Sonntag, 7. Juli 2013

Freut euch!

»... freut euch darüber, daß eure Namen im Himmel verzeichnet sind« (Lk 10,20)

manchmal kommt mir jemand entgegen und lächelt mir zu.
da weiß ich, daß ich voll freude bin.
auf meinem gesicht hat jemand ein leuchten gesehen
und hat selbst zu leuchten begonnen, auf mich hin.

(Ernst Jandl)

Samstag, 6. Juli 2013

Von Erzengeln und Teufeln

In der Ansprache des Heiligen Vaters zur gestrigen Einweihung einer Skulptur des Erzengels Michael in den Vatikanischen Gärten (hier, italienisch) hat mich ziemlich aufgerüttelt... ob positiv oder negativ, weiß ich noch nicht:
Eigene Übersetzung: »Michael kämpft um die Gerechtigkeit wieder aufzurichten; er verteidigt das Volk Gottes gegen seine Feinde und v.a. gegen seinen größten Feind, den Teufel. Und Sankt Michael siegt, weil in ihm Gott handelt. Diese Skulptur erinnert uns daran, dass das Böse besiegt, der Ankläger entlarvt, sein Kopf zertreten ist, denn die Erlösung ist ein für alle Mal vollbracht im Blute Christi. Auch wenn der Teufel immer versucht, das Antlitz des Erzengels und des Menschen zu zerkratzen - Gott ist stärker; sein ist der Sieg und sein Heil ist jedem Menschen angeboten.«

Es ist eine sehr krasse Sprache, und was sie zum Ausdruck bringt ist ziemlich unzeitgemäß. Schließlich heißt es: "ihn bitten wir, dass er uns vor dem Übel beschütze und es hinauswerfe." Das ist natürlich biblische Sprache (Offb 12,9). Schaden kann eine solche "Weihe" dem Vatikan sicherlich nicht. Aber ich bin mir noch nicht sicher, ob der verkündigenden Wirkung solcher Worte.
Ich frage mich, wie lange die Flitterwochen mit den Medien wohl noch gehen... und wann ihnen auffällt, dass dieser Papst so schockierend unmodern ist...
Man darf gespannt sein.

Sancte Michael, ora pro nobis!

SETI und DNA

Vorweg: Astronomie ist nicht mein Fach, ich schöpfe im Wesentlichen aus meinem Allgemeinwissen.

Auf Facebook machte neulich dieses Bild die Runde. Natürlich geht es um die Frage, inwiefern man die Existenz eines Schöpfers naturwissenschaftlich "beweisen" kann und um die angebliche Ignoranz der Wissenschaftler.

Auf der linken Seite haben wir jemanden der wohl von SETI (wer nicht weiß, was das ist, schaue hier) sein soll und rechts soll wohl ein Biologe dargestellt sein.

Das Bild ist eine ziemlich plumpe Manipulation.

