Freitag, 1. November 2019

Joseph Ratzinger über den Zölibat

Aus aktuellem Anlass. Aus einem Brief des damaligen Bischofs von München und Freising (1977), Joseph Kardinal Ratzinger, an Prof. Richard Egenter, in Reaktion auf einen Beitrag desselben in „Stimmen der Zeit“. Entnommen: JRGS 12, 154-158.


[…] Wenn der Zölibat der Weltpriester nicht eine gemeinschaftliche kirchliche Form ist, sondern eine private Entscheidung, dann verliert er seinen wesentlichen theologischen Gehalt und seine entscheidende persönliche Fundierung, denn dann hört er auf, ein von der Kirche getragenes Zeichen zu sein und wird zur privaten Absonderlichkeit. Dann ist er nicht mehr zeichenhafter Verzicht um des im Glauben übernommenen Dienstes willen, sondern Eigenbrötelei, die deshalb mit gutem Grund verschwindet.
[…] Wichtiger ist zum andern das Prinzipielle, um das es geht: Ihre Argumentation setzt voraus, dass als Zölibatäre nur Menschen passen, die ohnedies nicht heiraten wollen oder können. Aber damit steht doch alles auf dem Kopf. Der Zölibat ist ein sittlich und religiös belangvolles Phänomen nur und gerade dadurch, dass Menschen um Gottes und seines Dienstes willen auf den grundlegenden menschlichen Wert der Ehe verzichten, die an sich zur Ehe fähig und willens wären. Wenn der Kreis der Zölibatäre ein Verein von Hagestolzen ist, ist er nichts wert. Wichtig wird er allein dadurch, dass Menschen um des Herrn willen und um in der Kirche das gemeinschaftliche Zeichen ihrer Hoffnung auf den Herrn zu geben, das preisgeben, was sie nicht preisgeben Würden, wenn nicht dieses gemeinschaftliche und öffentliche Zeichen ihnen einen neuen Aufttrag und eine neue Weise der Erfüllung setzen würde.
[…] Wenn Sie vom Charisma der Ehelosigkeit sprechen, sieht es so aus, als sei das Charisma eine naturale Angelegenheit, die man hat, wie man Zähne oder Augen hat. Nun können auch Zähne ausfallen und Augen schwach werden, d. h., auch die Gaben der Natur sind nicht schlicht da, sondern bedürfen der Pflege. […] Die Zerbrechlichkeit des Charismas ist eher noch größer; jedenfalls ist es nicht einfach »da«. »Charisma« der Ehelosigkeit bedeutet, dass mir im Ringen mit dem Herrn und mit mir selbst, im Mitglauben und Mitleben mit der Kirche, im Getragenwerden durch die Menschen in ihr, ihr Gebet, ihr Wort, ihr Dienen und Leiden die Kraft wird, mich einem Ruf zur Verfügung zu stellen, der mir zugemessen ist, und diesen Ruf in allen seinen Dimensionen zu bestehen, in ihn hineinzureifen Tag um Tag, durch Abstiege und Aufstiege, durch Regen und Sonne hindurch, wie es dem Vorgang des Reifens wesentlich ist. […] Weil es so ist, kann das Zutrauen zum Zölibat in den jungen Menschen zerredet werden und das beweist dann nicht, dass sie kein »Charisma« haben, sondern dass dem Charisma der Raum verbaut worden ist. Dass es heute weniger »Berufungen« gibt als in Ihrer und in meiner Generation, liegt doch nicht daran, dass Gott sich weniger um die Kirche kümmert oder dass er sich etwas anderes für sie ausgedacht hat, sondern daran, dass die Kirche müde geworden ist und ihm keinen Einlass gewährt. Wie soll sich ein junger Mensch für das eschatologische Abenteuer des Zölibats entscheiden können, wenn die Kirche selbst nicht mehr zu wissen scheint, ob sie es noch wollen soll? Im Drama der Entscheidung wiegt jedes Wort, und allzu leicht kann man den Boden in einem Augenblick wegziehen, der über Ia oder Nein, über die Kraft des Bestehens oder die Unkraft des Zurückweichens definitiv entscheidet.
[…] Natürlich ist er heute in vieler Hinsicht ungleich schwerer als vor fünfzig Jahren. Aber die sexuelle Verwilderung, die die Menschen mit ihren Produkten an jeder Straßenecke überfällt, steht doch der Ehe genauso entgegen wie dem Zölibat. […] Auch die Ehe kann nur im Widerstand gegen die »Atmosphäre« von heute gelebt werden, und die unter Klerikern manchmal genährte Vorstellung, man brauche nur in die Ehe zu fliehen, um alle Probleme los zu sein, verkennt doch den Trend des Heute ebenso wie den inneren Anspruch der Ehe, die im Mut und der Geduld derer, die den Weg des Zölibats gehen, ihre stärkste Stütze und Bejahung findet.
Schließlich: Natürlich gibt es Zölibatsverfehlungen und ungünstige psychische Auswirkungen, wo er unter falschen Voraussetzungen angegangen wurde. Aber auch das sollte man nicht verbergen, dass die Ehe vor ähnlichen Gefahren keineswegs immunisiert. Und über den Negativa sollten wir doch nicht vergessen, wie viele reife und große Gestalten in der Schule des Priestertums der katholischen Kirche herangewachsen sind; hätte es sie nicht gegeben, hätten wir doch alle nicht den Weg zu diesem unzeitgemäßen und gerade darin so zeitgemäßen Wagnis gefunden.
[]

Samstag, 26. Oktober 2019

Gefährliche eucharistische Anbetung

Vor ein paar Tagen hat ein Artikel auf katholisch.de für Furore gesorgt (HIER), weil darin die eucharistische Anbetung auf Recht merkwürdige Weise herabgesetzt und suspekt gemacht wurde. (Es wurde u.a. ein für mich nicht nachvollziehbarer Zahlenvergleich mit irgend so einer dubiosen politischen Organisation bemüht, die sich als "katholische Jugend" tarnt.) Und nebenbei wurde dadurch die Werbetrommel für den "Adoratio"-Kongress gerührt. (Ich würde gerne selber teilnehmen, kann aber leider nicht.)

