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Montag, 3. Oktober 2022

Das Fragen nach dem Zölibat

»Ist das heute im Klerus - unverhohlen oder im geheimen - umsichgreifende Verlangen nach der Ehe ein Zeichen des Glaubens, jenes Glaubens, der konkret und ernsthaft, als "Ärgernis" und in "Torheit" das wirkliche Leben an die Hoffnung des Glaubens wagt? Oder ist es ein Symptom der Glaubensschwäche, eines Glaubens, der auf jeden Fall denkt: "Was man hat, das hat man"? Ist es ein Glaube, den man zwar noch als ideologischen Überbau und Zusatz - und das aus Tradition - hinnimmt, der aber ja sich nicht anmaßen darf, das Leben selbst radikal umzubauen und von Grund auf zu revolutionieren, jenes Leben, so wie es auch ohne die Hoffnung des Glaubens sonst geführt wird?«


So fragte Karl Rahner 1967 (Der Zölibat des Weltpriesters im heutigen Gespräch. Ein offener Brief, in: Geist und Leben; wieder abgedruckt in "Knechte Christi"). Ich habe (wie Rahner damals) keinen Grund zu der Annahme, die Infragestellung des Zölibats geschähe aus einem tiefen Glauben heraus. Dort wo sie geschieht, ist der Bankrott des Glaubens und der Glaubenspraxis das stets gleichbleibende Charakteristikum. Später hat Rahner seine Meinung, wie in vielen Bereichen, geändert, aber 1967 war er noch emphatisch und klar: 

»Ich wünsche und erwarte nicht, daß die Kirche für unsere abendländischen Räume ihr "Zölibatsgesetz" ändert [...] ich hoffe, daß die Kirche den heiligen Mut behält, Priestern auch im Weltklerus den Zölibat zuzumuten.«


In den Diskussionen über die immer gleichen Themen "in Kirche" ist es wichtig, die eigene Wahrnehmung zu schulen. Ein wichtiger Punkt ist die Formulierung von Fragen: Wie wird der in Diskussion stehende Gegenstand befragt? Eine schöne Lektion dazu erteilte bereits vor bald 200 Jahren Johann Adam Möhler im Blick auf die auch damals schwelende Diskussion um die Abschaffung des Zölibats der katholischen Kleriker. Möhler (Vom Geist des Zölibats, Paderborn 1992, 76):

»Der allgemeinste und überall wiederkehrende Einwurf gegen den Zölibat der katholischen Priester wird aus ihm als einem Zwangsgebot abgeleitet, das die härteste Beschränkung der persönlichen Freiheit verhänge. Daher wird gewöhnlich die für unauflöslich gehaltene Frage gestellt: Wie kann sich die Kirche berechtigt glauben, so viele Männer, einen ganzen Stand zu zwingen, der Ehe zu entsagen? Göttliche und menschliche Rechte streiten gegen sie. Vor allem leugne ich [d.i. Möhler], daß die Frage die rechte Fassung hat und verlange, daß sie vielmehr in dieser Form aufgeworfen werde: Hat die Kirche das Recht, nur jenen die priesterliche Weihe zu erteilen, deren Geist mit der höchsten religiösen Weihe schon gesalbt ist, in denen sich die reinste und schönste Blüte gottseligen Lebens entfaltet, die ganz und ungeteilt dem Herrn leben, wie der Apostel sich ausdrückt, oder die, wenn wir es in einem Worte mit demselben Apostel bezeichnen wollen, die Gabe der Jungfräulichkeit erhalten haben?«


Die erste Frageform ist für Christen eigentlich unzulässig, weil sie losgelöst von dem gestellt ist, was Christen glauben: Kein Bezug zu Christus, zur Liturgie, zur Hoffnung auf das ewige Leben etc... nichts. Rein soziologisch, psychologisch, weltlich. Und das müsste eigentlich klar sein: Eine Anfrage an eine spezifische christliche Lebensweise ohne Bezug zum christlichen Glauben beantworten zu wollen/sollen, ist Unsinn.

Nein, die Frage ist nur aus dem Glauben zu beantworten, aber dafür muss sie erst einmal anders gestellt werden! Genau auf dieser Linie fragte Rahner (an selber Stelle, 1967): 

»Warum soll die lateinische Kirche nicht bloß jenen ihr Amtspriestertum geben dürfen, die ihr sagen, sie hätten diese Berufung zum Zölibat vernommen? [...] Warum sollte die Kirche also nicht auch in Zukunft Priester gerade aus denen wählen, die sich mit Gottes Gnade trotz ihrer Schwachheit, in der sich Gottes Gnade mächtig erweist, zum Zölibat entschließen und als solche die Weihe empfangen? Die bergende Kraft, aus der heraus der Zölibat gelebt werden kann und muß, und das "Motiv", das für die Kirche selbst für dieses "Gesetz" im Vordergrund steht, müssen nicht identisch sein, obwohl beides nicht getrennt werden darf. Und so meine ich: Die Kirche tut recht daran, wenn sie auch den Zölibat will, damit wir nicht zu Beamten eines rituellen Betriebs degenerieren, sondern durch unser Leben bezeugen, wovon wir reden und was wir kultisch verrichten.«


Die Art und Weise des Fragens offenbart also allzu oft schon, wo der Fragende steht (im Glauben oder außerhalb davon) und was er als Antwort hören möchte. Natürlich kann es sein, dass eine tendenziös klingende Frage auch einfach darauf zurückzuführen ist, dass der Fragende schlicht so uninformiert und unreflektiert in der Sache ist, dass er nicht weiß, wie er danach zu fragen hat. Allerdings haben wir heutzutage (?) das Problem, dass gerade die Uninformierten die lautesten Meinungen zu haben pflegen, also gibt es hier eine großflächige Überschneidung.

Ob die Frage nun bewusst tendenziös ist - also die Absicht des Fragenden offenlegend - oder auf Uninformiertheit beruht, die ernsthaft nach Antworten sucht, in beiden Fällen kann es hilfreich sein, aus der gläubigen Perspektive die Frage neu zu formulieren, denn andernfalls wird der Blick meist unüberwindbar verstellt. Wenn das Gegenüber darauf besteht, die Frage nach dem priesterlichen Zölibat unter Absehung vom christlichen Glauben zu beantworten, würde ich von einem Antwortversuch abraten und im Gegenzug darauf hinweisen, dass die priesterliche Berufung unter solcher Absehung nicht existiert, und sich die Frage darum erübrigt. Wie die Antwort, so muss auch die Frage im christlichen Kontext gestellt werden können, denn - wie so oft - losgelöst davon ist es "Torheit".


PS. In jenem Brief von 1967 formuliert Rahner auch eine herrlich klare, fast vulgäre Absage an den nach wie vor grassierenden, pseudo-wissenschaftlichen Umgang mit der Heiligen Schrift zur Unterfütterung selbst der schrägsten theologischen Ergüsse (Rahner selbst entging weitestgehend dieser Versuchung, weil er die Schrift in späteren Jahren einfach weiträumig ignorierte, sein "Grundkurs des Glaubens" etwa, kommt fast gänzlich ohne die Bibel aus): 

»Ihr jungen Leute ruft heute energisch nach der Schrift. Schön und gut. Es ist wunderbar, daß das Wort der Schrift Euch heute mehr gilt als ein Satz aus einem staubigen Schulbuch der Scholastiker, als die säuerliche Rede eines dürren und menschlich unterernährten Aszeten oder sogar mehr als eine päpstliche Enzyklika. Aber kann ich nicht mehr lesen oder können es manche junge Geistlichen nicht mehr? Im Neuen Testament ist der Verzicht auf die Ehe bezeugt als echte, hohe und heilige Möglichkeit des christlichen Daseins. Gewiß nur für solche, die es fassen können. Aber man muß es auch fassen wollen; es ist nicht für die Eunuchen gesagt, was da steht. Aber schon kommen die dreimal Gescheiten, die das kritische Instrumentarium der modernen Exegese handhaben zu können glauben: "Das ist zeitbedingt!" "Das ist Dualismus!" "Das hat der wirkliche Jesus selber nicht gesagt!" Man ruft nach "Formgeschichte" usf. und möchte die "Rejudaisierung" oder "Hellenisierung" Jesu ausmerzen. Solche Leute nehmen die Schrift nur dann ernst, wenn es ihnen paßt; andernfalls ist ihnen die Schrift wie eine Wachsnase, die sie nach jeder Richtung drehen können. Selbst wenn man einkalkuliert, daß auch in der Schrift in diesem Fall das eigentlich "Gemeinte" unter bestimmten Vorstellungsmodellen, in geschichtlich und soziologisch bedingten Situationen, unter nie ganz reflex verarbeiteten Voraussetzungen ergriffen wird, die nicht mehr einfach die unseren heute sind, - was beweist das gegen die Ehelosigkeit "um des Himmelreiches willen", die die Schrift eben doch "meint"? Selbst wenn ein gewisser "Dualismus" den latenten Hintergrund gebildet hätte, steckt nicht auch in ihm eine Menschheitserfahrung, die nur Oberflächliche billig ganz beiseite schieben? Ist das Gemeinte selbst von diesem "Dualismus" abhängig, weil dieser die Situation war, in der das Gemeinte (von dem ich noch schreiben muß) zuerst deutlich ergriffen werden konnte (aber eben um gehalten werden zu können)? Nein, es bleibt dabei: Die Schrift weiß als Gottes Wort mitten im Menschenwort, daß der Zölibat eine echte Möglichkeit des christlichen Daseinsvollzugs ist.«

Mittwoch, 13. Oktober 2021

Keuschheit

Erschaffung Evas (Jim Forest)
Nicht wenige Katholiken, selbst solche, die einen Abschluss in (katholischer) Theologie oder Religionspädagogik vorzuweisen haben, verbinden mit dem Begriff „Keuschheit“ Dinge wie: Verklemmtheit, Entsagung, Zölibat, Leibfeindlichkeit. Keuschheit bedeute, auf Sex zu verzichten, ja sich geradezu selbst zu geißeln [vgl. im Englischen: chastity = Keuschheit; to chastise = züchtigen] und andere zu unterdrücken; sie sei Teil einer mittelalterlichen Moral und ist merkwürdigerweise v.a. „weiblich“ konnotiert. Warum auch immer. Der Begriff wird daher – auf diesem falschen Verständnis beruhend: zu Recht – abgelehnt. Im Folgenden sei versucht, in aller Knappheit und ohne Ausschweifungen in benachbarte Gefilde, aufzudröseln, was dieses kuriose Wort „Keuschheit“ eigentlich meint und warum es seinen schlechten Ruf nicht verdient hat. 
 
