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Mittwoch, 20. Juli 2022

Abgesang an das "Zeugnis des Lebens"

Nach und nach streichen die Bistümer nun den Aspekt der Lebensführung aus dem Anforderungskatalog für Religionslehrer (Lebensführung kein Kriterium mehr für Religionslehrer in Hildesheim).

Das ist einerseits natürlich ein Skandal, andererseits aber auch irgendwie skurril.

Evangelisierung, Verkündigung des Evangeliums läuft über das Zeugnis: Ich gebe Zeugnis von Christus. Dieses Zeugnis ist schon immer ein zweigeteiltes, es besteht aus einem "Zeugnis des Wortes" und einem "Zeugnis des Lebens". Seit Jahrzehnten wird in Deutschland das Zeugnis des Lebens so sehr überbetont, dass das Zeugnis des Wortes nicht selten ganz ausfällt. "Wir wollen die Menschen nicht mit Worten belehren, sondern ihnen das Evangelium vorleben", heißt es salbungsvoll. Dagegen das Vaticanum II in seinem Dekret über das Laienapostolat, nachdem die Bedeutung Lebenszeugnisses sehr betont wurde: "Dennoch besteht dieses Apostolat nicht nur im Zeugnis des Lebens. Ein wahrer Apostel sucht nach Gelegenheiten, Christus auch mit seinem Wort zu verkünden, sei es den Nichtgläubigen, um sie zum Glauben zu führen, sei es den Gläubigen, um sie zu unterweisen, zu stärken und sie zu einem einsatzfreudigen Leben zu erwecken" (Nr. 6)

Was heißt es nun aber für das Doppelzeugnis aus Wort und Leben, bei dem schon lange das Wort vernachlässigt wurde, wenn die Lebensführung plötzlich irrelevant wird? Man darf wohl bezweifel, dass man sich nun ganz auf das Zeugnis des Wortes konzentrieren wird...

Ich verbleibe mit KKK 2044: „Damit die Heilsbotschaft vor den Menschen ihre Wahrheits- und Ausstrahlungskraft zeigen kann, muss sie durch das Lebenszeugnis der Christen beglaubigt werden.“

Dienstag, 26. April 2022

Feinde auch im Inneren der Kirche

»Der Herr hat uns gesagt, daß die Kirche auf verschiedene Weise immer leiden würde bis zum Ende der Welt. [...] Unter dem Neuen, das wir heute in dieser Botschaft entdecken können, ist auch die Tatsache, daß die Angriffe gegen den Papst und die Kirche nicht nur von außen kommen, sondern die Leiden der Kirche kommen gerade aus dem Inneren der Kirche, von der Sünde, die in der Kirche existiert. Auch das war immer bekannt, aber heute sehen wir es auf wahrhaft erschreckende Weise: Die größte Verfolgung der Kirche kommt nicht von den äußeren Feinden, sondern erwächst aus der Sünde in der Kirche. Und darum ist es für die Kirche zutiefst notwendig, daß sie neu lernt, Buße zu tun, die Reinigung anzunehmen; daß sie einerseits zu vergeben lernt, aber auch die Notwendigkeit der Gerechtigkeit sieht; denn Vergebung ersetzt die Gerechtigkeit nicht. Mit einem Wort, wir müssen gerade das Wesentliche neu lernen: die Umkehr, das Gebet, die Buße und die göttlichen Tugenden. So antworten wir. Seien wir realistisch darauf gefaßt, daß das Böse immer angreift, von innen und von außen, aber daß auch die Kräfte des Guten immer gegenwärtig sind und daß letztendlich der Herr stärker ist als das Böse.«

Benedikt XVI. am 11. Mai 2010 auf den Flug nach Portugal (HIER nachlesbar).

Samstag, 18. September 2021

absterbende Volkskirche

Viele Verantwortliche „in Kirche“ gehen heutzutage den Weg des geringsten Widerstandes, wenn es um die Verkündigung des Glaubens und der Moral geht; den Weg, der jede Anstößigkeit vermeidet: Man ist, insbesondere dort, wo man sich durchaus auch als „Dienstleister“ sieht, bemüht, „anschlussfähig an die Erfahrung der Menschen“ zu sein, „jedem etwas zu bieten“ und „alle mitzunehmen“. In kurz: Man möchte gerne die Volkskirche (oder einen Anschein davon) aufrecht erhalten. Dieses vorgehen geschieht nicht selten in guter Absicht, und man will es auch im Evangelium begründet sehen: Sollen wir denn nicht allen Menschen Jesus verkünden? Müssen wir es denn nicht allen Menschen ermöglichen, das Evangelium anzunehmen?

Ja, diese Möglichkeit sollen wir allen ohne Ausnahme eröffnen. Aber was heißt das?

Wir sollen Jesus allen Menschen verkünden, das ist richtig: „Geht hinaus in die ganze Welt und verkündet das Evangelium der ganzen Schöpfung!“ (Mk 16,15; vgl. Kol 1,23) Alle Menschen sollen Gottes Heil schauen (vgl. Lk 3,6; vgl. Offb 3,15). Aber: Nirgends im Evangelium steht, dass alle, denen es verkündet wird und die es sehen, es auch annehmen werden. Es besteht ein gewaltiger Unterschied, ob wir allen Menschen die Möglichkeit geben, das Evangelium anzunehmen (indem wir es verkünden), oder ob wir das Evangelium allen Menschen annehmbar machen (indem wir es verwässern).

Eines der bekanntesten Gleichnisse Jesu ist das Sämannsgleichnis:

„Siehe, ein Sämann ging hinaus, um zu säen. Als er säte, fiel ein Teil auf den Weg und die Vögel kamen und fraßen es. Ein anderer Teil fiel auf felsigen Boden, wo es nur wenig Erde gab, und ging sofort auf, weil das Erdreich nicht tief war; als aber die Sonne hochstieg, wurde die Saat versengt und verdorrte, weil sie keine Wurzeln hatte. Wieder ein anderer Teil fiel in die Dornen und die Dornen wuchsen und erstickten die Saat. Ein anderer Teil aber fiel auf guten Boden und brachte Frucht, teils hundertfach, teils sechzigfach, teils dreißigfach.“ (Mt 13,3-8)

Es ist bezeichnend, dass gerade dieses Gleichnis in aller Ausführlichkeit von Jesus selbst erläutert wird, so dass kein Zweifel über seine Bedeutung besteht: Der Same ist das Wort der Verkündigung, das längst nicht überall, wo es ausgestreut (verkündet) wird, Frucht zu bringen vermag. Also: Was Jesus verkündet fällt nicht überall auf fruchtbaren Boden, es scheint sogar eher nur der kleinere Teil zu sein, der letztlich Frucht bringt, meistens trifft es auf taube Ohren. Für uns Heutige ist das schwer vorstellbar: Wir glauben gern, dass doch jeder halbwegs vernünftige Mensch Jesus toll finden müsste. Seine Botschaft – meinen wir damit eigentlich auch seinen ständigen Ruf zur radikalen Umkehr, oder doch eher ausschließlich den zur dienstbereiten Mitmenschlichkeit? – müsste doch von jedem anerkannt und bejaht werden können…

Aber genau das war offenkundig nicht der Fall, die Menschen nahmen ihn nicht auf (vgl. Joh 1,11), lehnten ihn ab, nahmen Anstoß, hassten und verfolgten ihn sogar bis zum Tod. Dabei ist es zu billig, hier einfach die „bösen“ Menschen zu beschuldigen. Es sind ganz normale Menschen, die an ihm wegen seines Anspruchs Anstoß nehmen (vgl. Mt 13,57), und sogar seinen eigenen Jüngern prophezeite er mit Blick auf sein Leiden: „Ihr werdet in dieser Nacht an mir Anstoß nehmen“ (26,31). Jesu Worte und Taten kommen nicht bei jedem noch so wohlwollenden Hörer an; bei den meisten Zuhörern stieß Jesus früher oder später auf Ablehnung, am Kreuz, am Ziel und Höhepunkt seines Heilsweges, war er dann fast ganz allein.

