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Montag, 5. September 2022

Verkündigung als Irreführung

Bischof Bätzing hat am vergangenen Sonntag in Essen zur Feier der Ludgerustracht gepredigt… und bewiesen, dass er entweder die Menschen böswillig in den Unglauben führen möchte, oder, dass er keine Ahnung vom Katholizismus hat. Sogar sein eigenes, nachlesbares theologhischen Fachwissen scheint er über Bord geworfen zu haben. Schlimm, wirklich schlimm.

Er sagte u.a.:


Dass die Grabstätten von Heiligen so bedeutsam wurden, dass man sogar Reliquienübertragungen quer durch Europa vollzog, hängt mit der familienbezogenen religiösen Einstellung der germanischen Bevölkerung zusammen. Dort bezog man sich auf einen Stammvater der Sippe – und der wurde nun im wahrsten Sinne des Wortes durch den Bezug zu einem christlichen Heiligen neu gesetzt.

Einmal davon abgesehen, dass es soetwas wie einen Heiligenkult und insbesondere Reliquienverehrung auch weit jenseits des Christentums gab und gibt (etwa im Buddhiusmus schon im 5. Jhd. v. Chr., im Konfuzianismus im 2. Jhd. v. Chr., ebenso im Islam bis heute), dies also schwerlich auf germanische Eigenheiten zurückzuführen ist, ist das von Bätzing dargelegte natürlich grundfalsch.

Im Christentum gab es Jahrhunderte vor den ersten Versuchen der Germanenmission schon einen ausgeprägten und auch theologisch reflektierten Heiligenkult inklusive Reliquienverehrung; das früheste uns in aller Deutlichkeit bezeugte Beispiel für einen ausgesprochenen Kult um einen Heiligen/Märtyrer und seine Reliquien ist Polykarp von Smyrna (gest. ca. 155), der seit ältester Zeit als Schüler des Apostels Johannes gilt, und auch da gewinnt man nicht den Eindruck, dass dies etwas Neues oder Unübliches war.

Dass die Verehrung gerade der Grabstätten der Heiligen nicht „mit der familienbezogenen religiösen Einstellung der germanischen Bevölkerung zusamme[hängt]“, sondern wohl eher biblische Wurzeln hat (Propheten- und Patriarchengräber!), kommt Bätzing offenbar nicht in den Sinn. Er dreht den Spieß einfach um und tut so, als wäre unsere christliche Heiligenverehrung ein heidnisches (germanisches) Relikt, das die Christen übernommen haben. In der Wirklichkeit ist es andersherum: Die Germanen hatten einen leichteren Zugang zum Christentum, weil sie Elemente ihrer eigenen Kuktur darin (in von heidnischen Vorstellungen gereinigter Form) wiederfanden.

Schon biblisch ist die Verehrung heiliger Gräber reichlich bezeugt. Als Jesus den Pharisäern zurief „Ihr errichtet den Propheten Grabstätten und schmückt die Denkmäler der Gerechten“ (Mt 23,29), da tadelte er nicht diese Praxis, sondern die Heuschelei die daraus entsteht, dass sie die Propheten und Gerechten zwar äußerlich ehren, sie in ihrem Tun aber verraten. Auch die Kraft solcher Gräber ist bezeugt: So hatte etwa das Grab des Elischa die Kraft, Tote zum Leben zu erwecken (vgl. 2Kön 13,20-21). Und ebenfalls biblisch ist auch schon die Verlegung von bedeutenden Gräbern („Reliquienübertragung“) bezeugt (etwa Rahels Grab: 1Sam 10,2).

Germanische Eigenheiten?


Der Glaube der Germanen war kriegerisch. Ähnlich wie bereits im Römischen Reich war man durchaus bereit, einem siegreichen Gott Folge zu leisten. So wurde das Kreuz mehr und mehr zum Siegeszeichen und Christus zum Sieger; die „Torheit des Kreuzes“, zu der sich der Apostel Paulus bekannte, trat sehr in den Hintergrund.

Soso, das Kreuz als ruhmwürdiges Siegszeichen und Christus als Sieger ist also nicht paulinisch? Redet er von dem Apostel Paulus, der immer wieder von dem Sieg und dem Siegespreis redet, den wir durch Christus errungen haben (Röm 8,37; 1Kor 9,24; 15,54.57; Phil 3,14; Kol 2,18)? Jener Paulus, der sich „allein des Kreuzes Jesu Christi, unseres Herrn, rühmen“ möchte (Gal 6,14), und der die, die nicht glauben, als „Feinde des Kreuzes Christi“ (Phil 3,18) bezeichnet?

Bätzing versteht offenbar nicht, dass Paulus mit der „Torheit des Kreuzes“ den Vorwurf der Ungläubigen benennt: „Wir dagegen verkünden Christus als den Gekreuzigten: für Juden ein Ärgernis, für Heiden eine Torheit“ (1Kor 1,23), und dass er dem entgegen setzt: „für die Berufenen aber, Juden wie Griechen: Christus, Gottes Kraft und Gottes Weisheit.“ (V. 24) Insbesondere die Nennung der „Kraft“ ist hier aufschlussreich, denn sie weist in die gleiche von Paulus so geliebte „sportliche“ Bildsprache ([Wett]Kampf, Lauf etc.), wie die Rede vom „Sieg“. Nochmal: „Denn das Wort vom Kreuz ist denen, die verloren gehen[!], Torheit; uns aber, die gerettet werden, ist es Gottes Kraft.“ (1Kor 1,18)

Achja, Jesus: „Ich habe die Welt besiegt.“ (Joh 16,33) Insbesondere der Erste Johannesbrief und die Offenbarung des Johannes sind natürlich voll von „Siegesrhetorik“ darüber, was Jesus getan hat und wer er ist.

Germanische Eigenheiten?


Im Folgenden beklagt Bätzing dann noch, dass der Charakter der Eucharistie als Opfer „stärker in den Vordergrund“ getreten sei als die Danksagung, womit er nur, ganz vorne auf dem deutsch-theologischen Mainstream reitend, seinen eigenen Unmut über die faktische Entfaltung des Durchdringens der Offenbarung im Laufe der Kirchengeschichte zum Besten gibt – er selbst wünscht sich offenbar etwas anderes, aber zum Glück beten wir nicht „Bätzings Wille geschehe“. Und er kontrastiert seine romantisierte Vorstellung einer güldenen Anfangszeit, in der jeder einzelne Mensch ausschließlich aufgrund „persönlicher Umkehr“ zum Glauben kam, mit den offenbar schä(n)dlichen Einflüssen der Germanen, die seiner Ansicht nach erst eine Annahme des Glaubens als „Familienclan“ ermöglicht, und folglich „Zwangstaufen“ befördert hätten. *Hust* Apg 16,14-15 *hust*… offenbar wurden auch vorher schon ganze „Häuser“, sprich: Familien (und damit ist biblisch nicht die Kleinfamilie im schnuckligen Einfamilienhaus gemeint!) getauft.

Nach diesem Stakkato von falschen und irreführenden Aussagen fragt der Bischof doch allen Ernstes:

Liebe Geschwister im Glauben, hilft uns ein solcher Exkurs in die Lebens- und Glaubenswelt des hl. Liudger mit all ihren Herausforderungen?

Die Antwort muss wohl lauten: Nein. Kein Stück. Es sei denn, die Intention ist es, sich möglichst schnell vom katholischen Glauben und Leben zu verabschieden.

Im Übrigen muss man wohl hoffen, dass im Publikum nicht allzu viele „Geschwister im Glauben“ saßen, jedenfalls, wenn man es am sich hier ausdrückenden Glauben des Herrn Bätzing misst.

 

Alles Treiben um den suizidalen Weg und die Abschaffung von Priestertum, Hierarchie und kirchlicher Sexualmoral einmal beiseite gelassen, zeigt diese Predigt: Dieser „Bischof“ stärkt nicht die ihm anvertraute Herde, er belebt nicht die Freude am Glauben oder die Verehrung Gottes und seiner Heiligen, sondern er sät nur Falschheiten, Zweifel und Unglaube. Er übernimmt die dümmlichen und schlicht uninformierten (ignoranten) Vorurteile einer antichristlichen Welt und „verkündet“ sie als Wahrheiten von der Kanzel. Letztlich entmündigt er die Menschen, weil er sie offenbar für dumm verkauft und in die Irre führt.

Wie kann so jemand Bischof werden - und bleiben?

