Mittwoch, 2. September 2015

Erlaubt der Papst jetzt Abtreibung?

Überall sprießen dieser Tage Pressemitteilungen, die verkünden, Papst Franziskus hätte eine andere Haltung gegenüber Abtreibung eingenommen: "Priester dürfen Abtreibung vergeben". Die Satire von Eye of the Tiber ist da garnicht mehr so weit weg: "Pope Francis announced Tuesday that he will allow Roman Catholic women to have as many abortions as they want during the upcoming Holy Year of Mercy" (hier).
Was passiert ist, kurz rekapituliert:

Der Papst hat ein außerordentliches "Heiliges Jahr" ausgerufen unter dem Motto der Barmherzigkeit (Päpste rufen für gewöhnlich alle 25 solch ein "Heiliges Jahr" aus, das nächste wäre erst 2025, weshalb dieses nun "außerordentlich" ist... der Papst darf das). Sinn solcher Heiligen Jahre (oder "Jubeljahre"), die die Päpste seit dem Jahr 1300 des öfteren ausgerufen haben, ist es, spirituelle Impulsen für die Kirche zu geben.
Nun hat der Papst, u.a., für dieses Jahr allen Priestern der katolischen Kirche die Befugnis gegeben, im Rahmen des Beichtsakramentes von der Sünde einer vollzogenen Abtreibung loszusprechen. Das Problem ist nun, dass dieser Satz für einen Nichtkatholiken unmengen an Konzepten enthält, die er nicht versteht bzw. mit denen er nichts anzufangen weiß und auch Katholiken sind zuweilen verwirrt.


Aaalso:
Erstens: Was ist "Beichte"? Eines von sieben Sakramenten, also, vereinfacht gesprochen, rituelle Lebensvollzüge der Kirche, die sie mit Gott verbinden (vgl. Taufe, Firmung etc.). In der Beichte geht es darum, begangene Sünden zu "beichten" und die Lossprechung zu empfangen. Was heißt das? Es ist KEIN Freibrief die zu beichtenden Taten zu begehen, sondern das genaue Gegenteil: Nur wenn ich die Tat, die ich begangen habe (also z.B., ganz grob, Verstöße gegen die Zehn Gebote) 1. wirklich als Sünden anerkenne (die mich mein Seelenheil kosten können!!) und sie 2. vor dem Priester ehrlich benenne und bekenne („Ich habe gesündigt...“), wenn ich sie zudem 3. aufrichtig bereue ("wie konnte ich nur!") und 4. Sühne leisten will, und 5. den ernsthaften Vorsatz fasse, sie nicht wieder zu begehen, DANN wird mir die Absolution, d.h. die Verzeihung meiner Sünden, zugesprochen (heißt: der Priester leiht soz. Gott seine Stimme, wenn er spricht "So spreche ich dich los von deinen Sünden"). Es geht darum, dass der Mensch (einfach weil er Mensch ist...) gegen Gott sündigt, dass Gott ihm aber, unter den genannten Bedingungen, diese Sünde vergibt.

 