 
Was sagt denn die Kirche, was Keuschheit ist? 
 
Der Katechismus der katholischen Kirche (KKK) betrachtet Keuschheit als eine „Tugend und Gabe“ die es ermöglicht „mit aufrichtigem und ungeteiltem Herzen zu lieben“ (KKK 2520). Das ist doch mal etwas in jeder Hinsicht Positives und Wundervolles; das abzulehnen wäre töricht.
 
Dass Keuschheit nicht das Gleiche ist wie der Zölibat, erhellt schon daraus, dass, wiederum dem Katechismus folgend, jeder Getaufte „seinem Lebensstand entsprechend ein keusches Leben zu führen“ gerufen ist (KKK 2394). Also neben zölibatär Lebenden (vgl. KKK 915: „Keuschheit in Ehelosigkeit“) auch Eheleute (vgl. KKK 2365: „eheliche Keuschheit“), Alleinstehende und was es sonst noch gibt – auch homosexuell empfindende Getaufte sind davon nicht ausgenommen (vgl. KKK 2357-59). 
 
 
Keuschheit in der Natur
 
Das deutsche Wort Keuschheit kommt von lat. conscius, was soviel wie bewusst oder selbstbewusst bedeutet; „keusche Sexualität“ ist also vor allem eines, nämlich bewusst gelebte Sexualität, die nicht vom Tosen der Begierden hin und her getrieben, sondern vom Willen geleitet wird. Von der Unkeuschheit gilt daher folgerichtig: „sie wissen nicht, was sie tun!“ (Lk 23,34) Als Tugend ist Keuschheit etwas weltanschaulich Neutrales, sie kann ganz unabhängig von Gott oder christlicher Moral verstanden werden.
 
Eine der vier klassischen, schon in der vor- und außerchristlichen Antike geläufigen Grund- oder Kardinaltugenden ist die Selbstbeherrschung (etwa bei Platon und Cicero). Das griechische Wort dafür ist egkrateia, worin das Stammwort krat steckt, das wir etwa aus dem Wort „Demokratie“ kennen und das Herrschaft oder Macht bedeutet (Demo-kratie: Herrschaft des Volkes, von gr. demos). Die Vorsilbe eg kommt von en, wodurch das Wort egkrateia also eine Herrschaft in sich selbst meint: Selbstbeherrschung. Das griechische Wort kann auch Ausdauer und das Ertragen von etwas meinen. Das Gegenteil ist die Zügellosigkeit (gr. akrasia).
 
Ein besseres, weniger „hierarchisches“ Wort für Selbstbeherrschung mag Mäßigung sein. Hinsichtlich der Nahrungsaufnahme (oder generell des Konsums) ist ihr Gegenteil die Völlerei. Im Blick auf das Geschlechtsleben kann man die Mäßigung präziser als Keuschheit bezeichnen, deren Gegenteil die Wolllust ist. In beiden Fällen geht es, wie das Wort „Mäßigung“ schon nahelegt, nicht einfach um Verzicht, sondern um das richtige Maß und Maßhalten. (Jenes bekannte Diktum des schweizer Arztes Theophrast von Hohenheim, genannt Paracelsus, – „Alle Dinge sind Gift, und nichts ist ohne Gift; allein die Dosis machts, dass ein Ding kein Gift sei“ – verallgemeinernd, könnte man sagen: Das Rechte Maß bewahrt vor Schaden.)
 
Die Keuschheit gehört als Tugend zunächst einmal zur Naturordnung, sie ist, wie gesagt, nicht etwas spezifisch „Christliches“ oder gar mittelalterliches. Interessant ist, dass der Katechismus genau von dieser natürlichen Bedeutung ausgeht, wenn er sich dem Begriff der Keuschheit nähert. Die Geschlechtlichkeit „zeigt, dass der Mensch auch der körperlichen und biologischen Welt angehört“ (KKK 2337). Diese Tatsache macht die Sexualität aber nicht zur Sünde oder zu einer Bürde, wie das viele Sekten in der Geschichte behaupteten. Im Gegenteil: Sexualität gehört wesentlich zum Menschen als Abbild Gottes, sie gehört zu seiner Fähigkeit zu lieben und Gemeinschaft zu bilden. „Jeder Mensch, ob Mann oder Frau, muss seine Geschlechtlichkeit anerkennen und annehmen.“ (KKK 2333) Dabei handelt es sich aber um eine komplexe Wirklichkeit, sie „berührt alle Aspekte des Menschen in der Einheit seines Leibes und seiner Seele.“ (KKK 2332) 
 
 
Keuschheit in Gesellschaft
 
Keuschheit meint mehr als bloß „Enthaltsamkeit“ im Sinne eines Verzicht auf etwas oder gar im Sinne einer Geißelung, auch wenn sie in der Vergangenheit oft in diese Richtung eingeengt wurde. Angesichts der Komplexität und Bedeutung, die der Sexualität im Menschen als Person aus Leib, Geist und Seele zukommt, kann auch die Keuschheit nicht weniger komplex sein. Die Definition des Katechismus ist hier allerdings auf den ersten Blick etwas sperrig: „Keuschheit bedeutet die geglückte Integration der Geschlechtlichkeit in die Person und folglich die innere Einheit des Menschen in seinem leiblichen und geistigen Sein.“ (KKK 2337)
 
Zunächst fällt auf, dass hier überhaupt nicht von Verzicht oder dergleichen die Rede ist. Die „Integration der Sexualität in die Person“ ist eine rein positive Bestimmung. Sie meint die Harmonie oder Übereinstimmung des sexuellen Empfindens wie des ganz praktischen Sexuallebens mit der Ganzheit der menschlichen Person aus Geist und Leib, also ihre Ordnung gemäß dem Mensch(s)e(i)n, ihre Vermenschlichung: Durch die Keuschheit wird die Geschlechtlichkeit „persönlich und wahrhaft menschlich“ (KKK 2337). Keuschheit bedeutet, noch immer ohne Berücksichtigung des christlichen Glaubens und etwaiger göttlicher Gebote, eine vor dem Wesen des Menschen verantwortete Gestaltung der Sexualität.
 
Dies hat ein doppeltes Moment: Keuschheit ist einerseits ein Schutz der Integrität des Menschen vor Beeinträchtigungen und Schaden. Sie dient der (nicht nur) körperlichen Unversehrtheit, die zu den Grundrechten des Menschen gehört. Andererseits ist Keuschheit auch eine positive, fördernde Kraft.
 
Kleine Umleitung: Das Gegenteil der Keuschheit ist logischerweise die Unkeuschheit. Diese meint nicht nur all das, was ich selbst willentlich gegen meine eigene Keuschheit (Unversehrtheit) – also das rechte Maß der Geschlechtlichkeit – tue, sondern ich kann sie auch erleiden oder anderen zufügen: Mein Nächster hat, genau wie ich, ein Recht auf Keuschheit, wie er ein Recht auf körperliche Unversehrtheit hat. Somit würde ich mich schuldig machen, wenn ich sie bei ihm beeinträchtige, z.B. indem ich ihn zu unsittlichen Handlungen verführe. Keuschheit ist also nicht nur etwas „für mich“, sondern sie ist auch eine wichtige zwischenmenschliche Angelegenheit und zwar sowohl im negativen Sinne der Abwendung von Schaden, wie auch im positiven Sinne der Förderung eines guten menschlichen Miteinanders. In den Worten des Katechismus: „Die Tugend der Keuschheit wahrt somit zugleich die Unversehrtheit der Person und die Ganzheit der Hingabe.“ (KKK 2337) Meine und die der anderen!
 
Im Kern geht es bei der Keuschheit, wie überhaupt bei der Mäßigung, um Selbstbeherrschung, mit dem Ziel dann fruchtbar und „gesund“ leben zu können. Was im Blick auf die Ernährung jedem einleuchtet, betrifft aber nicht nur diese, sondern die ganze Biologie des Menschen und darüber hinaus auch sein Seelenleben. Und noch einmal geweitet betrifft es nicht nur mich, sondern auch die Menschen um mich herum. Nochmal: Es geht bei der Keuschheit nicht nur um den (negativen) Verzicht zum Schutz vor Schaden, sondern auch um die (positive) Entfaltung für ein gelingendes, „integriertes“, integres Menschsein (lat. integer: unversehrt) – zu dem eben auch die Geschlechtlichkeit gehört: „Der keusche Mensch bewahrt die in ihm angelegten Lebens- und Liebeskräfte unversehrt. Diese Unversehrtheit sichert die Einheit der Person“ (KKK 2338).
 
Selbstbeherrschung, Mäßigung, Keuschheit, können allesamt auch durchaus sehr positiv verstanden werden. Jeder der ernsthaft Sport treibt weiß, dass auch Selbstbeherrschung durchaus kein negatives Wort ist, gerade wenn es nicht nur um Verzicht, sondern um eine positive Entfaltung und Entwicklung geht.
 
Dass Handlungen, die gegen unsere Natur verstoßen, als unkeusch zu betrachten sind, liegt somit nahe. Aber selbst dieser Naturbegriff ist heute nicht mehr selbstverständlich. Die christliche Moral setzt jedenfalls voraus, dass es eine menschliche Identität gibt, die nicht unserem Willen unterworfen, sondern vorgegeben ist, was zur Folge hat, dass auch Dinge, die ich will, gegen mein Menschsein verstoßen können. Mit „Menschsein“ ist hier indes zweierlei gemeint: Mein biologisches, irdisches Sein mit seiner ihm eigenen Würde, und meine gnadenhafte Berufung von Gott her durch die Taufe. Was uns zur spezifisch christlichen Tugend der Keuschheit als einer Gabe führt. 
 
 
Keuschheit in der Bibel 
 
Keuschheit ist auch eine Gabe und eine Gnade (vgl. KKK 2345). Jede Gabe braucht einen Geber: das ist Gott, der Quell aller Gnaden und aller Gaben.
 
