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Dienstag, 8. März 2022

Bätzing verdreht Henri de Lubac

In seiner Predigt zur Eröffnung der Vollversammlung der DBK am 7. März 2022 hat der Vortsitzende der DBK ausgerechnet Henri de Lubac zitiert, um seine kruden Ideen über die Kirche Ausdruck zu geben. Er führte aus:

»Die Kirche Jesu Christi ist „katholisch“. Und das meint weit mehr als „römisch-katholisch“ in seiner konkreten Gestalt. Katholizität, so hat es der französische Jesuit Henri de Lubac (1896–1991) durch beharrliche Studien herausgearbeitet, ist ein Zielbild, geschichtlich stets eine Herausforderung und niemals Besitzstand, den es zu verteidigen gilt. „Der Katholizismus [...] ist die Form, die die Menschheit annehmen soll“, schreibt de Lubac, „um endlich sie selbst zu werden. Er ist die einzige Wirklichkeit, die, um zu sein, es nicht nötig hat, sich entgegenzusetzen, also alles andere als eine ‚geschlossene Gesellschaft‘“ (Henri de Lubac, Glauben aus der Liebe [„Catholicisme“, 1938 erschienen]. Übertragen und eingeleitet von Hans Urs von Balthasar, Einsiedeln-Freiburg 1992, 263: Weiter spricht er davon, den Katholizismus zeichne eine Unduldsamkeit seiner Grundsätze und zugleich eine unendlich umfassende Geschmeidigkeit aus). Katholisch, das ist gelebte Verbundenheit, nicht konfessionelle Enge, nicht Abschottung und Identität durch Grenzziehungen. [...] Katholizität meint Verbundenheit. Um dieses Zielbild zu verwirklichen, müssen wir wohl noch etliche Barrieren überwinden, Durchbrüche wagen und bisher gültige Denkweisen verändern – und zuallererst demütig bekennen, wie sehr wir uns in der Kirche an unseren eigenen Geschwistern schuldig gemacht haben; wie sehr wir deren Leben belastet und ihnen die Verbundenheit verwehrt haben.«


Bätzing möchte mit allen Menschen "verbunden" sein, und meint damit v.a., dass die Kirche alles, was diese Menschen tun, etwa in ihren Betten, akzeptieren soll.

Damit verkehrt er die Aussage von de Lubac in ihr genaues Gegenteil. Ja, de Lubac sagt: »Die Kirche ist überall zu Hause, und jeder soll sich in der Kirche zuhause fühlen können« (ebd.), aber er wäre nie auf den Gedanken gekommen, dass dies bedeuten könnte, dass sich die Kirche entsprechend an alles anpassen müsse, am wenigsten in Sachen der Moral. De Lubac stellt vielmehr klar, dass die Kirche "ohne jede Naivität" auf die Menschen zugeht, d.h. sie nimmt nicht einfach alles an, sondern sie unterscheidet, sucht das "Gute" und das "Wahre" und meidet zugleich den Irrtum (ebd. 264-265) [gemäß der Mahnung des Paulus: »Prüft alles und behaltet das Gute!« (1Thess 5,21) Immer Eingedenk des darauffolgenden Verses: »Meidet das Böse in jeder Gestalt!« Vgl. ebd. 254-256]. Die sichtbare Katholizität, die sich in der Vielfalt zeigt, die sie beherbergt, ist so letztlich Ausdruck ihres inneren Reichtums.

Kurioserweise nennt de Lubac sodann etwas beim Namen, was Bätzing eigentlich die Schamesröte ins Gesicht treiben müsste, denn er, Bätzing, tut genau das, was du Lubac hier verwirft, bis in die Wortwahl ("verbinden") hinein: 

»So wenig die Methode der Kirche naiv ist, so wenig ist sie synkretistisch. Künstlich erzeugt und häufig das Werk von Verwaltungsinstanzen und Gelehrten, setzt der Synkretismus einen niedergehenden Glauben voraus. Er ist eine Beleidigung des lebendigen Gottes. Im Geistigen ist er unfruchtbar wie die Politik und die Philosophie, der er entstammt. Er erniedrigt und verflacht alle Elemente, die er verbindet [...].«

Genau da sind wir: Die Kirche (in Deutschland!) ist im Niedergang begriffen und Bätzing möchte durch Verwaltungsinstanzen und mit gelehrten Redelsführern (suizidaler Weg) das Ruder herumreißen, indem er einen Synkretismus fabriziert, der allerlei wesentliche Elemente des Katholischen erniedrigt und verflacht (z.B. das Priestertum und eben die Moral).

Die Kirche kann Heimat für alle Menschen sein, weil sie die Fülle der Gnade und der Wahrheit Gottes ihr eigen weiß. Als Christen glauben wir, dass einer der Weg, die Wahrheit und das Leben für alle Menschen ist. Dass die Kirche "katholisch" ist bedeutet gerade nicht, dass sie allen Menschen angepasst werden kann oder gar soll, sondern im Gegenteil, dass alle Menschen sich ihr anschließen können auch in ihrer Strenge und Klarheit. De Lubac weiter (durchaus kämpferisch):

»Endlich kann hier auch nicht von "Liberalismus" die Rede sein, von Willfährigkeit gegenüber dem Irrtum oder vom Schalwerden des evangelischen Salzes. Wie das Christentum in der ganzen Strenge seiner Forderungen vorgetragen werden muss, so muss man es auch in seiner ganzen Reinheit hervortreten lassen. Es wäre sträflich, die sanfte Strenge des Evangeliums zu verschleiern; aber nicht weniger, es mit überflüssigem Ballast zu beschweren; dies hat schon das erste Konzil verkündet. Und wenn es auch ausgemacht ist, dass das Bekehrungswerk in seinem Wesen nicht darin besteht, die übernatürliche Wahrheit zu adaptieren, sie auf das menschliche Maß herabzudrücken, sondern umgekehrt den Menschen ihr anzupassen und ihn zum Maß dieser Wahrheit, die ihn beherrscht und ihn richtet, zu erheben, so müssen gerade wir, ihre Diener, uns vor nichts so sehr hüten als vor einer lästerlichen Verwechslung unserer Geschmäcker, unserer Gewohnheiten, unserer Vorurteile, unserer Leidenschaften, unserer Beschränktheiten und Schwächen mit der göttlichen Religion, von der wir noch so wenig durchdrungen sind. Wir sollen die Seelen für Gott, nicht für uns gewinnen, und ihnen. Gott schenken, statt uns selbst ihnen aufdrängen. Wenn man dies für Liberalismus hält, so ist es jedenfalls kein anderer als der der Liebe. Da mihi amantem et scit quid dicam.

Das große Beispiel des hl. Paulus ist am geeignetsten, vor jeder hier möglichen Verwechslung im voraus zu sichern. Keiner schämte sich weniger als Paulus, das Ärgernis des Kreuzes zur Schau zu tragen, und keiner fürchtete mehr als er, dessen Kraft abzustumpfen. Keiner hat vorbehaltloser als er die Notwendigkeit verkündet, mit dem Irrtum und der Sünde zu brechen und sich selbst zu sterben, um ein neues Leben in Christus zu leben: "Fegt aus den alten Sauerteig und seid ein neuer Teig." Aber Paulus weigert sich, auf die Forderungen der judaisierenden Christen einzugehen. Er erhebt sich sogar gegen jene, die seine Kühnheit einschüchtert. Geschieht es einzig deshalb, "um, wie er selbst sagt, dem Evangelium kein Hindernis zu schaffen" oder "für Christus eine große Menge" Heiden zu gewinnen? Diese Absicht erklärte sein Verhalten nicht ganz. Was den Apostel bestimmt, ist nicht vor allem das Interesse der Propaganda: es ist die Logik seines Glaubens. Seine Gegner werfen ihm vor, dass er aus politischer Klugheit das Joch des Herrn erleichtert, indem er das Gesetz aufgibt. Nein, erwidert er, nicht damit die Menschen mich gut aufnehmen, handle ich so, sondern um mich Gott verdient zu machen. Wenn ich das "Evangelium Gottes" predige, will ich es nicht "nach Menschen weise" verkünden. Weit davon entfernt, die Lehre aus Opportunitätsrücksichten zu kompromittieren, verteidigt Paulus vielmehr ihren wahren Charakter gegen die unklugen Zugeständnisse Petri. Er weigert sich, das Evangelium andern zuliebe zu ändern, weil er damit Christus untreu würde (1Kor 1,17; 5,7; 9,12 und 19-22; Gal 1,10-11; 2,11-24).

Der Geist, der den Apostel leitet, ist derselbe, der noch heute die Kirche lenkt, und der durch die Stimme der letzten Päpste spricht [gemeint sind Pius IX. bis Pius XI.]. Der Weg, auf den er uns verpflichtet, ist der einzig sichere. Ihm folgen ist weder Naivität noch Synkretismus noch Liberalismus, sondern einfach Katholizismus.« (ebd. 265-267)

Bätzing sollte nochmal genau nachlesen und sich dann schämen! Ich kann bloß hoffen, dass sein bischöflicher Mitbruder aus Regensburg, der ein ausgewiesener Experte für Henri de Lubac ist, ihn auf seine Verirrung (und die Irreführung seiner Zuhörer) hinweist.