Freitag, 15. Juli 2022

Sterben nach Bonaventura

Lasst uns darum sterben und eintreten in das geheimnisvolle Dunkel; gebieten wir den Sorgen, Gelüsten und Phantasiegebilden Schweigen; gehen wir mit Christo, dem Gekreuzigten, aus dieser Welt hinüber zum Vater (vgl. Joh 13,1), und wenn uns der Vater gezeigt ist, so sprechen wir mit Philippus: "Es genügt uns" (Joh 14,8). Dann werden wir wie Paulus hören: "Es genügt dir meine Gnade" (2Kor 12,9) und mit David jubeln: "Es verzehrt sich mein Fleisch und mein Herz. Gott meines Herzens, du mein Anteil ewiglich! Gepriesen sei Gott in Ewigkeit! Und alles Volk soll sprechen: Es geschehe, es geschehe. Amen." (Ps 72,26 u. 105,48)

(Itinerarium 7,6 [Schlussworte])

Samstag, 9. Juli 2022

Eine Mahnung an die deutschen Bischöfe

Die Mahnung von Johannes Paul II. an die deutschen Bischöfe (18. November 1980 in Fulda):

 

»Setzt euch mit aller Kraft dafür ein, dass die unverbrüchlichen Maßstäbe und Normen christlichen Handelns ebenso eindeutig wie einladend zur Geltung im Leben der Gläubigen kommen.

Zwischen den Lebensgewohnheiten einer säkularisierten Gesellschaft und den Forderungen des Evangeliums tut sich eine tiefe Kluft auf. Viele wollen sich am kirchlichen Leben beteiligen, finden aber keinen Zusammenhang mehr zwischen ihrer Lebenswelt und den christlichen Prinzipien. Man glaubt, die Kirche halte nur aus Starrheit an ihren Normen fest, und dies verstoße gegen jene Barmherzigkeit, die uns Jesus im Evangelium vorlebt. Die harten Forderungen Jesu, sein Wort: "Gehe hin und sündige nicht mehr!" werden übersehen. Oft zieht man sich auf das persönliche Gewissen zurück, vergisst aber, dass dieses Gewissen das Auge ist, welches das Licht nicht aus sich selber besitzt, sondern nur, wenn es zur authentischen Quelle des Lichtes hinblickt.

Ein weiteres: Angesichts aller Technisierung, Funktionalisierung und Organisation erwacht ein tiefes Misstrauen gerade in der jüngeren Generation gegen Institution, Norm und Regelung. Man setzt die Kirche mit ihrer hierarchischen Verfassung, mit ihrer geordneten Liturgie, mit ihren Dogmen und Normen gegen den Geist Jesu ab. Aber der Geist braucht Gefäße, die ihn wahren und weitergeben.

Christus selbst ist Ursprung jener Sendung und Vollmacht der Kirche, in denen seine Verheißung sich erfüllt: "Ich bleibe bei euch alle Tage bis zum Ende der Welt".

Liebe Mitbrüder, haltet alle Not und Frage der Menschen in eurem Herzen gegenwärtig - und verkündet gerade da hinein unbeirrt die Forderung Jesu ohne Abstriche... Tut dies, weil euch am Menschen liegt. Nur der Mensch, der zu einer ganzen und endgültigen Entscheidung fähig ist, der Mensch, bei dem Leib und Seele übereinstimmen, der Mensch, der für sein Heil seine ganze Kraft einzusetzen bereit ist, ist gefeit gegen die heimliche Zersetzung der menschlichen Grundsubstanz.«

Freitag, 22. Oktober 2021

Johannes Paul II. und der Umweltschutz

»Wir wissen, wie dringend heute eine Verbreitung des Bewusstseins für die Achtung vor den Naturschätzen unseres Planeten geworden ist. Und alle sind mitbetroffen, weil die Erde, die wir bewohnen, immer klarer ihre innere Einheitlichkeit offenbart, so dass die Entscheidungen um die Erhaltung ihres Erbes alle Völker ohne Unterschied betreffen. Erhaltung und Entwicklung der Waldgebiete sind überall grundlegend für die Aufrechterhaltung und Erneuerung der natürlichen Gleichgewichte, wie sie für das Leben unerlässlich sind. Das wird heute noch deutlicher, weil wir uns bewusst geworden sind, wie dringend notwendig eine entschiedene Umkehr der Tendenz in all jenen Verhaltensweisen ist, die zu besorgniserregenden Formen der Umweltverschmutzung führen. Jeder Mensch ist gehalten, Initiativen und Handlungen zu vermeiden, die die Reinheit der Umwelt gefährden können, und da die Pflanzen in ihrer Gesamtheit für die Gleichgewichte der Natur eine unerlässliche Rolle spielen, die ihrerseits wieder für das Leben auf all seinen Stufen notwendig sind, werden ihr Schutz und die Achtung vor ihnen immer mehr eine unbedingt notwendige Forderung an den Menschen.

Für den Christen aber ist die Sorge für die Erde eine moralische Verpflichtung, "damit sie Frucht bringe und eine würdige Wohnstätte für die gesamte menschliche Familie werde" (Gaudium et spes, Nr. 57).« 

(Predigt in Visdende am 12 Juli; in: ApSt 1987, 1565)


»Es ist bezeichnend, dass in unserer Zeit angesichts dessen, was die Gefahr des "Umwelt-Holocausts" genannt wird, eine große kulturelle Bewegung entstanden ist mit dem Ziel, die Umwelt zu schützen und neu zu entdecken. Für dieses dringende Anliegen muss besonders die Jugend sensibilisiert werden. Das achtungsvolle Genießen der Natur ist als wichtiger Bestandteil ihres Erziehungsprozesses zu betrachten. Wer wirklich sich selbst finden will, muss lernen, die Natur zu genießen, deren Zauber eng mit der Stille der Kontemplation verbunden ist. Die Tonarten der Schöpfung sind gleichfalls Mittel von außerordentlicher Schönheit, durch welche die empfängliche und gläubige Seele mühelos das Echo der geheimnisvollen, höheren Schönheit vernehmen kann, die Gott selbst ist, der Schöpfer, von dem jede Wirklichkeit ihren Ursprung und ihr Leben hat.

Das heutige Fest des hl. Benedikt von Nursia, des Schutzpatrons von Europa, lädt zu dieser Suche ein. Er lebte in einer Zeit der Krise der antiken Zivilisation und gründete Klöster, die Oasen der Kontemplation und zugleich Baustellen wurden. Das Mönchtum wusste klugerweise, wie Papst Paul VI. gut beobachtet hatte, "das Kreuz, das Buch und den Pflug" miteinander zu verbinden (Pacis nuntius, 24. Oktober 1964): drei Elemente, die nie voneinander getrennt werden dürfen, will man nicht das Gleichgewicht der Person, der Gesellschaft und der Umwelt gefährden. Der benediktinische Leitspruch "Ora et labora" ist eine weise Formel, dazu bestimmt, die Herzen und die Geister zu erbauen, aber auch "die Wüsteinei und Wildnis in fruchtbare Felder und schöne Gärten zu verwandeln" (ebd.) Das Beispiel von Benedikt, den wir heute besonders verehren, helfe dem Menschen dieser Zeit, die Fähigkeit der Synthese, an die großteils die Qualität der Zukunft der Menschheit gebunden ist.«

(Angelus in Santo Stefano di Cadore am 11. Juli; in: ApSt 1993, 119-120)


»Die Schöpfung ist sozusagen die große göttliche Erzählung. Der tiefe Sinn dieses wunderbaren Buches der Schöpfung jedoch wäre für uns schwer verständlich, wenn nicht Jesus, das menschgewordene Wort, gekommen wäre, um es uns "zu erklären", indem er unsere Augen befähigt hat, in den Geschöpfen leichter die Spur des Schöpfers zu sehen.

Jesus ist das Wort, das den Sinn all dessen enthält, was lebt. Er ist das Wort, in dem der "Name" aller Dinge ruht, vom kleinsten Teilchen bis zu den riesigen Galaxien. Er selbst ist also das "Wort", voll der Gnade und Wahrheit (vgl. Joh 1,14), durch das der Vater sich selbst und seinen Willen, seinen geheimnisvollen Liebesplan und den tiefsten Sinn der Geschichte offenbart (vgl. Eph 1,9-10). In Jesus hat Gott uns alles gesagt, was er uns zu sagen hatte. 

"Ein Sämann ging aufs Feld, um zu säen" (Mt 13,3). Die Menschwerdung des Wortes ist die größte und wahrhaftigste "Aussaat" des Vaters. Am Ende der Zeiten wird die Ernte kommen: Der Mensch wird dann vor das Gericht Gottes gestellt Wenn er viel erhalten hat, wird er über vieles Rechenschaft ablegen müssen.

Der Mensch ist nicht nur für sich selbst verantwortlich. sondern auch für die anderen Geschöpfe. Er ist es im weltumspannenden Sinn: Denn an ihn ist ihr Schicksal in der Zeit und jenseits der Zeit gebunden. Wenn er dem Plan des Schöpfers gehorcht und sich ihm anpasst, führt er die gesamte Schöpfung ins Reich der Freiheit, so wie er sie durch den Ungehorsam am Anfang mit sich ins Reich der Zerstörung gerissen hat. Dies wollte der heilige Paulus uns heute in der zweiten Lesung sagen.

