Dienstag, 3. Juli 2012

Qualitative Theologie


Ich glaube meinem Kirchengeschichtsprofessor ab heute kein Wort mehr. Mir reichts.
Man kann bei ihm die Fehlinformationen regelrecht abhaken! Würde man das eigene Wissen über die frühe Kirche aus seiner Vorlesung (statt aus einem guten Buch) gewinnen, dann...

... wäre Ignatius von Antiochien der Begründer des Subordinatianismus, weil er den "Sohn" als "Berater Gottes", selbigem untergeordnet, "erdacht" hat (in Wahrheit ist gerade Ignatius dafür berühmt, in gleicher Weise vom Sohn wie vom Vater zu sprechen, was seine Göttlichkeit anlangt; und er hat sich das auch nicht einfach "ausgedacht");

... wäre Tatians Diatessaron (eine Synopse der vier heute kanonischen Evangelien) die für die gesamte Kirche bis in die frühe Neuzeit maßgebliche (d.h. ständig zitierte) Quelle neutestamentlicher Schrifttexte gewesen (in Wahrheit war es das bloß bis ins 4. Jahrhundert und auch bloß in Syrien... der Rest der Kirche lehnte diese Evangeliensynopse als häretisch ab!);

... wäre "abweichende Theologie" das einzige(!) Kriterium dafür gewesen, welche Schriften kanonisch sind, und welche nicht (in Wahrheit liegt man mit "apostolischer Ursprung" und "allgemeiner Gebrauch" richtiger; die Vielfältigkeit der Überlieferung wurde sogar, entgegen solch harmonisierender Tendenzen wie bei Tatian, als Reichtum angesehen! Und es ist ja auch kein Zufall, dass selbst Tatian sich nur der vier allgemein anerkannten Evangelien bediente und nicht irgendwelcher anderer...);

... wäre "homoousios" (Wesensgleichheit) ein erstmals vom Konzil von Nicäa missbräuchlich und sinnentstellend ins christliche Denken eingefügter Begriff um das Verhältnis von Vater und Sohn in Gott zu bestimmen (in Wahrheitr war dieser Begriff schon seit Anfang des 3. Jahrhunderts, also ein Jahrhundert früher, durchaus in Gebrauch und galt, etwa in Rom, sogar als Ausweis der Rechtgläubigkeit);

... wäre die Einführung und (im Hinblick auf seine Verwendung von den griechischen Philosophen geschehene) Umdeutung des Begriffes "homoousios" in die Theologie durch das Konzil von Nicäa ganz ganz schlimm, schrecklich und fatal (um nicht zu sagen: falsch); der völlig neue und widersinnige Begriff "Schöpfung" wie ihn Arius verwendete aber völlig O.K. (in Wahrheit konstruierte Arius einen Begriff, der das Gegenteil aussagte: Der Sohn sei geschaffen, aber nicht wie ein Geschöpf; das homoousios war, s.o., demgegenüber schon lange in Gebrauch und auch definiert!);

... wäre die Begehung des Sonntags als Tag des Herrn ganz klar ein im 3. Jahrhundert plötzlich vollzogener Bruch der "Großkirche" mit der Lehre der Apostel mit der Intention einer Abgrenzung vom Judenchristentum (in Wahrheit bezeugen viele noch viel frühere Schriftzeugnisse das Gegenteil).

All diese  Perlen der Weisheit (und weitere, das hier sind nur die gravierendsten) hätte man innerhalb von nur zwei Stunden in einer handelsüblichen Vorlesung der Alten Kirchengschichte an einer der bedeutendsten theologischen Fakultäten Deutschlands "gelernt". Ich freu mich schon riesig auf die Prüfung...

O maaaannnn...

Kommentare:

  1. Bist Du Dir sicher, die Meinung des Profs wiederzugeben und nicht das Referat in der antiken Debatte vertretener Positionen? So klingt das nämlich beim homoousios: Fast original-arianische Argumentation (unbiblischer Begriff und schon deshalb falsch etc.).

    Ansonsten für die Prüfung: Versuche die Argumentation des Profs zu verstehen und auf welche Quellen er sich stützt und setze Deine Quellen dagegen. Prüfungen sind so ziemlich das Langweiligste und Unterfordernste, was im Leben eines Professors vorkommt. Denn dort hört er immer und immer wieder seine eigenen Worte, nur weniger zusammenhängend und teilweise unverstanden.

    Meine Erfahrung ist: Dem Prof in der Prüfung fundamental zu widersprechen gibt ihm die Chance, zur Abwechslung mal das Gehirn einzuschalten, und dafür ist er meist so dankbar, daß er mit guten Noten nur so um sich wirft.

    Noch langweiliger als immer wieder denselben Stoff vorgekaut zu bekommen ist allerdings, nur eine Gegenposition vor den Latz geknallt zu bekommen, ohne daß der Prüfling überhaupt versucht hat, die Prof-Position zu verstehen. Da merkt er dann nämlich, wie langweilig es schon den ganzen Nachmittag ist.

    Oder habt ihr nur schriftliche Prüfungen a la multiple choice? Das wär dann natürlich Mist.

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    1. Ja, es klingt arianisch, ist aber seine Meinung und darüber hinaus das, was er uns beibringen wollte. Er hat uns (sogar mehrmals) erklärt, wie dieser Begriff in der griechiscen Philosophie verwendet worden wäre und dass die die plötzliche Hinzuziehen in Nicäa darum sehr bedenklich sei.

      Keine Sorge, mit Prüfungen kenne ich mich schon zur Genüge aus, auch bei Profs, bei denen man das Große Haereticum machen kann ;)

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