Mich hat jener Artikel schockiert, aber nicht sonderlich überrascht. Die Theologie in Deutschland und auch die Reflektionsprozesse in den deutschen Kirchenbehörden sind seit ein paar Jahren (ausgelöst durch das Phänomen "Nightfever") damit beschäftigt, nicht selten missgünstig auf die eucharistische Anbetung zu blicken.
Solche Reaktionen kommen zu einem Gutteil daher, dass alle gebräuchlichen religions-soziologischen Modelle, mit denen man hier wie dort arbeitet und die quasi die "Offenbarungsquelle" für das die Pastoral bestimmende "Lehramt" sind, diesen Trend weder vorhergesagt haben noch irgendwie erklären können. Man ist also zunächst einmal schlicht ratlos und weiß nicht, was man davon halten oder wie man damit umgehen soll. Darum wurde Nightfever in der Theologie und in vielen Diözesen auch so lange ignoriert, bis es nicht mehr zu ignorieren war.

Ein anderer Grund für die abweisende Reaktion auf ein Erblühen der eucharistischen Anbetung liegt wohl darin begründet, dass diese fundamental im Widerspruch zu dem steht, was im Kern des theologischen Mainstreams seit Jahren nicht mehr wie früher nur festgestellt, sondern aktiv betrieben wird: die Entsakralisierung. (Vgl. auch meinen Beitrag "Über die Angst vor bekehrten Christen".) Es gibt eine inzwischen tief sitzende Abneigung gegen das Heilige, was u.a. daran liegt, dass es nicht demokratisch einzuebnen ist und nicht dem "Machen" unterworfen werden kann. Wenn es das Heilige, das Sakrale gibt, dann ist hier etwas nicht "auf Augenhöhe" und damit inkompatibel mit der herrschenden Ideologie. Die Folgen dieser Abneigung werden augenfällig in mancher Kirchenarchitektur, aber mehr noch in pastoralen Programmen deutscher Diözesen und natürlich in der sich selbst "theologisch" nennenden Literatur.
Die eucharistische Anbetung - oder allgemeiner: die unmittelbare Begegnung mit dem Heiligen - passt nicht in das, was den Verantwortlichen in Theologie und Bistumsverwaltung wichtig ist: sie widerspricht dem Konsens zwischen Theologie und Pastoral, sie widerspricht den Prognosen und Planungen, und sie widerspricht v.a. der aktiv angestrebten Umgestaltung des gläubigen Bewusstseins (weg von Dingen wie Geheimnis, Sünde, Heiligkeit, Wahrheit etc.). (Randnotiz: In Freiburg, Regensburg und Paderborn wurde in den vergangenen Jahren [2008, 2009 {aktualisiert 2016} und 2017] jeweils eine recht umfangreiche Broschüre zum Thema eucharistische Anbetung herausgegeben, jedoch scheinen das eher isolierte Phänomene zu sei, die schon in den bischöflichen Behörden selbst zumeist belächelt oder ignoriert werden.)

Es ist immer erheiternd, wenn man Theologen und Kirchenfunktionäre über das "Hören auf den Heiligen Geist" reden hört. Aber wehe, wenn etwas Unvorhergesehenes geschieht, das auch noch unzweifelhaft katholisch ist. Im Zweifel ignoriert man es dann einfach, packt es in die Schublade "zu Überwindendes" und schreitet mit dem religions-soziologisch abgesicherten pastoralen Programm unbeirrt voran.


Der Theologe Gregor Maria Hoff aus Salzburg hat angesichts der Missbrauchskrise den Begriff der "Sakralisierungsfalle" geprägt, den ich zwar nicht für glücklich gewählt, aber zumindest für einigermaßen nützlich zur Beschreibung eines Sachverhalts halte: Es geht um die Gefahr, dass ein Priester bzw. seine Autorität/Macht zu sehr (durch sich selbst oder von anderen) überhöht, geradezu engelgleich stilisiert wird, was dann leider den Tätern zugute kommt, sei es psychologisch für sie selbst, sei es, weil dadurch die Vertuschung begünstigt wird. Der Begriff "Sakralisierungsfalle" rückt leider (ob beabsichtigt oder nicht) das Sakrale und den (echten) Klerikalismus in eine enge gedankliche Nähe. Inzwischen ist auch wahrzunehmen, wie das gedankliche Umfeld dieses Begriffs auf andere Aspekte der Kirche angewendet wird, namentlich etwa die eucharistische Anbetung.
Theologen wie Kirchenbeamte können heute ganz selbstverständlich davon sprechen, dass eucharistische Anbetung irgendwie "problematisch" sei. Dies wird dann z.B. damit begründet, dass hier die "Gefahr der Sakralisierung", d.h. der geistlichen Überhöhung bestünde. Konkret ist damit etwa gemeint: Die durch die Aussetzung des Allerheiligsten notwendig eintretende "Unterscheidung zwischen sakral und profan" würde die Eucharistie aus dem "kommunikativen Zusammenhang der Liturgie" herausreißen. (Das in den "..." sind übrigens Zitate, ich denke mir das nicht aus.)
Mit Letzterem ist gemeint, dass in der Liturgie der Kirche Kommunikation zwischen Mensch und Mensch stattfinde, was bei der eucharistischen Anbetung nicht der Fall sei (= Problem). Auf den Gedanken, dass die eucharistische Anbetung vielleicht der "kommunikative Zusammenhang" par excellence sein könnte, weil hier der Einzelne Christ unmittelbar geistig und leiblich vor den geistig und leiblich anwesenden Gott kommt um mit diesem ins Gespräch zu treten, kommt man dabei natürlich nicht. Die vertikale Dimension (das Heilige!) ist allzuoft gar nicht mehr im Bewusstsein jener Theologen und Kirchenbeamten. 

Man muss sich das einmal vor Augen führen: Da wenden sich (v.a. junge) Leute mit Überzeugung und Sehnsucht dem zu, was/den wir Katholiken als Zentrum, Quelle und Höhepunkt des christlichen Lebens wie des Lebens der ganzen Kirche bekennen. Aber nicht wenige Theologen und Bistumsbeamten (oder katholisch.de-Autoren) sehen darin nicht etwa einen Anlass zu Freude und Dank, sondern zunächst einmal etwas "Problematisches", ja sogar eine "Gefahr"...

Ich glaube, die eucharistische Anbetung ist tatsächlich eine Gefahr: Eine Gefahr für alles, was nicht der heil(ig)enden Botschaft des Evangeliums entspricht.

Sonntag, 20. Oktober 2019

Der heilige Papst Paul VI. über den Zölibat

Ansprache zum Angelus am 1. Februar 1970 (nachdem die Holländische Synode die Abschaffung des Zölibats beschlossen hatte). Aus aktuellem Anlass. Habe aber gerade nicht die Zeit, es zu übersetzen.


