Freitag, 5. Juni 2020

Der Theologe und die gleichgeschlechtliche "Benediktion"

Der Ewald Volgger, der an der Linzer Katholischen Privat-Universität als Liturgiewissenschaftler tätig ist und von der österreichischen Bischofskonferenz damit beauftragt wurde, Möglichkeiten zur Segnung homosexueller Paare zu erarbeiten, durfte sich neulich auf katholisch.de (hier) ausführlich zu genau diesem Thema äußern. Erfreulicherweise nimmt er kein Blatt vor den Mund und legt ganz offen dar, dass seine Bestrebungen darauf abzielen, die Lehre der Kirche zu ändern und letztlich auch Homosexuellen die Möglichkeit zu geben, kirchlich (sakramental) zu heiraten. Letzteres natürlich nicht sofort: um das dumme Volk nicht zu verunsichern, soll dieses Ziel schrittweise umgesetzt werden, wozu er als Etappenziel eine ganz offizielle Benediktion (Segnung) durch die Kirche vorschlägt, die dann etwa ins Kirchenbuch eingetragen wird, nicht unähnlich einer Jungfrauenweihe. Sobald sich das dumme Volk daran gewöhnt hat, kann diese Sakramentalie dann zum Sakrament erklärt werden.
Natürlich, wie üblich, ist dabei jede menge Quatsch ausgesagt, der theologisch nicht tragfähig ist. Die Wünsche jenes Liturgiewissenschaftlers sind nur dies, seine persönlichen Träumereien, die mit der Lehre der Kirche völlig unvereinbar sind.

Was mich aber besonders stutzig/wütend gemacht hat, ist diese rhetorische Frage: "Können zwei gleichgeschlechtlich liebende Menschen ihre Taufberufung für ein gemeinsames Leben verfolgen und von der Kirche den Segen dazu erhalten?" Noch deutlicher wird es, wenn er meint, die Kirche müsse "gleichgeschlechtliche Beziehung als gemeinsame Entfaltung der Taufberufung" würdigen.
Die Berufung Gottes, die an jeden Getauften ergeht, ist die Berufung zur Heiligkeit: "Denn das ist der Wille Gottes, eure Heiligung, dass ihr meidet die Unzucht und ein jeder von euch verstehe, sein eigenes Gefäß in Heiligkeit und Ehre zu halten, nicht in gieriger Lust wie die Heiden, die von Gott nichts wissen." (1 Thess 4,3-5; vgl. Eph 1,4) Volgger verkehrt die Mahnung des Apostels in ihr genaues Gegenteil, und offenbar hat er überhaupt kein Problem damit. So wird heutzutage Theologie betrieben!

Für mein Verständnis ist das Ansinnen jenes Liturgiewissenschaftlers nicht nur häretisch, es ist insbesondere blasphemisch und gefährlich für das Seelenheil vieler. Für die Frage, ob praktizierte Homosexualität (nach dem biblischen Zeugnis) sündhaft ist, verweise ich auf einen früheren Beitrag HIER (vgl. die sehr klugen Worte von Wolfhart Pannenberg hier), wo ich u.a. frage: "Kann [die Kirche] etwas segnen - hier also einer Handlungsweise den Segen Gottes zusprechen - was Gott selbst nach seinem einmütigen Zeugnis in der ganzen Offenbarung als Gräuel und schwere Sünde verwirft? Würde die Kirche soetwas tun, müsste man mit dem Apostel ernsthaft fragen: 'ist dann Christus ein Diener der Sünde?' (Gal 2,17)" Zur Frage der grundsätzlichen Möglichkeit der Beurteilung der Sünde siehe HIER.
Wie gesagt, ich begrüße die seltene Ehrlichkeit des Mannes, aber das was er sagt, ist klar zu verurteilen... bedauerlich, dass meine Kirchensteuer auch dazu verwendet wird, dass den Menschen solches Gift verabreicht wird. Ich bin natürlich nicht dafür, dass wir Häretiker verbrennen. Diese Lösung war vielleicht mal zeitgemäß, aber heute wäre es schon hilfreich, wenn solche Leute nicht im Namen der Kirche und zumal in einer katholischen Einrichtung lehren dürften und ihr Gift nicht über kirchliche Medien wohlwollend verbreitet werden würde.

Mittwoch, 3. Juni 2020

Heiliges Haus

Es folgt ein aktueller Beitrag von katholisch.de mit dem Titel "Kirchengebäude: Versammlungshaus oder heiliger Ort?" (hier) mit meinen kritischen Anmerkungen. Wenig verschleiert steht der Verfasser dem sakralen Charakter katholischer Kirchen kritisch gegenüber, den er als eine Abkehr vom ursprünglich Christlichen auffasst, auf das es sich zurückzubesinnen gelte. Der Verfasser irrt sich jedoch in seiner historischen Grundlegung ganz gewaltig und widerspricht sich dabei auch selbst. Er möchte sich für seine These sogar auf Synagoge und Moschee stützen, was nur solange funktioniert, wie man nicht nachschaut, was Juden und Muslime selbst über ihre "Bethäuser" und über ihr jeweiliges größtes Heiligtum denken.


Dass Christen ihre Gottesdienste in Kirchen feiern, ist nicht selbstverständlich. Die frühen Christen wehrten sich noch dagegen. [Falsch. Die vorkonstantinischen Gottesdiensträume befanden sich zwar innerhalb des Komplexes antiker Wohnhäuser, waren aber oftmals eigens für den Gottesdienst reserviert und entsprechend (zuweilen mit feststehenden Altären) eingerichtet.] Erst ein verändertes Glaubensverständnis sorgte für den Aufschwung der Kirchenbauten – und legte die Grundlage für verschiedene Auffassungen über die Natur eines Kirchengebäudes. [Protestantisches und katholisches Verständnis sind demnach nur „verschiedene Auffassungen“, die auf der selben „Grundlage“ beruhen… dass der Protestantismus nach 1500 Jahren Christentumsgeschichte eine zuvor nie dagewesene „Neuerung“ brachte, wird mit keiner Silbe erwähnt. Der folgende Text lässt deutlich durchblicken, dass der Verfasser das protestantische Verständnis des Kirchengebäudes favorisiert.]

Die spitzen Türme stolzer Kathedralen und Dome recken heute überall auf der Welt Kreuze in die Höhe und prägen damit die Silhouette nicht nur europäischer Städte jeder Größe. Bei den Katholiken sind Kirchen sogar extra für ihren Zweck geweihte Gebäude; in ihnen läuft der Besucher nicht einfach in den Altarraum, der oft auch noch ein paar Stufen erhöht ist – denn das ist der heiligste Ort des Gebäudes. Anders in reformierten Kirchen: Wenn überhaupt steht dort ein bescheidener Tisch im Raum, an dem die Menschen einfach vorbeigehen. [Anders lutherische Kirchen mit durchaus üblichen Altarschranken. Kurios, dass bei diesem ökumenischen Vergleich die Ostkirchen mit ihren zahlreichen uralten Traditionen völlig außen vor bleiben… der Grund ist klar: Dort ist in zahlreichen verschiedenen Ausprägungen ein sehr viel stärkeres Bewusstsein vom Heiligen Bereich erhalten geblieben.] Kirchen werden hier schlicht in Dienst genommen – von Weihe keine Spur. Beide Verständnisse eines Kirchengebäudes sind durch ganz unterschiedliche Entwicklungen in der Geschichte entstanden. [Dass es auch theologisch-inhaltliche Gründe geben könnte, bedenkt der Verfasser an keiner Stelle.]

Ursprünglich gab es bei den Christen keine speziellen Gottesdienstgebäude, man traf sich in Privathäusern. [Stimmt. Und zwar in eigens für den Gottesdienst vorgesehenen und eingerichteten Räumen.] Die Überlieferungen der Paulusbriefe und der Apostelgeschichte zeigen, dass Versammlungen an öffentlichen Treffpunkten die absolute Ausnahme waren. [Vielleicht lag das daran, dass die Christen verfolgt wurden? Oder daran, dass das, was die Christen feierten, von solcher Art war, dass es nicht für die Öffentlichkeit bestimmt war – etwas „Heiliges“ gar?] Heilige Häuser gab es bei den Christen nicht – damit orientierten sie sich am Judentum. Für Juden gab es auf der ganzen Welt nur ein einziges heiliges Gebäude: den Tempel von Jerusalem. Nur hier durfte geopfert werden, nur hier fanden Kulte statt. [Demnach wäre der gänzliche Verzicht auf ein heiliges Gebäude aber gerade nicht Ausdruck einer Orientierung am Judentum!] Andere Häuser, die sie Synagogen (wörtlich "Versammlung") nannten, waren schlichte Versammlungsstätten der Gemeinden ohne sakrale Funktion [Ganz falsch. Die Synagogen entstanden nach der Zerstörung des ersten Tempels, weil es für das Gebet eines besonderen Ortes bedurfte. Es waren nicht einfach Versammlungen, sondern hier wurde das Gesetz verlesen und gebetet. Versammlungsorte und Begegnungsstätten der Gemeinde wurden sie erst sekundär. Es wurden sogar Elemente des Tempels für die Synagogen übernommen, insbesondere die Bima (etwa: Kanzel) und ein eigener Bereich (Balkon) für Frauen. Übrigens: Auch nichtjüdische Männer müssen in Synagogen (und auf jüdischen Friedhöfen) ihr Haupt bedecken; in manchen Synagogen zieht man sich sogar vor dem Betreten die Schuhe aus. Keine heiligen Stätten?] – das ist bis heute so. Tempel als wortwörtliche "Gotteshäuser", also Wohnhäuser von Gottheiten, gab es im Heidentum. Von diesem Verständnis wollten sich Christen wie Juden absetzen. [Nur ein Stichwort: Schechina. Zu Deutsche etwa: Wohnstatt (von hebr. schachan: wohnen, zelten; vgl. das lat. tabernaculum: Zelt). Im Tempel ist Gott wahrhaft gegenwärtig, deswegen ist es so ein heiliger Ort. Und er ist es bis heute, auch wenn er äußerlich zerstört ist. Der Unterschied zu den Heiden besteht darin, dass es sich hier nicht um einen Lokalgott oder eine mythologische Gottheit unter anderen Göttern handelt, sondern um den einzig wahren Gott.]

