestellt, und nicht nach „Wahrheitsgraden“ unterschieden würde (siehe HIER ganz unten). Diese Kritik ist Unsinn, weil „Hierarchie der Wahrheiten“ eben nichts am Wahrsein der Wahrheiten ändert. In Wirklichkeit ist der Katechismus, wie jedes gute Glaubensbuch, konsequent nach dem Prinzip der Hierarchie der Wahrheiten strukturiert, da er die Zusammenhänge der einzelnen Wahrheiten mit dem Fundament des Glaubens darlegt und verdeutlicht. Die einzelnen Wahrheiten werden dabei jeweils als wahr dargestellt, weil es eben Wahrheiten sind und bleiben. Daher heißt es auch in jenem „Allgemeinen Katechetischen Direktorium“ von 1971: „In der Heilsbotschaft besteht eine gewisse Hierarchie der Wahrheiten, die die Kirche immer anerkannt hat, wenn sie Glaubensbekenntnisse und -kompendien verfaßte.“ (Nr. 43)


Ich spare mir hier eine Auflistung aller Stellen, an denen die Päpste und ihre Dikasterien die korrekte Bedeutung des Begriffs der „Hierarchie der Wahrheiten“ immer wieder aufs neue eingeschärft haben, und beschränke mich nur auf die vermutlich aktuellste von diesen. Papst Franziskus schreibt in seinem Apostolischen Schreiben Evangelii gaudium:

„Alle offenbarten Wahrheiten entspringen aus derselben göttlichen Quelle und werden mit ein und demselben Glauben geglaubt, doch einige von ihnen sind wichtiger, um unmittelbarer das Eigentliche des Evangeliums auszudrücken. […] Man darf die Vollständigkeit der Botschaft des Evangeliums nicht verstümmeln. Außerdem versteht man jede Wahrheit besser, wenn man sie in Beziehung zu der harmonischen Ganzheit der christlichen Botschaft setzt, und in diesem Zusammenhang haben alle Wahrheiten ihre Bedeutung und erhellen sich gegenseitig.“ (Nr. 36-39)
Weiter heißt es dort:
„Das Evangelium lädt vor allem dazu ein, dem Gott zu antworten, der uns liebt und uns rettet – ihm zu antworten, indem man ihn in den anderen erkennt und aus sich selbst herausgeht, um das Wohl aller zu suchen. Diese Einladung darf unter keinen Umständen verdunkelt werden! Alle Tugenden stehen im Dienst dieser Antwort der Liebe. Wenn diese Einladung nicht stark und anziehend leuchtet, riskiert das moralische Gebäude der Kirche, ein Kartenhaus zu werden, und das ist unsere schlimmste Gefahr. Denn dann wird es nicht eigentlich das Evangelium sein, was verkündet wird, sondern einige lehrmäßige oder moralische Schwerpunkte, die aus bestimmten theologischen Optionen hervorgehen. Die Botschaft läuft Gefahr, ihre Frische zu verlieren und nicht mehr ‚den Duft des Evangeliums‘ zu haben.“ (Nr. 39)

Genau das ist seit Jahrzehnten leider in großem Umfang zu beobachten, nicht nur im ökumenischen Dialog, sondern in allen Bereichen des kirchlichen Lebens ähnelt das Ganze mehr und mehr einem Kartenhaus. Wen wunderts, dass nun mittels suizidalem Weg dasselbe zum Einsturz gebracht werden soll...es wurde ja jahrzehntelang sturmreif geschossen...

Dienstag, 20. April 2021

Bischof Oster und G.K. Chesterton

Bischof Oster von Passau ist offenbar (verständlicherweise) ob des bescheuerten Rassismusvorwurfs einer gewissen Tübinger (sich so titulierenden) "Theologin" gegenüber lehramtstreuen Katholiken die Hutschnur geplatzt. Jedenfalls hat er einen ausgesprochen deutlichen und kämpferischen Beitrag dazu verfasst, was katholisch ist, und was nicht (HIER zu finden). Sehr zu empfehlen!

Nur eine kleine Anmerkung: In seinem Beitrag fügt der Bischof auch ein Zitat ein, das gerne G.K. Chesterton zugeschrieben wird: »Ich brauche keine Kirche, die mir erzählt, dass ich unrecht habe, wenn ich weiß, dass ich unrecht habe. Ich brauche eine Kirche, die mir sagt, dass ich unrecht habe, wenn ich glaube, dass ich recht habe.«

Inhaltlich liegt das gewiss ganz auf der Linie von Chesterton, aber es ist eher eine Paraphrase von etwas, das Chetserton geschrieben hat, kein Zitat. Die Paraphrase stammt aus seinem Büchlein "The Catholic Church and Conversion", das Chesterton wenige Jahre nach seiner eigenen Konversion schrieb. Dort heißt es in Kapitel 5: »We do not really want a religion that is right where we are right. What we want is a religion that is right where we are wrong.« Viel interessanter als dieses Bonmont finde ich aber, was darauf folgt, denn es ist eine Abrechnung mit genau dem Schlag von "religiösen Menschen", der heute z.B. am suizidalen Weg den Ton angibt:

»These people merely take the modern mood, with much in it that is amiable and much that is anarchical and much that is merely dull and obvious, and then require any creed to be cut down to fit that mood. But the mood would exist even without the creed. They say they want a religion to be social, when they would be social without any religion. They say they want a religion to be practical, when they would be practical without any religion. They say they want a religion acceptable to science, when they would accept the science even if they did not accept the religion. They say they want a religion like this because they are like this already. They say they want it, when they mean that they could do without it.
It is a very different matter when a religion, in the real sense of a binding thing, binds men to their morality when it is not identical with their mood. It is very different when some of the saints preached social reconciliation to fierce and raging factions who could hardly bear the sight of each others' faces. It was a very different thing when charity was preached to pagans who really did not believe in it; just as it is a very different thing now, when chastity is preached to new pagans who do not believe in it. It is in those cases that we get the real grapple of religion; and it is in those cases that we get the peculiar and solitary triumph of the Catholic faith.«

Sonntag, 11. Oktober 2020

Anmerkungen zu "Fratelli tutti"...

Auf ein Wort über den Umgang von Papst Franziskus mit dem Heiligen Franz von Assisi, den er als das große Vorbild und sogar als die Motivation für die Abfassung von nunmehr zwei Enzykliken ins Feld führt.

