Mittwoch, 1. August 2012

Evolution in Groß

General Sherman
Fortsetzung:

Es gibt nun einige Leute (Kreationisten), die behaupten einen Unterschied zwischen dem, was sie "Mikroevolution" nennen und dem, was sie "Makroevolution" nennen. Das eine meine die Veränderung auf Artebene (sie sprechen von "Grundtyp", definieren aber nicht, was damit genau gemeint ist; der Einfachheit halber nehme ich hier mal die "Spezies"), also z.B. dass es verschiedene Hunderassen gibt (Grundtyp "Hund"). Das andere meine die großen Veränderungen, von denen schon zuvor die Rede war (z.B. die Entwicklung eines hundeähnlichen Landsäugetiers zu Meeressäugern wie etwa dem Wal). Daraus, dass niemand diese großen Veränderungen je beobachtet habe, schließen sie, dass sie nicht möglich oder zumindest nicht beweisbar seien.

In aller Deutlichkeit vorweg: Eine solche Unterscheidung, Mirko- und Makroevolution, ist Schwachsinn!


Dieser Unterscheidung liegt ein Postulat zugrunde (das manchmal auch ausgesprochen wird): Dass es eine biologische Schranke gäbe die die Organismen daran hindert, sich in "etwas anderes" weiterzuentwickeln. Die Wahrheit ist, dass die Leute die jene Unterscheidung propagieren, die Beweislast bei sich haben. Sie müssen beweisen, dass es einen Unterschied zwischen Mikro- und Makroevolution gibt!

Diese Idee hat ein logisches und ein biologisches Problem.

Erstmal das logische:
Ich hab bereits darauf hingewiesen, dass im Laufe der Erdgeschichte zich Millionen Spezies eine bestimmte Zeit lang lebten (d.h. es gab eine Zeit, da es diese Spezies nicht gab, dann gab es sie, und dann wieder nicht) und dass auch die heute lebenden Arten allesamt irgendwann einmal noch nicht existiert haben.
Um den Fossilienbefund zu erklären, müsste man geradezu abenteuerliches behaupten: Wenn es keine Evolution gegeben hätte, müssten alle diese Tierspezies ständigen ausgestorben sein und eine "neue", nur leicht veränderte Variante, müsste plötzlich "erschienen" sein nur um ihrerseits irgendwann auszusterben und wiederum von einer nur leicht veränderten Variante (wo immer die herkommt) ersetzt zu werden. Jede dieser Spezies wäre dann nur zufällig sehr ähnlich zu der Spezies direkt vor ihr und der Spezies direkt nach ihr gewesen, und immer schön in der richtigen Reihenfolge?
Nur so ließe sich erklären, was wir faktisch in den Fossilien finden. Wir finden (stark vereinfacht ausgedrückt) die verschiedenen, nur leicht unterschiedenen Fossilien einer evolutiven Reihe nie gemeinsam in einer Erdschicht und die "nachfolgenden" finden wir auch nicht unter ihren Vorgängern.
Also: wurden alle diese Spezies nun ständig durch andere, sehr ähnliche Spezies ersetzt (tauchten die "Ersatztiere" also aus dem Nichts auf), oder liegt hier eine Entwicklung vor? Ist es denkbar, dass die ältere Spezies durch vielerlei Veränderungen über einen langen Zeitraum hinweg schließlich zu der "neuen" Art evolviert ist? 
In Wirklichkeit ist es so einfach: Kleine Veränderungen in kleinen Zeiträumen führen zu großen Veränderungen in großen Zeiträumen. Würde man exakt diese Logik des "Makroevolution wurde nie beobachtet und ist folglich auch nicht beweisbar/möglich" auf die Realität anwenden, müsste man auch das Wachstum eines Baumes leugnen: Wie kann dieser Mammutbaum so groß geworden sein, wenn er doch jedes Jahr nur ein kleines Bisschen wächst? Mikrowachstum ist möglich, das sehen wir ja auch. Aber Makrowachstum ist nicht möglich! Schließlich hat nie jemand beobachtet, wie aus einem kleinen, nur einen Zentimeter großen Schößling, ein riesiger Mammutbaum wird!
Und hier wird ersichtlich, warum ich immer so darauf beharrt habe, dass Evolution für eine Spezies die gleiche Bedeutung hat wie das Wachstum für ein Individuum: Die logische Alternative wäre nämlich dies: Bäume "erscheinen" spontan in verscheidenen Größen; die großen Varianten sind nicht aus kleinen hervorgegangen, niemand hat es je beobachtet! Also das gleiche Prinzip und der gleiche Denkfehler wie ihn die Krerationisten im Hinblick auf die "kleinen Veränderungen" in der "großen Evolution" begehen.



