Montag, 25. Oktober 2021

Die Blindheit des Bartimäus

Ein Priester und Theologe, den ich ansonsten sehr schätze, hat gestern zur Bartimäus-Perikope (Mk 10,46-52) eine Predigt gehalten, die ich in mehrfacher Hinsicht für fraglich/falsch halte.


Zunächst wurde auf den Namen Bartimäus abgehoben, der einen "Mann ohne Eigenschaften" bezeichne, weil es eigentlich kein "richtiger" Name sei, da er wörtlich soviel wie "Sohn des Timäus" bedeute, was im Text selber ja auch so drinsteht. Nun ist es zwar richtig, dass Bar-Timäus wörtlich übersetzt "Sohn des Timäus" heißt, aber darum ist weder der Name noch sein Inhaber Bedeutungs- oder Eigenschaftslos. 

1. sagt dieser Name bereits so Manches aus: Offenbar war Bartimäus Sohn eines griechischen Vaters (denn Timaios ist ein griechischer Name) und einer jüdischen Mutter (darum jüdisch "bar": Sohn). Diese Tatsache mag für ihn bereits zu einer gewissen sozialen Ausgrenzung geführt haben.

2. ist es durchaus ein "richtiger" Name, der in der Kultur, in der er steht, sogar höchst bedeutungsvoll ist: Den Juden war ihre Abstammung ausgesprochen wichtig, so auch die Fortführung von Namen über Generationen hinweg. Darum das Unverständnis der Leute, als Elisabeth ihren Sohn Johannes nennt: "Es gibt doch niemanden in deiner Verwandtschaft, der so heißt." (Lk 1,61) Die Auslöschung oder das Vergessen eines Namens ist in dieser Kultur bis heute das schlimmste Schicksal, wogegen das Bewahren des Namens große Ehre und Gnade ist, weswegen Gott auch seinem Volk, mit dem er den Bund schließt, sagen kann, dass er ihm "Denkmal und Name" (Jes 56,5) gibt (hebr. jad waschem; davon hat jene große Holocaust-Gedenkstätte in Jerusalem [sie ist mehr als das, es ist u.a. auch eine Behörde, die Zurückkehrenden Juden die Staatsbürgerschaft verleiht] ihren Namen). Namen sind auch dann "richtig", wenn sie nicht besonders tiefgründig sind... In Italien heißen bis heute manche Männer "Primo" und "Secondo", wörtlich: "Erster" und "Zweiter" (erster Sohn, zweiter Sohn); der in Deutschland nicht seltene Name "Andreas" ist griechisch und bedeutet einfach nur "Mann" (gr. andros)... ist also ein Mann namens "Andreas" eigenschaftslos, weil sein Name einfach nur "Mann" bedeutet? (Und was sagt dieser Name über Frauen aus, die "Andrea" heißen?) [Besonders krass ist der Name Barrabas: bar abbas = Sohn des Vaters...]

Soviel dazu. Achja, und in Skandinavien ist es bis heute üblich, dass der Nachname "Sohn von..." lautet: z.B. Olafsson = Sohn des Olaf.

 

Was mich aber v.a. ins Grübeln brachte war das Insistieren des Predigers darauf, dass es hier angeblich gar nicht um eine körperliche, sondern um eine geistig/seelische Blindheit (gegenüber der Wahrheit) gehe. Dem muss man vom Textbefund her entschieden widersprechen. Zwar wird Blindheit biblisch häufig als eine geistige verstanden (aber nicht "immer", wie der Prediger meinte), die gegenüber Gott und seinem Heil als Blindheit des Verstandes oder Verirrung des Geistes gilt - darum ist Gott das Licht in der Finsternis, der "blinde Augen öffnet" (vgl. Jes 42,7; Offb 3,17) -, aber das ist hier offenkundig gerade nicht der Fall.

Einen Schritt zurück: Dass es sich um einen Bettler handelt stützt bereits eine körperliche Blindheit, denn es waren oft gerade die Lahmen und Blinden, die im Betteln ihren Broterwerb hatten, weil sie für andere Tätigkeiten nicht zu gebrauchen waren. Lahm war Bartimäus offenbar nicht, denn er springt auf und geht Jesus entgegen.

Dass Bartimäus nicht blind gegenüber Gott und seinem Heilswerk ist, nicht geistig blind oder verirrt, ist sofort überdeutlich, denn er hat offenkundig bereits von Jesus gehört und setzte bereits sein Vertrauen, seinen Glauben in ihn. Als er erfuhr, dass dieser Jesus in seiner Nähe ist, ruft er ihn sofort. Und nicht nur ruft er Jesus, etwa als "Jesus, Zimmermann aus Nazareth", wie ihn Leute benennen, die ihn nicht wirklich erkannten (vgl. Mk 6,3), sondern er ruft ihn als "Jesus, Sohn Davids", was nichts weniger als ein messianischer Hoheitstitel ist, denn aus dem Geschlecht Davids erwarteten die Juden ihren Retter (vgl. 2Sam 7,16; Röm 1,3). So heißt es in einem "Psalm Salomos" (aus dem 1. Jhd v. Chr., nicht in der Bibel, geben einen sehr getreuen Einblick in das religöse Denken der Zeit unmittelbar vor Jesu auftreten): "Sieh, Herr, darein! Lass ihren König wiederum erstehen, den Davidssohn, zur Zeit, die du erkoren, Gott, dass Israel, dein Knecht, ihm diene!" (PsSal 17,23 [Riessler])

Bartimäus ist nicht geistig/seelisch blind oder von Gott weg verirrt, im Gegenteil: Dieser (körperlich) blinde Bettler sieht mehr als alle anderen in dieser Episode, er erkennt den Messias und glaubt an ihn, dass er ihn heilen und (so wörtlich im Text) erretten kann.

Der Blinde sieht von Anfang an besser als die Sehenden, denn er sieht mit den Augen des Glaubens. Er wirft sein Obergewand fort (ein lebenswichtiges Kleidungsstück, das gerade Bettlern Nachts das Überleben sicherte) und wirft sich selbst mit aller Kraft und gegen den Schweigeruf der Umstehenden (alles körperlich Sehende!) Jesus entgegen und folgt ihm schließlich nach.

1 Kommentar:

  1. Und Jesus lockt genau dies Aufspringen und Losrennen aus dem blinden Bettler heraus. Jesus hätte ja (wie die meisten hilfsbereiten Menschen) zu ihm hingehen können. Hätte sagen können: Oh, das bringe ich jetzt mal in Ordnung.
    Stattdessen provoziert Er, daß Bartimaios alle Bedenken (und den Mantel) beiseitewirft, zu Ihm läuft trotz aller Schwierigkeit, und dann laut sagt, was er will. Alle sollen es mitbekommen.

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