Freitag, 4. September 2015

Ehrlichkeit statt Arroganz

Ohne das jetzt kirchenpolitisch zu färben, nur mal rein vernünftig betrachtet:

Stellen sie sich vor, die allermeisten Leute in Deutschland wüssten nicht mehr, wie Demokratie funktioniert und wozu sie eigentlich gut ist, und niemand könnte sich mehr so richtig etwas unter Begriffen wie "Diktatur" und "Absolutismus" vorstellen.

In dieser Situation entsteht nun eine Bewegung, die sich zum Ziel gesetzt hat, die Demokratie zu "reinigen" von den Lasten ihrer Geschichte und sie zu ihrem "eigentlichen Wesenskern" zurückführen. Auch wenn, bei Licht betrachtet, eigentlich kaum jemand weiß, worin der bestanden haben könnte... man denkt sich halt was aus.
Viele der Akteure dieser Bewegung bezeichnen sich denn auch als "Demokraten" - denn sie wollen die Demokratie ja nicht abschaffen, sondern erst richtig verwirklichen! -, auch wenn sie nie wirklich bewiesen haben, dass sie welche sind. Sie gerieren sich als "erfahrene Politiker", auch wenn sie niemals nennenswerte Erfolge bei den Wählern oder bei der Ausübung eines Amtes hatten.
Die Änderungsvorschläge beinhalten etwa den, nicht mehr jeden Bürger ab einem bestimmten Alter wählen zu lassen, sondern die Kriterien einzugrenzen, etwa auf den Lebensstand. Überlegt wird auch, den Politikern, einmal gewählt, das Recht auf belienige Verlängerung und sogar erbliche Übertragung ihrer Ämter an ihre Sprösslinge zuzugestehen. Auch eine Mitgleidschaft im Parlament nur noch an den Höchstbietenden zu verkaufen, ist im Gespräch.
Erschwerend kommt noch hinzu, dass es keine Diskussionskultur mehr gibt, eigentlich werden immerzu nur Phrasen und Schlagworte gebrüllt... wirklich begründen, historisch fundiert darlegen oder erörtern, kann man nicht mehr.

Frage: Ist das vernünftig? Ist es vernünftig, in einem allgemeinen Klima der Unkenntnis, des mangelnden Wissens über und des fehlenden Bezugs zur Demokratie, diese selbe Demokratie auf ihren angeblichen "wahren Kern" hin ummodeln zu wollen?  Besteht nicht die Gefahr, dass hier die Redelsführer die breiten Massen ob ihrer Unkenntnis für ihr eigenes Spiel missbrauchen?
Oder wäre es nicht doch sinnvoller, zunächst einmal für eine tiefgehende Bildung und eine breite Beteiligung der Bürger Sorge zu tragen, bevor man anfängt, an dem System herumzudoktern? Einfach aus dem Grund, damit die Leute wissen, was sie da ändern und wohin die Reise gehen soll, bevor man ans Werk geht.

Nun: Genau dieses oben beschriebene Szenario erlebt die Katholische Kirche in Deutschland gerade. Die große Mehrheit ihrer Mitglieder hat faktisch ein schockierend niedriges Wissen darüber, was die Kirche ist, was sie lehrt und warum sie dies lehrt. Die Ergebnisse des vatikanischen Fragebogens vom letzten Jahr haben das schwarz auf weiß offengelegt (vgl. hier). Die meisten Verantwortungsträger haben insofern in ihrem Amt versagt, als sie diesen desolaten Zustand direkt zu verantworten und seit Jahrzehnten nichts Gegenteiliges unternommen haben. Und ihre Ortskirchen zerbröseln unter ihren Händen, die Leute treten in Massen aus, niemand schert sich mehr um das, was sie zu sagen haben.
Trotz allem haben wir nun eine breit angelegte "Bewegung", die alles Mögliche in der Kirche ändern will, seien es Fragen die eng mit dem Glauben zusammenhängen (Frauenpriestertum) oder zentrale Fragen der Morallehre.
Ich erlebe es selbst an meiner theologischen Fakultät, auch bei den Dozenten, dass eigentlich nicht verstanden wird, wie und warum die Kirche dies oder jenes lehrt. Allzuoft auch schon nicht, WAS die Kirche eigentlich lehrt. Es wird einfach eine Lehre (sei es des Glaubens oder der Moral) oder eine Disziplin abgelehnt, aber nur äußerst selten kann der Ablehnende erklären, warum es diese Lehre oder Disziplin überhaupt gibt... oder was sie genau beinhaltet. Wenn er aber nicht weiß, warum die Kirche dies oder jenes sagt, was berechtigt ihn dann dazu, dies in Frage zu stellen?