Abbiamo bisogno, Figli carissimi, delle vostre preghiere. Voi certamente indovinate perché.

Fra le grandi cause bisognose dell’aiuto di Dio, verso le quali Noi indirizziamo le preghiere di quanti buoni e fedeli le rivolgono al Signore per Noi e per le Nostre intenzioni, una ve n’è, che ora ci sta molto a cuore, e di cui ora molto si parla, il sacro celibato dei Preti.

È una legge capitale della nostra Chiesa latina.
Abbandonarla, o metterla in discussione non si può: sarebbe retrocedere; sarebbe venir meno ad una fedeltà d’amore e di sacrificio, che la nostra Chiesa latina, dopo consumata esperienza, con immenso coraggio e con evangelica serenità, si è imposta nello sforzo secolare di severa selezione e di perenne rinnovamento del suo ministero sacerdotale, dal quale poi dipende la vitalità di tutto il Popolo di Dio.

È certo una norma molto alta e molto esigente, la cui osservanza esige, oltre che un irrevocabile proposito, uno speciale carisma, cioè una grazia superiore e interiore; (Matth.19, 12; 19, 29; 1 Cor. 7, 7.) ed è ciò che la rende del tutto conforme alla vocazione all’unica sequela di Cristo e conforme alla risposta totale del discepolo, che lascia ogni cosa per seguire Lui solo e per dedicarsi completamente ed esclusivamente, con cuore indiviso, al ministero in favore dei fratelli e della comunità cristiana.

Tutto questo fa del celibato ecclesiastico una suprema testimonianza al regno di Dio, un segno unico e parlante dei valori della fede, della speranza, dell’amore, una condizione incomparabile di pieno servizio pastorale, un’ascetica continua di perfezione cristiana.

Sì, è difficile; ma è proprio questo carattere che lo rende attraente alle anime giovani e ardenti; ed è più che mai valido per i bisogni del nostro tempo. Diciamo di più: può diventare facile, lieto, bello, cattolico. Dobbiamo conservarlo e difenderlo, e dobbiamo appunto pregare affinché il Signore oggi ce lo faccia a tutti, chiamati o non chiamati, più profondamente comprendere, e da tutti, laici, religiosi ed ecclesiastici, stimare e venerare.

E che la Vergine ce ne sveli, per gli eletti al ministero sacerdotale, la dignità, la possibilità, la necessità.


(von hier: http://w2.vatican.va/content/paul-vi/it/angelus/1970/documents/hf_p-vi_ang_19700201.html )

Mittwoch, 9. Oktober 2019

Moral als Weg

In den frühesten Anfängen, noch bevor das Wort »Christen« gebildet wurde, hieß die christliche Religion einfach »Weg«. Nicht weniger als sechsmal finden wir diese Bezeichnung in der Apostelgeschichte, die uns von der ersten Phase der geschichtlichen Entfaltung des Christentums berichtet. »Ich habe diesen Weg verfolgt«, bekennt zum Beispiel der heilige Paulus in seiner Rede vor den Juden im Tempelvorhof, und er will damit sagen, dass er die Christen verfolgt habe (Apg 22,4). Wenn das Christentum Weg genannt wird, so bedeutet dies, dass es vor allem eine bestimmte Art zu leben vorzeichnete. Glaube ist nicht bloße Theorie, er ist vor allem ein »Weg«, das heißt eine Praxis. Die neuen Überzeugungen, die er schenkt, haben einen unmittelbar praktischen Inhalt. Glaube schließt Moral ein und zwar nicht bloß allgemeine Ideale. Er gibt vielmehr konkrete Weisungen für das menschliche Leben. Gerade durch ihre Moral unterschieden sich die Christen in der antiken Welt von den anderen; gerade so wurde ihr Glaube als etwas Neues, unverwechselbar Eigenes sichtbar. Ein Christentum, das nicht mehr gemeinsamer Weg wäre, sondern nur noch unbestimmte Ideale verkünden würde, wäre nicht mehr das Christentum Jesu Christi und seiner unmittelbaren Jünger. Deswegen ist es eine bleibende Aufgabe der Kirche, Weggemeinschaft zu sein und konkret den Weg des rechten Lebens zu zeigen.

(aus: Joseph Ratzinger, Glaube als Weg. Hinführung zur Enzyklika des Papstes über die Grundlagen der Moral [Veritatis splendor])

Mittwoch, 25. September 2019

Das Ohrenjucken

Die Krankheit, um die es sich hier handelt, hat bereits der heilige Paulus vorausgesagt: »Denn es wird eine Zeit kommen, da man die gesunde Lehre nicht erträgt, sondern sich nach den eigenen Lüsten Lehrer beschafft, um sich das Ohr kitzeln zu lassen« (2 Tim 4,3). Keine Zeit scheint ganz davon verschont zu werden, in der unseren aber ist dieses Leiden wie eine Epidemie ausgebrochen.

Auffällig ist, daß Paulus den Professoren eine Hauptrolle bei seiner Verbreitung zuweist. Es wird eine Zeit kommen, sagt er, da die Leute hinter einem Schwarm von Lehrern herlaufen, weil ihnen die Ohren jucken. Diese, wie es scheint, höchst ansteckende Krankheit hat ihren Herd bei Professoren und Experten. Das Ohrenjucken wird so allgemein verbreitet sein, daß man die Wahrheit nicht mehr wird hören können, sondern sich vielmehr den Fabeln zuwenden wird, den »Mythen«, wie Paulus sagt. Ja, da sind sie ja schon unsere lieben Mythen, die wir in so reichlichem Maße konsumieren. Gewiß, aber nicht die großen, verehrungswürdigen Mythen, die der Jugend der Menschheit angehören; unser Ohrenjucken hat es mit sterilen, von Professoren verfertigten Mythen zu tun, vor allem mit dem Mythos der Entmythologisierung.

Mit Ohrfeigen kann man dieser Ohrenerkrankung nicht beikommen. Das wäre eine erbärmliche Medizin; denn dieser Schaden wird von Unterernährung und einem erheblichen Vitaminmangel hervorgerufen.

(Aus: Jacques Maritain, Der Bauer von der Garonne)

Dienstag, 24. September 2019

Marx der Pusher

Das Westfalen Blatt (und sicher auch andere Medien) zitiert heute mit einer dpa-Meldung Kardinal Marx so:

"Ich weiß, es braucht Bewegung. Ich dränge und pusche, aber manchmal geht es nur langsam voran."


