Freitag, 17. Oktober 2014

Reue ohne Umkehr


»Wie schwer eine Sünde auch immer sein mag, wenn der Sünder mit dem festen Vorsatz sich zu bessern umkehrt, wird er barmherzig aufgenommen und losgesprochen. Aber Lossprechung ohne Umkehr – was ist das anderes als Barmherzigkeit „light“, also Laxismus? Genau das aber, „Lossprechung ohne Umkehr“, ist die innere Logik des Lösungsvorschlags von Kardinal Kasper.[*] Denn sein Weg zur Wiederzulassung der Betroffenen zu den Sakramenten durch die Zulassung zur und Absolution in der Beichte spricht nur von der Reue, aber nicht von der Wandlung, der Umkehr. Letzteres würde das – wie auch immer geartete - Ablassen vom eingeschlagenen Weg einer ungültigen „Zweitehe“ bedeuten. Wenn aber zwar Reue, aber keine Umkehr, dann auch keine Lossprechung, alles andere kann wohl nur verstanden werden als Missbrauch oder Umdeutung des Sakramentes der Buße.  
Es ist ja wohl auch unsinnig zu sagen: „Ich bereue den Bruch meiner sakramentalen unauflöslichen Ehe und das Eingehen meiner zweiten ‚Ehe‘“, zugleich aber einen bewussten Willensakt zu setzen: „Ich will den damit eingeschlagenen Weg der Abkehr vom legitimen Ehepartner in der neuen „Ehe“ fortsetzen.“ Was man „will“, kann man nicht zugleich glaubwürdig bereuen. Was würde auch ein „neuer Lebenspartner“ zu dem Bekenntnis sagen: „Ich bereue, Dich geheiratet zu haben“? Die solches tun, suchen im Grunde nicht Barmherzigkeit, sondern sie wollen die Rechtfertigung ihres Tuns durch die Änderung der dem entgegenstehenden Norm. Die Kirche sagt: „Der Vergebung muss die Änderung des Lebens, die Umkehr vorausgehen“, während im anderen Fall „Vergebung ohne Änderung des Lebens“ angezielt wird. Das aber dreht die Struktur der Beichte um 180 Grad. Die zivile Zweitehe wäre keine Sünde mehr - logischerweise würde damit die Unauflöslichkeit der sakramentalen Ehe aufgegeben. Denn Reue und Umkehr kann in diesem Fall nur bedeuten, zur ersten Ehe zurückzukehren; niemand kann ernsthaft sagen „Ich bereue, aber ich will in dem Zustand bleiben, den die Tat hervorgerufen hat, die ich bereue“.
Wenn Barmherzigkeit etwas anderes bedeuten würde als die liebevolle Zuwendung und Antwort auf die Umkehr, dann wäre Ehebruch (denn so nennt Christus selbst die neue Verbindung) die einzige Sünde, die ohne Reue und Umkehr vergeben werden könnte. Barmherzigkeit kann in keiner Weise eine angeblich „barmherzige“ Rechtfertigung einer offenkundigen Ungerechtigkeit bedeuten. Denn dann wäre sie eine Täuschung des Menschen, die es ihm erlauben würde, in der Sünde zu verharren. Eine Kommunionzulassung auf dieser Basis wäre das Symbol für eine solche „Rechtfertigung“. Bekanntlich gehört gemäß einer langen Tradition der Kirche die Belehrung von Unwissenden und Irrenden zu den Werken der Barmherzigkeit.
[*] Vgl. S. 65 f. Die Argumentation des Autors erscheint zuweilen in sich widersprüchlich. So sagt er z. B. an anderer Stelle auch, dass „die Barmherzigkeit Gottes…nicht von der Umkehr dispensiert“ (S. 65). Oder: „Deshalb kann unsere Position nicht die einer liberalen Anpassung an den Status quo sein“ (S. 11). Aber wenn er z. B. die Tür der „wilden Lösungen“ (i.e. der willkürlichen Zulassung zur Kommunion) „in vielen Gemeinden längst sperrangelweit offenstehen“ sieht und er dem begegnen will, indem „man eine verantwortliche offizielle Tür öffnet“ (so in der „Tagespost“ vom 15. 4. 2014 in seiner Entgegnung auf unsere Besprechung seines Buches ebd. vom 11. 3.), dann ist das doch genau die Anpassung an den Status quo. - Oder wenn er auf der einen Seite für die Lösung der behandelten Fragen „eine Kasuistik nicht möglich und nicht wünschenswert“ hält (S. 92), auf der anderen Seite aber dann ein Vorgehen vorschlägt, das einen klassischen Fall von Kasuistik darstellt (S. 65f). Vgl. auch seine dies bestätigende Aussage, dass er „Einzelfallentscheidungen … zu bedenken gegeben habe“ (in seinem Interview „Nicht mit dem Papst selbst gesprochen“, in: „Die Tagespost“ vom 1. 3. 2014, S. 5).«

