Donnerstag, 8. April 2021

Zum Tod von Hans Küng

R.I.P.



Der Vorsitzende der DBK sagte: „In seinem Wirken als Priester und Wissenschaftler war es Hans Küng ein Anliegen, die Botschaft des Evangeliums verstehbar zu machen und ihr einen Sitz im Leben der Gläubigen zu geben.“ Und er dankte ihm „für sein jahrelanges Engagement als katholischer Theologe in der Vermittlung des Evangeliums“ (hier).

Mal davon abgesehen, dass Hans Küng seit 1979 keine Lehrberechtigung als „katholischer Theologe“ mehr hatte und das Evangelium bestimmt auch ohne die Vermittlung von H. Küng „verstehbar“ ist, seien ein paar Worte über diesen großen Denker verloren, den ich, ganz ehrlich, so gar nicht leiden kann, schon weil zu seinen Grundgedanken die Aufhebung der Transzendenz zählt: Gott ist für ihn nicht ein Gegenüber zur Welt (und so ihr Schöpfer und schließlich Richter), sondern er ist in der Welt, wie Küng in seinem Buch zur „Menschwerdung“ von 1970 ausführt: „Gegen alle biblizistische Berufung auf den biblischen Gott und alle traditionalistische Berufung auf den traditionell-christlichen Gott muss es bleiben bei der nachkopernikanisch-neuzeitlichen Einsicht: Gott in der Welt, Transzendenz in der Immanenz, Jenseitigkeit in der Diesseitigkeit.“ Aber dennoch sei kurz jenen beiden Punkten nachgegangen: War er „katholisch“ und ging es ihm um das „Evangelium“? (Dass ein Bischof Bätzing sich so sehr an Küng anschmiegt, lässt jedenfalls für die Richtung, in die selbiger Bischof die Katholiken in Deutschland zu manövrieren gedenkt, nichts Gutes ahnen.)


War Küng „katholisch“?

Küngs Abfall von der Kirche kam endgültig mit seinem Buch „Unfehlbar?“ (ebenfalls 1970), das ironischerweise auch seinen vielleicht prominentesten Irrtum (methodisch wie inhaltlich) darstellt: Küng bestreitet die Unfehlbarkeit der Kirche insgesamt sowie des obersten Lehramtes im Besonderen, indem er auf Dogmen verweist, die seiner Ansicht nach falsch sind; dieser Selbstwiderspruch zeige ihm zufolge, dass es diese Unfehlbarkeit nicht geben könne. Und zwar dient ihm als Beweis für „falsche Dogmen“ ausgerechnet die Enzyklika Humanae Vitae. Die darin enthaltene Lehre sei ein Dogma und sie sei offenkundig falsch. Nur leider unterlässt es Küng, zu zeigen, warum HV seiner Ansicht nach falsch sein soll, er setzt deren Falschheit einfach als etwas Selbstverständliches voraus (siehe dagegen die beiden Sammelbände von Janet E. Smith „Why Humanae Vitae Was Right“ [1993] und „Why Humanae Vitae Is Still Right“ [2018]). Selbst ein Karl Rahner ließ an Küngs These zur Unfehlbarkeit kein gutes Haar und wies nach, dass Küng im Grunde die ganze kirchliche Lehtradition mindestens der letzten 500 Jahre ablehnt und sich somit auch jeder Grundlage eines innerkatholischen Dialogs beraubt hat (in dem Sammelband „Zum Problem Unfehlbarkeit“). Alles Bemühen um Verständigung und Frieden zwischen Konfessionen und Relgionen ist am Ende eine Lüge, wenn es auf Kosten der Wahrheit geht.


Ging es Küng um das Evangelium?

Hans Küng ging es immer um die Menschen, um Frieden und Gerechtigkeit… alles überaus löblich, und er gilt zurecht als einer der einflussreichsten Denker der letzten Jahrzehnte. Aber Küng ging es nicht um „die Botschaft des Evangeliums“. Ihm ging es bestenfalls um seine verkorkste Version dieser Botschaft, und die ist eines sicher nicht: katholisch. Jedenfalls stellt er in seinem Bestseller „Christ sein“ (1974) unübersehbar zur schau, dass es ihm gänzlich egal ist, was die Kirche lehrt, er ist v.a. sich selbst und seinen mal mehr, mal weniger diffusen Ideen treu. (Wiederum Karl Rahner bemerkte übrigens zu dem Buch, dass Küng darin gedanklich die letzten paar Jahrhunderte wohl verschlafen hat...). Für ihn ist Jesus einmalig, unersetzbar, eintzigartig als Vorbild für uns Heutige. Jesus, so Küng an anderer Stelle, ging es sowieso eigentlich nicht um „Religion“... und wäre es ihm um eine solche gegangen, dann jedenfalls eine „priesterlose“. Viel mehr als ein Vorbild ist dieser Jesus dann doch nicht… „Sprecher“ Gottes, sein „Sachwalter“ hat er ihn genannt. Hans Küng kann Jesus sogar als „Gottes Wort, Wille, Sohn“ bezeichnen, jedoch meint Küng damit die Funktion die Jesus in seinem Leben, Reden und Tun ausgeführt hat, nicht ihn selbst als Person. Auf die unausweichlich klare Frage, ob Jesus Christus in dem Sinne Gott ist, dass ihm auch (göttliche) Anbetung im strengen Sinne gebührt – der Lackmustest für eine authentische Christologie, denn wäre Christus weniger als Gott, wäre seine Anbetung Götzendienst –, weiß Hans Küng nichts zu antworten. Für ihn gibt es eigentlich keine Heilsgeschichte, es gibt nur eine Aufklärungsgeschichte, denn „Heil“ würde „Unheil“ (Sünde) voraussetzen und sogar die Möglichkeit des Verlorengehens – das darf nach Küng aber nicht sein, gleichwohl es in der Predigt Jesu breiten Raum einnimmt.



Ein Wort zu seinem literarischen Nachlass: Ich kenne zahlreiche Personen, die anhand von Büchern aus der Feder Joseph Ratzingers (wieder) zur Kirche gefunden haben. Ob das seine „Einführung“ ist, seine ersten beiden Interviewbücher mit Peter Seewald, seine Jesus-Trilogie oder seine Meditationen. Ratzinger weiß das Christliche authentisch darzustellen, Faszination und Neugierde zu wecken. Hans Küng begeistert niemanden für Jesus, seine Schriften führen nur weg von ihm, mehr als ein Gutmenschentum findet man bei ihm nicht. Ermutigend für mich ist es daher, dass das Interesse an Küngs Büchern bereits sehr deutlich geschwunden ist. Am Ende ist es doch immer wieder nur das Selbe. Seine „Sämtlichen Werke“, die der Herder-Verlag in 24 Bänden herausgibt, sind, wie ich aus internen Quellen weiß, mit eine der am schlechtesten laufenden Reihen, die der Verlag aktuell zu bieten hat (mit Abstand am besten laufen übrigens die Gesammelten Werke Ratzingers!). Was der Verlag da an Exemplaren absetzt, reicht gerade mal um die wissenschaftlichen Bibliotheken zu bestücken, die diese Bände brauchen, darüber hinaus kauft kaum jemand diese Bücher (sie sind überdies auch als Objekte von eher minderwertiger Qualität, aber das nur am Rande).


In seinem Werk „Damit die Welt glaube“ (1962) zitierte Hans Küng einmal den überaus bedeutenden Kirchenschriftsteller Origenes (gest. 254) mit diesen Worten:

»Ich möchte ein Mann der Kirche sein und nicht nach irgendeinem Gründer einer Häresie, sondern nach Christi Namen benannt werden und diesen Namen tragen, der auf Erden benedeit ist. Und es ist mein Begehren so der Tat als dem Geiste nach ein Christ genannt zu werden. Wenn ich, der ich deine rechte Hand zu sein scheine, der ich den Priesternamen trage und das Wort Gottes zu verkünden habe, etwa gegen die kirchliche Lehre und die Regel des Evangeliums verstieße, so dass ich dir, Kirche, zum Ärgernis würde, so möge mich die gesamte Kirche in einhelligem Beschluss, mich, ihre Rechte, abhauen und von sich werfen.«

Hätte er sich dies zu Herzen genommen, wäre er vermutlich einer der wichtigsten Theologen des 20. Jahrhunderts und für die ganze Kirche sicherlich bedeutsam geworden... Die Kirche hat ihren Part erfüllt (und sie müsste es noch viel häufiger tun).

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