Doch die Welt änderte sich: Der große Tempel in Jerusalem wurde 70 n. Chr. von den Römern zerstört, Juden und Christen entwickelten sich auseinander. Außerdem verbürgerlichte sich das Christentum: Lebten die ersten Christen noch in der Erwartung, dass der Erlöser bald wieder auf die Welt kommen würde, verlegte sich der Fokus mit der Zeit mehr und mehr auf das Hier und Jetzt. Ämter und Rituale wurden deshalb immer stärker sakral aufgefasst: Aus dem gemeinschaftlichen (Sättigungs-)Mahl entwickelte sich die Eucharistie [Sehr falsch. Die Wahrheit ist: Die Eucharistie war von Anfang an vom Mahl unterschieden, anfangs jedoch mit einem solchen zeitlich und räumlich verbunden. Die Trennung der beiden aufgrund von Missbräuchen zeichnet sich schon bei Paulus deutlich ab.], der Posten des bisher nur symbolisch als Priester bezeichneten Gemeindevorstehers wandelte sich zu einem Weiheamt. [So „sympolisch“, dass es bei Paulus einen ganzen Kriterienkatalog für ihre Eignung gibt und es das Auflegen der Hände brauchte, um sie in ihr „symbolisches“ Amt einzuführen.] Gleichzeitig wurde aus einer verfolgten Gruppe von Christusanhängern die wachsende Staatsreligion des Römischen Reiches. Das führte zu einer weiteren Sakralisierung des Christentums und dem Bedürfnis nach öffentlichkeitswirksamen Bauten für Gemeinde und Gottesdienst.

Die Christen orientierten sich architektonisch bewusst an einem römischen Profanbau, der Basilika. Hier wurde Markt gehalten und fanden Gerichtsverhandlungen statt. In dieses weltliche Versammlungshaus stellten die Christen nun einen Altar. [Genau falsch herum: „Basilika“ ist ein Bautyp. Als Bautyp sagt er nichts über die Funktion des Gebäudes aus. Die Tatsache, dass ein Altar hineingestellt wurde, gibt die Funktion an: Sakralbau.] Altäre standen bei den Heiden vor den Tempeln [Manchmal. Manchmal auch drinnen.], deren Inneres war nur zur persönlichen Andacht vorgesehen. Im Christentum kommt die Gemeinde um den Ort des Kultes zusammen, heidnische und jüdische, profane und sakrale Vorstellungen finden sich hier also gleichermaßen wieder, wobei das sakrale Verständnis hinter dem Versammlungscharakter merklich zurücktritt. [Nein.]

Die Tendenz zur Sakralisierung [Schlimm!] wurde in den nun folgenden Jahrhunderten immer stärker. In die Kirchen wurden im Mittelalter sogenannte Lettner gebaut, also steinerne Schranken oder Wände, die den Bereich des Klerus von dem der Laien trennten. So manifestierte sich der immer stärker als heilig empfundene Charakter des Gebäudes mit dem Altarraum als geistlichem Zentrum. [Irreführend. Der Lettern wurde nicht zum Zwecke einer Trennung errichtet, sondern er ist eine Weiterentwicklung der frühchristlichen Cancelli (Kanzeln): Er diente dem Vortrag der Lesungen und der Gesänge (Lettner kommt von lat. lectiorum: Lesepult). Die „trennende“ Wirkung ist sekundär und keineswegs für einen Lettner charakteristisch: Ein Lettner ist keine Wand, sondern besteht aus (oft nach beiden Seiten hin offenen) Bögen/Gewölben. Die byzantinische Ikonostase hat eine gewollte trennende (aber auch zusammenführende) Funktion, der Lettner nicht.]

Einen Wendepunkt bildete die Reformation. Johannes Calvin (1509-1564) stand im Rückbezug auf die Bibel und das frühe Christentum für eine radikale Entsakralisierung des Kirchenraums. Er warf die Altäre aus den alten Kirchen, deren Platz am Ende des Raumes blieb demonstrativ leer. Bei Calvin gab es nur noch einfache Tische. [Auf den für das unterschiedliche Raumverständnis entscheidenden Unterschied, nämlich Sinn und Inhalt dessen, was in diesen Räumen geschieht und gefeiert/getan wird, geht der Verfasser überhaupt nicht ein. Die jeweiligen Räume werden unterschiedlich verstanden, weil in ihnen ganz unterschiedliche Dinge geschehen: Im einen Raum geschieht die sakramentale Vergegenwärtigung des Opfers unserer Erlösung, an dem die Gläubigen leibhaftig Anteil erhalten; das andere ist ein Predigtgottesdienst, bei dem die Belehrung und Ermahnung der Gläubigen im Zentrum steht. Aus dem gleichen Grund ist es auch falsch, eine katholische Kirche mit einer Synagoge zu vergleichen, eher müsste man sie mit dem Tempel in Jerusalem vergleichen  (Anwesenheit/Gegenwart Gottes).]  Die Kirchenräume in der Nachfolge von Martin Luther (1483-1546) standen hingegen für eine vermittelnde Position: Der Altar blieb zwar an seinem Ort, eine Sakralität des Raumes als Ganzes gab es allerdings nicht mehr.

Das unterschiedliche Verständnis von Kirchengebäuden [Irreführend. Es geht nicht um das „Verständnis von Kirchengebäuden“, sondern um das Verständnis dessen, was in diesen Gebäuden geschieht!] spiegelte sich auch in deren architektonischer Gestaltung wider: Katholische Bauten lenkten den Blick des Besuchers auch künstlerisch gleich in Richtung des Altars, mit jedem Schritt in seine Richtung wird die Stimmung feierlicher und erfurchtseinflößender. Diesen Effekt vermieden die Protestanten [Weil es nichts Ehrfurchteinflößendes gab, auf das man zuging; anders in einer katholischen Kirche.]: Der die Fallhöhe von Heiligkeit und Weltlichkeit zelebrierende Barock blieb im Calvinismus auf Einzelfälle beschränkt, auch die Lutheraner gingen mit ihm sparsam um, die Kirchen sind schlichte Häuser des Zusammenkommens. [Ich kenne viele Protestenten, die dem widersprechen würden.] Wesentlich beliebter war im Protestantismus der Klassizismus als Bauform – obwohl der sich auf die Formen antiker Tempel bezog, die ein ganz anderes Sakralverständnis hatten.

Die nichtsakrale Grundeinstellung teilen die evangelischen Kirchen bis heute mit den Bauten der anderen abrahamitischen Religionen. Synagogen sollen im orthodoxen Judentum einfache Versammlungshäuser sein, die sich in ihrer Gestaltung nicht von ihrem Umfeld abheben. [Der Verfasser hat offenkundig noch nie eine orthodoxe Synagoge betreten. Es würde ihn gewiss überraschen, dass es auch in Synagogen ein „ewiges Licht“ (hebr. ner tamid) gibt, nahe beim mit kostbaren Stoffen verhängten Thoraschrein, das auf die Tempelmenora verweist und den unsterblichen Glauben Israels symbolisiert. Die im Schrein aufbewahrten Thorarollen, die nicht mit bloßen Händen berührt werden sollen, sind mit kostbaren Stoffen bekleidet, die vor der Lesung geküsst werden. Die Synagoge wird im Judentum ausdrücklich auch als „kleines Heiligtum“ oder „kleiner Tempel“ (hebr. mikdasch me‘at) bezeichnet (vgl. Hesekiel 11,16).] Die prächtigen Synagogen des 19. Jahrhunderts entstehen im assimilierten liberalen Judentum der Städte und orientieren sich in ihrer auf den Effekt setzenden Gestaltung an katholischen Gotteshäusern. Auch Moscheen sind keine Sakralräume [Weshalb auch niemand die Schuhe ausziehen muss, um hineinzugehen…]: Hier können außerhalb des Gebets auch Kinder gestillt oder Tee getrunken werden. [Aus dem Qur‘an, 24. Sure, Verse 16-17: „In den Häusern, deren Errichtung Allah erlaubt hat, damit dort Seines Namens gedacht werde, preisen Ihn des Morgens und des Abends Männer, die weder Handel noch Geschäft abhält von dem Gedenken an Allah und der Verrichtung des Gebets und dem Entrichten der Steuer.“ Der heiligste Ort der Muslime ist übrigens, ähnlich dem Judentum, ein Gebäude: Die Ka'ba.]

Doch auch die christlichen Kirchen sind mehr als nur Gottesdienstorte: Da in calvinistischen Gottesdiensten die Orgel nicht erklingen durfte, wurde sie seit dem 16. Jahrhundert außerhalb der Liturgie gespielt, die Kirchen wurden zusätzlich zum Ort für Konzerte. Auch die Bewegung der bürgerlichen Gesangsvereine und Kirchenchöre machte die Gotteshäuser aller Konfessionen auch zu Orten der Musik.