Dem oben zum griechischen Begriff egkrateia Gesagten ist noch hinzuzufügen, wie es sich damit in der Bibel verhält. Hier ist dieser Begriff erst relativ spät hineingekommen, da es sich um ein griechisches Wort handelt. Ist er dort auch zunächst eher negativ verwendet (vgl. Sir 18,30: „Folge deinen Begierden nicht, sondern zügle dein Verlangen“), ist er doch bald auch durchaus positiv besetzt, so etwa im 4. Buch der Makkabäer (nicht im christlichen Kanon, aber in der Septuaginta, dem griechischen Alten Testament, enthalten), worin sie als „Freundin“ betitelt und in den größeren Kontext eines (jüdisch verstandenen) gottgefälligen Lebens eingebettet wird: „Nicht belügen will ich dich, du Gesetz, mein Erzieher; nicht dich fliehen, Freundin Selbstbeherrschung, nicht dich schänden, weisheitliebende Vernunft, nicht dich verleugnen, hochwürdiges Priesteramt und Gesetzeswissen.“ (4Makk 5,34-35 [Riessler]) [Ich vermute hier allerdings eine starke Überschneidung mit dem griechischen Wort sophrosyne, was gemeinhin mit „Besonnenheit“ übersetzt wird, manchmal auch mit „Mäßigung“; sie ermöglicht es nach 4Makk 5,23 u.a. „dass wir über alle Lüste und Begierden herrschen“.]
 
Paulus betreibt diese Selbstbeherrschung, wobei hier jenes „sportliche“ Element zum Tragen kommt, die Anstrengung um eines bestimmten Zieles willen: „Jeder Wettkämpfer lebt aber völlig enthaltsam; jene tun dies, um einen vergänglichen, wir aber, um einen unvergänglichen Siegeskranz zu gewinnen.“ (1Kor 9,25) Der Begriff kommt im Neuen Testament relativ selten vor, in den Evangelien gar nicht. Dieses Faktum allein sagt jedoch nichts über seinen Stellenwert aus. Zwei Stellen sind für uns besonders interessant:
 
Als Tugend wird die Mäßigung/Enthaltsamkeit/Keuschheit etwa in Apg 24,24-25 erwähnt: „Einige Tage darauf erschien Felix mit seiner Gemahlin Drusilla, einer Jüdin, ließ Paulus holen und hörte ihn an über den Glauben an Christus Jesus. Als aber die Rede auf Gerechtigkeit, Enthaltsamkeit [egkrateias] und das bevorstehende Gericht kam, geriet Felix in Furcht und unterbrach ihn: Für jetzt kannst du gehen; wenn ich Zeit finde, werde ich dich wieder rufen.“
 
Der Autor der Apostelgeschichte nennt drei Punkte um den „Glauben an Christus“, wie ihn Paulus in diesem Gespräch bekannte, zusammenfassen: Gerechtigkeit, Keuschheit, Gericht. „Gerechtigkeit“ meint hier das sittliche Handeln gegenüber anderen Menschen, „Keuschheit“ das sittliche Handeln an sich selbst, und „Gericht“ das, worauf diese beiden sittlichen Pflichten, wenn sie erfüllt werden, vorbereiten. Das erinnert stark an den jüdischen (aber nicht in der Bibel zu findenden) Aristeasbrief (2. Jhd. v. Chr.), wo es heißt: „Das Tugendhafte Verhalten aber verhindert die Hingabe an ein Genießerleben und heißt Mäßigkeit [egkrateia] und Gerechtigkeit vorziehen. All dies steht aber unter Gottes Leitung.“ (Arist 278 [Riessler]) Die Keuschheit dient für Paulus im Gespräch mit dem Statthalter Felix also zusammen mit der Gerechtigkeit als Zusammenfassung der ganzen christlichen Lebensführung, wie sie sich aus dem christlichen Glauben ergibt. Angesichts dieses Bekenntnisses des Paulus zum christlichen Lebenswandel im Angesicht des Gerichts geraten Felix und seine Frau in „Furcht“ (Apg 24,25) und sie schicken Paulus weg (zurück ins Gefängnis). Diese Reaktion erinnert frappierend an das Vorgehen vieler moderner Theologen...
 
Eine zweite Stelle ist die Abfolge, die der Apostel Petrus für die Glaubensentwicklung in 2Petr 1,5-7 darlegt: „Darum setzt allen Eifer daran, mit eurem Glauben die Tugend zu verbinden, mit der Tugend die Erkenntnis, mit der Erkenntnis die Selbstbeherrschung [egkrateian], mit der Selbstbeherrschung die Ausdauer, mit der Ausdauer die Frömmigkeit, mit der Frömmigkeit die Brüderlichkeit und mit der Brüderlichkeit die Liebe!“
 
Es handelt sich hier um eine sprachliche Ausdrucksform, die im antiken Christentum häufiger begegnet, auch in der Bibel, und die gewissermaßen eine Zusammenfassung der christlichen Ethik bieten möchte. Eine Kurzform davon ist etwa der bekannte Dreipass „Glaube – Hoffnung – Liebe“ (vgl. 1Kor 13,13). Meist ist hier der Glaube an den Anfang gesetzt – denn mit ihm beginnt das christliche Leben – und die Liebe ans Ende – denn in ihr erfüllt es sich, kommt zur höchsten Blüte. (Wobei hier nicht ein Gefühl, die romantische Liebe, gemeint ist, sondern die brüderliche Liebe zu den Menschen und die ergebene Liebe zu Gott; eine Liebe, die sehr wohl per Gebot verordnet werden kann: „Liebt einander!“ und „Liebt Gott!“, vgl. 5Mose 11,13.22; Joh 15,12.17). Für uns ist nun wichtig, dass auch der Keuschheit hier eine wichtige Stellung zukommt. Es ist hier nicht der Raum, allen diesen Begriffen nachzugehen, es genügt zu wissen, dass die Keuschheit ganz zu Recht zwischen der Erkenntnis (darüber, was gut und böse, richtig und falsch ist) und der Ausdauer (oder: Geduld, Standhaftigkeit) eingeordnet wird, denn ohne das Wissen darum, was zu meiden und was zu suchen ist, kann ich nicht keusch leben; zugleich kann ich dem mich versuchenden Andrängen der Welt nicht standhalten, wenn ich dies nicht auch hinsichtlich meiner körperlichen Veranlagung und Bedürfnisse tue.
 
Aus dem geringen Vorkommen der Vokabel egkrateia – insbesondere aus ihrem Fehlen in den Evangelien – und der Tatsache, dass sie erst spät aus dem Griechischen übernommen wurde, wollen nicht wenige Theologen gerne ableiten, dass Keuschheit für das Christentum eigentlich keine Rolle spielt; ja, dass es überhaupt keine Basis für eine christliche Askese gäbe, sondern nur der Glaube oder die Berufung auf Gott gelte (also: Protestantismus). Das ist natürlich Unfug. Jesus hielt offenkundig die Keuschheit für höchst bedeutsam, auch wenn das Wort selbst in den Evangelien nicht aus seinem Mund überliefert ist (warum auch? er hielt schließlich keine Seminare über griechische Philosophie ab!). Seine übertreibende Warnung vor dem Ehebruch (vgl. Mt 5,28: „wer eine Frau auch nur ansieht, um sie zu begehren…“) und die Verschärfung des Scheidungsverbots (vgl. Mt 19,8: „am Anfang war das nicht so…“), sind nichts anderes als konkrete Beispiele für die Anforderungen eines keuschen Lebenswandels. Insgesamt verlangt Jesus also auch im Geschlechtsleben unbedingte Lauterkeit im Tun wie im Denken. Die Ehelosigkeit um des Himmelreiches Willen, als eine Art Hochform der Keuschheit, ist seine ureigene Erfindung – weder im Judentum noch im damaligen Heidentum wäre man je auf einen solchen Gedanken gekommen. 
 
Jesus Christus selbst ist das wichtigste Vorbild und der Maßstab der Christen für einen keuschen Lebenswandel, auch wenn er selbst sie nur in der Form lebte, wie sie den Ehelosen geboten ist. Christus ist der Bräutigam der Seele, darum lässt die Keuschheit „den Jünger Christi erkennen, wie er Jesus nachfolgen und ähnlich werden kann. Jesus hat uns zu seinen Freunden erwählt, sich uns ganz hingegeben und lässt uns an seinem Gottsein teilhaben.“ (KKK 2347)
 
Keuschheit ist dem Neun Testament zufolge also nicht optional, sondern gehört zum Weg des Glaubens dazu. Ein keusches, d.h. das gesunde Maß wahrendes Leben verwirklicht insbesondere die Liebe zu sich selbst im Sinne des zuvor aus Apg 24 zitierten, und damit den letzte Teil des dreifachen biblischen Liebesgebots: „Du sollst den Herrn, deinen Gott, lieben […] und deinen Nächsten wie dich selbst“ (Lk 10,27), das auch Paulus und Jakobus aufgreifen (vgl. Röm 13,19; Gal 5,14; Jak 2,8). Die Keuschheit ist schließlich auch eine der Früchte des Heiligen Geistes, die Paulus den Galatern aufzählt: „Die Frucht aber des Geistes ist Liebe, Freude, Friede, Geduld, Freundlichkeit, Güte, Treue, Sanftmut, Keuschheit“ (Gal 5,22-23). Paulus scheint hier nicht grundlos die Keuschheit, d.h. die Mäßigung im Geschlechtsleben, als Letzte in einer Reihe von v.a. geistigen Tugenden genannt zu haben, denn er fährt sogleich mit einer „körperlichen“ Metapher fort, wobei für ihn (wie für Johannes) „Fleisch“ auch einfach ein Wort für das Sündhafte, Unchristliche sein kann (im Gegensatz zu „Geist“), was dann körperliche wie geistige Laster meint: „Die zu Christus Jesus gehören, haben das Fleisch und damit ihre Leidenschaften und Begierden gekreuzigt. Wenn wir im Geist leben, lasst uns auch im Geist wandeln!“ (Gal 5,24-25) Zu meinen, Keuschheit sei wenig Bedeutsam im Neuen Testament, wenn ein Gutteil der neutestamentlichen Schriften das „Fleisch“ als Gegensatz zum „Geist“ sehen, ist schon ziemlich verquer.
 
„Fleischliche Gesinnung“, Unzucht, Schamlosigkeit, Unreinheit, Gräuel – biblische Gegenbegriffe zur Keuschheit, die wir getrost mit dem Begriff „Unkeuschheit“ zusammenfassen können – sind unbedingt zu meiden. In den Sündenkatalogen tauchen sie immer wieder auf (vgl. Mk 7,21-22), und die Christen sollen auch keine Tischgemeinschaft mit denen haben, die solches tun (vgl. 1Kor 5,11); vielmehr sollen diese Neigungen „getötet“ werden (vgl. Kol 3,5). Paulus stellt daher fest: „Der Leib ist aber nicht für die Unzucht da, sondern für den Herrn“ (1Kor 6,13). Ja, die Unkeuschheit ist für ihn sogar viel gravierender als andere Sünden, gerade weil sie den eigenen Leib betreffen: „Meidet die Unzucht! Jede Sünde, die der Mensch tut, bleibt außerhalb des Leibes. Wer aber Unzucht treibt, versündigt sich gegen den eigenen Leib.“ (1Kor 6,18) Wer der Unkeuschheit verfällt, kann nicht in das Himmelreich kommen (vgl. Eph 5,5; Offb 1,27). Kein Wunder also, dass für Paulus die körperliche Unversehrtheit von der Sünde (= Keuschheit) eine enorm hohe Priorität genießt bis dahin, dass er wünscht, alle würden, wie er selbst, ehelos leben (vgl. 1Kor 7,7). Wobei er weise genug ist zu wissen, dass das Geschlechtliche nicht per se sündhaft ist (s.u.). 
 