Für uns stellt sich die Frage: Warum sollten wir Heutigen mehr Erfolg in der Verkündigung erwarten, als es Jesus selbst beschieden war? Sind wir bessere Verkünder als er? Sind wir bessere Zeugen der Liebe Gottes, als die Liebe Gottes in Person? Wenn es nicht aufgeht, ist laut Gleichnis nicht das Saatgut (d.i. die Botschaft) schuld, sondern der unfruchtbare Boden (oder die Doofheit des Sämanns, weil er das Saatgut auf die Felsen wirft…).

Die Bibel ernst nehmend, müssen wir realistischerweise anerkennen, dass es auch „Säue“ gibt, vor die wir die „Perlen des Heiligen“ nicht werfen sollen, damit sie nicht zertreten werden (vgl. Mt 7,6), dass es nicht selten vorkommt, dass Jesu Jünger aus einer Stadt abziehen müssen und von ihren Sandalen den Staub „zum Zeugnis gegen sie“ abschütteln (vgl. Lk 9.5), und dass selbst „viele seiner Jünger“ sich wegen der „harten Worte“ Jesu zurückziehen und „nicht mehr mit ihm umhergehen“ (Joh 6,66). Insbesondere in letzterem Fall, in der großen Eucharistierede im Johannesevangelium, offenbart Jesus in unübertrefflicher Deutlichkeit seinen Zuhörern etwas, was sie erschüttern musste: „Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, hat das ewige Leben und ich werde ihn auferwecken am Jüngsten Tag“ (Joh 6,54) Ergebnis: „Viele seiner Jünger, die ihm zuhörten, sagten: Diese Rede ist hart. Wer kann sie hören? Jesus erkannte, dass seine Jünger darüber murrten, und fragte sie: Daran nehmt ihr Anstoß? [...] Daraufhin zogen sich viele seiner Jünger zurück und gingen nicht mehr mit ihm umher.“ (VV. 60-61.66) Jesus ging ihnen nicht nach und rief: „Halt, wartet, ich habe es nicht so gemeint, ich meinte es doch bloß symbolisch!“, sondern er blieb beim verstörenden Realismus seiner Aussage und fragte seine Apostel: „Wollt auch ihr weggehen?“ (V. 67) Dieser Weggang von „vielen“ seiner Jünger wird umso erschütternder, wenn man bedenkt, was die Konsequenz für die Weggehenden sein könnte: „Wenn ihr das Fleisch des Menschensohnes nicht esst und sein Blut nicht trinkt, habt ihr das Leben nicht in euch.“ (Joh 6,53) Der Clou: Jesus hat das „Brot vom Himmel“ seinen Zuhörern von einst durchaus pädagogisch klug anhand ihrer eigenen Lebens- und Gedankenwelt zu erklären versucht, nämlich ausgehend von einem Vergleich mit dem Manna in der Wüste (Joh 6,48-51) – und trotzdem kehrten sich viele ab und akzeptierten es nicht. Pädagogische Klugheit scheint also auch nicht das Allheilmittel zu sein.

Den Fall von Johannes 6 würde man in der heutigen Pastoral als unerhörten Skandal sehen: Jesus geht seinen Zuhörern nicht nach, er lässt sie ziehen und bleibt bei seinem Wort, das nicht bei jedem Anklang fand. Wir lernen: Noch nie war das Evangelium zeitgemäß, den Zuhörern angemessen, allgemein verständlich oder mehrheitsfähig. Die Realität ist, dass Jesus für die Verkündigung des Evangeliums v.a. Ablehnung erfuhr und letztlich auch verfolgt wurde, ebenso die Apostel. Manchmal wird versucht, den Grund für diese Verfolgung ausschließlich in politischen Motiven zu suchen, nicht in der verkündeten Botschaft. Aber das ist Unsinn: „Wir haben ein Gesetz und nach dem Gesetz  muss er sterben, weil er sich zum Sohn Gottes gemacht hat.“ (Joh 19,7)

Hier kann der Prophet Ezechiel ein stimmiges Vorbild für uns sein: Gott sendet ihn zum Volk Israel, bekräftigt aber eigens, dass er sich nicht um den Erfolg oder Misserfolg seiner Predigt kümmern soll: „Zu ihnen sende ich dich. Du sollst zu ihnen sagen: So spricht Gott, der Herr. Sie aber: Mögen sie hören oder lassen – denn sie sind ein Haus der Widerspenstigkeit –, sie werden erkennen müssen, dass mitten unter ihnen ein Prophet war.“ (Ez 2,4-5; vgl. V. 7; 3,11) Der Auftrag der Kirche, wie der der Propheten und Jesu selbst und seiner Apostel, war und ist es nicht, „gut anzukommen“, sondern das Wort zu säen. Jesus sagte doch: „Wenn man euch nicht aufnimmt und eure Worte nicht hören will, geht weg aus jenem Haus oder aus jener Stadt und schüttelt den Staub von euren Füßen!“ (Mt 10,14) Er sagte nicht, was man heute zu gerne denkt: „Wenn man euch nicht aufnimmt und eure Worte nicht hören will, dann sagt ihnen andere Worte, sie hören wollen!“ Ob das Wort auf guten Boden fällt, wächst und Frucht bringt, haben wir nicht in der Hand, wir können höchstens für die Qualität des Samens sorgen, also um die Authentizität und Integrität des verkündeten Evangeliums. Das Wachsenlassen ist Gottes Sache (vgl. 1Kor 3,5-9). Aus dieser Demut – in dem Wissen, dass wir die zu verkündigende Botschaft nie allen annehmbar machen können – erwächst dann womöglich ganz von selbst ein Selbstbewusstsein, das der gesellschaftlichen Realität die Stirn bietet und trotzdem verkündet, wie Ezechiel (vgl. Ez 3,7-9).

Damit ist nicht jedem gedankenlosen Verkündigungsirrsinn (z.B. Obstkiste in der Fußgängerzone) Tür und Tor geöffnet, denn natürlich gilt es, auf Identität, Situation und Fassungsvermögen der Zuhörer Rücksicht zu nehmen. Paulus ist das beste Beispiel, wenn er an die Korinther schreibt: „Vor euch, Brüder und Schwestern, konnte ich aber nicht wie vor Geisterfüllten reden; ihr wart noch irdisch eingestellt, unmündige Kinder in Christus. Milch gab ich euch zu trinken statt fester Speise; denn diese konntet ihr noch nicht vertragen. (1Kor 3,1-2) Der springende Punkt ist aber gerade der, dass dieser Status überwunden werden soll. Der gleiche Paulus schreibt nämlich auch, er „bete darum, dass eure Liebe immer noch reicher an Einsicht und Verständnis wird, damit ihr beurteilen könnt, worauf es ankommt.“ (Phil 1,9) Und noch deutlicher:

„Daher hören wir […] nicht auf, für euch zu beten und zu bitten, dass ihr mit der Erkenntnis seines Willens in aller Weisheit und geistlichen Einsicht erfüllt werdet. Denn ihr sollt ein Leben führen, das des Herrn würdig ist und in allem sein Gefallen findet. Ihr sollt Frucht bringen in jeder Art von guten Werken und wachsen in der Erkenntnis Gottes. […] Denn Gott wollte mit seiner ganzen Fülle in [seinem Sohn] wohnen, um durch ihn alles auf ihn hin zu versöhnen. Alles im Himmel und auf Erden wollte er zu Christus führen“ (Kol 1,9-10.19-20).



Abstriche an Glaubensinhalten und an der Moral zu machen, ist ein Symptom einer absterbenden Volkskirche. Nur jemand, der selbst aus der Volkskirche stammt, könnte auf die Idee kommen, den Glauben nach eigenem Ermessen umzumodeln (oder jemand, der das ohnehin vorhat und extra dafür der Körperschaft öffentlichen Rechts "Katholische Kirche in Deutschland" beitritt…  auch solche gibt es). Die Akteure der Glaubenszersetzung, auch die Theologen, kommen allesamt aus der Volkskirche: Viele Bischöfe die von der „Relevanz der Kirche in der Gesellschaft“ reden, trauern dem Ansehen nach, das ihr Amt in Zeiten der Volkskirche genossen hat, manch andere Funktionäre sehnen sich nicht minder nach den Pfründen, die ihre Position früher einmal mit sich brachte und die Theologenschaft möchte einfach möglichst vielen was zu sagen haben, sie brauchen ein Publikum (darum reden sie über alles mögliche, nur nicht über den Glauben).