Besonders deutlich wurde die Mehrfachfunktion von Kirchen vor allem im Protestantismus in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts: Zum Teil wurden Gemeindezentren gebaut, deren Räume auch für Gottesdienste genutzt werden. Im Katholizismus blieb die Kirche dagegen auch nach dem Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) ein heiliger Ort, der nicht einfach so zum Raum für Feiern oder Gruppenstunden umfunktioniert werden kann. [Was der Verfasser offenbar bedauert.]

Die fortschreitende Säkularisierung stellt an die Kirchengebäude nun wieder neue Fragen: Die großen Kirchen der Vergangenheit werden in den bisherigen Dimensionen nicht mehr gebraucht [… und das soll sich auch nicht ändern…?], neue Raumkonzepte müssen her. Gegen die Doppelnutzung der Protestanten setzen katholische Gemeinden zum Teil die Aufteilung bestehender Räume – das Heilige und das Profane bleiben getrennt.
Als Räume [und mehr nicht!] bleiben Kirchen aber weiterhin gefragt, auch von Menschen außerhalb der Institution Kirche. Beispielsweise in Ostdeutschland engagieren sich auch Konfessionslose in Initiativen zur Rettung historischer Kirchen im ländlichen Raum. Denn von einer pluralen Gesellschaft werden Kirchen heute vielfältig genutzt: Die einen schätzen sie als Raum der Kultur, wieder andere als Ort der persönlichen Einkehr und der Begegnung mit dem Übernatürlichen und Heiligen – auch abseits spezifisch christlicher Frömmigkeitsformen. [Wir lernen: Im Christentum darf es das „Heilige“ (sakrale) in einem Gebäude nicht geben, es stellt eine mittelalterliche Fehlentwicklung dar, gegen die sich die frühe Christen sogar zur Wehr gesetzt haben (diese Behauptung aus dem Einleitungstext hat der Verfasser nicht einmal versucht zu belegen); aber für nichtchristlich-außerkirchliche „persönliche Einkehr“ ist es im Kirchenraum willkommen. Die Anbetung des in seinem Leib und Blut real gegenwärtigen Gottessohnes soll der esoterischen „Begegnung mit dem Übernatürlichen“ weichen.] Besonders auf dem Land sind sie zudem Identifikationsmerkmal und ein Sinnbild für Heimat in einer von Digitalisierung und Globalisierung geprägten Gegenwart. Als Zeichen für Gemeinschaft und Orientierung gelten sie also auch den Kirchenfernen etwas.
Die vom Mitgliederschwund gezeichneten Kirchen werden also auf lange Sicht nicht mehr allein Herren in ihren Häusern sein. Die Allgemeinheit wird Wünsche an die Kirchen und deren Gebäude herantragen. Die spirituelle Dimension wird aber zentral bleiben: Denn auch touristische Besucher schätzen Kirchen, die nicht nur steinerne Museen sind, sondern noch für Gottesdienste genutzt werden. [Die Touristen! Das ist doch mal ein Argument...] Wo Kirchen zunehmend vielzweckige Gebäude werden, könnten sich Gläubige auf ein altes Konzept zurückbesinnen: Die Hauskirche. [Die mit dem eigens für die Feier des Herrenmahls reservierten und eingerichteten Raum?] Schon Luther sah die Trias aus lateinischer, deutscher Messe und dem Hausgottesdienst. Als hyperlokale Gemeinschaft in einer von Individualisierung und einer wachsenden Zahl von Single-Haushalten geprägten Gesellschaft neue Impulse für Gemeinschaft und Spiritualität geben. Auch das 21. Jahrhundert wird Kirchen also neu für sich definieren. [Schade, dass die Christen die Definitionshoheit über ihre eigenen Gebäude an das Jahrhundert, (lat. saeculum, daher das Wort „Säkularisation“: weltlichmachung, der Welt angleichen), abtreten mussten...]



Das ist die Qualität des kirchensteuerfinanzierten katholischen Journalismus. Die Agenda ist klar: weg von allem, was "Heilig" ist, Sakramente spielen keine Rolle mehr, weshalb sie gleich gar nicht erwähnt werden.

Sonntag, 24. Mai 2020

glaubwürdig

Erdbeerbär
Es hat in der kirchlichen Sprache der letzten Jahrzehnte eine gewisse Verschiebung stattgefunden, auf die ich kurz eingehen will.
Konkret geht es mir um die Glaubwürdigkeit, genauer darum, inwiefern jemand oder etwas „glaubwürdig“ ist. Eigentlich handelt es sich dabei um ein Attribut des Verkündigenden Akteurs: Der Zeuge ist Glaubwürdig, d.h. der Zeugnisgebende, der Verkündiger.

Fast unmerklich ist die Verschiebung, wenn dann plötzlich aber von der "glaubwürdigen Verkündigung" die Rede ist. Dann ist nicht mehr der Redende und Handelnde Glaubenszeuge glaubwürdig oder unglaubwürdig, sondern eben die von diesem Subjekt abgehobene Verkündigung, also das, was er tut und wie er redet. Das ist gefährlich, denn so gesehen kann auch eine Lüge glaubwürdig sein, wenn sie nur überzeugend vermittelt wird. Derjenige, der das Zeugnis gibt, ist unerheblich, wichtig ist nun sein Tun und Sprechen.

Und diese Verschiebung geht inzwischen auch noch einen Schritt weiter, wenn die Rede ist von der "glaubwürdigen Botschaft", die es zu verkündigen gilt. Nun ist nicht mehr der Verkündigende gemeint, aber auch nicht seine Verkündigung als Tätigkeit, sondern der Inhalt dieser Verkündigung. Und genau da liegt der Knackpunkt: Wenn ich darum bemüht bin, den Inhalt "glaubwürdig" zu machen, dann bedeutet das nichts anderes, als dass ich diesen Inhalt zur Erhöhung seiner "Glaubwürdigkeit" entsprechend an Geschmack und Vorlieben der Hörer anpasse. Wohl gemerkt, es geht hier nicht bloß um die sprachliche Gestalt (das wäre die Verkündigung), sondern um den Sinn, der verkündet wird. Zuweilen ist genau das auch schon mit der Redewendung "glaubwürdige Verkündigung" gemeint, wenn nämlich mit "Verkündigung" der Inhalt gemeint ist.

Es wird gerade modern, im Rahmen pastoraler Erneuerung von der Wichtigkeit einer "glaubwürdigen Botschaft/Verkündigung" zu sprechen, die es zu verkündigen gilt. Nicht selten verbirgt sich dahinter aber nicht das wahre Evangelium, sondern eine für die Adressaten zurechtgestutzte Verballhornung desselben, die vielleicht gewitzt und sogar charmant daherkommt (etwa wie der Erdbeerbär), aber letztlich irreal und hohl ist. Das ist dann natürlich nicht tragfähig, weil es nicht in die Tiefe reicht (denn dort würde der Anspruch des Evangeliums unausweichlich werden) und es ist damit im Letzten auch nicht glaubwürdig, nicht des Glaubens würdig.

Der Inhalt des Evangeliums ist nie unglaubwürdig. Er kann unglaublich anmuten, aber diese Anmutung gilt es gerade zu überwinden, das ist das durchaus anspruchsvolle Wechselspiel von Verkündigung und Bekehrung. Das Evangelium wird umso weniger unglaublich, je glaubwürdiger seine Verkünder und Zeugen sind.

Montag, 18. Mai 2020

Johannes Paul II. über "Mission"

»Auf die Frage warum Mission? antworten wir mit dem Glauben und der Erfahrung der Kirche: sich der Liebe Christi öffnen bedeutet wahre Befreiung. In ihm, und in ihm allein, wer den wir befreit von jeder Entfremdung und Verirrung, von der Sklaverei, die uns der
Macht der Sünde und des Todes unterwirft. Christus ist wahrhaft "unser Friede" (Eph 2,14), und "die Liebe Christi drängt uns" (2 Kor 5,14), die unserem Leben Sinn und Freude gibt. Die Mission ist eine Frage des Glaubens, sie ist ein unbestechlicher Gradmesser unseres Glaubens an Christus und seine Liebe zu uns. Die Versuchung heute besteht darin, das Christentum auf eine rein menschliche Weisheit zu reduzieren, gleichsam als Lehre des guten Lebens. In einer stark säkularisierten Welt ist nach und nach eine Säkularisierung des Heiles“ eingetreten, für die man gewiss zugunsten des Menschen kämpft, aber eines Menschen, der halbiert und allein auf die horizontale Dimension beschränkt ist. Wir unsererseits wissen, dass Jesus gekommen ist, um das umfassende Heil zu bringen, das den ganzen Menschen und alle Menschen erfassen soll, um die wunderbaren Horizonte der göttlichen Kindschaft zu erschließen.« (Johannes Paul II, Redemptoris Missio 11)

Heiliger Johannes Paul der Große, bitte für uns!

Samstag, 16. Mai 2020

Joseph Ratzinger über den suizidalen Weg

Es folgt ein Text von Joseph Ratzinger aus dem Jahr 1970, also von vor 50 Jahren! 

