Sonntag, 1. Januar 2017

Kranke Theologie

So manches mal habe ich bereits auf diesem Blog Theologen und Theologien kritisiert. Siehe besonders die Ausführungen hier und was sonst mit dem Label theologie hier publiziert wurde. Zuweilen habe ich auch meine Zweifel darüber zum Ausdruck gebracht, ob das, was da zuweilen geredet und publiziert wird überhaupt als Theologie gelten kann.

Bei vielen Nichttheologen erlebe ich unentwegt eine große Ratlosigkeit ob der (so wahrgenommenen) glaubenszersetzenden Wirkungen von vielem, was als "Theologie" die Runde macht. Auch Theologiestudenten leiden oft an einer schlimmen Orientierungslosigkeit, wenn sie im Wald der kranken und schlechten Bäume mit ihren faulen Früchten die leider ziemlich rar gesäten lebenspendenden Gewächsen nicht mehr sehen. Im Folgenden will ich versuchen etwas Orientierung zu bieten (ich werde am Schluss auch einige beispielhafte Namen von Theologen nennen, deren Schriften ich damit zur Lektüre empfehle; für konkrete Literaturempfehlungen zu bestimmten Themen bitte nachfragen), indem ich die m.E. grundlegende Erkrankung aufzeige, unter der heute so vieles im theologischen Betrieb leidet. Ich meine, wenn man das einmal weiß, erleichtert das die Unterscheidung der Geister und der Umgang mit der Theologie wird um einiges erträglicher. Wohl hat man es nicht leicht, wenn man "richtig" Theologie lernen und betreiben will, weil man neben der Pflichtlektüre noch die "anständigen" Sachen lesen muss, aber es lohnt sich!
In einem folgenden Beitrag werde ich das gleiche Anliegen, das hier allgemein angesprochen wird, im Hinblick auf die theologische Beschäftigung mit dem Wurzelgrund aller Theologie angehen, nämlich die theologische Beschäftigung mit der Bibel, näherhin mit dem Neuen Testament.

Theologie kann (siehe ersten Link oben) nur auf dem Fundament des offenbarten Glaubens ruhen, wenn sie wissenschaftlich, zumal wenn sie sinnvoll sein will. "Theologie auf Knien" ist keine zu wählende Option, sondern eine Tautologie, denn Theologie lässt sich schwerlich anders betreiben als in einem Geist der Anbetung. Mir ist in meiner Zeit im Hörsaal die Spitzenaussage begegnet, das Thema der Theologie sei der Mensch. Das ist natürlich falsch. Gott ist das Thema. Der Mensch ist insofern Thema der Theologie, als er der von Gott erschaffene und erlöste ist. Er ist immer in seiner Abhängigkeit von Gott (Ursprung, Weg und Ziel) Thema, wird aus dieser Warte heraus behandelt. Aus dem Verständnis Gottes und seiner Offenbarung heraus wird der Menschen von der Theologie thematisiert und nicht anders. Die anderen Zugänge sind ohnehin bereits belegt (Anthropologie etc.) und zur Wissenschaftlichkeit des Arbeitens gehört es nunmal auch, die Grenzen des eigenen Fachbereichs zu kennen und zu respektieren.

Theologie funktioniert nur, wenn sie ihr Fundament: den geoffenbarten und von der Kirche authentisch gelehrten Glauben, anerkennt und bewahrt. Das bedeutet nicht, dass dieser Glaube und seine Ausdrucksformen nicht hinterfragt werden dürfen - er soll hinterfragt werden! Dummerweise missverstehen offenbar viele Theologen dieses Prinzip überaus falsch, nämlich so, als müssten sie den Glauben in Frage stellen! In dem Moment aber verlassen sie den Raum der Theologie und begeben sich in die Religionsphiliosophie, Soziologie, Psychologie oder was auch immer.

Vor ein paar Tagen habe ich auf diesem Blog (wohl etwas zu affektreich) die Äußerungen der Wiener Pastoraltheologin Polak über die angebliche Häresie der Menschwerdung Gottes etwas abgeklopft (hier; im Wesentlichen erfindet Frau Polak ihr eigenes "Christentum" und ein neuartiges "Judentum" um diese beiden Strohmänner dann mit einenader zu "versöhnen"). Bei Polak wird die zerstörerische Krankheit des heutigen theologischen Mainstreams offenkundig, nämlich der Hochmut (oder auch: Arroganz). Es ist ein Hochmut der sich unter keinen Umständen dem empfangenen Glauben unterzuordnen gewillt ist. Stattdessen wird etwas Eigenes konstruiert. Die Suche nach Wahrheit wird pervertiert zu einem Basteln von etwas, das man zwar "Wahrheit" nennt, das aber doch nur ein Schreibtischerguss ist ohne jeden Wert für irgendwen. Ein intellektuelles Konstrukt fernab der Wirklichkeit und ohne Bezug zur Offenbarung (oder zu den Menschen). Ein Kommentator meines Beitrags zu Frau Polak ließ es sich dann nicht nehmen, meine grundlegende These grandios zu bestätigen, wenn er (hier) schreibt:
»Wahrheit kommt nur zustande, wenn man das [die Glaubenssätze] miteinander abgleicht und die jeweils wahren Elemente aus den Religionen herausdestilliert und kompatibel macht.«

Das Schlüsselwort hier ist: "machen" (und das diesem entsprechende "kommt zustande"). Wahrheit ist demnach nichts irgendwie Vorgegebenes, Objektives, Empfangenes oder gar Geoffenbartes, sondern sie ist etwas, was man - wer eigentlich? die Theologen in ihrem Elfenbeintürmchen oder jeder für sich? - macht. Wahrheit ist nicht, sie "kommt zustande" bzw. wird zustande gebracht. Und dieses Machen wird dann sogar noch als Liebe zur Wahrheit ausgegeben, womit klar ist, dass sogar der Begriff "Wahrheit" hier ein selbstgemachter ist, der sich auf kein Erbe, schon gar nicht das der biblischen Offenbarung, stützen kann.
Dem aufmerksamen Leser wird vielleicht die subtile Windung aufgefallen sein, dass hier einmal von "Wahrheit" und einmal von "wahren Elemente[n]" die Rede ist. Zwar wird hier als Ziel des beschriebenen Verfahrens "Wahrheit" genannt, also scheinbar etwas noch Unbekanntes und zu Erringendes. Aber das für dieses Verfahren angegebene Kriterium der "wahren Elemente" offenbart, dass dieses Ziel im Kopf des so Verfahrenden bereits als Prämisse vorgegeben ist, denn ER beurteilt (und "destilliert heraus"), was "wahr" ist und was nicht! Wer so verfährt kann dementsprechend immer nur wieder zu sich selbst und seinem eigenen Denken gelangen, niemals aber in die Nähe Gottes, also zur eigentlichen Wahrheit. 
Also: Man wehrt sich mit aller Entschiedenheit gegen den absoluten Wahrheitsanspruch der Religion(en) und kann dann nicht anders, als ihn durch den eigenen sicheren Anspruch auf Wahrheit zu ersetzen. Diese Ungereimtheit fällt den so Arbeitenden in aller Regel aber nicht auf... sie fühlen sich natürlich im Recht (was sind schon 2000 Jahre kirchliche Überlieferung, eine noch ältere biblische Tradition, unzählige [Blut]Zeugen des Glaubens und die täglichen Erfahrungen so vieler Zeitgenossen gegen das Gedöns von Theologe XYZ!) und ihr Gefühl wird wie selbstverständlich zum universalen Maßstab erhoben dem sich alle und alles zu beugen hat.

Hier liegt noch ein anderes Missverständnis: Die so Handelnden glauben, sie täten den Menschen damit einen Gefallen, tatsächlich verraten sie sie aber, untergraben das ihnen Teuerste. Und den nach der Wahrheit Suchenden bieten sie schließlich nur den gleichen Lego-Baukasten, den diese auch überall sonst vorfinden. Leider ist genau diese Mentalität auch schon in diözesane und pfarreiliche Pastoralpläne gesickert, sodass die Unattraktivität nach Außen wie die suizidale Tendenz nach Innen wächst. Man fragt sich zwar alle paar Jahre, warum es immer schneller immer weiter bergab geht, aber als Lösung beschließt man dann doch nur, das bisher getane Falsche weiter und noch verstärkt zu betreiben... aber ich schweife ab.

Das ist der überquellende Hochmut so vieler Theologen in nuce: Was an Überzeugungen gegeben ist, seien sie nun von Christen oder Andersgläubigen, ist nurmehr Modelliermasse, die durch sie, die "Fachleute", bearbeitet werden muss um "kompatibel" sein zu können. Kompatibel womit? Zeitgeist. Meinung. ... Der Berufstheologe, wie man ihn heute viel zu oft antrifft, erhebt sich über den Glauben (und damit auch über die Glaubenden!), über die Kirche, sogar über Gott selbst, um etwas zu machen von dem er meint, dass es "kompatibel", "originell" oder einfach "zeitgemäß" ist. Mit Theologie hat das freilich nichts, wirklich gar nichts zu tun. So glasklar formuliert wie bei jenem Kommentator wird man dem im theologischen Alltag zwar selten begegnen, aber faktisch findet man diesen Hochmut fast überall paktiziert, sei es bewusst oder unbewusst (weil solches Vorgehen als vermeintliches "Theologie treiben" erlernt und verinnerlicht wurde).
Mit den Worten von Louis Bouyer (aus: "Das Handwerk des Theologen"; es ließen sich dazu aber auch unzählige Passagen etwa aus Werken von Balthasars oder Ratzingers zitieren):
»Die Theologie, die christliche, katholische Theologie kann nichts anderes sein als eine Auslegung des Glaubens der Kirche, denn es gibt keinen anderen authentischen und vollständigen Glauben als den der Kirche. Der Gesprächspartner der Offenbarung ist die Kirche. In ihr muss der Theologe seine Stellung beziehen und den Glauben, der der Kirche gehört, erklären. Versucht er, etwas anderes zu tun, versucht er zum Beispiel ein ihm eigenes System zu entwickeln, so versetzt er sich damit an einen Standort außerhalb der Wege einer dieses Namens würdigen Theologie. [...] Es scheint mir deshalb kein schlimmeres Verdikt über das Werk eines selbst genialen Theologen zu geben, als wenn man sagt, es erlaube uns, sein Denken kenenzulernen. Das Werk des echten Theologen soll uns erlauben, nicht dessen Denken in seiner Individualität und Einzelheit zu erkennen, sondern den Nous Christou, das Denken Christi, das die mens Ecclesiae, die Gesinnung der Kirche uns als einziges überliefert und für uns lebendig erhält.«

Ich hatte das große Glück, dass ich bereits vor meinem Theologiestudium auf zahlreiche Theologen gestoßen bin bzw. von Theologenfreunden gestoßen wurde, bei denen man reichlich "richtige Theologie" erleben konnte. Sei es in der biographischen Tiefe eines John Henry Newman, in den großartigen aus der Liturgie der Kirche gespeisten Gedanken bei Erich Przywara, in dem ständig spürbaren Gebet bei Romano Guardini... (alte Theologenweisheit: man sollte immer einen ausreichenden Guardinivorrat zuhause haben! ;) ). Joseph Ratzinger behandelt die Frage nach dem Verhältnis von Heiligkeit und Theologie beispielsweise in seiner Prinzipienlehre sehr erhellend, und Hans Urs von Balthasar hat dem neben einigen Aufsätzen v.a. den zweiten Band (in zwei Teilbänden) seiner "Herrlichkeit" gewidmet. Ich rede hier nicht nur von einer "spirituelle" oder "erbaulichen Theologie", wie sie bei den genannten Autoren auch zur genüge anzutreffen ist, sondern es geht mir um die klar akademische Theologie, die freilich von einer spirituellen Theologie genährt sein sollte. Das sind etwa die Arbeiten von Henri de Lubac, Hugo(!) Rahner und Leo Scheffczyk; alles von Louis Bouyer, Julius Tyciak und vieles von Gerhard Lohfink, Joseph Pascher, Yves Congar, Jean Leclercq, Michael Kunzler und Manfred Hauke. Im außerkatholischen Bereich wären etwa zu nennen Wolfhart Pannenberg, Dietrich Bonhoeffer, Dumitru Staniloae, Alexander Schmemann, Hilarion Alfejew, Paul Evdokimov... uva.
Bei diesen Denkern, ich habe mal nur einige der produktivsten und "prominentesten" genannt von denen ich selbst einiges gelesen habe (Exegeten ausgenommen, siehe dazu den nächsten Beitrag), kommt man tatsächlich Christus näher.

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