Seine Worte sind geheimnisvoll, aber faszinierend. Indem sie Christus aufnimmt, ist die Menschheit imstande, einen neuen Lebensstrom in die Schöpfung zu leiten. Ohne Christus bezahlt der Kosmos selbst die Folgen der menschlichen Weigerung. dem göttlichen Heilsplan in Freiheit zuzustimmen. Für unsere Hoffnung und die aller Geschöpfe hat Christus im Herzen des Menschen den Keim neuen, unsterblichen Lebens eingepflanzt. Das Samenkorn des Heils, das der Schöpfung eine neue Ausrichtung gibt: die Herrlichkeit des Reiches Gottes,

"Denn wie der Regen und der Schnee - so haben wir aus dem Buch des Prophe ten Jesaja gehört - vom Himmel fällt und nicht dorthin zurückkehrt, sondern die Erde tränkt und sie zum Keimen und Sprossen bringt.... so ist es auch mit dem Wort, das meinen Mund verlässt: Es kehrt nicht leer zu mir zurück, sondern bewirkt, ... wozu ich es ausgesandt habe" (Jes 55,11). Jeder hat deshalb die Verantwortung, "gute Erde" zu sein und Christus aufzunehmen, damit das Evangelium schon in dieser Welt und für das ewige Leben Frucht bringe. Der Christ muss darauf achten, nicht oberflächlich oder unbeständig zu sein; er darf sich nicht von den Sorgen dieser Welt und dem trügerischen Reichtum ersticken lassen (vgl. Mt 13.19-22). Indem er den Anregungen der Gnade entspricht, hat er die Aufgabe, "gute Erde" zu werden, fähig, nicht nur das Wort aufzunehmen, sondern es auch in Fülle Frucht tragen zu lassen.

Liebe Schwestern und Brüder von Santo Stefano di Cadore! Die herrliche Naturumgebung, in der sich euer Leben abspielt, hilft euch, eure Berufung als Glaubende besser zu verstehen. Indem ihr in der Umwelt die Spuren des himmlischen Vaters erkennt, sollt ihr dankbaren Herzens seine Größe preisen und euch bemühen, durch das Zeugnis eines wahrhaft christlichen Lebens auf Gottes Hochherzigkeit zu antworten.

Eure Täler hier "jauchzen, ja sie singen" wirklich (vgl. Antwortpsalm). Handelt so, dass euer ganzes Dasein die aus der Natur aufsteigende Botschaft wiedergibt und zum Lobpreis des Herrn wird, der auf die Erde kommt, sie tränkt und mit seinen Gaben erfüllt.«

(Predigt beim Sonntagsgottesdienst in Santo Stefano di Cadore am 11. Juli; in: ApSp 1993, 1002-1003)

Freitag, 8. Oktober 2021

Irenäus von Lyon, Kirchenlehrer

Papst Franziskus hat angekündigt, dem Kirchenvater Irenäus von Lyon den Titel eines Kirchenlehrers zu verleihen. Das ist sehr zu begrüßen. Irenäus war, ohne jede Übertreibung, der wichtigste christliche Denker des 2. Jahrhunderts und er ist der beste Beleg dafür, dass so ziemlich alles, was Katholiken heute glauben, auch schon damals geglaubt wurde. Er wird (vielleicht genau darum) heute kaum noch wahrgenommen. Ich war froh, ihn schon vor meinem Theologiestudium kennengelernt zu haben. Irenäus beschreibt an einer Stelle sehr schön das Treiben der Mehrheit unserer heutigen Theologen und Kirchenfunktionäre in Deutschland, etwa auf dem suizidalen Weg, das in 1840 Jahren offenbar keinen merklichen argumentativen Fortschritt gemacht hat:

»Widerlegt man nämlich die Häretiker aus den Schriften, dann erheben sie gegen eben diese Schriften die Anklage, dass sie nicht zuverlässig seien, keine Autorität besäßen, auf verschiedene Weise verstanden werden könnten, und dass aus ihnen die Wahrheit zu finden nur die imstande seien, die die Tradition verstünden. Diese sei nämlich nicht niedergeschrieben, sondern werde durch die lebendige Stimme überliefert, weswegen auch Paulus sage: „Weisheit reden wir unter den Vollkommenen, aber nicht die Weisheit dieser Welt“ (1Kor 2,6). Unter dieser Weisheit versteht jeder von ihnen natürlich das von ihm erfundene System, so dass nach Ihnen die Wahrheit bald bei Valentinus, bald bei Markion, bald bei Cerinth ist. Später war sie natürlich bei Basilides oder bei einem seiner Widersacher, der auch nichts Rechtes vorbringen konnte. Denn verdreht sind sie alle, und trotzdem schämen sie sich nicht, sich selbst als die Richtschnur der Wahrheit hinzustellen.
 

Berufen wir uns aber ihnen gegenüber auf die apostolische Tradition, die durch die Nachfolge der Priester [ließ: Bischöfe] in der Kirche bewahrt wird, dann verwerfen sie wieder die Tradition, nennen sich klüger als Priester und Apostel und sagen, sie hätten allein die Wahrheit gefunden. Die Apostel hätten den Worten des Heilandes noch allerlei aus dem Gesetz beigemischt; und nicht bloß die Apostel, sondern auch der Herr habe seine Aussprüche teils vom Demiurgen, teils aus dem Ort der Mitte, teils von dem Allerhöchsten [d.h. aus unzuverlässigen, widersprüchlichen Quellen]. Sie aber wüssten klar, rein und schlicht das darin verborgene Geheimnis – fürwahr, eine ganz unverschämte Gotteslästerung! So stehen sie also weder auf dem Boden der Schrift, noch der Tradition.« (Gegen die Häresien III,2,1-2)

Samstag, 26. Juni 2021

Josemaría Escrivá über die Wirkung der Liturgie

Du sahst mich an einem schmucklosen Altar die heilige Messe feiern. Nur Tisch und Altarstein, kein Altaraufsatz. Das Kruzifix war groß. Die Leuchter kräftig und derb, mit großen Wachskerzen, stufenförmig aufsteigend, am höchsten beim Kreuz. Altarverkleidung in liturgischer Tagesfarbe. Weite Kasel. Streng in den Linien, kostbar und schalenförmig der Kelch. Ohne elektrisches Licht, das wir nicht entbehrten.

Und es kostete dir Mühe, die Kapelle zu verlassen. Du warst zu Hause hier. Siehst du, wie die Strenge der Liturgie Gott näher bringt?

(Der Weg, Nr. 543)

Freitag, 28. Mai 2021

Josephs-Litanei


Ida Friederike Görres

Entwurf zu einer Josephs-Litanei



Joseph,

du Schatten des Ewigen Vaters,

du Pflegevater des Ewigen Sohnes,

du Jünger des Heiligen Geistes,

Auserwählter des Dreieinigen Gottes.


Joseph,

Haupt der Heiligen Familie,

Gemahl der Gottesmutter,

Ernährer des Menschensohnes,

Vormund des Ewigen Wortes,

Erzieher Jesu,

Hüter deines Herrn,

Schützer der Quelle,

Bewahrer der Geheimnisse,

Wächter unsres Heiles,


Joseph, 

du Ehre Israels,

du Sohn Davids,

mit Maria verlobt,

von Zweifeln zerrissen,

von Engeln getröstet,

von Engeln belehrt,

von Träumen erleuchtet.

das Gesetz erfüllend,

von Gnade überwältigt,

Zeuge der Geburt Christi,

Flüchtling in Ägypten,

Zimmermann in Nazareth.


Joseph,

du gerechter Mann,

du treuester Knecht,

staunend und schweigend,

vollkommen in Einfalt,

Fels der Geduld,

demütig und weise,

großmütig und stark,

jedem Wink Gottes bereit,

allzeit gehorchend,

allzeit entsagend

glaubend ohne zu sehen,

lebend aus Vertrauen,

bewährt in der Liebe,

sterbend in der Erwartung,

harrend vor der Schwelle,

heimgeholt in der Himmelfahrt des Herrn.


Joseph,

Freund der Familien,

Spiegel der Ehen,

Beschützer der Kinder,

Vorbild der Priester,

Leuchte des Alltags,

Führer in Gefahren,

Geleiter ins Ungewisse,

Patron der Kinderlosen,

Tröster der Verzichtenden,

Ernährer der Armen.


Joseph,

gesegnet und selig,

erhöht von der Dankbarkeit Jesu,

gekrönt mit Herrlichkeit,

Fürst im Hause Gottes,

waltend über seine Güter,

austeilend Speise zur rechten Zeit,

mächtigster Fürbitter,

Schutzherr der Kirche, bitte für uns, Amen.



Bin ein großer Fan von Ida Friederike Görres. Habe aber der beiläufigen Erinnerung durch Hanna-Barbara Gerl-Falkowitz (bei der heute und morgen in Heiligenkreuz stattfindenden Tagung über „Eros und Jungfräulichkeit“) bedurft, um, anlässlich des Josephsjahres, die Josephslitanei jener selbigen Ida Görres auszubuddeln. Ich wusste, dass es sie gibt, habe das entsprechende Buch auch da, aber sie war mir entschwunden... Hier ist sie zu finden: Ida Friederike Görres, Aus der Welt der Heiligen, Frankfurt a. M. 1955, 140f.