»[D]as recht verstandene Interesse an der Kirche [zielt] primär gerade nicht auf sie selbst, sondern auf das, wovon her und worauf hin sie da ist, darauf also, dass (mit den Worten der Augsburgischen Konfession zu reden) das Wort Gottes in seiner Reinheit und unverfälscht verkündet und der Gottesdienst recht gefeiert wird. Die Frage der Ämter ist nur soweit wichtig, so weit sie dafür die Vorbedingung bedeutet. Nochmal anders ausgedrückt: Das kirchliche Interesse ist nicht die Kirche, sondern das Evangelium. Das Amt sollte möglichst lautlos funktionieren und nicht primär sich selbst betreiben. Gewiß, jeder Apparat braucht einen Teil seiner Kraft auch, um sich selbst in Gang zu halten. Aber er ist um so schlechter, je mehr er im Selbstbetrieb aufgeht und er wäre gegenstandslos, wenn er nur noch sich selbst betriebe.
In dieser Hinsicht freilich stehen die Dinge heute reichlich schlecht. Der notwendige Prozess der Reform, d. h. der Brauchbarmachung der Kirche für ihren Auftrag in der veränderten Situation von heute, hat alles Interesse so sehr auf den Selbstvollzug der Kirche gerichtet, dass sie weithin nur noch mit sich selbst beschäftigt scheint. Zweifellos kann der kommenden gesamtdeutschen Synode in der gegenwärtigen Situation der Kirche eine bedeutende Aufgabe zufallen; in vieler Hinsicht ist eine solche Synode wohl eine Notwendigkeit. Dennoch scheint ihre Vorbereitung, so, wie sie mancherorts betrieben wird, den eben erwähnten Trend in ungesunder Weise zu verstärken. Man klagt darüber, dass die große Menge der Gläubigen im allgemeinen zu wenig Interesse für die Beschäftigung mit der Synode aufbringe. Ich muss gestehen, dass mir diese Zurückhaltung eher ein Zeichen von Gesundheit zu sein scheint. Christlich, d. h. für die eigentlich vom Neuen Testament gemeinte Sache, ist nämlich wenig damit gewonnen, wenn Menschen sich leidenschaftlich mit Synodenproblemen auseinandersetzen – so wenig jemand schon dadurch zum Sportler wird, dass er sich eingehend mit dem Aufbau des Olympischen Komitees beschäftigt. Dass den Menschen die Geschäftigkeit des kirchlichen Apparats, von sich selbst reden zu machen und sich in Erinnerung zu bringen, allmählich gleichgültig wird, ist nicht nur verständlich, sondern objektiv kirchlich gesehen auch richtig. Sie möchten gar nicht immer neu weiter wissen, wie Bischöfe, Priester und hauptamtliche Katholiken ihre Ämter in Balance setzen können, sondern was Gott von ihnen im Leben und im Sterben will und was er nicht will. Damit aber sind sie auf dem rechten Weg, denn eine Kirche, die allzuviel von sich selbst reden macht, redet nicht von dem, wovon sie reden soll. Leider muss man in dieser Hinsicht (und nicht nur in dieser) heute einen beträchtlichen Verfall der Theologie und ihrer Vulgarisationsformen fest stellen: Der Kampf um neue Formen kirchlicher Strukturen scheint weithin ihr einziger Inhalt zu werden. Die Befürchtung, die Henri de Lubac am Ende des Konzils geäußert hatte, es könnte zu einem Positivismus des kirchlichen Selbstbetriebs kommen, hinter dem sich im Grunde der Verlust des Glaubens verbirgt, ist leider ganz und gar nicht mehr gegenstandslos.«

(aus: J. Ratzinger / H. Maier, Demokratie in der Kirche)

Donnerstag, 7. Mai 2020

Naive Theologen

Angesichts einiger weniger kontroverser Äußerungen des emeritierten Papstes am Ende der neuen Benedikt-Biographie von Peter Seewald (sehr lesenswert, ich kann es kaum beiseite legen!), fühlt sich der Freiburger Fundamentaltheologe Herr Striet – einer der wenigen Theologen, die ganz offen dem Atheismus frönen (s. meine Bemerkung hier) – dazu herausgefordert zu betonen, dass unsere Gesellschaft ganz und gar „nicht religionsfeindlich“ sei. „Allerdings“, so führt er fort, „verlangen sie von Menschen, die ihre religiösen Überzeugungen in den öffentlichen Diskurs einbringen wollen, dass sie so gute Gründe für sie aufbringen können, dass sie auch zu überzeugen vermögen.“ (hier).

Ein Wort: Naiv.

Ich glaube, Herrn Striet ist wirklich davon überzeugt, dass unsere Gesellschaft „nicht religionsfeindlich“ ist. Und ich habe eine Vermutung, warum er davon überzeugt ist.

Ums kurz zu machen: Herr Striet fühlt sich in dieser Gesellschaft geborgen und keineswegs angefeindet, weil er selbst alles nur denkbare tut, um mit dieser Gesellschaft konform zu sein! Die „Religion“ die er vertritt, steht per Definition in keiner ernsthaften Spannung zu dieser Gesellschaft, denn ihr oberstes Ziel besteht in der Gleichförmigkeit mit ihr.
Das und nur das, meint Striet mit „überzeugen“: Es geht nicht wirklich darum, jemanden umzustimmen, sondern es geht darum ihm nach dem Mund zu reden und das weltliche Gegenüber davon zu „überzeugen“, dass man genau so ist und denkt, wie er: „Ich bin keine Gefahr für dich und dein gewohntes denken/fühlen/handeln, und ich beweise es dir, indem ich nichts vertrete, was dich kränken oder belästigen oder herausfordern könnte.“

Es ist schon erstaunlich, dass Menschen, die ihre ganze Anstrengung darauf verwenden, sich und ihre „Religion“ mit der Gesellschaft in Gleichschritt zu bringen, in vollem Ernst verkünden können, die Gesellschaft stünde dieser ihrer „Religion“ nicht feindlich gegenüber. Natürlich nicht! Wieso sollte sie?

Was Herr Striet nicht sieht, und wohl auch nicht sehen kann, ist die Tatsache, dass diese Gesellschaft durchaus religionsfeindlich ist, nämlich immer genau dann, wenn die jeweiligen religiösen Ansichten nicht widerspruchsfrei zu den Ansichten dieser Gesellschaft passen. Er kann das nicht sehen, weil er in diesen Fällen selbst auf der Seite jener Gesellschaft steht.
Die Wirklichkeit, von der Herr Striet nichts wissen möchte, ist sogar noch dramatischer: Nicht nur diese Gesellschaft ist einem überzeugten und authentischen Christentum gegenüber feindlich gesonnen, sondern die katholische Kirche selbst, so wie sie gegenwärtig in Deutschland strukturell aufgestellt ist, ist über weite Strecken gegenüber ihren eigenen Gliedern feindlich gesonnen: Wer die Lehre der Kirche unverkürzt verkündet, oder wer auch nur vereinzelten als „traditionell“ empfundenen Frömmigkeitsformen anhängt, der hat es in der katholischen Kirche in Deutschland schwer. In verantwortliche Positionen kommt man so eher nicht. Wer an den aktuellen (von der angeblich nicht religionsfeindlichen Gesellschaft vorgelegten) Dogmen der Demokratisierung und Egalisierung, der Entsakralisierung und Säkularisierung (von Kirchenraum, Priestertum, Liturgie und Sakramenten) sowie der moralischen Liberalisierung Zweifel anmeldet, wird mundtot gemacht. Wer für diese Dogmen kämpft, ist gern gesehener "Dialogpartner". Der suizidale Weg ist hier nur das offensichtlichste Beispiel.

Es ist schon irgendwie putzig, als wie naiv dieser sich selbst als er alleraufgeklärteste ansehende Kerl sich hier offenbart.

Donnerstag, 30. April 2020

Die Essenz der Krise

»Der Mensch von heute versteht die christliche Erlösungslehre nicht mehr. Sie findet keine Entsprechung in seiner eigenen Lebenserfahrung. Er kann sich unter Sühne, Stellvertretung, Genugtuung einfach nichts vorstellen. Das, was mit dem Wort Christus, Messias, gemeint war, kommt in seinem Leben nicht vor und bleibt damit leere Formel. Auf diese Weise fällt das Bekenntnis zu Jesus als Christus ganz von selbst dahin. […] Erlösung wird durch Befreiung im neuzeitlichen Sinn ersetzt, die mehr psychologisch-individuell oder mehr politisch-kollektiv verstanden werden kann und sich auch gern mit dem Mythos vom Fortschritt verbindet. Dieser Jesus hat uns nicht erlöst, aber er kann ein Leitbild sein, wie Erlösung, d.h. Befreiung, zustande kommt. Wenn aber keine schon geschenkte Gabe der Erlösung zu vermitteln ist, sondern nur Anweisungen für unsere Selbsterlösung zu geben sind, dann ist wiederum die Kirche im überlieferten Sinn ein Unding, ja, ein Ärgernis. Sie trägt dann keine Vollmacht in sich; die beanspruchte Vollmacht ist unter dieser Voraussetzung nur angemaßte Macht. Stattdessen müsste sie zu einem Ort der »Freiheit« in einem psychologischen oder politisch verstandenen Sinn werden. Sie müsste der Raum unserer Wunschträume vom befreiten Leben sein; sie kann auf nichts jenseitiges verweisen, sondern muss sich jeweils in meiner eigenen Erfahrung als innerweltlich erlösende Instanz bewähren. Alle Unerlöstheit meiner eigenen Existenz, alle Unzufriedenheit mit mir selbst und den anderen fallen auf sie zurück.
[...] Man kann sich einen Gott nicht mehr vorstellen, der sich um den einzelnen Menschen kümmert und der überhaupt in der Welt handelt. Gott mag den Urknall angestoßen haben, wenn es ihn schon geben sollte, aber mehr bleibt ihm in der aufgeklärten Welt nicht. Es scheint fast lächerlich, sich vorzustellen, dass ihn unsere Taten und Untaten interessieren, so klein sind wir angesichts der Größe des Universums. Es erscheint mythologisch, ihm Aktionen in der Welt zuzuschreiben. [...] Wenn aber Gott mit uns letztlich nichts zu tun hat, dann fällt auch der Gedanke der Sünde dahin. Dass eine menschliche Tat Gott beleidigen könne, ist vielen ein ganz unvollziehbarer Gedanke geworden. So besteht für die Erlösung im klassischen Sinn des christlichen Glaubens überhaupt kein Anlass mehr, weil es kaum jemand einfällt, die Ursache für das Elend der Welt und der eigenen Existenz in der Sünde zu suchen. Deshalb kann es natürlich auch keinen Sohn Gottes geben, der in die Welt kommt, um uns von der Sünde zu erlösen, und der dafür am Kreuz stirbt. Von daher erklärt sich noch einmal die grundlegende Veränderung im Verständnis von Kult und Liturgie, die in letzter Zeit von Langem her vorbereitet vor sich gegangen ist: Ihr erstes Subjekt ist nicht Gott, auch nicht Christus, sondern das Wir der Feiernden. Und sie kann natürlich auch nicht Anbetung als primären Sinn haben, für die ja bei einem deistischen Gottesverständnis kein Grund besteht. ebenso wenig kann es um Sühne gehen, um Opfer, um Vergebung der Sünden. Es geht vielmehr darum, dass sich die Feiernden ihrer Gemeinschaft untereinander versichern und damit aus der Isolation heraustreten, in die die moderne Existenz den Einzelnen hineindrängt. Es geht darum, Erlebnisse der Befreiung, der Freude, der Versöhnung zu vermitteln, Schädliches zu denunzieren und Impulse für die Aktion zu geben. Deswegen muss auch die Gemeinde ihre Liturgie selbst machen und nicht aus unverständlich gewordenen Traditionen empfangen; sie stellt sich selber dar und feiert sich selbst. Allerdings darf man auch eine Gegenbewegung nicht übersehen, die gerade in der jungen Generation immer deutlicher wird: Die Banalität und der kindische Rationalismus selbst gebastelter Liturgien mit ihrer künstlichen Theatralik werden in ihrer Armseligkeit immer mehr durchschaut; ihre Nichtigkeit wird offenbar. Die Vollmacht des Mysteriums ist verschwunden, und die kleinen Selbstbestätigungen, mit denen man diesen Verlust wettmachen will, können auf die Dauer nicht einmal die Funktionäre befriedigen, Wie viel weniger diejenigen, die sich von solchen Aktionen angesprochen fühlen sollen. [...] Schließlich darf man sagen, dass dort, wo die Liturgie vom Mysterium durchleuchtet ist, wieder neue Orte des Glaubens entstehen.«
(aus: Joseph Ratzinger, Gesammelte Schriften 9/2, 981-983 [= Ein Neues Lied für den Herrn, 47-49])