Ein "Pusher" ist laut Duden ein Drogendealer, im üblichen Sprachgebrauch aber auch in einem weiteren Sinn überhaupt ein Betrüger, jemand der pusht, also drückt, nachhilft, um illegitimerweise und zum Schaden für andere etwas zu erreichen (etwa bei Auktionen). Passt irgendwie.

Mittwoch, 4. September 2019

unbedeutend

Der Vorschlag, beim "synodalen Weg" auch das Thema (Neue) Evangelisierung zu berücksichtigen, wird von einem lustigen Menschen namens Odendahl auf katholsich.de mit folgendem Argument zurückgewiesen:

»Was erst einmal wie die ernsthafte Sorge darum aussieht, den "synodalen Weg" um eine geistliche Dimension zu erweitern, ist in Wirklichkeit allerdings eher ein Ablenkungsmanöver. Schließlich erscheinen die allzu weltlichen Strukturfragen – egal ob Zölibat oder Frauenweihe – als beinahe unbedeutend, rückt man das fast schon prophetische Verkünden des Wortes Gottes in den Fokus der Aufmerksamkeit.«

Jener lustige Mensch gibt also offen zu, dass es beim "synodalen Weg" nur um unbedeutende Strukturfragen geht und nicht um den eigentlichen Auftrag der Kirche. Gut, dass das mal geklärt ist.
Es ist sodann auch faszinierend, wie dieser Mensch offenbar mit ernster Mine und ohne rot zu werden schreiben konnte, die Behandlung dieser nach seinen eigenen Worten im Vergleich zum eigentlichen Auftrag der Kirche völlig unwichtigen und "säkularen" Themen würde der Kirche wieder Glaubwürdigkeit verleihen... da verknoten sich die Hirnwindungen.

Wir wollen uns schließlich nicht unser schönes säkulares Reformprogramm von einer geistlichen Dimension kaputtmachen lassen...


PS. Übrigens halte ich "synodaler Weg" (eine listige Wortneuschöpfung um nicht an die kirchlichen Vorgaben zum Abhalten einer Synode gebunden zu sein) an sich schon für ein ausgesprochen dummes Wortkunstrukt, denn in dem Wort "Synode" steckt bereits das Wort "Weg" (gr. hodos) drin: Synode = syn-hodos, gemeinsamer Weg.

Montag, 12. August 2019

Über die Angst vor bekehrten Christen

Unsystematische Gedanken zur Lage der katholischen Kirche in Deutschland. 


0. Eine Erfahrung, die ich inzwischen sowohl auf der pfarrlichen, als auch auf der akademischen, als auch beruflich auf der administrativen Ebene der katholischen Kirche in Deutschland machen durfte ist die, dass man dort zutiefst misstrauisch ist gegenüber und Angst hat vor Leuten, die nicht katholisch aufgewachsen sind. Am meisten hat man Angst vor solchen, die sich als Erwachsene ganz bewusst dazu entschieden haben, sich in der katholischen Kirche taufen zu lassen. Die sind von vornherein sehr verdächtig.

1. Das ist natürlich völlig absurd. Geradezu surreal. Waren nicht in den ersten Jahren des Christentums nahezu alle Nachfolger dieses Jesus erst als Erwachsene zum Glauben gekommen? Ja, stimmt. Und die Erwachsenentaufe blieb auch noch lange der Standard.
Aber heute hat man Angst vor solchen Leuten und der Grund ist offensichtlich: Diese Leute nehmen den Glauben ernst. Die gesammelten katholischen Glaubensinhalte und den Anspruch, den dieser Glaube an sie und ihre Lebensweise stellt.

2. Mit „katholisch aufgewachsen“ meine ich einen Menschen, der als Kind getauft wurde und dann die üblichen Mühlen in Gemeinde und Schule durchlaufen hat. Dabei steht es auf einem völlig anderen Blatt, ob von diesen Mühlen irgendetwas wirklich ins Innere jenes Menschen vorgedrungen ist, sodass sein Denken und Handeln sich merklich von der „Welt“ unterscheidet. Aus Erfahrung weiß ich, dass diejenigen, die in diesem Sinne katholisch aufgewachsen sind und sich heute bemühen, den unverkürzten Glauben der Kirche zu leben (d.h. ganz banal: die sich in dem, was sie glauben und wie sie handeln, an den Weltkatechismus halten), i.d.R. früher oder später in ihrem Leben eine Bekehrung erlebt haben. Diese kann schon im Kindesalter geschehen sein oder erst viel viel später. Es gibt Ausnahmen, entweder durch ein entsprechend fruchtbares Klima Zuhause oder durch unmittelbare Gnade, wo ohne ein benennbares Bekehrungserlebnis jener unverkürzte Glaube „selbstverständlich“ gelebt wird.

3. Wo eine solche Bekehrung nicht stattgefunden hat oder das Leben nach dem unverkürzten Glauben nicht ausnahmsweise selbstverständlich ist, ist der Glaube nie zu dieser nötigen Reife der Bekehrung gekommen (auch wenn man sich hier häufig mit dem „reifen“ oder „aufgeklärten Glauben“ besonders rühmt), sondern bleibt in etwa auf dem kümmerlichen Status, der die typische Frucht unseres Religionsunterrichts ist, plus einiger wissenschaftlicher Finessen und politischer Ambitionen. Nun mag man zwar einwenden, dass ein solch mittelmäßiger Glaube, der auch dementsprechend gelebt wird, doch schon seinen Wert habe. Das stimmt auch, aber nur insofern er auf die Fülle hin ausgerichtet bleibt, d.h. insofern die Fülle des Glaubens (und des Lebens daraus) angestrebt wird, solange man sich auf dem Weg zu „mehr“ befindet. Dem, der seine Pflicht erfüllt, sagt Jesus nicht „gut so, reicht“, sondern: Sei vollkommen!

