Mittwoch, 25. Juli 2012

Wertvolle sakrale Grenzen

Kathedrale von Salamanca
Grenzen sind wichtig. Aber Grenzen kennt man heute immer weniger. Alles muss immer und überall verfügbar sein, alles will besichtigt, befühlt und begangen werden - ohne Bedingungen.

In seinem überaus amüsanten und lehrreichen Buch "Manieren", schildert Asfa-Wossen Asserate u.a. auch das Benehmen im Hinblick auf die Religion. Da heißt es (S. 114):
»Anständig bekleidet sein soll, wer eine Kirche betritt. Was anständig ist, unterliegt dem Zeitgeschmack; vielerorts ist man sich wenigstens noch darüber einig, daß Badekleidung jedenfalls nichts in der Kirche zu suchen hat. Die Kirchen sollten ermutigt werden, in dieser Hinsicht fest zu bleiben und den kurzen Hosen auch weiterhin den Eintritt zu verwehren, durchaus in ihrem eigenen Interesse: Für viele ist heute ein solches Hindernis die erste Begegnung mit dem Heiligen und damit ein unschätzbares Bildungserlebnis, das gerade dem aufgeklärten Proletariat nicht vorenthalten werden sollte. Es unterliegt doch keinem Zweifel, daß die staunenden Urlauber aus Manchester oder Zwickau, denen in einer andalusischen Kirche das Eislutschen verboten wird, mehr über die betreffende Kirche erfahren haben, als ihnen der beredteste Fremdenführer hätte mitteilen können.«

Und in einem nach wie vor überaus lesenswerten Artikel bei der FAZ (von 2010) mit dem Titel "Im Land der Mutlosen", über den Zustand der Kirche in Deutschland, lesen wir (neben vielem anderen Interessanten) eine Episode aus dem Leben eines mutigen Priesters:
»In Bad Ems hat er zwei Muslimen und einem Protestanten die Kommunion verweigert, die aus Spaß vor den Altar getreten waren. „Priester sind keine Maschinen, wir haben ein Gefühl für so etwas. Meine Ausbildung hat neun Jahre gedauert - ich spüre, ob einer katholisch ist.“ Ein Jahr nach dem Vorfall sind die beiden Männer und die Frau wieder bei Andrew Ngah vorstellig geworden - um sich von ihm taufen zu lassen.«


Die Grenzen des Heiligen sind wichtig. Es gibt einen Unterschied zwischen Innen und Außen. Die Bilderstürmer , die in den letzten Jahrzehnten den Unterschied aufheben wollten - bis hin zu Kirchen, die bewusst Industriehallen nachempfunden wurden, oder Straßenlaternen die bis vor den Altar gehen -, diese Bilderstürmer irren, und zwar ganz gewaltig! Wenn sich die Kirche, besonders in ihrer Liturgie und den liturgischen Räumen, nicht spürbar vom grauen und oberflächluchen Alltag unterscheidet, dann geht sie im Wust des Alltäglichen unzweifelhaft unter, sie kann der Kakophonie des Konsums nichts entgegen stellen.
Was völlig offen ist und der Erkenntnis und dem Zugriff keinen Widerstand leistet, erregt auch keine Faszination... das weiß jeder, der schonmal verliebt war. Alles Wertvolle will ent-deckt werden, es deckt sich nicht selber ab, entblößt sich und lässt dann alles auf sich kommen!

Darum: Weist die Leute zurecht, erklärt ihnen, wie man sich in einer Kirche verhält!


Nachtrag: Es ist ein verbreitetes Missverständnis, Ökumene bräuchte solch eine Offenheit und Grenzenlosigkeit. Das ist aber im Kern ein Entleerung der eigenen Identität. Es geht bei diesen Grenzen auch um Identität, um das Erkennen und Bewahren des Eigenen. Attaraktiv ist, was in sich gefestigt, was ein Profil hat, was auch ein Geheimnis birgt.

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