 
Keuschheit in der Kirche 
 
Die Keuschheit spielte in der frühen Kirche eine große Rolle, denn sexuelle Freizügigkeit war sicherlich eine der prominentesten Erscheinungen, mit denen sich die Christen damals (wie heute) auseinandersetzen mussten. Das zeigt die große Radikalität, mit der die Keuschheit bis zum völligen Verzicht auf Sex – „um des Himmelreiches Willen“ – geübt wurde, insbesondere in der Form des enthaltsam lebenden Klerus‘ (Enthaltsamkeitszölibat als Vorstufe zum Ehelosigkeitszölibat) und dem nach und nach sich entwickelnden Mönchtum. [Auch hier ist Keuschheit geboten: Der Zölibatär ist nicht asexuell, sondern genauso ein sexuelles Wesen wie alle anderen auch… und darum muss auch er bewusst (keusch) damit umgehen; wer sich für dieses Leben entscheidet, der ordnet seine Sexualität, seinen Eros bewusst so, dass alle seine Liebe auf Gott gerichtet ist.] Zudem gab es sektiererische Abirrungen, wie etwa die Enkratiten (eben von jenem griechischen Wort egkrateia abgeleitet), aber auch Markioniten und andere, die das Leibliche generell unter Verdacht stellten und so Sex grundsätzlich als sündhaft betrachteten – etwas, was die Kirche nie gelehrt hat.
 
Es wurde zuvor erwähnt, dass laut dem Katechismus alle Getauften zur Keuschheit ge- bzw. berufen sind (vgl. 1Thess 4,7). Stellt sich raus, dass dies nicht alles ist: Mit der Taufe geht nach katholischem Verständnis sogar eine Pflicht zur Keuschheit einher (vgl. KKK 2355), sie ist ein Gebot, kein Angebot. Das passt zum dargelegten biblischen Befund. So ist Keuschheit nicht nur die rechte, dem Wesen des Menschen gerecht werdende Gestaltung der Sexualität, sie ist es auch vor dem Angesicht Gottes. Das ist sie aus christlicher Sicht bereits hinsichtlich der Natur des Menschen – denn diese ist von Gott geschaffen –, aber mehr noch und deutlicher (von der nichtchristlichen Umwelt unterscheidend) im Lichte der Gebote, der Berufung und der uns Geschenkten Gaben Gottes. Insbesondere ist hier der Heilige Geist zu nennen: „wisst ihr nicht, dass euer Leib ein Tempel des Heiligen Geistes ist, der in euch wohnt und den ihr von Gott habt?“ (1Kor 6,19) Weil Christen nicht an ein irgendwie geistiges Nirvana, sondern an die leibliche Auferstehung glauben, ist der Leib heilig zu halten, denn er ist nicht unser Eigentum, Christus hat ihn – d.h.: uns – teuer erkauft, darum fährt Paulus unmittelbar an das zuvor Zitierte anschließend fort: „Ihr gehört nicht euch selbst; denn um einen teuren Preis seid ihr erkauft worden. Verherrlicht also Gott in eurem Leib!“ (1Kor 6,19-20; vgl. 7,23) Was ist das anderes, als ein Aufruf zur Keuschheit?
 
Als vom Herrn Erkaufte sollen wir uns selbst und unsere Mitmenschen als Geschöpfe achten, und, so sie Getaufte sind, auch als Miterben am Reich Gottes. Ein rein animalisches Triebleben, das den anderen weder als Mensch, noch als Geschöpf (noch als Christ) ehrt, ist darum immer ein Verstoß gegen die Keuschheit – und zwar der eigenen, wie der des/der anderen. Keuschheit hat ihren ganzen Sinn und Zweck aus christlicher Sicht darin, dass die Sexualität „in die Beziehung von Person zu Person, in die vollständige und zeitlich unbegrenzte wechselseitige Hingabe von Mann und Frau eingegliedert“ wird (KKK 2337). Keuschheit ist das Bewusstsein, dass Sexualität mehr ist als was die Welt (z.B. die Wissenschaft) darüber zu sagen weiß; Sex ist in sich ein „Schöpfungsgut“ (Lust, Sprache der Liebe) und er gibt auch direkt Anteil am Schöpfungswerk Gottes, da bei der Zeugung Gott selbst die Seele des neu entstandenen Menschen erschafft. Daraus erhellt, dass Sexualität ihren Ort nur in der Ehe zwischen einem Mann und einer Frau haben kann, was von der geschaffenen Natur („als Mann und Frau schuf er sie“) wie von den Geboten Gottes her ohne Alternative ist.
 
Aber ebenso wäre eine vergeistigte, die Natur verachtende Sexualität, die etwa die Freude oder die Befriedigung ablehnt, ein Verstoß gegen die Keuschheit, weil auch das dem von Gott gewollten komplexen Sinn und Ziel der Sexualität widersprechen würde: Das Lustempfinden gehört zur von Gott geschaffenen Natur dazu. Es darf bloß nicht verabsolutiert, d.h. herausgelöst werden aus dem ihm von Natur aus eigenen und gebotenen Kontext. Tatsächlich wäre das Vorenthalten der geschlechtlichen Liebe in der Ehe aus einem ungerechten (z.B. böswilligen) Grund nicht minder ein Verstoß gegen die Keuschheit. Pointiert formuliert: Kein Sex in der Ehe (ohne triftigen Grund) ist ein Fall von Unkeuschheit. Darum mahnt Paulus die Eheleute: „Entzieht euch einander nicht, außer im gegenseitigen Einverständnis und nur eine Zeit lang, um für das Gebet frei zu sein! Dann kommt wieder zusammen“ (1Kor 7,5).
 
So wird deutlich: Keuschheit ist nicht leibfeindlich. Sie ist, richtig verstanden, die höchst mögliche Leibfreundlichkeit, weil sie diesen Leib als zum Wesen des Menschen (als Geschöpf Gottes) gehörend anerkannt und heiligen will. Der Leib „gehört“ nicht dem Menschen, ein Mensch „hat“ nicht einen Leib, sondern er „ist“ dieser Leib (und der Geist und die Seele). Genau darum ist der Leib genauso zu achten, zu schützen, aber auch zu lieben wie der Mensch insgesamt. Ich bin überzeugt: Keine Religion oder Philosophie oder sonst ein Gedankengebäude in der Geschichte der Menschheit nimmt den Menschen als Ganzen so ernst und schätzt ihn so hoch, wie die katholische Sexualmoral, in deren Kern der Ruf zur Keuschheit steht. Siehe „Theologie des Leibes“. Wahre Liebe ist immer keusch, sei es die Freundschaft (Agape; vgl. KKK 2347), aber auch und gerade die erotische Liebe (Eros).
 
Keuschheit ist nicht eine irgendwie bloß nachgeordnete Tugend, auch wenn ihr insbesondere in den Ermahnungen Jesu und der Apostel stets etwa die Nächstenliebe vorausgeht. Sie ist, wie bereits dargelegt, vielmehr ein essentieller Ausdruck der Selbst- und Nächstenliebe, „eine Schule der Selbsthingabe. Die Selbstbeherrschung ist auf die Selbsthingabe hingeordnet.“ (KKK 2346) Dadurch hat die Keuschheit zugleich, wie jeder wahre Dienst der Liebe, einen deutlichen Verweischarakter auf Gott: „Die Keuschheit lässt den, der ihr gemäß lebt, für den Nächsten zu einem Zeugen der Treue und der zärtlichen Liebe Gottes werden.“ (KKK 2346) Wenn die Unkeuschheit vom Reich Gottes ausschließt, so verheißt die Keuschheit ewiges Leben (vgl. KKK 2347). Da wir uns das ewige Leben aber nicht eigenmächtig „verdienen“ können wird hier auch deutlich, warum die Keuschheit als Gabe bezeichnet wird: Wie die Liebe von jenem Gott kommt, der die Liebe selbst ist (vgl. 1Joh 4,8), so ist auch die Keuschheit von Gott geschenkt und eine Gnade zu unserem Heil; was natürlich, wie bei jeder Gnade, nicht unsere menschliche Mitwirkung aufhebt (s.u.).
 
Schließlich ist kaum zu leugnen, dass jeder Getaufte nicht nur für seine eigene Keuschheit zu sorgen hat, sondern auch die Unversehrtheit anderer achten und schützen soll, soweit es an ihm liegt; auch das ist ein Dienst der Nächstenliebe. Eine konkrete Lektion, was diese doppelte Dimension der Keuschheit betrifft, bietet Paulus im Blick auf die Ehe an, wenn er schreibt: „Das ist es, was Gott will: eure Heiligung – dass ihr die Unzucht meidet, dass jeder von euch lernt, mit seiner Frau in heiliger und achtungsvoller Weise zu verkehren, nicht in leidenschaftlicher Begierde wie die Heiden, die Gott nicht kennen“ (1Thess 4,3-5). 
 
 
Keuschheit und Scham 
 
Nach dem Philosophen Max Scheler ist die Scham das „Gewissen der Liebe“, die jede Verzweckung und Berechnung der Sexualität meiden hilft und zu ihrer Humanisierung beiträgt. Sie kommt damit der Keuschheit sehr nahe, nur dass es sich bei der Scham um eine natürliche, quasi instinktive Anlage im Menschen handelt, die schon bei kleinen Kindern auftritt, während das, was wir hier Keuschheit genannt haben, eine willentliche Handlungs- und Denkweise meint: „Die Keuschheit ist eine persönliche Aufgabe; sie erfordert aber auch eine kulturelle Anstrengung […]. Die Keuschheit setzt die Achtung der Menschenrechte voraus, insbesondere des Rechtes auf Bildung und Erziehung, welche die sittlichen und geistigen Dimensionen des menschlichen Lebens berücksichtigen.“ (KKK 2344)
 
Scheler zufolge ist die Scham nicht, wie gemeinhin behauptet wird, anerzogen, sondern es ist im Gegenteil die Schamlosigkeit, die anerzogen wird, und ebenso die falsche Scham (Prüderie); beides verhindert echte Liebe, Partnerschaft und Hingabe. Das rechte Schamgefühl gehört zu einem gesunden Menschen natürlicherweise dazu, während es beim Tier fehlt. Man hat einen absichtlichen Abbau des Schamgefühls mit der Beeinträchtigung des Immunsystems verglichen, womit wir wieder beim Recht auf Unversehrtheit wären.
 