4. Wer keine Affinität zu jenem unverkürzten Glauben hat, für den ist schon die Rede davon unerträglich. Un-er-träg-lich! Viel wichtiger als das, woran man glaubt, ist für diese Menschen ohnehin, „dass“ man überhaupt (irgendetwas) glaubt. Irgendwie merhrheitskompatibel links-grün gutmenschlich Handeln gehört auch dazu, manchmal sogar die Ablehnung von Abtreibung (aber dann nicht allzu laut artikuliert, um niemanden vor den Kopf zu stoßen). Und wenn doch mal Glaubensinhalte gefragt sind, dann werden die so verklausuliert oder verwässert ins Wort gebracht, dass man sich nie ganz sicher sein kann, wovon da eigentlich die Rede ist.
[Die Gegenüberstellung von Glaubensakt und Glaubensinhalt ist in etwa so sinnvoll wie die Gegenüberstellung von Feuer an sich und Brennstoff… als ob man Feuer haben könnte ohne „etwas“ das brennt (z.B. Holz und Sauerstoff...). Ohne Glaubensinhalte ist nichts da, was geglaubt werden könnte!]

5. Zur Verdeutlichung: Der Unterschied zwischen dem, was ich hier mittelmäßigen Glauben und dem, was ich unverkürzten Glauben nenne besteht darin, dass Letzterer danach strebt und sich bemüht, den ganzen Glauben, wie er maßgeblich im Katechismus der katholischen Kirche dargelegt ist, anzunehmen und zu leben, so umfassend wie möglich. (Nicht gemeint sind fragwürdige, manchmal sektenartige Richtungen wie Engelwerk, Warnung“ oder sonstige Privatoffenbarunen die zum Superdogma gewählt wurden.) Der Mittelmäßige ist zufrieden mit dem Maß, in dem er den Glauben annehmen zu können meint und er hält es nicht für nötig, den ganzen Glauben annehmen zu müssen. Für manche mag das interessant sein, er braucht das nicht. Das eigene Ermessen ist hier Maßstab dessen, was zu glauben und wie zu handeln ist, souverän und „mündig“ steht er über dem Glauben. Hier trifft der atheistische Vorwurf, der Mensch mache sich Gott nach seinem Bilde, ins Schwarze.

6. Für so einen Menschen ist es schwer vorstellbar, dass sein Katholischsein Auswirkungen auf sein Denken, Fühlen, Handeln jenseits dessen haben könnte, was er von sich aus schon denkt, fühlt und handelt. Jeder Anspruch des Evangeliums über das hinaus wie man selber denken, fühlen und handel will wird ausgeblendet. Irgendwie ist das ja auch verständlich: Da er ja schon katholisch ist solange er sich erinnern kann, ist das, wie er denkt, fühlt und handelt, eben das, wie Katholiken denken, fühlen und handeln. Es hat hier eigentlich nie eine wirkliche Konfrontation des eigenen Lebens mit dem Glauben gegeben, das „normale“ Leben, das man eben führt, wird für den Standard gehalten, wie ein Leben als Christ zu sein hat. Eine Bekehrung ist nicht erforderlich, denn man „ist“ doch schon katholisch. Klingt logisch, oder? (Das ist und war immer schon die Gefahr der Kindertaufe. Sie ist nur dadurch zu bannen, dass die Eltern sich um ein unverkürztes Katholischsein mühen.)

7. In krassem Kontrast dazu steht ein Mensch, der sich bei vollem Bewusstsein und nach reiflicher Überlegung auf den Weg begibt, dieser Kirche und damit Jesus Christus wirklich anzugehören, ob er ungetauft ist oder getauft aber bisher lauwarm. Für ihn ist ganz klar, dass dieses „neue Leben“ sich merklich vom vorherigen unterscheiden muss. Andernfalls wäre die ganze Aktion sinnfrei.
Dieser Mensch weiß, dass der Glaube der Kirche nicht mit seinen Ideen und Vorstellungen zusammenpasst, schon gar nicht sich aus diesen speist. Nichts an diesem Glauben, weder die Inhalte, noch die moralischen Folgerungen daraus, sind für ihn selbstverständlich. Jesus war für ihn nie der, für den er ihn hält, sondern er wurde von Jesus auf unaussprechlich faszinierende und zugleich ehrfurchtgebietende Weise überrascht, von ihm ergriffen, manchmal regelrecht überwältigt. (Das ist etwas völlig anderes, als das was jener Prediger meint, der seine Zuhörer auf Jesu „überraschendes“ Handeln hinsichtlich des Umweltschutzes aufmerksam machen will… Hinter der Phrase „lassen sie sich überraschen“ steckt bei den meisten Predigern ein „Ich sag ihnen jetzt mal, wie es wirklich ist!“, gefolgt von einer Banalität.)
In kurz: Für den bekehrten Christen ist das Evangelium in seinen Inhalten und Forderungen zutiefst anstößig. Darum ist er hier: weil er daran angestoßen ist.

8. Der Bekehrte weiß: Er muss viel lernen und er muss sich und sein Leben grundlegend ändern um zu Jesus zu gehören, nicht Jesus (oder das, was die Kirche über ihn lehrt) muss sich ändern um zu ihm und seinem Lebensentwurf zu passen. Das ist fundamental und es gilt übrigens auch für die Liturgie der Kirche! Der Bekehrte will den unverkürzten katholischen Glauben annehmen. Das heißt aber auch: Ihm geht es nicht um eine Gruppe, eine Pfarrei oder ein Bistum. Folglich auch nicht um das, was in einer solchen Struktur gerade en vogue ist. Auch nicht liturgisch! Die Vorlieben einer bestimmten Person oder Gruppe, und seien es der Pfarreirat, der Pfarrer, irgendwelche Kirchenbeamte oder der örtliche Bischof, interessieren ihn erstmal herzlich wenig. Ihn interessiert der katholische Glaube in seiner Gesamtheit. Er will Jesus kennenlernen, nicht die Meinungen Einzelner oder einer Gruppe, nicht die Kreativität des Pfarrers (oder des Liturgieausschusses), nicht die mehr oder minder gescheiten „Visionen“ eines Bischofs. Der Bekehrte hat nicht vor, Mitglied einer Pfarrei oder eines Bistums zu werden, sondern er will katholisch werden. In der Kirche sucht er die Begegnung mit dem lebendigen Sohn Gottes der Mensch wurde und bleibend in ihr in Wort und Sakrament gegenwärtig ist, er sucht keine politischen Aktionen und er sucht auch nicht den nächsten Eine-Welt-Laden.