Diese Zersetzung ist

1. der Versuch, die Flächendeckung der Volkskirche möglichst zu erhalten, was logischerweise nur dadurch bewerkstelligt werden kann, dass man Glaube und Kirche einer möglichst großen Zahl von Menschen zumutbar, annehmbar, bekömmlich macht. Sprich: indem man Glaube und Moral den Wünschen der Menschen anpasst. Im Idealfall lässt man „demokratisch“ (d.h. durch handverlesene Repräsentanten) darüber abstimmen.

2. eine Reaktion auf (auch zu Recht) beklemmend empfundene Eigenheiten des Volkskirchentums, deren man sich entledigen will. Weil die Volkskirche (die man aber, siehe 1., komischerweise zu erhalten versucht) problematische Begleiterscheinungen hatte, muss man alles mögliche ändern, von dem man meint, dass es für die Probleme verantwortlich war. Dafür eignen sich besonders all die Dinge, zu denen man selbst eh keinen echten Bezug hat.

Der Form wird so Priorität vor den Inhalten gegeben. Was den Handelnden nicht in den Sinn kommt ist, dass die Probleme der Volkskirche in ihrer Sozialform (eben: Volkskirche) begründet sind, nicht in Glaube und Moral, denn ihr Festhalten an jener Form bei gleichzeitiger Ablehnung dieser Inhalte übertönt alles. Umso bedenklicher, dass es im Grunde diese Sozialform ist, die man erhalten möchte, indem man den Glauben abspeckt. Wie man es auch dreht und wendet, das Vorgehen ist in jeder Hinsicht ganz falsch.



Der natürliche Zustand des Christen ist nicht die Volkskirche, sondern die Verfolgung. Jesu Verheißung lautete bekanntlich nicht: „Selig seid ihr, wenn alle um euch herum nominell Christen sind…“ sondern: „Selig seid ihr, wenn man euch schmäht und verfolgt und alles Böse über euch redet um meinetwillen. […] wer aber das Leben um meinetwillen verliert, wird es finden.“ (Mt 5,11; 10,39) Freilich: Wir sollen die Verfolgung nicht suchen oder provozieren. Paulus: „Soweit es euch möglich ist, haltet mit allen Menschen Frieden!“ (Röm 12,18) Aber dieses „soweit möglich“ betrifft genau die Lehre des Glaubens und das aus ihr resultierende moralische Leben, das zu bezeugen Standhaftigkeit gegen Widerstände verlangt: „Seid also standhaft, Brüder und Schwestern, und haltet an den Überlieferungen fest, in denen wir euch unterwiesen haben“ (2Thess 2,15).

Sonntag, 18. Juli 2021

Traditionis custodes

zu Deutsch: "Wächter des Verrats"?

Buch Jeremia 23,1-6:

Weh den Hirten, die die Schafe meiner Weide zugrunde richten und zerstreuen - Spruch des Herrn.
Darum - so spricht der Herr, der Gott Israels, über die Hirten, die mein Volk weiden: Ihr habt meine Schafe zerstreut und versprengt und habt euch nicht um sie gekümmert. Jetzt ziehe ich euch zur Rechenschaft wegen eurer bösen Taten - Spruch des Herrn.
Ich selbst aber sammle den Rest meiner Schafe aus allen Ländern, wohin ich sie versprengt habe. Ich bringe sie zurück auf ihre Weide; sie sollen fruchtbar sein und sich vermehren.
Ich werde für sie Hirten bestellen, die sie weiden, und sie werden sich nicht mehr fürchten und ängstigen und nicht mehr verlorengehen - Spruch des Herrn.
Seht, es kommen Tage - Spruch des Herrn -, da werde ich für David einen gerechten Spross erwecken. Er wird als König herrschen und weise handeln, für Recht und Gerechtigkeit wird er sorgen im Land.
In seinen Tagen wird Juda gerettet werden, Israel kann in Sicherheit wohnen. Man wird ihm den Namen geben: Der Herr ist unsere Gerechtigkeit.

Montag, 19. Oktober 2020

Franziskus an die deutschen Katholiken 1

Eigentlich wollte ich schon im letzten Jahr, kurz nachdem Papst Franziskus seinen Brief an die deutsche Katholiken schrieb, diesen hier in einer kleinen Reihe aufdröseln (Teil 2: hier; Teil 3: hier). Erst jetzt komme ich dazu... Das ganze geschieht allerdings ungeordnet und Schlaglichtartig.

 

Zum Ersten.


Aus dem 2. Johannesbrief, Verse 8 bis 10:

»Achtet auf euch, damit ihr nicht preisgebt, was wir erarbeitet haben, sondern damit ihr den vollen Lohn empfangt! Jeder, der darüber hinausgeht und nicht in der Lehre Christi bleibt, hat Gott nicht. Wer aber in der Lehre bleibt, hat den Vater und den Sohn. Wenn jemand zu euch kommt und nicht diese Lehre mitbringt, dann nehmt ihn nicht in euer Haus auf, sondern verweigert ihm den Gruß!«


Der Sinn des Textes ist nicht schwer zu erschließen. Die Christen sollen sich vor falschen Lehrern hüten, insbesondere vor solchen, die sich selbst als die „Fortschrittlichen“ sehen. Sehr schön hat Adolf Schlatter den 9. Vers vor gut hundert Jahren ausgelegt:

»Der Beruf und die Art des rechten Jüngers ist, dass er seinem Herrn nachfolgt. Des Herrn Sache ist es vorauszugehen; der Jünger dagegen geht ihm nach, folgt seiner Weisung, hält sich an sein Wort und macht den Weg des Meisters zum seinigen. Die stolzen Geister gehen aber ihren eigenen Weg, laufen ohne seine Führung nach den Gedanken ihres eigenen Herzens voran und sind stark und weise, um sich selbst zu führen und sich selbst zu Gott emporzuschwingen. Darum missachten sie auch den Unterricht Jesu, durch den er seinen Jüngern zeigte, was er als Sünde richtete und worin er den guten Willen Gottes erkannte, und tun ungescheut, was er verwarf, machen dagegen auch aus solchem, was er rein hieß, eine Sünde. Wer sich aber einen anderen Weg wählt als den, den die Worte Jesu der Kirche zeigen, der trennt sich nicht nur von Christus sondern zugleich von Gott.«


Auch Joseph Ratzinger hat vor inzwischen 45 Jahren auf diese Passage aufmerksam gemacht, als er über das Wirken des Geistes in der Kirche sprach, und was gegen dieses Wirken steht:

»Das trinitarische Geheimnis übersetzt sich in der Welt in ein Kreuzesgeheimnis: Dort ist die Fruchtbarkeit, aus der der Heilige Geist kommt. […] Die großen Häupter der Gnosis wurden eben dadurch interessant, dass sie im eigenen Namen sprachen, sich einen Namen machten. Sie wirkten dadurch erregend, dass sie Neues und anderes über das Wort hinaus zu sagen hatten - etwa dies, dass Jesus in Wirklichkeit gar nicht gestorben sei, sondern mit seinen Jüngern tanzte, während die Menschen meinten, er hinge am Kreuz. Gegen solche gnostischen Neuigkeiten, gegen solches Reden im eigenen Namen stellt das vierte Evangelium bewusst den kirchlichen Plural – das Hineinverschwinden des Redenden ins kirchliche Wir, das in Wahrheit dem Menschen erst sein Gesicht gibt und ihn vor dem Zerfall ins Nichtige bewahrt. Auch in den Johannesbriefen ist dasselbe Muster eingehalten: Der Verfasser heißt nur schlicht ‚der Alte‘; sein Gegenspieler ist der ‚Proagon‘ – der ‚Vorwärtsführende‘ (2 Joh 9). Das ganze Johannes-Evangelium will (ebenso wie die Briefe) nichts anderes als ein Akt des Erinnerns sein und ist darin das pneumatische Evangelium. Gerade so, indem es nicht neue Systeme ersinnt, sondern erinnert, ist es fruchtbar, neu, tief. Das Wesen des Heiligen Geistes als Einheit von Vater und Sohn ist die Selbstlosigkeit des Erinnerns, die die wahre Erneuerung ist. Pneumatische Kirche ist Kirche, die im Erinnern tiefer versteht, tiefer hineinschreitet in das Wort und so lebendiger und reicher wird. Ware Selbstlosigkeit, Wegführen von sich selbst ins Ganze, das ist demnach die Marke des Geistes als Abbildung seines trinitarischen Wesens.« (aus: Der Gott Jesu Christi, 91f.)


