Freitag, 22. Juli 2016

Wieder da!

Ich bin wieder da.

Ab jetzt wird es hier wieder regelmäßiger was zu Lesen geben. Wie man dem "Archiv" zur Rechten entnehmen kann, war es in den letzten 1,5 Jahren, und v.a. in den letzten sechs Monaten, sehr ruhig hier auf dem Blog. Das hing mit der Endphase meines Studiums zusammen, die jetzt vorüber ist.

Das blöde beim Diplom ist, dass man während des Studiums doch erstaunlich wenig macht, was unmittelbar dem Abschluss dient, sodass man das dann mit den Abschlussprüfungen alles aufholen muss.
Man kann es aber auch positiv wenden, und ich ziehe diese Betrachtungsweise vor: Dieser nunmehr tote Studiengang bot die Möglichkeit, sich in Eigenverantwortung breit zu bilden, da man das, was man machen "muss" nicht über das ganze Studium verstreut, sondern gerafft erst am Ende macht. Man muss also nicht in jedem Semester viel Zeit mit Bulemielernen verbringen, sondern nur einmal (bzw. zweimal, wenn man es in zwei Blöcke teilt) am Ende - dann aber richtig! Und dann zahlt es sich zumindest indirekt auch aus, wenn man sich vorher eigenverantwortlich (v.a. theologisch) breiter gebildet hat.

In den nächsten Tagen und Wochen werde ich wohl noch einige rückblickende Gedanken zum Theologiestudium und manches andere zur Zunft der Theologen offerieren, für alle, die sowas interessiert.
Schön, wieder da zu sein. War ja einiges los in der Kirche und in der Blogozese. Auch da werde ich so manchen Senf servieren.

Sonntag, 15. Mai 2016

Die Frau als Abbild des Geistes

Heute vor 45 Jahren starb Ida Friederike Görres.

»Und den Heiligen Geist, wer spiegelt Ihn? Neben den eigentlichen Geistträgern und -spendern wie Propheten, Denker, Dichter, vor allem die Frauen: in beiden Ebenen: die Mütter und Herrinnen den Herrn und Lebendigmacher; die "begeisternde" geliebte, die die Welt schöner macht, den Geist, der die Welt "schmückt".
In einem Ehekommentar fand ich neulich den grandiosen Gedanken aus dem Genesis-Kommentar von Cornelius a Lapide: "Gott wollte in der Erschaffung von Adam und Eva seine ewige Zeugung und Hauchung nachbilden. Wie Er nämlich von Ewigkeit her den Sohn zeugt und aus dem Sohn den Heiligen geist haucht, so hat er in der Zeit Adam nach Seinem Bild geschaffen, ihn gleichsam als Seinen Sohn gezeugt und aus ihm schuf Er Eva, damit sie die Liebe Adams sei, wie der Heilige Geist die Liebe Gottes ist."
Das leuchtet mir viel stärker ein als die übliche trinitarische Deutung der Familie! Schon weil ja die Ein-Kind-Ehe keineswegs Urbild der Familie ist.
Baadersche Gedanken weiterspinnend, könnte man noch sagen: Eva ist demnach die irdische Darstellung der Gnade, - die "Gehilfing", Beistand - Trösterin - "ihm zur Seite" - übrigens lauter Umschreibungen für den Paraclet!! zugleich gratia, charis, die Sichtbarkeit der Huld. Durch den Fall hat sie diesen Charakter weitgehend verloren, ist zum Ausdruck der Hilfsbedürftigkeit (nicht Hilflosigkeit!) geworden. Darum ist erst Maria wieder gratia plena. Also wäre es der Ur-Auftrag der Frau, die Sichtbarkeit der Gnade zu sein? Im Frauendienst wird es übrigens deutlich, daß die Menschen sich manchmal dessen bewußt waren. Es ist schon ein höchst aufregendes Phänomen - sozusagen eine "Epiphanie" der Frau, mitten in einer Welt, der sie praktisch als besseres Haustier, in der Reflexion als das Symbol der Niedrigkeit, Dienstbarkeit, des Fleisches, der Verführung - Eva plus, Schlange Frau, Welt - galt. Man kann sagen, was man will über die zweifellos vorhandenen Exzesse und Depravierungen des praktischen Minnedienstes, der zum Society-Sport geworden war. Aber die Dichter - wie bezeichnend, daß es Dichter waren, die ihn aufbrachen! - haben eben doch eine echte Inspiration gehabt.
Die "Dame" des Minnesangs aktiviert den Mann zum Helden - ohne selber an seiner Mühsal teilzunehmen - wieder ein Kennzeichen der "Gnade"! - nur dadurch, daß sie "da" ist, "vor seinem Angesicht"; aus dem Aufblick zu ihr empfängt er Kraft und Führung: die Weise, wie die "Gehilfin von oben", die Sophia, wirkt.«