(Norbert und Renate Martin, "Dulden, was an sich unmöglich ist" - Kritische Anfragen an Walter Kaspers Buch "Das Evangelium von der Familie", Forum Katholische Theologie 2014,3, 186-201, 193-4. Hier als PDF verfügbar: KLICK)

Kommentare:

  1. Danke!

    >>„Ich bereue, Dich geheiratet zu haben“? << . Genau das wäre die Konsequenz der Tritratrulala - Sophistik.

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  2. Schon kurios, wie man dieses Thema verdrehen kann.
    "Ich bereue es, dich geheiratet zu haben", das ist doch die Konsequenz der jetzigen Regelung. Die Leute in einer irregulären Ehe sollen ruhig zusammen leben, aber sich nicht wie Eheleute zueinander verhalten. Wenn sie es doch tun, bleiben sie von den Sakramenten ausgeschlossen, weil sie angeblich sündigen. Beides bedeutet doch genau dies, sie müssen sich tagtäglich sagen: "Ich bereue es, dich geheiratet zu haben, weil es offb. eine Sünde ist."

    Eine Erlaubnis der Kirche, die irreguläre Zweitehe ganz normal zu führen, könnte genau diesen ungesunden Zustand beheben. Dann bräuchte man sich nicht mehr gedrängt fühlen, krampfhaft zu bereuen, was sowieso niemand bereuen kann, sondern könnte die neue Ehe oder eheähnliche Beziehung als Gnadengeschenk freudig annehmen und ausleben (sei es als reguläre Zweitehe oder als geduldetes Konkubinat oder mit Dispens oder in welcher Rechtsform auch immer, Hauptsache mit Erlaubnis der Kirche), ohne Angst oder Gewissensbisse wegen der mit dem Scheitern der vorausgegangenen Ehe ggf. verbundenen Schuld zu haben, die man ja hfftl. bereut hat, und ohne die unschöne Gewissheit, die Kirche habe etwas gegen diese neue Verbindung. Aufgabe der Kirche ist es, dies zu ermöglichen, um des Seelenfriedens und des Seelenheils der Betroffenen willen, nicht aber, ihnen Steine in den Weg zu legen oder unerfüllbare Forderungen zu stellen, wo es nicht nötig ist.

    Von einer Lösung der Zweitverbindung und Rückkehr zum ersten Gatten war ohnehin niemals die Rede, weder im Evangelium noch in der Kirchengeschichte noch in der gegenwärtigen Lehre. Das ist eine reine Erfindung neuerer Rigoristen. Es mag ja auch einzelne Fälle geben, wo so etwas möglich sein kann, aber das ist doch nicht die Regel und schon gar kein genereller Wunsch der Kirche. Die Kirche betont ja ganz im Ggt. schon seit Jahrzehnten den sittlichen Eigenwert der irregulären Verbindung, deren unbedachte Auflösung folglich selbst eine Sünde wäre und keineswegs ohne Weiteres empfohlen werden darf.

