Montag, 28. Dezember 2015

Ihr Kinderlein kommet?

Zum heutigen Tag...
Ihr Kinderlein kommet, o kommet doch all'!
Zur Krippe her kommet in Bethlehems Stall.
Und seht, was in dieser hochheiligen Nacht
der Vater im Himmel für Freude uns macht.

O seht in der Krippe im nächtlichen Stall,
seht hier bei des Lichtleins hellglänzendem Strahl
in reinlichen Windeln das himmlische Kind,
viel schöner und holder, als Englein es sind.

Da liegt es, das Kindlein, auf Heu und auf Stroh;
Maria und Joseph betrachten es froh.
Die redlichen Hirten knien betend davor,
hoch oben schwebt jubelnd der himmlische Chor.

O beugt wie die Hirten anbetend die Knie,
erhebet die Händlein und danket wie sie.
Stimmt freudig, ihr Kinder - wer sollt' sich nicht freu'n?
stimmt freudig zum Jubel der Engel mit ein!

Was geben wir Kinder, was schenken wir dir,
du bestes und liebstes der Kinder, dafür?
Nichts willst du von Schätzen und Reichtum der Welt,
ein Herz nur voll Demut allein dir gefällt.

"So nimm uns’re Herzen zum Opfer denn hin;
wir geben sie gerne mit fröhlichem Sinn;
und mache sie heilig und selig wie deins,
und mach’ sie auf ewig mit deinem in eins."


Im Hinblick v.a. auf die letzten beiden Strophen, nun noch Tagesgebet und Kommunionvers des heutigen Festes:
Vater im Himmel,
nicht mit Worten
haben die Unschuldigen Kinder dich gepriesen,
sie haben dich verherrlicht durch ihr Sterben.
Gib uns die Gnade,
dass wir in Worten und Taten
unseren Glauben an dich bekennen.
Darum bitten wir durch Jesus Christus.

Sie sind es, die aus den Menschen losgekauft wurden
als Weihegabe für Gott und das Lamm.
Sie folgen dem Lamm, wohin immer es geht.

Dienstag, 15. Dezember 2015

Der Protestant hat zu wenig Sakramente


»Bei dieser Gelegenheit kann ich nicht unterlassen, aus meiner früheren Jugend etwas nachzuholen, um anschaulich zu machen, wie die großen Angelegenheiten der kirchlichen Religion mit Folge und Zusammenhang behandelt werden müssen, wenn sie sich fruchtbar, wie man von ihr erwartet, beweisen soll. Der protestantische Gottesdienst hat zu wenig Fülle und Konsequenz, als daß er die Gemeine zusammenhalten könnte; daher geschieht es leicht, daß Glieder sich von ihr absondern und entweder kleine Gemeinen bilden oder, ohne kirchlichen Zusammenhang, neben einander geruhig ihr bürgerliches Wesen treiben. So klagte man schon vor geraumer Zeit, die Kirchgänger verminderten sich von Jahr zu Jahr und in eben dem Verhältnis die Personen, welche den Genuß des Nachtmahls verlangten. Was beides, besonders aber das letztere betrifft, liegt die Ursache sehr nah; doch wer wagt, sie auszusprechen? Wir wollen es versuchen.

In sittlichen und religiösen Dingen, eben so wohl als in physischen und bürgerlichen, mag der Mensch nicht gern etwas aus dem Stegreife tun: eine Folge, woraus Gewohnheit entspringt, ist ihm nötig; das, was er lieben und leisten soll, kann er sich nicht einzeln, nicht abgerissen denken, und um etwas gern zu wiederholen, muß es ihm nicht fremd geworden sein. Fehlt es dem protestantischen Kultus im Ganzen an Fülle, so untersuche man das Einzelne, und man wird finden: der Protestant hat zu wenig Sakramente, ja er hat nur eins, bei dem er sich tätig erweist, das Abendmahl; denn die Taufe sieht er nur an anderen vollbringen, und es wird ihm nicht wohl dabei. Die Sakramente sind das Höchste der Religion, das sinnliche Symbol einer außerordentlichen göttlichen Gunst und Gnade. In dem Abendmahle sollen die irdischen Lippen ein göttliches Wesen verkörpert empfangen und unter der Form irdischer Nahrung einer himmlischen teilhaftig werden. Dieser Sinn ist in allen christlichen Kirchen eben derselbe, es werde nun das Sakrament mit mehr oder weniger Ergebung in das Geheimnis, mit mehr oder weniger Akkommodation an das, was verständlich ist, genossen; immer bleibt es eine heilige, große Handlung, welche sich in der Wirklichkeit an die Stelle des Möglichen oder Unmöglichen, an die Stelle desjenigen setzt, was der Mensch weder erlangen noch entbehren kann. Ein solches Sakrament dürfte aber nicht allein stehen; kein Christ kann es mit wahrer Freude, wozu es gegeben ist, genießen, wenn nicht der symbolische oder sakramentliche Sinn in ihm genährt ist. Er muß gewohnt sein, die innere Religion des Herzens und die der äußeren Kirche als vollkommen eins anzusehen, als das große allgemeine Sakrament, das sich wieder in so viel andere zergliedert und diesen Teilen seine Heiligkeit, Unzerstörlichkeit und Ewigkeit mitteilt.

Hier reicht ein jugendliches Paar sich einander die Hände, nicht zum vorübergehenden Gruß oder zum Tanze; der Priester spricht seinen Segen darüber aus, und das Band ist unauflöslich. Es währt nicht lange, so bringen diese Gatten ein Ebenbild an die Schwelle des Altars; es wird mit heiligem Wasser gereinigt und der Kirche dergestalt einverleibt, daß es diese Wohltat nur durch den ungeheuersten Abfall verscherzen kann. Das Kind übt sich im Leben an den irdischen Dingen selbst heran, in himmlischen muß es unterrichtet werden. Zeigt sich bei der Prüfung, daß dies vollständig geschehen sei, so wird es nunmehr als wirklicher Bürger, als wahrhafter und freiwilliger Bekenner in den Schoß der Kirche aufgenommen, nicht ohne äußere Zeichen der Wichtigkeit dieser Handlung. Nun ist er erst entschieden ein Christ, nun kennt er erst die Vorteile, jedoch auch die Pflichten. Aber inzwischen ist ihm als Menschen manches Wunderliche begegnet, durch Lehren und Strafen ist ihm aufgegangen, wie bedenklich es mit seinem Innern aussehe, und immerfort wird noch von Lehren und von Übertretungen die Rede sein; aber die Strafe soll nicht mehr stattfinden. Hier ist ihm nun in der unendlichen Verworrenheit, in die er sich bei dem Widerstreit natürlicher und religiöser Forderungen verwickeln muß, ein herrliches Auskunftsmittel gegeben, seine Taten und Untaten, seine Gebrechen und seine Zweifel einem würdigen, eigens dazu bestellten Manne zu vertrauen, der ihn zu beruhigen, zu warnen, zu stärken, durch gleichfalls symbolische Strafen zu züchtigen und ihn zuletzt, durch ein völliges Auslöschen seiner Schuld, zu beseligen und ihm rein und abgewaschen die Tafel seiner Menschheit wieder zu übergeben weiß. So, durch mehrere sakramentliche Handlungen, welche sich wieder; bei genauerer Ansicht, in sakramentliche kleinere Züge verzweigen, vorbereitet und rein beruhigt, kniet er hin, die Hostie zu empfangen; und daß ja das Geheimnis dieses hohen Akts noch gesteigert werde, sieht er den Kelch nur in der Ferne: es ist kein gemeines Essen und Trinken, was befriedigt, es ist eine Himmelsspeise, die nach himmlischem Tranke durstig macht.

Jedoch glaube der Jüngling nicht, daß es damit abgetan sei; selbst der Mann glaube es nicht! Denn wohl in irdischen Verhältnissen gewöhnen wir uns zuletzt, auf uns selber zu stehen, und auch da wollen nicht immer Kenntnisse, Verstand und Charakter hinreichen; in himmlischen Dingen dagegen lernen wir nie aus. Das höhere Gefühl in uns, das sich oft selbst nicht einmal recht zu Hause findet, wird noch überdies von so viel Äußerem bedrängt, daß unser eignes Vermögen wohl schwerlich alles darreicht, was zu Rat, Trost und Hilfe nötig wäre. Dazu aber verordnet findet sich nun auch jenes Heilmittel für das ganze Leben, und stets harrt ein einsichtiger, frommer Mann, um Irrende zurecht zu weisen und Gequälte zu erledigen.

Und was nun durch das ganze Leben so erprobt worden, soll an der Pforte des Todes alle seine Heilkräfte zehnfach tätig erweisen. Nach einer von Jugend auf eingeleiteten, zutraulichen Gewohnheit nimmt der Hinfällige jene symbolischen, deutsamen Versicherungen mit Inbrunst an, und ihm wird da, wo jede irdische Garantie verschwindet, durch eine himmlische für alle Ewigkeit ein seliges Dasein zugesichert. Er fühlt sich entschieden überzeugt, daß weder ein feindseliges Element, noch ein mißwollender Geist ihn hindern könne, sich mit einem verklärten Leibe zu umgeben, um in unmittelbaren Verhältnissen zur Gottheit an den unermeßlichen Seligkeiten teilzunehmen, die von ihr ausfliegen.

Zum Schlusse werden sodann, damit der ganze Mensch geheiligt sei, auch die Füße gesalbt und gesegnet. Sie sollen, selbst bei möglicher Genesung, einen Widerwillen empfinden, diesen irdischen, harten, undurchdringlichen Boden zu berühren. Ihnen soll eine wundersame Schnellkraft mitgeteilt werden, wodurch sie den Erdschollen, der sie bisher anzog, unter sich abstoßen. Und so ist durch einen glänzenden Zirkel gleichwürdig heiliger Handlungen, deren Schönheit von uns nur kurz angedeutet worden, Wiege und Grab, sie mögen zufällig noch so weit aus einander gerückt liegen, in einem stetigen Kreise verbunden.