Für den Theologen Helmut Thielicke bilden Scham und Erkenntnis eine Einheit, da die Geschlechtlichkeit ein Geheimnis sei, das nicht unrechtmäßig enthüllt werden dürfe, um nicht verletzt zu werden. Ähnlich heißt es im Katechismus: „Die Schamhaftigkeit schützt das Geheimnis der Personen und ihrer Liebe. Sie lädt zu Geduld und Mäßigung in der Liebesbeziehung ein; sie verlangt, dass die Bedingungen der endgültigen Bindung und wechselseitigen Hingabe von Mann und Frau erfüllt seien.“ (KKK 2522) Darum ist es so überaus sinnig, dass in der biblischen Sprache „erkennen“ ein Ausdruck für den Geschlechtsakt ist. Erkenntnis meint hier nicht das empirische, aufklärerische Erlangen von Wissen, sondern das innere, existentielle Sich-Erkennen zwischen zwei Personen in ihrer ganzen Würde und ohne Abstriche, weswegen beispielsweise künstliche Empfängnsiverhütung unzulässig ist: „Ich gebe mich dir hin und nehme dich an, ohne etwas auszuschließen, auch nicht unsere jeweilige Fruchtbarkeit.“
 
 
Die Keuschheit „ermöglicht, mit aufrichtigem und ungeteiltem Herzen zu lieben“ (KKK 2520), sie führt „zu einer Gemeinschaft im Geist.“ (KKK 2347)

Samstag, 6. Februar 2021

Walter Kasper über die Zölibatsdiskussion

»Die Zölibatsfrage ist, wie die Historiker besser wissen als ich, geschichtlich gesehen heute nicht zum ersten Mal ein heißes Eisen. Bekanntlich habe ich mich zusammen mit an deren Theologen vor etwa vierzig Jahren dafür eingesetzt, dass diese Frage überprüft wird. Was offensichtlich aber weniger bekannt ist, ist die Tatsache, dass diese Überprüfung in der Tat stattgefunden hat. Die Frage ist international exegetisch wie historisch mit Ergebnissen diskutiert worden, die es seriöser Weise wissenschaftlich nicht mehr erlauben, die alten Argumente einfach zu wiederholen. Nicht weniger als drei "Weltbischofssynoden“ haben sich mit der Frage befasst und darüber mit überwältigenden Mehrheiten abgestimmt. Wenn man, wie es zu Recht geschieht, eine Rechtskultur verlangt, dann gehört dazu auch, dass man, wie es im weltlichen Bereich selbstverständlich ist oder zumindest sein sollte, keine lähmende Dauerdiskussion führt, sondern Entscheidungen auch dann anerkennt, wenn man selbst vielleicht eine andere Lösung bevorzugt hätte.«

(Walter Kasper, Theologen-Memorandum - Kommen wir zur Sache!, in: Das Memorandum. Die Positionen im Für und Wider, Freiburg 2011, 148-152, 150)

Freitag, 1. November 2019

Joseph Ratzinger über den Zölibat

Aus aktuellem Anlass. Aus einem Brief des damaligen Bischofs von München und Freising (1977), Joseph Kardinal Ratzinger, an Prof. Richard Egenter, in Reaktion auf einen Beitrag desselben in „Stimmen der Zeit“. Entnommen: JRGS 12, 154-158.


[…] Wenn der Zölibat der Weltpriester nicht eine gemeinschaftliche kirchliche Form ist, sondern eine private Entscheidung, dann verliert er seinen wesentlichen theologischen Gehalt und seine entscheidende persönliche Fundierung, denn dann hört er auf, ein von der Kirche getragenes Zeichen zu sein und wird zur privaten Absonderlichkeit. Dann ist er nicht mehr zeichenhafter Verzicht um des im Glauben übernommenen Dienstes willen, sondern Eigenbrötelei, die deshalb mit gutem Grund verschwindet.
[…] Wichtiger ist zum andern das Prinzipielle, um das es geht: Ihre Argumentation setzt voraus, dass als Zölibatäre nur Menschen passen, die ohnedies nicht heiraten wollen oder können. Aber damit steht doch alles auf dem Kopf. Der Zölibat ist ein sittlich und religiös belangvolles Phänomen nur und gerade dadurch, dass Menschen um Gottes und seines Dienstes willen auf den grundlegenden menschlichen Wert der Ehe verzichten, die an sich zur Ehe fähig und willens wären. Wenn der Kreis der Zölibatäre ein Verein von Hagestolzen ist, ist er nichts wert. Wichtig wird er allein dadurch, dass Menschen um des Herrn willen und um in der Kirche das gemeinschaftliche Zeichen ihrer Hoffnung auf den Herrn zu geben, das preisgeben, was sie nicht preisgeben Würden, wenn nicht dieses gemeinschaftliche und öffentliche Zeichen ihnen einen neuen Aufttrag und eine neue Weise der Erfüllung setzen würde.
[…] Wenn Sie vom Charisma der Ehelosigkeit sprechen, sieht es so aus, als sei das Charisma eine naturale Angelegenheit, die man hat, wie man Zähne oder Augen hat. Nun können auch Zähne ausfallen und Augen schwach werden, d. h., auch die Gaben der Natur sind nicht schlicht da, sondern bedürfen der Pflege. […] Die Zerbrechlichkeit des Charismas ist eher noch größer; jedenfalls ist es nicht einfach »da«. »Charisma« der Ehelosigkeit bedeutet, dass mir im Ringen mit dem Herrn und mit mir selbst, im Mitglauben und Mitleben mit der Kirche, im Getragenwerden durch die Menschen in ihr, ihr Gebet, ihr Wort, ihr Dienen und Leiden die Kraft wird, mich einem Ruf zur Verfügung zu stellen, der mir zugemessen ist, und diesen Ruf in allen seinen Dimensionen zu bestehen, in ihn hineinzureifen Tag um Tag, durch Abstiege und Aufstiege, durch Regen und Sonne hindurch, wie es dem Vorgang des Reifens wesentlich ist. […] Weil es so ist, kann das Zutrauen zum Zölibat in den jungen Menschen zerredet werden und das beweist dann nicht, dass sie kein »Charisma« haben, sondern dass dem Charisma der Raum verbaut worden ist. Dass es heute weniger »Berufungen« gibt als in Ihrer und in meiner Generation, liegt doch nicht daran, dass Gott sich weniger um die Kirche kümmert oder dass er sich etwas anderes für sie ausgedacht hat, sondern daran, dass die Kirche müde geworden ist und ihm keinen Einlass gewährt. Wie soll sich ein junger Mensch für das eschatologische Abenteuer des Zölibats entscheiden können, wenn die Kirche selbst nicht mehr zu wissen scheint, ob sie es noch wollen soll? Im Drama der Entscheidung wiegt jedes Wort, und allzu leicht kann man den Boden in einem Augenblick wegziehen, der über Ia oder Nein, über die Kraft des Bestehens oder die Unkraft des Zurückweichens definitiv entscheidet.
[…] Natürlich ist er heute in vieler Hinsicht ungleich schwerer als vor fünfzig Jahren. Aber die sexuelle Verwilderung, die die Menschen mit ihren Produkten an jeder Straßenecke überfällt, steht doch der Ehe genauso entgegen wie dem Zölibat. […] Auch die Ehe kann nur im Widerstand gegen die »Atmosphäre« von heute gelebt werden, und die unter Klerikern manchmal genährte Vorstellung, man brauche nur in die Ehe zu fliehen, um alle Probleme los zu sein, verkennt doch den Trend des Heute ebenso wie den inneren Anspruch der Ehe, die im Mut und der Geduld derer, die den Weg des Zölibats gehen, ihre stärkste Stütze und Bejahung findet.
Schließlich: Natürlich gibt es Zölibatsverfehlungen und ungünstige psychische Auswirkungen, wo er unter falschen Voraussetzungen angegangen wurde. Aber auch das sollte man nicht verbergen, dass die Ehe vor ähnlichen Gefahren keineswegs immunisiert. Und über den Negativa sollten wir doch nicht vergessen, wie viele reife und große Gestalten in der Schule des Priestertums der katholischen Kirche herangewachsen sind; hätte es sie nicht gegeben, hätten wir doch alle nicht den Weg zu diesem unzeitgemäßen und gerade darin so zeitgemäßen Wagnis gefunden.
[]

Sonntag, 20. Oktober 2019

Der heilige Papst Paul VI. über den Zölibat

Ansprache zum Angelus am 1. Februar 1970 (nachdem die Holländische Synode die Abschaffung des Zölibats beschlossen hatte). Aus aktuellem Anlass. Habe aber gerade nicht die Zeit, es zu übersetzen.


Abbiamo bisogno, Figli carissimi, delle vostre preghiere. Voi certamente indovinate perché.

Fra le grandi cause bisognose dell’aiuto di Dio, verso le quali Noi indirizziamo le preghiere di quanti buoni e fedeli le rivolgono al Signore per Noi e per le Nostre intenzioni, una ve n’è, che ora ci sta molto a cuore, e di cui ora molto si parla, il sacro celibato dei Preti.

È una legge capitale della nostra Chiesa latina.
Abbandonarla, o metterla in discussione non si può: sarebbe retrocedere; sarebbe venir meno ad una fedeltà d’amore e di sacrificio, che la nostra Chiesa latina, dopo consumata esperienza, con immenso coraggio e con evangelica serenità, si è imposta nello sforzo secolare di severa selezione e di perenne rinnovamento del suo ministero sacerdotale, dal quale poi dipende la vitalità di tutto il Popolo di Dio.

È certo una norma molto alta e molto esigente, la cui osservanza esige, oltre che un irrevocabile proposito, uno speciale carisma, cioè una grazia superiore e interiore; (Matth.19, 12; 19, 29; 1 Cor. 7, 7.) ed è ciò che la rende del tutto conforme alla vocazione all’unica sequela di Cristo e conforme alla risposta totale del discepolo, che lascia ogni cosa per seguire Lui solo e per dedicarsi completamente ed esclusivamente, con cuore indiviso, al ministero in favore dei fratelli e della comunità cristiana.