9. Diese Tatsache macht v.a. Leute die erst als eErwachsene getauft wurden in den Augen von Verantwortungsträgern sehr suspekt, zuweilen schon auf Pfarreiebene (Gremien), mehr noch im akademischen Bereich, v.a. aber auf Bistumsebene. Denn auch das habe ich inzwischen gelernt: Je höher man in der kirchlichen (und auch der akademischen) Hierarchie kommt, desto größer ist die Angst vor solchen Menschen. Vielleicht spürt man dort noch auf irgendeiner Bewusstseinsebene die leise Stimme des Gewissens, die mahnt, dass der katholische Glaube doch nicht absehen kann von der Gesamtheit seiner Inhalte und einer diesen entsprechenden Lebensweise; dementsprechend wäre ein aus der Tiefe gelebter unverkürzter Glaube eine schlimme Kränkung. Aber v.a. dürfte es daran liegen, dass man weiter oben auf der hierarchischen Leiter auch dementsprechend exponierter ist und man daher umso mehr Angst vor Reaktionen von linksaußen oder generell von medialer oder politischer Seite hat. Für die weiter oben Stehenden sind Bekehrte Katholiken für den kirchlichen Dienst nicht tragbar, weil sie „zu fromm“ sind, manchmal wird ihnen das auch direkt (wenn auch nicht mit exakt diesen Worten) gesagt.
Menschen die bewusst katholisch werden, stellen ein nur mittelmäßiges Glaubensleben jedenfalls radikal in Frage, das macht sie bedrohlich.

10. Diese Angst vor der In-Frage-Stellung des mittelmäßigen Glaubens mag auch der (unbewusste) Grund dafür sein, warum sämtliche Programme und Initiativen, die von kirchenamtlicher Seite unternommen werden um „Kirchenferne“ (damit meine ich Getaufte Fernbleibende und Ungetaufte gleichermaßen) anzusprechen, ganz bewusst vollkommen flach, fast schon säkular gestaltet sind. Man begründet das meist pädagogisch: Dass man den Menschen schließlich nicht gleich mit den ganzen Inhalten kommen könne, sondern sie langsam heranführen müsse und erst mal beim „Glauben an sich“ anfangen müsse, bevor es an „Glaubensartikel“ geht. Abgesehen davon, dass das eine ganz eigenartige Bevormundung darstellt (wo man doch von aufgeklärtem oder reifem Glauben spricht!), offenbart sich dies als hohles Gefasel spätestens dann, wenn der „Einstieg“ gemacht ist, denn dann folgt inhaltlich… nichts. Jene Programme und Initiativen hören dann auf, wenn die Kirchensteuer (wieder) fließt.
Der Verdacht drängt sich zudem häufig auf, dass hier deswegen weitgehend auf Glaubensinhalte verzichtet wird, weil den Verantwortlichen diese Glaubensinhalte selbst fremd (wenn nicht sogar peinlich) sind.
Diese Programme und Initiativen versuchen die Quadratur des Kreises, da sie einerseits vorgeben das Evangelium zu den Menschen zu bringen, sie aber andererseits ganz ohne Bekehrung (für die „getauften Heiden“ wie für die Ungetauften) auskommen wollen. Das erinnert dezent an den Ablasshandel der Lutherzeit: „Du darfst Mitglied sein und musst nichts leisten, außer einem bescheidenen Obolus.“ Mehr ist mit etwaigen Imagekampagnen und Werbungsmaßnahmen jedenfalls auch nicht angestrebt und, mal ehrlich, auch nicht erwünscht.

11. Die Folge ist übrigens, dass ausgerechnet diejenigen, die ein ehrliches Interesse am Glauben haben und die nach Jesus fragen, sich von solchen Programmen abgestoßen fühlen, entweder weil sie sich als mündige Menschen nicht ernst genommen fühlen, oder weil ihnen hier schlicht ein Antizeugnis gegeben wird – und zwar von denen, die vorgeben Autorität in Glaubenssachen zu haben!

12. Letztlich geht es bei diesen Initiativen nicht darum, Menschen für Jesus zu gewinnen (denn das geht nicht ohne Bekehrung!), sondern es geht darum, Kirchensteuerzahler zu gewinnen bzw. zu halten. Es geht letztlich also um Quantität. Manchmal wird das auch explizit etwa von Bischöfen gesagt: Wir wollen wachsen. (Ein Schelm, wer hier an den „breiten Weg“ denkt, auf dem „viele gehen“...) Es steckt hier aber noch etwas dahinter: Es geht den Verantwortlichen letztlich um ihre eigene Macht bzw. den Machterhalt. Man nennt das natürlich nicht so, sondern redet von „Einfluss“ und „Relevanz“ in der Gesellschaft und ihren Debatten und ist bereit, alles dafür zu tun, um nicht „belang-“ oder „bedeutungslos“ zu werden. Das Ziel klingt zunächst löblich, wird hier aber faktisch um einen zu hohen Preis erkauft, denn alles Anstößige fällt ihm früher oder später zum Opfer. Alternativ verzichtet man beim Wortergreifen gleich ganz auf das Eigene und nimmt sich die Agenda von jemand anderem, um sie zum „neuen“ eigenen Anliegen zu machen, obwohl jener Andere das schon viel länger und viel effizienter tut, z.B. Umweltschutz. Hauptsache, man redet mit, hat „etwas zu sagen“ (egal was...).

13. Auch hier wieder: Letztlich wird diese Haltung das Gegenteil dessen bewirken, was sie vorgibt zu wollen. Sie wird zu einem völligen Bedeutungsverlust führen, denn eine weitere Echokammer die dem Mainstream nachplappert braucht die Gesellschaft nicht. Eine solche Kirche können nicht einmal mehr ihre Gegner ernst nehmen, sie wird zum Objekt der Belustigung. Anglikaner und die EKD führen das exemplarisch vor Augen und die katholischen deutschen Bischöfe wetteifern schon um diesen fragwürdigen Pokal.

14. Auf ein Feindbild muss man in den bischöflichen Behörden dennoch nicht verzichten, denn es gibt ja noch die bekehrten Christen.
Bei aller berechtigten Skepsis gegenüber neu aufblühenden Bewegungen an der Basis und der Begeisterung von Einzelpersonen für das Evangelium – die Art und Weise, wie man in dieser Kirche mit gläubigen Menschen umgeht und die eifersüchtig gehütete ideologische Monokultur in den bischöflichen Behörden, Gremien und akademischen Einrichtungen erinnern frappierend an das Vorgehen kommunistischer Organisationen mit ihren Säuberungsaktionen und einheitlichen Parteilinien. Auch das letzte verbliebene Zentralkomitee (terminus technicus einer kommunistischen Einrichtung!) auf deutschem Boden trägt seinen Namen nicht zu Unrecht.