Jeder sei eingeladen, (noch einmal) den letzten Absatz von Abschnitt 9 des Briefes von Papst Franziskus „an das pilgernde Volk Gottes in Deutschland“ zu lesen (hier). Dort nimmt er nämlich teils Wort für Wort diesen Gedanken von Ratzinger auf (die Quellenangabe in der dortigen Fußnote ist jedoch falsch, meine stimmt).
Ich finde es bemerkenswert, dass Franziskus uns an zentraler Stelle ausgerechnet diesen dramatischen Gedanken Joseph Ratzingers in großer Ausführlichkeit ins Stammbuch schreibt: Nicht das Neue, sondern das Erinnern, nicht das „Ich“, sondern das „kirchliche Wir“ ist entscheidend. Leider ist diese Warnung/Mahnung bislang noch nicht zu den kirchlichen Entscheidungsträgern durchgedrungen... Zu sehr treffen die Beschreibung und die ihr entsprechende Warnung des Papstes vor dem falschen Weg ins Mark des deutschen Katholizismus, wie er in den kirchlichen Behörden, in den Vereinen und Gremien forciert wird... man will sich nicht erinnern und besteht auf dem Egotrip des Deutschkatholizismus.

Samstag, 10. Oktober 2020

Innovative Ideen und viel Relevanz!!!

Sodom

Die Erzdiözese München und Freising hat Ende September einen einjährigen "Gesamtstrategieprozess" gestartet, mit dem man das Bistum erneuern will... An den Anfang wurde von einer verantwortlichen Person drei Fragen gesetzt: "Wie relevant sind wir? Wie sehen uns andere? Und wie wollen wir gesehen werden?" (siehe HIER)

Und, hey, der Prozess wird unterstützt durch die Unternehmensberater von PriceWaterhouseCoopers und ein Marktforschungsinstitut soll Befragungen durchführen (was das wohl alles kostet?); wichtig dabei: "Menschen, die in der Kirche aktiv sind, ihr nahestehen, werden ebenso befragt werden wie Fern- oder Außenstehende." Das kann ja nur eine Erfolgsstory sein! Einen schmissigen Slogan hat man auch schon: "Wirkung entfalten + Kirche gestalten". Da fühlt man sich glatt an Jesu Auftrag an seine Jünger erinnert: "Gehet hin, entfaltet Wirkung und Gestaltet Kirche!

Übrigens, nicht witzig: Gott kommt nicht vor. Man baut stattdessen konsequent auf das Mittun der Haupt- und Ehrenamtlichen "die die Kirche durch ihr Engagement mithalten und durch verschiedene Vertreterinnen und Vertreter aus den Gremien und Institutionen der Erzdiözese maßgeblich in dem Gesamtstrategieprozess mitwirken werden."

Komisch. Mein Instinkt als Getaufter animiert mich zu Fragen die irgendwie anders klingen: Wie in Christus verwurzelt sind wir? Wie sieht uns Gott? Wie wollen wir mit und aus Gott leben? Aber was weiß ich schon... diese vielen gut bezahlten Angestellten von "Kirche" sind viel klüger als ich... und jetzt haben sie ein Jahr lang Zeit, mal richtig die Sau rauszulassen, denn, wie sagte eine andere waszusagenhabende Person: "wir dürfen nicht an alten Traditionen festhalten, wir müssen innovative Ideen entwickeln und umsetzen". Chapeau!

Ob so auch die Leute in Sodom (s. Bild) gedacht haben?


*graus*

Freitag, 24. Juli 2020

Hirtenamt und Laienwürde

Dass nun nicht wenige Bischöfe den Laien mehr Leitungsverantwortung (vulgo: Macht) in der Kirche geben wollen, erinnert mich sehr an die Zeit der Fürstbischöfe, die keine Weihe empfangen hatten, sondern eigentlich nur weltliche Herrscher waren. Sakramentale Verrichtungen übernahmen die so genannten „Weihbischöfe“, die extra angestellt wurde, weil die eigentlichen „Bischöfe“ mangels Weihe selbst keine Weihen vornehmen konnten. Zu Recht lehnen wir solche Verhältnisse heute ab: Der oberste Hirte eines Bistums muss geweiht sein, wirklich Bischof sein, nicht bloß ein weltlicher Herrscher. Aber warum eigentlich? Man hat damals das Leitungsamt in der Kirche in zwei Bestandteile zerlegt, die zuvor fraglos zusammen gehörten: Sakrament und Regiment (da steckt das Wort „regieren“ drin).

Ein kurzer Abstecher: Das Volk Israel verlangte einst in seiner Ignoranz: „ein König soll über uns herrschen!“ Dies geschah mit der Begründung: „Wir wollen wie alle anderen Völker sein.“ (1 Sam 8,19-20) [Man vergleiche die fast gleichlautende Formulierung beim Götzendienst: „Wir wollen sein wie die Heiden, wie die Völker in den andern Ländern, und Holz und Stein anbeten.“ (Hes 20,32)] In ähnlicher Weise ist die Aufspaltung des Hirtenamts in der Kirche nach dem Vorbild der profanen Welt geschehen: Man wollte das Regiment ohne das lästige Sakrament, oder konkreter: Man wollte Herrschaft (Prestige und Geld) ohne zölibatär leben zu müssen... so wie die weltlichen Herrscher auch. Nochmal anders: Laien wollten Macht in der Kirche.

Seit ältester Zeit gehören in der Kirche Leitung und Heiligung wesentlich zusammen, beides war und ist Merkmal des einen in apostolischer Nachfolge ausgeübten Hirtenamtes, wie es dem Sinn und Existenzgrund der Kirche (Verkündigung des Evangeliums) entspricht. Das Führen der Herde auf die Weide und zur Quelle umfasst stets beides: Leitung und sakramentliche Heiligung. Joseph Ratzinger hat treffend beschrieben, was geschieht, wenn diese Einheit aufgebrochen wird: Es handelt sich um eine unzulässige Trennung jener beiden Vollmachten des Hirtenamtes, „bei der die eine ins Magische, die andere ins Profane abgedrängt wird: Das Sakrament wird nur mehr rituell und nicht als Auftrag zur Leitung der Kirche durch Wort und Liturgie gefaßt; das Leiten umgekehrt wird als ein rein politisch-administratives geschäft gesehen – weil man offenbar die Kirche selbst nur für ein politisches Instrument hält.“ (Demokratie in der Kirche, 31-32) „In Wahrhweit“, so fährt Ratzinger fort, „ist das Vorsteheramt in der Kirche ein unteilbarer Dienst. Die Kirche, der vorzustehen ist, ist ihrem Kern nach Versammlung. Diese Versammlung aber kommt zusammen, um Tod und Auferstehung Jesu Christi zu verkündigen. Das Vorstehen in ihr vollzieht sich daher nicht anders als in der Vollmacht der sakramentalen Verkündigung.“ (Ebd.)

