Dienstag, 26. Januar 2021

Die Methode von "Gemeinsam am Tisch des Herrn" - Teil 2

Ich setze hierfür die Lektüre von Teil 1 (hier klicken) voraus, wo ich anhand zweier Beispiele das intellektuell bankrotte Vorgehen im ÖAK-Papier dargelegt habe.

Da nun öffentlich ist, dass der ökumenische Arbeitskreis Rom theologische Inkompetenz attestiert (hier), sei noch ein Wort nachgeschoben. Drei Punkte:

1) Das für die katholische Amtstheologie wichtige Faktum, dass Jesus bei der Einsetzung der Eucharistie ganz bewusst nur die Apostel dabei haben wollte und keine anderen Jünger (auch keine Frauen), - "Mit großer Sehnsucht habe ich danach verlangt, vor meinem Leiden dieses Paschamahl mit euch zu essen" (Lk 22,15) - umgeht man in GaTH dadurch, dass man sich auf den sekundären Bericht(!) des Paulus im ersten Korintherbrief konzentriert, der sich natürlich mit seinem Brief an alle Gemeindeglieder richtet: "Bei der Weisung steten Gedächtnisses handelt es sich nicht um einen Befehl zur Wiederholung der Worte Jesu, der sich gar nur an seine Jünger bzw. die Zwölf (vgl. Mk 14,17) als Vorbilder späterer Amtsträger richtet. Die in der 2. Person Plural formulierten Weisungen bei Paulus haben alle an der gegenwärtig vollzogenen Mahlfeier Beteiligten im Blick." (3.5.3.)

Zugleich erweckt man hier auch den Eindruck, als gäbe es eine weit verbreitete Irrmeinung, derzufolge der Wiederholungsbefehl sich bloß auf die "Worte Jesu" beziehe, was dann mit dem Fokus auf die Apostel als Adressaten vermengt und somit gleichfalls als Irrtum untergeschoben wird. Faktisch wird so diese fiktive Irrmeinung der katholischen Amtstheologie unterstellt, womit sie hier indirekt (zwischen den Zeilen, ohne dies explizit so zu sagen, aber im Kopf des Lesers sehr deutlich mitschwingend) gleich doppelt als Irrtum hingestellt wird. Das muss man den Autoren lassen: Sie sind sehr geschickt im Manipulieren.


2) Das peinliche Detail, dass nach Jesu eigenen Worten der Kelch das "Blut zur Vergebung der Sünden" wahrhaft enthält, wird dadurch verwischt, dass man einen gedanklichen Keil zwischen den Kelchinhalt und das "Trinken aus dem Kelch" treibt (3.5.2.): Alle sollen aus dem Kelch trinken, weil alle der Vergebung der Sünden bedürfen. Punkt. Nächster Satz: Diese Vergebung der Sünden "wird ihnen geschenkt kraft Jesu Tod, dessen 'Blut für viele vergossen wird'". Abgesehen von der unsauberen Formulierung (das "Blut von Jesu Tod", nicht das "Blut Jesu"?) wird hiermit dem Leser suggeriert, dass Jesu Tod eine deutlich vom Herrenmahl zu unterscheidende Angelegenheit ist, jeder Zusammenhang zwischen diesen beiden ist bloß eine "Deutung", und nicht in der Sache (oder Handlung) selbst gegeben.


3) Der wesentliche Punkt liegt wohl darin, dass man ja nun irgendwie vermeiden muss, die Realität der Vergegenwärtigung von Jesu Kreuzesopfer in der Eucharistie anzuerkennen. Das tut man dadurch, dass man stattdessen von einer "Vergegenwärtigung des letzten Mahls Jesu mit seinen Jüngern" (3.5.) spricht. Das ist natürlich eine recht geschickte Formulierung, der man als Nicht-Theologe leicht aufsitzen kann. Formulierungen wie z.B. "Vergegenwärtigung des letzten Abendmahls" haben sich schon spürbar im Theologensprech etabliert und sind auch immer häufiger z.B. in der Erstkommunionvorbereitung anzutreffen. Faktisch ist es aber die Entsorgung der katholischen Lehre: Nicht mehr Jesu Kreuzesopfer wird gegenwärtig, sondern nur noch sein Abschiedsmahl. Der Befehl Jesu "Tut dies zu meinem Gedächtnis" bezieht sich dann folglich nur noch auf eine "Wein-Gabe" und eine "Brot-Handlung" (3.5.1.), hat aber mit Jesu Tod nur noch im Sinne einer nachträglichen, intellektuellen "Deutung" zu tun (siehe Punkt 2).

Nur scheinbar besser ist dieser Passus in GaTH.: "Die Weisung: 'Dies tut zu meinem Gedächtnis!' (1 Kor 11,24f.; Lk 22,19) schreibt der Feier die Erinnerung an Jesus ein. Erinnerung ist – biblisch betrachtet – immer Vergegenwärtigung des Erinnerten, hier des Heilstodes Jesu. [...] Die Erinnerung an Jesus besitzt identitätsstiftende Kraft." (3.10.4)

Hier findet unmittelbar nach der Wiedergabe von Jesu Befehl ein (auch für viele Theologen kaum bemerkbarer) gedanklicher Sprung statt, der an den verwendeten Begriffen deutlich wird, wenn man weiß, worauf zu achten ist. Nämlich Folgendes: Das Gedächtnis, wie es die Evangelien und Paulus berichten, ist ein aktives Tun, nicht jener kognitive Vorgang, den wir als "Erinnerung" bezeichnen: Jesu Befehl lautet "tut dies zu meinem Gedächtnis!", nicht "erinnert euch an mich". Wenn hier unvermittelt von "Erinnerung" gesprochen wird, dann ist das gerade nicht tätig (kultisch) gemeint, sondern bezeichnet einen rein gedanklichen Vorgang.