    Wenn es aber objektiv nicht nötig ist, hat die Kirche auch keinerlei Grund, strenger zu sein als Jesus und seine Apostel und deren Nachfolger, sondern muss zugunsten der gutwilligen Betroffenen eine formal gangbare Lösung suchen und umsetzen, um sie nicht am Evangelium verzweifeln zu lassen. Rigoristen, die sich dagg. sträuben, gebärden sich im Grunde genommen als Feinde des Evangeliums, weil sie ihre persönlichen Vorlieben über den Willen Jesu stellen und sein Gebot willkürlich zu hart auslegen, ohne auf die Wahrheit Rücksicht zu nehmen, die natürlich nicht in einer überharten Auslegung der Gebote liegt, sondern in ihrer moderaten und den Kriterien Jesu entsprechenden Anwendung. Nicht die Empörung besonders sittenstrenger Gläubiger ist hier der Maßstab, sondern der Heilsauftrag der Kirche.

    Was Nichtbetroffene wie das Ehepaar Martin oder der Blogger Sophophilos oder Kommentatoren wie Clamormeus oder Jorge darüber denken, ob sie die Nase rümpfen oder entsetzt im Evangelium blättern oder über Papst Franz jubeln, ist doch ganz unwichtig. Entscheidend ist allein, was Christus dazu sagt, und an dessen Stelle tritt eben die Autorität der Kirche.
    Mir ist schleierhaft, wieso sich Menschen, die selber überhaupt nicht in so einer Lage stecken und die sich zudem auch noch als christlich und glaubenstreu begreifen, über eine Lösung dieses Dilemmas derart ereifern können und die Grundfesten der Kirche in Gefahr sehen, falls sich die Kirche dazu entschließen sollte, diese oder ähnliche Lösungen für solche Situationen in Betracht zu ziehen. Es geht doch nur darum, den Leuten zu helfen, weil man auf den Heiland schauend einsieht, dass das, was Wiederverheiratete tun, evidentermaßen nichts Böses ist und eben darum auch keine schwere Sünde sein kann, jedenfalls dann nicht, wenn die Kirche es ihnen erlaubt. Wie man sich da ärgern oder Anstoß nehmen kann, statt sich mit den Betreffenden zu freuen, ist mir wirklich unbegreiflich.

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    1. » ... weil man auf den Heiland schauend einsieht, dass das, was [geschiedene] Wiederverheiratete tun, evidentermaßen nichts Böses ist und eben darum auch keine schwere Sünde sein kann, jedenfalls dann nicht, wenn die Kirche es ihnen erlaubt.«

      Mit Verlaub, aber diese Aussage diskreditiert m.E. den Rest. Wenn du glaubst, dass die Kirche es ist, die definiert, was Ehebruch ist, und was nicht, dann scheinen hier bereits einige Prämissen falsch zu sein. Die Kirche kann keinen Ehebruch "erlauben".
      Wie kannst du behaupten, das was die geschiedenen Wiederverheirateten tun sei "evidentermaßen nichts Böses" und "keine schwere Sünde"? Und das auch noch "auf den Heiland schauend"? Ich weiß ja nicht, welchen Heiland du meinst... ich kenne nur einen, und der hat uns Menschen nicht nur betüddelt und liebkost, sondern auch gewarnt... vor der Sünde: "Wer seine Frau aus der Ehe entläßt und eine andere heiratet, begeht ihr gegenüber Ehebruch. Auch eine Frau begeht Ehebruch, wenn sie ihren Mann aus der Ehe entläßt und einen anderen heiratet."
      Was für eine Evidenz soll das bitteschön sein? Mag ja sein, dass es empirisch nicht sonderlich "böse" erscheint, aber das ändert doch nichts am Gebot... und nichts an der Frage nach dem Seelenheil, welches eben gerade nicht "evident" feststellbar ist (vgl. Calvin).

      Die Stelle "Geh hin, und tu weiterhin das, was du tun willst", muss ich im Evangelium bisher überlesen haben.

      Achja: Es gibt auch "Betroffene", die sich dazu äußern, z.B. hier.