Aber alle diese geistigen Wunder entsprießen nicht, wie andere Früchte, dem natürlichen Boden, da können sie weder gesäet noch gepflanzt noch gepflegt werden. Aus einer anderen Region muß man sie herüberflehen, welches nicht jedem, noch zu jeder Zeit gelingen würde. Hier entgegnet uns nun das höchste dieser Symbole aus alter, frommer Überlieferung. Wir hören, daß ein Mensch vor dem andern von oben begünstigt, gesegnet und geheiligt werden könne. Damit aber dies ja nicht als Naturgabe erscheine, so muß diese große, mit einer schweren Pflicht verbundene Gunst von einem Berechtigten auf den anderen übergetragen und das größte Gut, was ein Mensch erlangen kann, ohne daß er jedoch dessen Besitz von sich selbst weder erringen noch ergreifen könne, durch geistige Erbschaft auf Erden erhalten und verewigt werden. Ja, in der Weihe des Priesters ist alles zusammengefaßt, was nötig ist, um diejenigen heiligen Handlungen wirksam zu begehen, wodurch die Menge begünstigt wird, ohne daß sie irgend eine andere Tätigkeit dabei nötig hätte als die des Glaubens und des unbedingten Zutrauens. Und so tritt der Priester in der Reihe seiner Vorfahren und Nachfolger, in dem Kreise seiner Mitgesalbten, den höchsten Segnenden darstellend, um so herrlicher auf, als es nicht er ist, den wir verehren, sondern sein Amt, nicht sein Wink, vor dem wir die Kniee beugen, sondern der Segen, den er erteilt, und der um desto heiliger, unmittelbarer vom Himmel zu kommen scheint, weil ihn das irdische Werkzeug nicht einmal durch sündhaftes, ja lasterhaftes Wesen schwächen oder gar entkräften könnte.

Wie ist nicht dieser wahrhaft geistige Zusammenhang im Protestantismus zersplittert, indem ein Teil gedachter Symbole für apokryphisch und nur wenige für kanonisch erklärt werden! und wie will man uns durch das Gleichgültige der einen zu der hohen Würde der anderen vorbereiten?«
(aus: Johann Wolfgang von Goethe, Dichtung und Wahrheit, Siebentes Buch)

Samstag, 21. November 2015

Am deutschen Wesen...

... soll - nach dem Vernehmen gewisser deutscher Würdenträger in den letzten Monaten - die ganze Katholische Kirche genesen. Dass die deutsche Kirche aber wohl eher der Kranke Mann der Weltkirche ist, das hat wohl kaum jemand bisher so deutlich zum Ausdruck gebracht, wie ausgerechnet Papst Franziskus in seiner gestrigen Ansprache an die deutschen Bischöfe bei ihrem Ad-limina-Besuch: Verweltlichung, Überhang der Strukturen, Erosion des Glaubens; die Notwendigkeit der Treue zum Lehramt, von Mission, Beichte, Priestertum. Hier einige der für mich bedeutsamsten Passagen:

- Überall engagiert sich die Kirche professionell im sozial-caritativen Bereich und ist auch im Schulwesen überaus aktiv. Es ist darauf zu achten, dass in diesen Einrichtungen das katholische Profil gewahrt bleibt

- Wo in den Sechziger Jahren noch weiträumig fast jeder zweite Gläubige regelmäßig sonntags zu Heiligen Messe ging, sind es heute vielfach weniger als 10 Prozent. Die Sakramente werden immer weniger in Anspruch genommen. Die Beichte ist vielfach verschwunden. Immer weniger Katholiken lassen sich firmen oder gehen das Sakrament der Ehe ein. Die Zahl der Berufungen für den Dienst des Priesters und für das gottgeweihte Leben haben drastisch abgenommen. Angesichts dieser Tatsachen ist wirklich von einer Erosion des katholischen Glaubens in Deutschland zu sprechen.

- Denken wir nur an Priska und Aquila, die treuen Mitarbeiter des heiligen Paulus. Als Ehepaar verkündeten sie mit überzeugenden Worten (vgl. Apg 18,26), vor allem aber mit ihrem Leben, dass die Wahrheit, die auf der Liebe Christi zu seiner Kirche gründet, wirklich glaubwürdig ist. Sie öffneten ihr Haus für die Verkündigung und schöpften aus dem Wort Gottes Kraft für ihre Mission. Das Beispiel dieser „Ehrenamtlichen“ mag uns zu denken geben angesichts einer Tendenz zu fortschreitender Institutionalisierung der Kirche. Es werden immer neue Strukturen geschaffen, für die eigentlich die Gläubigen fehlen. Es handelt sich um eine Art neuer Pelagianismus, der dazu führt, unser Vertrauen auf die Verwaltung zu setzen, auf den perfekten Apparat. Eine übertriebene Zentralisierung kompliziert aber das Leben der Kirche und ihre missionarische Dynamik, anstatt ihr zu helfen (vgl. Evangelii gaudium, 32).

- Das Gebot der Stunde ist die pastorale Neuausrichtung, also „dafür zu sorgen, dass die Strukturen der Kirche alle missionarischer werden, dass die gewöhnliche Seelsorge in all ihren Bereichen expansiver und offener ist, dass sie die in der Seelsorge Tätigen in eine ständige Haltung des ‚Aufbruchs‘ versetzt und so die positive Antwort all derer begünstigt, denen Jesus seine Freundschaft anbietet“ (vgl. Evangelii gaudium, 27).

- Wir müssen bei den Menschen sein mit der Glut derer, die als erste das Evangelium in sich aufgenommen haben. Und „jedes Mal, wenn wir versuchen, zur Quelle zurückzukehren und die ursprüngliche Frische des Evangeliums wiederzugewinnen, tauchen neue Wege, kreative Methoden, andere Ausdrucksformen, aussagekräftigere Zeichen und Worte reich an neuer Bedeutung für die Welt von heute auf. In der Tat, jedes echte missionarische Handeln ist immer ‚neu‘“ (Evangelii gaudium, 11). Auf diese Weise können sich alternative Wege und Formen von Katechese ergeben, die den jungen Menschen und den Familien helfen, den allgemeinen Glauben der Kirche authentisch und froh wiederzuentdecken. 

- In diesem Zusammenhang der neuen Evangelisierung ist es unerlässlich, dass der Bischof seine Aufgabe als Lehrer des Glaubens, des in der lebendigen Gemeinschaft der universalen Kirche überlieferten und gelebten Glaubens, in den vielfältigen Bereichen seines Hirtendienstes gewissenhaft wahrnimmt. Wie ein treusorgender Vater wird der Bischof die theologischen Fakultäten begleiten und den Lehrenden helfen, die kirchliche Tragweite ihrer Sendung im Auge zu behalten. Die Treue zur Kirche und zum Lehramt widerspricht nicht der akademischen Freiheit, sie erfordert jedoch eine Haltung der Dienstbereitschaft gegenüber den Gaben Gottes. Das sentire cum Ecclesia muss besonders diejenigen auszeichnen, welche die jungen Generationen ausbilden und formen.

- Wenn wir ferner einen Blick auf die Pfarrgemeinden werfen, die Gemeinschaft, in der der Glaube am meisten erfahrbar und gelebt wird, so muss dem Bischof in besonderer Weise das sakramentale Leben am Herzen liegen. Hier seien nur zwei Punkte hervorgehoben: die Beichte und die Eucharistie. Das bevorstehende Außerordentliche Jubiläum der Barmherzigkeit bietet die Gelegenheit, das Sakrament der Buße und der Versöhnung wieder neu zu entdecken. Die Beichte ist der Ort, wo einem Gottes Vergebung und Barmherzigkeit geschenkt wird. In der Beichte beginnt die Umwandlung des einzelnen Gläubigen und die Reform der Kirche. Ich vertraue darauf, dass im kommenden Heiligen Jahr und darüber hinaus dieses für die geistliche Erneuerung so wichtige Sakrament in den Pastoralplänen der Diözesen und Pfarreien mehr Berücksichtigung findet.

- Desgleichen ist es notwendig, die innere Verbindung von Eucharistie und Priestertum stets klar sichtbar zu machen. Pastoralpläne, die den geweihten Priestern nicht die gebührende Bedeutung in ihrem Dienst des Leitens, Lehrens und Heiligens im Zusammenhang mit dem Aufbau der Kirche und dem sakramentalen Leben beimessen, sind der Erfahrung nach zum Scheitern verurteilt. Die wertvolle Mithilfe von Laienchristen im Leben der Gemeinden, vor allem dort, wo geistliche Berufungen schmerzlich fehlen, darf nicht zum Ersatz des priesterlichen Dienstes werden oder ihn sogar als optional erscheinen lassen. Ohne Priester gibt es keine Eucharistie. Die Berufungspastoral beginnt mit der Sehnsucht nach dem Priester im Herzen der Gläubigen.

- Ein nicht hoch genug zu einschätzender Auftrag des Bischofs ist schließlich der Eintritt für das Leben. Die Kirche darf nie müde werden, Anwältin des Lebens zu sein und darf keine Abstriche darin machen, dass das menschliche Leben von der Empfängnis bis zum natürlichen Tod uneingeschränkt zu schützen ist. Wir können hier keine Kompromisse eingehen, ohne nicht selbst mitschuldig zu werden an der leider weitverbreiteten Kultur des Wegwerfens. (von hier)

Dem Papst geht es ums Wesentliche. Er hält sich nicht auf mit politischen Statements, Floskeln oder wohlfeilen Lobhudeleien, sondern nennt das ganze Elend beim Namen und macht unmissverständlich klar, dass nur das katholische Proprium (Beichte, treue Bewahrung und Verkündigung des ganzen Glaubens der Kirche, missionarischer Eifer etc.) Abhilfe schaffen kann... genau das, was hierzulande weitestgehend brach liegt.
Natürlich wird nun wieder jeder sich das rauspicken, was ihm passt und gute Miene machen. Aber hier ist eigentlich kein Interpretationsspielraum. Mit Verlaub: Wenn etwa ein Bischof Bode über "andere priesterliche Formen" nachdenkt, was ziemlich sicher auf eine Einebung des Unterschieds zwischen Priestern und Laien hinausläuft; wenn die DBK die neue Gesetzeslage zur Sterbehilfe bejubelt, die für Christen eigentlich völlig unannehmbar ist; wenn verschiedentlich versucht wird, Eucharistie und Beichte zu entkoppeln (und Letztere faktisch zu desavouieren), wie etwa in der Freiburger Handreichung zu den wvG und zugleich über 50% der Priester und über 90% der Gemeindereferenten einmal oder seltener im Jahr zur Beichte gehen; wenn katholische Einrichtungen und besonders die theologischen Fakultäten sich in der Mehrzahl alle Mühe geben, nicht mehr als "katholisch" aufzufallen; wenn gewisse Kardinäle den Zentralismus in der Weltkirche anprangern, während sie selbst dafür sorgen, dass ein ekklesiologisch irrelevantes und alles in allem fiktives Organ namens "Bischofskonferenz" den Diözesanbischöfen (von denen jeder Einzelne einzig dem Papst untersteht) vorschreiben kann, wie der Hase zu laufen hat; wenn der Apparat an Strukturen, wie aktuell ausgerechnet im Erzbistum München, exorbitante Außmaße erreicht; wenn das Wort "Mission" aus dem Vokabular der Würdenträger restlos verschwunden ist... dann ist es an der Zeit, den Papst beim Wort zu nehmen und endlich mal den Ar*** hochzukriegen.  
Die Beispiele für Handlungen und Unterlassungen der deutschen "Amtskirche", die genau konträr zu dem laufen, was Franziskus ihnen gestern eingeschärft hat, ließen sich beliebig vermehren... Ich befürchte aber, dass man sich nun noch mehr auf die Fehlleistungen und Irrwege konzentrieren wird, die der Papst in seiner Ansprache nicht explizit angesprochen hat, mit dem ausgesprochenen oder unausgesprochenen Argument "dazu hat er ja nix gesagt".
Man wird sehen, wie die deutschen Bischöfe nun Handeln werden.

