Samstag, 13. Juli 2013

historisch-kritische Modularisierung

Kommende Woche stehen an meiner Fakultät wieder die Modulprüfungen an. Ich beobachte das fasziniert von außen. 
Einige Zeit lang musste ich auch modularisiert studieren, konnte mich aber da noch herausretten. Es ist tatsächlich beachtlich, wie destruktiv die Modularisierung wirkt.

Klar gab es auch vorher schon viel Ungutes und einen merklichen Verfall. Mit der Einführung einer völlig ad absurdum geführten historisch-kritischen Methode für die Beackerung v.a. des Neuen Testaments in die katholische Theologie geschah nach dem letzten Konzil eine Art Dammbruch. Alle Fakultäten ließen sich von der so genannten "kritischen Exegese" bezirzen und heute bildet fast überall eine Exegese, die den Evangelien grundsätzlich ihre Authentizität abspricht, das Fundament der akademischen Theologie. Wer das nicht mitmacht, sieht sich dem Vorwurf der Unwissenschaftlichkeit ausgesetzt. Es wäre zum Lachen, wenn es nicht zum Heulen wäre, mit welcher Mühe und welcher Energie dabei wüst-dreiste (und meist schlicht unchristliche) Unterstellungen zur Grundlage von Vermutungen gemacht werden, die dann als Grundlage fadenscheiniger Konstruktionen dienen, die wiederum die Grundlage von unbewiesenen Hypothesen bilden, die dann aber wie automatisch als angeblich evidenten und "zweifelsfreien" Dogmen gelten. 
Realsatire pur: Die Dogman über die Rom wacht, hält man für ein störendes Korsett, aber die eigenen Dogman werden mit allen Mitteln verteidigt und Abweichler und Andersdenkende im Hauruck-Verfahren mit Exkummunikation bestraft (sprich ihre Bücher werden nicht rezipiert, oft gar nicht erst angeschafft).

Die Modularisierung auch des Theologiestudiums hat nun diesem Trend seine endgültige Weihe gegeben, denn jetzt haben die Studenten gar nicht mehr die Möglichkeit, anders zu denken oder gar im Eigenstudium zu forschen. Sie sind völlig damit beschäftigt, das ganze Semester über zu Büffeln um das Gefressene dann am Semesterende aufs Papier zu speien (Fachterminus: Bulimi). 
Klar findet sich, wie gesagt, auch in den nichtmodularisierten Studiengängen (die gerade auslaufen) viel Ignoranz und Verblendung. Die Modularisierung des Studiums - die ich im Grundstudium bei den Naturwissenschaften als druchaus sinnvoll erlebt habe, die für die Geisteswissenschaften m.E. aber 1. unsinnig und 2. völlig kontraproduktiv ist -, sie zementiert dieses Ungemacht und lässt ein Ausbrechen eigentlich nicht mehr zu.
Der Modularisierte Student, zumal der angehende Theologe, beschäftigt sich in seinem universitären Alltag nicht mit dem Gegenstand seines Fachs, sondern mit der anstehenden Prüfung. Was muss ich wissen? Reichen die Punkte? Die Frage "Was muss ich lesen?" hat keine Zielrichtung auf den Inhalt, sondern bezieht sich auf den Workload, auf das, was der Student eben zu lesen hat. Die Seitenzahl ist das vorrangige Kriterium. Der Inhalt entspricht dem, was der Prof eben für die Prüfung haben will. Und um diesen Workload zu bewältigen, ist es kaum möglich, sich ein eigenes Bild zu machen, in die Materie einzutauchen oder gar andere Wege als die für die Prüfung geforderten zu beschreiten.