15. Es geht in diesem Text nicht darum, die harte Arbeit vieler Menschen schlecht zu machen. Ich hinterfrage aber die viel zu oft anzutreffenden Motive und Methoden, sowie die Haltung gegenüber denen, die es im beschriebenen Sinne ernst meinen mit dem unverkürzten Glauben der Kirche. Diözesane Liturgiereferenten, die eine getreu nach dem Messbuch gefeierte Heilige Messe mit Fundamentalismus gleichsetzen, sind zwar ein Extrembeispiel, aber auch davon gibt es mehr als man denkt. Und auch der das Reden und Handeln bestimmende Kampf um Macht in den bischöflichen Behörden – das Kratzen nach oben und das Treten nach unten – ist Alltag in Deutschland. Persönliche Profilierung vor Evangelisierung“ kommt hier auf allen Ebenen vor (hoffentlich nicht allzu oft).

16. Bleibt zu fragen: Und nun? Was macht einer der als „zu fromm“ für den kirchlichen Dienst eingestuft wird? Klappe halten und Nische suchen. Das schlimmste Vergehen im deutschen Kirchenapparat besteht darin, fromm zu sein. Diesen Eindruck sollte man also tunlichst vermeiden. Wer gerne Rosenkranz betet, die eucharistische Anbetung besucht oder – oh Graus! – mehrmals die Woche an einer hl. Messe teilnimmt, erzeugt bei Kirchenamtlichen vor allem eines: großes Misstrauen. Ein völliger Mangel an jedweder Frömmigkeit ist derweil kein Problem, denn das gilt dann – auch diese Tatsache ist an sich schon faszinierend als „Privatsache“. Eine tiefe Frömmigkeit gilt als problematisch, besonders, wenn man es mit Lehre und Verkündigung zu tun hat, das Fehlen derselben ist hingegen unbedenklich.
Die Zeit ist noch nicht reif für überzeugte Katholiken im Dienst der Kirche, dafür hat sie hierzulande einfach noch viel zu viel Geld.

17. Bekehrte Christen stehen jenem Durst nach Macht („Relevanz“) und Geld („wir tun doch so viel Gutes damit“) im Weg. Sie erinnern nämlich daran, dass Jesus genau von denen zu Tode verurteilt wurde, die vom Messias einen Zuwachs an Macht und Einfluss für sich erwarteten (der politische, über die Römer siegende Held), und die zutiefst enttäuscht und wütend waren, als sie merkten, dass dieser Jesus aus Nazareth genau dies weder für sich noch für andere bringen würde. Für diese Enttäuschung hatte er in ihren Augen den Tod verdient. Er stirbt am Kreuz und die ihm nachfolgen sind „die Geringsten“ und „von der Welt gehasst“. (Ein Zustand, den die katholische Kirche in Deutschland offenbar mit allen Mitteln zu vermeiden versucht. Es gibt einen Bergriff dafür: Everybody's Darling. So ganz scheint er mir nicht mit der Verkündigung Jesu vereinbar.)
Der Bekehrte ist sich des notwendig eintretenden Widerspruchs der Welt bewusst und nimmt diesen Kampf ebenso bewusst für sich an (ecclesia militans und der „schmale Weg“); die Verantwortungsträger in der Kirche, allen voran die meisten Bischöfe hierzulande, sind Getriebene ihrer Angst vor Bedeutungs- und Machtverlust und davor, in unserer Mediengesellschaft „nicht gut dazustehen“. Es ist Angst vor dem Schicksal der Jünger Jesu, folglich haben sie auch Angst vor denen, die sie – oder andere – daran erinnern könnten.


18. Zum Schluss ein Gedanke aus einer Predigt eines guten Pastors in meiner Nähe: Es gab in der Kirchengeschichte viele Märtyrer. Der Grund für das Erleiden des Martyriums wird oft genug darin bestanden haben, dass diese Menschen sich nicht so recht dem Zeitgeist anzupassen wussten. In Deutschland gibt es heute keine Märtyrer mehr, woran das wohl liegt?
...
Halt, Korrektur, denn die Angst vor bekehrten Christen hat eine schlimme Kehrseite: Auch heute gibt es in Deutschland Märtyrer, nur kommt die Verfolgung, die sie erleiden, nicht von außen, sondern sie geschieht inmitten der Kirche und durch ihre Verantwortungsträger...

Donnerstag, 18. Juli 2019

Interkommunion

Aus aktuellem Anlass.


Hier kann ein Wort über das schmerzliche Thema der ersehnten und noch immer nicht möglichen Interkommunion zwischen christlichen Gemeinschaften gesagt werden, die in ihrem Glaubensverständnis nicht eins sind. Die Differenzen ballen sich gerade an der Stelle zusammen, wo das Geheimnis der Eucharistie steht, das nach unserem Verständnis das für die Kirche zentrale, sie im letzten begründende und erhaltende ist.
Viele Laien werden von dieser Rolle der Eucharistie zwar überzeugt sein, aber ohne die Voraussetzungen und Folgen dieser Überzeugung hinreichend zu bedenken. So kann man ihnen die Meinung nicht verübeln, Interkommunion könne eine Brücke über die verbleibenden Differenzen bilden, ja vielleicht durch ihr Gnadenwirken helfen, sie zum Verschwinden zu bringen. Aber weder kann das Sakrament, wenn es auf beiden Seiten verschieden aufgefaßt wird, Einheit herstellen, noch kann es seine Funktion sein, eine Versöhnung (gleichsam magisch?, ex opere operato ?) zu erwirken, die nur durch bewußte Tat der Menschen hergestellt werden kann. «Bevor du zum Altar hinzutrittst, geh hin und versöhne dich mit deinem Bruder» (Mt 5, 23 f).
Wiederum werden viele sagen: «Aber ich bin ja mit ihm schon versöhnt, ich habe nichts gegen ihn, wir beide haben die gleiche Taufe empfangen und sind der Überzeugung, Christus in der Feier des Abendmahls zu begegnen. Ist das nicht das Wesentliche?» Dann wäre alles übrige, was uns noch trennt, unwesentlich und könnte, als praktisch nicht ins Gewicht fallend, übergangen werden. Aber zeigen nicht die zahlreichen ökumenischen Gespräche gerade über die Eucharistie heute: man hat sich theoretisch schon so stark angenähert, daß die Verwandtschaft die Differenz eindeutig überwiegt. Was hindert dann das Kirchenvolk angesichts der von allen Seiten betonten Dringlichkeit der Einigung -die praktischen Konsequenzen zu ziehen?