Die Fürstbischöfe mit ihren Weihbischöfen waren ein Bruch mit dieser apostolischen Tradition, ein Schandfleck der Kirchengeschichte. Die so handelnden wollten es bequem, wollten herrschen, ohne lästige sakramentale Vollzüge und die an sie geknüpften Verpflichtungen. Sie wollten die Macht, aber ohne den großen Anspruch der Lebenshingabe im sakramentalen Amt, denn dieser Anspruch ist kein geringer. Mit den Worten von Marianne Schlosser: „Die Ehelosigkeit ist eine sehr konkrete, auch in der Dimension des Verzichtes spürbare, Form der Übereignung an Gott: Ihm wird gegeben das Verlangen, fruchtbar und nicht sinnlos zu leben, und die Sehnsucht, personal geliebt zu sein. Es wird gegeben ‚um des Himmelreiches willen‘, in der glaubenden Gewissheit, dass man niemals Gott etwas gibt, ohne dass ER mehr zurückgibt, in der zuversichtlichen Hoffnung, dass dadurch diejenige Liebe (caritas) wachse, die zum Heil anderer beiträgt, die Liebe des Guten Hirten, der sein Leben für die Seinen einsetzt.“ (hier)
Natürlich schützt die Sakramentalität des Amtes nicht völlig vor dem Missbrauch von Macht und vor falschen Motiven. Aber es besteht doch die begründete Hoffnung, dass das Wirken Gottes und das Gebet der Gläubigen wirksam werden können. Oder, wie es Marianne Schlosser an anderer Stelle ausdrückt: „Die Kirche bindet die Übertragung von Vollmacht und besonderer Verantwortung an Kriterien, auch an eine längere Ausbildung und Prüfung der charakterlichen und religiösen Voraussetzungen eines Kandidaten, um Risiken zu minimieren. Und im Ritus der Weihe kommt das Vertrauen in das Gebet der Gläubigen zum Ausdruck, dass der Heilige Geist nicht untätig bleiben wird. Solange das Leitungsamt (‚munus regiminis‘) – selbst wenn das nur ein fernes Ideal wäre! – dialektisch mit der ‚diakonia Christi‘ (Joh 13,13-16; Lk 22,27) verbunden ist, das heißt: mit der Entäußerung von sich selbst notfalls bis zur Lebenshingabe, gibt es wenigstens Hoffnung, dass sich einige, viele, möglichst alle daran ausrichten – Hoffnung, dass man den Gipfel nicht aus den Augen verliert, selbst wenn man zurückfiele.“ (hier)

Was wir heute erleben, erinnert doch stark an jene finsteren Zeiten der Fürstbischöfe, nur etwas abgewandelt: Die heutigen Bischöfe wollen ebenfalls den Leitungsdienst vom Heiligungsdienst abtrennen, nur wollen sie im Unterschied zu den Fürstbischöfen die Last der Leitungsverantwortung abgeben.
Ich kann zwar keinem unserer Bischöfe ins Herz schauen, ihre Motivationen sind mir fremd, aber es scheint mir nicht so weit hergeholt, auch hier eine gewisse Bequemlichkeit zu vermuten. Das gleiche erleben wir seit Jahrzehnten mit den Pfarrern. Nicht wenige Bischöfe und Pfarrer, so scheint mir, sind froh darüber, nur mehr „Sakramentenonkel“ zu sein und die lästige Verantwortung der schnöden Leitung und Verwaltung abgeben zu können: „Die Leute lassen sich ja eh nichts mehr sagen!“ Damit geben sie auch Verantwortung ab und nehmen so wiederum viele Lasten von ihren Schultern weg.
Damit tun die Verantwortlichen das Gleiche, was die Fürstbischöfe von einst taten: Sie zerteilen das eine Hirtenamt gegen die beständige Überlieferung der Kirche, so als ob Leitung und Heiligung voneinander getrennte Aufgabenbereiche wären. Man kann sie wohl unterscheiden, aber in der Kirche, die sowohl eine sichtbare Institution als auch eine unsichtbare sakramentale Wirklichkeit ist, lassen sie sich nicht trennen.

Dass die gegenwärtigen Strukturen in Deutschland eine solche Trennung erforderlich machen würden (sprich: verteilung auf mehrere Schultern), ist ein Scheinargument, denn diese Strukturen wurden ja bewusst anhand der Prämisse errichtet, dass die Laien immer mehr davon übernehmen sollen. Die Strukturen sind nicht einfach so, wie ein Schicksal, wie ein Umstand, mit dem man sich arrangieren muss… sie wurden von den Verantwortlichen im wachen Zustand so gestaltet, auch auf Druck der Laien die nach Macht strebten. Bestes Beispiel sind Pfarrgemeinderäte, die laut Kirchenrecht eigentlich nur beratende Funktion haben dürften, faktisch hierzulande aber bestimmend sind und dem Pfarrer nur das negative Rech des Einspruchs lassen, ihm also die positive Initiative faktisch aus der Hand genommen haben.

Übrigens zeigt sich dieses gleiche Muster der Zerteilung des Hirtendienstes und der Rückkehr zu überwundenen Fehlentwicklungen der Geschichte auch bei der Argumentation für das Frauenpriestertum. Etwa, wenn mit der großen Bedeutung argumentiert wird, die in der Vergangenheit manche Äbtissinnen hatten. Diese hätten viel Macht und Einfluss besessen und sogar nach ihrem Gutdünken über Priester bestimmt, folglich könne man Frauen nicht von Leitungspositionen, sogar über den Priestern, ausschließen.
Dabei wird freilich das Faktum unterschlagen, dass jene Äbtissinnen mehr Ähnlichkeit mit jenen Fürstbischöfen hatten, als mit Ordensfrauen: Auch für so eine Äbtissin war der Posten eher eine herrschaftliche Einrichtung (Prestige und Geld): Sie waren weltliche Herrscherinnen, lebten nicht im Kloster, legten keine Gelübde ab und verließen den Posten des Öfteren bald wieder um zu heiraten. Auch hier waren Leitungsdienst und Heiligungsdienst (die geistliche Führung der Klostergemeinschaft) zerteilt: Die geistlichen Aufgaben übernahm, analog zu den oben erwähnten Weihbischöfen, die Priorin, die Äbtissin schaute nur gelegentlich mal vorbei. (Mit vielen Äbten war das übrigens genauso.) Ihre „Leitungsposition“ als Äbtissin hatten sie also darum inne, weil sie weltliche Herrscherinnen waren. Oder so: Sie hatten ihre Macht nicht, weil oder trotz dass sie Äbtissinnen (oder: Frauen) waren, sondern sie waren Äbtissinnen, weil sie weltliche, feudale Machthaber waren, ihr Geschlecht spielte dabei keine Rolle. Na, ob das ein gutes Modell für heute ist?

Also: Man möchte Leitungsdienst und Heiligungsdienst trennen, und fällt damit in den gleichen Irrtum, den wir zu Recht verurteilen, nämlich die Zerteilung des apostolischen Hirtenamtes. Rom hat diesen wesentlichen(!) Zusammenhang bezüglich der Pfarrer nun erneut bekräftigt und zugleich die Verantwortung der Laien für die angestrebte pastorale Umkehr betont.


Wo liegen die Gründe?

Vielleicht kommen wir dem Grund für das heutige „Machtstreben“ der Laien durch die Sprache etwas näher: Wenn wir in dieser Debatte von „Verantwortung“ reden, dann meinen wir Leitungsverantwortung, Letztverantwortung. Doch das ist eine extreme Verkürzung. Verantwortung trägt nämlich auch der, der nicht das letzte Wort hat. Man spricht dann ungeschickterweise von „Mitverantwortung“ und wertet das als einen negativen, abwertenden Ausdruck. Das empfinde ich aber als irreführend. Denn auch wenn ich nicht der letzte Entscheider, der Hauptverantwortungsträger bin, so bin ich doch (mit-)verantwortlich für das Ganze. Ich bin verantwortlich durch mein Zeugnis in meinem Lebenswandel und in meinem Wort. Ich bin ggf. verantwortlich im beratenden Wort und im Gehorsam, soweit es eben an mir liegt.
Und da sehe ich den Knackpunkt: Dieses Letzte ist nicht gewollt. Diese Form der Verantwortung (für das eigene Handeln!) ist nicht gewollt. Niemand will gehorsam sein, und zwar nicht bloß was den Pfarrer oder den Bischof betrifft. Letztlich geht der Gehorsam bekanntlich gegen Gott („wer euch hört, hört mich“). Dieser darf bekanntlich nicht mehr als Gebietender verkündet werden, sondern muss stets auf Augenhöhe gehalten werden – die Zehn Gebote sind nur ein Gesprächsangebot. Das Machtstreben der Gläubigen hat seine letzte Motivation, sein letztes Ziel nicht in der Augenhöhe mit Pfarrer und Bischof – das sind nur Äußerlichkeiten –, sondern der Abbau der irdischen Hierarchie soll v.a. strukturell (sichtbar) das widerspiegeln, was ohnehin schon im Gottesverhältnis propagiert und eingeübt wurde.
Letztlich spricht man nicht dem Bischof die Leitungsvollmacht ab, sondern Gott. Alles soll dialogisch, demokratisch sein. Darum müssen Heiligung und Leitung getrennt werden: Die Heilung und Heiligung von Gott möchte man, aber die Gebote nicht unbedingt, nur wenn sie gerade passen. Man ist bequem. Den Anspruch, der mit dem Heilsangebot Gottes einhergeht, den lehnt man ab. Die Bedingung nimmt man eigentlich gar nicht mehr wahr: „Wenn ihr meine Gebote haltet, so werdet ihr in meiner Liebe bleiben“ (Joh 15,10).