Dienstag, 26. Oktober 2021

Hierarchie der Wahrheiten


Im Dekret des Zweiten Vatikanischen Konzils über den Ökumenismus, Unitatis redintegratio (UR), taucht der Begriff „Hierarchie der Wahrheiten“ auf (UR 11). Dieser Begriff hat seit dem eine erstaunliche Karriere hingelegt, denn er ist in die Alltagssprache vieler Kirchenleute und Theologen übergangen, auch weit jenseits des Themas Ökumene.

Leider wird der Begriff meistens falsch bzw. missbräuchlich verwendet. Und zwar auf die Weise, dass damit ausgesagt werden soll, dass es „wichtige“ und „weniger wichtige“, und sogar „unwichtige“ Glaubensinhalte gäbe, wobei man sich insbesondere bei der Verkündigung (Katechese, Predigt, mediale Auftritte) auf die wichtigen konzentrieren solle. Welcher hierarchische Rang einer einzelnen Glaubenswahrheit zukommt, liegt derweil meist im Ermessen des Einzelnen, aber recht beliebt ist es, nur das als „wichtig“ zu deklarieren, was im Glaubensbekenntnis steht, wobei aber diese Regel sogleich wieder gebrochen wird, denn die Jungfrauengeburt gehört diesen Verkündern zufolge sicherlich nicht zur „wichtigen“ Kategorie, und auch die Dreifaltigkeit Gottes wird zuweilen nicht in den oberen hierarchischen Rängen positioniert, da sie unverständlich sei. Mein Eindruck ist, dass meist nach dem religionsphilosophischen Modell verfahren wird: Was die meisten Menschen glauben, das ist in dieser Hierarchie ganz oben und darauf müssen wir uns in Verkündigung konzentrieren; je spezifischer es wird, desto niedriger ist der „Rang“ und desto eher kann man es, platt gesagt, weglassen. Daraus ließen sich grob fünf Ränge ableiten:

1. Was allen Menschen gemein ist

2. Was allen Religionen gemein ist

3. Was den monotheistischen Religionen gemein ist

4. Was den christlichen Konfessionen gemein ist

5. Was spezifisch katholisch [und orthodox] ist

Was wir hier haben ist eine Hierarchie, genauer: Was man in der Fachsprache „Schachtelungshierarchie“ (engl. nesting hierarchy) nennt. Hierbei sind die jeweiligen Kategorien ähnlich einer Matrjoschka ineinander verschachtelt: die „katholische Schachtel“ befindet sich zusammen mit anderen in der „christlichen Schachtel“, diese befindet sich wiederum mit anderen zusammen in der „monotheistischen Schachtel“, diese befindet sich wiederum mit anderen zusammen in der „religiösen Schachtel“ und diese befindet sich wiederum mit anderen zusammen in der „meschlichen Schachtel“. In dieser Hierarchie ist folglich das Wichtigste alles, worüber sich alle Menschen einigen können usw.; am unwichtigsten ist das, was die eigene Kirche ausmacht.


Ursprünglich im Kontext des Themas Ökumene eingeführt, hat der Begriff der „Hierarchie der Wahrheiten“ doch überragende Bedeutung. Aber sein falscher Gebrauch hat gerade für die Ökumene verheerende Folgen.

Sinn jener religionsphilosophischen Unterteilung in wichtig und unwichtig ist es, im ökumenischen und interreligiösen Austausch eine möglichst große Nähe herzustellen und nicht mit „Eigenem“ den anderen auf Distanz zu halten. Das klingt zunächst gut, führt aber auch dazu, dass man etwa als katholischer Gesprächspartner von seinem Gegenüber am Ende des Tages nicht ernst genommen wird, denn man gibt dadurch seine eigene Identität preis.

Mal ehrlich: Was glauben die so Vorgehenden eigentlich, wie vertrauenerweckend der andere auf einen wirkt und wie ernstgenommen man sich fühlt, wenn man feststellen muss, dass der Gesprächspartner nicht mal sich selbst, seinen eigenen Glauben, ernst nimmt? Oder andersherum: Wenn ich meinen eigenen Glauben nicht ernst nehme, d.h. ihn nicht unverkürzt annehme, bejahe und bekenne, dann kann ich nicht erwarten, dass mein Gegenüber mir abnimmt, dass ich ihn und seinen Glauben ernst nehme.

Durch so einen Mangel an Ernsthaftigkeit der geglaubten Wahrheit gegenüber kann auch kein Vertrauen entstehen, denn jeder ernsthafte Dialog löst sich in Luft auf, er wird ersetzt durch eine (politische/ideologische) Verhandlung. Das ist genau das, was den Großteil unserer gegenwärtigen „offiziellen“ ökumenischen Gespräche auszeichnet: Es sind Verhandlungen um Begriffe, nicht Gespräche über den Glauben. Die Ergebnisse sind dann dementsprechend auch Verträge und Vereinbarungen, aber keine Nähe, keine Gemeinschaft. Ein gutes Beispiel ist jenes schreckliche (weil unehrliche, und damit unchristliche, außerdem häretische und in hohem Maße manipulative) Dokument „Gemeinsam am Tisch des Herrn, mit dem ich mich HIER und HIER näher befasst habe. Ich sprach damals von einer Papierökumene, Karl-Heinz Menke nennt es Tintenfischökumenik, bei der alles Anstößige hinter einem Tintenschleier verschwindet.


Mit derHierarchie der Wahrheiten“, wie sie das letzte Konzil benannte hat, hat dieses Einteilen in „wichtig“ und „unwichtig“ nichts, aber auch gar nichts zu tun. Wie fern ein Zurückstellen von Glaubenswahrheiten um des ökumenischen Friedens oder scheinbarer (begrifflich ausgefeilter und vertraglich festgehaltener) Übereinkünfte willen jenem Begriff des Zweiten Vatikanischen Konzils ist, kann dieser Satz aus dem selben Abschnitt (drei Sätze vorher) gut veranschaulichen:

Die gesamte Lehre muss klar vorgelegt werden. Nichts ist dem ökumenischen Geist so fern wie jener falsche Irenismus, durch den die Reinheit der katholischen Lehre Schaden leidet und ihr ursprünglicher und sicherer Sinn verdunkelt wird.“ (UR 11)

Was es mit dem Begriff „Hierarchie der Wahrheiten“ tatsächlich auf sich hat, erklärt das Konzil eigentlich unmissverständlich, aber es gibt einen Grund, warum stets nur dieser Begriff zitiert wird und nicht der Satz, in dem er steht, oder gar dessen Kontext. Dort heißt es (satzweise):

[1)] Zugleich muss aber der katholische Glaube tiefer und richtiger ausgedrückt werden auf eine Weise und in einer Sprache, die auch von den getrennten Brüdern wirklich verstanden werden kann.

[2)] Darüber hinaus müssen beim ökumenischen Dialog die katholischen Theologen, wenn sie in Treue zur Lehre der Kirche in gemeinsamer Forschungsarbeit mit den getrennten Brüdern die göttlichen Geheimnisse zu ergründen suchen, mit Wahrheitsliebe, mit Liebe und Demut vorgehen.

[3)] Beim Vergleich der Lehren miteinander soll man nicht vergessen, dass es eine Rangordnung oder ‚Hierarchieder Wahrheiten innerhalb der katholischen Lehre gibt, je nach der verschiedenen Art ihres Zusammenhangs mit dem Fundament des christlichen Glaubens.

[4)] So wird der Weg bereitet werden, auf dem alle in diesem brüderlichen Wettbewerb zur tieferen Erkenntnis und deutlicheren Darstellung der unerforschlichen Reichtümer Christi angeregt werden.“ (UR 11)

1) Es fällt auf, dass es hier überhaupt nicht um Glaubensinhalte (oder Glaubenswahrheiten) geht, sondern um die Sprache und das Sprechen: Wie drücken wir uns aus? Drücken wir uns so aus, dass man uns versteht? Drücken wir uns bzw. den Glauben „tief“ und „richtig“, ja sogar „tiefer“ und „richtiger“ aus? Der lateinische Text klingt hier noch schärfer als die übliche deutsche Übersetzung: „fides catholica et profundius et rectius explicanda est“ – „der katholische Glaube ist sowohl tiefer als auch richtiger darzulegen“ [und zwar] auf eine Weise und in einer Sprache, die von den getrennten Brüdern wirklich verstanden werden kann.

2) Hier geht es noch immer nicht um einzelne Glaubensinhalte, sondern um Haltungen: Als erstes um die „Treue zur Lehre der Kirche“ und sodann um Wahrheitsliebe, Liebe, Demut. Zu gemeinsamer Forschungsarbeit“, d.h. konfessionsübergreifend, wird ermutigt, Gegenstand sind die „göttlichen Geheimnisse“, die aber nicht nach „wichtig“ oder „unwichtig“ sortiert werden, sondern einfach gegeben sind.