Tutto questo fa del celibato ecclesiastico una suprema testimonianza al regno di Dio, un segno unico e parlante dei valori della fede, della speranza, dell’amore, una condizione incomparabile di pieno servizio pastorale, un’ascetica continua di perfezione cristiana.

Sì, è difficile; ma è proprio questo carattere che lo rende attraente alle anime giovani e ardenti; ed è più che mai valido per i bisogni del nostro tempo. Diciamo di più: può diventare facile, lieto, bello, cattolico. Dobbiamo conservarlo e difenderlo, e dobbiamo appunto pregare affinché il Signore oggi ce lo faccia a tutti, chiamati o non chiamati, più profondamente comprendere, e da tutti, laici, religiosi ed ecclesiastici, stimare e venerare.

E che la Vergine ce ne sveli, per gli eletti al ministero sacerdotale, la dignità, la possibilità, la necessità.


(von HIER)

Freitag, 13. Januar 2017

Untreue

Dass nun dieser Tage eine priester aus NRW sowie manche Stimmen besonders aus Südamerika wiedermal eine "Lockerung" (ließ: Abschaffung) des Zölibats fordern oder sogar erhoffen, ist eigentlich kein Gähnen wert. Erst 1990 bekräftigte das Bischofskollegium das Festhalten am Zölibat (vgl. hier).

Dennoch ein Gedanke: 

Es ist ein offenes Geheimnis, dass ein beträchtlicher Anteil der Priester "nebenher" eine Freundin hat, in Südamerika, so hört man, noch mehr als hierzulande. Aus naheliegenden Gründen sind es v.a. diese Leute, die sich besonders für das Anliegen einer Aufhebung des Zölibats stark machen.
Und hier muss man, denke ich, etwas klarstellen: Es gibt die Möglichkeit, dass die Disziplin des allgemeinen Klerikerzölibats tatsächlich gelockert wird. Die Kirche (also der Papst bzw. das Bischofskollegium mit und unter ihm) hat diese Möglichkeit, das steht außer Frage. Die Tatsache einer bis in die Bibel zurückreichenden Tradition (erst als Enthaltsamkeitszölibat, später als Ehelosigkeitszölibats) mal beiseite gelassen. Aber das ändert für jene Priester mit Freundinnen herzlich wenig, denn heiraten dürfen sie dennoch nicht (die Weihe ist bekanntlich ein Ehehindernis, auch in den ostkirchlichen Traditionen, die verheiratete Priester kennen). 
Mich kratzt hier aber keines der vielen rechtlichen, disziplinären oder dogmatischen Probleme, sondern ein moralisches: Diese Priester mit "Freundinnen" sind de facto Lügner und/oder zumindest Versprechensbrecher. Jeder einzelne von ihnen hat sich bewusst für das Priestertum entschieden und hat nach jahrelangem Vorlauf das feierliche Versprechen abgelegt, für den Rest seines Lebens in völliger Enthaltsamkeit zu leben. Schon die Forderung nach einer Aufhebung ist eigentlich ein Bruch dieses Versprechens. (Vonwegen Zwangszölibat... Die einzigen Menschen, die mit soetwas wie "Zwangszölibat" zu kämpfen haben, sind unfrewillige Singles.)

Irgendwie erinnert mich das an Leute, die mit einer verheirateten Person eine Beziehung führen und dann von dieser selben Person Treue erwarten... Was erwarten sich denn die "Freundinnen" von einem Mann, der bereits ein feierliches Versprechen, nämlich das der Enthaltsamkeit im Vorfeld seiner Weihe, gebrochen hat? Ich habe, wie man merkt, keine besondere Sympathie für solche Priesterbeziehungen, sowenig wie ich Sympathie für einen Ehebruch hege. Aber wer weiß... da nun in Teilen der Weltkirche Ehebruch "in besonderen Einzelfällen" als moralischer Wert an sich, gar als Wille Gottes erkannt zu werden scheint, vielleicht kommen auch die versprechensbrecherischen (ein Zungenbrecher) Priester mit Freundin bald "in besonderen Einzelfällen" in den Genuss amtlicher Anerkennung...

Samstag, 24. Mai 2014

Angst um den Zölibat?

Derzeit tauchen immer wieder irgendwelche Verschwörungstheorien auf, die ein Ende des Zölibats befürchten... Das geht so weit, dass mancher meint, die Diskussion um die zivil zweimal Geehelichten sei nur ein Ablenkungsmanöver (s. hier). Ja, Bischof Scherer mag den Zölibat nicht. Ja, ein paar Priestergeliebte* schreiben dem Papst rührige Briefe.

Ich teile diese Sorge nicht.

Und hier ist der Grund: Vom 30. September bis zum 28. Oktober 1990 tagte die achte Ordentliche Generalversammlung der Weltbischofssynode zum Thema "Die Priesterbildung im Kontext der Gegenwart", deren Ergebnisse in dem Nachsynodalen Apostolischen Schreiben "Pastores dabo vobis" vom 25. März 1992 festgehalten sind. Dort ist der Abschnitt 29 dem Zölibat gewidmet, worin zu lesen ist (für die Lesemuffel: das Entscheidende kommt im 3 und 4 Absatz):

»Unter den evangelischen Räten, schreibt das Konzil, "ragt die kostbar göttliche Gnadengabe hervor, die der Vater einigen gibt (vgl. Mt 19,11; 1 Kor 7,7), die Jungfräulichkeit oder der Zölibat, in dem man sich leichter ungeteilten Herzens (vgl. 1 Kor 7,32-34) Gott allein hingibt. Diese vollkommene Enthaltsamkeit um des Himmelreiches willen wurde von der Kirche immer besonders in Ehren gehalten als Zeichen und Antrieb für die Liebe und als eine besondere Quelle geistlicher Fruchtbarkeit in der Welt" (LG 42). In der Jungfräulichkeit und im Zölibat bewahrt die Keuschheit ihren ursprünglichen Sinngehalt: Die menschliche Geschlechtlichkeit wird dabei als authentischer Ausdruck der Ziele und als wertvoller Dienst an interpersonaler Gemeinschaft und Hingabe gelebt. Dieser Sinngehalt ist in der Jungfräulichkeit voll bewahrt; diese verwirklicht gerade auch im Verzicht auf die Ehe die "bräutliche Bedeutung" des Leibes durch eine persönliche Bindung und Hingabe an Jesus Christus und seine Kirche, die die im jenseits zu erwartende vollkommene und endgültige Gemeinschaft und Hingabe ankündigen und vorwegnehmen: "In der Jungfräulichkeit steht der Mensch auch leiblich in der Erwartung der eschatologischen Hochzeit Christi mit der Kirche; er schenkt sich ganz der Kirche und hofft, daß Christus sich der Kirche schenken wird in der vollen Wahrheit des ewigen Lebens" (Familiaris consortio 16). 
In diesem Licht lassen sich die Beweggründe für die Entscheidung leichter verstehen und beurteilen, die die Kirche des Abendlandes vor Jahrhunderten getroffen und an der sie festgehalten hat trotz aller Schwierigkeiten und der Einsprüche, die im Laufe der Zeit dagegen erhoben wurden, nämlich die Priesterweihe nur Männern zu erteilen, die den Beweis erbringen, daß sie von Gott zur Gabe der Keuschheit in der Lebensform der bedingungslosen und dauerhaften Ehelosigkeit berufen sind.
Die Synodenväter haben ihre Gedanken dazu klar und nachdrücklich in einer wichtigen Vorlage zum Ausdruck gebracht, die es verdient, vollständig und wörtlich wiedergegeben zu werden: Während die in den Ostkirchen geltende Disziplin beibehalten wird, erinnert die Synode in der festen Überzeugung, daß die vollkommene Keuschheit im priesterlichen Zölibat ein Charisma ist, die Priester daran, daß die Keuschheit ein unschätzbares Geschenk Gottes für die Kirche und einen prophetischen Wert für die heutige Welt darstellt. Diese Synode billigt und bekräftigt von neuem und mit Nachdruck alles, was die lateinische Kirche und einige östliche Riten fordern, nämlich daß die priesterliche Würde nur solchen Männern übertragen wird, die von Gott das Geschenk der Berufung zur Keuschheit in der Ehelosigkeit empfangen haben (ohne Vorurteil gegen die Tradition einiger orientalischer Kirchen und gegen die Sonderfälle zum Katholizismus konvertierter verheirateter Geistlicher; für diese Fälle sind in der Enzyklika Pauls Vl. über den priesterlichen Zölibat, Nr. 42, Ausnahmen vorgesehen). Die Synode will bei niemandem den geringsten Zweifel an der festen Entschlossenheit der Kirche aufkommen lassen, an dem Gesetz festzuhalten, das den zur Priesterweihe nach dem lateinischen Ritus ausersehenen Kandidaten den frei gewählten ständigen Zölibat auferlegt. Die Synode drängt darauf, daß der Zölibat in seinem vollen biblischen, theologischen und spirituellen Reichtum dargestellt und erläutert wird, nämlich als kostbares Geschenk Gottes an seine Kirche und als Zeichen des Reiches, das nicht von dieser Welt ist, Zeichen der Liebe Gottes zu dieser Welt sowie der ungeteilten Liebe des Priesters zu Gott und zum Volk Gottes, sodaß der Zölibat als positive Bereicherung des Priestertums angesehen werden kann".
Besonders wichtig ist es, daß der Priester die theologische Begründung des kirchlichen Zölibatsgesetzes erfaßt. Als Gesetz drückt es noch vor dem Willen des einzelnen, der durch dessen Verfügbarkeit zum Ausdruck gebracht wird, den Willen der Kirche aus. Aber der Wille der Kirche findet seine letzte Begründung in dem Band, das den Zölibat mit der heiligen Weihe verbindet, die den Priester Jesus Christus, dem Haupt und Bräutigam der Kirche, gleichgestaltet. Die Kirche als Braut Jesu Christi will vom Priester mit der Vollständigkeit und Ausschließlichkeit geliebt werden, mit der Jesus Christus, das Haupt und der Bräutigam, sie geliebt hat. Der priesterliche Zölibat ist also Selbsthingabe in und mit Christus an seine Kirche und Ausdruck des priesterlichen Dienstes an der Kirche in und mit dem Herrn.
Für ein angemessenes geistliches Leben des Priesters darf der Zölibat nicht als ein isoliertes oder rein negatives Element, sondern immer als Aspekt einer positiven, ganz spezifischen und charakteristischen Lebensorientierung angesehen und gelebt werden: Er verläßt Vater und Mutter und folgt Jesus, dem Guten Hirten, in eine apostolische Gemeinschaft, um dem Volk Gottes zu dienen. Der Zölibat muß also als unschätzbares Geschenk Gottes, als "Antrieb der Hirtenliebe" (PO 16) als einzigartige Teilnahme an Gottes Vaterschaft und an der Fruchtbarkeit der Kirche und als Zeugnis vor der Welt für das eschatologische Reich in freier und von Liebe getragener Entscheidung angenommen und unablässig erneuert werden. Um sämtliche moralischen, pastoralen und spirituellen Erfordernisse des priesterlichen Zölibats zu leben, braucht es unbedingt das demütige und vertrauensvolle Gebet, wie uns das Konzil lehrt: "je mehr in der heutigen Welt viele Menschen ein Leben in vollkommener Enthaltsamkeit für unmöglich halten, um so demütiger und beharrlicher werden die Priester und mit ihnen die ganze Kirche die Gabe der Beständigkeit und Treue erflehen, die denen niemals verweigert wird, die um sie bitten. Zugleich werden sie alle übernatürlichen und natürlichen Hilfen anwenden, die jedem zur Verfügung stehen" (ebd.). Auch wird das Gebet, in Verbindung mit den Sakramenten der Kirche und asketischem Eifer, in schwierigen Situationen Hoffnung, bei Verfehlungen Vergebung und dort, wo es gilt, sich neu auf den Weg zu machen, Vertrauen und Mut einflößen.«