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    2. Die Prämissen deiner Aussagen stimmen ja weitgehend überhaupt nicht. Du folgst eben meistenteils deiner eigenen Logik, aber nicht der Logik der Kirche und leider auch nicht der des Evangeliums. Das macht es so schwer, dir deine Irrtümer begreiflich zu machen. Allein die Tatsache, dass dich dieses Wiederheiratsthema so irrsinnig stark beschäftigt, obwohl du davon doch gar nicht betroffen bist, müsste die Alarmsirenen heulen lassen.

      Fangen wir an mit dem letzten Punkt, dem Seelenheil. Da du von diskreditieren sprachst: Dies ist der Punkt, der deine Argumentation m.E. am allermeisten diskreditiert. Offenbar glaubst du, irgendjmd. könnte unglücklicherweise vom Himmelreich ausgeschlossen bleiben, weil er irgendein Gebot nicht beachtet hätte. Außerdem scheinst du "Seelenheil" ausschließlich auf das Jenseits zu beziehen. Beides sind Denkweisen, die vom geistlichen Kern des Glaubens wegführen.

      Im Jenseits wird das Herz gewogen, das wussten schon die alten Ägypter. Das Seelenheil ist im Diesseits und im Jenseits gleichermaßen in Gefahr, wenn du sündigst.
      Sündigen heißt, dem Bösen Raum in deinem Herzen gewähren und Gott nicht gehorchen. Mit dem Einhalten von Geboten hat das nur entfernt zu tun. Das gilt umso mehr, wenn du Gebote offenbar als bloße Regeln betrachtest, die mit Gut und Böse inhaltlich nicht unbedingt korrelieren. Du scheinst zu denken, etwas sei böse, weil es verboten ist. In Wirklichkeit ist es verboten, weil es böse ist.

      Gebote sind Hilfestellungen, um das Gute zu finden und Gottes Willen zu erkennen. Kein Gebot hat irgendeine Heilsbedeutung, wenn du es losgelöst vom Doppelgebot betrachtest. Dafür sind wir doch Christen!

      Zugrunde liegt deiner ganzen Argumentation also schon von Beginn an dieser unschöne Seitenblick auf das (virtuell natürlich: eigene) Seelenheil. Um das nicht zu gefährden, soll man deiner Ansicht nach darauf achten, keine Gebote zu verletzen.
      Durch diese falsche Prämisse wird dann auch alles andere so schief, die ganze Denkweise ist verkehrt. Man ist eben nicht Christ, um in den Himmel zu kommen, sondern man kommt in den Himmel, weil man Christ ist. Wer Jesus folgt, macht sich doch keine Gedanken darüber, ob er in den Himmel kommt!

      Also: Niemand wird bestreiten, dass es dieses Denken im Christentum gab und gibt, aber es ist halt im Grunde eine Verfremdung, eine Karikatur von dem, was Jüngerschaft im christlichen Sinne eigtl. bedeutet.

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    3. Nun zu meinen angeblich falschen Prämissen:
      Selbstverständlich kann die Kirche eine Wiederheirat erlauben, auch wenn der Gatte noch lebt. Das hat sie doch oft genug getan. Sicherlich nicht so oft, wie in manchen Pro-Wiederheirats-Plädoyers behauptet, aber immer noch oft genug, um klar zu machen, dass sie das darf, mit oder ohne Bußzeit. Wenn die Kirche das erlaubt und die Sünde mit der Bußzeit für abgegolten erklärt, ist es natürlich keine Sünde mehr. Immerhin wurde dies ja auch in der Unauflöslichkeitsdefinition von Trient ausdrücklich berücksichtigt.