3) Hier haben wir endlich den Begriff der „Hierarchie der Wahrheiten“. Es fällt auf, dass die genannten Wahrheiten „innerhalb der katholischen Lehre“ verortet werden, es geht also gewissermaßen um alles „was katholisch ist“. Vor allem von Bedeutung ist jedoch, die nähere Bestimmung, was mit diesem Begriff ausgesagt ist: Auch hier ist nirgends die Rede von „wichtigen“ und „weniger wichtigen“ oder „unwichtigen“ Wahrheiten. Vielmehr ergibt sich die Verschiedenheit der Wahrheiten, die als Rangfolge oder Hierarchie bezeichnet wird, aus der „Art ihres Zusammenhangs mit dem Fundament des christlichen Glaubens“. Dies ist durchaus konkret aufzufassen: Es ist keine generelle Rangordnung gegeben, sondern jede Glaubenswahrheit hat ihren spezifischen Zusammenhang mit dem Fundament. (Welches offenkundig Christus ist.)

4) „Wettbewerb“ ist hier eine missverständliche Übersetzung. Es ist hier wohl nicht gemeint, wer wen besser überzeugen kann oder wer am Ende als „Sieger“ hervorgeht, sondern es ist eher ein geistlicher Wettkampf gegen die eigene Schwäche gemeint, der „Sieg“ ist jenes tiefere, richtigere Verstehen, die Mittel in diesem Kampf sind jene Treue, Wahrheitsliebe und Demut.


Doch der Schaden geht weit über ökumenische Gespräche hinaus.

Der Begriff „Hierarchie der Wahrheiten“ wurde, weil er so „neu“ klingt dankbar angenommen, nachdem er seines Textzusammenhangs entledigt wurde, umgedeutet und für die Demontage des Glaubens gebraucht. Man meinte, hier endlich einen Anpack zu haben, um das Wichtige vom Unwichtigen zu scheiden und unnötigen Ballast abzuwerfen (ein breiter Konsens unter Theologen unmittelbar nach dem letzten Konzil war es z.B., dass man die Existenz von Engeln entsorgen müsse, die in dieser Hierarchie ganz weit unten stünde). Das war natürlich von Anfang an nur ideologisch motiviertes Wunschdenken, schon allein weil, wie bereits dargelegt, der selbe Passus des Konzilstextes klar macht, dass „die gesamte Lehre klar vorgelegt werden“ muss.

Auch wenn der Begriff „Hierarchie der Wahrheiten“ als solcher „neu“ ist, so ist doch das, was er bezeichnet, so neu nicht. Das Erste(!) Vatikanische Konzil sprach in ähnlicher Weise in der Konstitution Dei filius vom „nexus mysteriorum inter se“ (vgl. DH 3016), also von der „Vernetzung“ der Geheimnisse des Glaubens untereinander, die sich so gegenseitig erhellen und erschließen. Auch der Begriff der Analogie des Glaubens“ (lat. analogia fidei) ist hier gefallen und meint im Grunde das Gleiche (vgl. KKK 114). Die Rede von der „Hierarchie“ oder „Rangordnung“ scheint mir indes für die gemeinte Sache durchaus passend, denn es besteht in diesem Nexus faktisch eine Hierarchie (wörtlich: heilige Ordnung), da gewisse Glaubenswahrheiten auf dem Fundament anderer Glaubenswahrheiten ruhen oder, andersherum, durch diese gewissermaßen „von oben“ erhellt, erschlossen werden. Das Bild vom Netz(werk) ist hier eng verwandt mit dem des lebendigen Körpers: Nach Thomas von Aquin (STh II-II, q. 1, a. 6) heißen die einzelnen Glaubenswahrheiten „[Glaubens]Artikel“ (lat. articulus: Glied), weil sie Teil eines organischen, als „Leib“ gedachten Ganzen sind und entsprechend zusammen gehören.

Ein Beispiel: Die Glaubenswahrheit der Aufnahme Mariens in den Himmel ist nicht verständlich, ohne die Glaubenswahrheit ihrer besonderen Begnadung, und diese wiederum ist ohne die Glaubenswahrheit der Erlösung in und durch Christus nicht einsichtig. Marias Begnadung steht so gesehen in der Hierarchie an höherer Stelle als ihre Aufnahme in den Himmel, und die Erlösung durch Christus an höchster Stelle; aber alle drei sind und bleiben wahr und verpflichtend zu glauben, keine ist unwichtig“ oder kann entfallen. Das ist es, was Hierarchie der Wahrheiten meint, nichts anderes.
Auf klug könnte man sagen: „Hierarchie der Wahrheiten“ ist ein hermeneutischer oder didaktischer Begriff, kein dogmatischer. Die „Hierarchie“ dient dem „richtigeren und tieferen“ Verständnis (vgl. UR 11) der einzelnen Wahrheiten des Glaubens im Gesamt des Glaubens, sie rührt nicht an deren Wahrheitsgehalt.

Dass die Wahrheiten des Glaubens in einer Rangordnung stehen, war immer schon im Bewusstsein der Kirche präsent, was etwa daran klar wird, dass in den wichtigsten historischen Glaubensbekenntnissen nicht alle Feinheiten des katholischen Glaubens eingeflossen sind, sondern nur seine zentralsten oder grundlegendsten Elemente. Dadurch wurde aber nie die Wahrheit und Verbindlichkeit von all dem abgelehnt, was nicht in diese aufgenommen wurde (z.B. taucht in diesen die bischöfliche Amtsstruktur der Kirche nicht auf, obwohl sie für die Bischöfe, die diese Bekenntnisse verfassten und approbierten, gewiss wichtig und verbindlich war).

Leider hat schon sehr bald, noch während des Konzils, jenes falsche Verständnis des Begriffs oftmals die Oberhand gewonnen, weswegen bereits das „Allgemeine Katechetische Direktorium“ von 1971 (das nie offiziell ins Deutsche übersetzt wurde, weil man meinte, Katechese eigentlich nicht mehr nötig zu haben) betonte:

„Diese Hierarchie bedeutet nicht, dass einige Wahrheiten weniger als andere zum Glauben gehören, sondern dass manche Wahrheiten auf anderen grundlegenderen aufbauen und von ihnen her Licht erhalten.“ (Nr. 43)

 

Die missbräuchliche Verwendung des Begriffs funktioniert indes nur, solange die so Sprechenden nicht darüber nachdenken, was sie da eigentlich sagen. Denn der Begriff „Hierarchie der Wahrheiten“ kann gar keine Wertung über die Verbindlichkeit oder Relevanz des zu Verkündigenden bezeichnen, weil eine Wahrheit nunmal eine Wahrheit bleibt, auch wenn sie zusammen mit anderen in einer „Hierarchie“ angeordnet wird. So, wie er faktisch verwendet wird, müsste der Begriff eigentlich „Hierarchie der Wahrheitsgrade“ oder „Hierarchie der Verbindlichkeiten“ heißen, dann würden der Begriff und seine Deutung zusammenpassen. (Eine Ironie dieses falschen Denkens ist, dass man damit die so genannten „Gewissheitsgrade“, die sich früher in der neuscholastischen Dogmatik großer Beliebtheit erfreuten, und die man heute nur zu gerne als unsinnig verlacht, in einer verdummten Variante wieder aufleben lässt, ohne es zu merken.) Nun heißt der Begriff aber „Hierarchie der Wahrheiten“: Die Wahrheiten bleiben Wahrheiten, sie büßen ihre wesentliche Eigenschaft des Wahrseins durch die wie auch immer vorgenommene Anordnung in der Hierarchie nicht ein; sie müssen folglich in ihrer Gesamtheit anerkannt, bejaht und bekannt werden, denn die bzw. eine Wahrheit (wir könnten auch sagen: Realität) zu leugnen ist immer ein Fehler, das wissen auch die so Sprechenden.

Die falsche Verwendung des Begriffs findet dann z.B. in dem (immer schon von unzähligen Theologen geäußerten) Vorwurf gegen den Katechismus der katholischen Kirche Ausdruck, dieser würde jene Hierarchie nicht gebührend berücksichtigen, weil dort alles einfach als „wahr“ hingestellt, und nicht nach „Wahrheitsgraden“ unterschieden würde (siehe HIER ganz unten). Diese Kritik ist Unsinn, weil „Hierarchie der Wahrheiten“ eben nichts am Wahrsein der Wahrheiten ändert. In Wirklichkeit ist der Katechismus, wie jedes gute Glaubensbuch, konsequent nach dem Prinzip der Hierarchie der Wahrheiten strukturiert, da er die Zusammenhänge der einzelnen Wahrheiten mit dem Fundament des Glaubens darlegt und verdeutlicht. Die einzelnen Wahrheiten werden dabei jeweils als wahr dargestellt, weil es eben Wahrheiten sind und bleiben. Daher heißt es auch in jenem „Allgemeinen Katechetischen Direktorium“ von 1971: „In der Heilsbotschaft besteht eine gewisse Hierarchie der Wahrheiten, die die Kirche immer anerkannt hat, wenn sie Glaubensbekenntnisse und -kompendien verfaßte.“ (Nr. 43)


Ich spare mir hier eine Auflistung aller Stellen, an denen die Päpste und ihre Dikasterien die korrekte Bedeutung des Begriffs der „Hierarchie der Wahrheiten“ immer wieder aufs neue eingeschärft haben, und beschränke mich nur auf die vermutlich aktuellste von diesen. Papst Franziskus schreibt in seinem Apostolischen Schreiben Evangelii gaudium:

„Alle offenbarten Wahrheiten entspringen aus derselben göttlichen Quelle und werden mit ein und demselben Glauben geglaubt, doch einige von ihnen sind wichtiger, um unmittelbarer das Eigentliche des Evangeliums auszudrücken. […] Man darf die Vollständigkeit der Botschaft des Evangeliums nicht verstümmeln. Außerdem versteht man jede Wahrheit besser, wenn man sie in Beziehung zu der harmonischen Ganzheit der christlichen Botschaft setzt, und in diesem Zusammenhang haben alle Wahrheiten ihre Bedeutung und erhellen sich gegenseitig.“ (Nr. 36-39)
Weiter heißt es dort:
„Das Evangelium lädt vor allem dazu ein, dem Gott zu antworten, der uns liebt und uns rettet – ihm zu antworten, indem man ihn in den anderen erkennt und aus sich selbst herausgeht, um das Wohl aller zu suchen. Diese Einladung darf unter keinen Umständen verdunkelt werden! Alle Tugenden stehen im Dienst dieser Antwort der Liebe. Wenn diese Einladung nicht stark und anziehend leuchtet, riskiert das moralische Gebäude der Kirche, ein Kartenhaus zu werden, und das ist unsere schlimmste Gefahr. Denn dann wird es nicht eigentlich das Evangelium sein, was verkündet wird, sondern einige lehrmäßige oder moralische Schwerpunkte, die aus bestimmten theologischen Optionen hervorgehen. Die Botschaft läuft Gefahr, ihre Frische zu verlieren und nicht mehr ‚den Duft des Evangeliums‘ zu haben.“ (Nr. 39)

Genau das ist seit Jahrzehnten leider in großem Umfang zu beobachten, nicht nur im ökumenischen Dialog, sondern in allen Bereichen des kirchlichen Lebens ähnelt das Ganze mehr und mehr einem Kartenhaus. Wen wunderts, dass nun mittels suizidalem Weg dasselbe zum Einsturz gebracht werden soll...es wurde ja jahrzehntelang sturmreif geschossen...

Freitag, 1. Oktober 2021

Das Glaubensbekenntnis des Zweiten Vatikanischen Konzils

Wie, Sie kennen das „Glaubensbekenntnis des Zweiten Vatikanischen Konzils“ nicht? Na dann: Eine kleine Veranschaulichung, wie heutzutage Theologie betrieben wird.

Am 30. Juni 1968 veröffentlichte Papst Paul VI. sein „Credo des Gottesvolkes“, das wohl auf Anregung des französischen Philosophen Jacques Maritain und des schweizer Theologen und Kardinals Charles Journet initiiert und im Wesentlichen durch jenen Maritain verfasst wurde. Die Absicht beschreibt Paul VI. so:

»Wir wollen ein Credo sprechen, das — ohne eine dogmatische Definition im eigentlichen Sinne des Wortes sein zu wollen — in der Substanz mit einigen Erweiterungen, die durch die geistige Situation unserer Zeit geboten sind, das Credo von Nizäa wiederholt, das Credo der unsterblichen Überlieferung der heiligen Kirche Gottes.«

Also: Der Papst möchte den Glauben der Kirche „in der Substanz mit einigen Erweiterungen, die durch die geistige Situation unserer Zeit geboten sind,“ darlegen und versteht dies im Kern als eine Wiederholung des bis heute maßgeblichen Glaubensbekenntnisses von Nicäa, des ersten ökumenischen Konzils der Kirche. Das Credo des Gottesvolkes ist heute unter Theologen wie Gläubigen weitestgehend unbekannt. Es existiert bestenfalls als dunkles Schema einer unklaren Andeutung in nebeligen Erinnerungen an eine langweilige Vorlesung über neuere Kirchengeschichte. Für „ernsthafte Theologie“ und „mündigen Glauben“ ohne jede Bedeutung.

 

Der „Denzinger“, jenes seit über 150 Jahren ständig weitergeführte Standardwerk, beansprucht für sich, ein „Kompendium der Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen“ von der Bibel bis heute zu sein (wobei schon die deutsche Übersetzung des Buchtitels etwas unterschlägt, nämlich jene Lehräußerungen, die die Moral betreffen). Angesichts dieses Anspruchs ist es daher überraschend, festzustellen, dass jenes „Credo des Gottesvolkes“ keinen Eingang in den Denzinger gefunden hat.

Vor einiger Zeit hatte ich Gelegenheit, mich mit den derzeitigen Herausgebern des Denzinger zu unterhalten und auf meine Frage, warum das Credo Pauls VI. nicht darin enthalten sei, erhielt ich zur Antwort: Es sei ja gar kein „echtes“ Glaubensbekenntnis, denn es ist viel zu lang, als dass es im Rahmen der Liturgie von einzelnen oder allen gesprochen werden könne, und dies geschehe ja faktisch auch nicht. Damals fand ich diese Erklärung schlüssig.

 

Wenn man in jenes andere Standardwerk, das „Lexikon für Theologie und Kirche“ in seiner dritten Auflage aus den 90er und 2000er Jahren schaut, bekommt man diese Einordnung bestätigt, dort heißt es in der Begriffsdefinition von „Glaubensbekenntnis“:

»Glaubensbekenntnisse sind formelhafte Zusammenfassungen der grundlegenden Lehren und Überzeugungen einer Religion, „Kurzformeln des Glaubens“, in denen eine Religion sich zugleich von anderen Religionen, aber auch eine bestimmte religiöse Gruppe sich von andersgläubigen Strömungen derselben Religion (Häresie) abgrenzt. Glaubensbekenntnisse unterscheiden sich aber von der reinen Darstellung der Lehre wesentlich dadurch, dass sie in der Weise eines Gebetes oder eines Lobgesangs von einzelnen wie von einer Versammlung von Gläubigen im Rahmen einer Kulthandlung [also z.B. in der Liturgie] rezitiert werden können.« ( LThK³ 4, 699)

Der Leser möge besonders den letzten Satz beachten, wo ein Glaubensbekenntnis generell als etwas bestimmt wird, das sich wesentlich von einer reinen Darstellung des Glaubens dadurch unterscheidet, dass es kultisch (liturgisch) rezitiert werden kann und wird. Dies entspricht jener auf mich zunächst plausibel wirkenden Begründung, warum das „Credo des Gottesvolkes“ nicht im Denzinger zu finden ist.


Irgendwann später fiel mir aber immer häufiger auf, wie tendenziös (und teilweise echt falsch oder mit mangelnden Quellen versehen) viele Inhalte im LThK³ dargestellt sind, und so schaute ich einmal in der zweiten Auflage des selben Lexikons aus den 60er Jahren nach. Dort ist als Definition von „Glaubensbekenntnis“ zu lesen:

»Glaubensbekenntnisse sind autoritativ bzw. traditionell fixierte Glaubensformulierungen religiöser Gemeinschaften (besonders in christlichen Kirchen als Formulierung der fides quae).« (LThK² 4, 935)

Etwas später heißt es dann noch:

»Das Glaubensbekenntnis hat seinen eigentlichen und ältesten Ort im Gottesdienst (vornehmlich in der Liturgie der Taufe; von daher die Einzahl: ich glaube).« (ebd. 938)

Es fällt auf: In der Begriffsbestimmung steht nichts von einem kultischen Rahmen, der wesentlich zum Glaubensbekenntnis gehört. Zwar wird später darauf hingewiesen, dass ein solcher der „eigentliche und älteste“ Ort des Glaubensbekenntnisses sei, aber das schließt ja nicht die Realität und Gültigkeit von uneigentlichen und weniger alten Orten aus.


Gehen wir nochmal weiter zurück. In der ersten Auflage des Lexikons für Theologie und Kirche aus den 30er Jahren heißt es darüber:

»Glaubensbekenntnis (Symbolum, Confessio, Credo), jedes autoritativ festgestellte Formular zum Bekenntnis des kirchlichen Glaubens; vgl. […].

Die Römische Liturgie gebraucht heute folgende Glaubensbekenntnisse: […]« (LThK¹ 4, 528)

Auch hier ist wieder der Bezug zur Liturgie deutlich, aber für die Definition dessen, was ein Glaubensbekenntnis für sich genommen ist, spielt das wieder keine Rolle. Man beachte das Wörtchen „jedes“.

 

Gehen wir nochmal einen Schritt zurück, zu Wetzer und Welte‘s Kirchenlexikon vom Ende des 19. Jahrhunderts. Dort heißt es zum Stichwort Glaubensbekenntnis:

„Glaubensbekenntnis oder Glaubenssymbol nennt man jedes auctoritativ festgestellte Formular für das Bekenntnis des kirchlichen Glaubens.“ (WuW² 5, 676)


Es zeigt sich ein Muster: Dass ein Glaubensbekenntnis wesentlich dadurch definiert sei, dass es in der Liturgie verwendet werden kann, hat erst nach der Veröffentlichung von Pauls VI. „Credo des Gottesvolkes“ in die Begriffsdefinition für ein Glaubensbekenntnis Eingang gefunden. So ein Zufall aber auch.