(I.F. Görres, aus einer Meditation zu Pfingsten)

Samstag, 7. Mai 2016

Augustinus vs. Intelligent Design Kreationismus

»Oft genug kommt es vor, daß auch ein Nichtchrist ein ganz  sicheres Wissen durch Vernunft und Erfahrung erworben hat, mit dem er etwas über die Erde und den Himmel, über  Lauf und Umlauf, Größe und Abstand der Gestirne, über bestimmte Sonnen- und Mondfinsternisse, über die Umläufe  der Jahre und Zeiten, über die Naturen der Lebewesen, Sträucher, Steine und dergleichen zu sagen hat. 
Nichts ist nun peinlicher, gefährlicher und am schärfsten zu verwerfen, als wenn ein Christ mit Berufung auf die christlichen [biblischen] Schriften zu einem Ungläubigen über diese Dinge Behauptungen  aufstellt, die falsch sind und, wie man sagt, den Himmel auf  den Kopf stellen, so daß der andre kaum sein Lachen zurückhalten kann.
Daß ein solcher Ignorant Spott erntet, ist nicht  das Schlimmste, sondern daß von Draußenstehenden geglaubt wird, unsere Autoren hätten so etwas gedacht. Gerade  sie, um deren Heil wir uns mühen, tragen den größten Schaden, wenn sie unsere Gottesmänner daraufhin als Ungelehrte verachten und zurückweisen. Denn wenn sie einen von uns Christen auf einem Gebiet, das sie genau kennen, bei einem Irrtum ertappen und merken, wie er seinen Unsinn mit unseren Büchern belegen will, wie sollen sie dann jemals diesen Büchern die Auferstehung der Toten, die Hoffnung auf das ewige Leben und das Himmelreich glauben, da sie das für falsch halten müssen, was diese Bücher geschrieben haben über Dinge, die sie selbst erfahren haben und als unzweifelhaft erkennen konnten?
Es ist unbeschreiblich, wie viel Verdruß und Kummer einsichtigen Brüdern durch solche unbesonnene Eiferer bereitet wird, die von Leuten, die nicht durch  die Autorität unserer Bücher gestützt werden, in ihren verkehrten und falschen Ansichten verächtlich zurückgewiesen werden und dann beginnen, das zu verteidigen, was sie in ihrer leichtsinnigsten Verwegenheit offenkundig falsch gesagt haben. Und dann wagen sie es auch noch, um sich zu beweisen, unsere heiligen Bücher anzuführen oder aus dem Gedächtnis alles mögliche daraus vorzubringen, von dem sie  meinen, es nützte ihnen als Bestätigung, und verstehen doch weder, was sie sagen, noch die Dinge, die sie behaupten (I Tim 1, 7).«
(Augustinus, Über den Wortlaut der Genesis I,19,39)

Samstag, 16. April 2016

Gut und Böse

Tugend will, man soll sie holen,
Ungern ist sie gegenwärtig;
Laster ist auch unbefohlen
Dienstbereit und fix und fertig.

Gute Tiere, spricht der Weise,
Mußt du züchten, mußt du kaufen;
Doch die Ratten und die Mäuse
Kommen ganz von selbst gelaufen.