Wie üblich, kann man auch hier wieder sehen, dass offensichtlich vielfach, gerade auch in den Ländern, aus denen nun (und immer schon - *gähn*) der Aufschrei kommt, geflissentlich ignoriert wurde, was die Synode wollte. 

Wichtig ist aber für mich v.a. dies: Das ist der mit allem nur möglichen Nachdruck erklärte Wille der Kirche: "Die Kirche als Braut Jesu Christi will vom Priester mit der Vollständigkeit und Ausschließlichkeit geliebt werden, mit der Jesus Christus, das Haupt und der Bräutigam, sie geliebt hat." 
Daran wird sich so bald nichts ändern.



* Ob den "Priestergeliebten" bewusst ist, dass ihre achsotollen Beziehungen auf dem Bruch eines vor Gott und der Kirche feierlich abgelegten Gelöbnisses ruhen? Was erwarten die sich von ihren Wunschmännern für die Zukunft? Plötzliche Treue zu einem anderen vor Gott und der Kirche feierlich abgelegten Gelöbnis?
Davon abgesehen sollte den Damen mal jemand sagen, dass, selbst wenn der Zölibat abgeschafft würde, SIE dennoch niemals "Priesterfrauen" werden könnten... Die Weihe ist nunmal ein Ehehindernis (und zwar auch in der orthodoxen Tradition, die man so gern als Vorbild herbeifabuliert)!

Samstag, 16. November 2013

Das 11. Gebot

Dieser Tage kam das Buch "Das 11. Gebot: Du sollst nicht darüber sprechen" von Daniel Bühling heraus und sorgt seither für Wirbel. Spiegel titelt (hier) pünktlich zu St. Martin: "Buch über Priesterausbildung: Hölle auf Erden". Auch das auf Spiegel-Niveau gehaltene Einbandbild passt ganz gut dazu.
Ich habe das Buch noch nicht gelesen und erwarte mir auch keine neuen Erkenntnisse davon. Ich halte es aber dennoch für wichtig.

Vor sechs Monaten habe ich mich bereits genau darüber geäußert und für mein Empfinden bereits alles gesagt. Um mich nicht zu wiederholen: Bitte HIER klicken!
Das Buch ist nun genau das, was ich damals "prophezeiht" habe...  und ich hoffe sehr, dass jetzt, in dem Sinne, wie ich es damals beschrieben habe, etwas passiert. Natürlich vereinfacht und verallgemeinert Bühling auch zuweilen über gebühr. Und anscheinend glaubt er wirklich, dass die Kirche Sex als Sünde betrachtet (jedenfalls behauptet er genau das gleich zweimal in diesem Interview). Aber im Wesentlichen beschreibt er wohl leider die Wirklichkeit!


PS. Eine wie große "Sünde" Sex ist, mag ein kurzes Zitat von Pius XII. illustrieren, auf das ich dieser Tage stieß (weil ein simpler Verweiß auf eine beliebige Lehräußerung der letzten 50 Jahre diesbezüglich - die dieses Vorurteil umgehend zerstören würde - auch wirklich zu leicht und für jeden möglich wäre):
»Derselbe Schöpfer, der in seiner Güte und Weisheit zur Erhaltung und Vermehrung des Menschengeschlechts sich des Wirkens von Mann und Frau in der ehelichen Vereinigung bedient, hat auch gewollt, dass die Ehegatten bei diesem Tun in Körper und Geist eine Lust und ein Glücksgefühl verspühren. Wenn also die Ehegatten diese Lust suchen und genießen, so tun sie nichts Böses; sie nehmen an, was ihne der Schöpfer bestimmt hat.« (Aus einer Ansprache an Neuvermählte, 1951)

Samstag, 3. August 2013

Diagnose: Zölibat

Ich bitte im Voraus um Verzeihung für die krude Sprache. Bin wütend.

»Lasst die Priester f*cken, dann werden sie auch nicht Rechtsradikal.«

So sinngemäß Dr. Wunibald Müller (siehe hier), ein Hohes Tier in der Priesterausbildung in Deutschland.

Gebet um gute Priester: hier.
Auftrag des Zweiten Vatikanischen Konzils zum Gebet um den Zölibat: hier.

Dienstag, 9. Juli 2013

"Papst Franziskus schafft Zölibat ab!"

So oder so ähnlich könnte in den nächsten Tagen die Schlagzeile lauten, sobald ein kreativer Zeitungs- oder Kirchenmensch mitkriegt, dass Papst Franziskus Ende letzter Woche so einiges Wichtiges zu Seminaristen und Novizen gesagt hat. Da fiel doch tatsächlich bei der Frage danach, woher das Unglücklichsein bei Priestern und Ordensleuten kommt, die Folgende Aussage: "Es ist ein Problem des Zölibats." Die deutschen Verbandkatholiken jauchzen und Prof. Schockenhoff klopft sich auf die Schulter.
Klar hat der Papst das nicht so stehenlassen, sondern noch weiter erklärt. Und klar wird er nicht den Zölibat abschaffen. Eher das Gegenteil wird passieren. Aber wen kümmern schon solche Details, wenn man eine Schlagzeile landen kann... dann darf der Vatikan wieder ein Dementi raushauen in dem empfohlen wird, die Rede des Papstes auch wirklich mal anzuhören, und schon kann man weiter fabulieren, der Reformpapst werde im Vatikan gefangen gehalten.

Hier die ganze Stelle, um die es ging. Wie ich finde, sehr treffend und sehr wertvoll! (eigene Übersetzung)
»Wo ist das Zentrum dieses Fehlens von Freude? Es ist ein Problem des Zölibats. Ich erklär' euch das: Ihr Seminaristen und Ordensfrauen weiht eure Liebe Jesus, eine große Liebe. Das Herz für Jesus. Und das bringt uns dazu, das Gelübde der Keuschheit oder des Zölibats abzulegen. Aber das Gelübde der Keuschheit oder des Zölibats hört nicht auf im Moment des Gelübdes, sondern es geht weiter... einen Weg des Reifens hin zur pastoralen Vaterschaft und zur pastoralen Mutterschaft. Wenn aber ein Priester nicht ein Vater seiner Gemeinde ist, und eine Schwester nicht die Mutter der Menschen ist, mit denen sie arbeitet, dann werden sie traurig. Das ist das Problem. Deswegen sage ich euch: Die wirkliche Wurzel der Traurigkeit im pastoralen Leben liegt in diesem Mangel an geistlicher Vaterschaft und Mutterschaft die davon kommt, wenn man seine geistliche Berufung schlecht lebt, die eigentlich zur Fruchtbarkeit gebracht werden soll. Wir dürfen uns nicht einen Priester oder eine Schwetser denken die nicht fruchtbar ist: Das ist nicht katholisch! Das ist nicht katholisch! Das ist die Schönheit unsere Berufung: die Freude, die Freude.«

Die ganze Rede kann hier (ab Minute 85) gehört und gesehen werden. Es lohnt sich auch für nicht zum geweihten Leben berufene! *schwelg*

Sonntag, 26. Mai 2013

Zerstörung des Zölibats

Überlegungen eines Laien.

Der Zölibat ist eine von den Kirchen (lateinische wie östliche) hoch geachtete Lebensform die ihre Wurzeln durchaus in der Bibel hat. Doch in den letzten 50 Jahren wurde allerhand unternommen, um diese Lebensform zu zerstören. Das ist nicht neu, das wurde vor 200 Jahren schon aktiv und höchst politisch betrieben (s. hier). Neu ist heute die Vielfalt der Zerstörer.

Dass es zahlreiche Übergriffe von Zölibatären auf Minderjährige gibt, ist klar. Dass nach seriösen Schätzungen mindestens 1/3 des deutschen Weltklerus sein Versprechen bricht und im Konkubinat lebt, ist weniger bekannt, aber leider auch kaum verwunderlich. Andernorts, v.a. in Südamerika, sieht es nicht besser aus.

Was die "Gesellschaft" so am Zölibat stört ist nicht unbedingt der Verzicht auf Sex. Da mag ein Freiburger Moraltheologe Schockenhoff noch so sehr der Ansicht sein, ein zölibatär lebender Priester leide "Hunger" (über die Gerüchte, den Lebenswandel des besagten Moraltheologen betreffend, der übrigens Priester ist, schweige ich lieber).
Es ist auch nicht bloß die eschatologische Zeichenhaftigkeit des Zölibats, die Anstoß erregt (jemand, der alles auf eine Karte, Gott, setzt und nichts für sich im Irdischen beansprucht).  Ich wage zu behaupten, dass hinter dem medialen Hass auf den Zölibat letztlich doch auch eine verständliche Motivation steckt.

Der Grund, warum gerade die Kleriker beim Thema Missbrauch und auch beim Bruch des Zölibatsgelübdes besonders an den Pranger gestellt werden, ist hausgemacht: Weil für den Klerus ein weit höher angesetzter moralischer Maßstab geltend gemacht wird. Zugleich unterlässt man es, die realen Abgründe zu sehen und zu benennen. Nach den Ursachen zu fragen fällt daher ebenso flach. Die Ursache ist erwiesenermaßen ja nicht der Zölibat. Der Grund, warum jemand an seinem Lebensentwurf scheitert (was immer dieser sei), kann ja schwerlich dieser Lebensentwurf selbst sein. Ein jeder Lebensentwurf ist etwas Abstraktes. Es sind immer Menschen, die ihn ausfüllen und beleben. Und es sind die Menschen die scheitern. Warum scheitern sie?