Und was machen die Hirten angesichts dieser Bestrebungen? Die meisten Bischöfe (und Pfarrer) haben diesbezüglich schon lange klein beigegeben. Es wird weithin nicht mehr verkündet, sondern möglichst unverbindlich angeboten; nicht mehr ermahnt, sondern nur noch beraten. Nicht wenige Hirten haben sich ein Fell übergezogen, laufen auf allen Vieren und machen freudig „määh“.
Ein Freund hatte mir das neutlich sehr drastisch gesagt: Er befürchtet, dass es nie zu einem „offiziellen“ Schisma kommen wird, sondern dass der Brand unbenannt, knapp unter der Oberfläche und kaum durch Floskeln verschleiert, weiter vor sich hin schwelt, da die Hirten (in Deutschland und in Rom) zu schwach sind. Sie haben weder den Charakter, noch die Intelligenz, und erst recht nicht die Leidenschaft, die einen echten Häretiker/Schismatiker vom Schlag eines Marcion, Arius, Jan Hus oder Martin Luther (vgl. dazu das sehr lehrreiche „Buch der Ketzer“ von Walter Nigg) oder ihre katholischen Kontrahenten auszeichneten. Unsere Bischöfe sind in der Mehrheit lauwarm, theologisch alles andere als versiert und sie haben v.a. Angst um ihr Ansehen (vgl. meine Gedanken dazu hier). Anders ausgedrückt: Ein „offizielle“ Schisma erfordert den Mut zum (falschen) Bekenntnis. Den haben unsere Bischöfe in der Mehrheit jedoch nicht.

Das Traurigste ist, dass es nicht so sein muss. Die Alternative ist nämlich gerade nicht die Widerherstellung fürstbischöflicher absolutistischer Verhältnisse. Wenn die Laien, statt den Anspruch und die Last von Gottes Geboten abzuwerfen, sich ihrer Verantwortung vor Gott bewusst wären, gerade dann würde ein fruchtbares und wahrhaft christliches Verhältnis zwischen Klerikern und Laien im Leben der Kirche entstehen. Man stelle sich allein schon die Entlastung vor, wenn die Zuständigkeiten klar wären… die meisten Sitzungen hätten sich erledigt.

Auch hier bietet die verwendete Sprache Anhaltspunkte: So liegt es durchaus im Interesse der Akteure, dass der Begriff „Laie“ negativ besetzt ist und negativ besetzt bleibt. Die negative Definition „Laien sind die, die nicht geweiht sind“ ist in der aktuellen (jahrzehntealten) Debatte mit voller Absicht von interessierten Kreisen gesetzt worden; sie ließe sich problemlos durch eine positive Bestimmung (etwa: Glieder des königlich-priesterlich-prophetischen Volkes [gr. loas] Gottes, auserwähltes Geschlecht, Erben des Reiches Gottes) ersetzen – aber das wird verhindert, denn die Laien sollen sich als Defizitär und als unterjochte Opfer der „Kleriker“ fühlen. Durch diese sprachliche Festlegung haben sie auch weiterhin stets den Eindruck, in „Kirche“ nichts von Bedeutung tun zu können, solange sie nicht entweder die Leitungsgewalt der Geweihten bekommen, oder selbst geweiht werden (Thema Frauenpriestertum). Wobei mir hier die große Mehrheit der Leute nur Stimmvieh einiger Weniger zu sein scheint, die dabei die Hebel in der Hand haben und z.B. jenes Sprachspiel aufrechterhalten, die allermeisten wissen gar nicht, wovon sie reden.

Es ist eine Lüge, wenn behauptet wird, die Laien seien sich ihrer Würde bewusst geworden und würden eben darum nach Macht in der Kirche streben. Die Laien sind die vorrangigen Träger des Auftrags der Kirche! Dieser Auftrag besteht aber gerade nicht darin, „Kirche“ zu gestalten, sondern der Welt das Evangelium zu verkünden (vgl. Ratzingers Kommentar zum suizidalen Weg, HIER). Die Würde der Laien besteht eben gerade darin, die Mission der Kirche in die Welt hinaus zu tragen. Mit einem militärischen Gleichnis (nicht, dass ich besonders militärafffin wäre, aber von Fußball hab ich noch weniger Ahnung): Die Laien sind die Frontlinie der Mission, die Phalanx des „gehet hin und macht alle Völker zu meinen Jüngern“. Die römische Instruktion nennt daher alle Getauften „aktive Protagonisten der Evangelisierung“. Die Kleriker sind dabei eher die Sanitäter und Versorgungsoffiziere im Hintergrund und zuweilen auch mal die Artillerie… der eigentliche Nahkampf wird von den Laien geleistet, die in ihrem Alltag in der Welt mit dem Zeugnis ihres Lebens Christus bezeugen. Darin besteht ihre Würde, nicht in „Macht in der Kirche“.
Ich befürchte (wieder: ich kann in niemandes Herz schauen, aber der Verdacht drängt sich mir auf), dass sich unsere Gremien- und Verbandskatholiken darum so sehr auf die ihnen nicht zustehenden Posten in der Kirche konzentrieren, weil sie nicht willens und/oder nicht fähig sind zum Zeugnis nach draußen, wo ein verwässerter Glaube nichts gilt und nur das furchtlose Bekenntnis den Unterschied macht. Sie sind, im vorigen Gleichnis gesprochen, fahnenflüchtig, und versuchen sich jetzt unter die Versorgungsoffiziere und Sanitäter zu mischen, um bloß nicht an die Front zu müssen.

Rekapitulieren wir: Die Hirten wollen mit den Schafen blöken und die Ziegen möchten gerne Gärtner sein. So. Ein. Unsinn.
Die meisten Hirten und (jedenfalls der Lautstärke nach zu urteilen) der Großteil der Herde gleichermaßen, haben nicht den Mut zum Gehorsam gegenüber Gott und zum Bekenntnis gegenüber den Menschen... welchen Wert hat das ganze dann noch? Dann taugen wir wahrhaftig nur noch als eine politisch-ökologische Pazifisten-NGO...

Sonntag, 24. Mai 2020

glaubwürdig

Erdbeerbär
Es hat in der kirchlichen Sprache der letzten Jahrzehnte eine gewisse Verschiebung stattgefunden, auf die ich kurz eingehen will.
Konkret geht es mir um die Glaubwürdigkeit, genauer darum, inwiefern jemand oder etwas „glaubwürdig“ ist. Eigentlich handelt es sich dabei um ein Attribut des Verkündigenden Akteurs: Der Zeuge ist Glaubwürdig, d.h. der Zeugnisgebende, der Verkündiger.

Fast unmerklich ist die Verschiebung, wenn dann plötzlich aber von der "glaubwürdigen Verkündigung" die Rede ist. Dann ist nicht mehr der Redende und Handelnde Glaubenszeuge glaubwürdig oder unglaubwürdig, sondern eben die von diesem Subjekt abgehobene Verkündigung, also das, was er tut und wie er redet. Das ist gefährlich, denn so gesehen kann auch eine Lüge glaubwürdig sein, wenn sie nur überzeugend vermittelt wird. Derjenige, der das Zeugnis gibt, ist unerheblich, wichtig ist nun sein Tun und Sprechen.

