Ich habe dieser Tage, im Lichte der aktuellen Entwicklungen in vielen Ländern hin zu einer Legalisierung etwa der gleichgeschlechtlichen "Ehe" und anderer solcher Tendenzen, die Rede vom Katechon verschiedentlich erlebt. Ein paar abendliche Gedanken zu diesem Begriff.
Katechon ist ein Begriff den Paulus verwendet: gr. katecho bedeutet aufhalten, niederhalten; das Substantiv meint "der Aufhaltende" (oder auch: Hemmende).
»Denn zuerst muss der Abfall von Gott kommen und der Mensch der Gesetzwidrigkeit erscheinen, der Sohn des Verderbens, der
Widersacher, der sich über alles, was Gott oder Heiligtum heißt, so
sehr erhebt, dass er sich sogar in den Tempel Gottes setzt und sich als
Gott ausgibt. Erinnert ihr euch nicht, dass ich euch dies schon gesagt habe, als ich bei euch war? Ihr wisst auch, was ihn jetzt noch zurückhält, damit er erst zur festgesetzten Zeit offenbar wird. Denn
die geheime Macht der Gesetzwidrigkeit ist schon am Werk; nur muss erst
der beseitigt werden, der sie bis jetzt noch zurückhält.« (2Thess 2,3-7)
Mir scheint der Kontext, in dem das Wort derzeit von manchen gebraucht wird recht irreführend. Man identifiziert nämlich häufig die Kirche mit ihm in dem Sinne, dass es die Kirche sei, die sich (als letzte Instanz) gegen die schon genannten gesellschaftlichen Trends, gegen die Anomie stellt. Es ist ein recht dunkler Begriff und Paulus macht es uns nicht eben einfacher, ihn zu verstehen, wenn er sich ohne es weiter auszuführen auf etwas beruft, was er den Thessalonichern mündlich gesagt hat (soviel zu "sola scriptura"...).
Die Kirchenväter sahen im Katechon das römische Imperium bzw. die staatliche Macht an sich benannt. Zuweilen dachte man, der Antichrist würde aus dem Volk Israel kommen und es sei folglich die römische Herrschaft über deren Land, was ihn zurückhält. Den Katechon mit der Kirche zu identifizieren halte ich für sehr fragwürdig, da es heißt, dieser Katechon werde vor dem Ende beseitigt werden, sodass er den Antichrist eben nicht länger aufhalten kann. Die Kirche wird aber nicht vor dem Ende beseitigt, sie wird am Ende verherrlicht. Ihr Schicksal ist defintiv ein anderes. So sehr also die Kirche sich gegen solche dramatischen Tendenzen des moralischen Verfalls stemmt, scheint mir dies nicht den Sinn des den Antichrist Aufhaltenden zu treffen.
Dietrich Bonhoeffer hat sich sehr (im positiven Sinne) erschütternd damit befasst (Ethik, 46). Er sieht ebenfalls den Staat in der Rolle des Katechon, gesteht aber der Kirche zumindest eine unterstützende Funktion zu in dem Sinne, dass der Staat in seiner zwangsläufigen Not in der Kirche einen "Bundesgenossen" erblicken wird, und dass "alles, was an Elementen der Ordnung noch vorhanden ist [...] die Nähe der Kirche" sucht. Bonhoeffer geht aber noch weiter und nimmt die zentrale Aufgabe der Kirche in den Blick (für ihn als Protestant ist das die Predigt) und kommt so alsbald zum Martyrium, wenn er schreibt: "ihr [der Kirche] Leiden ist dem Geist der Zerstörung unendlich viel gefährlicher als die etwa noch verbliebene politische Macht."
Außerdem, und das stellt Bonhoeffer auch sehr schön heraus, besteht die Aufgabe der Kirche gar nicht darin, das Ende abzuwenden. Sie verkündet ja Christus den Lebendigen und damit auch den Kommenden, dessen Kommen sie sogar erfleht.
Mit dieser Einschränkung, bei der sich der eigentliche Katechon, die Ordnungsmacht (nach Bonhoeffer: eine physische Kraft!), nurmehr an die Kirche ankuschelt, kann ich gut leben. Aber die Kirche kann nicht der Hauptakteur sein wenn es darum geht, den letztlichen Abfall zu hemmen, da sie, wie gesagt, nicht vor dem Ende beseitigt wird (zumal sie ja auch keine weltliche Macht sein darf) und weil sie den Kommenden verkündet.