Der Text stammt aus dem Jahr 1992. Gegenwärtig wird von unzähligen Theologen in Fakultäten und Bistümern die Abkehr vom Mysterium zugunsten selbstgebastelter Liturgien und Rituale mit viel Aufwand betrieben. Dies scheint ihnen schon deshalb geboten, weil die Eucharistie des geweihten Priesters bedarf... das sind gleich zwei Sakramente, die in erdrückender Deutlichkeit unermüdlich beweisen, dass wir auf das Heil angewiesen sind, das nicht von uns selbst kommen kann. Unerträglich! Dass nicht wenige Bischöfe sich schon länger auch aktiv daran beteiligen, stellen dieser Tage die Bischöfe Jung in Würzburg [hier] und Neymeyer [hier] in Erfurt eindrücklich dar. Der viel beschworene Priestermangel dient nur als Vorwand, eigentlich kommt er nämlich sehr gelegen: Jedes Mittel ist recht, um „die Fixierung auf die Eucharistiefeier aufzubrechen und den Wert anderer Gottesdienstformen zu vermitteln.“ (so Neymeyer)
Man entzieht sich damit bewusst oder unbewusst der eigenen Pflicht und Verantwortung; im Grunde ist es ein Verrat am Herrn selbst, dessen größtes Gebot - "Tut dies zu meinem Gedächtnis!" - relativiert wird. Man lässt sich vom Strom der Zeit in Richtung Abrgund treiben und fühlt sich dabei sogar noch als "mutiger" Vordenker und -kämpfer, weil man sich gegen einen anderen Strom stellt: Gegen den mystischen Strom, der von den Wunden des Erlösers ausgeht, das Rinnsal, das unter dem Altar entspringt und zum großen Fluss wird, der Gnadenstrom.

Mittwoch, 29. April 2020

Priester sagen und Priester sein

Da ein hochrangiger Kirchenmann seine Ansicht kundgetan hat, die Abschaffung des Sonntagsgebots sei eine sinnvolle Idee (hier), und weil es dieser Tage sowieso viele Bischöfe nicht unterlassen können, ihre Gläubigen pauschal und unbefristet von diesem Gebot zu "dispensieren" (wobei kirchenrechtlich zumindest fragwürdig ist, ob das überhaupt geht, wobei kirchenrechtlich völlig klar ist, dass es jedenfalls überflüssig und unsinnig wäre), scheint es eine gute Gelegenheit, zu einem verwandten Thema ein kurzes Wort zu sagen.

Es ist ja nun sehr modisch in, Zeiten von angstfreier Augenhöhe und demokratisch-pluraler Partizipation, Worte wie "Taufpriestertum" oder "gemeinsames Priestertum" oder andere diesen Sinn tragenden Ausdrücke kämpferisch im Munde zu führen. Schließlich, so wird gesagt, seien alle Getauften auch Priester, und darum... Und es stimmt ja auch: alle getauften sind Teil des königlichen, priesterlichen und prophetischen Volkes Gottes. Doch tut sich ein Problem mit der Glaubwürdigkeit vieler auf, die sich hier kämpferisch äußern: DER "priesterliche" Auftrag des Neun Testaments lautet "Tut dies zu meinem Gedächtnis!" Wer das nicht mit der ganzen Kirche (und entsprechend ihrer Ordnung) tut, hat m.E. keinerlei Recht, sich als "Priester" zu sehen. Wer es nicht für nötig erachtet, sonntags die Eucharistie mit zu feiern, der hat m.E. kein Recht, sich als "Priester" zu bezeichnen. Darum ist ja auch ein Boykott wie der von Maria 2.0 so unsinnig.

Ein kleiner Text von Bernhard Häring (bevor er "abging"):
»Als Getaufter, als lebendiges Glied des Gottesvolkes, des „Königreichs von Priestern" (Ex 19, 6; Offb 1, 6; 5, 10), soll der Christ seine größte Ehre und heiligste Pflicht darin sehen, das Opfer des Neuen Bundes mitzufeiern. Das seiner Seele eingeschriebene Tauf- und Firmgepräge ist eine ehrenvolle Einladung durch Christus. Das [Sonntags-]Gebot der Kirche spricht das in Worten aus, was die Flammenschrift des Heiligen Geistes als Gnade verliehen hat. Die Kirche erinnert die Säumigen und will die Erfüllung des ihr vom Herrn gegebenen Auftrags zu gemeinsamer Feier Seiner Liebestat („Tut dies zu Meinem Gedächtnis!“) sicherstellen. Meine erste Sorge wird also sein, daß ich als ein lebendiges Glied des Gottesvolkes im Stand der Gnade und „in Geist und Wahrheit“ (Joh 4, 24) das Opfer der Kirche Christi mitfeiere. Das zweite wird sein, daß ich froh mit dem Herzen dabei bin und mein Möglichstes tue, um im Beten und Singen meine Zugehörigkeit zum Gottesvolk zu bekunden. Wenn ich die sonntägliche Mitfeier des Festes der Liebe so betrachte, stehe ich nicht mehr wie ein Knecht unter einem Gesetz, sondern wie ein Freund Christi unter der Gnade“ (Röm 6, 14).«

(aus: Christ in einer neuen Welt)

Der Priester ist der, der am wenigsten seinen Willen bekommt (vgl. hier meine Bemerkungen zum Priestertum). er ist Diener eines anderen Willens, nämlich des göttlichen, und der ist heute kein anderer als vor 2000 Jahren.

Freitag, 27. März 2020

Trost der Tradition

Auf kath.net fand sich heute ein Hinweis auf, wie es dort hieß, verunglimpfende Äußerungen einer Erfurter Theologin, die sich mit dem rhetorischen Kniff des „das darf ja wohl gefragt werden“ ziemlich deutlich abschätzig über traditionelle Formen katholischer Frömmigkeit geäußert hat, die derzeit häufiger in den Medien wahrnehmbar sind, insbesondere im Zusammenhang mit der Eucharistie.

Die Äußerungen tätigte die Autorin in einem Blogbeitrag der Uni Erfurt (hier) – was dem „Wissenstransfer Theologie“ dienen soll – und sie sind, anders als kath.net suggeriert, nicht Ziel des Beitrags. Sie erwähnt das eher als  negativ geladene Hintergrundfolie für ihre eigenen tollen Ideen. Dass „nicht wenige Katholik*innen“ über solche Äußerungen katholischer Frömmigkeit „ernsthaft verstört“ seien, wird indes eigens als eigenes Zitat in Groß hervorgehoben.