Zunächstmal: Der Versuch, Radiowellen möglicher (!) außerirdischer Zivilisationen aufzufangen, ist hier völlig falsch und irreführend beschrieben.
Worum es bei SETI geht ist, Signale aufzufangen, die nicht natürlchen Ursprungs sind. Was das ist, wissen wir, denn wir Menschen produzieren haufenweise solcher elektromagnetischer Wellen: Alles was wir an kabelloser Datenübertragung tätigen (Fernsehen, Radio, Radar uswf.). Seit Mitte des letzten Jahrhunderts strahlen wir Menschen unsere Daten ins All hinaus. Der Versuch, nun nach solcherlei Signalen zu horschen die von anderen Zivilisationen aufgesendet wurden, das ist SETI. Hier kann man durchaus von "codierten" Signalen sprechen. Signale, die künstlich erzeugt sind um eine Information zu transportieren. Es gibt auch unspezifische, "uncodierte" Radiowellen die künstlich produziert werden, etwa in einer Mikrowelle.
Nun können elektromagnetische Wellen die (durch ihre Wellenlänge und Frequenz) zum Radiobereich gehören auch ganz natürlich entstehen, etwa durch Pulsare (ein schnell rotierender Neutronenstern) und Quasare (ein Galaxienkern). Auch die oft zu lesende "kosmische Hintergrundstrahlung", die als Beleg für die Big Bang-Theorie gilt, ist eine solche Strahlung. Es gibt einen eigenen Wissenschaftszweig, der sich mit sowas befasst, die Radioastronomie.
Was nun SETI versucht (hat) ist nicht mehr und nicht weniger, als in den Radiosignalen, die ständig bei uns auf der Erde von überall her eintreffen, nach Mustern zu suchen die uns aus unserer eigenen Zivilisation bekannt vorkommen, nach Signalen also, die nicht nach den bekannten natürlich entstandenen Mustern gestrickt sind. Pulsare z.B. werden mit der Zeit langsamer, sind aber ansonsten sehr regelmäßig. Wonach gesucht wird, sind Signale, die schwerlich natürlichen ursprungs sind. Was soll das sein? Also doch ein "Code"? Ja, aber: Es geht schlicht um Daten, die von "jemandem" eingegeben wurden. Informationen, die nicht wie das gleichmäßige natürliche Rauschen irgendwelcher Sternennebel oder das regelmäßige Pulsieren wie von Pulsaren klingen... sondern man sucht nach Dingen, wie sie auch wir Menschen mittels Radiowellen ins All schicken. Also v.a. um komplexe mathematische Reihen, denn unsere Informationen, etwa die Daten auf einer CD, bestehen aus purer sehr komplexer Mathematik. Wobei auch "einfachere" Reihen schon ein guter Hinweis auf einen "intelligenten" Ursprung sein können, etwa, wie es in dem Film "Contact" dargestellt wurde, eine Reihe von Primzahlen. Pulsare pulsieren nunmal nicht in Primzahlen.
Es geht hier also, grob gesagt, um eine recht klare Unterscheidung zwischen natürlichen Phänomenen (die Gegenstand der Radioastronomie sind) einerseits, und um die elektromagnetischen "Ausdünstungen" einer möglichen anderen Zivilisation andererseits.


Kommen wir mal zur DNA. Handelt es sich hier um einen "Code"?
Hier liegt wieder eine dezent manipulierende Haltung vor: Natürlich sprechen Forscher auch immer wieder davon, eine Information sei "in der DNA codiert" und meinen damit, dass die DNA gewissermaßen einen Bauplan (den Genotyp) für ein Lebewesen (seinen Phänotyp) "enthält". Aber von dem was man gemeinhin unter "Code" versteht, kann hier kaum die Rede sein.
Ein Code ist ja nichts anderes als eine Sprache. Jede Sprache ist letztlich eine "Verschlüsselung" von Informationen, die nur Eingeweihte aus ihr herauslesen können... beherrsche ich die Sprache nicht, komme ich nicht an die Informationen ran. Die DNA ist aber keine Sprache.
Ich hatte mich dazu bereits hier (klick) geäußert:
»Eine Sprache (z.B. das Englisch Shakespeares) ist schwerlich mit DNA vergleichbar... das Wort "Sofa" z.B. beschreibt eine bestimmte Sorte von Gegenständen, wie auch bestimmte Einzelexemplare. Aber das Wort an sich hat nichts an sich was es mit dem Gegenstand "wirk-lich" verbindet. Das Wort kann beliebig mit anderen Bedeutungen belegt oder ersetzt werden, ohne dass sich irgendetwas ändert: Wenn ich plötzlich anfange die Blume, die Vicco (R.I.P.) in der Hand hält als "Sofa" zu bezeichnen (und umgekehrt) und ich andere dazu bringe, dies auch zu tun, dann würde sich nichts in der Welt ändern, die Verknüpfung zwischen Wort und Gegenstand ist dann auch nicht "mehr" oder "weniger" sinnvoll. Eine menschliche Sprache kann das.
Wenn ich aber an der DNA (und der dortigen Abfolge von "Buchstaben") und also am Genotyp eines Organismus etwas ändere, dann ändert sich die Wirklichkeit! Denn es ist eben jene spezifische Abfolge von Basen die bestimmt, welches Protein am Ende produziert wird... ändere ich die Basen, ändere ich das Protein und seine Funktion und so den Phänotyp des Organismus. Hier sind chemische Prozesse am Werk und also besteht eine reale, physische!, Verknüpfung zwischen dem angeblichen "Wort" (DNA) und dem Gegenstand, dem Protein.
Der vergleich der Wesenheit der DNA mit der von Literatur ist in etwa so Sinnvoll, wie der Vergleich der Wirkweise von Olivenöl beim Braten mit der einer Bärenfalle.«
Die DNA ist kein "Code" in dem Sinn, keine Sprache, wie es uns die Karikatur glaube machen will.
Wie schon häufiger in dieser kleinen Serie (die ich leider - mea culpa - in den letzten 2 Monaten vernachlässigt habe) erwähnt: Wir wissen, wie diese ganz bestimmten, "codierten" Abfolgen von Basen in der DNA auf natürlichem Weg entstehen... wir kennen die Prozesse die dahinter stehen... und wir können es ja selbst nachmachen (Genmanipulation, Klonen etc.) und ganz gezielt damit arbeiten. So ähnlich ist das auch mit elektromagnetischen Wellen: Wir wissen, wie sie in der Natur entstehen und wir produzieren selbst rechlich davon. Deshalb könnne wir auch zwischen natürlich entstandenen und künstlich (von einer "Intelligenz") produzierten unterscheiden.