Der moralische Verfall ist ein Phänomen, das v.a. vom Staat sehr direkt gesteuert werden kann, etwa durch moralfreie Gesetze (Abtreibung etc.). Der Einfluss der Kirche ist sehr viel subtiler und (außer vllt. im deutschsprachigen Raum) nicht an staatliche Strukturen gebunden. Die Kirche wird vielmehr "das Todesleiden Jesu" an ihrem Leib tragen müssen (vgl. 2Kor 4,10) und wie Er standhalten in der Flut, um so die Krone der Herrlichkeit (s. Bild) zu erlangen. Sie kann aber die Flut nicht aufhalten.
PS. Interessanterweise kann gr. katecho auch bedeuten, etwas "im Besitz zu behalten". Das mag mit ein Grund sein, warum manche Kirchenväter auch den Satan selbst als den Katechon betrachtet haben... was hieße das dann für den Staat, der doch z.B. die Gesetze sein Eigen nennt?
Auf dem JA des Glaubens Blog gibt es einen netten kleinen Beitrag zur Frage des "Glaubens an..." und des Glaubens ohne "an", z.B. "Ich glaube... die katholische Kirche". Das ist auch eine Frage, die mich in der Zeit meiner Bekehrung sehr beschäftigt hat.
Ich kann mich aus Zeitmangel jetzt nicht ausbreiten, daher nur ein paar mögliche Ansätze: Die Formulierung "Ich glaube... die katholische Kirche" meint zunächst, dass man die Existenz dieser Kirche anerkennt (wie auch der anderen "Mysterien", von denen Rufinus spricht). Die Kirche ist kein "Gegenüber" des Glaubens, aber sie ist der "Ort" in dem der Glaube ver-ortet ist. Das "an" bezieht sich immer auf das personale Gegenüber.
Zugleich besteht die Kirche aber aus ihren Gliedern, also aus denen, die glauben, was dem Glaube der Christen eine gewisse "konstitutive" Bedeutung für die Kirche zuweißt. Im Mittelalter sagte man, dass die Kirche so lange (auf Erden) existiere, solange auch nur ein einziger Mensch ("eine Frau") glaubt. "Ich glaube die Kirche" könnte man also fast schon als ein wirkendes Tätigsein auffassen, freilich immer bedenkend, dass die Kirche v.a. Leib Christi ist und eben gerade nicht bloß aus der irdischen gegenwärtigen Gemeinschaft besteht, sondern überzeitlich ist und die Gemeinschaft der Heiligen (im Himmel) auch zu ihr gehört.
Und schließlich glaube ich auch den "Glauben (mit) der Kirche": "
Der Glaube der Kirche geht dem Glauben des einzelnen voraus, der aufgefordert wird, ihm zuzustimmen." (KKK 1124)
Die anderen Punkte (Vergebung, Auferstehung etc.) verhalten sich da freilich anders. Diese Dinge sind gleichfalls kein (personales) Gegenüber, sehr wohl aber "Gegenstände", d.h. Inhalte des Glaubens; es sind wirklich die "Dinge" DIE wir glauben, die wir erhoffen, ersehnen, erwarten und erflehen. Anders bei Gott: Da erflehen wir immer etwas "von" ihm. Auch wenn wir z.B. "den Heiligen Geist erflehen", meinen wir doch, dass er in uns komme, dass er bei uns sei usw.
Es gilt also zu unterscheiden zwischen dem Glauben AN ein (personales) Gegenüber und dem Glaube der bestimmte Hoffnungen zum Gegenstand hat, der bestimmte Wahrheiten über Gott und die Welt anerkennt (Vergebung der Sünden, Auferstehung der Toten, ewiges Leben, Realpräsenz in der Eucharistie, Unfehlbarkeit des Papstes etc.).
Ich hatte bereits im Juni Bischof Vitus Huonder von Chur zu meinem Helden erklärt (hier). Dieser Tage legt er nach. Klartext. (Hier gibs das PDF)
»Zum katholischen Glauben gehört das Bekenntnis zum Opfercharakter der
Heiligen Messe und zur wahren, wirklichen und wesenhaften Gegenwart
Christi im Sakrament des Altares. [...]
Dieser Glaube ist – neben dem Getauftsein – eine der wesentlichen
Voraussetzungen für den Empfang der heiligen Kommunion. [...]
Mit diesem Bekenntnis verbunden ist der Glaube an das Sakrament der
Weihe, das seinerseits Teil des Lebens der Kirche mit seiner
hierarchischen Struktur ist. Der Empfang der heiligen Kommunion setzt
daher die Einheit und Verbundenheit (Communio) mit der ganzen Kirche,
mit dem Bischof und mit dem Papst voraus. Wo diese Voraussetzung nicht
gegeben ist, erweist sich eine Konversion zum katholischen Glauben als
notwendig.«
Was eigentlich selbstverständlich ist (immerhin sagen wir nach dem Hochgebet, in dem auch Papst und Bischöfe genannt sind, "Amen!"), muss dennoch immer wieder eingeschärft werden. Ich bete, dass auch deutsche Bischöfe mal diesen Mut aufbringen. Immerhin war das ja auch heute in der Lesung: "[Der Hirte] muß
ein Mann sein, der sich an das wahre Wort der Lehre hält; dann kann er mit der
gesunden Lehre die Gemeinde ermahnen und die Gegner widerlegen."