Das eigentliche Thema des Beitrags ist die Frage des Leids und des Umgangs mit der aktuellen weltweiten Krise. Da die Autorin den traditionellen Formen katholischer Frömmigkeit jede Legitimität (und Wirksamkeit) abspricht, wartet sie in bestem Pastoraldeutsch mit einigen ihrer Meinung nach zeitgemäßen Alternativen auf: „Abseits solcher Angebote (er-)finden Menschen derzeit kreativ und eigenständig neue Formen von Gebet und Solidarität“. Da also alles, was irgendwie nach „Institution“ riecht abgelehnt wird, muss jeder selbst gucken, wo er bleibt – kreativ eben… und ökumenisch, denn darauf kommt es jetzt an!
Interessant finde ich auch ihre Bemerkung, Christen würden nicht behaupten, dass das Leid einen Sinn habe. Christen, so heißt es in astrein vakuumierten pastoraldeutschen Worthülsen, stünden vielmehr „dafür ein, es in den größeren Horizont Gottes zu stellen.“ Soso. Wenig überraschend fehlt natürlich jeder Hinweis auf das Leiden Christi oder überhaupt auf Jesus… man gibt sich weltoffen und interreligiös, denn darauf kommt es jetzt an!
Zugleich wird es dann doch wieder institutionell, denn nun muss, nach dem Ausschluss jeder spezifisch christlichen Deutung des Leids, die Theologie ran:  Sie „steht dafür ein, dass die Klage angesichts hunderttausendfacher Infektionen und zigtausender Toter, die isoliert und trostlos starben, nicht verstummt.“ So einfach erklärt man sich selbst für wichtig, oder, wie das aktuelle Modewort lautet: systemrelevant. Genau diese Wichtigtuerei führt dann dazu, wie es heißt, „kirchliches Leben kritisch zu begleiten“, und zwar in der Weise, wie es Theologen am liebsten tun, nämlich indem sie traditionelles Glaubensleben als falsch, unnütz und gefährlich erweisen (auf klug: „dekonstruieren“). [Siehe dazu hier.] Solch traditionelles Glaubensleben wird auch sogleich mit dem netten Wort „Retrokatholizismus“ recht eindeutig als rückständig gebrandmarkt. Die Autorin spricht sogar dumpf psychologisierend von „regressiven Mustern“ und bescheinigt diesen Äußerungen katholischer Frömmigkeit einen „fatalen [ließ: verhängnisvollen] Trost“.

Alles vergessend, was die Autorin selbst vor etwa einem Jahrzehnt in ihrer durchaus lesenswerten Habilitationsschrift über den Zusammenhang von lex orandi und lex credendi (Gesetz des Betens und Gesetz des Glaubens) erarbeitet hat, verfehlt sie das Wesentliche, das etwa am Beginn des Tagesgebets zu Fronleichnam wie folgt ausgedrückt ist: „Herr Jesus Christus, im wunderbaren Sakrament des Altares hast du uns das Gedächtnis deines Leidens und deiner Auferstehung hinterlassen.“
Die Eucharistie ist eben doch Quelle und Höhepunkt des Lebens der Kirche – auch in der Krise. In ihr feiern wir das Leidensgeheimnis Christi. Einen besseren Ort der Deutung des Leids und der Zuflucht zu Gott in diesem Leid gibt es nicht. Christus war der vorhergesagte „Mann voller Schmerzen, mit Krankheit vertraut“ und, in Coronazeiten besonders solidarisch gerade mit den Opfern: Er war der „vor dem man das Gesicht verhüllt“ (Jes 53,3). Bekanntlich ist der Isenheimer Altar ursprünglich für eine Spitalkirche geschaffen worden und der auf dem ersten Wandelbild dargestellte Gekreuzigte weist entsprechende Merkmale eines Pestkranken auf, mit dem sich die Kranken verbunden wissen konnten. Was auf dem Altarbild dargestellt ist, wurde unmittelbar davor auf dem Altar gefeiert. In diesen schwierigen Zeiten ist unser Zugang zu diesem Geheimnis erschwert, an die Stelle der leiblichen Teilnahme tritt nun die geistige, aber nicht weniger tröstliche Kommunion.

Sinnlos ist Leiden nur für den Gottlosen. In einem gemeinsamen Papier von DBK und EKD aus dem Jahr 1997 über Chancen und Risiken voraussagender Medizin (hier) heißt es: „Wir sind als Christen der Überzeugung: Wo immer jemand aus Glauben und menschlicher Redlichkeit zu solchem Geschick steht, realisiert er Möglichkeiten menschlicher Reifung. Christen, die ihr Heil Jesus Christus verdanken, der gelitten hat und am Kreuz gestorben ist, können Einschränkungen menschlicher Lebensmöglichkeiten paradoxerweise so wahrnehmen und leben, daß sie in ihnen einen Sinn und eine Lebensaufgabe finden. Leid und Schmerz sind konstitutive Bestandteile menschlicher Existenz; Behinderung bedeutet somit nicht Minderung der Menschenwürde. Christen erwarten Heil und Erlösung für diese Welt von Gott, auf den sie ihr Vertrauen setzen. Durch das Vertrauen auf ihn wird menschliches Handeln dazu befreit, nüchtern und abwägend zu urteilen, zugleich im Wissen um die Begrenztheit menschlicher Möglichkeiten.“

Das Traurige bei all dem ist, dass solche Äußerungen aus Theologenmund viel Schaden anrichten können und zu Verunsicherung führen (vgl. auch jene merkwürdigen Äußerungen einiger Liturgiewissenschaftler in der vergangenen Woche: HIER). Ich erlebe es bei mir selbst und vielen anderen, dass sie gerade in diesen traditionellen Formen Trost und Heil finden. Warum auch nicht? Immerhin ist gerade die Eucharistie, anders als alle noch so kreativ erfundenen Formen von Gemeinschaft, das echte und wahre Vermächtnis unseres Herrn Jesus Christus für uns. Paulus klärt uns im Ersten Brief an die Gemeinde in Korinth über den eucharistischen Kelch auf: Der „Kelch des Herrn“ (10,21) ist ein „Kelch des Bundes“ (11,25) und deshalb für uns „Kelch des Segens“ (10,16).
Wenn uns in dieser schweren Zeit etwas Segen und Heil bringt, dann sicher nicht „deinstitutionalisierte und überkonfessionelle“, „kreativ[e] und eigenständig[e] neue Formen“, die zutiefst hoffnungslos sind und mehr mit Esoterik und Selbsterlösung zu tun haben als mit echter Christusliebe, sondern der Herr selbst, der uns wahrhaft in der Eucharistie begegnet – auch wenn wir ihn nicht im Sakrament leiblich empfangen.

Man kann den pathetischen Slogan in der Mitte des Erfurter Blogbeitrags auch problemlos umdrehen: „Nicht wenige Katholik*innen sind ernsthaft verstört angesichts des Retromodernismus, der gerade fröhliche Urständ feiert.“

Jesus ist nicht „unser Bruder“

Vor ein paar Jahren habe ich mich hier sehr kurz mit der zuweilen missbräuchlich in der Liturgie gebrauchten Bezeichnung Jesu als „unser Bruder“ beschäftigt. Das will ich im Folgenden etwas ausführlicher tun.


Wir können schon gleich zu Anfang festhalten: Jesus wird nirgends im Neuen Testament von seinen Jüngern als „(unser) Bruder“ angeredet, so bezeichnet oder gar als solcher verkündet. Auch die Autoren der Evangelien bezeichnen ihn nie so. Die Apostel und die Evangelisten verkündeten Jesus stets als Herr (gr. Kyrios) (Apg 4,33), Christus (Apg 3.20) oder Sohn Gottes (Apg 9,20), nie als Bruder (gr. Adelphos). Eine nur scheinbare Ausnahme davon ist Röm 8,29:
»Röm 8,28 Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alles zum Guten gereicht, denen, die gemäß seinem Ratschluss berufen sind; 29 denn diejenigen, die er im Voraus erkannt hat, hat er auch im Voraus dazu bestimmt, an Wesen und Gestalt seines Sohnes teilzuhaben, damit dieser der Erstgeborene unter vielen Brüdern sei. 30 Die er aber vorausbestimmt hat, die hat er auch berufen, und die er berufen hat, die hat er auch gerecht gemacht; die er aber gerecht gemacht hat, die hat er auch verherrlicht.«

Zunächst: Was hat es mit den „vielen Brüdern“ auf sich, denen Paulus hier Jesus als der „Erstgeborene“ beigesellt? Diese scheinbar familiäre Aussage über die, die hier als „Brüder“ bezeichnet werden, ist ganz klar an eine Bedingung geknüpft, die wir im vorhergehenden Vers erfahren: „Wir wissen aber, dass denen, die Gott lieben, alles zum Guten gereicht“ (Röm 8,28), sie sind es, die „im Voraus dazu bestimmt“ sind, an „Wesen und Gestalt“ Jesu teilzuhaben. Wenn hier also von „Brüdern“ die Rede ist, dann sind damit diejenigen gemeint, „die Gott lieben“, was natürlich nur ein Leben nach dem Willen und Gebot Gottes meinen kann (vgl. Joh 14,21: „Wer meine Gebote hat und sie hält, der ist es, der mich liebt“).
Beachtenswert ist an dieser Stelle des Römerbriefes die Richtung, in die die Aussage geht: Wir sollen an Jesu Wesen und Gestalt teilhaben, damit IHM, Jesus, etwas zukommt, nämlich der „Erstgeborene“ zu sein. Nun ist es natürlich völlig unproblematisch, dass die, die Jesus nachfolgen, unter sich „Brüder“ (und Schwestern) sind (in Apg werden sie ständig so genannt). Schwieriger zu verstehen ist aber eben diese Rede von Jesus als dem „Erstgeborenen“ (gr. prototokos). Es ist wichtig zu verstehen, dass es sich dabei nicht um irgendeine willkürliche Vokabel handelt. Sondern es handelt sich um einen besonderen Hoheitstitel, der Jesus gerade nicht gewissermaßen „horizontal“ in die Reihe der „Brüder“ hineinordnet, sondern der stattdessen die Vertikale (hierarchische) Ordnung zwischen Jesus und der Kirche bzw. der ganzen Schöpfung betont. Die Aussageabsicht zielt auf die Majestät Jesu als dem „Erstgeborenen“ ab. Pointiert könnte man sagen: Dem Erstgeborenen ist niemand ebenbürtig. Ausführlich stellt uns diesen Sachverhalt derselbe Paulus im so genannten Kolosserhymnus gleich doppelt vor Augen:
»Kol 1,15 Er ist Bild des unsichtbaren Gottes, der Erstgeborene der ganzen Schöpfung. 16 Denn in ihm wurde alles erschaffen im Himmel und auf Erden, das Sichtbare und das Unsichtbare, Throne und Herrschaften, Mächte und Gewalten; alles ist durch ihn und auf ihn hin erschaffen. 17 Er ist vor aller Schöpfung und in ihm hat alles Bestand. 18 Er ist das Haupt, der Leib aber ist die Kirche. Er ist der Ursprung, der Erstgeborene der Toten; so hat er in allem den Vorrang. 19 Denn Gott wollte mit seiner ganzen Fülle in ihm wohnen, 20 um durch ihn alles auf ihn hin zu versöhnen. Alles im Himmel und auf Erden wollte er zu Christus führen, der Frieden gestiftet hat am Kreuz durch sein Blut.« (siehe dazu auch die ähnlichen Aussagen in Hebr 1,5-8 und Offb 1,5-6)