Was ich meine: Offenkundig gibt es eine große Zahl von Klerikern, die an ihrer Zölibatsverpflichtung scheitern. Mal verbrecherisch und abscheulich in Form sexueller Übergriffe, mal durch das (hetero- oder homosexuelle) Konkubinat. Woran liegts?
Nun ist es leicht zu sagen, hier fehle es eben an der nötigen Stärke, am nötigen Willen, an Integrität.

Das Problem ist sehr komplex, aber ich vermute stark, eine Hauptursache, die ziemlich nah an den Ursprung des Ungemachs reicht, liegt schlicht und ergreifend in der (Aus)Bildung der Kleriker begründet.
Funfact: Stand in den beiden ersten Ausgaben des LThK (1930-38 und 1957-68) noch als erster Satz im Artikel "Zölibat", dass dieser eine "(Standes)Pflicht" der katholischen Priesters sei, so ist in der aktuellen Ausgabe nurmehr von einer "Lebensform" die Rede. Die Pflicht fehlt. Der Stand sowieso. Offenbar beurteilt also die Theologie den Zölibat heute anders als noch zu Zeiten des letzten Konzils.

Allbekannt ist sicherlich, dass in den Jahren nach dem letzten Konzil an nicht wenigen Priesterseminaren den Studenten erzählt wurde, der Zölibat werde in absehbarer Zeit "fallen". Diese Falschinformation ist für einen nicht kleinen Teil der späteren Laiisierungen verantwortlich gewesen, als die so Instruierten merkten, dass sich nichts ändern wird.
Generell habe ich den Eindruck, auch aus eigenen Erfahrungen, dass während der Priesterausbildung an vielen Orten der Zölibat nur ein Randthema darstellt. Man geniert sich und begegnet Unsicherheit und Zweifel, gar offener Infragestellung des Zölibats auf Seiten der Studenten, mit Ratlosigkeit und Schweigen... und Letzteres begegnet zuweilen sogar als "Rat" an die Betroffenen!

Die Ironie ist, dass, nun da das LThK die Rede von der "Pflicht" zum Zölibat eliminiert hat, der Zölibat in den Seminaren fast ausschließlich nur unter genau diesem Gesichtspunkt der "Pflicht", und zwar einer lästigen und bedrückenden solchen, betrachtet wird. Der Zölibat wird heute nicht mehr vom Einzelnen "angenommen", sondern er wird dem Einzelnen (von der pösenpösen Kirche) "angetan".
Wie wenig an den Seminaren über den Zölibat geredet wird, mag man auch daran ersehen, dass die meisten ständigen Diakone nicht wissen(!), dass sie gleichfalls zum Zölibat verpflichtet sind. Sie bekommen einen Dispens für die Dauer ihrer schon vor der Weihe geschlossenen Ehe, sie sind nicht von der Zölibatspflicht befreit! Das ist der Grund, warum Diakone nach dem Tod der Gemahlin nicht neu heiraten dürfen: Mit der Weihe sind sie, wie alle römisch katholischen Kleriker, zum Zölibat verpflichtet (CIC c. 277 §1).

Hierin liegt nun m.E. ein nicht kleiner Teil des Problems: Den Leuten wird der Sinn und das Wesen des Zölibats nicht erklärt. Ihnen wird der Wert, die Würde und die Schönheit dieser Lebensform nicht vermittelt. Und das Problem ist exponentiell gewachsen, denn die heutigen Ausbilder sind ihrerseits ja bereits durch diesen "Drill der Ignoranz" gegangen... sie wissen oft genug selber nicht, was es mit dem Zölibat auf sich hat! Wer sollte es den angehenden Priestern also beibringen?
Bei einem Priester, der so eine Ausbildung durchlaufen hat, wundert es mich nicht übermäßig, wenn er übergriffig oder seinem Versprechen untreu wird. Wie sollte sich auch jemand ganz bewusst und von ganzem Herzen einer Lebensform verschreiben, deren Sinn er nicht kennt? "Warum tu ich mir das überhaut an?" mögen sich viele gefragt haben, bevor sie zur Tat schritten.

Man wird aber auf absehbare Zeit nichts daran ändern. Man wird weiter das hohe Ideal hochhalten und den schönen Schein wahren. Mit der Folge, dass man es auch nicht kurieren können wird. Solange man das Geschwür nicht als existierend anerkennt, wird man es nicht behandeln können. 
Und wenn man weiterhin ein Ideal hochhält, das zwar an sich richtig und wichtig ist, dem man jedoch systematisch jede Substanz entzogen hat, wird man weiter die Häme über den bigotten Klerus ertragen müssen, was wiederum eben diesen Klerus belastet und ins Wanken bringt.

Die Wahrheit ist zu benennen: 
Ja, wir habens verbockt! Unsere Kleriker werden reihenweise ihrem Gelübde untreu, weil wir ihnen beigebracht haben, das sei so schlimm nicht. Und sie werden übergriffig, weil wir oft genug ihre Sorgen und Nöte nicht hören wollten. Ein nicht unwesentlicher Teil unseres Klerus' ist innerlich verfault und bigott bis zum Erbrechen, und WIR sind daran schuld. Wir haben den Zölibat zu einer zu (er)tragenden Last umgestaltet und nurmehr pro forma als "Charisma" etikettiert. Ihr habt Recht, wenn ihr uns selbstherrlich und heuchelrisch nennt, denn wir nehmen die Krankheit nicht ernst.
Aber hört auch dies: dass wir uns durch unser Tun auch an der Kirche und ihrem Leben vergangen haben. Wir haben dieses wunderbare "Zeichen des neuen Lebens" (KKK 1579) verachtet, es mutwillig und gleichgültig behandelt. Wir haben den Kandidaten den Umfang dessen verschwiegen, worauf sie sich einlassen und ihnen statt der Freude über diese "besondere Gabe Gottes" (c. 277) von schauerlichen Fesseln gepredigt. Wir haben aus der "Jungfräulichkeit um des Himmelreiches willen" die Verheißung andauernden Hungerns und Dürstens gemacht. Wir sind darum Schuld daran, dass so viele Priester "am Zölibat scheitern". Nicht "die Gesellschaft", nicht "die Medien". WIR!

Es muss also etwas geschehen... Es braucht eine Radikalkur, um diesen nach wie vor in den Seminaren und an den Fakultäten wuchernden Krebs zu besiegen. Andernfalls wird der Verfall nur noch schlimmer werden und der Zölibat wird mehr und mehr genau das sein, was heute schon medial durchaus nicht immer zu Unrecht am Pranger steht: Nurmehr eine Fassade, hinter der sich alles mögliche tummelt... nur keine sakramentalen Christusrepräsentanten. Und dann ist es nur noch ein kleiner Schritt, bis sich die Kirche beugen muss und diese Fassade dann auch noch einreißt. Und sie täte in dem Fall gut daran!
Aber so weit muss es ja nicht kommen...

Gebet für den Zölibat.

Donnerstag, 2. Mai 2013

Kirche als Debattierapparat


»Die Religionsfragen sind so mit Phrasenmüll zugeschüttet, mit lauter Nebensachen und Sekundärproblemen, dass man erst einmal die Substanz wieder freilegen muss: dass der Glaube ein Urphänomen der Menschheitsgeschichte ist, dass er tief in die Seele des Einzelnen hineinreicht, dass er durch tausend Fäden mit den großen Zusammenhängen unserer Kultur verbunden ist. Davon besteht im Augenblick kaum ein Bewusstsein, umso mehr dafür begegnet man kirchlicher und antikirchlicher Vereinsmeierei. Eine Gesellschaft in der nurnoch eine kleine Minderheit den Gottesdienst besucht, kann sich endlos darüber unterhaltem, ob Frauen zu Priestern geweiht werden sollen, ob die Ehelosigkeit der katholischen Geistlichen abgeschafft gehört, und ob die Kirche das Recht hat, gegen die Anerkennung homosexueller Lebensgemeinschaften zu protestieren. Es ist ein hochprofessioneller und sterbenslangweilger Debattierapparat, der mit der Erörterung dieser immer gleichen Gegenstände beschäftigt ist und man muss ihn abschalten, um fruchtbar über Religion reden zu können.
Die Schlüsselwörter eines ernstzunehmenden Religionsgesprächs lauten nicht «Zölibat», «Deutsche Bischofskonferenz» oder «lateinische Messe», sondern «Sünde», «Gott» und «Ewigkeit».
Nur von den großen Glaubensfragen her gewinnt das Kirchliche und Kirchenpolitische seinen Sinn, sonst wird es leer und öde, ganz gleich, ob es mit orthodoxer oder «kritischer» Tendenz betrieben wird.
In seiner schlichtesten und grundsätzlichsten Form lässt sich der Streit um den Glauben auf die Frage nach Blindheit und Sehen bringen. Der Religionskritik gilt die Religion als Phänomen der Verblendung. Der Blick des Gläubigen ist getrübt, er hält Phantasien (wie Wunder) für die Wirklichkeit, er ist benebelt vom Fanatismus, den ihm der Ausschließlichkeitsanspruch seines Gottes eingibt. Ob Priesterbetrug, Opium des Volkes oder illusionäre Wunschvorstellung: Religion ist Verlust des Realitätssinns, und man muss sich von ihr befreien, um die Dinge endlich wahrzunehmen, wie sie sind.
Die Gegenthese lautet: Der Glaube sieht nicht weniger, sondern mehr. Es ist mit ihm wie mit der Liebe. Auch von ihr heißt es, dass sie blind macht, und in gewisser Weise trifft das zu. Doch letztlich, in einem tieferen Sinne, ist es umgekehrt: Die Liebe macht sehend, sie entdeckt, was der Gleichgültigkeit ewig verborgen bleibt; nur dem liebevollen Blick enthüllt sich das Wesen des Menschen. Die Liebe kann sich täuschen, aber die Lieblosigkeit ist die viel fundamentalere Unwahrheit: eine Welt ohne Licht, seelische Finsternis. So wäre auch die Religion in ihrem Kern kein Weniger-, sondern ein Mehr-Sehen, eine Offenheit für Überraschung und Geheimnis, ein komplexerer Begriff von Wirklichkeit.«


(Jan Roß, Die Verteidung des Menschen; den Großteil des hier von mir zitierten hat Johannes Kreier gestern in seiner Predigt zitiert: hier)