Donnerstag, 20. Mai 2021

Glühende Kohlen

Über Bernhardin von Siena, dessen Gedenktag heute ist:

»92. Ein sehr gelehrter und tüchtiger Prediger des Franziskanerordens wurde einmal gefragt, warum er bei der Bekehrung des Volkes nicht auch solche Erfolge aufzuweisen habe wie Bernhardin, den er doch an Wissen und Beredsamkeit weit übertreffe. Der Bruder gab zur Antwort: "Ich selber gleiche einer Kohle ohne Glut; wenn man auf diese Kohle andere, gleichfalls erloschene Kohlen legt, wer den sie nie neu erglühen. Bernhardin dagegen ist eine vom Gottesgeist erglühende Kohle; bei der Berührung mit ihr werden andere Kohlen, auch wenn sie bereits erloschen sind, sich an der Glut ihres Feuers sogleich entzünden."« (Aus: "Das Leben des heiligen Bernhardin von Siena" in der Serie "Heilige der ungeteilten Christenheit") 


In Deutschland scheinen wir ein riesengroßer Haufen erloschener Kohlen zu sein, wo sind die glühenden Kohlen, die etwas entfachen?

Dienstag, 27. April 2021

Petrus Canisius und die Bücher

Aus der Vorrede des hl. Petrus Canisius zu seinen „Hauptwahrheiten des katholischen Glaubens“ (man beachte auch seine anfängliche Diagnose der Zeit...).


»Es will die Zeit, so voll Sünden und Aergerniß ist, aufs Höchste erfordern, daß wir Christen uns selbst und auch die Unsrigen, so viel unser Seelenheil belangt, recht fleissig versorgen, besonders in diesen gefährlichen, zänkischen und verführerischen Läuften; denn leider (wie vor Augen) christlicher Glaube und Andacht je länger, je mehr abnimmt, die Lieb erkaltet, die Bosheit geht in Schwung, und nach Christi Weissagung nimmt sie überhand allenthalben.
Nun findet man aber gleichwohl viel Bücher und Büchlein, welche im Druck ausgegangen, die sich dermassen ansehen lassen, als ob sie nichts Anderes, als den wahren und christlichen Weg uns weiseten, und als ob sie uns und die Unsrigen in der Gottseligkeit genugsam bewahrten und versorgten. Im Grund aber erfindet sich, daß mehrentheils in solchen allgemeinen Büchlein nur ein Schein und eine schöne Farb der Wahrheit angestrichen wird, haben aber sonst allerlei irrige, verführerische und schädliche Lehren eingemischt, welche doch von dem gemeinen Mann nicht leicht gemerkt und verstanden werden. Soll darum ein jeder fromme Christ ernstlich ermahnet und bei seiner Seele Seligkeit gewarnet sein, daß er wohl zu und umsehe, was er für Büchlein habe und lese, besonders von Katechismen und Betbüchlein, und dergleichen anderen mehr. Denn wie St. Johannes sagt: ‚Glaubet nicht jeglichem Geist,‘ so mag man auch wohl sagen: ‚Glaubet nicht jeglichem Büchlein und Katechismo, weil viel falsche Propheten und Scribenten (Schriftsteller) in die Welt ausgegangen sind.‘ Und wie wohl viel andere Katechismi gefunden werden, welche die reine ungefälschte christliche Lehre in Kürze begreifen und vortragen, so wird doch dies Büchlein vielleicht nicht weniger Frucht als diese schaffen, weil es ohne alle Weitläufigkeit kurz und gründlich alle vornehmsten, nothwendigsten Stücke anzeiget und vorstellt; denn in diesem findest du, christlicher Leser, die Grundveste und Hauptartikel unserer wahren, christkatholischen und seligmachenden Religion. Es hängt doch Alles am Glauben, Hoffnung, Liebe, Sakramenten und Gerechtigkeit, wenn wir nur immer Gottes Kinder und in Christo gerecht und selig werden wollen. Ohne den Glauben erkennen wir Gott nicht, ohne die Hoffnung verzweifeln wir an Gottes Gnaden; ohne Lieb nutzt uns weder Glauben noch Hoffen oder Vertrauen, sondern wir bleiben noch in der Finsterniß, ja auch im Tod, wie die Hl. Apostel schreiben. Ohne die Sakramente aber, und ihren rechten katholischen Gebrauch wird die Gnade des Hl. Geistes nicht geschöpft noch erhalten. Wo dann nicht ist die Gerechtigkeit, da ist nicht Christi sondern des Teufels Reich, wie da geschrieben steht: ‚Wer recht thut, der ist gerecht. Wer Sünde thut, ist vom Teufel. Dazu aber ist erschienen der Sohn Gottes, sagt Johannes, daß er die Werke des Teufels zerstöre.‘«

 

Beachtlich finde ich es, dass der Heilige seine "Kurze Erklärung der vornehmsten Stücke des wahren katholischen Glaubens" eigentlich nur als Faszikel vor seine "rechte und katholische Form zu beten" gestellt hat: jene Grundwahrheiten des Glaubens sind sozusagen das Vorspiel für sein eigentliches Anliegen, nämlich das Gebet der Gläubigen zu fördern, wofür er dann in bester Gebetsbuch-Tradition einiges zusammengestellt hat; von den über 500 Seiten sind nicht einmal 90 der Katechismus. So eine Kombination aus klar dargelegten Glaubenswahrheiten und Gebeten für den gläubigen Alltag finde ich klasse. Soetwas bräuchte es in für heute angemessener Form eigentlich auch - dringend. Ein "Katechismus-Gebetbuch" für die heutige Glaubensnot... Quasi eine Kombination aus Youcat und Youcat-Jugendgebetbuch für unterschiedliche Altersstufen...

Dienstag, 2. Februar 2021

Ignatianisches am suizidalen Weg?

Eine nicht geringe Zahl von Mitgliedern des suizidalen Weges hat sich kürzlich dagegen gewendet, dass bei selbigem Weg mehr gebetet wird. Diese Opposition gegen das Beten wird zugleich verwurstet mit einem Hohelied der Demokratie. Satiriker haben es echt schwer...

Drei großartige Einsichten hat man dabei Vorgebracht (vgl. hier): "alles Denken und alle Auseinandersetzung um der Menschen willen [ist] geistliche Haltung", "Dialogprozesse, Diskussionen und Abstimmungen sind geistliche
Prozesse" und "Vielfalt in Einheit zu leben ist geistlicher Weg." Also: Gebet brauchen wir nicht, denn praktizierte Demokratie ist quasi schon die Höchstform des Gebets. Diese Logik ernstgenommen, sind die hohen Geistlichen in unserem Land also... die Politiker?

Man kennt das natürlich aus anderen Bereichen, z.B. aus diözesanen Entwicklungsprozessen: Man tut, was immer man will (z.B. Strukturmaßnahmen), und behauptet dann, dies als "geistlichen Prozess" gestalten zu wollen. In der Realität ist dann häufig der einzige Hinweis darauf, dass es sich um einen "geistlichen Prozess" handelt, die Behauptung, dass dies so sei (z.B. in Hamburg). Aber wahr ist: Man kann solche Prozesse als "geistliche Prozesse" gestalten, z.B. mit regelmäßigem Gebet. Am suizidalen Weg ist man aber schon einen Schritt weiter (hin zur Säkularisierung des Christentums): Man behauptet gar nicht mehr, den Prozess "geistlich" gestalten zu wollen, sondern man erklärt, der Prozess sei aus sich heraus schon "geistlich": "Diskussionen, Abstimmungen und Wahlen sind geistliche Prozesse".

Dass die Autoren sich mit ihrer "geistlichen Haltung", ihrem "geistlichen Prozess" und ihrem "geistlichen Weg" letztlich fernab des Christentums stellen (bzw. dieses in weltlichen Strukturen auflösen) erhellt auch daraus, dass sie behaupten, mit der Forderung nach mehr Gebet (gegen die sie sich wenden) sei zugleich eine gewisse Ablehnung von Demokratie verbunden. Und damit haben sie tatsächlich recht: Wirkliches Gebet ist mit Demokratie eher unvereinbar, weil die Wahrheit Gottes nicht per demokratischer Abstimmung gefunden, sondern nur von Gott selbst eingegeben werden kann. Kennen diese Leute etwa nicht das bedeutendste Beispiel für "Demokratie" (Herrschaft des Volkes) in der Bibel? Hier ist es:

»Als das Volk sah, dass Mose noch immer nicht vom Berg herabkam, versammelte es sich um Aaron und sagte zu ihm: Komm, mach uns Götter, die vor uns herziehen. Denn dieser Mose, der Mann, der uns aus dem Land Ägypten heraufgeführt hat - wir wissen nicht, was mit ihm geschehen ist. Aaron antwortete: Nehmt euren Frauen, Söhnen und Töchtern die goldenen Ringe ab, die sie an den Ohren tragen, und bringt sie her! Da nahm das ganze Volk die goldenen Ohrringe ab und brachte sie zu Aaron. Er nahm sie aus ihrer Hand. Und er bearbeitete sie mit einem Werkzeug und machte daraus ein gegossenes Kalb. Da sagten sie: Das sind deine Götter, Israel, die dich aus dem Land Ägypten heraufgeführt haben.« (Ex 32,1-4)


Aber zum Thema.