Schaut man in das Standardwerk von John N.D. Kelly („Altchristliche Glaubensbekenntnisse – Geschichte und Theologie“; wird seit einem halben Jahrhundert bis heute nachgedruckt), stellt man fest, dass der Befund in der alten Kirche sehr bunt ist. Wichtig für uns ist: Ein Glaubensbekenntnis wurde zwar oft (nicht immer!) in der Taufliturgie von den Täuflingen rezitiert, aber diese Rezitation bildete nur den Abschluss des vorbereitenden katechetischen Prozesses, dessen wesentlicher Inhalt es war, dieses Bekenntnis zu erklären. Den wesentlichen Ort des Glaubensbekenntnisses auf die (Tauf)Liturgie einzuschränken, ist daher Unsinn. Tatsächlich hatten Glaubensbekenntisse viele Einsatzorte (Kelly nennt: Taufe, Gottesdienst, Predigt, katechetische Unterweisung, Polemik gegen Häretiker, Dämonenaustreibungen), sie waren nie nur auf den Kult beschränkt. Daher spricht Kelly spezifisch von „deklaratorischen Glaubensbekenntnissen“, wenn er die Glaubensbekenntnisse beschreibt, die im Rahmen etwa der Taufliturgie gesprochen (deklariert) wurden. Es gab folglich von Anfang an auch nicht-deklaratorische Glaubensbekenntisse – auch außerhalb des Kultes –, und die waren darum nicht weniger echte (auch offizielle) Glaubensbekenntnisse.


Natürlich: Man wollte das „Credo des Gottesvolkes“ ganz einfach nicht, gerade in Deutschland nicht (in anderen Ländern wurde es durchaus positiv aufgenommen!), da es den unwandelbaren Glauben der Kirche inmitten der nachkonziliaren Wirren bekräftigte. Darum hat man es totgeschwiegen und sogar aus dem Denzinger bewusst rausgelassen (auch wenn etwa die Definition im damals aktuellen LThK dies noch nicht erforderte). Man beachte auch: Es war das Jahr von Humanae Vitae (HV); das Credo erschien nur einen Monat zuvor… Mit HV war Paul VI. für den theologischen Mainstream erledigt, sein Credo konnte man so noch einfacher fallenlassen. HV konnte man schlecht totschweigen und aus dem Denzinger rauslassen, denn alle sprachen darüber; aber das Credo, das konnte man weglassen, ohne dass es jemandem auffiel, denn alle sprachen ja über HV, niemand sprach über das Credo – wenn es überhaupt jemand tat in dem einen Monat vor HV.

Vielleicht war es ja so: Trotz allem dezent peinlich berührt von der Tatsache, dass man ein feierlich vom obersten Hirten der Kirche verkündetes Glaubensbekenntnis im maßgeblichen „Kompendium der Glaubensbekenntnisse“ nicht aufgenommen hatte, definierte man den Begriff „Glaubensbekenntnis“ fortan einfach um, sodass jener Text in dieses Kempendium per Definition gar nicht (mehr) hineingehört: Das „Credo des Gottesvolkes“ ist nämlich gar kein „Credo“ im eigentlichen, wahren Sinn, müsst ihr wissen! Sache erledigt.

Nicht ganz: Natürlich bringt das wieder neue Probleme, denn der „Denzinger“ enthält bereits aus früheren Jahrhunderten „Glaubensbekenntnisse“, die dieser neuen Definition nicht entsprechen und somit eigentlich herausfallen müssten. Bestes Beispiel ist das 1564 von Papst Pius IV. formulierte „Trienter Glaubensbekenntnis“ (DH 1862-1870), das in seiner Entstehung frappierende Ähnlichkeit zum Credo des Gottesvolkes von Paul VI. hat: Auch das Trienter Glaubensbekenntnis wurde in der Folge eines ökumenischen Konzils von einem bedeutenden Theologen jener Zeit angeregt (nämlich vom Kirchenlehrer Petrus Canisius) und vom Papst veröffentlicht um nachkonziliaren Wirren Einhalt zu gebieten. Angesichts solcher Ähnlichkeiten des Trienter Glaubensbekenntnisses könnte man das „Credo des Gottesvolkes“ auch völlig zu Recht als „Vatikanisches Glaubensbekenntnis“ bezeichnen. Auch das „Trienter Glaubensbekenntnis“ ist viel zu lang um in einem gottesdienstlichen Rahmen vorgetragen zu werden: Sein erster Teil ist das „große Glaubensbekenntnis“ von Nicäa und Konstantinopel, aber das ist nur ungefähr ein Viertel des ganzen Textes.

Ein anderes Beispiel ist das nochmal sehr viel längere Glaubensbekenntnis der 11. Synode von Toledo, das „Toletanische Glaubensbekenntnis“ aus dem Jahr 675 (DH 525-541), das gleichfalls für den liturgischen Gebrauch nicht geeignet ist (es ist etwa so lang wie 14 große Glaubensbekenntnisse).

Dann gibt es auch Glaubensbekenntnisse, die in Briefform versandt und verlesen wurden, aber nie in liturgsichem Rahmen als tatsächliches Glaubensbekenntnis von Einzelnen oder der ganzen Gemeinde gesprochen wurden, z.B. der Brief des griechischen Kaisers Michael Palaiologos an Papst Gregor X. aus dem Jahr 1274 (DH 851-861). Es gab auch Glaubensbekenntnisse, die etwa von Häretikern bei Konzilien oder Synoden unterschrieben werden sollten, um in die Gemeinschaft der Kirche zurückzukehren, z.B. der „Libellus fidei“ von Papst Hormisdas aus dem Jahr 515 für die Rückkehrer aus dem Akazianischen Schisma (DH 363-365); oder solche, die bestimmte Kirchenfürsten anlässlich ihrer Erhebung in besondere Ämter zu unterschreiben oder zu sprechen hatten, etwa das Glaubensbekenntnis, das Erzbischof Simon Evodius 1743 ablegen musste, als er auf den Patriarchenstuhl der Maroniten erhoben wurde (DH 2525-2540).

All diese entsprechen nicht der aktuellen Definition eines Glaubensbekenntnisses im LThK.

Vielleicht sollte der Denzinger korrekter „Kompendium ausgewählter Glaubensbekenntnisse und kirchlichen Lehrentscheidungen“ heißen…


Achja: Das Argument, dass jenes Credo Pauls VI. ja nur als „Motu proprio“ in den Akten des Apostolischen Stuhles Eingang gefunden habe, und daher von geringer lehramtlicher Relevanz sei, ist nicht tragfähig, denn der Denzinger enthält, soweit ich sehe, auch noch einige andere Schreiben, die als Motu proprio veröffentlicht wurden (z.B. von vor Paul VI.: DH 3503 und 3537–3550, sowie aus neuerer Zeit: 4820–4823, 5065–5066 und 5067–5068). Welche Autorität der Papst selbst ihm zumisst, ist aus seiner einleitenden Bemerkung ersichtlich, worin es u.a. heißt: „In gleicher Weise will es Uns scheinen, dass Wir den Auftrag erfüllen müssen, den Christus Petrus anvertraute, dessen geringster Nachfolger Wir sind, in der Lage zu sein, unsere Brüder im Glauben zu bestärken.“

Wir lernen: Weder dem LThK noch dem Denzinger sollte man blind trauen. Es steckt immer auch Auswahl und Tendenz darin, und seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil gehen diese meist gegen die Kirche und ihren überlieferten Glauben. Aber so funktioniert Theologie heute eben...


Das „Credo des Gottesvolkes“, das man m.E. zu Recht als Glaubensbekenntnis des Zweiten Vatikanischen Konzils betrachten kann (in Analogie zu denen früherer Konzilien), samt Einleitung des Papstes kann man z.B. HIER nachlesen. Empfehlenswert ist die Ausgabe des Johannes-Verlags Leutesdorf von 1969, da ist auch ein Kommentar Pauls VI. mit abgedruckt. Außerdem hat Ferdinand Holböck 1970 unter dem Titel „Credimus – Kommentar zum Credo Pauls VI.“ einen sehr ausführlichen Kommentar veröffentlicht. Beides ist antiquarisch beziehbar.

Donnerstag, 11. März 2021

Chestertons Zaun

Beliebt bei Gesetzgebern und Juristen, aber auch unter Programmierern, ist eine Analogie, die G. K. Chesterton in seinem Buch "The Thing" dargelegt hat (hier, ab Seite 29; sehr lesenswert), um katastrophale Folgen übereilter Reformen zu verhindern: "Chestertons fence", oder zu Deutsch: Chestertons Zaun.