Nachtrag: Dass ich es mir "einfach" gemacht habe mit der Frage nach der "Codierung" und diesen Punkt eigentlich umschifft habe, liegt daran, dass es in der Karikatur gar nicht um Codes geht, sondern nur um das Erzwingen einer angeblichen durch Idiologie ausgeblendeten Parallele in diesen beiden Wissenschaftsbereichen, die aber so nicht existiert. Das Wort "codierte Information" ist dort nur ein Mittel zum Zweck, hat aber keinen spezischen Inhalt, der über "da ist etwas, was man unter den Begriff 'Information' fassen könnte" hinausgeht. Wenn der Autor nur von "Information" statt von "codierter..." gesprochen hätte, wäre die Aussage die gleiche, die manipulative Absicht würde aber nicht so reinhaun, denn das Wort "codiert" soll implizieren, dass da JEMAND ist, DER diese Codierung vornimmt, und genau auf diesen kleinen Trick kommt in dieser Karikatur alles an! Bei der Deutung von Radiowellen als Zeichen außerirdischer Intelligenz stimmt das ja auch, bei Genen eben nicht.
Diesen Unterschied zwischen "Designtem" (in dieser Karikatur: "Codiertem") und "nicht Designtem" habe ich hier (klick) bereits ausführlich behandelt. Die Karikatur bietet von der Strategie her also nichts Neues.

Freitag, 5. Juli 2013

... in der Welt


Das Gebet eines Lebens in der Welt ist - quasi halbamtlich - eine öffentliche Funktion.
In so vielen Schichten gibt es keine glaubenden Menschen mehr und noch weniger Menschen, die anbeten. Selbst wenn man weiß, das christliche Gebet ist für alle da, liegen ihm doch diejenigen, mit denen man umgeht und die einem vor Augen sind, mit besonderem gewicht am Herzen.
Heute ist beten die größte Wohltat, die man der Welt erweisen kann.  

(Madeleine Delbrel, † 1964)

Glaube und Kirche

Nun haben wir also gleich zwei Päpste, die uns in wunderbarer Einmütigkeit die Kirche als unsere Mutter vor Augen stellen (vgl. hier).
»Die Kirche ist eine Mutter, die uns lehrt, die Sprache des Glaubens zu sprechen.« (LF 38)

Wie dann aber der Glaube bedroht ist und so auch die Nähe zu dieser Mutter, wird dann an der Einheit des Glaubens gezeigt: 
»Da der Glaube einer ist, muss er in seiner ganzen Reinheit und Unversehrtheit bekannt werden. Gerade weil alle Glaubensartikel in Einheit verbunden sind, kommt die Leugnung eines von ihnen, selbst von denen, die weniger wichtig erscheinen, der Beschädigung aller gleich.« (LF 48)

Der Glaube ist darum aber nicht monolithisch, sondern lebendig:
»Die Einheit des Glaubens ist also die eines lebendigen Organismus. Das hat der selige John Henry Newman sehr schön hervorgehoben, als er unter den Kennzeichen zur Unterscheidung der Kontinuität der Lehre in der Zeit ihr Vermögen aufzählte, alles in sich zu assimilieren, was sie in den verschiedenen Bereichen, wo sie hingelangt, und in den verschiedenen Kulturen, denen sie begegnet, vorfindet. Dabei läutert sie alles und bringt es zu seinem besten Ausdruck.« (Ebd.)

»Als Dienst an der Einheit des Glaubens und an seiner unversehrten Weitergabe hat der Herr der Kirche die Gabe der apostolischen Sukzession geschenkt. Durch sie wird die Kontinuität des Gedächtnisses der Kirche gewährleistet und ist es möglich, sicher aus der reinen Quelle zu schöpfen, aus der der Glaube kommt. [...] Dank des Lehramts der Kirche kann dieser Wille [Gottes] unversehrt auf uns kommen und mit ihr die Freude, ihn vollkommen zu erfüllen.« (LF 49)

Schön. :)

Ein Wort in Gottes Ohr?


»Da der Glaube ein Licht ist, lädt er uns ein, in ihn einzudringen, den Horizont, den er erleuchtet, immer mehr zu erforschen, um das, was wir lieben, besser kennen zu lernen. Aus diesem Wunsch geht die christliche Theologie hervor. Es ist also klar, dass Theologie ohne Glauben unmöglich ist und dass sie zur Bewegung des Glaubens selbst gehört, der die Selbstoffenbarung Gottes, die im Geheimnis Christi gipfelte, tiefer zu verstehen sucht. [...] Die großen mittelalterlichen Lehrmeister und Theologen haben darauf hingewiesen, dass die Theologie als Wissenschaft des Glaubens Teilhabe am Wissen ist, das Gott von sich selbst hat. [...] Zur Theologie gehören daher die Demut, sich von Gott anrühren zu lassen, und die Disziplin, die sich der Ordnung der Vernunft verpflichtet. 
Die Theologie teilt ferner die kirchliche Gestalt des Glaubens; ihr Licht ist das Licht des glaubenden Subjekts, der Kirche. Das schließt einerseits ein, dass die Theologie im Dienst des Glaubens der Christen steht, sich demütig der Bewahrung und der Vertiefung des Glaubens aller, vor allem der Einfachsten widmet. Außerdem betrachtet die Theologie, da sie vom Glauben lebt, das Lehramt des Papstes und der mit ihm verbundenen Bischöfe nicht als etwas, das von außen kommt, als eine Grenze ihrer Freiheit, sondern im Gegenteil als eines ihrer inneren, konstitutiven Elemente, weil das Lehramt den Kontakt mit der ursprünglichen Quelle gewährleistet und folglich die Sicherheit bietet, aus dem Wort Christi in seiner Unversehrtheit zu schöpfen.« (Lumen fidei , 36)

Ich weiß nicht recht, was ich davon halten soll... Ist ja alles richtig, aber... Im Grunde gibt es zwei Fraktionen (mit dezent verwaschenen Grenzen): Die die nicken, sich bestätigt fühlen und weitermachen - das ist die Minderheit. Und dann ist da die Mehrheit der Theologen, jene die sich müde lächelnd abwenden von dem "naiven alten Mann in Rom", und sich wieder ihrem Hans Blumenberg zuwenden (so wie der hier).
Ist ja schön, das mal wieder gesagt zu bekommen. Aber...

Donnerstag, 4. Juli 2013

Fortschritt

 
»Der Fortschritt der Seele besteht nicht im vielen Denken, sondern im vielen Lieben. Wie aber kann man sich diese Liebe erwerben? Ich sage, dadurch, dass sich eine Seele entschließt, für Gott zu wirken und zu leiden, und zwar so oft sich eine Gelegenheit dazu bietet.«

(Theresa von Avila, Buch der Klosterstiftungen, V. Hauptstück)

Die Stimme des Bischofs

Ich wurde neulich mal gefragt, worum ich immer so auf meinem Bischof rumhacke (z.B. hier). Spaß macht mir das nicht. Ich bin sehr traurig darüber und zuweilen regelrecht beschämt deswegen (z.B. hier)! Die Antwort ist einfach (Lektüre des ersten verlinkten Beitrags empfohlen): Darum.

Nun ist das EKD Papier zur Familie seit Wochen draußen und innerevangelisch befleißigt man sich, dazu Stellung zu beziehen. Manche deutschen Bischöfe tun das auch. Mein Bischof aber, der als "Vorsitzender der Deutschen Bischofskonferenz" nunmal das Sprachrohr der deutschen Bischöfe ist, auf das sich nolens volens immer alle verzweifelt nach einer Stellungnahme herumsuchenden Mikrophone richten, schweigt. Zu diesem beispiellosen moralischen Bankrott in deutschen Landen hat er nichts zu sagen.
Das ist der Grund, warum ich immer so auf meinem Bischof rumhacke. Leider.

Bin gespannt ob/wann sich da mal was tut...

Dienstag, 2. Juli 2013

EKD: Ein Komisches Desaster

Ich habe mich bislang zurückgehalten, was jene "Orientierungshilfe" über Ehe und Familie anlangt. Es machte einfach zu viel Spass, einfach nur zuzuschauen.

Es entbehrt nämlich nicht der Komik, was da passiert. Denn an sich ist das Papier ja zunächstmal duchaus "realistisch", weil es das Faktische feststellt (herzlichen Glückwunsch dafür). Und natürlich verlässt es den Grund des biblischen Glaubens, wenn es vor diesem Faktischen nicht nur kapituliert, sondern es sich zu eigen macht. 
Hätten die Katholiken das "zuerst" getan, hätten die Protestanten all die Häme und all die Polemik aus alten Tagen hervorgekramt und die Katholische Kirche ob ihrer Bibelferne bepflastert um ihre Scham zu überdecken, dass es nicht sie (zuerst) erwischt hat! (Das ist wie mit dem NSA-Skandal: Wäre ein vergleichbarer Skandal in China aufgeflogen, wäre der betreffende chinesische Whistleblower von den USA als Held der Freiheit des Menschengeschlechts bejubelt worden... da nun aber der Aufflug in den USA passierte, haben wir einen die Freiheit gefährdenden und mit allen Mitteln verfolgten Landesverräter vor uns.) Aber, und das finde ich eben im wahrsten Sinne "komisch": Es kam eben anders. Was bleibt, wenn man von "sola scriptura" das "scriptura" abzieht? Na, die Wahrheit wohl nicht... wohl aber die Mehrheit.

Es war dann auch sehr amüsant, als der verantwortliche EKD-Chef verlauten ließ, die Diskussion sei gut, diese hätte man ja mit dem Papier auch erreichen wollen. Ich halte das für billige Ausflüchte und einen Versuch, sich das Desaster schön zu reden, denn: Wenn ich nur eine Diskussion anregen möchte, brauche ich nicht 3 (drei!) Jahre lang eine Komission von "Experten" arbeiten und über Formulierungen und ihre Außenwirkung knobeln lassen. Diskussionen kann man mit einem einzigen gut platzierten Wort in einem beliebigen Interview anregen (siehe hier). Nein, Herr EKD-Chef, dieses Papier ist ein groß angelegtes und als zukunftsweisend intendiertes Machwerk einer völlig säkularen, aber sich "christlich" tünchenden, Expertokratie. Kein Versprecher, kein freudscher Fehler, sondern ein Coming-out!

Das "komische" Sahnehäubchen hat freilich Bischof Vorderholzer aufgesetzt, als er, der katholische Bischof, Luthers enterbten Erben zurief, und mehr gibt es eigentlich nicht zu sagen: "Kehrt bitte auf den Boden der Heiligen Schrift zurück!"

Montag, 1. Juli 2013

Herman Schell

Jakob Herman Schell, 1850 in Freiburg im Breisgau geboren, 1906 gestorben, war auf faszinierende Weise anachronistisch. Studiert hat er in Freiburg, Würzburg und Rom, 1872 (im Alter von 22!) hat er in Freiburg in Philosophie promoviert, 1873 wurde er zum Priester geweiht, 1883 dann die Promotion in Theologie in Tübingen.
Leo Scheffczyk sagte über ihn, er habe 50 Jahre zu früh gelebt. Und wie er damit recht hat!

Schell hat vieles (positive) was vor, mit oder nach dem Zweiten Vatikansichen Konzil in der Kirche geschah vorweggenommen. Als sein Hauptwerk kann wohl seine "Katholische Doagmatik" gelten, die 1889-1893 erschien und die in den 70ern eine kritische Neuausgabe erfuhr. So hat Schell etwa in seiner Dogmatik die gleiche Gottebenbildlichkeit von Mann und Frau gelehrt (was, siehe hier, noch bis mitte des 20. Jahrhunderts in Theologie und Kanonistik alles andere selbstverständlich war), er strich die Bedeutung der Predigt in der hl. Messe heraus (die nach damaligem Verständnis nicht zur Feier gehörte und eher lax gehandhabt wurde), er lehrte die Einheit des Weihesakramentes und als Materie des Sakraments der Priesterweihe (was es dann für ihn auch als ein einziges erweist) nannte er die Handauflegung und eben nicht die Überreichung des liturgischen Gerätes (wie man seit dem Mittelalter dachte). Letzteres wurde ein halbes Jahrhundert später von Pius XII. höchstautoritativ so festgelegt. Schell sprach sich außerdem für einen weiträumigeren Gebrauch der Volkssprache in der Liturgie und eine verstärkte Beteiligung der Laien an derselben aus.

Herman Schell starb recht früh an Herzversagen, was sicherlich auch damit zu tun hatte, dass er zeitlebens viel zu kämpfen hatte. Einige seiner Schriften fanden sich schließlich aus Gründen auf dem Index der verbotenen Bücher wieder, die nicht wenig fragwürdig sind (es ging dabei ausdrücklich nicht um seine theologischen Sondermeinungen!) und er scheint überhaupt der Lieblingssandsack vieler seiner Kollegen gewesen zu sein.
Er war ein Querdenker und seiner Zeit voraus, er liebte die katholische Kirche über alles und sprengte die damals übliche Neuscholastik für sich auf (was wohl der Hauptgrund für die Anfeindungen war), indem er, vereinfacht gesagt, den Glauben nicht aus sich selbst heraus zirkulär begründete indem er etwa einfach Thomas zitierte und damit die Argumente der Atheisten für erledigt betrachtete, sondern er ging wirklich die Argumente der Gegner an. Er betrieb im Prinzip das, was Thomas machte, nur eben im ausgehenden 19. und beginnenden 20. Jahrhundert, während seine Kollegen eher in der damals gesamtkirchlich anzutreffenden "Einkehr" verharrten.

Natürlich ist auch Schell nicht frei von Fehlern, aber immerhin wurde er nach dem letzten Konzil wieder entdeckt (und inzwischen weiderum quasi vergessen, da er für alles was mit dem "Geist des Konzils" zu tun hat nicht nutzbar ist) und es waren ja auch nicht alle seine Zeitgenossen gegen ihn. Matthias Joseph Scheeben etwa, hat ihn in höchsten Tönen gelobt und besonders die tiefe Kenntnis von Patristik und Scholastik, die Schell in seiner Dogmatik bewies, herausgestellt. Er war ein "apologetischer Dogmatiker", der das museale Mausoleum, wie es Schleiermacher nannte, in das die damalige Kirche sich hineinmanövriert hatte, aufbrach... 50 Jahre vor der Zeit.