PS. Dass der Papst in seiner Ansprache ausgerechnet die KU Eichstätt so überdeutlich gelobt hat, lässt aufhorchen. Schon länger gibt es Überlegungen in der DBK, die dortige theologische Fakultät zu schließen, was gut dazu passt, die liberale (nicht selten ausgesprochen protestantisch-nationalkirchliche) Linie der katholischen Theologie in Deutschland weiter zu festigen. Wenn nun selbst der Papst ein Fan dieser Uni ist, dürften diese Überlegungen nun hoffentlich ein Ende haben. 

PPS. Papst Franziskus fordert eine "pastorale Neuausrichtung" in den deutschen Diözesen... Wenn Kardinal Marx ehrlich wäre und zu dem stünde, was er bisher immer wieder vollmundig verlauten ließ ("keine Filiale Roms"), müsste er in etwa so reagieren: Was fällt dem Papst eigentlich ein, sich derart in die Angelegenheiten hierzulande einzumischen? Wie war das noch mit Synodalität? Hieß das denn nicht, "Jeder kocht sein eigenes Süppchen"?
Nur son Gedanke... 

Samstag, 14. November 2015

"... notre combat sera impitoyable"

Mich hat es betroffen gemacht, dass der französische Präsident einen "erbarmungslosen Kampf" angekündigt hat (hier sagt er es). Der Mann will Blut sehen. Einen "kriegerischen Akt" nannte er es, was gestern geschehen ist... folglich zieht er nun in den Krieg... (in dem er schon seit vielen Monaten ohnehin knietief drinsteckt).Bravo. Das laizistische Frankreich ist nun endlich wieder in der guten alten Zeit angelangt, als Barmherzigkeit noch unbekannt war. Töten die 100 von uns, töten wir tausende von ihnen. Erbarmungslos. Soviel zum christlichen Abendland.

Die bislang bemerkenswerteste Äußerung kommt m.E. von Martin Schulz, dem Präsidenten des EU-Parlaments: "Das, was wir in Paris erlebt haben, ist in Homs, in Aleppo, in Damaskus Alltag" (hier). Was ich nun aber weniger im Blick auf die Beurteilung der Flüchtlinge verstehe, sondern v.a. im Hinblick auf die Scheinheiligkeit des "Westens"... denn den kümmerte es und kümmert es nach wie vor erstaunlich wenig, was dort abgeht... aber wenn sowas in Paris passiert, DANN erstrahlen überall in der westlichen Welt plötzlich die Wahrzeichen der Hauptstädte in Blau-Weiß-Rot...


Beten wir für die Opfer und für die, die verantwortlich sind.

Sonntag, 25. Oktober 2015

Lektionen

Aus der Lesehore dieses Sonntags:
»Auf zweifache Weise suche ich meine Auserwählten heim: in Anfechtung und in Trost. Ich halte ihnen Tag für Tag zwei Lesungen [Lektionen]: in der einen tadele ich ihre Sünden, in der andern mahne ich sie zum Wachstum in der Tugend.« (Thomas von Kempen, Nachfolge Christi III,3)

Freitag, 16. Oktober 2015

Billige Gnade

»Billige Gnade ist der Todfeind unserer Kirche. Unser Kampf geht heute um die teure Gnade.
Billige Gnade heißt Gnade als Schleuderware, verschleuderte Vergebung, verschleuderter Trost, verschleudertes Sakrament; Gnade als unerschöpfliche Vorratskammer der Kirche, aus der mit leichtfertigen Händen bedenkenlos und grenzenlos ausgeschüttet wird; Gnade ohne Preis, ohne Kosten. Das sei ja gerade das Wesen der Gnade, dass die Rechnung im voraus für alle Zeit beglichen ist. Auf die gezahlte Rechnung hin ist alles umsonst zu haben. Unendlich groß sind die aufgebrachten Kosten, unendlich groß daher auch die Möglichkeiten des Gebrauchs und der Verschwendung. Was wäre Gnade, die nicht billige Gnade ist?
Billige Gnade heißt Gnade als Lehre, als Prinzip, als System; heißt Sündenvergebung als allgemeine Wahrheit, heißt Liebe Gottes als christliche Gottesidee. Wer sie bejaht, der hat schon Vergebung seiner Sünden. Die Kirche dieser Gnadenlehre ist durch sie schon der Gnade teilhaftig. In dieser Kirche findet die Welt billige Bedeckung ihrer Sünden, die sie nicht bereut und von denen frei zu werden sie erst recht nicht wünscht. Billige Gnade ist darum Leugnung des lebendigen Wortes Gottes, Leugnung der Menschwerdung des Wortes Gottes.
Billige Gnade heißt Rechtfertigung der Sünde und nicht des Sünders. Weil Gnade doch alles allein tut, darum kann alles beim alten bleiben. "Es ist doch unser Tun umsonst." Welt bleibt Welt, und wir bleiben Sünder "auch in dem besten Leben". Es lebe also auch der Christ wie die Welt, er stelle sich der Welt in allen Dingen gleich und unterfange sich ja nicht – bei der Ketzerei des Schwärmertums! – unter der Gnade ein anderes Leben zu führen als unter der Sünde! Er hüte sich gegen die Gnade zu wüten, die große, billige Gnade zu schänden und neuen Buchstabendienst aufzurichten durch den Versuch eines gehorsamen Lebens unter den Geboten Jesu Christi! Die Welt ist durch Gnade gerechtfertigt, darum – um des Ernstes dieser Gnade willen!, um dieser unersetzlichen Gnade nicht zu widerstreben! – lebe der Christ wie die übrige Welt! Gewiss, er würde gern ein Außerordentliches tun, es ist für ihn unzweifelhaft der schwerste Verzicht, dies nicht zu tun, sondern weltlich leben zu müssen. Aber er muss den Verzicht leisten, die Selbstverleugnung üben, sich von der Welt mit seinem Leben nicht zu unterscheiden. Soweit muss er die Gnade wirklich Gnade sein lassen, dass er der Welt den Glauben an diese billige Gnade nicht zerstört. Der Christ aber sei in seiner Weltlichkeit, in diesem notwendigen Verzicht, den er um der Welt – nein, um der Gnade willen! – leisten muss, getrost und sicher (securus) im Besitz dieser Gnade, die alles allein tut. Also, der Christ folge nicht nach, aber er tröste sich der Gnade! Das ist billige Gnade als Rechtfertigung der Sünde, aber nicht als Rechtfertigung des bußfertigen Sünders, der von seiner Sünde lässt und umkehrt; nicht Vergebung der Sünde, die von der Sünde trennt. Billige Gnade ist die Gnade, die wir mit uns selbst haben.
Billige Gnade ist Predigt der Vergebung ohne Buße, ist Taufe ohne Gemeindezucht, ist Abendmahl ohne Bekenntnis der Sünden, ist Absolution ohne persönliche Beichte. Billige Gnade ist Gnade ohne Nachfolge, Gnade ohne Kreuz, Gnade ohne den lebendigen, menschgewordenen Jesus Christus.
Teure Gnade ist der verborgene Schatz im Acker, um dessentwillen der Mensch hingeht und mit Freuden alles verkauft, was er hatte; die köstliche Perle, für deren Preis der Kaufmann alle seine Güter hingibt; die Königsherrschaft Christi, um derentwillen sich der Mensch das Auge ausreißt, das ihn ärgert, der Ruf Jesu Christi, auf den hin der Jünger seine Netze verlässt und nachfolgt.
Teure Gnade ist das Evangelium, das immer wieder gesucht, die Gabe, um die gebeten, die Tür, an die angeklopft werden muss.
Teuer ist sie, weil sie in die Nachfolge ruft, Gnade ist sie, weil sie in die Nachfolge Jesu Christi ruft; teuer ist sie, weil sie dem Menschen das Leben kostet, Gnade ist sie, weil sie ihm so das Leben erst schenkt; teuer ist sie, weil sie die Sünde verdammt, Gnade, weil sie den Sünder rechtfertigt. Teuer ist die Gnade vor allem darum, weil sie Gott teuer gewesen ist, weil sie Gott das Leben seines Sohnes gekostet hat – "ihr seid teuer erkauft" -, und weil uns nicht billig sein kann, was Gott teuer ist. Gnade ist sie vor allem darum, weil Gott sein Sohn nicht zu teuer war für unser Leben, sondern ihn für uns hingab. Teure Gnade ist Menschwerdung Gottes.
Teure Gnade ist Gnade als das Heiligtum Gottes, das vor der Welt behütet werden muss, das nicht vor die Hunde geworfen werden darf, sie ist darum Gnade als lebendiges Wort, Wort Gottes, das er selbst spricht, wie es ihm gefällt. Es trifft uns als gnädiger Ruf in die Nachfolge Jesu, es kommt als vergebendes Wort zu dem geängsteten Geist und dem zerschlagenen Herzen. Teuer ist die Gnade, weil sie den Menschen unter das Joch der Nachfolge Jesu Christi zwingt, Gnade ist es, dass Jesus sagt: "Mein Joch ist sanft und meine Last ist leicht."«

(So der Anfang des ersten Kapitels über "Die teure Gnade" aus Dietrich Bonhoeffers "Nachfolge")

Samstag, 3. Oktober 2015

Soli Deo

von hier

Während der drei Wochen der Synode werde ich hier nichts posten, um der Versuchung zu wehren, sie zu kommentieren. Und weil ich in dieser Zeit einiges andere zutun habe, anstatt mich mit selbiger Synode zu beschäftigen.