      Weiter bietest du eine wenig überzeugende Definition von "Ehebruch". Seit wann kann eine Ehe mehrfach oder gar "immer wieder" gebrochen werden? Entweder wird sie gebrochen, dann ist sie kaputt und man kann sie durch Vergebung wieder heilen oder auch nicht. Wenn die Partner sich vergeben haben, könnten sie die Ehe theoretisch erneut brechen. Aber der fortgesetzte Verkehr mit einem Zweitpartner nach einer Scheidung fällt ja eben gar nicht in diese Definition, selbst wenn man sie relativ weit auslegt.
      Es ist formal ein "Ehebruch", insoweit man jeden außerehelichen Geschlechtsakt mit einer anderen Person als dem gültig angetrauten Ehegatten als materiell-rechtlichen "Ehebruch" bezeichnen könnte. Aber diese formalrechtliche Definition hat ja nichts mit der Sündhaftigkeit zu tun. Du nennst ja auch nicht jede Tötung eines Menschen "Mord" oder jeden falschen Schwur "Meineid".
      Genauso kann man nicht jeden außerehelichen Verkehr "Ehebruch" nennen oder muss eben zwischen der Todsünde Ehebruch und dem bloß materiellen Tatbestand "Ehebruch" differenzieren. Im Übrigen tut Jesus das ja selbst und spricht vom schuldlosen Ehebruch der verstoßenen Frau. Nach deiner Logik müsstest du ja annehmen, diese Frau begehe mit ihrem Ehebruch eine schwere Sünde, Jesus behauptet dagg. genau das Ggt. und spricht die Schuld dem entlassenden Mann zu und gerade nicht der ehebrechenden Frau,

      Es versteht sich von selbst, dass es etwas anderes ist, ob sagen wir der Mann mit seiner Sekretärin fremdgeht, weil ihn seine Frau langweilt, oder ob die unschuldig sitzengelassene Frau nach mehreren Jahren des Alleinseins einen neuen Partner kennen lernt und den dann heiratet. Nach deiner Logik wäre das beides "Ehebruch" und beides gleichermaßen "schwere Sünde".
      Da dies offenkundig Unsinn ist und die ganze Argumentation ad absurdum führt, überzeugt diese Logik eben keinen, so einfach ist das.

      Es liegt natürlich vor allem wieder daran, dass nach so einer nur auf das (in absurder Weise verabsolutierte) Gebot und nicht auf den sittlichen Menschenverstand blickenden Logik böse Dinge gut und gute Dinge böse genannt werden müssten, also genau das passiert, wovor Jesus warnt. Daher fällt einem moralisch sensiblen Beobachter gleich auf, dass da etwas so nicht stimmen kann. Ergebnis ist wieder dasselbe: Diese Logik überzeugt nicht.

      Jesu Kriterium für gut und böse ist das Herz, das Innere des Menschen, deshalb verbietet er ja die Scheidung und nennt explizit "Hartherzigkeit" als Grund. Um Jesu Gebot zu befolgen, muss man es aber erstmal verstehen und einordnen.

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    4. Mit Jesusworten kannst du hier in deinem Sinn auch deshalb nicht argumentieren, weil Jesus überhaupt kein sakramentales Eheband kannte und die gesamte Antike wie auch das zeitgen. Judentum den Ehebruch natürlich immer als unwiederbringliches Ende einer Ehe auffassten. Eine Rückkehr zum Manne nach einem Ehebruch galt ja widerwärtige Schande, als Todsünde. Selbst wenn Jesus (was ihm m.E. sogar zuzutrauen wäre) tats. eine Versöhnung auch nach einem Ehebruch für denkbar gehalten hätte, wäre diese Deutung extrem unkonventionell und praktisch nicht zu vermitteln gewesen.
      Das heißt nicht, dass Sakramentalität und Unauflöslichkeit in seiner Lehre nicht angelegt und berechtigterweise von der Kirche daraus entwickelt worden wäre. Aber eben nicht so platt, wie du das darstellst, so als hätte er selbst schon im Wissen um die neuzeitliche kirchliche Kanonistik gesprochen.