Es wundert mich ein wenig, wie der Papst hier mit seinem Namensvetter umgeht, wenn er in Abschnitt 1 seiner Enzyklika schreibt: »'Fratelli tutti' schrieb der heilige Franz von Assisi und wandte sich damit an alle Brüder und Schwestern, um ihnen eine dem Evangelium gemäße Lebensweise darzulegen. Von seinen Ratschlägen möchte ich den einen herausgreifen, mit dem er zu einer Liebe einlädt, die alle politischen und räumlichen Grenzen übersteigt. Er nennt hier den Menschen selig, der den anderen, 'auch wenn er weit von ihm entfernt ist, genauso liebt und achtet, wie wenn er mit ihm zusammen wäre'. Mit diesen wenigen und einfachen Worten erklärte er das Wesentliche einer freundschaftlichen Offenheit, die es erlaubt, jeden Menschen jenseits des eigenen Umfeldes und jenseits des Ortes in der Welt, wo er geboren ist und wo er wohnt, anzuerkennen, wertzuschätzen und zu lieben.«

Nun hatte Franz von Assisi wohl kaum im Sinn, eine allgemeine Menschheitsregel aufzustellen, denn seine Ermahnungen "an alle Brüder" richten sich eben nur an die Brüder seines Ordens, und so klingt das Zitat im Kontext gleich viel weniger weltbewegend [im Folgenden eigene Übersetzungen aus dem Italienischen, die Quellen stehen in der Enzyklika]: »Selig der Knecht, der einen Bruder, wenn er weit von ihm entfernt ist, genau die gleiche Liebe und Ehrfurcht erweisen würde, als wenn er neben ihm wäre, und der nicht hinter seinem Rücken etwas sagen würde, was er nicht mit Liebe auch in seiner Gegenwart sagen könnte.« 

Auf deutsch: Lästert nicht über eure Ordensbrüder! Mehr steht da nicht.

Jene Anrede "fratelli tutti", die der Papst zitiert, kommt von woanders her und sieht im Kontext übrigens so aus: »Schauen wir aufmerksam hin, wir Brüder allesamt, auf den guten Hirten, der, um Seine Schafe zu erretten, die Passion des Kreuzes erlitten hat. Die Schafe des Herrn sind Ihm nachgefolgt im Leiden und in der Verfolgung, in die Schmach und in den Hunger, in Krankheit und Anfechtung und in anderen Dingen, und sie haben für all dieses vom Herrn das ewige Leben erhalten. Daher ist es eine große Schande für uns Knechte Gottes, dass die Heiligen große Werke vollbracht haben und wir dagegen Ehre und Ruhm erhalten wollen, bloß indem wir davon erzählen [d.h. ohne es selbst zu tun].«

 

Das dritte und letzte Zitat, das der Papst den überlieferten Schriften des Franz von Assisi entnimmt, stammt nicht aus den "Ermahnungen" des Heiligen, sondern aus dessen erster (nicht bestätigten) "Regel", und der Papst baut er wie folgt in Abschnitt 3 seines Textes ein: »Franziskus ging zum Sultan, ohne die Schwierigkeiten und Gefahren einer solchen Begegnung zu verkennen. Er tat dies in der Einstellung, die er von seinen Jüngern verlangte, dass nämlich keiner seine Identität verleugne, der 'unter die Sarazenen und andere Ungläubige gehen will, […] und dass sie weder zanken noch streiten, sondern um Gottes Willen jeder menschlichen Kreatur untertan sind'. In diesem Zusammenhang war das eine ganz außergewöhnliche Aufforderung. Es berührt mich, wie Franziskus vor achthundert Jahren alle dazu einlud, jede Form von Aggression und Streit zu vermeiden und auch eine demütige und geschwisterliche 'Unterwerfung' zu üben, sogar denen gegenüber, die ihren Glauben nicht teilten.«

Hier verfälscht der Papst die Aussage von Franz von Assisi auf durchaus gravierende Weise. Die ganze Stelle (genau genommen sind es zwei) lautet mit Kontext so:

»Der Herr sagt: 'Siehe, ich sende euch wie Schafe mitten unter Wölfe; so seid nun klug wie die Schlangen und einfältig wie die Tauben.' Deshalb gehe jeder Bruder, der unter die Sarazenen und andere Ungläubige gehen will, [nur] mit der Erlaubnis seines Vorstehers. Der Vorsteher gibt ihnen dann die Erlaubnis und hindert sie nicht, wenn er sieht, dass sie für die Entsendung geeignet sind; in der Tat wird er dem Herrn [Jesus] Rechenschaft geben müssen, wenn er [d.i. der Vorsteher] in diesen wie in anderen Dingen ohne [geistliche] Unterscheidung vorgegangen ist.

Die Brüder, die unter die Ungläubigen gehen, können sich unter ihnen auf zweierlei Weisen geistlich verhalten. Eine Weise besteht darin, dass sie keine Streitereien oder Diskussionen anzetteln, sondern dass sie jedem menschlichen Geschöpf aus Liebe zu Gott untertan sind und bekennen, dass sie Christen sind. Die andere Weise besteht darin, dass sie, wenn sie sehen, dass es dem Herrn gefällt, das Wort Gottes verkünden, damit jene an Gott, den Allmächtigen, den Vater und den Sohn und den Heiligen Geist, den Schöpfer aller Dinge, und an den Sohn Erlöser und Retter glauben und sich taufen lassen und Christen werden, denn wenn jemand nicht durch das Wasser und den Heiligen Geist wiedergeboren wird, kann er nicht in das Reich Gottes eintreten.

Diese und andere Dinge, die dem Herrn gefallen, können sie ihnen [d.i. den Ungläubigen] und anderen sagen; denn der Herr sagt im Evangelium: 'Jeder nun, der sich vor den Menschen zu mir bekennen wird, zu dem werde auch ich mich bekennen vor meinem Vater, der in den Himmeln ist' und: 'wer sich meiner und meiner Worte schämt, dessen wird sich auch der Sohn des Menschen schämen, wenn er kommen wird in der Herrlichkeit seines Vaters mit den heiligen Engeln.'«

Franz von Assisi gesteht zwar die Möglichkeit zu, im Stillen zu wirken, ohne Anstoß zu erregen, was sicherlich klug ist, wenn man "unter den Wölfen" ist. Aber Franz von Assisi fordert auch in diesem Fall das Bekenntnis (was der Papst unterschlägt) und fordert generell sehr energisch zur Verkündigung und zum "Christenmachen" auf. Was der Papst hier sagen will, lässt sich mit dem Kontext, aus dem er das Zitat reißt (und kreativ neu zusammenschustert) kaum in Einklang bringen.


Mir scheinen alle Zitate sehr beliebig ausgewählt und aus dem Kontext gerissen. Dass man sich darüber mokiert, dass durch das »fratelli tutti« der Titel der Enzyklika nicht gendergerecht sei, kann ich insofern nachvollziehen, als es überhaupt keinen Grund gibt, hierfür Franz von Assisi zu zitieren... der Papst hätte genausogut (und wohl auch besser) einfach in eigenen Worten mit  "Liebe Brüder und Schwestern" beginnen können und es hätte dem Text nichts gefehlt. Was ist der Sinn, eine Anrede zu zitieren, aber auf das sie umgebende Thema nicht weiter einzugehen? Ich behaupte ja auch nicht, eine bedeutende Bundestagsrede von Willy Brandt zur Grundlage meiner Überlegungen zu machen, nur um dann als einzige Worte daraus »Liebe Kolleginnen und Kollegen...« zu zitieren...