Wie sagte noch Newman: Wer Kreuzfahrten liebt, sollte sich vom Maschinenraum fernhalten. Nun, jetzt werden erstmal drei Wochen lang Kohlen geschaufelt und allen Nichtbeteiligten bleibt das Gebet für die Hirten, der Sakramentenempfang und wahlweise auch das Fasten. Synoden und Konzilien waren schon immer auch ziemlich schmutzige Angelegenheiten, bei denen einiges an Geschirr flog. Das wird auch diesmal nicht anders sein. Und am Ende entscheidet eh der Papst. Der Geist wird die Kirche des Herrn führen, es ist jetzt seine Bühne.

Freitag, 2. Oktober 2015

Dürftige Theologie - 18 - Perspektive

von hier
Bitte die Einführung (hier) beachten!


»Nach populärer Vorstellung ist die Langlebigkeit einer Institution an sich schon ein Einwand gegen sie - weil und wie bisher Alter an sich schon als Empfehlung galt. Heute herrscht bereits die unbewußte, darum um so mächtigere Vorstellung, solches Überleben könnte nur auf verdächtigten Ursachen beruhen: wie Unwissenheit, Aberglauben, Geistesträgheit, Machtkampf und Sturheit. Daß etwa Vernunft und Bewährung im Bewahren auch mitspielen könnten, damit rechnet man nicht gerne. Diese Voraussetzung erschwert jedem, der für Tradition irgendwelcher Art eintritt, das Gespräch: denn wie einst der Neuerer, befindet sich nun der Verteidiger eines Überlieferten und vornherein im Unrecht und auf der Anklagebank.« (Ida Friederike Görres, Be-Denkliches)

Was Ida Görres vor 50 Jahren, mitten in den Wirren nach dem letzten Konzil konstatierte, ist heute allgegenwärtig. Das ist besonders traurig, weil die gesamte Kirchengeschichte (und schon die Überlieferung innerhalb der Schriften des Neun Testaments!) bezeugt, dass das Hergebrachte, das Überlieferte, das Tradierte die Priorität genießt und jedes "Neue" von dieser Tradition her im Sinne einer Unterscheidung der Geister geprüft werden muss. Heute ist es andersherum. Die Perspektive hat sich völlig verschoben.
Das ist übrgens das gleiche Phänomen, das wir besonders im liturgischen Leben der Kirche beobachten können: Das überall anzutreffende Missverständnis liegt darin, dass die Gemeinde sich selbst feiern will, "Gemeinschaft" und "Beisammensein" sucht, anstatt das uneingeschränkte und bedingungslose Lob Gottes, das ihm wohlgefällige Opfer, darzubringen (vgl. dazu hier).

Dieser Perspektivwechsel ist in der akademischen Theologie besonders krass zu beobachten, und ich meine nicht nur, was man gemeinhin "anthropologische Wende" nennt (die ja auch eine sehr wichtige, positive Seite hat, wie sie etwa in der Theologie des Leibes zum Vorschein kommt). Ich meine noch viel grundlegender die Infragestellung von jedweder Wahrheit und zwar in allen theologischen Disziplinen. Und das geht so:

Früher (also: bisher immer) galt die Offenbarung Gottes dem Menschen. Sie hatte normativen Charakter. Die Gebote Gottes galt es zu befolgen, ihre Nichtbefolgung galt als Sünde, gleichbedeutend mit einer Abwendung und Flucht vor Gott, die sich dann konsequent auch ins Ewige fortzusetzen drohte (= Verdammnis). Wer sagte: Ich habe ihn erkannt!, aber seine Gebote nicht hält, der war ein Lügner und die Wahrheit war nicht in ihm (vgl. 1Joh 2,4).
Heute ist ein Grundaxiom der meisten Theologie auf eine Formel gebracht, wie sie mir neulich in konziser Form im Kontext der Religionspädagigik begegnet ist: "Die göttliche Offenbarung hat nur dann Geltung für den Menschen, wenn sie von diesem angenommen und bejaht wird."

Der Satz klingt für den Laien (und die meisten Theologiestudenten) auf den ersten Blick insofern vernünftig, weil er syllogistisch anmutet: Nur wenn ich etwas annehme und bejahe, kann es in meinem Leben zur Geltung kommen. Klingt logisch, weil es eigentlich zweimal das gleiche sagt: annehmen - zur Geltung kommen lassen... Wenn etwas in meinem Leben zur Geltung kommt, heißt das, dass ich es angenommen habe. Aber hier schleicht sich beim aufmerksamen Leser bereits ein ungutes Gefühl ein... stimmt das denn? Der Kniff, der hier angewendet wird, ist die Nuancierung des Begriffs der Geltung: Geltung meint nicht nur, dass sich etwas manifestiert, dass es bemerkbar wird und Auswirkungen hat, sondern im engeren Sinne eben auch - und darin den eben genannten Bedeutungen semantisch wie existentiell vorgelagert -, dass etwas gilt! Und genau diese letzte Bedeutung ist es, die mit der oben gegebenen axiomatischen Formel einerseits kaschiert werden soll, obgleich sie andererseits durchaus primär intendiert ist. Zu Deutsch: Man erweckt den Eindruck, nur eine doppelt-gemoppelte Phrase über die sich im Leben auswirkende Offenbarung Gottes zu gebrauchen, weil man sich irgendwie doch noch subkutan bewusst ist - zumindest im öffentlichen theologischen Treiben und Schreiben -, dass hier etwas Steiles behauptet wird. Aber was man eigentlich tut, und was auch jedem irgendwann freudig (weil "entlastend") auffällt, kommt einer Abschaffung dieser Offenbarung gleich.
Wenn nämlich die Offenbarung Gottes - und darin besonders seine Gebote - nur dann für mich gelten, wenn ich sie auch annehme und bejahe, heißt das nämich im Umkehrschluss, dass sie für mich dann nicht gelten, wenn ich sie nicht annehme und bejahe. Die Wahrheit Gottes und seine Gebote haben keine Geltung, keine Gültigkeit, wenn ich sie nicht möchte - ich bin nicht an sie gebunden. Oder so: Gott verlangt von mir keine Erfüllung seiner Gebote, wenn ich das nicht auch selbst will und er sanktioniert auch keine Nichterfüllung.
Noch grundlegender gilt dies für die Wahrheit Gottes selbst: Was auch immer die Bibel und/oder die Kirche von der Wahrheit Gottes lehren, gilt nur dann für mich, wenn ich es möchte. Wenn ich es nicht möchte, ist es auch egal, und Gott findet sich damit ab. Das ist der Begriff von "Freiheit", den der Freiburger Fundamentaltheologe Herr Striet in seiner endlosen atheistischen Selbstreferenz meint, wenn er sagt, dass es "nichts [gibt], über das hinaus Größeres für den Menschen zu denken und zu ersehnen wäre als das Recht auf Freiheit" (vgl. meine Notiz dazu hier).

Solches Denken lässt sich dann noch auf vielerlei Weise ganz gut kaschieren, beispielsweise so, wie es mir erst diese Woche wieder einmal begegente: Indem man sagt, man verstehe Christentum als ein "narratives" Geschehen - im betonten Gegensatz zu einem am überlieferten Erbe "starr festhaltenden" "dogmatischen" Christentum. Das klingt zunächstmal irgendwie gut, und man kann es auch im guten Sinne verstehen: Von Jesus muss immer neu erzählt werden, und jeder muss selbst mit Ihm seine Lebensgeschichte gestalten (erzählen). Was aber damit i.d.R. gemeint ist, ist nicht das neue Erzählen, sondern das Erzählen von etwas Neuem, das man sich selbst ausgedacht hat und das wie selbstverständlich ausdrücklich gegen die Überlieferung in Stellung gebracht wird. Also genau das, wovor besonders der Apostel Paulus immer und immer wieder warnt. Interessant ist, dass die Unterhaltung, in der mir diese Aussage diesmal begenete, sich von einem konkreten Sachverhalt sehr schnell auf die Frage nach der theologischen Erkenntnis verschoben hat und dort dann auch konsequenterweise von meiner Gesprächspartnerin die Evangelien gegen Paulus in Stellung gebracht wurden, nachdem ich auf die vielfältigen Aussagen des Paulus über das Festhalten an der überlieferten Lehre hingewiesen habe. Paulus vertrete nämlich ein solches "dogmatisches" Christentum, aber in den Evangelien sei das nicht so. Dass die Evangelien später als die meisten Briefe des Paulus entstanden sind und zwar auch in Gemeinden, die von diesem Paulus sehr geprägt waren, schien sie genausowenig zu interessieren, wie die Tatsache, dass die Evangelien selbst Frucht eines "Festhaltens" und getreuen Überlieferns sind (in der Apostelgeschichte können wir ebenfalls die Wichtigkeit getreuer Überlieferung in der frühen Kirche geradezu live, "narrativ", erleben: "Sie hielten an der Lehre der Apostel fest"; Apg 2,42). Von den vielen eindeutigen Aussagen Jesu gerade über die Gebote Gottes, das zu erwartende Gericht und seine Person - die eine Umdeutung zu etwas weniger als dem Fleichgewordenen einzigen Sohn Gottes, der wiederkommen wird als Weltenrichter, nicht erlauben - einmal abgesehen. (Das war besonders witzig [oder gruselig?], weil mir jene Gesprächspartnerin zuvor, als es noch um den konkreten Sachverhalt ging, einen Mangel an Kontextualität in meiner Bibelhermeneutik vorwarf...)

Es darf nichts mehr vorgegeben sein, sei es in Sachen Moral, sei es über die Realität Gottes. Alles, was uns überliefert ist von Gottes Taten und Gottes Weisung, hat im Grunde überhaupt keine Gültigkeit, Gott ist damit völlig machtlos. (Hier zeigt Karl Barth, wie diese Machtlosigkeit auch zur Abschaffung der Gnade führen muss.) Es ist alles irgendwie auf die Ebene von Meinungen herabgedrückt, die man am Stammtisch äußern kann. Wer sich auf etwas beruft, was er nicht einfach selbst meint, sondern was er als Empfangenes weitergeben will (vgl. 1Kor 11,13), der wird verlacht und ausgeschlossen.