In der Analogie geht es um einen Zaun oder ein Tor auf einem Weg und jemanden, der diesen Zaun entfernen will, ohne zu wissen, für welchen Zweck der Zaun eigentlich dort steht. Chesterton argumentiert nun, dass niemand grundlos einen Zaun errichtet, mögen die Gründe gut oder schlecht sein. Aber solange der, der den Zaun zerstören will, nicht weiß und verstanden hat, weshalb der Zaun da ist, sollte er ihn lieber nicht zerstören, denn wenn er den Sinn des Zauns nicht kennt, weiß er auch nicht, was die Zerstörung des Zauns womöglich für Konsequenzen hätte. Erst wenn er in Erfahrung gebracht hat, weshalb der Zaun errichtet wurde, erst dann lässt sich überhaupt erst vernünftig darüber reden, ob er entfernt werden sollte, oder nicht. Übrigens ist das nicht nur anzuwenden auf Dinge die als "Hindernisse" ("Zäune") wahrgenommen werden und daher aus dem Weg geräumt werden sollen, sondern es kann auf alle (physischen oder gedanklichen) Einrichtungen und Konventionen angewendet werden. Immer gilt es innezuhalten und sich zu fragen "Warum gibt es das?" oder "Warum ist das so?", bevor man sinnvoll darüber nachdenken und reden kann, daran etwas zu ändern.

Dass Chesterton zufällig auch ein unergründlicher und unnahbar genialer "Laientheologe" war spielt hier keine Rolle, zumal, wie gesagt, seine Analogie sich in der modernen Welt durchaus großer Beliebtheit erfreut. Interessant ist Chestertons Zaun für mich v.a. deshalb, weil er ziemlich genau auch auf unsere aktuellen (uralten) Reformdebatten passt, denn die "Reformer", die z.B. die kirchliche Sexualmoral abschaffen wollen, kennen i.d.R. weder die Inhalte dieser Moral, noch die Gründe, warum es sie gibt. Was sie für deren Infragestellung schlichtweg disqualifiziert.

Montag, 25. Januar 2021

Bedenkliche Impfstoffe

Auf kath.net (hier) war vor einigen Tagen eine Stellungnahme von vier Bischöfen zu lesen, die gegen anderslautende vatikanische Verlautbarungen die Meinung vertraten, dass auf keinen Fall die aktuellen Impfstoffe gegen Covid-19 verwendet werden dürften. Dort heißt es:

»Im Fall von Impfstoffen, die aus den Zelllinien abgetriebener menschlicher Föten hergestellt wurden, sehen wir einen klaren Widerspruch zwischen der katholischen Lehre, die Abtreibung kategorisch und ohne den Schatten einer Zweideutigkeit in allen Fällen als schwerwiegendes moralisches Übel, das nach Rache zum Himmel schreit (siehe Katechismus der katholischen Kirche Nr. 2268, Nr. 2270) ablehnt, und der Praxis, Impfstoffe aus Zelllinien abgetriebener Föten in Ausnahmefällen eines „Notfalls“ als moralisch akzeptabel anzusehen, und zwar aufgrund einer entfernten, passiven, materiellen Mitwirkung. Die Argumentation, dass solche Impfstoffe moralisch zulässig sein können, wenn es keine Alternative gibt, ist in sich widersprüchlich und für Katholiken nicht akzeptabel.«

Diese Aussage ist falsch. Wer sich diesen Standpunkt zu eigen macht, sollte wissen, dass er sich damit gegen die Päpstliche Akademie für das Leben und die Kongregation für die Glaubenslehre stellt, und zwar unter den Päpsten Johannes Paul II., Benedikt XVI. und Franziskus.

Auf zwei wesentliche vatikanische Texte dazu weisen jene Bischöfe auch selbst hin: Der erste Text mit dem Titel "Moralische Überlegungen zu Impfstoffen, für deren Produktion Zellen von abgetriebenen Föten verwendet werden" stammt von der Päpstlichen Akademie für das Leben vom 9. Juni 2005 (hier zu finden). Dieser Text bildet die Antwort auf eine konkrete Anfrage, die 2003 (also noch unter Johannes Paul II.) an den damaligen Präfekten der Kongregation für die Glaubenslehre, Joseph Ratzinger, gerichtet wurde, inwiefern eben solche Impfungen legitim sind. Ratzinger hat die Experten der Päpstlichen Akademie dazu lange und ausgiebig forschen lassen (der verfügbare Text ist eine Zusammenfassung einer längeren Arbeit derselben Akademie, die in einem wissenschaftlichen Journal erschien). Der Text ist darum durchaus maßgeblich, weil er von der Kongregation für die Glaubenslehre (und damit von Ratzinger) approbiert ist und weil in ihm diese spezielle Problematik überhaupt zum ersten mal explizit vom kirchlichen Lehramt aufgegriffen wurde. Der zweite Text ist die Instruktion Dignitas Personae der Kongregation für die Glaubenslehre "über einige Fragen der Bioethik" vom 8. September 2008 (hier), damals unter dem Präfekten Kardinal Levada, von Papst Benedikt XVI. gutgeheißen.

Die relevante Passage aus der Zusammenfassung am Ende jenes ersten Dokuments von 2005:

»... im Hinblick auf die Impfstoffe, für die es keine Alternativen gibt, die Notwendigkeit betont werden muss, dafür zu kämpfen, dass andere hergestellt werden; genauso wie es in der Zwischenzeit zulässig ist, die ersteren in dem Maße zu nutzen, wie es nötig ist, um ernste Risiken nicht nur für die eigenen Kinder sondern auch und vielleicht noch mehr für den Gesundheitszustand der Bevölkerung als ganzes – besonders der schwangeren Frauen zu vermeiden«

Wichtig ist: Katholiken müssen gegen Impfstoffe, zu deren Herstellung Zellen verwendet wurden, die durch eine Abtreibung gewonnen wurden, Widerstand leisten. ABER: Solange es keine Alternative gibt und mit der Impfung eine ernste Gefahr abgewendet wird, ist sie zulässig. Genau dieser nicht ganz einfache Sachverhalt wurde bis heute im Grunde nur stets wiederholt, seit er hier (noch unter Johannes Paul II.) erstmals erarbeitet wurde.

Hier ein Katalog dieser Äußerungen und danach noch meine Gedanken dazu:

Die Instruktion Dignitas Personae von 2008 (Nr. 35) sagt im Grunde das gleiche:

»Natürlich gibt es innerhalb dieses allgemeinen Rahmens [des Verbots der Verwendung solcher Impfstoffe] differenzierte Verantwortlichkeiten. Aus gewichtigen Gründen könnte die Verwendung des genannten „biologischen Materials“ sittlich angemessen und gerechtfertigt sein. So dürfen zum Beispiel Eltern wegen der Gefahr für die Gesundheit der Kinder die Verwendung von Impfstoffen gestatten, bei deren Vorbereitung Zelllinien unerlaubten Ursprungs verwenden wurden, wobei jedoch alle verpflichtet sind, dagegen Einspruch zu erheben und zu fordern, dass die Gesundheitssysteme andere Arten von Impfstoffen zur Verfügung stellen.«

 

Am 7. September 2013 hat der damalige Präfekt der Kongregation für die Glaubenslehre, Gerhard Ludwig Müller, "Theologische Grundlagen zur Bewertung
bioethischer Fragen" formuliert (hier), in denen er die Bewertung von Dignitas Personae wiederholt und ein Stück weit verallgemeinert:

»Die Verwendung von Embryonen und Föten als Forschungsobjekt, von denen schon in „Donum vitae“ die Rede war und bei denen die Embryonen getötet werden, stellt ein Verbrechen gegen deren Würde dar. Die Verwendung von biologischem Material unerlaubten Ursprungs (zum Beispiel aus Abtreibungen) ist auch bei Beachtung des Unabhängigkeitskriteriums (= Trennung von Gewinnung und Verwendung, dass also, um eine Interessenkollision aus­zuschließen, Forscher, die das Material gewinnen, nicht identisch sind mit jenen, die es verwenden) nicht erlaubt. Aus gewichtigen Gründen kann jedoch die Verwendung von biologischem Material unerlaubten Ursprungs sittlich angemessen und gerechtfertigt sein, zum Beispiel bei der Verwendung von Impfstoffen, die auf diesem Weg erzeugt worden sind. Allerdings sollen die Hersteller zu alternativen Methoden bewegt werden. Vom Forscher wird verlangt, dass er sich bei der Ausübung seiner Forschertätigkeit von einem schwer ungerechten Gesetz abgrenzt und den Wert des menschlichen Lebens klar bezeugt.«

 

In einer gemeinsamen Note der Päpstlichen Akademie für das Leben, der italienischen Bischofskonferenz und der Vereinigung Katholischer Ärzte Italiens aus dem Jahr 2017 (also vor der fragwürdigen Umgestaltung der Akademie durch Papst Franziskus) wird in etwa das gleiche gesagt (hier), allerdings geht man hier erstaunlicherweise einen Schritt weiter, indem man offenbar jede (auch indirekte?) Mitwirkung verneint. Der Ruf nach Alternativen bleibt natürlich bestehen:

»As for the question of the vaccines that used or may have used cells coming from voluntarily aborted fetuses in their preparation, it must be specified that the "wrong" in the moral sense lies in the actions, not in the vaccines or the material itself.