Das fürt dann dazu, dass Studenten, die durchaus schon einige Jahre an der Fakultät zubringen, einen angucken wie ein Auto, wenn man ihnen darlegt, wieso, nur mal als Beispiel, die synoptischen Evangelien vielleicht doch nicht nach 70 entstanden sind. Es ist gar kein Diskurs darüber möglich, weil es sofort als völlig absurd deklariert wird, weil es im Widerspruch zu allem steht, was ihnen in ihrem Studium begegnet ist. Die Diskursfähigkeit ist bist zur Nichtexistenz verkümmert, weil andere Ansichten als schier unvorstellbar, auf alle Fälle aber pauschal als "un-" oder "vorwissenschaftlich" erscheinen, einfach weil sie die oben genannten Dogmen nicht teilen.

Marius Reiser hat diese und andere Folgen bereits 2009 in einem Interview zielsicher und nicht eben wenig prophetisch dargelegt. Hier anzusehen.

Wer sich für eine Kritik der historisch-kritischen Exegese interessiert (und wer die Zeit zum Lesen hat), dem seien folgende Bücher empfohlen (denn Klaus Berger ist mit seiner Polemik leider wenig hilfreich): 

- Karl Jaroš, Das Neue Testamrnt und seine Autoren (UTB 3087), Wien 2008.
- Hans-Joachim Schulz, Die apostolische Herkunft der Evangelien (QD 145), Freiburg 1993.
- Marius Reiser, Bibelkritik und Auslegung der Heiligen Schrift (WUNT 217), Tübingen 2011. 

Kommentare:

  1. Willkommen im Club!

    In jeder Ausbildung, so habe ich am eigenen Leib erfahren, spielt es keine Rolle, was es zum Beruf an Lernenswertem gibt. Es interessiert einzig und allein, mit welchem Lernstoff als Grundlage das Examen, der Gesellenbrief, die Prüfung bestanden werden kann. Auch ich habe bei "kerchens" gelernt, alles Jammern ist lächerlich, wenn Du Deinen Lappen haben willst.
    Reserviere Dir, was Du lesen und lernen willst, für die Zeit nach den Prüfungen, falls Du hinterher noch die Energie hast, ganz von vorne zu beginnen und gleichzeitig im Beruf und im Leben zu stehen.

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    1. Ehm. Sie haben mich falsch verstanden: ICH ganieße noch sehr viel Freiheit in meinem Studium. Der Grund für meine Aufregung ist eben der, dass aus der "Bildung", die eine Universität vermitteln soll, durch die Modularisierung, eben, eine "AUSBildung" geworden ist. DAS ist genau das Problem. (Und übrigens habe ich bereits eine Berufsausbildung und kenne daher den Unterschied zwischen einer Ausbildung und dem, was eine Universität eigentlich tun sollte: Bildung vermitteln.) Genau DAS ist das problem: Dass man die Universitäten zu bloßen Ausbildungsstätten gemacht hat.

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  2. Tja, leider ist das oft wirklich so. Man lernt in erster Linie den Prüfungsstoff und weniger das, was darüberhinaus wissenswert wäre - aber in der Praxis braucht man wiederum noch ganz andere Kenntnisse, die im Studium wenig bis gar nicht vorkommen und die man sich dann "nebenbei" aneignen muß. Was einen wirklich interessiert und womit man sich eigentlich nach dem Studium beschäftigen wollte, weil es währenddessen schlicht unmöglich war, bleibt dann oft schon wieder auf der Strecke.
    Obwohl ich ehrlich zugeben muß, daß es nicht ausschließlich Zeitmangel ist, sondern auch ein Teil innerer Schweinehund - aber oft brauche ich nach einem anstrengenden Arbeitstag keine Fachliteratur, sondern einen Krimi oder einen mehr oder weniger seichten Fernsehfilm, weil ich für was Anspruchsvolles einfach zu platt bin. Andererseits ist es aber super wichtig, neben dem Beruf ein Hobby zu haben, was in eine andere Richtung geht, sonst wird man entweder ein Fachidiot oder dreht durch (oder beides) - jedenfalls in meinem Fall...

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