»Ich beschwöre dich bei Gott und bei Christus Jesus, dem kommenden Richter der Lebenden und der Toten, bei seinem Erscheinen und bei seinem Reich: Verkünde das Wort, tritt dafür ein, ob man es hören will oder nicht; weise zurecht, tadle, ermahne, in unermüdlicher und geduldiger Belehrung.
Denn es wird eine Zeit kommen, in der man die gesunde Lehre nicht erträgt, sondern sich nach eigenen Wünschen immer neue Lehrer sucht, die den Ohren schmeicheln; und man wird der Wahrheit nicht mehr Gehör schenken, sondern sich Fabeleien zuwenden.
Du aber sei in allem nüchtern, ertrage das Leiden, verkünde das Evangelium, erfülle treu deinen Dienst!
«
(2Tim 4,1-5)

Dienstag, 29. September 2015

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Heiliger Erzengel Gabriel,
du starker Held Gottes,
steh mir in meiner Bedrängnis bei,
wie du einst in den Kampf zogst
gegen die Bedränger Israels.

Wie du dem Propheten Daniel
den Willen Gottes offenbart hast,
und die Zeichen zu deuten halfst,
so hilf jetzt auch mir,
dass ich die Zeichen erkenne
und den Willen Gottes tue,
auf dass ich Ihm gefalle.

Wie du die Geburt des Vorläufers
dem Zacharias verkündet,
und der heiligsten Jungfrau Maria
die Menschwerdung unseres Herrn
Jesus Christus
kundgetan hast,
so erleuchte auch mich,
dass ich immer mehr
zu dem Menschen werde,
den Gott in mir erdacht hat
und den Er jetzt schon in mir liebt.

Amen.

bzgl. Frauenpriestertum

Papst Franziskus wurde auf seinem Rückflug aus den USA nach dem Weiheamt für Frauen gefragt und sagte mit Berufung auf Johannes Paul II. in aller Deutlichkeit "Nein". Oh Wunder. Man reibt sich in den Medien die Augen. Der Papst vertritt eine katholische Position. Dazu ein längeres Zitat - es sind die einleitenden zwei Seiten eines kleinen netten Buches zu diesem Thema:


»"Deinen Vorschriften neige mein Herz zu, doch nicht der Habgier!", so ruft der Beter von Ps. 119 (36). Es mag absurd erscheinen, mit seinen Worten eine Brücke schlagen zu wollen zu unserem Thema "Priestertum der Frau". Und doch gibt dieser Vers, wie mir scheint, erste Denkanstöße. Ja, er regt an zu einigen provokativen Fragen.
Deinen Vorschriften neige mein Herz zu. "Vorschriften?" Schon bei dem Wort sehen viele heute 'rot'. Vorschriften: das klingt nach Unterdrückung! Unser Schlachtruf in Welt und Kirche heißt "Befreiung!" Wer gar noch von "Vorschriften Gottes" zu reden wagt, der gehört ins vorige Jahrhundert. Der ist konservativ, traditionalistisch, vorkonziliar, von gestern, erledigt! Und wer hat heute noch den Mut, ein derart miserables Image auf sich sitzen zu lassen? Der Hinweis auf Vorschriften Gottes ist zudem (um gleich 'in medias res' zu springen) von fortschrittlichen Theologinnen und Theologen längst entlarvt worden als Feigenblatt einer patriarchalisch strukturierten Kirche, deren Priester zwar viel von gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und politischer Gleichberechtigung der Frau reden, sie aber weit von sich weisen, wenn es um die innerkirchliche berufliche Gleichberechtigung geht.
Abgesehen davon: Wo steht denn eigentlich geschrieben, daß Frauen nicht Priesterinnen werden dürfen? Und gibt es überhaupt "Vorschriften Gottes", also so etwas wie eine ewig gültige Ordnung? Besteht nicht alle Ordnung unter Menschen, also auch in der Kirche, aus soziologisch-kulturell bedingten Übereinkünften, die sich je nach den Verhältnissen wandeln? Was aber hat sich tiefgreifender gewandelt als Bild und Stellung der Frau? Das Gerede von der "Ewigen Frau" ist doch bloßer "Mythos", einer Dichterin wie G. V. Le Fort allenfalls zuzugestehen, für das konkrete Leben auf Erden, für die Realität jedoch unbrauchbar!
"Deinen Vorschriften neige mein Herz zu..." Wie denn das? Vorschriften akzeptiert man mit dem Verstand, allenfalls zähneknirchend. Aber eine Bejahung von Vorschriften, und seien es Vorschriften Gottes, mit dem Herzen - das dürfte doch wohl zu weit gehen! Das ist Romantik, unbrauchbar fürs Leben! 
"Deinen Vorschriften neige mein Herz zu, doch nicht der Habgier!" Gewiß zielt Habgier zuerst auf materiellen Besitz. Doch gibt es dieses Laster auch im Blick auf andere Güter, die man nicht hat, aber haben will: Ämter, berufliche Stellung, Macht, Ruhm u.a.m. 'Haben-wollen' um jeden Preis unter Verneinung jeder Grenze! Darum der Ruf nach Egalität, nach Gleichheit für alle. Wenn sie erreicht ist, dann, so meinten schon die Väter der französischen Revolution und die des Kommunismus erst recht, - gibt es das von Menschen gemachte Weltfriedensreich auf Erden.«

(Barbara Albrecht, Vom Dienst der Frau in der Kirche, 1980)


Wenn ich die Zeit finde, werde ich demnächst mal eine detailliertere Auseinandersetzung zu dem Thema schreiben. Obwohl im Grunde die Lage klar ist, denn biblisch, kirchen-, kirchenrechts- und dogmengeschichtlich können sich die Befürworter nur auf Fiktionen und Fälschungen berufen.

Sonntag, 27. September 2015

Wenn die Propheten einbrächen

Wenn die Propheten einbrächen
durch Türen der Nacht,
den Tierkreis der Dämonengötter
wie einen schauerlichen Blumenkranz
ums Haupt gewunden -
die Geheimnisse der stürzenden und sich hebenden
Himmel mit den Schultern wiegend -

für die längst vom Schauer Fortgezogenen -

Wenn die Propheten einbrächen
durch Türen der Nacht,
die Sternenstraßen gezogen in ihren Handflächen
golden aufleuchten lassend -

für die längst im Schlaf Versunkenen -

Wenn die Propheten einbrächen
durch Türen der Nacht
mit ihren Worten Wunden reißend
in die Felder der Gewohnheit,
ein weit Entlegenes hereinholend
für den Tagelöhner

der längst nicht mehr wartet am Abend -

Wenn die Propheten einbrächen
durch Türen der Nacht
und ein Ohr wie eine Heimat suchten -

Ohr der Menschheit
du nesselverwachsenes,
würdest du hören?
Wenn die Stimme der Propheten
auf dem Flötengebein der ermordeten Kinder
blasen würde,
die vom Märtyrerschrei verbrannten Lüfte
ausatmete -
wenn sie eine Brücke aus verendeten Greisenseufzern

baute -

Ohr der Menschheit
du mit dem kleinen Lauschen beschäftigtes,
würdest du hören?

Wenn die Propheten
mit den Sturmschwingen der Ewigkeit hineinführen
wenn sie aufbrächen deinen Gehörgang mit den Worten:
Wer von euch will Krieg führen gegen ein Geheimnis
wer will den Sterntod erfinden?

Wenn die Propheten aufständen
in der Nacht der Menschheit
wie Liebende, die das Herz des Geliebten suchen,
Nacht der Menschheit
würdest du ein Herz zu vergeben haben?


(Nelly Sachs)

Donnerstag, 24. September 2015

... apostolische Kirche

»Die Kirche, der [der geweihte Amtsträger] dient, ist in ihrer Gesamtheit wie in jedem ihrer Glieder vom Geist beseelt und bewegt, da jeder Getaufte „vom Geist belehrt“ ist (1 Thess 4,9; vgl. Hebr 8,11ff.; Jer 31,33ff.: 1 Joh 2,20; Joh 6,45). Der priesterliche Dienst kann ihm somit nur mit Autorität in Erinnerung rufen, was anfangshaft schon in seinem Taufglauben eingeschlossen war, dessen Fülle er aber hienieden niemals ausschöpfen kann. Entsprechend muss der Gläubige seinen eigenen Glauben und sein eigenes christliches Leben durch die sakramentale Vermittlung des göttlichen Lebens nähren. Die Norm des Glaubens – die wir in ihrem formalen Charakter als regula fidei bezeichnen – ist ihm durch das Wirken des Geistes immanent und bleibt ihm im Bezug zum Menschen dennoch transzendent, denn sie kann niemals rein individuell sein, sondern ist wesenhaft kirchlich und katholisch.
In der Glaubensregel ist die Unmittelbarkeit des göttlichen Pneuma zu jeder Person notwendig mit der gemeinschaftlichen Form dieses Glaubens verbunden. Die Aussage des Paulus: „Keiner kann sagen ‚Jesus ist der Herr‘, außer im Heiligen Geist“ (1 Kor 12,3), bleibt immer gültig; ohne die Bekehrung, die allein der Geist den Herzen gewährt, kann niemand Jesus in seiner Qualität als Sohn Gottes erkennen, und nur wer ihn als Sohn erkennt, wird wahrhaft den erkennen, den er „Vater“ nennt (Joh 14,7; 8,19 usw.). Weil uns also der Geist die Erkenntnis des Vaters durch Jesus mitteilt, ist der christliche Glaube trinitarisch: seine pneumatische Form schließt diesen Inhalt notwendig in sich, der sich in der trinitarischen Taufe sakramental ausdrückt und verwirklicht.
Die Glaubensregel, das heißt die Form der Taufkatechese, in der sich der trinitarische Inhalt entfaltet, bildet in ihrer Einheit von Form und Inhalt den bleibenden Angelpunkt der Apostolizität und der Katholizität der Kirche. Sie verwirklicht die Apostolizität, weil sie die ersten Boten des Glaubens an die christologisch-pneumatologische Regel bindet; sie sprechen nicht in ihrem eigenen Namen, sondern bezeugen, was sie gehört haben (Joh 7,18; 16,13 usf.).
Jesus Christus erweist sich als der Sohn, insofern er verkündet, was vom Vater kommt. Der Geist erweist sich als der Geist des Vaters und des Sohnes, weil er nicht aus dem Eigenen schöpft, sondern sie offenbart und in Erinnerung ruft, was vom Sohn kommt (Joh 16,13f.). Dies wird im Weiterwirken des Sohnes und seines Geistes zum unterscheidenden Merkmal der apostolischen Sukzession. Das kirchliche Lehramt unterscheidet sich sowohl von einem bloßen Lehramt von Doktoren wie von einer autoritären Macht. Wo das Lehramt des Glaubens an die Professoren überginge, wäre der Glaube an die intellektuelle Einsicht von Individuen gebunden und damit zu einem großen Teil dem Zeitgeist ausgeliefert. Und wo der Glaube von der despotischen Macht gewisser Einzel- oder Kollektivpersonen abhinge, die von sich her dekretierten, was normativ ist, wäre die Wahrheit durch eine Willkürmacht ersetzt. Das wahre apostolische Lehramt dagegen ist an das Wort des Herrn gebunden und führt dadurch alle, die es hören, in die Freiheit
Nichts in der Kirche entgeht der apostolischen Vermittlung: weder die Hirten noch ihre Herde, weder die Glaubensaussagen noch die Vorschriften christlichen Lebens. Das ordinierte Dienstamt ist sogar doppelt auf diese Vermittlung bezogen, da es selbst einerseits der Regel der christlichen Ursprünge unterworfen ist, und andererseits – nach einem Wort des Augustinus – gehalten ist, sich durch die Gemeinschaft der Gläubigen belehren zu lassen, die es selber zu belehren verpflichtet ist.«

(aus: Internationale Theologische Kommission, Der apostolische Charakter der Kirche und die Apostolische Sukzession, 1973; hier nachzulesen.)