Diese Menschen scheuen sich auch nicht, Ignatius von Loyola dafür zu missbrauchen, dass man prinzipiell alles an der Kirche per Demokratie ändern könne, weil nichts von vornherein feststeht: 

»Ignatianisch gesprochen braucht es die 'Indifferenz', also die Unvoreingenommenheit von persönlichen Vorlieben, Vorurteilen und Vorfestlegungen.«

Zugegeben: Die ignatianische Gleichmütigkeit (so übersetzt man das richtiger, nicht mit "Unvoreingenommenheit") wird in ca. 99% aller Fälle, in denen auf sie Bezug genommen wird, missbräuchlich verdreht oder zumindest grob falsch verstanden, wenn man sie z.B. als "Ausgeglichenheit" oder als Inbegriff von "Meditation" auffasst. In diesem Fall handelt es sich aber um eine ideologisch motivierte missbräuchliche Verwendung auf höchster Ebene - nämlich zur Infragestellung der Identität der Kirche.

Also, Ignatius: Die ignatianische Gleichmütigkeit gehört zu "Prinzip und Fundament" der Exerzitien. Dort wird sie wie folgt beschrieben (aus der Übersetzung von H.U.v.B.): 

»Der Mensch ist geschaffen dazu hin, Gott Unseren Herrn zu loben, Ihn zu verehren und Ihm zu dienen, und so seine Seele zu retten.

Die andern Dinge auf Erden sind zum Menschen hin geschaffen, und um ihm bei der Verfolgung seines Zieles zu helfen, zu dem hin er geschaffen ist. Hieraus folgt, dass der Mensch sie soweit zu gebrauchen hat, als sie ihm zu seinem Ziele hin helfen, und soweit zu lassen, als sie ihn daran hindern.

Darum ist es notwendig, uns allen geschaffenen Dingen gegenüber gleichmütig (indiferentes) zu machen, überall dort, wo dies der Freiheit unseres Wahlvermögens eingeräumt und nicht verboten ist, dergestalt, dass wir von unserer Seite Gesundheit nicht mehr als Krankheit begehren, Reichtum nicht mehr als Armut, Ehre nicht mehr als Ehrlosigkeit, langes Leben nicht mehr als kurzes, und dementsprechend in allen übrigen Dingen, einzig das ersehnend und erwählend, was uns jeweils mehr zu dem Ziele hin fördert, zu dem wir geschaffen sind.«
Was bei der Bezugnahme auf diese Gleichmütigkeit fast immer unerwähnt bleibt, ist zum einen der Sinn und das Ziel der Exerzitien insgesamt, nämlich eine Hilfe zu sein zu Sinn und Ziel des Menschen: "Gott Unseren Herrn zu loben, Ihn zu verehren und Ihm zu dienen, und so seine Seele zu retten"; zum anderen bleibt der Nebensatz meist unerwähnt, der genau diese Zielausrichtung konkretisiert: Jene Gleichmütigkeit gilt nämlich nur da, "wo dies der Freiheit unseres Wahlvermögens eingeräumt und nicht verboten ist". 
 
Für Ignatius ist unzweifelhaft, dass es eben doch "Vorfestlegungen" gibt, nämlich alles, was Gott in seiner Schöpfung festgelegt hat (Naturordnung) und alles, was er durch seine Offenbarung in die Herzen seines Volkes und in die Kirche gelegt hat (Gnadenordnung: Gebote, Sakramente, die Verfassung der Kirche etc.). Was Gott in der Natur- oder Gnadenordnung verboten hat, das brauchen wir nicht "indifferent" zu beurteilen, denn es ist bereits klar, dass wir es abzulehnen, uns davon fernzuhalten haben - beispielsweise praktizierte Homosexualität (vgl. HIER und hier).

In gewisser Weise meint Ignatius das genaue Gegenteil von dem, was ihm hier gerne unterstellt wird: Es geht gerade darum, dass der Wille des Menschen gefestigt ist, und zwar auf sein Ziel hin (Gottesverehrung und Seelenrettung). Die "Indifferenz" ist kein Absehen vom Willen, sondern sie meint das rechte "Gleichgewicht", die rechte Beurteilung der Naturdinge im Lichte dessen, was uns von Gott als unser Ziel geoffenbart ist. Es geht nicht darum, nicht zu wollen oder zu lieben, sondern darum, das Richtige (zum richtigen Zeitpunkt) zu wollen oder zu lieben, damit wir zu unserem Ziel gelangen. Um dieses "Richtige" zu beurteilen, gibt es einen objektiv gültigen Maßstab "wo dies der Freiheit unseres Wahlvermögens eingeräumt" oder wo es "verboten ist": Das Wort Gottes, von dem das Zweite Vatikanische Konzil sagt: "Die Aufgabe aber, das geschriebene oder überlieferte Wort Gottes verbindlich zu erklären, ist nur dem lebendigen Lehramt der Kirche anvertraut, dessen Vollmacht im Namen Jesu Christi ausgeübt wird." (DV 10)
Damit lehrte Ignatius natürlich nichts Neues, sondern das zählt zum Grundbestand christlichen Weltverständnisses; Ignatius bringt es nur sehr prägnant auf den Punkt.


Sodann berufen sich die Suizidalen auch noch auf den sensus fidei fidelium, den man auch als sensus ecclesiae - ein Fühlen mit der Kirche (oder schlicht: kirchliche Gesinnung) - bezeichnet, und der den "geistlichen" Charakter dieser Demokratie sicherstellen soll. Über diesen sensus schreibt Ignatius u.a.:
»Um das wahre Fühlen zu erlangen, das wir in der diensttuenden Kirche haben sollen, werden die folgenden Regeln beachtet

Die erste. In Absehung jeglichen [privaten] Urteils müssen wir den Geist gerüstet und bereit halten, dazu hin, in allem zu gehorchen der wahren Braut Christi Unseres Herrn, die da ist Unsere Heilige Mutter, die Hierarchische Kirche.

Die zweite. Loben [im Sinne von: Wir versprechen zu tun] die Beichte beim Priester und den Empfang des Heiligsten Sakramentes einmal im Jahr, und viel mehr noch jeden Monat, und viel besser noch alle acht Tage, unter den erforderten und geschuldeten Bedingungen.
 
[...] 

Die neunte. Loben endlich alle Vorschriften der Kirche, stets bereiten Geistes, um Gründe zu ihrer Verteidigung zu finden und in keiner Weise zum Widerstand gegen sie.

[...]«

 
Tja... (vgl. meinen sehr kurzer Senf dazu hier). Wieder zeigt sich, dass der Versuch, diese falsche Reformagenda irgendwie an die Glaubens- und Denktradition der Kirche anzubinden, nicht funktioniert... Und wiederum gilt: Entweder wissen sie nicht, was sie da faseln, oder sie wissen es und führen die Menschen ganz bewusst in die Irre.
Ich finde es immer ganz erstaunlich, wenn die falschen Reformer irgendwelche Heiligen instrumentalisieren, um damit gegen die heilige Ordnung der Kirche zu kämpfen (z.B. Katharina von Siena)... die Tatsache, dass es sich um Heilige der Kirche handelt, müsste jedem schon ein genügender Hinweis sein, dass hier etwas faul ist. Im Zweifel genügt ein flüchtiger Blick in das, was jener Heilige tatsächlich gesagt/geschrieben hat, um den Irrtum der Instrumentalisierer zu beweisen.

Die ultimative Ironie dieses beschämenden Dokuments scheint mir darin zu liegen, dass diese Menschen mit dem irreführenden Rückgriff auf eine der größten religiösen Gestalten "Unvoreingenommenheit" predigen, während das Dokument zugleich dazu dient, ihre eigene Voreingenommenheit gegen DEN allgemeinmenschlichen religiösen Grundvollzug schlechthin zu verbreiten. Die Autoren und ihre Unterstützer sind wahrhaftig "unvereingenommen": sie sind völlig gleichgültig gegenüber der Offenbarung, haben keine Ahnung vom christlichen Glauben und wissen nicht, was Gebet ist - was wohl leider auf die große Mehrzahl der Suizidalen zutrifft (anderes Beispiel: hier).
 
Der Blick auf den Gekreuzigten muss für diese Menschen ganz unerträglich sein... darum ersetzen sie ihn durch "Diskussionen, Abstimmungen und Wahlen"...


Zu dokumentationszwecken. Die sich so dummdreist Äußernden, und das christliche Beten faktisch durch Politik Ersetzenden sind (laut dem Dokument): der "Berufsverband der Pastoralreferent*innen Deutschlands e.V." und der "Bundesverband der Gemeindereferent/-innen Deutschlands e.V."; des Weiteren: fr. Simon Hacker OP, Jan Hilkenbach (Diözesankomitee Paderborn), Ulrich Hoffmann (Präsident des Familienbundes der Katholiken), Lucia Lagoda (Bundesvorstand der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands [kfd]), Viola Kohlberger (Deutsche Pfadfinderschaft Sankt Georg [DPSG], Diözesanverband Augsburg), Wolfgang Klose (Vizepräsident des ZdK und Diözesanrat in Berlin), Nadine Mersch (Sozialdienst Katholischer Frauen), Lukas Nusser (KjG Diözesanleiter in Freiburg), Gregor Podschun (Bundesvorsitzender des BDKJ), Sr. Nicola Maria Schmitt, Brigitte Vielhaus (Bundesgeschäftsführerin der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands), Prof. Dr. Agnes Wuckelt (stellv. Bundesvorsitzende Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands).