      Dass die Kirche den Ehebruch bis ins 4. Jh. durchweg ebenfalls als Ende der Ehe betrachtete und die Ostkirche das in schrift- und traditionsgemäßer Weise (die unsererseits anerkannt ist, siehe die oben bereits erwähnte Unauflöslichkeitsdefinition von Trient) immer nocht tut, ist ein Faktum, dass du in deinen Beiträgen einfach ignorierst oder gar bestreitest. Hintergrund für deine Schwierigkeit damit ist natürlich die (auf eine Sondermeinung Augustins zurückgehende) kath. Auffassung von der Sakramentalität und Unauflöslichkeit der Ehe. Deshalb muss ich jetzt sakramententheologisch werden:

      Das Fortbestehen des sakramentalen Bandes (auch bei definitiv gebrochenem Ehebund) hat damit nichts zu tun, das besteht natürlich auch bei einer kaputten (gebrochenen) Ehe, heilt sie aber nicht automatisch ohne Zutun der Partner (kein Sakrament wirkt ohne Mitwirkung der Empfänger, in diesem Fall gehören sogar zwei dazu. Sakramente sind wie eine ausgestreckte Hand Gottes, in die man einschlagen muss; verweigert man das, entfalten sie keine Heilsrealität). Es ist dann eben nur noch ein unwirksames Sakrament, das mangels Disposition nicht angenommen wird und keine Wirkung hat. Ein derartiges wirkungsloses Sakrament ist sicherlich nicht schön und hinterlässt Narben, aber es ist nichts, was die Kirche nicht vergeben könnte, insb. natürlich dem unschuldigen und/oder bereuenden Teil.

      Der Denkfehler Johannes Pauls und seiner Schule besteht grds. darin, dass sie Band und Bund für identisch erklären. Dann stimmt das sakramententheologische Modell aber nicht mehr mit der Heilsrealität überein. Man wäre gezwungen, einen realiter vollkommen gescheiterten Ehebund, der diesen Namen nicht verdient, zum Heilszeichen zu erklären. Das ist er aber nicht.
      So macht man die Ehe zum bloßen Hirngespinst, mit dem man Betroffene in falsche Gewissensnöte treibt, statt ihnen Heilung und Vergebung zu verschaffen (siehe dein verlinktes Bsp.). Damit verfehlt die Kirche ihren Heilsauftrag.
      Genau dieses Dilemma konnte JPII mit seiner Theologie des Leibes nicht lösen, und diese unwirkliche Note, die es als Lösung für die Nöte geschiedener Eheleute untauglich macht, hat dazu geführt, dass diese Theologie für dieses Problem weitgehend unerheblich bleibt. Sie taugt sicher ganz gut, um ein Eheleben mit Sinn zu erfüllen, die Geschlechtlichkeit richtig einzuordnen, Durststrecken zu überstehen und Verletzungen zu heilen, wenn beide wollen. Was diese Theologie aber definitiv nicht leistet, ist heillos gewordene, echt gescheiterte Ehen zu einem Ende mit Schmerzen zu bringen, statt den Schmerz und das Unheil zu perpetuieren. Deshalb müssen hier andere Rezepte her.

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    5. Jorge schrieb: " Man ist eben nicht Christ, um in den Himmel zu kommen, sondern man kommt in den Himmel, weil man Christ ist. Wer Jesus folgt, macht sich doch keine Gedanken darüber, ob er in den Himmel kommt!"

      Ich lasse das jetzt mal unkommenteirt so stehen.

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  3. >>strenger zu sein als Jesus und seine Apostel und deren Nachfolger,<<

    Was ist denn streng daran, eine Frau die Ehebruch begangen hat, zu sagen: "Geh und sündige von nun an nicht mehr?"

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  4. Nichts, deshalb wurde diese Episode ja auch in den Evv.-Handschriften der ersten Jh. meist weggelassen. Die Auftraggeber der Abschriften (strenge Familienväter) wollten im Familienkreis keine Geschichte vorlesen, die sich anhört, als würde Jesus einer Ehebrecherin allzu verständnisvoll begegnen. Sie fürchteten um die Moral ihrer Töchter. Wenn Jesus in der Geschichte besonders streng gewirkt hätte, hätte es solcher Vorsichtsmaßnahmen ja nicht bedurft.

    Ob das Ganze nicht vllt. doch nur eine fromme Legende ist, die irgendwie in den Kanon rutschte, weiß man nat. nicht, aber die Tatsache, dass die Perikope offb. unterdrückt wurde und erst so spät und auf Umwegen in unklarer Position doch noch ins Ev. gelangte, spricht in diesem Fall eigtl. eher *für* die Echtheit als dagg., meine ich (stimme hier Ken Bailey zu).