The technical characteristics of the production of the vaccines most commonly used  in childhood lead us to exclude that there is a morally relevant cooperation between those who use these vaccines today and the practice of voluntary abortion. Hence, we believe that all clinically recommended vaccinations can be used with a clear conscience and that the use of such vaccines does not signify some sort of cooperation with voluntary abortion. While the commitment to ensuring that every vaccine has no connection in its preparation to any material of originating from an abortion, the moral responsibility to vaccinate is reiterated in order to avoid serious health risks for children and the general population.«

 

Die Note der Kongregation für die Glaubenslehre vom 21. Dezember 2020 über die Anwendung von Covid-19 Impfstoffen (hier) sagt exakt das Gleiche, was schon vorher gessagt wurde und was seit 2008 stets fast wortgleich wiederholt wurde:

»The fundamental reason for considering the use of these vaccines morally licit is that the kind of cooperation in evil (passive material cooperation) in the procured abortion from which these cell lines originate is, on the part of those making use of the resulting vaccines, remote. The moral duty to avoid such passive material cooperation is not obligatory if there is a grave danger, such as the otherwise uncontainable spread of a serious pathological agent -- in this case, the pandemic spread of the SARS-CoV-2 virus that causes Covid-19. It must therefore be considered that, in such a case, all vaccinations recognized as clinically safe and effective can be used in good conscience with the certain knowledge that the use of such vaccines does not constitute formal cooperation with the abortion from which the cells used in production of the vaccines derive. It should be emphasized, however, that the morally licit use of these types of vaccines, in the particular conditions that make it so, does not in itself constitute a legitimation, even indirect, of the practice of abortion, and necessarily assumes the opposition to this practice by those who make use of these vaccines.«


Schließlich wurde genau dieser Punkt von der vatikanischen Codiv-19 Kommission zusammen mit der Päpstlichen Akademie für das Leben in ihren "20 Punkten für eine fairere und gesündere Welt" vom 29. Dezember 2020 (hier) wiederholt:

»On the moral responsibility of undergoing vaccination (also on the basis of what has been said in n. 3), it is necessary to reiterate how this issue also involves the relationship between personal health and public health, showing their close interdependence. In the light of this connection, we consider it important that a responsible decision be taken in this regard, since refusal of the vaccine may also constitute a risk to others. This also applies if, in the absence of an alternative, the motivation is to avoid benefiting from the results of a voluntary abortion. In fact, in these cases, as the Congregation for the Doctrine of Faith states, it can be considered "morally acceptable", under precise conditions, "to receive Covid-19 vaccines that have used cell lines from aborted fetuses in their research and production process." This is a matter of material passive cooperation (as opposed to formal cooperation), since it is indirect and remote, particularly given the intention underlying the decision, the contingency with respect to the accused immoral event, and the current circumstances in which we find ourselves. Therefore, the criteria that would make ethically illicit the decision to vaccinate are non binding. For this reason, such refusal could seriously increase the risks for public health.«

 

Offenbar halten einige maßgebliche Persönlichkeiten die Verwendung solcher Impfstoffe doch für akzeptabel... Es gibt echte moralische Bedenken, aber es gibt auch eine echte Gefahr, der es durch Impfungen zu wehren gilt.

Es ist jedenfalls nicht so, wie das zuweilen kolportiert wird, dass sich in der aktuellen Bewertung der Impfproblematik bloß die unausgegorene Privatmeinungen etwa von Papst Franziskus äußern würde: Seit diese Frage unter Johannes Paul II. zum ersten Mal von Organen des päpstlichen Lehramtes aufgegriffen, bearbeitet und beantwortet wurde, blieb die Anwort im Wesentlichen gleich. Nur dass es damals in einem Einzelfall um eine ganz bestimmte Impfung angesichts ganz bestimmer staatlicher Vorgaben ging - heute haben wir es mit einer Pandemie zu tun, was die Frage umso drängender macht. Und, nein, das hat auch nichts mit dem "unfehlbaren päpstlichen Lehramt" zu tun, weswegen man diese Weisungen aus Rom angeblich ignorieren könnte. Das außerordentliche Lehramt hat sich überhaupt noch nie zu bioethischen Fragen geäußert; mit diesem Argument ließe sich also im Gegenteil gerade auch Abtreibung legitimieren, denn diese wurde ja nicht "ex cathedra" für moralisch verwerflich erklärt. Im Übrigen finde ich es schon bemerkenswert dreist, dass jene vier Bischöfe sich ausgerechnet jetzt derart zu Wort melden... wenn sie sich so sehr an dieser Einschätzung des Lehramts stören, warum haben sie nicht schon 2005, 2008, 2013 oder 2017 etwas dagegen gesagt?

Dass diese Impfungen unter den gegebenen Bedingungen (Mangel an Alternativen, große Gefahr gerade für schwächere Gleider der Gesellschaft) trotz stets wach zu haltender moralischer Bedenken legitim sind, ist die Weisung des ordentlichen Lehramts, an das die Katholiken durchaus gebunden sind, und sie werden des weiteren eindringlich gehalten (so sinngemäß der Papst beim Urbi et Orbi an Weihnachten 2020, hier), diese Impfungen im Interesse des Allgmeinewohls (Nächstenliebe) auch anzunehmen.


Nachtrag: Nicht mit Hilfe embryonaler Stammzellen hergestellt und insofern moralisch unbedenklich sind die Impfstoffe von Moderna und Biontech-Pfizer, das kann man etwa in den diesbezüglichen Stellungnahmen der polnischen und US-amerikanischen Bischöfe nachlesen. Die deutschen Bischöfe interessieren sich für dieses Thema offenbar nicht (Hauptsache, der Kaffee in den Ordinariaten ist fair gehandelt). Wo diese verfügbar sind, sind die anderen Impfstoffe (AstraZeneca, Johnson&Johnson) also abzulehnen.

Donnerstag, 16. Juli 2020

Fühlen mit der Kirche

Jan-Heiner Tück im Interview auf katholisch.de (hier), gefragt nach der Verbindlichkeit der zu glaubenden Unfehlbarkeit des Papstes: »Wenn ein "sentire cum ecclesia – ein Fühlen mit der Kirche" gegeben ist, braucht es keine Totalidentifikation mit der Lehre der Kirche zu geben. Die Anerkennung des Glaubensbekenntnisses reicht.«

Nein, das reicht definitiv nicht.

Erstens ist "Totalidentifikation" an dieser Stelle ein völlig falsches und irreführendes Wort, denn eine Totalidentifikation, also eine Identifikation seiner selbst mit allem was zur Kirche gehört und was in der Kirche geschieht, ist schlicht nicht möglich. Niemand kennt alles und jeder wählt aus und setzt Schwerpunkte. Was es aber geben kann und geben soll, ist der Wille, den ganzen Glauben der Kirche getreu anzunehmen, selbst in den Punkten, die man nicht kennt, oder die für einen selbst nicht so zentral im eigenen geistlichen Leben sind (impliziter Glaube).

Zweitens kann es kein "sentire cum ecclesia" geben, wenn ein solcher impliziter Glaube nicht gegeben ist; der Verweis darauf eignet also nicht als Argumentationsgrundlage. Das ist in etwa so, als wenn ich sagen würde "Wenn Blindheit gegeben ist, dann braucht es keine Wertschätzung für die Malerei von Rubens oder Rembrandt." Die Aussage ergibt keinen Sinn: Ich kann nicht "Fühlen mit der Kirche", wenn ich nicht (zumindest implizit) will, was die Kirche will, liebe was die Kirche liebt und glaube was die Kirche glaubt. Dies zu tun ist Vorbedingung für ein "Fühlen mit der Kirche", nicht andersrum.

Der Ausdruck "sentire cum ecclesia" stammt von Ignatius von Loyola, und dieser verband damit ziemlich genau das Gegenteil von dem, was Tück hier darlegt. Für Ignatius gilt der Gehorsam (gegenüber der Kirche, die er aus diesem Anlass insbesondere in ihrer Hierarchie und ihrem Lehramt verortet) mehr als eigene innere Regungen: Für ihn bedarf das Bewegtsein durch den Geist Gottes der Verleiblichung, so wie auch Christus sichtbar Mensch geworden ist. Das ist für ihn der Gehorsam gegen die Kirche.
Nie hätte Ignatius die eigene innere Regung, erst recht nicht das eigenen Gefühl oder das eigenen (rationale) Urteil höher gestellt als das, was ihm von Seiten der Kirche vorgegeben oder gesagt wird (die Rangfolge ist: 1. Papst, 2. Vorbild der Heiligen, 3. die eigene Vernunft). Das ist für ihn "Fühlen mit der Kirche": Das eigene Empfinden und Wollen an der Kirche (dem Lehramt) ausrichten. Das berühmte vierte Gelübde der Jesuiten, der Gehorsam gegen den Papst, hat genau hier seine Begründung. Dabei handelt es sich nicht um eine Geringachtung der Vernunft oder des eigenen Mittuns, sondern es drückt sich hier das Vertrauen aus, dass derselben Geist Gottes, der im Herzen jedes Menschen wirken kann, sich vorzüglich (und objektiv gültig) in der Kirche ausdrückt, nicht geringer, als er sich im Leben Jesu und der Heiligen ausdrückte.