Dienstag, 22. September 2015

Liturgie ist Anbetung

»Die Tatsache, dass [die Konstitution Sacrosanctum Concilium über die heilige Liturgie] der erste Text war, der [vom Zweiten Vatikanischen Konzil] veröffentlicht wurde, weist darauf hin, dass es dogmatisch und pastorale Motive von erstrangiger Bedeutung gab. Vor allen anderen Dingen gibt es in der Kirche die Anbetung; und folglich Gott. Dieser Anfang antwortet, so sagt Benedikt XVI., auf das erste und wichtigste Anliegen der Regel des heiligen Benedikt: "Nihil operi Dei praeponatur", "Nichts darf dem Gottesdienst vorgezogen werden". Doch wenn es eine Realität gibt, die allzu oft unbeachtet gelassen wird, dann ist es wohl der konsubstanzielle Bezug zwischen der Liturgie und Gott. Das Fundament der Liturgie muss die Suche nach Gott bleiben. Wir können nur bestürzt sein angesichts der tatsache, dass dieser Wille der Päpste Johannes XXIII. und Paul VI., wie auch der Wille der Konzilsväter, zu oft unter den Teppich gekehrt und, schlimmer noch, verraten wurde ...
[...]
Leider wurde unmittelbar nach dem Konzil die Konstitution über die Liturgie nicht vom grundlegenden Primat der Anbetung her aufgefasst, vom demütigen Niederknien der Kirche vor der größe Gottes her, sondern eher wie ein Rezeptbuch ... Wir haben alle möglichen kreativen Gestalter und Animateure erlebt, die eher nach Finessen suchten, um die Liturgie auf eine anziehende und kommunikativere Weise zu präsentieren, indem sie immer mehr Leute darin einbezogen, dabei jedoch vergaßen, dass die Liturgie für Gott geschaffen ist. Wenn Gott zum großen Abwesenden wird, dann sind alle Abwege möglich - angefangen von den banalsten bis hin zu den abstoßendsten.
Benedikt XVI. hat häufig daran erinnert, dass die Liturgie kein Werk einer persönlichen Kreativität sein könne. Wenn wir die Liturgie für uns selbst machten, entfernt sie sich vom Göttlichen; sie wird zu einem lächerlichen, gewöhnlichen und langweiligen Theaterspiel. Wir enden schließlich bei Liturgien, die Operetten oder einem sonntäglichen Fest ähneln, bei dem man sich nach einer arbeits- und sorgenreichen Woche vergnügt und gemeinsam heiterer Stimmung ist. Folglich kehren die Gläubigen nach der Eucharistiefeier wieder nach Hause zurück, ohne Gott persönlich begegnet zu sein und ihm auch nicht im Innersten ihres Herzens gehört zu haben. Es fehlt dieses kontemplative und stille Zwiegespräch mit Gott, das uns verwandelt und das uns die Energien wiedergibt, die dafür sorgen, ihn einer gegenüber spirituellen Fragen zunehmend gleichgültger gewordenen Welt zu offenbaren. Das Herzstück des eucharistischen Mysteriums ist die Feier vom Leiden, vom tragischen Tod Christi und seiner Auferstehung; wenn dieses Mysterium in langen rauschenden und überladenen Zeremonien ertränkt wird, ist das Schlimmste zu befürchten. Manche Messen sind dermaßen unruhig, dass sie sich nicht von einer Kirmes unterscheiden. Wir müssen wiederentdecken, dass das Wesen der Liturgie für immer durch das Bemühen der kindlichen Suche nach Gott geprägt sein wird.«

(Robert Kardinal Sarah, Präfekt der Kongregation für den Gottesdienst und die Sakramentenordnung, in dem biographischen Interviewband "Gott oder nichts")

Sonntag, 20. September 2015

Gebet von Sünde und Gewissen

Herr Jesus Christus, Du bist verborgen im Sakrament Deines Todes, durch den Du die Sünden der Welt gebüßt und uns den Frieden des Herzens gebracht hast. Ich knie vor Dir nieder und bete Dich an. Die alten Christen haben Dich in diesem Sakrament genannt: Arznei der Unsterblichkeit, Gegengift gegen das Sterbenmüssen. So oft schon habe ich Dich als das Brot des Lebens in mich aufgenommen, und man hat mir dabei gesagt: Der Leib Unseres Herrn Jesus Christus bewahre Deine Seele zum ewigen Leben. Siehe, da bin ich nun vor Dir und ich bin ein Sünder. Ein noch leiblich lebender Mensch, in dessen innerste Gewissensmitte schon einmal, ja vielleicht schon oft, der ewige Tod eingebrochen ist. Auch dann, wenn Du mich, der ich innerlich tot war, wieder lebendig gemacht hast durch das unbegreifliche Sakrament Deiner Versöhnung, auch wenn die heilige Gnade wieder in mir lebt, muß ich es täglich erfahren: Noch steht der seeliche Tod vor der Tür meines Herzens. Noch lebe ich in meinem zur Sünde hingierenden Fleisch. Noch dräut jener Feind, dessen Werke aufzulösen Du zu uns gekommen bist im Advent deiner Menschwerdung, den Du hinausgeworfen hast in der ohnmacht Deines Kreuzestodes. Noch ist das Geheimnis der Bosheit am Wirken. Ich spüre es in den Versuchungen meines Leibes, in den Zweifeln meines Geistes. O heilbringende Opfergabe, noch dräut der Krieg des Feindes. Ich habe den Kampf gegen Fleisch und Blut, gegen Welt und Satan noch nicht endgültig bestanden. Noch ist für mich Niederlage möglich, Seelentod, ewige Hölle.
Aber ich weiß es im Glauben, ich bekenne es vor dem Sakrament Deines Blutes: Du hast mich erlöst. Du hast meinem Herzen Deine Liebe wiedergeschenkt im Blut Deines durchbohrten Menschenherzens. Du hast die tödliche sieche Menschheit angehaucht und ihr Menschen gesandt, zu denen Du sprachst: "Empfanget den Heiligen Geist. Wem ihr die Sünden nachlasst, dem sind sie nachgelassen" (Joh. 20,22). Seitdem ist es wahr geworden: "Du sendest Deinen Geist und alles wird neu, und Du wirst umgestalten das Antlitz der Erde" (Ps. 103,30). 
Bilde darum auch das Antlitz meines Herzens um. Gib mir den christlichen Geist der lauteren und schönen Gewissensklarheit. Gib mir die von Deiner Gnade geschenkte und von Deinem Gesetz gelenkte Freiheit des Christenmenschen. Gib mir Deine eigene Ehrfurcht vor der Majestät des Gewissens in mir und in den anderen. Laß mich in den Entscheidungen meines Herzens nie das Wort Gottes überhören, Dein Wort, Du im Sakrament so stummes und unüberhörbares Wort Gottes.
Laß mich Deinen Willen erkennen, Deinen Willen für mich, Deinen Willen gerade jetzt und hier in diesem Augenblick meines Lebens. Ich weiß, Herr, daß ich immer wieder Deinen Willen umzubiegen suche nach meiner Laune. Mein Herz kennt die tausend Kunststücke der Dialektik des sündiogen Menschen, solange mit meinem Gewissen zu handeln und zu feilschen, bis es nachgibt und nur noch das befiehlt, was ich will und gerne tue. Von den vorentschiedenen Leitbildern meines Lebens befreie mich. Erleuchte mich. Gib mir den Mut, mit unerwarteten Forderungen von Dir zu rechnen, den Mut, mir von Dir etwas zutrauen zu lassen, wozu meine Kräfte nicht auszureichen scheinen, den Mut, an Deine Kraft in meiner Schwachheit zu glauben und nach Deinem Willen zu fragen. Gib mir die Nüchternheit des wahren und ehrlichen Knechtes, der weiß, daß in Deinem Dienst eine kleine Tat mehr wiegt, als ein großes Gefühl und tausend hochgemute Vorsätze. Du kannst über mich verfügen, wie es dir gefällt, o Herr. Du kannst die Wunder Deiner überströmenden Gnade auch in der mittelmäßigen Gewöhnlichkeit des Lebens von jedermann bergen, Deinen Schatz in irdenen Gefäßen. Aber laß diese Wahrheit mir nicht zum Vorwand werden, hinter dem mein Herz seine Feigheit, Trägheit und Mittelmäßigkeit versteckt. Solches ist nie Dein Wille. Zeige mir Deinen Willen. Gib mir Kraft, als guter und getreuer Knecht Deinen Willen zu sehen und allezeit zu erfüllen.
Gib mir Deinen Segen und laß in meinem Herzen etwas aufbrennen von jenem Frieden, den die Welt nicht kennt, von jener unsäglichen Freude der Erlösten, denen die Sünden vergeben sind und deren Gewissen in lauterer Klarheit vor Gott steht. Ich möchte mit dem bekehrten Augustinus beten: "Nicht mit zweifelsschwangerem Herzen, nein, mit sicherem Gewissen liebe ich Dich, o Herr, Du hast mein Herz durchbohrt mit Deinem Wort" (Bekenntnisse 10,6). Selbst wenn meine Sünden röter wären als Scharlach, so bitte ich Dich doch: Sei meinem Gewissen die Unruhe, ohne die es keinen Frieden gibt. "Spät habe ich Dich geliebt, o Du Schönheit, so alt und doch so neu, spät habe ich Dich geliebt. Aber Du hast gerufen und meine Taubheit gespalten. Du hast geblitzt und gestrahlt und meine Blindheit in die Flucht geschlagen. Du hast geduftet, und ich habe den Hauch eingeatmet und lechze nun nach Dir. Du hast mich angerührt, nun bin ich entbrannt in Sehnsucht nach Deinem Frieden" (Bekenntnisse 10,27).
Laß mich in Deiner erlösenden Gnade ein fröhlicher Mensch sein, erfüllt von der Freude, die da ist die schönste Gabe Deines heiligen Evangeliums.
Amen.