Ginge es dem Papst wirklich um die Brüderlichkeit, hätte sich ein Zitat aus den Briefen sehr viel mehr angeboten, wo der Heilige aus Assisi mit vielen biblischen Anspielungen etwa schreibt: »Und auf all diejenigen, die auf diese Weise hinübergehen [sterben], wenn sie bis dahin diese Dinge tun und in ihnen bis zum Ende durchhalten, wird der Geist des Herrn ruhen und er wird sie zu seiner Wohnung machen und bei ihnen wohnen. Und sie werden Kinder des himmlischen Vaters sein, dessen Werke sie tun, und sie werden Vermählte sein, Brüder und Mütter unseres Herrn Jesus Christus.
Wir sind Vermählte, wenn die gläubige Seele sich durch die Wirkung des Heiligen Geistes mit Jesus Christus vermählt. Und wir sind Brüder, wenn wir den Willen seines Vaters tun, der im Himmel ist. Wir sind Mütter, wenn wir ihn durch die Liebe und reines und aufrichtiges Bewusstsein in unserem Herzen und in unserem Leib tragen, und wenn wir ihn gebären durch das heilige Werk, das als Vorbild für andere leuchten soll.«

Zu befehlend war wohl die Anrede in einem anderen Brief, wo Franz von Assisi über die hl. Messe schreibt und einen Abschnitt beginnt mit »Ascoltate, fratelli miei.« (Hört, meine Brüder...). Oder der Papst hätte gleich Jesus zitieren können, der seine Zuhörer zwar nicht als seine Brüder anspricht (vgl. meine Gedanken dazu HIER), sondern eine richtige Aussage über ihr Brudersein tätigt: »ihr alle aber seid Brüder« (Mt 23,8), aber da würde dann die weltanschauliche Offenheit fehlen, weil dieser Ausspruch Jesu seinen Sinnziel darin hat, ihn als den Herrn und Meister zu erweisen...

Eine zufällige Anrede zitieren, als wäre es eine weltbedeutende Aussage... nein, also das ergibt so gar keinen Sinn. Im Übrigen ist es überhaupt wenig sinnvoll, jene einzelnen Wörter aus den "Ermahnungen" dem Heiligen Franziskus in den Mund und ihnen damit eine quasi-göttliche Autorität beizulegen zu versuchen: Die uns schriftlich von ihm überlieferten "Ermahnungen" stammen nämlich nicht aus seiner Feder, sondern sind Zusammenfassungen und Fragmente seiner Äußerungen, die vielleicht - vielleicht auch nicht - noch zu seinen Lebzeiten von unbekannten Autoren gesammelt und aufgeschrieben wurden. Will man hier nicht ein Wirken des Geistes vermuten, wie es die Verfertigung der Schriften des Neun Testaments gestützt hat, dann sollte man sich nicht an solchen einzelnen Wörtern aufhängen... und erst recht sollte man sie nicht auf so sinnlose oder unsinnige Weise aus dem Kontext reißen.

Was gar nicht geht, ist eine grobe Verfälschung, wie sie mit Zitat drei geschieht. Oha.



Auf ein Wort zur Entstehung der Enzyklika:

Fr Hunwicke schrieb vor kurzem (hier) über etwas, was mich auch sehr gewurmt hat: Dass der Papst in seiner jüngsten Enzyklika den Entsthungsprozess derselben auf eine Weise beschreibt, die in höchstem Maße bedenklich ist. Dort heißt es in Nr. 5.: »Die vorliegende Enzyklika sammelt und entwickelt prinzipielle Themen, die in jenem von uns [mit Großimam Ahmad Al-Tayyeb] gemeinsam unterzeichneten Dokument [von Abu Dhabi] aufgeführt sind. Hierbei habe ich auch, mit meinen Worten, zahlreiche Dokumente und Briefe aufgenommen, die ich von vielen Menschen und Gruppen aus aller Welt empfangen habe.«

Wie Fr Hunwicke zu Recht bemerkt, ist es erstaunlich, dass der Papst mit keiner Silbe erwähnt, den Herrn im Gebet, die Heilige Schrift, die Kirchenväter und Heiligen der Kirche, oder seine Vorgänger zu Rate gezogen zu haben (die sich ja durchaus reichlich zu den behandelten fragen geäußert haben), aber dafür ein fragwürdiges interreligiöses (also nicht: christliches) Papier sowie weitere ungenannte Dokumente und Briefe unbekannter Personen (sind darunter auch Christen?) als Grundlage nennt. Dass Franziskus sich beinahe ausschließlich selbst zitiert und nicht, wie dies in Dokumenten des Lehramts üblich ist, vielfältig seine Vorgänger und die Konzilien zu Wort kommen lässt, um die Kontinuität der Lehre sicherzustellen, ist gleichfalls befremdlich, passt aber zu seiner Beschreibung der Entstehung. Hier ist weniger ein Papst, der lehrt, sondern es ist Jorge Mario Bergoglio, der ellenlang seine persönlichen Ideen darbietet.

Das wirft die kuriose Frage auf, ob ein solches Schreiben überhaupt als Enzyklika, und so als Teil des päpstlichen Lehramtes betrachtet werden kann. Es spricht nichts dagegen, dass ein Papst sich die Gedanken und Worte anderer Autoren zu eigen macht oder gleich einen Ghostwriter hernimmt (die Enzyklika Mit Brennender Sorge von Pius XI. stammt im Wesentlichen aus der Feder von Eugenio Pacelli und Fides et Ratio von Johannes Paul II. stammte wohl im Wesentlichen aus der Feder von Joseph Ratzinger), problematisch wird es, wenn offenkundig nicht die geoffenbarte Wahrheit das Leitmotiv war. Insofern empfinde ich es weniger als beruhigend und eher als Anlass der Sorge, dass der Papst im nächsten Abschnitt extra betonen zu müssen glaubt, dass er »diese Enzyklika auf der Grundlage meiner christlichen Überzeugungen, die mich beseelen und nähren« geschrieben hat. Normalerweise sollte man das beim Oberhaupt der katholischen Kirche voraussetzen und niemals in Zweifel ziehen können... und nie hat es ein Papst für nötig empfunden, dies seinen Lesern zu versichern!