Wollte man die Aussage des Paulus im Römerbrief über Jesus als den „Erstgeborenen unter vielen Brüdern“ so verstehen, dass Jesus einer der Brüder ist, dann müsste man mit der selben Logik auch sagen, dass Jesus als „der Erstgeborene der ganzen Schöpfung“ Teil dieser Schöpfung, d.h. ein Geschöpf ist. Dem ist offensichtlich nicht so, denn, so klärt uns Paulus auf, alles was ist (gr. panta) ist durch ihn überhaupt erst geschaffen worden, er ist „vor aller Schöpfung“ (vgl. auch den Johannesprolog). Das gleiche gilt für die Bezeichnung als „Erstgeborener der Toten“: Jesus kann offensichtlich nicht einer unter vielen anderen Toten sein, denn die hiermit gemeinte Auferstehung betrifft ihn anders als uns. Er ist, wie der Hymnus sagt, „der Ursprung“: Durch ihn, wegen ihm, in ihm gibt es überhaupt eine Auferstehung - er ist das Leben (vgl. Joh 11,25). Wie Christus zur Schöpfung steht, so steht er auch zu unserer Auferstehung und so steht er auch zu den „Brüdern“, d.h. zur Kirche: Er ist „der Ursprung“, der Schöpfer, das „Haupt“. Jesus ist so wenig Bruder unter Brüdern, wie er Toter unter Toten oder Geschöpf unter Geschöpfen ist.

Die Aussage von Röm 8,28-30 ist eschatologisch, d.h. sie zielt auf eine Klärung des Verhältnisses zwischen Jesus und den „Erwählten“ im Zustand der Vollendung, nicht auf eine Qualifizierung Jesu als „unser Bruder“, zumal er auch nie so genannt wird. Wenn entsprechend dieser eschatologischen Perspektive die Einheitsübersetzung hier sagt, die Jünger Jesu seien von Gott dazu erwählt, „an Wesen und Gestalt seines Sohnes teilzuhaben“ (Röm 8,29), dann ist das zwar nicht falsch, aber doch eine unzureichende Übersetzung. Eigentlich steht hier etwas viel Großartigeres: Wir sollen dem Bild des Sohnes gleichgestaltet werden. [Anmerkung für die theologischen Nerds: Paulus gebraucht mit eikon den selben Terminus, den die Septuaginta im Schöpfungsbericht verwendet. Er meint ein Ebenbild oder Abbild (wie etwa die Büste einer berühmten Persönlichkeit). Der Völkerapostel redet zudem nicht von „Teilhabe“, wie die EÜ meint. Das Wort „Teilhabe“ klingt nach einer Geschäftsbeziehung und impliziert wohl kaum eine Veränderung dessen, der an etwas teilhat. Paulus gebracht das Verb symmorphus, dem das Verb morphoo zugrundeliegt, was soviel wie formen, gestalten, modellieren meint. Dem liegt wiederum das Substantiv morphe zugrunde: Form, Gestalt. Es geht also wirklich um eine Umformung des Menschen nach dem (Vor)Bild des Sohnes, geradezu eine Gleich-Gestaltung mit ihm, nicht um die bloße Teilhabe an etwas.] Diese Redeweise des Paulus erinnert nicht zufällig an den ersten Schöpfungsbericht am Beginn der Bibel, wo der Mensch nach dem „Bild“ Gottes geschaffen wird (vgl. 1Mose 1,26). Paulus geht es freilich um eine neue Schöpfung, nicht um eine Wiederholung der ersten, wie er an anderer Stelle sehr schön sagt: „… wenn also jemand in Christus ist, dann ist er eine neue Schöpfung“ (2Kor 5,17; vgl. 1Petr 1,23; Offb 21,5). 
Der zuvor zitierte Kolosserhymnus zeigt eindrücklich die Verschränkung der Verheißung von der neuen Schöpfung mit der Hoheitswürde des Erstgeborenen“ im Denken des Paulus: Jesus ist in jeder Hinsicht der Erstgeborene, weil er Abbild Gottes ist und weil er vor aller Schöpfung war. Paulus betrachtet Jesus also keineswegs als einen „Bruder unter Brüdern“. Als „Erstegborener“ ist er vor und über aller Schöpfung und auch vor und über den „Brüdern“. Die Aussage des Paulus in Röm 8,29 geht aber auch was Jesu Jünger angeht weit über jede „Brüderlichkeit“ hinaus: Es geht um die Gleichgestaltung derer, die „berufen“, die „im Voraus erkannt und erwählt“ wurden, mit dem ewigen Sohn des Vaters. Die Gläubigen, die den Willen Gottes erfüllen, – so lehrt das ganze Neue Testament – sollen in der Vollendung an der Hoheit und Würde des Erstgeborenen teilhaben, an der „Gemeinschaft der Erstgeborenen, die im Himmel verzeichnet sind“ (Hebr 12,23).


Aber hat nicht Jesus seine Jünger als „meine Brüder“ bezeichnet? Gewissermaßen:
»Mt 12,48 Dem, der ihm das gesagt hatte, erwiderte er: Wer ist meine Mutter und wer sind meine Brüder? 49 Und er streckte die Hand über seine Jünger aus und sagte: Siehe, meine Mutter und meine Brüder. 50 Denn wer den Willen meines himmlischen Vaters tut, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter.«

Offenkundig spricht Jesus hier metaphorisch, wenn er hier familiäre Vokabeln benutzt. Die „Jesus unser Bruder“-Advokaten meinen das aber durchaus nicht metaphorisch, sondern sehr realistisch, nicht selten sogar politisch.
Würde man jedoch aus dieser Stelle ableiten, dass wir uns zu Recht als „Brüder und Schwestern“ Jesu bezeichnen können, dann müssten wir uns konsequenter Weise auch als „Mutter und Vater“ Jesu bezeichnen... Dem ist natürlich nicht so, denn es geht Jesus bei dieser Aussage offensichtlich nicht um eine Art von Brüderlichkeit oder gar Ebenbürtigkeit (s.o.), sondern um die Vertrautheit und Verlässlichkeit der Beziehung zu ihm, die in einem übertragenen Sinn geradezu familiären Charakter haben soll. Dies ergibt sich auch daraus, dass die hier von Jesus ausgedrückte familiäre Vertrautheit an eine klare und keineswegs selbstverständliche Bedingung geknüpft ist: Diese Vertrautheit gilt für diejenigen, die entsprechend dem Willen (also auch: den Geboten) Gottes handeln: „Denn wer den Willen meines himmlischen Vaters tut, der ist für mich Bruder und Schwester und Mutter.“ Erfüllen wir diese Bedingung?


Jesus konnte seinen Jüngern zumindest einmalig die Ehrenbezeichnung „meine Brüder“ zubilligen:
»Joh 20,16 Jesus sagte zu ihr: Maria! Da wandte sie sich um und sagte auf Hebräisch zu ihm: Rabbuni!, das heißt: Meister. 17 Jesus sagte zu ihr: Halte mich nicht fest; denn ich bin noch nicht zum Vater hinaufgegangen. Geh aber zu meinen Brüdern und sag ihnen: Ich gehe hinauf zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott. 18 Maria von Magdala kam zu den Jüngern und verkündete ihnen: Ich habe den Herrn gesehen. Und sie berichtete, was er ihr gesagt hatte.«

Zunächst ist hier eine wichtige Unterscheidung zu treffen, die auch für Mt 12,48-50 gilt: Jesus kann seine Jünger „(meine) Brüder“ nennen, wie er sie auch „meine Freunde“ nennen kann (vgl. Joh 15,14). Umgekehrt finden wir das aber interessanter Weise nie! Nie wurde er von denen, die ihm nachfolgen, als „Bruder“ angesprochen oder als „Freund“ verkündet. Schon im nächsten Vers verkündet auch Maria aus Magdala den Auferstandenen klar als „Herr“.
Die Bezeichnung der Jünger als „meine Brüder“ passt in diesem Zusammenhang, weil der Austausch zwischen dem Auferstandenen und Maria überhaupt von enormer Nähe und Zärtlichkeit geprägt ist. In diesem besonderen Augenblick, dem Höhepunkt der ganzen Offenbarung, wird die ganze Tragweite der Sendung Jesu deutlich: Er ist von der göttlichen Herrlichkeit herabgestiegen und hat sich erniedrigt; und er ist erhöht über alles und jeden (vgl. im Philipperhymnus, Phil 2,8-9). Jesus erweist sich als Hirte seiner Herde, er kennt die Seinen, die die ihn annehmen sind sein Eigentum geworden. Zugleich mit dieser nahen Zärtlichkeit des Erniedrigten tritt daher auch schon die Distanz des Erhöhten in den Blick, den wir nicht „festhalten“ können. In diesem Moment, ausgespannt zwischen Nähe und Ferne, im Moment seiner größten Majestät als „Erstgeborener aus den Toten“ spricht ihn Maria geradezu zärtlich an als „Rabbuni“, wörtlich: „mein Meister“ oder auch „mein Herr“. [Dass der Evangelist Marias Anrede mit „(Lehr)Meister“ (gr. didaskale) übersetzt, braucht nicht zu verunsichern: Mit Abwandlungen von „Rabbi“ können im Grunde alle möglichen hochgestellten Persönlichkeit gemeint sein, die hebräische Silbe rab heißt einfach „groß“.] Diese Anrede Marias erinnert nicht zufällig an das Bekenntnis des Thomas vor dem Auferstandenen kurze Zeit später (Vers 28): „Mein Herr und mein Gott!“ (vgl. Offb 7,14) Und Jesus versichert Maria seiner Liebe, indem er auf ihre zärtliche Anrede hin auch die Jünger in ähnlicher Weise als die „Seinen“ in die größtmögliche Nähe einfasst: „meine Brüder“.