Und diese Verschiebung geht inzwischen auch noch einen Schritt weiter, wenn die Rede ist von der "glaubwürdigen Botschaft", die es zu verkündigen gilt. Nun ist nicht mehr der Verkündigende gemeint, aber auch nicht seine Verkündigung als Tätigkeit, sondern der Inhalt dieser Verkündigung. Und genau da liegt der Knackpunkt: Wenn ich darum bemüht bin, den Inhalt "glaubwürdig" zu machen, dann bedeutet das nichts anderes, als dass ich diesen Inhalt zur Erhöhung seiner "Glaubwürdigkeit" entsprechend an Geschmack und Vorlieben der Hörer anpasse. Wohl gemerkt, es geht hier nicht bloß um die sprachliche Gestalt (das wäre die Verkündigung), sondern um den Sinn, der verkündet wird. Zuweilen ist genau das auch schon mit der Redewendung "glaubwürdige Verkündigung" gemeint, wenn nämlich mit "Verkündigung" der Inhalt gemeint ist.

Es wird gerade modern, im Rahmen pastoraler Erneuerung von der Wichtigkeit einer "glaubwürdigen Botschaft/Verkündigung" zu sprechen, die es zu verkündigen gilt. Nicht selten verbirgt sich dahinter aber nicht das wahre Evangelium, sondern eine für die Adressaten zurechtgestutzte Verballhornung desselben, die vielleicht gewitzt und sogar charmant daherkommt (etwa wie der Erdbeerbär), aber letztlich irreal und hohl ist. Das ist dann natürlich nicht tragfähig, weil es nicht in die Tiefe reicht (denn dort würde der Anspruch des Evangeliums unausweichlich werden) und es ist damit im Letzten auch nicht glaubwürdig, nicht des Glaubens würdig.

Der Inhalt des Evangeliums ist nie unglaubwürdig. Er kann unglaublich anmuten, aber diese Anmutung gilt es gerade zu überwinden, das ist das durchaus anspruchsvolle Wechselspiel von Verkündigung und Bekehrung. Das Evangelium wird umso weniger unglaublich, je glaubwürdiger seine Verkünder und Zeugen sind.

Donnerstag, 30. April 2020

Die Essenz der Krise

»Der Mensch von heute versteht die christliche Erlösungslehre nicht mehr. Sie findet keine Entsprechung in seiner eigenen Lebenserfahrung. Er kann sich unter Sühne, Stellvertretung, Genugtuung einfach nichts vorstellen. Das, was mit dem Wort Christus, Messias, gemeint war, kommt in seinem Leben nicht vor und bleibt damit leere Formel. Auf diese Weise fällt das Bekenntnis zu Jesus als Christus ganz von selbst dahin. […] Erlösung wird durch Befreiung im neuzeitlichen Sinn ersetzt, die mehr psychologisch-individuell oder mehr politisch-kollektiv verstanden werden kann und sich auch gern mit dem Mythos vom Fortschritt verbindet. Dieser Jesus hat uns nicht erlöst, aber er kann ein Leitbild sein, wie Erlösung, d.h. Befreiung, zustande kommt. Wenn aber keine schon geschenkte Gabe der Erlösung zu vermitteln ist, sondern nur Anweisungen für unsere Selbsterlösung zu geben sind, dann ist wiederum die Kirche im überlieferten Sinn ein Unding, ja, ein Ärgernis. Sie trägt dann keine Vollmacht in sich; die beanspruchte Vollmacht ist unter dieser Voraussetzung nur angemaßte Macht. Stattdessen müsste sie zu einem Ort der »Freiheit« in einem psychologischen oder politisch verstandenen Sinn werden. Sie müsste der Raum unserer Wunschträume vom befreiten Leben sein; sie kann auf nichts jenseitiges verweisen, sondern muss sich jeweils in meiner eigenen Erfahrung als innerweltlich erlösende Instanz bewähren. Alle Unerlöstheit meiner eigenen Existenz, alle Unzufriedenheit mit mir selbst und den anderen fallen auf sie zurück.
[...] Man kann sich einen Gott nicht mehr vorstellen, der sich um den einzelnen Menschen kümmert und der überhaupt in der Welt handelt. Gott mag den Urknall angestoßen haben, wenn es ihn schon geben sollte, aber mehr bleibt ihm in der aufgeklärten Welt nicht. Es scheint fast lächerlich, sich vorzustellen, dass ihn unsere Taten und Untaten interessieren, so klein sind wir angesichts der Größe des Universums. Es erscheint mythologisch, ihm Aktionen in der Welt zuzuschreiben. [...] Wenn aber Gott mit uns letztlich nichts zu tun hat, dann fällt auch der Gedanke der Sünde dahin. Dass eine menschliche Tat Gott beleidigen könne, ist vielen ein ganz unvollziehbarer Gedanke geworden. So besteht für die Erlösung im klassischen Sinn des christlichen Glaubens überhaupt kein Anlass mehr, weil es kaum jemand einfällt, die Ursache für das Elend der Welt und der eigenen Existenz in der Sünde zu suchen. Deshalb kann es natürlich auch keinen Sohn Gottes geben, der in die Welt kommt, um uns von der Sünde zu erlösen, und der dafür am Kreuz stirbt. Von daher erklärt sich noch einmal die grundlegende Veränderung im Verständnis von Kult und Liturgie, die in letzter Zeit von Langem her vorbereitet vor sich gegangen ist: Ihr erstes Subjekt ist nicht Gott, auch nicht Christus, sondern das Wir der Feiernden. Und sie kann natürlich auch nicht Anbetung als primären Sinn haben, für die ja bei einem deistischen Gottesverständnis kein Grund besteht. ebenso wenig kann es um Sühne gehen, um Opfer, um Vergebung der Sünden. Es geht vielmehr darum, dass sich die Feiernden ihrer Gemeinschaft untereinander versichern und damit aus der Isolation heraustreten, in die die moderne Existenz den Einzelnen hineindrängt. Es geht darum, Erlebnisse der Befreiung, der Freude, der Versöhnung zu vermitteln, Schädliches zu denunzieren und Impulse für die Aktion zu geben. Deswegen muss auch die Gemeinde ihre Liturgie selbst machen und nicht aus unverständlich gewordenen Traditionen empfangen; sie stellt sich selber dar und feiert sich selbst. Allerdings darf man auch eine Gegenbewegung nicht übersehen, die gerade in der jungen Generation immer deutlicher wird: Die Banalität und der kindische Rationalismus selbst gebastelter Liturgien mit ihrer künstlichen Theatralik werden in ihrer Armseligkeit immer mehr durchschaut; ihre Nichtigkeit wird offenbar. Die Vollmacht des Mysteriums ist verschwunden, und die kleinen Selbstbestätigungen, mit denen man diesen Verlust wettmachen will, können auf die Dauer nicht einmal die Funktionäre befriedigen, Wie viel weniger diejenigen, die sich von solchen Aktionen angesprochen fühlen sollen. [...] Schließlich darf man sagen, dass dort, wo die Liturgie vom Mysterium durchleuchtet ist, wieder neue Orte des Glaubens entstehen.«
(aus: Joseph Ratzinger, Gesammelte Schriften 9/2, 981-983 [= Ein Neues Lied für den Herrn, 47-49])


Der Text stammt aus dem Jahr 1992. Gegenwärtig wird von unzähligen Theologen in Fakultäten und Bistümern die Abkehr vom Mysterium zugunsten selbstgebastelter Liturgien und Rituale mit viel Aufwand betrieben. Dies scheint ihnen schon deshalb geboten, weil die Eucharistie des geweihten Priesters bedarf... das sind gleich zwei Sakramente, die in erdrückender Deutlichkeit unermüdlich beweisen, dass wir auf das Heil angewiesen sind, das nicht von uns selbst kommen kann. Unerträglich! Dass nicht wenige Bischöfe sich schon länger auch aktiv daran beteiligen, stellen dieser Tage die Bischöfe Jung in Würzburg [hier] und Neymeyer [hier] in Erfurt eindrücklich dar. Der viel beschworene Priestermangel dient nur als Vorwand, eigentlich kommt er nämlich sehr gelegen: Jedes Mittel ist recht, um „die Fixierung auf die Eucharistiefeier aufzubrechen und den Wert anderer Gottesdienstformen zu vermitteln.“ (so Neymeyer)
Man entzieht sich damit bewusst oder unbewusst der eigenen Pflicht und Verantwortung; im Grunde ist es ein Verrat am Herrn selbst, dessen größtes Gebot - "Tut dies zu meinem Gedächtnis!" - relativiert wird. Man lässt sich vom Strom der Zeit in Richtung Abrgund treiben und fühlt sich dabei sogar noch als "mutiger" Vordenker und -kämpfer, weil man sich gegen einen anderen Strom stellt: Gegen den mystischen Strom, der von den Wunden des Erlösers ausgeht, das Rinnsal, das unter dem Altar entspringt und zum großen Fluss wird, der Gnadenstrom.