    Unabhängig davon wird diese Erzählung im Zshg. mit der Frage der Wvh.-Kommunion m.E. total überstrapaziert. In Wirklichkeit sagt sie eigtl. gar nichts zu diesem Thema aus.

    Im Mittelpunkt steht ja überhaupt nicht der Ehebruch, sondern das Verhalten der Steiniger und deren Selbstgerechtigkeit, die Jesus spektakulär entlarvt. Es geht in der Perikope also um das Urteilen über Missetäter, das man tunlichst unterlassen sollte, weil man sich im Grunde selbst mitverurteilt; Ehebrechen als solches ist gar nicht das Thema (vgl. meine Satire bei Andreas: http://prospesalutis.blogspot.de/2014/09/von-der-bekehrung-der-ehebrecherin.html?showComment=1411564938907#c404830586282868655 - Vorsicht *Satire*, stellt keine lebenden Personen dar, sondern nimmt Missverständnisse unrealistisch überzeichnend aufs Korn).

    Etwas erstaunlich ist vllt., dass die von Jesus gerettete Frau trotz seiner bekanntermaßen strikten Verurteilung der Ehescheidung als „Ehebruch“ ausgerechnet eine Ehebrecherin ist. Weiter gehende Schlüsse im Hinblick auf Jesu Haltung zur Ehe und zur Scheidung lassen sich aber m.E. keine ziehen, auch nichts, was die liberalere Position bzgl. der Sakramente für zivil Wvh. wirklich stützen könnte.

    Ob die Frau nochmal geheiratet hat oder allein geblieben ist, bleibt völlig offen. Was Jesus für sie im Sinn hatte, wissen wir nicht. Der letzte Satz "sündige nicht mehr" ist banal. Was hätte Jesus sonst sagen sollen? Wenn dieser Satz tats. zur Überlieferung gehört (und nicht etwa von einem der "besorgten Familienväter" drangehängt wurde), meint Jesus damit vllt., sie soll keine Prostituierte werden. Oder sie soll sich einen Scheidebrief holen und ihren Geliebten heiraten (m.E. unwahrscheinlich). Oder sie soll allein bleiben (m.E. auch eher unwahrscheinlich).
    Rückkehr zu ihrem Mann kann er jdfs. nicht meinen, denn das wäre ja auf jeden Fall Sünde gewesen.
    Oder hat er sich gerade darüber hinweggesetzt und eine solche Versöhnung mit dem Ehemann doch ins Auge gefasst? Man könnte das Jesus vllt. sogar zutrauen, so gegen geltende Konventionen zu verstoßen. Aber die Geschichte und dieser Satz geben das natürlich nicht her.

    Wenn sich die Episode so zugetragen hätte, bliebe als wahrscheinlichstes Szenario, dass die Frau, wenn sie konnte, in ihr Elternhaus zurückkehrte und evtl. sogar wirklich unverheiratet blieb oder, v.a. wenn sie jünger war und nicht vermögend, einen neuen Mann nehmen musste. Rückkehr zum alten Mann ist wie gesagt prakt. ausgeschlossen, selbst wenn Jesus das gewollt hätte, hätte der sie nicht genommen, denn bei dem ganzen Aufruhr wusste er ja sicher alles.

    Aber das sind natürlich alles ganz unzulässige Spekulationen, ich breite das hier nur so aus, weil Sophophilos in einem früheren Posting selber mal gefragt hatte, was denn gewesen wäre, „wenn die ertappte Ehebrecherin trotz dieser Mahnung wiederum (und ständig) sündigte....“

    Lustigerweise hatte ich das in meiner Satire ja auch angedacht: Vielleicht hätte Jesus ihr nachrufen sollen: „Beim nächsten Mal bist du dran!“
    Wie absurd diese Frage und mehr noch die Parallelisierung mit sukzessiven Bigamisten unserer Tage ist, müsste aber deutlich geworden sein.

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