Sonntag, 25. Oktober 2020

Heiliger Wohlgeruch


»Gott lässt es zuweilen zu, dass die auserwählten Seelen einem Moschustier gleichen, das nirgends sein kann, ohne seinen Wohlgeruch zu verbreiten.« 

(hl. Vinzenz von Paul, aus: Die andere Seite der Medaille, 218)

Donnerstag, 16. Juli 2020

Fühlen mit der Kirche

Jan-Heiner Tück im Interview auf katholisch.de (hier), gefragt nach der Verbindlichkeit der zu glaubenden Unfehlbarkeit des Papstes: »Wenn ein "sentire cum ecclesia – ein Fühlen mit der Kirche" gegeben ist, braucht es keine Totalidentifikation mit der Lehre der Kirche zu geben. Die Anerkennung des Glaubensbekenntnisses reicht.«

Nein, das reicht definitiv nicht.

Erstens ist "Totalidentifikation" an dieser Stelle ein völlig falsches und irreführendes Wort, denn eine Totalidentifikation, also eine Identifikation seiner selbst mit allem was zur Kirche gehört und was in der Kirche geschieht, ist schlicht nicht möglich. Niemand kennt alles und jeder wählt aus und setzt Schwerpunkte. Was es aber geben kann und geben soll, ist der Wille, den ganzen Glauben der Kirche getreu anzunehmen, selbst in den Punkten, die man nicht kennt, oder die für einen selbst nicht so zentral im eigenen geistlichen Leben sind (impliziter Glaube).

Zweitens kann es kein "sentire cum ecclesia" geben, wenn ein solcher impliziter Glaube nicht gegeben ist; der Verweis darauf eignet also nicht als Argumentationsgrundlage. Das ist in etwa so, als wenn ich sagen würde "Wenn Blindheit gegeben ist, dann braucht es keine Wertschätzung für die Malerei von Rubens oder Rembrandt." Die Aussage ergibt keinen Sinn: Ich kann nicht "Fühlen mit der Kirche", wenn ich nicht (zumindest implizit) will, was die Kirche will, liebe was die Kirche liebt und glaube was die Kirche glaubt. Dies zu tun ist Vorbedingung für ein "Fühlen mit der Kirche", nicht andersrum.

Der Ausdruck "sentire cum ecclesia" stammt von Ignatius von Loyola, und dieser verband damit ziemlich genau das Gegenteil von dem, was Tück hier darlegt. Für Ignatius gilt der Gehorsam (gegenüber der Kirche, die er aus diesem Anlass insbesondere in ihrer Hierarchie und ihrem Lehramt verortet) mehr als eigene innere Regungen: Für ihn bedarf das Bewegtsein durch den Geist Gottes der Verleiblichung, so wie auch Christus sichtbar Mensch geworden ist. Das ist für ihn der Gehorsam gegen die Kirche.
Nie hätte Ignatius die eigene innere Regung, erst recht nicht das eigenen Gefühl oder das eigenen (rationale) Urteil höher gestellt als das, was ihm von Seiten der Kirche vorgegeben oder gesagt wird (die Rangfolge ist: 1. Papst, 2. Vorbild der Heiligen, 3. die eigene Vernunft). Das ist für ihn "Fühlen mit der Kirche": Das eigene Empfinden und Wollen an der Kirche (dem Lehramt) ausrichten. Das berühmte vierte Gelübde der Jesuiten, der Gehorsam gegen den Papst, hat genau hier seine Begründung. Dabei handelt es sich nicht um eine Geringachtung der Vernunft oder des eigenen Mittuns, sondern es drückt sich hier das Vertrauen aus, dass derselben Geist Gottes, der im Herzen jedes Menschen wirken kann, sich vorzüglich (und objektiv gültig) in der Kirche ausdrückt, nicht geringer, als er sich im Leben Jesu und der Heiligen ausdrückte.

Wenn ein Mensch meint, er könne das (fälschlich so bezeichnete) Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes nicht annehmen, dem hält Ignatius entegegen: "Denn oft mag das, was so gar nicht mit der menschlichen Klugheit übereinzustimmen scheint, sehr wohl eins sein mit der göttlichen Klugheit: denn diese lässt sich nicht eingrenzen in die Gesetze unserer Vernunft." Wer sich in seiner Ablehnung vom Geist bewegt glaubt, dem muss klar sein: "immer ist es für diesen Mystiker [d.i. Ignatius] die hierarchische Kirche, die ihm zum Maßstab der Echtheit allen Geistes wird." (Hugo Rahner, Ignatius 379)

Dienstag, 14. Juli 2020

Heilige Wurzeln

Aus dem Evangelium des letzten Sonntags: "Auf felsigen Boden ist der Samen bei dem gefallen, der das Wort hört und sofort freudig aufnimmt, aber keine Wurzeln hat, sondern unbeständig ist; sobald er um des Wortes willen bedrängt oder verfolgt wird, kommt er zu Fall."

Auch wenn ich das Etikett furchtbar finde, gebrauche ich es einmal: Liberale Katholiken. Also solche, die meinen, die Kirche neu erfinden zu müssen, die nicht viel geben auf das überkommene Glaubensgut der Kirche.
Mir tun diese Leute Leid. Ehrlich. Sie tun mir insbesondere darum Leid, weil sie den unermesslichen Schatz an geistlicher Erfahrung, an mystischer und systematischer Beschäftigung mit den Dingen des Glaubens, an Betrachtungen, Gebeten und Hymnen beinahe ausschließlich nur in der Weise des Verdachts oder sogar der Abscheu betrachten können. Wenn, um ein Beispiel zu nennen, von Irenäus über Gertrud die Große bis Hugo Rahner die Eucharistie insbesondere als Opfer, unser Bezug zu ihr als Mitopfern und Selbstopfer betrachtet wird, dann können solche Leute damit nicht nur nichts anfangen, sondern sie müssen es als etwas glücklicherweise Überwundenes betrachten oder es in eine bis zur Unkenntlichkeit verwaschene Form umdeuten. Und damit versperren sie sich den Zugang zu allem, was diese geistlichen Giganten dazu gedacht haben.

Dieser unermessliche Schatz der Erfahrungen, Überlegungen und Betrachtungen der Kirche, insbesondere ihrer ungezählten Heiligen, ist für sie höchstens in vereinzelten Klischees zugänglich (etwa Franz von Assisi als Umweltaktivist). Einen zusammenhängenden Gedanken, geschweige denn einen ganzen Text eines heiligen Schriftstellers oder eines Konzils, können sie nie wirklich verstehen und echten geistlichen Nutzen daraus ziehen - viel zu fremd (überwunden) ist es.

In meiner Arbeit wie auch im privaten Umgang merke ich immer wieder, dass die Menschen, insbesondere die, die hauptamtlich für die Kirche arbeiten, keine Wurzeln in der Geschichte der Kirche haben. Sie scheinen zu glauben, ihre Schwierigkeiten, etwa in Sachen Katechese, seien neu und schlimm und sie müssten sich etwas ausdenken... dabei ist nichts neu und die Tradition bietet bereits alle Antworten.

Heilige bringen Heilige hervor: Jeder Heilige wurde in seinem Leben wesentlich geprägt oder sogar unmittelbar bekehrt durch das Wirken oder die Schriften anderer Heiligen. Überhaupt sind die Vorbilder und das Denken der vorangegangenen Glaubenden immer Inspiration und Antrieb für das christliche Leben gewesen. Dieser "Generationenvertrag" ist heute weitestgehend gekündigt, denn jenseits vereinzelter Klischees können die meisten Katholiken, insbesondere im Kirchenapparat, mit Leben und Schriften der Glaubenden vor uns nichts mehr anfangen.
Das scheint mir ein wesentlicher Grund für die Krise zu sein: Nicht nur, dass wir den auf uns gekommenen Glauben nicht mehr wollen, sondern weil wir ihn nicht wollen, können wir keine Wurzeln in die Glaubensgeschichte schlagen. Wir verdorren und kommen zu Fall.

Es täte Not, die Heiligen als Zeugen des Glaubens, nicht bloß als Klischees, in allen Bereichen der Kirche neu zu entdecken, zu studieren und ernstzunehmen...

Montag, 29. April 2019

politische Seligsprechung?