Mittwoch, 4. März 2020

Das Tal der Ahnungslosen

In der DDR bezeichnete man die Gebiete, in denen kein Westfernsehen empfangen werden konnte, als "Tal der Ahnungslosen". Stellt sich raus, der suizidale Weg von DBK und ZdK ist auch solch ein Tal.

Auf katholisch.de darf (hier) eine Ordensschwester, die auch bei jenem Weg ihre Gedanken vortragen durfte, ihrem Unmut über die kirchliche Sexualmoral Ausdruck geben. Dazu bietet sie diese Perle der Weisheit: "Bei der Position der gültigen Kirchenlehre ist immer von Fruchtbarkeit die Rede und dass bestimmte Lebens- und Partnerschaftsformen in der Kirche nicht gehen, weil die Menschen in ihnen nicht fruchtbar sein können – zum Beispiel homosexuelle Paare."

Sie beklagt an der kirchlichen Sexualmoral eine Verengung der Rede von der Fruchtbarkeit auf das rein Biologische und hat offenbar dann noch die suizidale Versammlung mit der (für ihre Zuhörer offenbar ganz neuen) Erkenntnis "überrascht", dass man auch fruchtbar sein könne, ohne Sex zu haben.
Wow! Hätte uns doch bloß vorher schon einmal jemand darüber aufgeklärt, dass man auch Frucht bringen kann, ohne Sex zu haben... das verändert alles!!!

Natürlich ist "Fruchtbarkeit" spätestens seit dem öffentlichen Auftreten Jesu von Nazareths für die Christen ganz selbstverständlich eine das Biologische bei weitem überschreitende Kategorie und war es auch in der ganzen Tradition der Kirche (ein paar biblische Beispiele: Mt 3,8; Mk 4,13-20; Joh 15,4-5.8.16; Röm 7,4; Gal 5,22; Phil 1,22; Kol 1,10). Ich frage mich, ob diese Ordensfrau glaubt, als erste so etwas wie "geistliche Mutterschaft" entdeckt zu haben? Nicht wenige Mitglieder des suizidalen Weges scheinen jedenfalls dort zum ersten Mal etwas davon gehört zu haben... und die Redaktion von katholisch.de scheint auch ganz aus dem Häuschen zu sein ob dieser Erkenntnis.

Der Katechismus der katholischen Kirche redet übrigens von Fruchtbarkeit vielfach im geistlichen Sinn: Die Fruchtbarkeit der Kirche, die von Christus kommt, die Fruchtbarkeit des apostolischen Wirkens. Im Kapitel über die eheliche Fruchtbarkeit geht es nur im ersten Punkt um die leibliche Fruchtbarkeit, unmittelbar darauf wird erklärt: "Fruchtbarkeit der ehelichen Liebe besteht auch in den Früchten des sittlichen, geistigen und übernatürlichen Lebens" (1653). Und für den Fall biologischer Unfruchtbarkeit wird erklärt, dass die Eheleute "dennoch ein menschlich und christlich sinnvolles Eheleben führen. Ihre Ehe kann fruchtbar sein an Nächstenliebe, Hilfsbereitschaft und Opfergeist und diese ausstrahlen." (1654) Johannes Paul II. spricht in auch Familiaris consortio ausführlich von der übernatürlichen Fruchtbarkeit der Kirche, die gerade durch die Familien sichtbar und wirksam wird.

Und was ist mit nicht-eheliche Beziehungen, etwa homosexuellen Verbindungen? Nun: Nirgendwo steht etwas davon, dass diese grundsätzlich, auch im geistlichen Sinne, unfruchtbar seien und darum "nicht gehen". Weder im Katechismus, noch in der Erklärung der Glaubenskongregation zu Fragen der Sexualethik von 1975, noch im Schreiben Joseph Ratzingers an die Bischöfe über die Seelsorge für homosexuelle Personen von 1986, noch im Schreiben der Glaubenskongregation über die rechtliche Anerkennung homosexueller Lebensgemeinschaften von 2003. [Ausführlich zur Frage der Sündhaftigkeit praktizierter Homosexualität habe ich HIER geschrieben.]
An keiner Stelle wird behauptet, dass homosexuelle Partnerschaften über das Biologische hinaus "nicht fruchtbar" seien. Es wird erklärt, dass beim homosexuellen Verkehr keine Nachkommen gezeugt werden können (biologische Unfruchtbarkeit) und dass dieser Verkehr darum unsittlich ist - das gleiche trifft übrigens auch auf absichtlich unfruchtbar gemachten heterosexuellen Verkehr zu (künstliche Empfängnisverhütung!). Hinzu kommt dann noch, dass Sex nur in der Ehe seinen Platz hat und eine Ehe nur zwischen einem Mann und einer Frau bestehen kann.

Die Kirche hat nie, nirgends und an keiner Stelle behauptet, dass biologische Unfruchtbarkeit auch zwischenmenschliche oder gar geistliche Unfruchtbarkeit bedeutet. Sie weist allerdings darauf hin, wie Jesus dies auch unentwegt tat, dass die Sünde einer solchen Fruchtbarkeit im Wege steht. Die Kirche spricht aber keinem Menschen die Möglichkeit zur geistlichen Fruchtbarkeit ab. Über homosexuell empfindende Menschen sagt sie: "Auch diese Menschen sind berufen, in ihrem Leben den Willen Gottes zu erfüllen und, wenn sie Christen sind, die Schwierigkeiten, die ihnen aus ihrer Verfaßtheit erwachsen können, mit dem Kreuzesopfer des Herrn zu vereinen." (2358) Wie alle Menschen, so können auch sie sich "durch das Gebet und die sakramentale Gnade Schritt um Schritt, aber entschieden der christlichen Vollkommenheit annähern." (2359)

Jene Schwester, der die kirchliche Sexualmoral "gegen den Strich geht", weiß offenkundig nicht, worüber sie spricht. Dieser Verdacht wird noch von zweierlei genährt: Die Frau redet viel von geistlicher Fruchtbarkeit und vom "dem Leben dienen", erwähnt aber, anders als der Katechismus, die Quelle geistlicher Fruchtbarkeit nicht, und dass Sünde diese beeinträchtigen kann... komisch. Und auch dies: Sie nennt das Ordensleben eine Lebensform, aber das Priestertum bezeichnet sie nur als "Beruf", worauf sie dann ihre Kritik am Zölibat gründet. Hä?

Dass man die Delegierten des suizidalen Weges damit "überraschen" kann, dass man ihnen erklärt, Fruchtbarkeit sei gar nicht nur eine rein biologische Sache, nährt in mir ein deutliches Gefühl des Fremdschämens. Wissen diese Leute so wenig von der christlichen Tradition, sind sie so ahnungslos?
"... sie wissen nicht, was sie tun"...



Nachtrag: Laut einem aktuellen Bericht von kath.net (hier) leidet wohl der Theologe Ansgar Wucherpfennig unter der gleichen Ignoranz, was die Morallehre der Kirche zum Thema "Fruchtbarkeit" betrifft. Tja.
Übrigens ist es keine Sensation, dass hier auf bistumsebene über die Segnung homosexueller Paare nachgedacht wird. In vielen Bistümern wird das bereits mit ausdrücklicher Billigung der kirchlichen Behörden praktiziert. Sowas wird ganz selbstverständlich in der Kategorie "kirchliches Angebot" oder "liturgische Vielfalt" verbucht und niemand hat Hemmungen, intern darüber zu sprechen. Wie heißt es so schön: Die Praxis ist da schon viel weiter.