Zweitens: Was ist Abtreibung? Abtreibung ist Mord. Abreibung ist, weil sie Mord ist, eine Sünde (gegen das 5. Gebot). Nun ist es aber so, dass, weil Abtreibung eine so schwerwiegende Sünde und zudem auch eine Straftat ist (also solche steht sie auch im Gesetzbuch der Kirche: c. 1398 CIC), jene Lossprechung nicht wie bei anderen Sünden durch jeden Priester mit entsprechender Beichtbefugnis erfolgen kann. Das hat damit zutun, dass durch die Mitwirkung an einer Abtreibung, zusätzlich zu der Sünde des Mordes, auch (auf einer anderen Ebene, die von der Kategorie "Sünde" zunächstmal unabhängig ist) nach kirchlichem Recht eine Straftat begangen wird, die die Strafe der Exkommunikation zur Folge hat, also der Ausschluss aus der sakramentalen Gemeinschaft der Kirche. [Anmerkung: Sünde und Straftat sind zwei Paar Schuhe, auch wenn sie zuweilen, wie in diesem Fall, durch ein und die selbe Handlung begangen werden: eine Sünde führt nicht zur Exkommunikation, sie kann jedoch die Rechtsstellung innerhalb dieser Gemeinhaft beeinträchtigen. Niemand wird exkommuniziert, weil er sündigt - wir sind schließlich keine Katharer. Exkommuniziert wird, wer eine entsprechende Straftat begangen hat. Sofern eine Frau nicht selbst eine Abtreibung an sich durch- bzw. herbeiführt (sei es chemisch - etwa durch die "Pille danach" -, oder mechanisch - durch einführen von Stricknadeln oder was es sonst so an Methoden gibt), sind es die Ärzte, die hier die Straftat begehen. Mir ist jedenfalls kein Fall der Exkommunikation einer Frau bekannt, sofern sie nicht selbst an der Durchführung der Abtreibung mitwirkte. Die Sünde begehen hingegen alle beteiligten, auch die Frau, die die Abtreibung will.] Diese Strafe der Exkommunikation aufzuheben und so überhaupt die Möglichkeit für den Empfang des Sakraments der Versöhnung zu eröffnen, bedarf (außer in besonders dringenden Fällen, etwa Todesgefahr) des Bischofs. (Übrigens: auch in Deutschland ist Schwangerschaftsabbruch nach § 218 StGB eine Straftat, die nur unter bestimmten Bedingungen straffrei bleibt...)
 

Drittens: Was der Papst für diese außerordentliche Heilige Jahr der Barmherzigkeit ermöglicht hat, ist, dass in diesem Zeitraum alle zur Spendung des Beichsakraments befugten Priester von der Sünde der durchgeführten Abtreibung lossprechen können, und ich vermute stark, so wie der entsprechende Passus formuliert ist (s.u.), dass das "Neue" hier v.a. die Aufhebung der Strafe der Exkommunikation der Ausführenden durch die entsprechenden Priester betrifft. [Anmerkung: Früher enthielt die Lossprechung vor der eigentlichen Absolutionsformel, die der Priester spricht, auch die in 99,99% der Fälle überflüssige Formel zur Lösung "von jeder Fessel der Exkommunkation und des Interdikts, soweit meine Vollmacht reicht und du dessen bedarfst".]
 

Hier ist nichtmal annähernd eine neue Haltung gegenüber Abtreibung erkennbar! Es handelt sich um eine rein kirchenrechtlich-disziplinarische Bestimmung, die es reuigen Sündern, die sich durch Mitwirkung an einer Abtreibung schuldig gemacht haben, ermöglicht, diese Sünde (bei entsprechenden Voraussetzungen, s.o.) auch bei ihrem Pfarrer zu beichten, die Lossprechung und Vergebung für diese schlimme Tat zu erfahren und mit der Kirche versöhnt zu werden.   

Man vergleiche nun diese Ausführngen mit den tatsächlichen Worten von Franziskus: 
"... habe ich, ungeachtet gegenteiliger Bestimmungen [d.i. was sonst gilt], entschieden, für das Jubiläumsjahr allen Priestern die Vollmacht zu gewähren, von der Sünde der Abtreibung jene loszusprechen, die sie vorgenommen haben und reuigen Herzens dafür um Vergebung bitten. Die Priester mögen sich auf diese große Aufgabe vorbereiten und Worte der echten Annahme mit einer Reflexion zu verbinden wissen, die hilft, die begangene Sünde zu begreifen. Ebenso sollen sie auf einen Weg echter Umkehr verweisen, um die wahrhaftige und großherzige Vergebung des Vaters verstehen zu können, der durch seine Gegenwart alles erneuert." (hier)

Es ist höchst bedauerlich, dass diese Anweisung so völlig unkommentiert und Kontextlos in die Welt hinausgeschickt wurde... hier hat die Kommunikation des Vatikans wiedermal glänzend versagt. Außerdem ist die Formulierung kirchenrechtlich unsauber, denn das Problem ist hier nicht die begangene Sünde, sondern die Straftat, die normalerweise eine Lossprechung von dieser Sünde verhindert.