»Die Seligsprechung des ‚Montonero‘-Bischofs Enrique Angelelli spaltet Argentinien. Ein bekannter Prälat, Erzbischof Hector Aguer, ergriff Position gegen das Martyrium Angelellis in odium fidei, der 1976 Opfer eines Verkehrsunfalls wurde, den die Verfechter der Seligsprechung ohne Beweise für einen Mord halten. Erzbischof Aguer bricht das Tabu der politischen Korrektheit und fragt sich, warum nicht vielmehr ein Seligsprechungsverfahren für den katholischen Intellektuellen Carlos Alberto Sacheri eingeleitet wurde, der wirklich ein Opfer des Terrorismus wurde, des marxistischen, und vor den Augen seiner Kinder ermordet wurde, weil er die kommunistische Infiltrationen in die katholischen Kirche aufgezeigt und kritisiert hat.« (Vom August 2018, hier)


Ich kenne die sehr verwirrenden Hintergründe nicht genug, um mir ein Urteil bilden zu können. Nichts desto trotz ist es in höchstem Maße besorgniserregend, was hier geschieht, wenn derartige Zweifel und Gegendarstellungen bestehen.

Mittwoch, 30. März 2016

Laienheiligkeit

Die Ankündigung der Heiligsprechung von Mutter Theresa im Sommer und ein kurzer Kommentar eines geschätzten Theologen auf Facebook brachte mir einen alten Gedanken wieder ins Bewusstsein, nämlich die Besorgnis darüber, wie die Kirche in Sachen Heiligsprechungen vorgeht. Was mir Sorge bereitet ist die Tatsache, dass ca. 99% aller kanonisierten Heiligen Priester oder Ordensleute sind. Und von den paar Laien (1%) sind wiederum ca. 99% darum kanonisiert worden, weil sie Märtyrer waren. Zugleich sind aber 99%  der Katholiken weder Kleriker/Ordensleute noch Märtyrer. Das lässt für die Weltmenschen, v.a. die Väter und Mütter (und Singles), wenig übrig an Vorbildern. (Ob wohl jemand Notiz von Louis und Zélie Martin genommen hätte, wenn deren Tochter nicht schon bald als Heilige verehrt worden wäre?) Der normale Katholik, ich zähle mich mal dazu, ist also, wenn man das abrundet, faktisch nicht im Heiligenkalender repräsentiert (0,00...%?).
Mir ist natürlich klar, dass es noch das Fest aller (auch nicht namentlich bekannten) Heiligen gibt. Und mir ist auch klar, dass jene Tatsache zunächstmal einfach daraus resultiert, dass sowohl die "Hierarchie" (gemeint ist die Instanz, die die heiligsprechungen vollzieht) wie größere Teile des Kirchenvolks logischerweise leichter Notiz nehmen von heiligmäßigen Klerikern/Ordensleuten, das liegt in der (eher exponierten) Natur der Sache. Aber das reicht m.E. nicht als Erklärung. (Und man komme mir jetzt nicht zuckersüß mit Maria und Joseph als potentiell "größte" Vorbilder, die alle anderen Heiligen ja achso überragen würden: deren Ehe war nun wirklich alles andere als "typisch" und überdies wissen wir so gut wie nichts darüber, weswegen sie als Vorbild für ein Ehe- und Familienleben in der heutigen Welt, von ein paar seeehr allgemeingültigen Grundkonstanten abgesehen, überhaupt nicht taugt.)

Ich glaube, das Problem liegt v.a. in der Mentalität: Es gibt, scheint mir, so eine Art "Instinkt", der bewusst oder unbewusst annimmt, Priester und Ordensleute seien per se in einer privilegierten Stellung um "heilig" zu werden, ja als hätten sie es "leichter", als sei ihr Stand per se näher an "Heiligkeit" (was immer das ist), weil das Klosterleben ja bereits so ein großes Opfer sei. Und das halte ich für einen katastrophalen Irrtum. Für manchen mag das Klosterdasein seiner Natur durchaus mehr entsprechen, so dass für ihn eigentlich ein Dasein in der Welt das sehr viel größere Opfer darstellen würde (ich weiß, wovon ich spreche).

Im Detail wurmt mich da so manches: Immer wieder ließt man beispielsweise in Heiligenbiographien (nicht nur in den verkünstelt-schmalzig-idealisierenden, sondern auch in durchaus realistischen-nüchternen) das Lob auf jene Nonne, die Nachts um 2 Uhr aufsteht um zu beten. Oder die Preisung jenes Priesters, der sich so hingebungsvoll um seine Schäfchen kümmert. Aber, ganz ehrlich, diese Dinge unterscheiden sich m.E. nicht wesentlich von der Mutter, die für ihr Baby mehrmals Nachts raus muss und kaum Schlaf bekommt, oder von dem Vater, der für seine Kinder immer da ist. Von den Pflichten und der Hingabe der Eheleute gegenüber einander ganz zu schweigen. "Die Eheleute/Eltern tun doch nur ihre Pflicht", spöttelt es (ich habe ähnliche Phrasen tatsächlich schon mehrfach von gewissen "Verstrahlten" vernommen!)... Aber dieser Spieß ließe sich auch auf die Priester und Ordensleute hin umdrehen! Es ist letztlich genau diese Pflichterfüllung, um die es geht. Und das können beide gleich gut.

Wenn ich mir die Landschaft der Heiligen anschaue, dann finde ich für das Leben der Hingabe - als Ehemann/-frau und als Eltern - nahezu keine Vorbilder. Ich habe mir vor einigen Jahren mal ein Buch "Heilige Eheleute" zugelegt, in der Hoffnung, darin solche Vorbilder zu finden. Man kann sich das Ergebnis schon denken: Bei den allermeisten spielte das Familienleben nur eine marginale Rolle. Biographisch wird da meist auf den Klostereintritt oder gar die Ordensgründung nach dem Tod des Gatten/der Gattin abgehoben. "Sie war eine fürsorgliche Mutter" ist i.d.R. alles, was dazu gesagt wird... so richtig "heiligmäßig", so wirklich hingabevoll, so hat man jedenfalls bei der Lektüre den Einruck, wurde sie erst ab dem Klostereintritt.
Und obwohl nun schon die letzten Päpste sich so viel um die Familie und die Berufung der Eheleute gekümmert haben, gab es kaum je Heiligsprechungen aus diesem Stand... Laien haben keine gute Lobby, wie es scheint. Aber ich glaube es ist die Gesinnung, die hier hauptverantwortlich ist.

Ida Friederike Görres schreibt in einem Brief, dass sich das Leben einer Ordensfrau von Heute oftmals nur dadurch von dem einer Ehefrau unterscheide, dass Erstere neben ihrer Arbeit viel im Gebet lebt und Gott liebt, während Letztere neben ihrer Arbeit in einer Familie lebt und ihren Mann und ihre Kinder liebt. Was der Ersteren, wenn sie "nach Hause" in den Konvent kommt, das Gebet ist, ist der Letzteren das Zuhause selbst, die Familie, der Gatte. Und irgendwie bekommt man das latente Empfinden nicht los, dass das Gebet von diesen beiden Beschäftigungen die "Heiligere" ist... Ich grüble nun seit einer ganzen Weile darüber und immernoch ertappe ich mich dabei, wie ich "Gebet" viel leichter mit Heiligkeit assoziiere.
Wenn ich die Krisen und Herausforderungen ansehe (besonders die innerhalb der Ehe), die die Eheleute um mich herum zu bestehen haben, kommt mir das Grausen... Aber umso mehr erlebe ich immer wieder im Kleinen und Ganzkleinen, wie diese Menschen das bewältigen und trotzdem nicht (ver)zweifeln, auch nicht an Gott. Es kann doch nicht sein, dass ich diese ganz alltägliche Heiligkeit, deren pneumatischer Anteil regelrecht von jedem Beteiligten jeden Tag neu erstritten werden muss, so oft erlebe, bei den wenigen Beispielen die mir vor Augen sind, dass aber zugleich kaum jemals solche Leute im Heiligenkalender auftauchen. Immer, scheint es, braucht es ein geradezu heroisches Gebetsleben noch "obendrauf", um als "heilig" zu gelten. Aber genau das geht halt meistens nicht, wenn da ein Ehepartner und eine Familie ist. Jedenfalls nicht so, wie man sich ein "heiligmäßiges Gebetsleben" gerne vorstellt. Und ich weigere mich, ein Weniger an Heiligkeit auch nur anzunehmen, bloß weil jemand seine Zeit, die andere im Gebet für Gott geben, für seinen Partner, für seine Kinder gibt. Das ist der exakt gleiche Irrtum, unter dem unser Sozialstaat leidet, wenn er Kindererziehung und Haushaltsführung nicht als "Arbeit" wertet, und den sich Katholiken immer befleißigen, anzuprangern...