 

Der äußerst fragwürdige Umgang mit den überlieferten Worten des heiligen Franz von Assisi lässt mich zweifeln, ob der Papst Franziskus den heiligen Franziskus wirklich als Vorbild ernstnimmt, oder ob dieser jenem nicht vielmehr nur als Projektionsfläche für die eigenen unausgegorenen Ideen dient... gepaart mit den merkwürdigen Bemerkungen zur Entstehung des Dokuments ziehen für mich gleich in den ersten paar Abschnitten in Zweifel, ob diese Enzyklika überhaupt als authentische Äußerung des päpstlichen Lehramts betrachtet werden kann... 

Hmm...

Davon abgesehen enthält das Dokument enorm viele Wiederholungen aus früheren Äußerungen, manche hilfreiche Bemerkung, und manche nicht so hilfreiche... Hätte man sich eigentlich sparen können, das viele Papier... ein dreiseitiger Brief an die Menschheit hätte es auch getan.

Dienstag, 8. September 2015

Pannenberg über Homosexualität

Ich habe hier vor einer Weile versucht von der Bibel her eine Antwort auf die Frage zu geben "Ist praktizierte Homosexualität Sünde?" und dem eine Betrachtung über die Berechtigung und die Gebotenheit moralischen Be-Urteilens hinzugefügt (hier).
Da derzeit immer wieder "Theologen" das Wort ergreifen, die feierlich verkünden, theologisch, gar biblisch, stünde einer Anerkennung homosexueller Akte, gar homosexueller "Ehen" nichts im Wege, sei ein (durchaus nicht unbekannter) Text des vor einem Jahr verstorbenen großen evangelischen Theologen Wolfhart Pannenberg zitiert: "Maßstäbe zur kirchlichen Urteilsbildung über Homosexualität" von 1994. Persönlich halte ich Pannenberg für den bedeutendsten und kompetentesten evangelischen Theologen des ausgehenden 20. Jahrhunderts; seine Christologie ist mit das Beste, was es dazu gibt.
Pannenberg erregte ein gewisses Aufsehen, als er 1997 das ihm 1987 verliehene Bundesverdienstkreuz 1. Klasse zurückgab, nachdem dieses einer Dame verliehen wurde, die sich für die Gleichstellung homosexueller Lebensgemeinschaften in Kirche und Gesellschaft einsetzte; dies steht laut Pannenberg im Widerspruch zum verfassungsmäßigen besonderen Schutz von Ehe und Familie.
Der Text:

»Kann Liebe Sünde sein? Nach der ganzen Tradition christlicher Lehre gibt es verkehrte, perverse Liebe. Die Menschen sind zur Liebe geschaffen, als Geschöpfe des Gottes, der Liebe ist, aber diese Bestimmung der Menschen wird, wo sie sich von Gott abgewendet haben, pervertiert. Das ist überall da der Fall, wo Menschen anderes mehr lieben als Gott. So sagt Jesus: „Wer Vater und Mutter mehr liebt als mich, ist meiner nicht wert“ (Mt 10,37). Sogar für die Liebe zu den Eltern gilt also, dass die Liebe zu Gott den Vorrang haben muss, obwohl doch die Liebe zu den Eltern Gegenstand des vierten Gebotes ist. Der Wille Gottes – oder mit der Verkündigung Jesu zu sprechen: Die Herrschaft Gottes über unser Leben – soll bei unserer Lebensführung der Leitstern unserer Selbstbestimmung sein.

Was das für den Bereich des sexuellen Verhaltens bedeutet, ist aus dem Wort Jesu über die Ehescheidung zu entnehmen. Jesus greift in seiner Antwort auf die Frage der Pharisäer nach der Zulässigkeit der Ehescheidung auf die Schöpfung des Menschen zurück, in der er Gottes Intention mit diesem seinem Geschöpf ausgedrückt sieht: Von der Schöpfung her gilt, Gott hat den Menschen als Mann und Frau geschaffen. Darum heiße es auch, der Mann werde Vater und Mutter verlassen, um mit dem Weibe vereint zu sein, und die beiden werden ein Fleisch sein. Daraus folgert Jesu Wort, dass die Unverbrüchlichkeit der Gemeinschaft von Mann und Frau das Ziel des göttlichen Schöpfungswillens mit dem Menschen sei. Die unauflösliche eheliche Gemeinschaft ist also das Ziel der Erschaffung des Menschen als geschlechtliches Wesen (Mk 10,2-9).

Dieses Wort Jesu bildet die Grundlage und das Kriterium für alle christlichen Stellungnahmen zu den Fragen der Sexualität. Es geht ja darin nicht nur um die Ehe als Spezialthema, sondern ganz umfassend um die von der Schöpfung des Menschen her begründete Bestimmung seiner Existenz als Geschlechtswesen. Nach dem Worte Jesu ist die Geschlechtlichkeit des Menschen als Mann und Frau auf die unauflösliche Gemeinschaft der Ehe angelegt. Das ist der Maßstab für die Urteilsbildung christlicher Lehre über den ganzen Bereich des geschlechtlichen Verhaltens.

Diese Sicht der Dinge entspricht bei Jesus im Großen und Ganzen jüdischer Tradition, obwohl Jesus mit der Betonung der Unauflöslichkeit der Ehe über die Bestimmung des jüdischen Gesetzes hinausging, die eine Möglichkeit der Ehescheidung vorsah (Dtn 24, 1). Dass der Mensch in seiner Geschlechtlichkeit zur ehelichen Gemeinschaft bestimmt ist, war gemeinsame jüdische Überzeugung. Darin sind schon im Alten Testament die Urteile über von dieser Norm abweichende Formen sexuellen Verhaltens begründet, also neben Unzucht und Ehebruch auch über die Homosexualität.

Die biblischen Urteile über homosexuelles Verhalten sind eindeutig in ihrer mehr oder weniger scharfen Ablehnung, und alle biblischen Aussagen zu diesem Thema stimmen ausnahmslos darin überein. Das Heiligkeitsgesetz im dritten Buch Mose bestimmt apodiktisch- „einem männlichen Wesen darfst du nicht beiwohnen, wie man einer Frau beiwohnt; es wäre ein Gräuel“ (Lev 18,22). Das zwanzigste Kapitel des Buches rechnet solches Verhalten sogar zu den todeswürdigen Verbrechen (Lev 20,13), übrigens ebenso wie wenige Verse zuvor den Ehebruch (Lev 20, 10). Die Juden wussten sich in diesen Fragen von den sie umgebenden Völkern geschieden, und das hat auch die neutestamentlichen Aussagen zum Thema der Homosexualität bestimmt, im Gegensatz zur hellenistischen Kultur, die an homosexuellen Beziehungen keinen Anstoß nahm. Paulus hat im Römerbrief homosexuelles Verhalten zu den Folgen der Abwendung der Menschen von Gott gerechnet (Röm 1,27), und im ersten Brief an die Korinther wird homosexuelle Praxis neben Unzucht, Ehebruch, Götzendienst, Wucherei, Trunksucht, Diebstahl und Raub zu den Verhaltensweisen gerechnet, die von der Teilhabe am Reiche Gottes ausschließen 1 Kor 6,9f), und Paulus meint, die Christen seien von der Verstrickung in all solche Verhaltensweisen durch die Taufe frei geworden (1 Kor 6,11).