Mit dem hier gebrauchte Begriff der "Vergegenwärtigung" wird der Leser wiederum geschickt manipuliert, denn es wird der Einruck erweckt, als meine man - gut katholisch (biblisch) - die objektive Vergegenwärtigung von Jesu Tod und Auferstehung. Tatsächlich wird hier aber ein umgangssprachlicher Begriff "Vergegenwärtigung" verwendet. Dass "Erinnerung ... – biblisch betrachtet – immer Vergegenwärtigung des Erinnerten" meint, stimmt nur, wenn wir von einem umgangssprachlichen Begriff der Erinnerung und Vergegenwärtigung ausgehen: Man selbst kann sich etwas "vergegenwärtigen", indem man eine Erinnerung wachruft, oder jemand anders kann uns durch eine Erinnerung etwas "vergegenwärtigen". Diese umgangssprachliche Verwendung findet sich auch in der Bibel öfter (z.B. 2Tim 1,4-6; Tit 3,1; 2Petr 1,13; 3,1). Jesu Befehl "tut dies zu meinem Gedächtnis" muss von dieser Umgangssprache deutlich unterschieden werden. Ihr biblisches Fundament ist die Pessachfeier, bei der durch den Verzehr der Speisen und die Erzählung des Exodus dieser selbe Exodus "gegenwärtig" wird. In Jesu Umprägung dieses den Exodus vergegenwärtigenden Mahles wird er selbst, Gottes Sohn, real gegenwärtig mit Fleisch und Blut, der unser Exodus aus der Sünde (Weg, Wahrheit Leben) ist. Weil nun eine göttliche-menschliche Person gegenwärtig wird und nicht ein "Ereignis", ist diese Gegenwart  weitaus "realer" und "erfahrbarer", als es das Pessach je war: Es handelt sich um ein wahrhaftiges personales Gegenüber, das mich anschaut.

Jedenfalls: Durch die unvermittelt in GaTH eingeführte umgangssprachliche "Erinnerung" und "Vergegenwärtigung" kann dann auch genauso umgangssprachlich "die Erinnerung an Jesus identitätsstiftende Kraft besitzen". Dass es der real gegenwärtige Jesus selbst ist, der in der Eucharistie die Identität und die Einheit der Feiernden und IHN empfangenden Gemeinde bewirkt und garantiert, wird damit aber gerade nicht gesagt. Sondern es bleibt bei einer je einzelnen oder wechselseitigen "Erinnerung an Jesus". Man kann es auch als das Finden eines gemeinsamen Interesses an diesem Jesus beschreiben, das dann "identitätsstiftende Kraft" hat. Das ist zwar auch schon etwas durchaus Wertvolles und Schönes, aber es ist etwas, das auf jedes zufällige Zusammentreffen zweier Christen zutreffen kann - es ist nicht der Inhalt des katholischen Eucharistieglaubens.


Das Dokument "Gemeinsam am Tisch des Herrn" hat (in Anlehnung an die Rede vom "Papiertiger") letztlich nur eine Papierökumene zum Ziel, der es nicht um das "bleiben in der Wahrheit" (2Joh 1,2) oder gar um eine echte gemeinsame Gottesbeziehung geht, sondern deren Zweck darin besteht, eine vertraglich (auf Papier) abgesicherte Scheinbeziehung herzustellen. Mehr nicht. Es geht um Begriffe und Formulierungen für einen Kompromiss, es geht um semantische Feinheiten und gefühlte (und entsprechend manipulierbare) Inhalte. Es geht nicht um so etwas wie Wahrheit oder Wirklichkeit. Es geht um ein Papier "für die Akten".

Statt einer wahrhaftigen Ökumene des Bekenntnisses und der Liebe zu Jesus Christus, statt einer Ökumene des Zeugnisses (martyria) vor der Welt, der Diakonie an den Menschen und des Gebets vor und zu Gott, möchte man (mittels bewusster Irreführung und Manipulation ungebildeter Massen?) einen falschen (weil von der Wahrheit losgelösten) kurzweiligen und lokal eng umgrenzten (Deutschland!!) Anschein von Einheit herstellen, notfalls auch um den Preis einer Ablösung von der Weltkirche und eines tiefen Bruches der Beziehungen zu den Kirchen der orthodoxen und östlichen Traditionen.


Rom hat die Manipulation in "Gemeinsam am Tisch des Herrn" durchschaut. Da diese Manipulation aber sehr geschickt versteckt ist, musste Rom in seinen Ausführungen, wie es die neuerliche Entgegnung des ÖAK formuliert, mit "vielen Vermutungen ('eigentlich') und schillernden Komparative[n] ('eher')" arbeiten, die ihm nun der ÖAK wiederum zum Vorwurf macht. Auch sehr gewitzt! Die neuerliche Stellungnahme des ÖAK ist nur ein weiterer Versuch der Manipulation, aufbauend auf der vorherigen. Man ist sich seiner Sache übrigens absolut und unumstößlich sicher: Die eigenen exegetischen Befunde etwa, werden einfach als "unbestreitbar" bezeichnet, auch wenn es sich dabei v.a. um Behauptungen und Phantasiegebilde handelt. Genau so funktioniert eine Ideologie. Das Resultat kann entsprechend nur eine auf sandiger Ideologie erbaute Scheinstruktur sein...

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