Wenn ein Mensch meint, er könne das (fälschlich so bezeichnete) Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes nicht annehmen, dem hält Ignatius entegegen: "Denn oft mag das, was so gar nicht mit der menschlichen Klugheit übereinzustimmen scheint, sehr wohl eins sein mit der göttlichen Klugheit: denn diese lässt sich nicht eingrenzen in die Gesetze unserer Vernunft." Wer sich in seiner Ablehnung vom Geist bewegt glaubt, dem muss klar sein: "immer ist es für diesen Mystiker [d.i. Ignatius] die hierarchische Kirche, die ihm zum Maßstab der Echtheit allen Geistes wird." (Hugo Rahner, Ignatius 379)

Mittwoch, 17. Juli 2013

Gott ist Person

gefärbter Querschnitt einer Schwarzkiefernadel
»Da der Glaube ein Licht ist, lädt er uns ein, in ihn einzudringen, den Horizont, den er erleuchtet, immer mehr zu erforschen, um das, was wir lieben, besser kennen zu lernen. Aus diesem Wunsch geht die christliche Theologie hervor. Es ist also klar, dass Theologie ohne Glauben unmöglich ist und dass sie zur Bewegung des Glaubens selbst gehört, der die Selbstoffenbarung Gottes, die im Geheimnis Christi gipfelte, tiefer zu verstehen sucht. Die erste Konsequenz besteht darin, dass in der Theologie nicht nur die Vernunft bemüht wird, um zu erforschen und zu erkennen wie in den experimentellen Wissenschaften. Gott kann nicht auf einen Gegenstand reduziert werden. Er ist der Handelnde, der sich zu erkennen gibt und sich zeigt in der Beziehung von Person zu Person. Der rechte Glaube richtet die Vernunft daraufhin aus, dass sie sich dem Licht öffnet, das von Gott kommt, damit sie, von der Liebe zur Wahrheit geleitet, Gott in tieferer Weise erkennen kann.« (Lumen Fidei 36)

Der Naturwissenschaftler kommt zu seinen Erkenntnissen, indem er beobachtet, analysiert, zerlegt, auflöst, reduziert.
Weil aber Gott Person ist, können wir ihm nur begegnen, wie wir Personen begegnen, die wir kennenlernen wollen: Wir sind auf das angewiesen, das die Person von sich aus preisgibt und wir dürfen sie nicht zum Objekt von Untersuchungen machen und können ihr nicht gewaltsam ihre Geheimnisse entreißen.

Samstag, 13. Juli 2013

historisch-kritische Modularisierung

Kommende Woche stehen an meiner Fakultät wieder die Modulprüfungen an. Ich beobachte das fasziniert von außen. 
Einige Zeit lang musste ich auch modularisiert studieren, konnte mich aber da noch herausretten. Es ist tatsächlich beachtlich, wie destruktiv die Modularisierung wirkt.

Klar gab es auch vorher schon viel Ungutes und einen merklichen Verfall. Mit der Einführung einer völlig ad absurdum geführten historisch-kritischen Methode für die Beackerung v.a. des Neuen Testaments in die katholische Theologie geschah nach dem letzten Konzil eine Art Dammbruch. Alle Fakultäten ließen sich von der so genannten "kritischen Exegese" bezirzen und heute bildet fast überall eine Exegese, die den Evangelien grundsätzlich ihre Authentizität abspricht, das Fundament der akademischen Theologie. Wer das nicht mitmacht, sieht sich dem Vorwurf der Unwissenschaftlichkeit ausgesetzt. Es wäre zum Lachen, wenn es nicht zum Heulen wäre, mit welcher Mühe und welcher Energie dabei wüst-dreiste (und meist schlicht unchristliche) Unterstellungen zur Grundlage von Vermutungen gemacht werden, die dann als Grundlage fadenscheiniger Konstruktionen dienen, die wiederum die Grundlage von unbewiesenen Hypothesen bilden, die dann aber wie automatisch als angeblich evidenten und "zweifelsfreien" Dogmen gelten. 
Realsatire pur: Die Dogman über die Rom wacht, hält man für ein störendes Korsett, aber die eigenen Dogman werden mit allen Mitteln verteidigt und Abweichler und Andersdenkende im Hauruck-Verfahren mit Exkummunikation bestraft (sprich ihre Bücher werden nicht rezipiert, oft gar nicht erst angeschafft).

Die Modularisierung auch des Theologiestudiums hat nun diesem Trend seine endgültige Weihe gegeben, denn jetzt haben die Studenten gar nicht mehr die Möglichkeit, anders zu denken oder gar im Eigenstudium zu forschen. Sie sind völlig damit beschäftigt, das ganze Semester über zu Büffeln um das Gefressene dann am Semesterende aufs Papier zu speien (Fachterminus: Bulimie). 
Klar findet sich, wie gesagt, auch in den nichtmodularisierten Studiengängen (die gerade auslaufen) viel Ignoranz und Verblendung. Die Modularisierung des Studiums - die ich im Grundstudium bei den Naturwissenschaften als druchaus sinnvoll erlebt habe, die für die Geisteswissenschaften m.E. aber 1. unsinnig und 2. völlig kontraproduktiv ist -, sie zementiert dieses Ungemacht und lässt ein Ausbrechen eigentlich nicht mehr zu.
Der Modularisierte Student, zumal der angehende Theologe, beschäftigt sich in seinem universitären Alltag nicht mit dem Gegenstand seines Fachs, sondern mit der anstehenden Prüfung. Was muss ich wissen? Reichen die Punkte? Die Frage "Was muss ich lesen?" hat keine Zielrichtung auf den Inhalt, sondern bezieht sich auf den Workload, auf das, was der Student eben zu lesen hat. Die Seitenzahl ist das vorrangige Kriterium. Der Inhalt entspricht dem, was der Prof eben für die Prüfung haben will. Und um diesen Workload zu bewältigen, ist es kaum möglich, sich ein eigenes Bild zu machen, in die Materie einzutauchen oder gar andere Wege als die für die Prüfung geforderten zu beschreiten.

Das fürt dann dazu, dass Studenten, die durchaus schon einige Jahre an der Fakultät zubringen, einen angucken wie ein Auto, wenn man ihnen darlegt, wieso, nur mal als Beispiel, die synoptischen Evangelien vielleicht doch nicht nach 70 entstanden sind. Es ist gar kein Diskurs darüber möglich, weil es sofort als völlig absurd deklariert wird, weil es im Widerspruch zu allem steht, was ihnen in ihrem Studium begegnet ist. Die Diskursfähigkeit ist bist zur Nichtexistenz verkümmert, weil andere Ansichten als schier unvorstellbar, auf alle Fälle aber pauschal als "un-" oder "vorwissenschaftlich" erscheinen, einfach weil sie die oben genannten Dogmen nicht teilen.

Marius Reiser hat diese und andere Folgen bereits 2009 in einem Interview zielsicher und nicht eben wenig prophetisch dargelegt. Hier anzusehen.

Wer sich für eine Kritik der historisch-kritischen Exegese interessiert (und wer die Zeit zum Lesen hat), dem seien folgende Bücher empfohlen (denn Klaus Berger ist mit seiner Polemik leider wenig hilfreich): 

- Karl Jaroš, Das Neue Testamrnt und seine Autoren (UTB 3087), Wien 2008.
- Hans-Joachim Schulz, Die apostolische Herkunft der Evangelien (QD 145), Freiburg 1993.
- Marius Reiser, Bibelkritik und Auslegung der Heiligen Schrift (WUNT 217), Tübingen 2011. 

Montag, 16. Juli 2012

Bildungskrise

Ich war schon immer froh um meine recht frühe Geburt in einem anderen Land und die bodenständige und natur- und kulturnahe Erziehung. Offenbar wird das allseits beklagte und immer weniger gut zu ignorierende Bildungsdefizit auch für das Christentum in unseren Breiten recht unangenehme Folgen haben:
»[E]s ist schon bedauerlich, wenn Studenten unsicher sind, ob der Zweite Weltkrieg im 19. oder 20. Jahrhundert war. Auch die Geschichte des Christentums ist vielen unbekannt. Die Gefahr ist, dass sich dadurch ein Aberglaube und eine antirationalistische Haltung ausbilden.«

So eine Folgerung aus einer großen Umfrage an philosophischen Fakultäten über Bildung und Fähigkeiten der Studierenden.

Das spührt man nicht nur direkt bei den Kommilitonen und anderen Studenten (in den Veranstaltungen in Philosophie ist es zum Mäusemelken, wirklich grausam!), das merkt man auch im größeren Kontext, etwa im Aufblühen der "neuen Atheisten" die doch allen Ernstes damit durchkommen, mit Parolen und Klischees zu "argumentieren". Die Leute glauben es ihnen! Sie schlucken die haarsträubende Behandlung thomistischer Philosophie eines Richard Dawkins, weil sie es nicht besser wissen und wohl auch nicht in der Lage sind, die Texte selbst zu verstehen (wenn sie sie jemals lesen würden).

Bin gespannt, wohin das führt... Wie will man sich noch akademisch mit dem Glauben beschäftigen, wenn man die (zumal klassischen) Texte nicht mehr versteht? Könnte das eine der Ursachen dafür sein, warum unsere Theologen immer doofer werden, besonders was die eigene Identität, das eigen Erbe anlangt?