Neben diesem logischen Problem gibt es aber auch noch ein biologisches mit dieser Idee der Unterscheidung von Makro- und Mikroevolution: 
Wenn das stimmen würde, dann müsste es Grenzen für die Veränderbarkeit der DNA geben.
Alles Leben besitzt die gleiche DNA. Das ist ein sehr langes Molekül (Desoxyribonukleinsäure ) das in Form einer Abfolge verschiedener Nukleotide unsere Erbinformation enthält. Das meiste (grundlegendste) dieser Informationen ist sogar bei allen Lebewesen gleich (50% unseres Stoffwechsels, läuft bei der Banane genauso ab).
Da innerhalb des "Grundtyps" Veränderungen der DNA möglich sind, diese Veränderungen aber nie den „Grundplan“ des Lebwesens verändern dürfen, dürfen einige Gene bei diesen Lebewesen, nämlich die, die diesen Grundtyp als solchen konstituieren, nicht mutieren. Das bedeutet: Um die Grundtypenidee halten zu können, muss nachgewiesen werden, dass es in der DNA jedes Lebewesens Abschnitte gibt, die nicht, nie, auf keinen all, unter garkeinen Umständen mutieren können, weder durch Mutagene, Viren oder sonstwas. Und mehr noch: diese Gene müssen ja freilich dennoch abgeschrieben, in eine Aminosäurekette übersetzt und bei einer Zellteilung repliziert werden. Das bedeutet für die Grundtypenideologen: sie müssen beweisen, dass das Abschreiben, Rekombinieren und Replizieren dieser Gene – und nur dieser Gene (denn von denen abgesehen gibt es ja innerhalb des Grundtyps dennoch Veränderungen) – immer und ausnahmslos fehlerfrei verläuft. Nur so kann ein Grundtyp bestehen, nur so kann verhindert werden, dass ein Lebewesen sich über die gedachte "Grundtypengrenze" hinweg entwickelt (verändert). Es liegt hier also die Beweislast bei den Grundtypenideologen, denn sie machen die positive Behauptung: "Es gibt Gene die nicht verändert werden können."

Nun gibt es zwar Gene, die besonders "geschützt" sind, und die besondere Korrekturmechanismen besitzen und darum eine besonders niedrige Mutationsrate aufweisen (etwa manche Gene die für so eine empfindliche Struktur wie das Auge zuständig sind), aber ein völliger Schutz und eine zu allen Zeiten perfekte Korrektur ist physikalisch garnicht möglich, denn auch diese Schutz- und Korrekturmechanismen müssen ihrerseits ja wiederum in der selben DNA codiert sein und können darum mutieren.


Das witzige ist, dass die Grundtypenideologen (und dazu gehört auch die in Deutschland ansässige "Studiengemeinschaft Wort und Wissen" mit ihrem leider auch in katholischen Kreisen verbreiteten Buch "Evolution - ein kritisches Lehrbuch") auf den Gedanken garnicht kommen. Sie sagen einfach "Das Leben besteht in Grundtypen, diese markieren unüberwindliche Grenzen für Veränderungen/Anpassungen". Als Begründung für die Behauptung wird zweierlei genannt: 1. Dass man ja nicht belienige Lebewesen miteinander kreuzen kann (es scheint eine "Grenze" zu geben). 2. Dass man es noch nie beobachtet hat, wie über eine solche Grundtypengrenze hinweg eine Entwicklung geschieht, also "Makroevolution". Punkt 1 ist eine aussagenlose Tautologie: Weil es eine Grenze gibt, gibt es eine Grenze, und sagt garnichts über eine mögliche Abstammung aus. Punkt 2 ist, siehe oben, ein simpler Denkfehler, beruhend auf dem Unvermögen, etwas über den eigenen Tellerrand (bzw. die eigene Lebensspanne) hinaus anzuerkennen.
Die erstmal nachzuweisende biologische Voraussetzung für die Existenz solcher festen Formen, wie ich sie hier gerade beschrieben habe, findet aber nie Erwähnung. Diese Leute tun so, als würden sie Biologie betreiben und eine wissenschaftliche Hypothese vorlegen, erklären aber nichtmal im Ansatz, was biologisch gegeben sein muss, damit soetwas überhaupt nur möglich ist.

Das Gegenteil ist aber sehr wohl bewiesen und eine der grundlegenden Erkenntnisse der Genetik: Dass es keine solchen unveränderlichen DNA Abschnitte gibt!
Der einzige Unterschied zwischen Mikro- und Makroevolution, wenn man denn unbedingt einen machen will, ist, wie auch beim "kleinen" und "großen Wachstum" eines Baumes: Zeit.


To be continued...

Kommentare:

  1. Ach was! Die ganzen Fossilien hat Gott doch nur in der Erde versteckt, um unseren Glauben zu testen!!!!1111einself

    (SCNR, den mußte ich jetzt endlich mal bringen :-)

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