(Hugo Rahner)

Freitag, 18. September 2015

Der transparente Priester


Gedanken eines Laien.

»Es gibt eine spezifische Liebe des Gläubigen zu guten Priestern, die wahrscheinlich nur im katholischen Raum vorkommt - eine qualitativ durchaus eigene Liebe, nämlich im Grund die dem Göttlichen zugewandte. Sie erfasst seinen Widerschein im "Transparent"; aber nicht "nur" wie im sonstwie frommen Menschen, sondern schon ausgesprochen in der Partizipation durch den charcter indelebilis. Jedoch auch wieder nicht "unpersönlich", durch den Menschen hindurch oder über ihn hinüber Gott allein "meinend". Der Mensch wird mit sehr persönlicher Liebe gemeint und umfaßt: mit der complacentia - dem Wohlgefallen - über die Schönheit des Widerscheins, mit glühender Dankbarkeit dafür, daß er durchsichtig ist und halbwegs "würdiger" Träger, mit großer Sehnsucht nach irgend einer Form der Nähe und Teilhabe, weil dies ja Annäherung zu verheißen scheint an Das, oder vielmehr Den, den er trägt, mit inniger benevolentia, die ihm sorgend und hoffend wünscht, er möge die Durchsichtigkeit und die Ähnlichkeit und alles, was dazu gehört, behalten und darin wachsen.
Aber diese Liebe, so sehr sie den Einzelnen angeht, bezieht sich eben tatsächlich in jedem Punkt auf das Göttliche, das da sichtbar wird, und so ist sie wahrscheinlich einfach ein Teil und ein Ausdruck der Unendlichen, unstillbaren Sehnsucht nach der visio betifica.«

Was Ida Friederike Görres in diesen Zeilen vom November 1944 ausdrückt, ist für viele Katholiken heute schwer verständlich. Es setzt eine gewisse Intensität der Frömmigkeit und, im Hinblick auf die vorzügliche und dem Priester eigentliche Tätigkeit in der Feier der hl. Messe, ein Gewahrsein der Wirklichkeit des eucharistischen Opfers voraus, welches das Zweite Vartikanische Konzil fons et culmen, Quelle und Höhepunkt des ganzen christlichen Lebens genannt hat (LG 11). Überhaupt ist ein tieferes Verständnis von Priestertum oder Eucharistie ohne das jeweils andere nicht denkbar. Von Johannes Paul II. wissen wir, dass der Priester zu allererst ein Diener der Eucharistie ist (vgl. EE 9 und das Schreiben der Glaubenskongregation Sacerdotium ministeriale "über den Diener der Eucharistie"), weil sich hier sein priesterliches Wesen am deutlichsten zeigt und ausdrückt.

Ein Priester der mit seiner priesterlichen Identität hadert - sei es, dass er gegenüber den Laien "nichts Besonderes" sein möchte (auch in seiner Kleidung), sei es, dass er mit den liturgischen Vorgaben, die die Feier der Sakramente regeln, allzu "kreativ" umgeht -, wird nicht durchsichtig für das Ewige, das er für die ihm anvertraute Herde "einholen" soll. Er bleibt bloß er selbst und was man an ihm sieht ist wahlweise ein Entertainer (vgl. hier), ein Blender oder einfach echt netter Kerl, der in bester Absicht handelt.

Der Priester, der die liturgischen Normen nach eigenem Gutdünken ignoriert, fällt auf. Er zieht die äußeren wie inneren Sinne auf sich. Wenn man über ihn redet, auch unter seinen "Fans", ist wirklich er und nur er gemeint.

Der Priester aber, der sein Priestertum aus der Fülle lebt, den kann man v.a. in der Feier der Liturgie, ob nun Messe, Stundengebet oder bei etwaigen Andachten, als Fenster zum Ewigen erfahren. Ein Priester, der sich ganz als Diener der Eucharistie versteht, der zugleich aber nicht einfach nur rite et recte zelebriert, sondern auch würdig und authentisch spricht, sich bewegt und ggf. predigt, der gibt den Blick frei zu Dem, für Den er mit seinem Leben einsteht. Wenn über ihn gesprochen wird ("der feiert die Messe so schön"), dann ist er als Person zwar irgendwie auch gemeint, aber das dieser Rede zugrundeliegende "erhobene" Empfinden richtet sich auf Gott, richtet sich auf Den, um Den es eigentlich geht. Da war dann Gott nicht nur als Lippenbekenntnis "in der Mitte" - da war der Herr wirklich da, hat Sich gezeigt, durch den Priester hindurch, und konnte dann auch unverstellt in Seinem Leib und Seinem Blut angebetet werden.

Die Priester die ich "toll" finde, sind genau solche. Sie machen nicht groß Aufhebens um die Gestaltung der Liturgie, sondern sie feiern sie einfach: würdig, und so wie es vorgeschrieben ist. Und dann passieren zwei erstaunliche Dinge: Es ist dann nämlich nichts zu merken von einem starren Befolgen von Regeln, vor dem die zuvor behandelte Gruppe von Priestern solche Angst zu haben scheint. Etwas pointiert gesagt: Wird die Messe würdig und den Rubriken folgend gefeiert, dann verschwinden die Rubriken. Sie werden selbstverständlich. Die Vorschriften lösen sich geradezu auf und geben den Raum frei für den zu den Menschen kommenden Gott. Und zugleich tritt auch der Zelebrant ganz in den Hintergrund, wird fast nicht mehr als Person wahrgenommen. Die Worte, die der Priester spricht, scheinen fast aus dem Off zu kommen, die Worte des Herrn derweil wirklich von Diesem selbst ausgesagt. (Mutatis mutandis gilt das alles natürlich auch für die verschiedenen liturgischen Laiendienste!) Dann steht plötzlich nur noch die Seele vor ihrem Gott, Aug in Aug. Man schaut Ihn, lauscht Ihm, verkostet Ihn. Participatio actuosa in Reinform: Geist und Seele sind hoch aktiv, dabei, mittendrin... hach...

Wo hingegen mit viel Akribie Rubriken übergangen, Texte geändert, hinzugefügt oder weggelassen werden (vgl. SC 22, wo dies vom Konzil aufs Schärfste verboten wird), da bleibt die Person des Liturgen immer gut sichtbar und hörbar... Bei jeder eigenmächtigen "Anpassung" (ließ: Manipulation) in Formulierung, Aussprache, oder Gestik und Auftreten, wird die sich zu Gott ausstrecken wollende Seele fast schon gewaltsam herabgerissen. Festgetackert. Der Liturge bleibt geradezu als Hindernis zwischen der Seele und Gott stehen. Die Relationen zirkulieren horizontal (zu Deutsch: man dreht sich im Kreis), es bleibt beim vis-à-vis zwischen Liturge und "Volk". Eine echte participatio actuosa wird hier verunmöglicht, weshalb sie auch in Gemeinden mit solchen Liturgen als Aktionismus umgedeutet und damit gänzlich missverstanden werden muss.


Die bereits angeklungenen Problematiken will ich noch in einigen Punkten etwas vertiefen:

- Der Vorwurf, sich hier an Äußerlichkeiten zu klammern, trifft den Vorwerfenden: Wir Menschen sind nunmal leib-geistige, körperliche Sinneswesen. Das "Äußere" ist das, worüber wir wahrnehmen und in Beziehung treten. Der ganze Sinn etwa einer Ikone ist ja, durch das Sichtbare zum Unsichtbaren zu geleiten. Und so kann denn auch etwas so äußerliches wie beispielsweise das liturgische Gewand innerhalb der liturgischen Feier durchaus hindernd oder fördernd für die Hinwendung zu Gott wirken: Wenn der Liturge im grauen "Betsack" mit Regenbogenstola daherkommt, statt, wie von den Rubriken gefordert, in würdiger, edler und dem Anlass entsprechender liturgischer Kleidung, dann ist er der dem Äußerlichen Verhaftete. (Appropos: Die Eucharistie gibt Anteil am himmlichen Hochzeitsmahl... Wie erging es noch gleich dem Gast in Jesu Gleichnis, der kein Hochzeitsgewand trug?...) Wer dieses Argument äußert um seinen grauen Betsack zu rechtfertigen (oder gleich den Verzicht auf spezielle liturgische Gewandung), ist in Wahrheit derjenige, der an Äußerlichkeiten hängen bleibt, denn er überlegt sich ja, wie er mit seiner Kleidung ein Statement abgeben kann, anstatt einfach nur, in Bescheidenheit, dem ihm (per Gesetz) Vorgegebenen zu folgen.
Der "gute" Priester, den ich meine, befolgt die Regeln, weil es seinem Wesen als Priester, als Diener des unaussprechlichen Mysteriums, entspricht. Und er tritt dann hinter dem liturgischen Gewand auch zurück. Er trägt es ja auch nicht zu seiner Ehre, sondern zur Ehre Gottes... und spätestens wenn er dann, angetan mit Rauchmantel und Velum, den eucharistischen Segen spendet, verschwindet er auch rein äußerlich betrachtet restlos unter dem Gewand und hinter Dem, um Den es eigentlich geht. Wer die Regeln bewusst missachtet, möchte aber nur sich selbst positionieren um damit irgendetwas - also letztlich wieder: sich selbst - auszusagen. 

- Die eigentliche Zelebrationsrichtung auch des gegenwärtigen Römischen Messbuchs ist ad orientem (vgl. meine Ausführungen dazu hier). Diese Zelebrationsrichtung vermag jene "Transparenz" noch zu verstärken, weil der Priester als Individuum dann sogar topographisch "abnimmt", getreu dem Wort des Johannes: "Er muss wachsen, ich aber muss abnehmen."