Es wäre zum lachen, wenn es nicht so traurig wäre. Die, die faktisch am wenigsten kompetent sind etwas zu ändern, tun so, als hätten sie den Master-Plan. Und die Wenigen, die über diese schändliche Situation noch den Überblick haben, die aber ihre eigenen Ziele verfolgen, wissen diese Unkenntnis wunderbar zu nutzen um "demokratisch" Druck auszuüben. Da sie oft genug selbst für diese Unkenntnis (mit)verantwortlich sind, ist das ganze sogar schon irgendwie perfide.

Ich habe nichts gegen sinnvolle Änderungen. Aber ich lege doch Wert darauf, dass sich darum diejenigen kümmern, die Ahnung haben. Wenn einem Arzt alle seine Patienten wegsterben, egal mit welcher Krankheit sie zu ihm kommen, dann sollte man sich zweimal überlegen, ob er der Richtige ist, mich im Krankheitsfall zu beraten. Wenn einem Bischof immerzu die Leute weglaufen, dann ist er vermutlich nicht der Richtige, mir zu erzählen, wie man genau das verhindern kann. Wenn unter diesem Bischof das geistliche Leben stagniert oder rapide abnimmt, dann wird er wohl kaum der Experte für geistlichen Aufbruch sein. Wie ein schaler Witz wirkt es da, wenn solch ein Bischof ein Buch schreibt mit dem Titel "Kirche überlebt", denn überleben ist etwas anderes als leben. Überleben kann ich einen schweren Unfall auch, wenn ich hinterher querschnittsgelähmt bin. Überleben kann ein alter und eigentlich sterbender Mensch noch sehr lange, wenn er nur an die richtigen Maschinen angeschlossen ist und vor sich hin siecht.

Stattdessen sollten wir, das halte ich für das mit Abstand vernünftigste, unseren Blick dahin wenden, wo die Kirche nicht bloß überlebt, sondern wo sie lebt, wo sie blüht. Dort lernen wir, was es heißt, Kirche zu sein.
Und die Lehre der Kirche sollte man auch nur dort hinterfragen, wo sie 1. bekannt ist, 2. in ihrer Begründung verstanden wird und wo sich 3. die Menschen zumindest bemühen, sie zu leben. 2. und 3. haben 1. als notwendige Vorbedingung. Aber gerade um 1. ist es in Deutschland sehr schlecht bestellt, das haben wir seit einem Jahr schwarz auf weiß; um 2. ist es dementsprechend noch viel schlechter bestellt, gerade auch unter den Was-zu-sagen-Habern (siehe das ZK). Und um 3., das hat jene Umfrag zum geistlichen Leben bei den Seelsorgern gezeigt, muss man sich auch ganz ernsthaft Sorgen machen.

Mal ehrlich: Welche Berechtigung hätte ausgerechnet die katholische Kirche in Deutschland, Lehre und Disziplin der Kirche zu hinterfragen? Was hat die Kirche in Deutschland denn wirklich der Weltkirche zu bieten, das für das Heil der Menschen und die überweltliche Gemeinschaft der Glieder der Kirche geistlich fruchtbar wirken kann?
Das Einzige, was wir anzubieten haben, sind viele theologische Fakultäten mit endlosen Metern verstaubter Bücher (vgl. hier), stetig weiter wachsende Strukturapparate und viel, sehr viel Geld. Aber an geistlichen Gütern und Aufbrüchen, was haben wir da zu verzeichnen? Bekehrungen, Kircheneintritte, Beichtzahlen, Gottesdienstbesucher, Wallfahrten, Anbetung, Eheschließungen, Taufen?... Und trotzdem spielen wir uns auf wie sonstwas... Man sollte so ehrlich sein, sich das eigene Ungenügen und die entsprechende Nichtzuständigkeit einzugestehen. Es stünde einem Kardinal Marx gut an, einmal ganz still zu sein, sich stellvertretend für seine Amtskollegen (und seine und deren Vorgänger) unauffällig ganz weit an den Rand der Synodenaula zu setzen, gut zuzuhören und sich einer ausgiebigen Gewissenserforschung zu widmen.

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