Allgemein lässt sich zum biblischen Befund noch dies feststellen:

Im Blick auf den Vater wird besonders deutlich, dass Jesus sich nie als „Bruder unter Brüdern“ gesehen hat: Er unterscheidet in allen Evangelien stets genau zwischen seinem Vater (z.B. Mt 11,27; Mk 8,38; Lk 2,49; Joh 5,36.43) und unserem Vater (z.B. Mt 5,48; Mk 11,25; Lk 6,36; Joh 8,42). An keiner Stelle spricht Jesus von „unserem (gemeinsamen) Vater“. Besonders krass wird die penible Vermeidung solcher Rede im Munde Jesu in Joh 20,17 spürbar: „Ich gehe hinauf zu meinem Vater und eurem Vater, zu meinem Gott und eurem Gott.“ Sein Verhältnis zum Vater bleibt immer einzigartig, was auch irgendwie logisch ist, denn: „Ich und der Vater sind eins.“ (Joh 10,30) Jesus ist nämlich bezeichnenderweise nicht nur der Erstgeborene (gr. prototokos) vor aller Schöpfung, sondern auch der Einziggeborene (gr. monogenes) vom Vater (vgl. Joh 1,18).

Noch einmal sei es gesagt: Zwar kann Jesus die Seinen in einzigartigen Momenten (jeweils genau ein einziges Mal) als „meine Brüder“ und „meine Freunde“ bezeichnen, aber nirgends in der Bibel kommen die so Benannten auf die Idee, Jesus gleichfalls so anzureden oder zu benennen, oder ihn gar mit solchen Worten anderen zu verkünden. Sie kommen auch nicht auf die Idee, sich selbst als seine Brüder zu bezeichnen. Es besteht eben ein ganz gewaltiger Unterschied, ob nun Jesus seine Jünger in dieser Weise (einmalig) anspricht, oder ob wir uns selbst so bezeichnen oder ihn so ansprechen. Wenn die Bibel die höchste Norm für unser Beten ist, dann sollten wir die Anrede Jesu als „Bruder“ tunlichst unterlassen.


Ein Wort zur Gebetssprache:

Die Bibel bezeugt, dass Jesus im Gebet, auch im Segensgebet, verschieden betitelt wird, etwa als „(heiliger) Knecht“ (Apg 4,30) oder „Sohn des Vaters“ (2Joh 1,3). Vor allem aber ist er der „Herr“ (Hebr 13,20-21). Insbesondere das Gebet, das an Jesus gerichtet ist, gilt ihm stets als dem Herrn: Herr Jesus, nimm meinen Geist auf! […] Herr, rechne ihnen diese Sünde nicht an!(Apg 7,59-60) Ganz am Ende der Bibel finden wir schließlich beides zusammen: ein Gebet zu Jesus dem Herrn unmittelbar gefolgt von einem Segensgebet unter Anrufung Jesu des Herrn:Komm Herr Jesus! Die Gnade des Herrn Jesus sei mit allen!“ (Offb 22,20)

Die Liturgie der Kirche kennt in ihrem Beten die Anrede oder Bezeichnung Jesu als „(unser) Bruder“ nicht. [Das offizielle, vom Deutschen Liturgischen Institut herausgegebene Buch für Wort-Gottes-Feiern am Sonntag kennt leider die Bezeichnung Jesu als „Herr und Bruder“, aber das zähle ich nicht als „Liturgie der Kirche“, es ist eine lokale (deutschsprachige) Kuriosität mit vielen Mängeln.]
Wenn ein Priester, aus welchen Gründen auch immer, ein Gebet zum Vater mit „… durch Jesus, unseren Bruder und Herrn“ beschließt, könnte man meinen, dass er auch in der Lage sein müsste, ein Gebet zu Jesus ganz selbstbewusst mit „Jesus unser Bruder…“ oder „Bruder Jesus...“ zu beginnen. Das geschieht aber eher nicht, weil es schlicht eine gewaltige Anmaßung wäre. Üblicherweise beginnt ein Gebet zum Sohn mit „Herr Jesus Christus...“ Darin drückt sich nicht bloß Gewohnheit oder Konvention aus, sondern ein gläubiger Instinkt, der genährt ist aus der Bibel und aus der liturgischen Tradition der Kirche.

Die einleitende oder abschließende Betitelung Jesu im Gebet als „unser Bruder“ ist gewiss eine große Anmaßung, die keinerlei biblische Basis hat. Nun könnte man denken, dass die umgekehrte Variante, dass wir nämlich uns selbst im Gebet als Jesu Brüder bezeichnen, eher noch vorkommen kann, denn dafür gäbe es immerhin fast so etwas wie einen biblischen Anhalt, wenn dieser auch in einem besonderen Kontext steht (s.o.). Das scheint zwar auf den ersten Blick weniger aus der Luft gegriffen, ist aber dennoch nicht weniger anmaßend, denn auch dafür gibt es in der Bibel kein echtes Vorbild. Jesus nennt die Seinen zwar einmalig „meine Brüder“, diese bezeichnen sich aber niemals selbst als „Brüder Jesu“! Die Liturgie der Kirche spiegelt auch das wider: Des Öfteren werden andere Gläubige als „unser Bruder/unsere Schwester“ benannt, die der Herr, beispielsweise in der Begräbnisliturgie, in sein Reich aufnehmen möge. Aber nie wird so etwas gebetet wie „Herr Jesus, nimm deinen Bruder XY auf…“ Dagegen wehrt sich der christliche Instinkt, obwohl es scheinbar eine biblische Fundierung gibt. Entsprechend müsste sich dieser Instinkt erst recht gegen die Bezeichnung Jesu als „unser Bruder“ wehren, die noch weniger ein biblisches Vorbild hat.
Schließlich sei noch angemerkt, dass der Sonntag der „Tag des Herrn“ (vgl. Offb 1,10) ist, an dem wir Leib und Blut des Herrn“ empfangen und so den Tod des Herrn verkünden (vgl. 1Kor 11,26-27) ; es ist nicht der „Tag des Bruders“, an dem wir ein „Brudermahl“ feiern. Der Mahlcharakter der Messe, neben dem Opfer, verdeutlicht an erster Stelle die Gemeinschaft zwischen Gott und Mensch.


Zum Schluss. Jesus ist nicht Bruder, er ist Herr:

Die von Bibel und Liturgie einhellig als vorrangig und ersatzlos bezeugte Anrede Jesu als Kyrios – Herr ist weit mehr als nur eine bloß zufällige oder austauschbare Betitelung. Sie ist auch mehr als eine „Hierarchisierung“, die man zu bestimmten Zeiten durch etwas Anderes ersetzen oder milieuspezifisch verflachen kann, damit Jesus irgendwie (aber dann verfälscht) kommunikabel bleibt. Es zeigt sich gerade darin die Vertrautheit, denn die den Herrn erkannt haben und die er erkannt hat, die nennen ihn auch so in ihren Gebeten: „Herr, der du aller Herzen kennst...“ (Apg 1,24) Die Anrede „Herr“ war von Anfang an und ist bis heute vor allem anderen das Bekenntnis der Christen schlechthin: „Darum hat ihn Gott über alle erhöht [...] damit [...] jeder Mund bekennt: Jesus Christus ist der Herr zur Ehre Gottes, des Vaters.“ (Phil 2,9-11) Dass Jesus der „Christus“ und der „Herr“ ist, ist ein wesentlicher Teil der Botschaft von Ostern: „Gott hat ihn zum Herrn und Christus gemacht, diesen Jesus, den ihr gekreuzigt habt.“ (Apg 2,36) Die Anrede Jesu als „Bruder“ offenbart dagegen eine geradezu vorösterliche Sichtweise – nach Ostern wissen wir: „Dieser ist der Herr aller.“ (Apg 10,36)

Im Apostolischen Glaubensbekenntnis bekennen wir Jesus als „unseren Herrn“, im Nizäno-konstantinopolitanischen Glaubensbekenntnis bekennen wir ihn als den „einen Herrn“ (parallel zum „einen Gott“). Das kürzeste und zugleich älteste Glaubenbekenntnis der Christen findet sich im Brief des Apostels Paulus an die Römer: „Herr ist Jesus“ (Röm 10,9; gr. Kyrion Iesun). So sollten wir auch zu ihm beten.