Diesen paulinischen Aussagen steht im Neuen Testament keine einzige Stelle gegenüber, die ein günstigeres Urteil über homosexuelle Betätigung erkennen ließe. In der Gesamtheit des biblischen Zeugnisses wird also praktizierte Homosexualität ausnahmslos zu den Verhaltensweisen gerechnet, in denen die Abwendung des Menschen von Gott besonders eklatant zum Ausdruck kommt. Dieser Befund setzt dem Urteil einer an die Autorität der Schrift gebundenen Kirche zum Thema der Homosexualität sehr enge Grenzen, zumal die biblischen Aussagen zu diesem Thema das negative Gegenstück zu den positiven Anschauungen über die schöpfungsgemäße Bestimmung des Menschen in seiner Sexualität bilden, sodass es sich also keineswegs um marginale Urteile handelt, die ohne Schaden für die christliche Botschaft im ganzen vernachlässigt werden könnten. Die biblischen Aussagen über Homosexualität lassen sich auch nicht dadurch relativieren, dass man sie als Ausdruck einer für den modernen Menschen überholten kulturgeschichtlichen Situation betrachtet. Es handelt sich hier ja gerade um ein Thema, bei dem die biblischen Zeugnisse schon ursprünglich ganz bewusst den in ihrer kulturellen Umwelt herrschenden Auffassungen entgegentraten, und zwar um des Glaubens an den Gott Israels willen hinsichtlich der von ihm dem Menschen bei seiner Schöpfung verliehenen Bestimmung.

Nun hört man heute von Befürwortern einer Änderung des Urteils der Kirche über die Homosexualität, die biblischen Aussagen hätten einen erst durch moderne anthropologische Erkenntnisse gewonnenen Befund nicht berücksichtigen können, nämlich dass Homosexualität – wie es heißt – schon als „Gegebenheit“ der leiblich-seelischen Befindlichkeit homosexueller Menschen vor aller entsprechenden sexuellen Betätigung zu würdigen sei. Man sollte hier zur deutlicheren Unterscheidung von der homosexuellen Betätigung besser von einer homophilen Veranlagung sprechen. Dazu ist zu sagen, dass eine solche Veranlagung nur durch ihre Intensität auf eine Minderheit von Menschen beschränkt ist. Als ein Faktor menschlicher Sexualität unter anderen ist sie viel weiter verbreitet. Für den Menschen ist ja charakteristisch, dass sexuelle Antriebe nicht auf einen abgesonderten Verhaltensbereich beschränkt sind, sondern das ganze menschliche Verhalten in allen Lebensbereichen durchdringen. Dazu gehören auch Beziehungen zu Personen des eigenen Geschlechts. Doch gerade weil erotische Motive beim menschlichen Verhalten überall beteiligt sind, stellt sich dem Menschen die Aufgabe ihrer Integration in das Ganze der menschlichen Lebensführung. Die Tatsache homophiler Neigungen muss nicht automatisch zur homosexuellen Betätigung führen. Sie kann in eine Lebensführung integriert werden, in der sie der Beziehung zum andern Geschlecht untergeordnet wird und in der das Thema sexueller Betätigung überhaupt nicht das alles andere beherrschende Zentrum menschlicher Lebensführung sein sollte. Die Leistung der Ehe als Institution liegt, wie der Soziologe Helmut Schelsky mit Recht gesagt hat, nicht zuletzt darin, dass sie die menschliche Sexualität einbindet in darüber hinausgehende Aufgaben und Ziele.

Die Tatsache homophiler Neigungen also braucht nicht verleugnet und darf auch nicht verurteilt werden. Die Frage ist nur, wie man damit umgeht bei der dem Menschen aufgegebenen Selbstbestimmung seines Verhaltens. Das ist das eigentliche Problem, und an dieser Stelle hat das Urteil seinen Ort, dass homosexuelle Betätigung eine Abweichung von der dem Menschen als Geschöpf Gottes gegebenen Norm für sein sexuelles Verhalten darstellt. Im Urteil der Kirche gilt das nicht allein für die Homosexualität, sondern für jede nicht auf das Ziel der Ehe zwischen Mann und Frau bezogene sexuelle Betätigung, vor allem auch für den Ehebruch. Die Kirche muss mit der Tatsache leben, dass Abweichungen von der Norm in diesem Lebensbereich wie in andern nicht selten sind, sondern eher die Regel bilden. Die Kirche muss den betreffenden Menschen mit Toleranz und Verständnis begegnen, aber sie auch zur Umkehr aufrufen. Sie kann nicht die Unterscheidung zwischen der Norm und dem davon abweichenden Verhalten aufgeben. An dieser Stelle liegt die Grenze für eine christliche Kirche, die sich an die Autorität der Schrift gebunden weiß. Wer die Kirche dazu drängt, die Norm ihrer Lehre in dieser Frage zu ändern, muss wissen, dass er die Spaltung der Kirche betreibt. Denn eine Kirche, die sich dazu drängen ließe, homosexuelle Betätigung nicht mehr als Abweichung von der biblischen Norm zu behandeln und homosexuelle Lebensgemeinschaften als eine Form persönlicher Liebesgemeinschaft neben der Ehe anzuerkennen, eine solche Kirche stünde nicht mehr auf dem Boden der Schrift, sondern im Gegensatz zu deren einmütigem Zeugnis. Eine Kirche, die einen solchen Schritt tut, hätte darum aufgehört, evangelische Kirche in der Nachfolge der lutherischen Reformation zu sein.«

Noch ein Wort zur aktuellen Situation: In der aktuellen Debatte gehen Theologen immer öfter dazu über, die biblischen Aussagen zur Homosexualität nicht mehr zu ignorieren, wie man es auch lange Zeit tat, oder sie einfach für "zeitbedingt" und daher hinfällig zu erklären, sondern sie, ganz kreativ und falsch, umzudeuten, so als bezögen sie sich nur auf unfreiwillige sexuelle Kontakte, etwa im Krieg, sprich: Vergewaltigung. Daher sei einvernehmlicher homosexueller Verkehr, den die biblischen Autoren überhaupt nicht im Blick gehabt hätten (obwohl es ihn in ihrer Umwelt durchaus gab?!), ok. Das ist aber schon allein darum falsch, weil die Bibel sehr wohl zwischen freiwilligem und unfreiwilligem Sex deutlich unterscheidet, dies im Bezug auf Homosexualität aber gerade nicht tut. Eine Formulierung wie etwa Lev 18,22 ergäbe dann auch keinen Sinn, denn sie würde ja Vergewaltigung bei Frauen gutheißen (so, wie du es mit einer Frau tust, sollst du es mit einem Mann nicht tun). Es handelt sich hierbei um eine theologische Fiktion, die weder mit der Bibel noch mit irgendetwas aus 2000 Jahren christlicher Tradition zu stützen ist.
Die Schrift widersetzt sich solchen Umdeutungen. Am Ende des Tages bleibt einzig die Frage übrig, wie ernst wir das Wort Gottes nehmen, und darin auch die Warnung vor der Sünde und dem Jüngsten Gericht (vgl. den ersten Link oben).