Kommentare:

  1. Die Interpretation der Verlautbarung als bedauerliche Kommunikationspanne geht völlig an der Sache vorbei.

    Natürlich hat sich am Prinzip (dass die Kirche Abtreibung verurteilt) nicht das Allergeringste geändert.
    Der Papst setzt mit dieser Ankündigung jedoch einen unüberhörbaren Akzent gegen militante Lebensschützer, die hauptsächlich in den USA aber auch anderswo zu den verschworensten Papstgegnern gehören und die familienpolitischen Debatten für ihren rechtskonservativen Kulturkampf instrumentalisieren.

    Das Signal kommt in dem Sinne genau zum richtigen Zeitpunkt und ist vom medialen Echo her ganz genau berechnet und auf die Situation vor der Familiensynode abgestimmt. Man denke an den Planned-Parenthood-Skandal in den USA, der maßgeblich von kath. Lebensschützern (also den Gegnern der Familiensynode, die den "Kasperianismus" verteufeln) vorangetrieben wurde.
    Für Dtschl. ist der Zeitpunkt noch einmal besonders geschickt gewählt: Gerade erst vor einer Woche war bekanntlich Martin Lohmann in Rom und hat dem Papst das Plastikfigürchen eines Ungeborenen geschenkt. Sein Ziel, Papst Franz für den Berliner "Marsch für das Leben" zu vereinnahmen, kann er nach diesem Presserummel jetzt mehr oder weniger vergessen.

    Inhaltlich sticht an der Verlautbarung der Perspektivenwechsel hervor, der den Ansatz des fanatischen Flügels der Lebensschutzbewegung untergräbt: Nicht Kulturkampf, ungeborene Opfer, gesellschaftlicher Protest und moralische Verurteilung stehen im Vordergrund, sondern die betroffenen Frauen selbst, ihr Schicksal, mitfühlendes Verständnis und Vergebung.
    Das ist m.E. genau das richtige Signal für eine abgerüstete Abtreibungsdebatte, denn nur auf dieser Basis lässt sich der Dialog aus der ideologischen Vereinnahmung durch Rechte und Linke herausbewegen.

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    1. Finde ich witzig, wie du das gleich wieder verschwörungstheoretisch und taktich deutest. Und m.E. völlig an der Sache vorbei. Es geht hier um das Sakrament der Beichte, das leichter zugänglich gemacht wird, was hat das mit "militanten Lebensschützern" zutun, die in der Mehrheit nichtmal katholisch sind?

      Ich nehme an, dass dir die Tatsache, dass diese nun vom Papst gewährte Vollmacht ausgerechnet in den USA und in Deutschland bereits seit Jahren von den allermeisten Bischöfen ihren Priestern erteilt wird (und also dieser Passus in diesen Ländern nichts Neues bringt), wohl nicht bekannt ist, oder?

      Der Papst vereinfacht hier einen ansonsten (in den meisten Ländern) eher komplizierten Prozess, um den Zugang zur Barmherzigkeit Gottes im Beichtsakrament (das, wie wir neulich gelernt haben, selbst von unseren "hauptamtlichen Seelsorgern" viel zu selten empfangen wird!) zu erleichtern... kein politisches Manöver, und ganz sicher kein taktiches Kalkül.

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    2. Gerade dass dieser Passus in vielen Ländern nichts Neues bringt (für Dtschl. war mir das nat. bekannt, bzgl. der USA wusste ich es tats. nicht) ist doch ein Grund mehr, nach tieferen Gründen für dieses Signal zum jetzigen Zeitpunkt zu forschen. Kirchenpolitik ist doch keine Verschwörungstheorie. Der Ärger der Lebensschützer über die angebl. "Kommunikationspanne" belegt ja auch, dass es da Stoßrichtungen gibt, die nicht allen schmecken.