Tatsächlich halte ich, das ist meine persönliche Meinung, Ehe und Familie für die größere Herausforderung, weil in der Ehe beide Beteiligten fehlbare schwache Menschen sind, während in der geistlichen Verlobung mit Christus nur ein fehlbarer Mensch beteiligt ist. Die "Fehlerquellen" sind bei Letzterer quasi um die Hälfte reduziert. Dann kommt freilich noch die "Familie" (geistlich oder physisch) dazu, die dann wieder viele "Reibungspunkte" birgt.
Während der Priester ontologisch auf Christus hin gewandelt ist, sind es die Eheleute auf einander hin. (Darum ist eine erneute Eheschließung auch nur nach dem Tod eines Partners möglich. Auch der Priester ist nach seinem Hinscheiden kein Priester mehr, denn das Himmlische Jerusalem hat bekanntlich keinen Tempel.) Und noch etwas: Sowohl aus dem Kloster wie aus dem Priesterstand kann man letztlich immer raus oder man wechselt in eine andere "Familie" oder gründet gleich einen neuen Orden... man kann einen Orden sogar in allen Einzelheiten vorher ausprobieren, ohne jede Verbindlichkeit. Aus einer Ehe kommt man nicht mehr raus, und man kann sie auch nicht in allein Einzelheiten unverbindlich ausprobieren. Was davon ist also das größere "Risiko", das größere Opfer, der größere "Sprung des Glaubens und der Hoffnung"? Gibt es vielleicht darum so viele Kleriker- und Ordensheilige, weil es schlicht und ergreifend "leichter" und ein weniger gewagter (besser zu kalkulierender) Sprung ist? Na toll.

Mich wurmt das. Mich macht das traurig und wütend. Ich weiß auch nicht, wie man diesen Mangel beheben kann... Mir scheint v.a. unsere (der Katholiken) Vorstellung von Heiligkeit dringend revisionsbedürftig.

Freitag, 11. September 2015

Ich glaube an die heilige Kirche

Ich glaube an die heilige Kirche,
die apostolisch ist und allgemein und rechtgläubig,
und die uns unversehrte Lehre kündet.
Nicht glaube ich an sie, wie ich an Gott glaube,
wohl aber glaube ich, dass sie in Gott ist und Gott in ihr.
Nicht ist sie Gottes eingegrenztes Maß,
wohl aber ist Gott der Raum der Kirche.
So ist sie Gottes Haus und Braut des Herrn Christus.
Sie ist die leibhafte Gemeinschaft der Heiligen,
aller Gerechten, die sind und waren und kommen.
Größeres noch ist wahr: auch die Chöre der Engel
scharen sich selig zur alleinigen Kirche.
Denn der Apostel lehrt: «Versöhnt ist alles in Christus,
nicht nur auf Erden, auch was da lebt in den Himmeln!»
Gottesstadt nennt man die hehre Einheit,
Glutofen, der alles Gold zusammenschmilzt.
Sie ist mein Glaube, die eine Kirche,
katholisch, weil hinieden und droben,
zerstreut über die Welt und dennoch berufen,
einmal gebunden zu werden zu seliger Garbe,
wenn sie mit Christus in Ewigkeit herrscht.
Er ist das Haupt und die Kirche der Leib.

Dieses Leibes bin auch ich ein Glied,
rein aus göttlicher Gnade,
wenngleich nur ein kleines, ein schwaches.
Der Kirche will ich in Glaube und Werk
immer die Treue wahren,
das hoff ich vom Geber der Gaben.
In der Kirche, die heilig und eins,
dieser katholischen Mutter,
die bis an die Grenzen der Erde
alles mit Gottes Lobpreis erfüllt,
glaub ich festen Gemüts,
Gemeinschaft der Gnade zu erben.
Nicht auf eigenes Werk vertrau ich,
sondern auf Christi heiligen Blutstrom,
und auf das gnadenverdienende Beten
meiner heiligen Mutter, der Kirche.


Alkuin von York († 804)

Freitag, 24. Juli 2015

Demut

»Schwer ist für Gott die Erziehung seiner Auserwählten, zumal seiner Priester. Er muß sie reich ausstatten, als Fundgruben für ihre Gemeinde, aber sie bettelarm machen, damit sie auch in ihrer lebendigsten, persönlichsten Wirksamkeit allein auf ihn verweisen. Sie dürfen nur für andere reich sein, müssen besitzen, ohne es zu wissen, ohne es zu achten, müssen aber auch wissen, was Reichtum ist, ohne ihn selbst bei sich zu suchen. Demut enthält noch viel seltsamere Paradoxe als man für gewöhnlich meint.«

(Hans Urs von Balthasar)

Samstag, 25. Oktober 2014

Der obsolete Heilige?

CNS/Paul Haring
Theodor hat es auf den Punkt gebracht (hier):

»Das alles ist umso prekärer als das Lehramt in den vergangenen Jahrzehnten sehr ausführlich zu den Themen gesprochen hat und sich vor allem Johannes Paul II. mit seiner „Theologie des Leibes“ auch intensiv um die philosophische und theologische Grundlegung der kirchlichen Lehre und Disziplin bemüht hat. Was sagt es dem Katholiken, wenn ein Papst heiliggesprochen wird, das nach eigenem Bekunden zentrale Stück seiner Lehrverkündigung wenige Jahre nach seinem Tod auf einer Bischofssynode aber keinerlei normative Kraft mehr hat? Die Heiligsprechung als Entsorgung auf den Müllhaufen der Geschichte?«

Mittwoch, 22. Oktober 2014

Evangelium von der Familie

Es scheint paradox: Viele, die sich katholisch schimpfen, meinen, die Morallehre der Kirche habe mit dem Glauben nicht übermäßig viel zutun. Schließlich komme es doch darauf an, sich zu Christus zu bekennen, und nicht zu natürlicher Empfängnisregelung.
Ich erinnere mich zugleich sehr wohl daran, als ich den Katholizismus ausschließlich von außen betrachtete, dass für mich dies klar war: Das Katholischsein geht notwendig einher mit der Akzeptanz einer entsprechenden (von der Kirche gelehrten) Moral.

Wie bezüglich des Glaubens (Theologie im engeren Sinne) die Schriften Joseph Ratzingers den wohl größten Einfluss auf mein Katholischwerden hatten, so hatte der nunmehr heilige Johannes Paul II. solecherlei Einfluss im Hinblick auf die Moral, ergo auf die konkrete Lebensgestaltung. Ich habe stets die Moral als nicht nur den Glauben ergänzend, sondern als notwendig aus ihm folgend angesehen, und ich tue es nach wie vor. (Fällt eine Auswahl nur einzelner Aspekte der Moral eigentlich unter "Häresie"?)
Glücklicherweise habe ich inzwischen einen ganzen Blumenstrauß an Familien in meinem Freundeskreis, in denen danach gelebt wird, und ich bin also aus gutem Grund jeden Tag mehr überzeugt davon.

Ganz selbstverständlich habe ich auf meinem Weg zum Katholizismus nicht nur den Glauben, sondern auch die Moral dieser Kirche so gut als möglich kennengelernt. Wie sollte es jemandem, der am Glauben Interesse zeigt, anders gehen? Gehört zum Glauben nicht immer auch das Handeln? Ich kenne niemanden, der sich irgendwann in seinem Leben bewusst dem Katholizismus zugewendet hat, der sich nicht nach Kräften bemüht, nicht nur das zu glauben, was die Kirche glaubt, sondern auch das in seinem Handeln zu halten, was die Kirche lehrt.
Kleiner Geheimtip: Unter (Spät)Bekehrten und Konvertiten ist das eine Selbstverständlichkeit! Warum also, haben die "Geburtskatholiken" so ein Problem damit? Da stimmt doch was nicht...

Unbegreiflich ist es mir, wie Katholiken, gar geweihte Amtsträger (und ungeweihte Verantwortungsträger), einen Gutteil eben dieser Moral nicht nur aus ihrer Gesinnung ausklammern, sondern regelrecht bis zum Hass bekämpfen können. Ehrlich: Ich bekomme das nicht in meinen Kopf.

Ich verdanke Johannes Paul dem Großen, dessen Gedenktag die Kirche heute feiert, unschätzbar viel. Seine Vision vom Menschen ist nicht nur prophetisch, sie ist großartig. Seine Vision von Ehe und Sexualität im Besoderen sind das wahre "Evangelium von der Familie", das wir heute so nötig haben!


Heiliger Johannes Paul, bitte für uns.

Mittwoch, 1. Oktober 2014

Madeleine Delbrêl über die Kleine Therese

»Vielleicht war Therese von Lisieux, die Patronin aller Missionen, dazu ausersehen, zu Anfang dieses Jahrhunderts ein Schicksal vorzuleben, bei dem die Zeit auf ein Minimum zusammenschrumpft, die Handlungen auf ein winziges Format hinauslaufen, der Heroismus für die Mission sich auf wenige Quadratmeter beschränkt. Die kleine Therese kann uns lehren, dass bestimmte Leistungen nicht mit der Uhr gemessen werden können, dass die sichtbare Seite der Taten nicht alles ist, dass zur Mission in der Weite auch die Mission in der Dichte kommen muss - mitten unter den dicht zusammenwohnenden Menschen, in jener Tiefe, wo der Geist der Menschen die Welt befragt und zwischen dem Geheimnis eines Gottes, der ihn mächtig und groß will, hin und her schwankt. Die kleine Therese beweist für sich ganz allein, dass mit den missionarischen Bemühungen im Milieu des Marxismus nicht künstliche Dämme und Wälle gebaut, sondern lebendige Kräfte geweckt werden, genau da, wo man den Glauben untergraben will.«

(Madeleine Delbrêl, Gott einen Ort geben, 125)