Dienstag, 12. August 2014

Der Löwe brüllt

Die Erklärung des Päpstlichen Rates für den interreligiösen Dialog über die Verbrechen, die derzeit im Mittleren Osten geschehen.

The whole world has witnessed with incredulity what is now called the "Restoration of the Caliphate," which had been abolished on October 29, 1923 by Kamal Ataturk, founder of modern Turkey.

Opposition to this "restoration" by the majority of religious institutions and Muslim politicians has not prevented the "Islamic State" jihadists from committing and continuing to commit unspeakable criminal acts.

This Pontifical Council, together with all those engaged in interreligious dialogue, followers of all religions, and all men and women of good will, can only unambiguously denounce and condemn these practices which bring shame on humanity:
  • the massacre of people on the sole basis of their religious affiliation; 
  • the despicable practice of beheading, crucifying and hanging bodies in public places; 
  • the choice imposed on Christians and Yezidis between conversion to Islam, payment of a tax (jizya) or forced exile; 
  • the forced expulsion of tens of thousands of people, including children, elderly, pregnant women and the sick; 
  • the abduction of girls and women belonging to the Yezidi and Christian communities as spoils of war (sabaya); 
  • the imposition of the barbaric practice of infibulation; 
  • the destruction of places of worship and Christian and Muslim burial places; 
  • the forced occupation or desecration of churches and monasteries; 
  • the removal of crucifixes and other Christian religious symbols as well as those of other religious communities; 
  • the destruction of a priceless Christian religious and cultural heritage; 
  • indiscriminate violence aimed at terrorizing people to force them to surrender or flee.

No cause, and certainly no religion, can justify such barbarity. This constitutes an extremely serious offense to humanity and to God who is the Creator, as Pope Francis has often reminded us.

We cannot forget, however, that Christians and Muslims have lived together - it is true with ups and downs - over the centuries, building a culture of peaceful coexistence and civilization of which they are proud. Moreover, it is on this basis that, in recent years, dialogue between Christians and Muslims has continued and intensified.

The dramatic plight of Christians, Yezidis and other religious communities and ethnic minorities in Iraq requires a clear and courageous stance on the part of religious leaders, especially Muslims, as well as those engaged in interreligious dialogue and all people of good will. All must be unanimous in condemning unequivocally these crimes and in denouncing the use of religion to justify them.

If not, what credibility will religions, their followers and their leaders have? What credibility can the interreligious dialogue that we have patiently pursued over recent years have?

Religious leaders are also called to exercise their influence with the authorities to end these crimes, to punish those who commit them and to reestablish the rule of law throughout the land, ensuring the return home of those who have been displaced.

While recalling the need for an ethical management of human societies, these same religious leaders must not fail to stress that the support, funding and arming of terrorism is morally reprehensible.

That said, the Pontifical Council for Interreligious Dialogue is grateful to all those who have already raised their voices to denounce terrorism, especially that which uses religion to justify it.

Let us therefore unite our voices with that of Pope Francis: "May the God of peace stir up in each one of us a genuine desire for dialogue and reconciliation. Violence is never defeated by violence. Violence is defeated by peace.”


PS. In den vergangenen Tagen war auf manchen Seiten/Blogs (die v.a. dem "konservativen" Spektrum angehören) von der Unzufriedenheit zu lesen, über die mangelnde Klarheit vatikanischer Äußerungen zu diesen Vorfällen. Mich hat das auch verwundert. Aber während auf manchen dieser Seiten sogleich recht unhaltbare und substanzlose Spekulationen forciert wurden, der Vatikan (oder der Papst selbst) wolle nicht riskieren, den Muslimen auf den Slips zu treten (was den Schluss nahelegen würde, dass das im Vatikan ein Haufen von blinden und tauben Ignoranten ist), hatte ich die Vermutung, dass die eher ad hoc gemachten Äußerungen - etwa der Pressestelle des Vatikans - darum sehr genau erwogen und der Ball scheinbar niedrig gehalten wurde, weil etwas "Größeres" in Vorbereitung ist. Das ist nach meiner Erfahrung die übliche Vorgehensweise des Vatikans (man denke nur an "Mit brennender Sorge"!): Die Kirche überlegt sehr sorgfältig, wie sie sich zum aktuellen Tagesgeschehen äußert - und sie tut gut daran.
Nun, was ich erwartete, ist jetzt geschehen, und an Klarheit ist es nicht zu überbieten. Deo gratias!

Sonntag, 8. Juni 2014

interreligiöses Pfingsten


Pfingsten ist mehr als ein christliches Wunder. Als Christen glauben wir, dass der Geist weht wo er will, und wir glauben, dass er überall dort wehen will, wo Menschen Gott suchen.

Man vergleicht gerne den Heiligen Geist mit dem Wind, und die Menschen mit einem Segelschiff. Ich finde diesen Vergleich sehr viel treffender, als den Geist etwa mit der Schwerkraft zu vergkleichen. Beides sind zwar Naturkräfte, aber während die Schwerkraft immer gleich wirkt, ja es unmöglich ist, sich gegen sie abzuschirmen (man kann ihr nur mit großem Aufwand widerstehen), bedarf das Segelschiff auch einiger Eigenschaften, um den Wind nutzen zu können. Zwar bewirken der bloße Luftwiderstand und die Reibung ein irgendwie geartetes Fortkommen, aber das ist eher ziellos und wenig hilfreich. Es braucht bestimmte Techniken und seemännisches Können, um den Wind "einzufangen" und nutzen zu können. So ist es auch mit dem Geist: Wenn man sich ihm nicht öffnet, sich auf eine gewisse Weise für ihn bereitet, dann verpufft er in seiner wesentlichen fruchtbaren Wirkung. Gott schenkt uns seine Gnade, aber er oktryiert sie nicht.