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    3. Ich glaube, du irrst.
      Ich halte die gegenteilige Interpretation und Reaktion von seiten der Abtreibungsbefürworter (und entsprechend umgekehrt von Seiten der lebensschützer) für viel wahrscheinlicher: Es handelt sich ja, wohl gemerkt, um eine auf ein Jahr befristete vereinfachende Ausnahme. Eine Vereinfachung, die für die allermeisten Menschen insofern unverständlich sein dürfte, weil sie gar nicht wussten, dass es eigentlich (und nach diesem Jubeljahr auch weiterhin) komplizierter ist. Ich vermute, dass diese nun für ein Jahr gewährte Ausnahme die tatsächliche Schwere dieser Sünde/Straftat noch viel mehr ins Bewusstsein bringt und keineswegs beschwichtigend wirkt.

      Und mir scheinen die Reaktionen recht zu geben, schaust du z.B. hier. Dort wird, neben vielem Falschen, immerhin richtig bemerkt: "Man pflege die Praxis der Vergebung stillschweigend schon seit Jahren". Das Schreiben des Papstes kommt dieser bequemen Praxis nun gehörig in die Quere.
      Franziskus fordert zu Umkehr und Versöhnung auf. Das setzt aber (s.o.) eine Erkenntnis und ein Eingestehen der Sünde voraus, was man sich normalerweise ja gerade nicht eingestehen will! (Abtreibung als "Recht" [siehe Link], nicht als schwere Sünde.)

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    4. Es ist sehr bedauerlich, dass deine Perspektive so eisern horizontal ist. Du siehst scheinbar ausschließlich die "politische Botschaft", die der Papst angeblich senden will, übersiehst aber völlig das große Ganze, das eigentlich direkt vor Augen ist (den Wald vor lauter Bäumen...): Dass es bei diesen Äußerungen des Papstes einzig um die Versöhnung der verwundeten Seele mit Gott im Sakrament der Beichte geht.
      Es geht somit um nichts weniger als um den wahren Kern des christlichen Glaubens: "Denn Gott war in Christus und versöhnte die Welt mit sich selber und rechnete ihnen ihre Sünden nicht zu und hat unter uns aufgerichtet das Wort von der Versöhnung." (2Kor 5,19)

      Franziskus hat es in seinem Pontifikat immer unermüdlich gepredigt und ist immer, das "Protokoll" brechend, mit gutem Beispiel voran gegangen: Lasst euch versöhnen in der Beichte! Ich erinnere mich noch an die Bilder, wie ihn sein Zeremoniar den Beistuhl zeigt, den er besetzen soll, und Franziskus lässt ihn links liegen, läuft einfach geradeaus weiter, am Kameramann vorbei, auf die andere Seite des Ganges und geht selber erstmal beichten.
      Ich habe das Gefühl, als sei dir diese ganze sakramentale Dimension der Versöhnung, die unzweifelhaft im Zentrum der Verkündigung dieses Papstes steht, völlig egal... es geht dir nur um das Politik, um das "Senden" von "Botschaften". Deine Ausführungen könnten 1 zu 1 von irgendeinem Reporter stammen, der überhaupt keinen Bezug zum Glauben der Kirche hat, und der, so völlig "außen" stehend, versucht, die "Signale" zu deuten, die "das Oberhaupt der katholishen Kirche" an die Welt "sendet". Wo er doch in Wahrheit nur die Katholiken(!) zum Empfang des Bußsakramentes ermutigen will.

      Nein, die Lebensschützer beschweren sich nicht wegen einer "Kommunikartionspanne", sie begrüßen die Worte des Papstes, die die Schwere der Tat der Abtreibung erneut vor Augen stellen. Das fällt inzwischen auch denen auf, die zuvor noch euphorisch ihre feuchten Träume wahrgeworden glaubten. Sie reiben sich nun die Augen und merken: Oh, doch nicht. Es ist sogar viel schlimmer geworden!
      Und die, die aus den Sakramenten der Kirche leben, finden hier einen Hirten, der unermüdlich dazu aufruft, aus den Vollen der Gnaden zu schöpfen, die die Kirche den Menschen anzubieten hat.

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Ich freue mich über Meinungen, (sinnvolles) Feedback und Hinweise aller Art. Fragen sind auch immer willkommen, eine Garantie ihrer Beantwortung kann ich freilich nicht geben. Nonsens (z.B. Verschwörungstheorien, atheistisches Geblubber und Esoterik) wird gelöscht. Trolle finden hier keine Nahrung.