(Wilhelm Busch)

Samstag, 9. April 2016

Mein Senf zu Amoris Laetitia

Habe z.Z. nicht die nötige Muße, eine umfassende Besprechung zu liefern. Ich empfehle jedem selbst die Leküre, es lohnt sich wirklich, v.a. in den Passagen, die nicht Zvg betreffen (also eigentlich das ganze Dokument). Ein paar unsystematische und unvollständige Gedanken zu dem Thema, was so viele Gemüter erhizt.

Ich persönlich bin im Großen und Ganzen sehr zufrieden mit Amoris Laetitia (AL). Und zwar v.a. aus dem sehr persönlichen Grund, dass es betreffs jenes Themas der Zivilwiederverheiratetgeschiedenen (Zvg) im Grunde genau das enthält, was ich selbst (etwa hier vor bald 4 Jahren, vgl. auch hier) schrieb, was ich aber schon viel länger auch praktisch erlebt habe (nicht in einem Zvg-Fall, aber in ähnlich gelagerten Angelegenheiten). Darum gehts:

Was von der Glaubens- und Morallehre her gilt, bleibt natürlich unangetastet. Keine Überraschung hier. Auch die einschlägigen rechtlichen Bestimmungen, bleiben bestehen. Auch keine Überraschung.
Nichts desto trotz gestaltet sich das Leben in der Kirche natürlich nicht in der Vollkommenheit des in sich so kohärenten Regelwerks, denn die Glieder dieser Kirche sind bekanntlich Menschen.

Papst Franziskus hat in AL die einzige mögliche, von mir (s. Links) beschriebene Handlungsweise in der größtmöglichen Deutlichkeit dargelegt. Dass das Ergebnis dennoch vage erscheint, liegt in der Natur der Sache, denn es kann bei diesem einzig möglichen Weg eben gerade nicht um ein in sich abgeschlossenes Regelwerk gehen. Das Wesen der Barmherzigkeit verlangt es.

Ich schrieb damals:
Wenn ein Priester Eheleuten die in einer zweiten zivilrechtlichen Ehe zusammenleben die Kommunion reicht, weil er diese Leute kennt, weiß, dass sie treu und fromm zusammenleben und auch die Umstände des wohmöglich unglaublich schrecklichen Scheiterns der Ehe kennt (und auch die vllt. haarsträubenden Gründe, warum eine Anullierung nicht zustande kam), kann das m.E. im je einzelnen Fall legitim sein. Wichtig ist hier, dass es nicht öffentlich geschieht, dass es um ein Vertrauensverhältnis geht... weil es immer Einzelschicksale sind.
Es kann und darf aber keine "offizielle" oder "generelle" Richtlinie geben weil das letztlich zu einem "Es ist egal wie ihr lebt, ihr dürft..." führt. Das wäre eine Preisgabe der Sakramente.

Und weiter: 
Auch entsteht gerne der Vorwurf, es handle sich doch hier um eine Doppelmoral, wenn man von offizieller Seite einerseits den vortgesetzten Ehebruch mit Sanktionen behängt und andererseits aber das "heimliche" Getue (von dem jeder weiß, worüber man aber nicht redet, weil es nichts zu reden gibt!) zulässt.
Und ein Stück weit stimmt das auch. Ein Stück weit gibt es in jeder Gruppe von Menschen Doppelmoral. Und der Grund ist schnell gefunden: Wir sind keine Maschinen. So gut und richtig die Regeln auch sind die wir uns gesetzt haben oder die uns (ius divinum) von Gott gegeben wurden, so sind wir Menschen doch keine Automaten die immer alle Regeln beachten wollen (oder auch nur können!). Wir sind alle kleine Häretiker und manchmal auch Kryptoschismatiker, weil wir bestimmte Dinge nicht so machen, wie es das Ideal (KKK + CIC) vorsieht... aber genau das macht uns menschlich. Auch Eltern geben ab und an ihren Kindern nach, auch wenn sie wissen, dass es nicht zu ihrem "Besten" ist. Das stellt nicht die Regel infrage, hat aber zuweilen etwas mit gewissen Tugenden zutun.
Was aber landauf, landab alle Aufbrüchler und Memorandisten fordern, ist eine offzielle, allgemeine und rechtlich abgesicherte Regelung dieser "Ausnahmen", "Schwächen", "Nachgiebig- und -lässigkeiten".
Und das, liebe Leute, ist nicht möglich. Und es schadet obendrein den Betroffenen, dass ihr es überhaupt versucht...: Barmherzigkeit kann nicht reglementiert, systematisiert, geplant, verrechnet und subventioniert werden... Es wird nie einen Canon geben der da lautet "Du sollst barmherzig sein und darum auch den hartnäckigen Ehebrechern die Kommunion spenden." Was es gibt, sind Canones und offizielle Verlautbarungen, die von mildernden Umständen sprechen, von den Werken der Barmherzeigkeit, Brüderlichkeit und Nächstenliebe, von der Würde des Menschen, vom hohen Rang des Gewissens, von Weisheit und Hirtensorge, von Tugend und Klugheit, von Frömmigkeit und Seeleneifer und, ja, auch vom Heil der Seelen. *wink*


Genau aus diesem Grund findet sich der einzige und zugleich allerleiseste Hinweis in einer Fußnote, während zugleich unerschrocken die Irregularität der in Frage stehenden Situation benannt, und ein Bewusstsein dieser Irregularität eingefordert wird. Es gibt keine Regel dafür, weil es keine Regel geben kann. Aber es gibt den Aufruf zur Barmherzigkeit.

Entgegen vieler Verschwörungstheorien, nimmt der Papst ausführlich die Ergebnisse der Synode auf, und zitiert sie ausgiebig.
Der Text ist vom Stil her ganz klar das Produkt mehrerer Autoren. Viele Passagen zeigen geradezu benediktinische Schärfe, während andere eine typisch franziskanische Lockerheit zeigen. Es gibt auch ein, zwei Stellen in AL, bei denen ich mir eine präzisere theologische Sprache gewünscht hätte. Etwa, wenn der Papst schreibt, niemand dürfe »auf ewig verurteilt werden, denn das ist nicht die Logik des Evangeliums« (Nr. 297)... das ist es durchaus (nämlich die Gefahr des Verlorengehens, der breite Weg und das weite Tor!), aber was der Papst meint, und was man aus dem Kontext ersehen kann, ist das irdische, durch Menschen geschehende Verurteilen: Denn wir sollen ja vergeben und verzeihen! Das hätte man aber theologisch präziser fassen können.
Etwas kurios, und für den Nichttheologen vllt. verwirrend ist es auch, wenn der Papst schreibt, dass »es nicht mehr möglich [ist] zu behaupten, dass alle, die in irgendeiner sogenannten "irregulären" Situation leben, sich in einem Zustand der Todsünde befinden und die heiligmachende Gnade verloren haben.« (Nr. 301) Das hat m.W. nie jemand behauptet, dass dies bei allen der Fall sei. Die Irregularität ist eine rechtliche Kategorie, das Recht kann nun aber - und das ist keine neue Erkenntnis - die Gesinnung oder den Gnadenstand nicht feststellen... die zitierte Aussage ist in etwa so neu wie die Erkenntnis, dass auch Urteile von Kirchengerichten falsch sein können. Aber gut, nun wissen es auch die, denen das vorher nicht klar war.
Von solchen Patzern (auch der etwas steinbruchartige Umgang mit Thomas... und Erich Fromm hätte er ruhig noch mehr zitieren dürfen, statt nur auf ihn anzuspielen [etwa mit der "Lehrzeit"]!) mal abgesehen, gefällt mir der Text. Ich sehe sogar sehr stark das Erbe Benedikts durchscheinen (etwa, wenn der Fokus sehr breit, nämlich auf das ganze Leben in der Kirche gelegt wird, nicht bloß auf die teilnahme an den Sakramenten; vgl. die letzten öffentlich gewordenen gedanken von Joseph Ratzinger dazu hier), und das freut mich nochmal extra.

Von besonderer Klarheit (so weit, wie das in dem oben beschriebenen Kontext möglich ist), scheint mir beispielsweise folgender Passus in NR. 300:
»Es handelt sich um einen Weg der Begleitung und der Unterscheidung, der "diese Gläubigen darauf aus[richtet], sich ihrer Situation vor Gott bewusst zu werden. Das Gespräch mit dem Priester im Forum internum trägt zur Bildung einer rechten Beurteilung dessen bei, was die Möglichkeit einer volleren Teilnahme am Leben der Kirche behindert, und kann helfen, Wege zu finden, diese zu begünstigen und wachsen zu lassen. Da es im Gesetz selbst keine Gradualität gibt{!}, wird diese Unterscheidung niemals von den Erfordernissen der Wahrheit und der Liebe des Evangeliums, die die Kirche vorlegt, absehen können. Damit dies geschieht, müssen bei der aufrichtigen Suche nach dem Willen Gottes und in dem Verlangen, diesem auf vollkommenere Weise zu entsprechen, die notwendigen Voraussetzungen der Demut, der Diskretion, der Liebe zur Kirche und ihrer Lehre verbürgt sein." Diese Haltungen sind grundlegend, um die schwerwiegende Gefahr falscher Auskunft zu vermeiden wie die Vorstellung, dass jeder Priester schnell 'Ausnahmen' gewähren kann oder dass es Personen gibt, die gegen Gefälligkeiten sakramentale Privilegien erhalten können.«

Das Schöne an dem Dokument ist, dass es die genau richtige Verhältnisbestimmung vornimmt, was die wirklichen Herausforderungen betrifft, vor denen die Familie heute steht. Dass jenes von vielen als heißestes Eisen betrachtete Thema in eine vage Fußnote verdammt ist, entspricht m.E. der Wirklichkeit und stellt somit einen gehörigen Rüffel, eine schallende Ohrfeige an die Forderer und ihre Claqueure dar.
Was von den Aufbrüchlern gewollt wurde, haben sie nicht erreicht. Überhaupt nicht. Aber gewiss werden sie es sich noch irgendwie schönreden, werden sie sich wie die Geier ihr Filetstück herauspicken, und vielleicht sind manche Bischöfe in deutschen Landen sogar, pardon, dämlich genug, aus Fußnote 351 eine Rechtsnorm herauszuphantasieren, gleichwohl der Papst immer wieder klar macht, dass es soetwas schlicht nicht geben kann. Das sollte aber niemanden verunsichern, sondern eher zu Mitleid und Gebet für sie anregen (vgl. Jer 23,1). Ich meine, stellt euch mal das Szenario vor: Das einzige, woran sich Kasperianer in dieser Enzyklika festklammern können ist eine Fußnote. Sie könne noch nichtmal einen ordentlichen Satz oder Abschnitt herauspicken und den Rest ignorieren, sie müssen den gesamten Textkorpus ignorieren und sich an eine Fußnote klammern. Ich finds witzig, und warte schon gespannt auf den sicher bald kommenden Aufsatz oder das nächste Buch von Herrn Schockenhoff auf der Grundlage dieser Fußnote...

Montag, 4. April 2016

Vaterunser eines Ungläubigen

Vater, wenn es dich gibt, wage ich es, mich an dich zu wenden. 
Wenn es dich gibt, ist dein Name heilig: er werde geheiligt.
Wenn es dich gibt, ist dein Reich die Ordnung und auch deren Glanz: dein Reich komme.
Wenn es dich gibt, ist dein Wille das Gesetz der Welten und das Gesetz der Seelen: dein Wille geschehe in uns allen und in allen Dingen, wie im Himmel, so auf Erden.
Gib uns, wenn es dich gibt, unser tägliches Brot, das Brot der Wahrheit, das Brot der Weisheit, das Brot der Freude, das Brot über allem Brot, das man dem verspricht, der dafür danken kann.

Wenn es dich gibt, habe ich dir gegenüber große Schuld: vergib mir meine Schuld, wie ich selbst gern denen vergebe, die mir etwas schulden.
Verlass mich in Zukunft nicht in der Versuchung, sondern erlöse mich von allem Bösen

(Jean-François Six)

Mittwoch, 30. März 2016

Laienheiligkeit

Die Ankündigung der Heiligsprechung von Mutter Theresa im Sommer und ein kurzer Kommentar eines geschätzten Theologen auf Facebook brachte mir einen alten Gedanken wieder ins Bewusstsein, nämlich die Besorgnis darüber, wie die Kirche in Sachen Heiligsprechungen vorgeht. Was mir Sorge bereitet ist die Tatsache, dass ca. 99% aller kanonisierten Heiligen Priester oder Ordensleute sind. Und von den paar Laien (1%) sind wiederum ca. 99% darum kanonisiert worden, weil sie Märtyrer waren. Zugleich sind aber 99%  der Katholiken weder Kleriker/Ordensleute noch Märtyrer. Das lässt für die Weltmenschen, v.a. die Väter und Mütter (und Singles), wenig übrig an Vorbildern. (Ob wohl jemand Notiz von Louis und Zélie Martin genommen hätte, wenn deren Tochter nicht schon bald als Heilige verehrt worden wäre?) Der normale Katholik, ich zähle mich mal dazu, ist also, wenn man das abrundet, faktisch nicht im Heiligenkalender repräsentiert (0,00...%?).
Mir ist natürlich klar, dass es noch das Fest aller (auch nicht namentlich bekannten) Heiligen gibt. Und mir ist auch klar, dass jene Tatsache zunächstmal einfach daraus resultiert, dass sowohl die "Hierarchie" (gemeint ist die Instanz, die die heiligsprechungen vollzieht) wie größere Teile des Kirchenvolks logischerweise leichter Notiz nehmen von heiligmäßigen Klerikern/Ordensleuten, das liegt in der (eher exponierten) Natur der Sache. Aber das reicht m.E. nicht als Erklärung. (Und man komme mir jetzt nicht zuckersüß mit Maria und Joseph als potentiell "größte" Vorbilder, die alle anderen Heiligen ja achso überragen würden: deren Ehe war nun wirklich alles andere als "typisch" und überdies wissen wir so gut wie nichts darüber, weswegen sie als Vorbild für ein Ehe- und Familienleben in der heutigen Welt, von ein paar seeehr allgemeingültigen Grundkonstanten abgesehen, überhaupt nicht taugt.)

Ich glaube, das Problem liegt v.a. in der Mentalität: Es gibt, scheint mir, so eine Art "Instinkt", der bewusst oder unbewusst annimmt, Priester und Ordensleute seien per se in einer privilegierten Stellung um "heilig" zu werden, ja als hätten sie es "leichter", als sei ihr Stand per se näher an "Heiligkeit" (was immer das ist), weil das Klosterleben ja bereits so ein großes Opfer sei. Und das halte ich für einen katastrophalen Irrtum. Für manchen mag das Klosterdasein seiner Natur durchaus mehr entsprechen, so dass für ihn eigentlich ein Dasein in der Welt das sehr viel größere Opfer darstellen würde (ich weiß, wovon ich spreche).

Im Detail wurmt mich da so manches: Immer wieder ließt man beispielsweise in Heiligenbiographien (nicht nur in den verkünstelt-schmalzig-idealisierenden, sondern auch in durchaus realistischen-nüchternen) das Lob auf jene Nonne, die Nachts um 2 Uhr aufsteht um zu beten. Oder die Preisung jenes Priesters, der sich so hingebungsvoll um seine Schäfchen kümmert. Aber, ganz ehrlich, diese Dinge unterscheiden sich m.E. nicht wesentlich von der Mutter, die für ihr Baby mehrmals Nachts raus muss und kaum Schlaf bekommt, oder von dem Vater, der für seine Kinder immer da ist. Von den Pflichten und der Hingabe der Eheleute gegenüber einander ganz zu schweigen. "Die Eheleute/Eltern tun doch nur ihre Pflicht", spöttelt es (ich habe ähnliche Phrasen tatsächlich schon mehrfach von gewissen "Verstrahlten" vernommen!)... Aber dieser Spieß ließe sich auch auf die Priester und Ordensleute hin umdrehen! Es ist letztlich genau diese Pflichterfüllung, um die es geht. Und das können beide gleich gut.

Wenn ich mir die Landschaft der Heiligen anschaue, dann finde ich für das Leben der Hingabe - als Ehemann/-frau und als Eltern - nahezu keine Vorbilder. Ich habe mir vor einigen Jahren mal ein Buch "Heilige Eheleute" zugelegt, in der Hoffnung, darin solche Vorbilder zu finden. Man kann sich das Ergebnis schon denken: Bei den allermeisten spielte das Familienleben nur eine marginale Rolle. Biographisch wird da meist auf den Klostereintritt oder gar die Ordensgründung nach dem Tod des Gatten/der Gattin abgehoben. "Sie war eine fürsorgliche Mutter" ist i.d.R. alles, was dazu gesagt wird... so richtig "heiligmäßig", so wirklich hingabevoll, so hat man jedenfalls bei der Lektüre den Einruck, wurde sie erst ab dem Klostereintritt.
Und obwohl nun schon die letzten Päpste sich so viel um die Familie und die Berufung der Eheleute gekümmert haben, gab es kaum je Heiligsprechungen aus diesem Stand... Laien haben keine gute Lobby, wie es scheint. Aber ich glaube es ist die Gesinnung, die hier hauptverantwortlich ist.

Ida Friederike Görres schreibt in einem Brief, dass sich das Leben einer Ordensfrau von Heute oftmals nur dadurch von dem einer Ehefrau unterscheide, dass Erstere neben ihrer Arbeit viel im Gebet lebt und Gott liebt, während Letztere neben ihrer Arbeit in einer Familie lebt und ihren Mann und ihre Kinder liebt. Was der Ersteren, wenn sie "nach Hause" in den Konvent kommt, das Gebet ist, ist der Letzteren das Zuhause selbst, die Familie, der Gatte. Und irgendwie bekommt man das latente Empfinden nicht los, dass das Gebet von diesen beiden Beschäftigungen die "Heiligere" ist... Ich grüble nun seit einer ganzen Weile darüber und immernoch ertappe ich mich dabei, wie ich "Gebet" viel leichter mit Heiligkeit assoziiere.
Wenn ich die Krisen und Herausforderungen ansehe (besonders die innerhalb der Ehe), die die Eheleute um mich herum zu bestehen haben, kommt mir das Grausen... Aber umso mehr erlebe ich immer wieder im Kleinen und Ganzkleinen, wie diese Menschen das bewältigen und trotzdem nicht (ver)zweifeln, auch nicht an Gott. Es kann doch nicht sein, dass ich diese ganz alltägliche Heiligkeit, deren pneumatischer Anteil regelrecht von jedem Beteiligten jeden Tag neu erstritten werden muss, so oft erlebe, bei den wenigen Beispielen die mir vor Augen sind, dass aber zugleich kaum jemals solche Leute im Heiligenkalender auftauchen. Immer, scheint es, braucht es ein geradezu heroisches Gebetsleben noch "obendrauf", um als "heilig" zu gelten. Aber genau das geht halt meistens nicht, wenn da ein Ehepartner und eine Familie ist. Jedenfalls nicht so, wie man sich ein "heiligmäßiges Gebetsleben" gerne vorstellt. Und ich weigere mich, ein Weniger an Heiligkeit auch nur anzunehmen, bloß weil jemand seine Zeit, die andere im Gebet für Gott geben, für seinen Partner, für seine Kinder gibt. Das ist der exakt gleiche Irrtum, unter dem unser Sozialstaat leidet, wenn er Kindererziehung und Haushaltsführung nicht als "Arbeit" wertet, und den sich Katholiken immer befleißigen, anzuprangern...

Tatsächlich halte ich, das ist meine persönliche Meinung, Ehe und Familie für die größere Herausforderung, weil in der Ehe beide Beteiligten fehlbare schwache Menschen sind, während in der geistlichen Verlobung mit Christus nur ein fehlbarer Mensch beteiligt ist. Die "Fehlerquellen" sind bei Letzterer quasi um die Hälfte reduziert. Dann kommt freilich noch die "Familie" (geistlich oder physisch) dazu, die dann wieder viele "Reibungspunkte" birgt.
Während der Priester ontologisch auf Christus hin gewandelt ist, sind es die Eheleute auf einander hin. (Darum ist eine erneute Eheschließung auch nur nach dem Tod eines Partners möglich. Auch der Priester ist nach seinem Hinscheiden kein Priester mehr, denn das Himmlische Jerusalem hat bekanntlich keinen Tempel.) Und noch etwas: Sowohl aus dem Kloster wie aus dem Priesterstand kann man letztlich immer raus oder man wechselt in eine andere "Familie" oder gründet gleich einen neuen Orden... man kann einen Orden sogar in allen Einzelheiten vorher ausprobieren, ohne jede Verbindlichkeit. Aus einer Ehe kommt man nicht mehr raus, und man kann sie auch nicht in allein Einzelheiten unverbindlich ausprobieren. Was davon ist also das größere "Risiko", das größere Opfer, der größere "Sprung des Glaubens und der Hoffnung"? Gibt es vielleicht darum so viele Kleriker- und Ordensheilige, weil es schlicht und ergreifend "leichter" und ein weniger gewagter (besser zu kalkulierender) Sprung ist? Na toll.

Mich wurmt das. Mich macht das traurig und wütend. Ich weiß auch nicht, wie man diesen Mangel beheben kann... Mir scheint v.a. unsere (der Katholiken) Vorstellung von Heiligkeit dringend revisionsbedürftig.

Sonntag, 10. Januar 2016

Schnittblumen

Der Mittelpunkt dieses Lebens, seine Freude, sein tiefster Daseinsgrund, ohne den es uns nichtig erschiene, ist die Gabe unserer selbst an Gott, in Jesus Christus.
Ist, in dieser Welt zu sein, in sie hineingetaucht, als Parzelle der Menschheit, mit all seinen Fasern ausgeliefert, dargebracht, enteignet. Inseln göttlicher Anwesenheit sein. Gott einen Ort sichern. Vor allem der Anbetung überantwortet sein. Das Geheimnis des göttlichen Lebens auf uns lasten lassen, bis zum Erdrücktwerden. In den Finsternissen der allgemeinen Unwissenheit Leuchtpunkte der Bewusstwerdung Gottes sein. Erkennen, dass hier der eigentliche Akt der Erlösung geschieht; glauben im Namen der Welt, hoffen für die Welt, lieben im Namen der Welt. Wissen, dass eine Minute von glaubensbeladenem Leben, auch wenn sie sich ohne jede Aktion, ohne jeden äußeren Ausdruck vollzieht, einen Genius der Wertsteigerung und eine vitale Kraft in sich trägt, die unsere armseligen menschlichen Taten nie ersetzen können.
Alles Übrige es ist Beiwerk - das zwar notwendig ist, aber notwendig nur im Sinne einer Folge davon. Hier liegt der Kern, der Keim. Wenn der keim da ist, dann wird die Pflanze eines Lebens nach dem Evangelium unweigerlich daraus aufsprießen. Wenn wir dagegen versuchen, alle Blüten des Evangeliums auf der Erde auszubreiten: Hingabe, Armut, Demut und alles Übrige - wenn wir das versuchen, ohne zuvor das Korn gesät zu haben, dann legen wir bloß Gärten aus Schnittblumen an, die in zwei Tagen verwelken.
 

(Madeleine Delbrêl)