Das Treffen im Vatikan zwischen religiösen und staatlichen Führern des Nahen Ostens, scheint mir eine Gelegenheit gewesen zu sein, bei der die Segel geöffnet wurden. Jeder für sich, auf seine Weise. Aber doch in einer gewissen Gemeinschaft, nämlich als Kinder Abrahams und Geschöpfe des einen Schöpfers.
Als Christen dürfen wir darauf Vertrauen, dass der dreieine Gott auch in denen wirkt, die ihn nur unvollständig erkennen.
Es war ein schöner Anlass... hoffnungsvoll für den Frieden! Wie es an dem Treffen mit einem Zitat ausgedrückt wurde: Wer in Jerusalem Frieden schaffen kann, der kann in der ganzen Welt Frieden schaffen.
Orate fratres!

Montag, 26. Mai 2014

Prophetische Freundschaft

Im Uhrzeigersinn: Papst Franziskus, der Rabbi Abraham Skorka und der Scheich* Omar Abboud. Umarmung nahe der Klagemauer in Jerusalem (als Video gibs das hier).

Abraham Skorka ist Rektor des lateinamerikanischen Rabbinenseminars in Buenos Aires. Omar Abboud war Generalsekretär des islamischen Zentrums in Argentinien und ist gegenwärtig Direktor des Instituts für interreligiösen Dialog in Buenos Aires. Beide kennt Jorge Mario Bergoglio schon seit über 20 Jahren, alle drei verbindet eine enge Freundschaft.
Es ist sehr bewegend, diese "Männerfreundschaft" zu sehen an so einem wichtigen Ort (wobei der Scheich sich aus naheliegenden Gründen nicht der Mauer genähert hat). Es ist geradezu prophetisch, dass wir einen Papst haben, der eine solch enge Freundschaft über die religiösen Grenzen hinweg pflegt und auch als Papst nicht aufgibt. Wenn Frieden irgendwie möglich ist, dann mittels solcher Freundschaften!
Deo gratias!
 
Hier ist das gleiche Ensemble vor ein paar Jahren in Buenos Aires.

* "Scheich" ist ein arabischer Ehrentitel der sowohl im religiösen wie im profanen Bereich im Islam geläufig ist.

Donnerstag, 8. Mai 2014

Jeder gegen jeden

Tolles Bild eben auf kath.net mit drei erstaunlich ähnlichen Schlagzeilen:
»Hagia Sophia soll offenbar wieder als Moschee genutzt werden«

»Maroniten-Patriarch: Heiliges Land gehört den Christen«

»'Tod den Arabern, den Christen und allen, die Israel hassen'«

Muslime provozieren Christen, Christen provizieren Juden, Juden provozieren Christen und Muslime... Gehts noch?

Mittwoch, 11. Dezember 2013

Besinnung

»Kommt alle zu mir, die ihr euch plagt und schwere Lasten zu tragen habt. Ich werde euch Ruhe verschaffen. Nehmt mein Joch auf euch und lernt von mir; denn ich bin gütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seele. Denn mein Joch drückt nicht, und meine Last ist leicht.« (Mt 11,28-30)


Besinnung ist ein zentrales Schlagwort der vorweihnachtlichen Marketingmaschinerie. Besinnung kann man kaufen in Teeform, als Kerze, Plüschkissen, Buch, CD oder Staubfänger.
Besinnung ist ein Kuschelwort das Ruhe, Bequemlichkeit, Zufriedenheit, Romantik und Friede meinen kann.

Besinnung ist eines dieser Worte, deren eigentliche Bedeutung uns abhanden gekommen ist, obwohl es doch direkt vor uns liegt: Be-Sinnung... Sinn!
Was ist der Sinn? Der Sinn ist alles das, was es an "großen Fragen" gibt nach Werten, Wahrheit, Gott...
Die Adventszeit sollte für uns Christen eine wirkliche Zeit der Besinnung sein, wir sollten uns das Wort von der Werbeindustie wieder zurückklauen und uns konsequent nach dem letzten Sinn unseres Lebens ausrichten...

Es ist irgendwie witzig, dass ich beim ersten Vers des heutigen Evangeliums an die zahllosen scheinbar hirnamputierten (besinnungs-losen?) schwer beladenen vorweihnachtlichen Einkäufer denken musste, die derzeit die Innenstadt überfluten... noch viel mehr als eh schon das ganze Jahr... "Weihnachtsmarkt"! Der Gott Konsum... (Als einsamer Student habe ich wohl leicht reden: das einzige wofür ich Geld ausgebe sind Bücher und Lebensmittel...)
Beim Anblick der wuselnden Innenstadt, um zu "meiner" Kirche zu kommen ist diese Ansicht unvermeidlich, werde ich immer zum Misanthrop. Die Adventszeit ist für mich daher immer eine besondere Herausforderung, nicht der Misanthropie zu verfallen. Zum Glück ist der einzige Grund warum ich mir das Schauspiel Tag um Tag antue der, dass "meine" Kirche vom Weihnachtsmarkt unfreiwillig umzingelt ist. Hätte ich nicht IHN zum Ziel (in jeder Hinsicht...), wagte ich mich nicht in diesen Pfuhl.
Ist das meine tägliche Be-Sinnung?

Montag, 2. September 2013

Gefühlsreligion

Chagall, "Die Schöpfung" (1960)
Noch ein Wort bzgl. der Gefühlsreligion" (siehe hier): Es ist ein verbreitetes Missverständnis, wenn das erste Gebot im Sinne einer v.a. gefühlsmäßigen Bindung an Gott ausgelegt wird:
»Höre, Israel! Jahwe, unser Gott, Jahwe ist einzig. Darum sollst du den Herrn, deinen Gott, lieben mit ganzem Herzen, mit ganzer Seele und mit ganzer Kraft. Diese Worte, auf die ich dich heute verpflichte, sollen auf deinem Herzen geschrieben stehen.« (5Mo 6,4-6)

Das klingt zwar schön und hat was Kuscheliges, aber "mit ganzem Herzen" und "auf deinem Herzen geschrieben" hat mit bloßem Gefühl nichts zu tun. In der antiken Vorstellung ist das Herz das Organ zum Denken, es ist der Ort des Vertandes! Das wird besonders augenfällig in jenem wunderbaren Schöpfungsgesang im 17. Kapitel von Jesus Sirach:
»Der Herr hat die Menschen aus Erde erschaffen und lässt sie wieder zu ihr zurückkehren. Gezählte Tage und eine bestimmte Zeit wies er ihnen zu und gab ihnen Macht über alles auf der Erde. Ihm selbst ähnlich hat er sie mit Kraft bekleidet und sie nach seinem Abbild erschaffen. Auf alle Wesen legte er die Furcht vor ihnen, über Tiere und Vögel sollten sie herrschen. Er bildete ihnen Mund und Zunge, Auge und Ohr und ein Herz zum Denken gab er ihnen. Mit kluger Einsicht erfüllte er sie und lehrte sie, Gutes und Böses zu erkennen. Er zeigte ihnen die Größe seiner Werke, um die Furcht vor ihm in ihr Herz zu pflanzen. Sie sollten für immer seine Wunder rühmen und seinen heiligen Namen loben.« (Sir 17,1-10)