Deo gratias!
Eben auf facebook traf mich dieses Bild des Heiligen Vaters heutigen Datums ins Mark. Er sieht so müde aus. Eine schier unermessliche Last hat er zu tragen.
Oremus pro Pontifice nostro Benedicto
Sancte Martine, ora pro eum!
Eine Messerscharfe Analyse und die Antwort der Kirchenväter (aus einer Ansprache an die Synode; in zwei Teilen):
Gestern und heute habe ich ein ganz erstaunliches Kontrastprogramm erlebt:
Gestern Abend gab es im hiesigen Priesterseminar (dazu gleich noch ein Wort) eine Chrysostomosliturgie (am Fest der Synaxis) mit Pater Prof. Dr. Michael Schneider SJ (Philosophisch-Theologische Hochschule St. Georgen) samt einer sehr guten liturgietheologischen Einführung. Heute feierte ich eine normale Gemeindemesse mit, während der der Zelebrant in seiner Predigt ebenfalls das Thema Liturgie behandelte, allerdings mit einem dezent anderen Tenor.
P. Schneider hatte in einer Einführung vor der Messe sehr schön dargelegt, wie eng die Verzahnung von Liturgie und Dogmatik ist, wie großartig die Liturgie als Ausdruck des Glaubens erlebbar ist und wie gerade die Göttliche Liturgie das Christusmysterium (v.a. die Auferstehung) erfahrbar macht.
Der Zelebrant in der Gemeindemesse fand hingegen in seiner Predigt seine Kernaussage darin, zu sagen, dass äußere Formen unwichtig seien, mit Gott nichts zutun hätten, und ausschließlich(!) der Befindlichkeit des je Einzelnen dienen.
Einen schärferen Kontrast kann ich mir nicht vorstellen. Während der Predigt, die mich innerlich weinen ließ, erinnerte ich mich daran, wie ich regelrecht an den Lippen von P. Schneider hing: mit welcher Freude und mit welcher Kraft er die Schönheit der Liturgie in ihren verschiedenen Riten beschrieb und auf den Glauben bezog.
Nun ist es zwar richtig, dass alle unsere Rituale nicht von Gott so angeordnet sind, aber das macht sie ja noch nicht zu bloßen menschlichen Erfindungen, geschweigedenn unwichtig! Es sind vielmehr Entfaltungen des lebendigen Glaubens und über unzählige Generationen gewachsen, sodass wir annehmen können und müssen, dass sie, wie die Kirche als Ganze, vom Geist Gottes getragen, durchdrungen, geführt und gutgeheißen werden.
Ich glaube, die Liturgie hat durchaus auch eine Bedeutung für Gott: Die Liturgie hilft uns die Treue zu ihm zu bewahren. Sie hebt uns zu ihm empor und belehrt uns. Letzterer Punkt ist wichtiger als man denkt: Zu glauben, jeder bräuchte nur nach der eigenen Befindlichkeit handeln und würde dadurch schon den "rechten Weg" finden, ist eine sehr gefährliche Überlegung. "Was mir gut tut" ist noch lange nicht richtig oder gar "wahr"! So wie der Glaube vom Hören kommt und wie niemand glauben kann, wenn ihm niemand verkündet (Röm 10,14), so muss auch die Liturgie Teil der Verkündigung sein, muss sie uns hineinholen in das Mysterium das alles Gemachte, alles Ersonnene transzendiert. Und das kann eine würdige Liturgie.
Der Ausgangspunkt der erwähnten Predigt war sehr gut: Es ging um den Tempel in der Vision des Ezechiel und um den Tempel des Leibes Christi (die Eucharistie!). Das Eigentliche, das Wichtige, kann nicht von uns "gemacht" werden. Leider wandte sich der Prediger mit übermäßigem Pathos (man hatte das Gefühl, er müsse nun endlich mal mit aller Macht etwas herausschreien, was ihn schon lange bedrückt hatte) gegen sich selbst, denn er gab dem "guten Gefühl" des Einzelnen den Vorzug vor dem Heiligen das Gott uns schenkt, wozu auch und gerade die Liturgie in ihrer Veilfalt aber auch in ihrer Würde gehört.
Achja,
zum Priesterseminar: Es ist das in Freiburg gemeint... in den
vergangenen Jahren war es nicht selten, dass dort, meist verdeckt, manchmal
auch offen, gegen die "alte" Messe polemisiert wurde. Ein Seminarist der
die Mundkommunion bevorzugte, musste, zumindest noch vor kurzem, damit rechnen,
Probleme zu bekommen. Liegt es an mir, oder ist es dezent heuchlerisch, wenn an
diesem Ort regelmäßig (mindestens einmal alle zwei Jahre) eine Messe in
byzantinischem Ritus gefeiert wird (mit "Rücken zum Volk", mit extra Vergebungsbitte des Priesters, mit vielen "Doppelungen" und, Schreck lass nach!, mit Mundkommunion!!)? Der
Anblick eines Manipels lässt dort die Haare zu Berge stehen, aber ein Epigonatium ist no big deal... Man erfreut sich an dieser ehrwürdigen Liturgie (exotisch, kurios?), man schätzt das Ehrwürdige, das Alter, man bildet sich und dankt recht herzlich. Aber bringt man die "alte" Messe ins Gespräch, bricht Winter ein.
Es muss an mir liegen...
Hab gegenwärtig ein bisschen viel Arbeit und drum ists dieser Tage so ruhig hier. Hoffe aber, dass es Ende nächster Woche wieder besser wird.
so long...
Am heutigen Reformationstag gab es bei uns die Marienmesse zu Ehren der "Mutter der Einheit". Das ist doch mal "ökumenischer Geist"!
Außerdem haben heute (leider leider unter der Woche) alle Verehrer des "sonnigen, softigen, kalifornischen Jesus" (unser Dogmatiker über das Jesusbild des "Jesus-Seminar", das sich der Suche nach dem "echten Jesus" verschrieben hat) ihr Fett weg bekommen:
»Bemüht euch mit allen Kräften, durch die enge Tür zu gelangen;
denn viele, sage ich euch, werden versuchen hineinzukommen, aber es wird ihnen
nicht gelingen.«
Nur so kann auch eine Einigung wachsen.
Deo gratias, für diesen oft so nötigen Ansporn!
Vor meinem Katholischwerden gebrauchte ich wie jedermann den Spruch "Jesus ist von der religiösen Autorität seiner Zeit gekreuzigt worden!" um anzudeuten, dass die (mittelalterlichen, kinderschändenden) Katholiken ihn wohl kreuzigen würden, allen voran der Papst, wenn er tatsächlich wiederkäme.
Heute weiß ich, dass es die untreue religiöse Autorität war, die Jesus kreuzigte. Ihr Equivalent sind heute die ungehorsamen Priester und die Strukturfanatiker alla KFD, ZK etc. pp. Würde Jesus wiederkommen, würden diese ihn allein schon mit dem Argument kreuzigen müssen, sie hätten noch so viel zu "reformieren", zu "protestieren" und zu "strukturieren" (und gendergerecht zu machen), bevor sie ihm erlauben könnten, wiederzukommen... viel zu beschäftigt mit Nonsens und Egotrip.
Da nun die FSSPX (siehe rechts im Bild) den untragbare Williamson fallengelassen hat (siehe rechts unten), fragt man sich, wo der jetz hingeht. Ob er wohl nen eigenen Club aufmacht?
Es ist hierzulande nicht allzu bekannt, wie, pardon: amüsant, das Ausmaß der Zerkrümelung der FSSPX ist: 1985 spaltete sich das de facto sedisvakantistische "Istituto Mater Boni Consilii" von der FSSPX aufgrund doktrinärer Fragen ab: Alle Päpste seit Johannes XXIII. sind illegitim.
Aber bereits 1983 spaltete sich die Priesterbruderschaft St. Pius V. (FSSPV) aufgrund von liturgischen Fragen ab. X für U? Die Begründung ist schon ein Witz in sich.
Um dem Ganzen noch die Krone aufzusetzen, hat aber sogar die FSSPV wiederum eine Abspaltung, die nennt sich "Catholic Restoration".
Und, achja, fast vergessen: Es gibt auch noch die Piusbrüder "von der strengen Observanz"...
Wenn nun Williamson einen eigenen Club aufmachen sollte, haben wir bald eine ordfentliche Palette beisammen.
Irgendwie typisch... und in hohem Maße amüsant, zumal die Begründung, warum Williamson (offiziell) aus der FSSPX gegangen wurde besser ist als jede Satire: Wegen Ungehorsams gegenüber der Autorität!
Update 3. November 2012: Er hats getan!! Sein neuer Club heißt "St Marcel Initiative". (Quelle)