- Entsprechend dem Grundsatz lex orandi, lex credendi entspricht das "Gesetz des Betens" dem "Gesetz des Glaubens" (vgl. meine Ausführungen dazu hier). Das Römische Messbuch enthält den ganzen Glauben der Kirche. Wenn nun ein Zelebrant nach eigenem Dafürhalten die in diesem Messbuch enthaltenen Gebete umformuliert, was sagt dass dann über seinen Glauben aus? Und was bedeutet das für die feiernde Gemeinde, die das dann oktroyiert bekommt? Die Liturgie ist etwas Vorgegebenes, an dem aus gutem Grund niemand rumwerkeln darf. Zur Erinnerung: Die liturgischen Vorschriften, Rubriken, sind Gesetze. Dass sie nicht im CIC stehen hat gute Gründe, aber nichts desto trotz sind es Gesetze der Kirche, die gewissenhaft zu befolgen alle Glieder der Kirche, insbesondere die Priester, verpflichtet sind (das wiederum steht im CIC). Eine würdige und den Vorgaben der Kirche gemäß gefeierte Liturgie ist ein einklagbares Recht jedes Gläubigen. Ein Priester der an der Liturgie rumbastelt, bricht das Gesetz und beraubt die Gläubigen ihrer Rechte. Vom spirituellen Schaden, um den es mir hier geht, ganz zu schweigen.

- Besonders krass wird die Horizontalisierung und Selbstbezogenheit der Liturgie feiernden Gemeinde in jeder Form der Anbiederung und des Gekünstelten, in der Ausrichtung auf eine bestimmte Zielgruppe, oder bei der "thematischen" Gestaltung einer Messe. Eine hl. Messe darf nicht "Rahmen" für irgendein "Thema" sein oder in irgendeiner Weise "partikular" ausgerichtet sein, denn sie ist selbst das Herzstück der Kirche und des Lebens in ihr. Nur wenn der Gottesdienst um seiner selbst (also: um Gottes) Willen vollzogen wird, ist er "echt", und dort kann sich dann auch jeder in jeder Lage einfinden. (Kleines Gedankenexperiment: Wenn ich z.B. gerade in einer Lebenskrise stecke und dann, in der Messe trostsuchend, mit dem Thema "Naturschutz" oder "Frauenrechte" als Grundton der Feierlichkeit berieselt werde (siehe ein besonders krasses Beispiel hier), dann geh ich da kein zweites Mal hin...) Und, nein: Die der Liturgie immanenten Besonderheiten (Votivmessen, liturgische Feste und Heiligengedenktage) unterscheiden sich von jenen "Themen" insofern, als sie immer den Blick auf das Heilsmysterium lenken... und sie sind Teil der lex orandi und damit der lex credendi der Kirche, denn sie kommen nicht zur Liturgie "hinzu" wie jegliche "(aktuellen) Themen", sondern sind integraler Bestandteil von ihr.
 
- Wenn der Priester "sein Ding" macht und man sich nicht von ihm festtackern lassen (nicht horizontal zirkulieren, sondern in Gemeinschaft mit Gott treten) will, bleibt einem oft nichts anderes übrig, als das zu tun, was man sich in bestimmten Kreisen immer befleißigt an der "alten" Messe zu kritisieren, was einem dann aber plötzlich und etwas von oben herab als zu tun empfohlen wird: Selber auch sein eigenes Ding zu machen, den Zelebranten und was "da vorne" geschieht zu ignorieren und sich, irgendwie davon abgekoppelt, nach eigener Façon zu Gott aufzuschwingen... was aber definitiv nicht Sinn der Sache ist. 

- Auch die Gläubigen sind nicht zu vergessen. Ich begann ja meine Ausführungen mit einem Anspruch, den die Gläubigen erfüllen müssen. Das Wunderbare ist, dass eine Liturgie, die einfach nur Liturgie der Kirche ist (ohne "Thema", ohne Entertainer etc.) einen Raum schafft, in dem sich jeder hineinfinden kann - oder auch nicht (auch Jesus ist ja wahrlich nicht jeder nachgefolgt). Das kann sehr unterschiedlich ausfallen und nicht jedem behagt jeder Aspekt. Aber der Unterschied zwischen authentisch gefeierter Liturgie und thematischen oder sonstwie verunstalteten Messen besteht darin, dass in ersterer der Einzelne sich der Kirche mit ihrem zweitausendjähreigen Erbe (und ihrer von Gott zugesicherten Autorität) gegenüber verhalten muss: letztlich also dem Glauben der Kirche gegenüber, der sich in ihrem Beten ausdrückt (lex orandi, lex credendi) - und er nicht, wie in letzterem Fall, der Laune des Pfarrers oder den "tollen Ideen" einer Pastoralassistentin ausgeliefert ist.

- Es sei auch nicht unerwähnt gelassen, dass natürlich auch das penible Befolgen der Rubriken problematisch sein kann. Es kann für manchen regelrecht zum Fetisch werden. Weswegen ich bei dem bisher Dargelegten - was etwa Anbiederung, Künsteleien, "viel Aufhebens machen" und dergleichen anbelangt - durchaus auch die Fälle im Blick habe, wo dies etwa unter dem Mäntelchen von Summorum pontificum betrieben wird. Auch Rubrizismus gilt es zu vermeiden, das Stichwort lautet auch hier: Gelassenheit. Ein authentischer Priester ist dies aus sich heraus und um Gottes und des Heils der ihm anvertrauten Seelen Willen, nicht um irgendwelchen Menschen zu gefallen. Er wird transparent auf das Göttliche hin, wenn er selbst echt und authentisch (ungekünstelt) Priester ist.

- Noch eine persönliche Note (das Geschilderte stammt alles aus persönlicher Erfahrung, aber jetzt kommt noch etwas Persönlicheres): In der Zeit zwischen meiner Bekehrung zum Christentum und meiner Taufe, als ich noch nicht wusste, ob ich katholische werden will, habe ich im Umkreis meiner damaligen Wohnstatt sehr bald die Messen gemieden, weil ich das selbstreferentielle Gehabe und die Flachheit nicht aushielt, die mir dort entgegenbrandete (heute, nach einigen Jahren des Theologiestudiums, weiß ich, dass so manche dieser Messen sehr wahrscheinlich nichtmal gültig waren). Ich habe zuweilen weite Strecken in Kauf genommen, um am Beten der Kirche teilhaben und so ihren Glauben kennenlernen zu können (ich verbrachte auch viel Zeit in "konservativen" evangelischen Kreisen... bis heute erhalte ich von dort viele wertvolle Impulse). Hätte ich nur diese Gemeinden und ihr quasiliturgisches Treiben als Referenzpunkte, als Orte des Kontaktes mit dem Katholizismus gehabt - ich wäre niemals katholisch geworden. Heute weiß ich leider auch, dass es solche Gemeinden überall gibt und es alles andere als Ausnahmen waren... und es graust mir... DORT findet man nicht - oder nur sehr schwer - zur Kirche. Aber da, wo gute Priester ihre Berufung wirklich als solche ausüben, da werden die Menschen berührt, da finden Bekehrungen statt, da strahlt Gott in die Gemeinde... das hab ich am eigenen Leib erfahren dürfen und ich erfahre es bis heute.

- Der thematische Kreis (*g*) schließt sich: Es kommt hier nämlich auch das Thema der (Ordens- wie Priester)Berufungen ins Spiel: Viele der hier geschilderten Problematiken rühren daher oder führen dazu, dass man den Priester oft nurmehr auf seine Funktionen reduzieren (ihn "funktionalisieren") will, die dann auch Laien übernehmen können sollen (auch die Idee, Frauen zu "weihen", obwohl wir wissen, dass es nicht geht, hat hier ihren locus). Wo das der Fall ist, wird aber weder das Priestertum, noch die Eucharistie, noch die Kirche, noch überhaupt "Sakramente" verstanden. Priester wird man nicht, weil man dies möchte, sondern weil man von Gott berufen ist. Und es obliegt der Kirche, festzustellen (und Kriterien dafür festzulegen), ob die Berufung echt ist. Wer aber den Priester nur unter dem Aspekt seiner (äußerlichen) Funktionen betrachtet, dem fehlt offenkundig die hier lang und breit beschriebene Erfahrung der Transparenz des Priesters für das Göttliche; für den ist eine hl. Messe u.U. nur wenig mehr als ein gemeinschaftliches Singspiel.
Jeder Priester oder vielversprechende Priesteramtskandidat den ich kenne (und derer sind viele), hat im Hintergrund seiner Berufung einen authentischen Priester, in etwa wie ich ihn oben beschrieben habe. Priester, so sagt man augenzwinkernd, können sich nur selbst fortpflanzen: Nur wo ein Priester sein Priestersein authentisch lebt - und dessen Zentrum, Quelle und Höhepunkt ist nunmal die feier der Eucharistie - werden junge Männer in-spiriert, auch selbst diesen Weg einzuschlagen (gratia supponit naturam auch hier). Priester wird man nicht, weil man auf der Diözesanhomepage sich nach nem Job umgesehen hat (siehe meine Analyse davon hier). Priester wird man, weil man erlebt hat, wie Priestersein ist, was es ausmacht, wie es gelingt: Vorbilder. Das sind in aller Regel auch die Priester, die in der beschriebenen Weise transparent sind für Den, Dem sie ihr Leben geweiht haben. (In meiner Gemeinde, in der seit Jahren großer Wert auf eine würdige Liturgie gelegt wird, haben wir z.Z. fast schon eine regelrechte Schwemme an Ordens- und Priesterberufungen - und das liturgische Leben spielt dabei eine entscheidende Rolle... sehr spannend!)

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Gott sei Dank haben wir das sakramentale Priestertum. Dass auch Priester am Ende des Tages bloß Menschen sind, ist klar. Aber den Anspruch dürfen die Laien haben, dass der Priester sich nach Kräften darum bemüht, das zu tun, was er bei seiner Weihe versprochen hat: "in der Verkündigung des Evangeliums und in der Darlegung des katholischen Glaubens den Dienst am Wort Gottes treu und gewissenhaft zu erfüllen", "die Mysterien Christi, besonders die Sakramente der Eucharistie und der Versöhnung, gemäß der kirchlichen Überlieferung zum Lobe Gottes und zum Heil seines Volkes in gläubiger Ehrfurcht zu feiern" und sich "Christus, dem Herrn, von Tag zu Tag enger zu verbinden und so zum heil der Menschen für Gott zu leben" in "Ehrfurcht und Gehorsam" gegenüber dem Bischof. Dann kann sich auch verwirklichen, was der Bischof ihm nach diesen feierlichen Versprechen sagt: "Gott selbst vollende das gute Werk, das er in dir begonnen hat." Dann kann dieser Priester auch transparent werden für Gottes Wirken in seiner Kirche, wofür wir ihn lieben.
Heiliger Jean-Marie Vianney, bitte für uns.

... ich bin übrigens der Meinung, dass das Buch von Michael Kunzler (R.I.P.) "Liturge sein: Entwurf einer Ars celebrandi" *hint* für jeden Priester und Priesteramtskandidaten Pflichtlektüre sein sollte...