Aus den folgenden Versen wird zudem deutlich, wie wenig das Verhältnis der Menschen zu Gott auf bloßen Gefühlen ruht und ruhen kann. Liebe ist v.a. eine Entscheidung (siehe hier), und eine solche kann und muss durchaus auch verstandesmäßig begründet sein. "Verliebtheit" ist kein haltbares Fundament, weder für die zwischenmenschliche Liebe, noch für die Liebe zu Gott. Es braucht ein anderes Fundament. Das Buch Jesus Sirach dazu:
»Er hat ihnen Weisheit geschenkt und ihnen das Leben spendende Gesetz gegeben. Einen ewigen Bund hat er mit ihnen geschlossen und ihnen seine Gebote mitgeteilt. Ihre Augen sahen seine machtvolle Herrlichkeit, ihr Ohr vernahm seine gewaltige Stimme.« (Sir 17,11-13)

Weil sich Gott an seinem Volk immer wieder als Retter, Beschützer, Vater und allen voran als Schöpfer erwiesen hat, darum soll es Ihn lieben. Nicht, weil sie das vielleicht so "fühlen".

Samstag, 17. August 2013

Interreligiös: Dialog und Respekt

Das Gegenteil von Respekt
Das Beiboot Petri haut wieder eine Aufregermeldung raus. Dort (klick) ist zu lesen:
»Die Kirche hat offiziell [...] Abschied von der Mission genommen. Jetzt wird nicht mehr das "Gehet hin in alle Völker..." befolgt- es ist durch ein zeitgeistkonformes pluralistisches  "dialogisiert mit allen Völkern und respektiert ihre jeweilig andere Religion" ersetzt worden.
[...] Das Christentum -so hört man nun also aus Rom- ist eine Religion unter vielen, gleichberechtigten und nicht mehr das Evangelium steht im Vordergrund sondern das Wohl der Menschheit durch Dialog«

Bezug genommen wird auf den Besuch von Kardinal Jean-Louis Tauran (dem als Kardinalprotodiakon das diesmalige "Habemus papam" zufiel) bei den Sikh in Birmingham im Juni dieses Jahres (besonders aktuell ist der Aufschrei also nicht, aber auch damals gab es deswegen bereits Scherereien).

Ich finde die Aussage von damasus recht befremdlich, zumal in dem von ihm als Beleg zitierten Text nichts von all dem vorkommt, was er ihm unterstellt. Weder findet sich darin eine Egalisierung oder Desavouirung des katholioschen Glaubens oder Christi Heilswerk, noch eine Absage an Mission, noch wird eine Prioritisierung des sozialen Wohles der Menschheit vor allem anderen (inkl. dem Heil derselben) vorgenommen.

Der Kardinal stellt lediglich fest, dass wir de facto (in Birmingham vermutlich noch mehr als in der durchschnittlichen deutschen Metropole) in einer Gesellschaft leben, in der in unserem direkten Umfeld mehr und mehr Menschen leben, die einer anderen Kultur und einer anderen Religion angehören (hier ist die ganze Ansprache nachzulesen), und dass wir dementsprechend nur durch gegenseitigen Respekt und durch Kommunikation (über)leben können. Abschottung und Bekämpfung führen nur zu dem einen: Krieg.

Kardinal Tauran ist Präsident des Päpstlichen Rates für den Interreligiösen Dialog. Allein diese Tatsache sollte aufhorchen lassen. Weil er dies ist, finde ich es nur mäßig überraschend, ihn von einem Dialog zwischen unterschiedlichen Religionen reden zu hören. Das ist nunmal seine Aufgabe, dafür wird er bezahlt. Und ich habe keinen Grund anzunehmen, dass er diesen Job nicht gut macht.

Die Behauptung, die Kirche habe "offiziell [...] Abschied von der Mission genommen" ist so irre, dass ich gar nicht recht weiß, wo ich anfangen soll... Für alle Fälle sei daher mal kurz auf die sprachliche Ebene der Kritik eingegangen: dialogisieren und respektieren mit/von anderen Religionen.
Respekt ist leteinischen Ursprungs und besteht aus dem Präfix re "zurück" und dem Verb specere "schauen auf", und kam wohl in der Form respicere, was soviel wie "zurücksehen", "überdenken", "berücksichtigen" bedeutet, auf uns. Ein adäquates Synonym in diesem hier gegebenen Kontext wäre das deutsche Wort "Achtung". 
Dialog ist ein Kompositum aus der griechischen Präposition dia (διά) "durch"/"zwischen" und dem Verb legein (λέγειν) "reden" und kam über das Verbum dialegomai (διαλέγομαι) "miteinander reden"/"diskutieren" und das lateinische dialogus schließlich in unseren mitteleuropäischen Sprachgebrauch. Synonym wäre hier nun das deutsche Wort "(Zwie)Gespräch".

Wenn wir also nicht "dialogisieren und respektieren" sollen, was schlägt denn nun damasus als Alternative zu Respekt und Dialog zwischen den Religionen vor? Respektlosigkeit? Verachtung? Schweigen? Ignorieren? Gewaltsam und/oder mittels Propaganda bekämpfen?

Anders gefragt: Wie stellt sich damasus Frieden auf der Welt vor, der ja immer, auch für Christen, durchaus anzustreben ist, weil Krieg bekanntermaßen ein grässliches Monster ist, das Menschen, vor allem die Schwachen und Armen, frisst und verschlingt ohne je satt zu werden? Da die Religion allzuoft und immer schon den Vorwand für Krieg lieferte, ist es da nicht irgendwie sinnig, genau auf dieser ebene Frieden zu suchen? Und wie wäre der wohl zu bewerkstelligen, wenn nicht durch Dialog und Respekt? Ob damasus wohl eine Situation lieber wäre
, wie sie derzeit von einigen Radikalen in Ägypten im wahrsten Sinne "befeuert" wird (s. Bild)? Dort kann man beobachten, was ein Mangel an Respekt anrichten kann!

Habe selten so dummes Geschwätz in der Blogozese gelesen...
Nein, "Rom" hat sich nicht von der Evangelisierung verabschiedet. Es tut nur etwas, was die Islamisten, fundamentalistische Christen und sonstige Spinner nicht tun: Respekt vor den anderen haben, mit ihnen reden und das was es an gemeinsamen Werten gibt zum Wohle der Menschen pflegen und fördern.

Überaus bewegt war ich von der interreligiösen Begegnung, an der Papst Benedikt während seiner Israelreise im Mai 2009 in Galiläa teilnahm. Am Ende dieser Begegnung wurde ein wunderbares Zeichen gesetzt, nämlich ein gemeinsames (gesungenes) Gebet um Frieden: