Dienstag, 2. Februar 2021

Ignatianisches am suizidalen Weg?

Eine nicht geringe Zahl von Mitgliedern des suizidalen Weges hat sich kürzlich dagegen gewendet, dass bei selbigem Weg mehr gebetet wird. Diese Opposition gegen das Beten wird zugleich verwurstet mit einem Hohelied der Demokratie. Satiriker haben es echt schwer...

Drei großartige Einsichten hat man dabei Vorgebracht (vgl. hier): "alles Denken und alle Auseinandersetzung um der Menschen willen [ist] geistliche Haltung", "Dialogprozesse, Diskussionen und Abstimmungen sind geistliche
Prozesse" und "Vielfalt in Einheit zu leben ist geistlicher Weg." Also: Gebet brauchen wir nicht, denn praktizierte Demokratie ist quasi schon die Höchstform des Gebets. Diese Logik ernstgenommen, sind die hohen Geistlichen in unserem Land also... die Politiker?

Man kennt das natürlich aus anderen Bereichen, z.B. aus diözesanen Entwicklungsprozessen: Man tut, was immer man will (z.B. Strukturmaßnahmen), und behauptet dann, dies als "geistlichen Prozess" gestalten zu wollen. In der Realität ist dann häufig der einzige Hinweis darauf, dass es sich um einen "geistlichen Prozess" handelt, die Behauptung, dass dies so sei (z.B. in Hamburg). Aber wahr ist: Man kann solche Prozesse als "geistliche Prozesse" gestalten, z.B. mit regelmäßigem Gebet. Am suizidalen Weg ist man aber schon einen Schritt weiter (hin zur Säkularisierung des Christentums): Man behauptet gar nicht mehr, den Prozess "geistlich" gestalten zu wollen, sondern man erklärt, der Prozess sei aus sich heraus schon "geistlich": "Diskussionen, Abstimmungen und Wahlen sind geistliche Prozesse".

Dass die Autoren sich mit ihrer "geistlichen Haltung", ihrem "geistlichen Prozess" und ihrem "geistlichen Weg" letztlich fernab des Christentums stellen (bzw. dieses in weltlichen Strukturen auflösen) erhellt auch daraus, dass sie behaupten, mit der Forderung nach mehr Gebet (gegen die sie sich wenden) sei zugleich eine gewisse Ablehnung von Demokratie verbunden. Und damit haben sie tatsächlich recht: Wirkliches Gebet ist mit Demokratie eher unvereinbar, weil die Wahrheit Gottes nicht per demokratischer Abstimmung gefunden, sondern nur von Gott selbst eingegeben werden kann. Kennen diese Leute etwa nicht das bedeutendste Beispiel für "Demokratie" (Herrschaft des Volkes) in der Bibel? Hier ist es:

»Als das Volk sah, dass Mose noch immer nicht vom Berg herabkam, versammelte es sich um Aaron und sagte zu ihm: Komm, mach uns Götter, die vor uns herziehen. Denn dieser Mose, der Mann, der uns aus dem Land Ägypten heraufgeführt hat - wir wissen nicht, was mit ihm geschehen ist. Aaron antwortete: Nehmt euren Frauen, Söhnen und Töchtern die goldenen Ringe ab, die sie an den Ohren tragen, und bringt sie her! Da nahm das ganze Volk die goldenen Ohrringe ab und brachte sie zu Aaron. Er nahm sie aus ihrer Hand. Und er bearbeitete sie mit einem Werkzeug und machte daraus ein gegossenes Kalb. Da sagten sie: Das sind deine Götter, Israel, die dich aus dem Land Ägypten heraufgeführt haben.« (Ex 32,1-4)


Aber zum Thema.

Diese Menschen scheuen sich auch nicht, Ignatius von Loyola dafür zu missbrauchen, dass man prinzipiell alles an der Kirche per Demokratie ändern könne, weil nichts von vornherein feststeht: 

»Ignatianisch gesprochen braucht es die 'Indifferenz', also die Unvoreingenommenheit von persönlichen Vorlieben, Vorurteilen und Vorfestlegungen.«

Zugegeben: Die ignatianische Gleichmütigkeit (so übersetzt man das richtiger, nicht mit "Unvoreingenommenheit") wird in ca. 99% aller Fälle, in denen auf sie Bezug genommen wird, missbräuchlich verdreht oder zumindest grob falsch verstanden, wenn man sie z.B. als "Ausgeglichenheit" oder als Inbegriff von "Meditation" auffasst. In diesem Fall handelt es sich aber um eine ideologisch motivierte missbräuchliche Verwendung auf höchster Ebene - nämlich zur Infragestellung der Identität der Kirche.

Also, Ignatius: Die ignatianische Gleichmütigkeit gehört zu "Prinzip und Fundament" der Exerzitien. Dort wird sie wie folgt beschrieben (aus der Übersetzung von H.U.v.B.): 

»Der Mensch ist geschaffen dazu hin, Gott Unseren Herrn zu loben, Ihn zu verehren und Ihm zu dienen, und so seine Seele zu retten.

Die andern Dinge auf Erden sind zum Menschen hin geschaffen, und um ihm bei der Verfolgung seines Zieles zu helfen, zu dem hin er geschaffen ist. Hieraus folgt, dass der Mensch sie soweit zu gebrauchen hat, als sie ihm zu seinem Ziele hin helfen, und soweit zu lassen, als sie ihn daran hindern.

Darum ist es notwendig, uns allen geschaffenen Dingen gegenüber gleichmütig (indiferentes) zu machen, überall dort, wo dies der Freiheit unseres Wahlvermögens eingeräumt und nicht verboten ist, dergestalt, dass wir von unserer Seite Gesundheit nicht mehr als Krankheit begehren, Reichtum nicht mehr als Armut, Ehre nicht mehr als Ehrlosigkeit, langes Leben nicht mehr als kurzes, und dementsprechend in allen übrigen Dingen, einzig das ersehnend und erwählend, was uns jeweils mehr zu dem Ziele hin fördert, zu dem wir geschaffen sind.«
Was bei der Bezugnahme auf diese Gleichmütigkeit fast immer unerwähnt bleibt, ist zum einen der Sinn und das Ziel der Exerzitien insgesamt, nämlich eine Hilfe zu sein zu Sinn und Ziel des Menschen: "Gott Unseren Herrn zu loben, Ihn zu verehren und Ihm zu dienen, und so seine Seele zu retten"; zum anderen bleibt der Nebensatz meist unerwähnt, der genau diese Zielausrichtung konkretisiert: Jene Gleichmütigkeit gilt nämlich nur da, "wo dies der Freiheit unseres Wahlvermögens eingeräumt und nicht verboten ist". 
 
Für Ignatius ist unzweifelhaft, dass es eben doch "Vorfestlegungen" gibt, nämlich alles, was Gott in seiner Schöpfung festgelegt hat (Naturordnung) und alles, was er durch seine Offenbarung in die Herzen seines Volkes und in die Kirche gelegt hat (Gnadenordnung: Gebote, Sakramente, die Verfassung der Kirche etc.). Was Gott in der Natur- oder Gnadenordnung verboten hat, das brauchen wir nicht "indifferent" zu beurteilen, denn es ist bereits klar, dass wir es abzulehnen, uns davon fernzuhalten haben - beispielsweise praktizierte Homosexualität (vgl. HIER und hier).

In gewisser Weise meint Ignatius das genaue Gegenteil von dem, was ihm hier gerne unterstellt wird: Es geht gerade darum, dass der Wille des Menschen gefestigt ist, und zwar auf sein Ziel hin (Gottesverehrung und Seelenrettung). Die "Indifferenz" ist kein Absehen vom Willen, sondern sie meint das rechte "Gleichgewicht", die rechte Beurteilung der Naturdinge im Lichte dessen, was uns von Gott als unser Ziel geoffenbart ist. Es geht nicht darum, nicht zu wollen oder zu lieben, sondern darum, das Richtige (zum richtigen Zeitpunkt) zu wollen oder zu lieben, damit wir zu unserem Ziel gelangen. Um dieses "Richtige" zu beurteilen, gibt es einen objektiv gültigen Maßstab "wo dies der Freiheit unseres Wahlvermögens eingeräumt" oder wo es "verboten ist": Das Wort Gottes, von dem das Zweite Vatikanische Konzil sagt: "Die Aufgabe aber, das geschriebene oder überlieferte Wort Gottes verbindlich zu erklären, ist nur dem lebendigen Lehramt der Kirche anvertraut, dessen Vollmacht im Namen Jesu Christi ausgeübt wird." (DV 10)
Damit lehrte Ignatius natürlich nichts Neues, sondern das zählt zum Grundbestand christlichen Weltverständnisses; Ignatius bringt es nur sehr prägnant auf den Punkt.


Sodann berufen sich die Suizidalen auch noch auf den sensus fidei fidelium, den man auch als sensus ecclesiae - ein Fühlen mit der Kirche (oder schlicht: kirchliche Gesinnung) - bezeichnet, und der den "geistlichen" Charakter dieser Demokratie sicherstellen soll. Über diesen sensus schreibt Ignatius u.a.:
»Um das wahre Fühlen zu erlangen, das wir in der diensttuenden Kirche haben sollen, werden die folgenden Regeln beachtet

Die erste. In Absehung jeglichen [privaten] Urteils müssen wir den Geist gerüstet und bereit halten, dazu hin, in allem zu gehorchen der wahren Braut Christi Unseres Herrn, die da ist Unsere Heilige Mutter, die Hierarchische Kirche.

Die zweite. Loben [im Sinne von: Wir versprechen zu tun] die Beichte beim Priester und den Empfang des Heiligsten Sakramentes einmal im Jahr, und viel mehr noch jeden Monat, und viel besser noch alle acht Tage, unter den erforderten und geschuldeten Bedingungen.
 
[...] 

Die neunte. Loben endlich alle Vorschriften der Kirche, stets bereiten Geistes, um Gründe zu ihrer Verteidigung zu finden und in keiner Weise zum Widerstand gegen sie.

[...]«

 
Tja... (vgl. meinen sehr kurzer Senf dazu hier). Wieder zeigt sich, dass der Versuch, diese falsche Reformagenda irgendwie an die Glaubens- und Denktradition der Kirche anzubinden, nicht funktioniert... Und wiederum gilt: Entweder wissen sie nicht, was sie da faseln, oder sie wissen es und führen die Menschen ganz bewusst in die Irre.
Ich finde es immer ganz erstaunlich, wenn die falschen Reformer irgendwelche Heiligen instrumentalisieren, um damit gegen die heilige Ordnung der Kirche zu kämpfen (z.B. Katharina von Siena)... die Tatsache, dass es sich um Heilige der Kirche handelt, müsste jedem schon ein genügender Hinweis sein, dass hier etwas faul ist. Im Zweifel genügt ein flüchtiger Blick in das, was jener Heilige tatsächlich gesagt/geschrieben hat, um den Irrtum der Instrumentalisierer zu beweisen.

Die ultimative Ironie dieses beschämenden Dokuments scheint mir darin zu liegen, dass diese Menschen mit dem irreführenden Rückgriff auf eine der größten religiösen Gestalten "Unvoreingenommenheit" predigen, während das Dokument zugleich dazu dient, ihre eigene Voreingenommenheit gegen DEN allgemeinmenschlichen religiösen Grundvollzug schlechthin zu verbreiten. Die Autoren und ihre Unterstützer sind wahrhaftig "unvereingenommen": sie sind völlig gleichgültig gegenüber der Offenbarung, haben keine Ahnung vom christlichen Glauben und wissen nicht, was Gebet ist - was wohl leider auf die große Mehrzahl der Suizidalen zutrifft (anderes Beispiel: hier).
 
Der Blick auf den Gekreuzigten muss für diese Menschen ganz unerträglich sein... darum ersetzen sie ihn durch "Diskussionen, Abstimmungen und Wahlen"...


Zu dokumentationszwecken. Die sich so dummdreist Äußernden, und das christliche Beten faktisch durch Politik Ersetzenden sind (laut dem Dokument): der "Berufsverband der Pastoralreferent*innen Deutschlands e.V." und der "Bundesverband der Gemeindereferent/-innen Deutschlands e.V."; des Weiteren: fr. Simon Hacker OP, Jan Hilkenbach (Diözesankomitee Paderborn), Ulrich Hoffmann (Präsident des Familienbundes der Katholiken), Lucia Lagoda (Bundesvorstand der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands [kfd]), Viola Kohlberger (Deutsche Pfadfinderschaft Sankt Georg [DPSG], Diözesanverband Augsburg), Wolfgang Klose (Vizepräsident des ZdK und Diözesanrat in Berlin), Nadine Mersch (Sozialdienst Katholischer Frauen), Lukas Nusser (KjG Diözesanleiter in Freiburg), Gregor Podschun (Bundesvorsitzender des BDKJ), Sr. Nicola Maria Schmitt, Brigitte Vielhaus (Bundesgeschäftsführerin der Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands), Prof. Dr. Agnes Wuckelt (stellv. Bundesvorsitzende Katholischen Frauengemeinschaft Deutschlands).

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