Das ernsthafte Streben nach Einigung in den ökumenischen Gesprächen darf in keiner Weise geleugnet werden, ebensowenig der Nutzen ihrer objektiven Klärungen. Die Frage bleibt, ob die in der Eucharistiefrage tragenden Momente, die im 16.Jahrhundert als kirchentrennend empfunden Wurden, heute als so harmlos erscheinen können, daß sie zu Nebensächlichkeiten herabsinken. Dieser Momente sind vor allem drei. Das im vorigen Abschnitt Ausgeführte hilft manches davon klarer sehen.
1. Jesu Selbstverteilung «dies ist das für euch vergossene Blut des Bundes. . .» ist eindeutig vorwegnehmender Hinweis und Einschluß seines Kreuzes, Wie denn Paulus sagt, daß der Empfänger des Sakraments den Tod Christi verkündigt. Das «am Vorabend vor seinem Leiden» eingesetzte Sakrament ändert nach Ostern seinen Charakter nicht; es vermittelt nicht eine beliebige Begegnung mit einem zeitlosen Jesus; eine solche findet ja im ganzen Glaubensleben des Christen statt, bei jedem Gebet, bei jeder christlichen Begegnung mit einem Mitmenschen. Es geht um den bewußten Empfang dessen, der sich für uns (unsere Sünde tragend) in den Tod unserer Gottverlassenheit gegeben hat, der gemäß der Zersplitterung der Sünder sich endlos in ihre Egoismen hinab zersplittert hat weit über den Orpheusmythos hinaus -, um das Verlorene zurückzuholen. Wissen wir (hüben und drüben), daß Wir diesem in unseren Abgrund Preisgegebenen, vor dem Schmutz unserer Füße knienden Herrn begegnen? Beten wir ihn als solchen an?
2. Die katholische Kirche Wird nie davon abgehen können, daß Jesus seine Vollmachten zur Konsekration und zur Absolution schwerer Schuld einem Amt in der Kirche anvertraut hat, Wie es zunächst von den «Aposteln» ausgeübt und dann von ihnen ausdrücklich an solche weitergegeben wurde, die es ihrerseits weiterzugeben haben: «Dazu habe ich dich auf Kreta zurückgelassen, damit du das, woran es noch fehlt, in Ordnung bringst und Stadt für Stadt Presbyter einsetzest, Wie ich dir aufgetragen habe» (Tit I, 5). Diese Ordnung erscheint schon in den ersten nachapostolischen Schriften (Klemensbrief um 96, Ignatiusbriefe um 115) durchgeführt, und hinter sie auf mögliche, aber mehr oder Weniger hypothetische Gemeindestrukturen, die sich unter den Augen und mit Billigung der Apostel ausformten kann die Kirche nicht zurückgehen. Eine volle Kommunion zwischen kirchlichen Gemeinschaften und die Eucharistie ist der Ausdruck der vollen und nicht einer partiellen Kommunion setzt die sowohl sichtbar verkörperte Wie geistig bejahte Gemeinschaft im kirchlichen Amt voraus, von dem man nicht (Wie gewisse katholische Theologen es tun) sagen kann, es sei in seiner Wesensstruktur durch die Kirche selbst veränderbar. Ist es doch wesentlich und bleibend Geschenk Christi an die Kirche, die kraft dieses Geschenkes sein darf, was sie ist.
Das ist zentral festzuhalten, und es ist uns weder möglich noch erlaubt, aufgrund von Spekulationen darüber, was Gottes Gnade in Notfällen und gleichsam am Rande zu tun, in welchen Glaubensgemeinschaften der Herr der Kirche sich zu vergegenwärtigen vermag, die normale kirchliche Struktur in ihrer Geltung zu relativieren.

3. Schließlich ist auf das Mysterium hinzublicken, das wir anläßlich der Rolle Marias zu umschreiben versuchten: die sehr geheimnisvolle, aber nicht zu bezweifelnde Hineinnahme der «geschehenlassenden» (und in diesem Sinn auch mitopfernden) Kirche in das Kreuzesgeschehen. Ein «bloßes Gedenkmal» ist die Eucharistie auf keinen Fall, sie enthält sicherlich eine Einbeziehung der Gemeinde in das Todes(und Auferstehungs-) Geschehen Jesu, wie differenziert und abgestuft dieses Geheimnis auch dargestellt werden muß. Wie dieses «Mitgeopfertwerden», ja «Mitopfern» im Abstand, der immer zu wahren ist vorgestellt werden kann, hat der vorige Abschnitt zu zeigen versucht.
Die Eucharistie ist im Kern ein zugleich wunderbares und schmerzliches Geheimnis. Es wäre gut, wenn beide Seiten, die nach gemeinsamer Kommunion drängen, sich dessen bewußt blieben, und im Verzicht auf oberflächliche und übereilte Einigungen etwas von dem Schmerz miterlebten, der in der Selbstpreisgabe ]esu um der Einigung willen in diesem Sakrament verborgen enthalten ist.

(aus: Hans Urs von Balthasar, Kleine Fibel für verunsicherte Laien)

Montag, 29. April 2019

politische Seligsprechung?

»Die Seligsprechung des ‚Montonero‘-Bischofs Enrique Angelelli spaltet Argentinien. Ein bekannter Prälat, Erzbischof Hector Aguer, ergriff Position gegen das Martyrium Angelellis in odium fidei, der 1976 Opfer eines Verkehrsunfalls wurde, den die Verfechter der Seligsprechung ohne Beweise für einen Mord halten. Erzbischof Aguer bricht das Tabu der politischen Korrektheit und fragt sich, warum nicht vielmehr ein Seligsprechungsverfahren für den katholischen Intellektuellen Carlos Alberto Sacheri eingeleitet wurde, der wirklich ein Opfer des Terrorismus wurde, des marxistischen, und vor den Augen seiner Kinder ermordet wurde, weil er die kommunistische Infiltrationen in die katholischen Kirche aufgezeigt und kritisiert hat.« (Vom August 2018, hier)


Ich kenne die sehr verwirrenden Hintergründe nicht genug, um mir ein Urteil bilden zu können. Nichts desto trotz ist es in höchstem Maße besorgniserregend, was hier geschieht, wenn derartige Zweifel und Gegendarstellungen bestehen.