Donnerstag, 18. September 2014

Schöne Maschine

Ich war immer schon etwas old-school... Ich bevorzuge Mechanik gegenüber Elektronik und "natürliche" Materialien (inkl. Glas, Keramik und Metall) über alles was "Kunststoff" ist.
Mechanik ist im Unterschied zu Elektronik haltbarer, weniger anfällig, intuitiver, "greifbarer" und nahezu unbegrenzt reparabel (wenn man weiß wie)...
Ich war stets misstrauisch gegenüber Geräten, deren Fehlfunktionen oder Nichtfunktion nicht mit Hammer und Schraubenzieher ("von Hand") repariert werden konnten.
 
Vor einer Weile bekam ich eine alte Schreibmaschine in die Hände - sie wurde jahrelang von Kindern als "Spielzeug" maltretiert und hat entsprechende "Aufhübschungen" erfahren - zur Reparatur (normalerweise hab ichs, was Reparaturen angeht, eher mit Holz). 

Nach ausgiebiger Säuberung (es war alles, was noch irgendwie in die Kategorie "Malutensil" fällt, darauf vertreten, dazu viel Staub, grober Dreck, Klebstoff u.a.) und einigen kleineren Reparaturen bzw. Justierungen an Bandlauf, Typen und Wagen, funktioniert sie inzwischen wieder tadellos und funkelt, als wäre sie fabrikneu (von zwei kleinen Macken an der Abdeckung abgesehen, weil der Vorbesitzer selbige beim Rollenwechsel - oder einfach aus Spaß an der Freude - ausgesprochen falsch gehandhabt hat).
Ich habe seit Kindertagen keine Schreibmaschine mehr verwendet (mich gleichwohl "theoretisch" damit befasst), darum hatte das einen besonderen Nostalgiebonus. Und mit ein wenig Feingefühl, Neugier und Ausprobieren, ist auch bald die Funktionsweise aller Hebelchen und Knöpfe klargeworden. Der Vorteil von Mechanik gegenüber Elektronik ist eben dies: Augen genügen um ein Problem zu finden und Hände/Werkzeug, um es zu beheben. Als Dank für meine Mühen, bekam ich die Maschine vom früheren Besitzer geschenkt, worüber ich mich sehr freue.

Die Maschine und ihr Koffer verraten: Es handelt sich um eine Hermes 3000 der schweizer Firma Paillard aus dem Jahr 1958. Bei meiner "Inspektion" wurde mir schnell klar, dass es eine enorm gut verarbeitete und robuste Maschine ist und dass sie eine (für die damalige Zeit) erstaunliche Fülle an Funktionen und Komfort bietet. Und sie ist auch Ästhetisch sehr ansprechend, nichts zuletzt wegen ihrer geschwungenen Formen (s. Bild). Sie kommt im schicken blass-grün der Zeit mit zahlreichen verchromten Elementen - très chic! Das komplette Gehäuse und die funktionalen Elemente sind aus Metall, nur einige Bedienelemente (Walzendreh- sowie Wagenlöseknöpfe und natürlich die Tasten) sind aus Plastik.

Das Internet hält noch einige interessante Informationen bereit: Bei ebay findet man diese Maschine, je nach Zustand, für 100 bis 400 Dollar zu kaufen (passende Farbbänder gibt es übrigens auch hierzulande bei entsprechenden Fachhändlern zu erwerben).
Wie sich herausstellt, ist es insofern eine ganz besondere Maschine, weil sie offenbar bei Nostalgikern einen ziemlichen Kultstatus hat, v.a. die Amerikaner fahren voll drauf ab. Wohl nicht ganz so kultig wie die zwei Jahrzehnte ältere "Hermes Baby", aber eine Bildersuche bei Google fördert dennoch Erstaunliches zutage... manch einer hat sich seine Hermes 3000 sogar vergoldet...

Man hört ja ab und an von dem ein oder anderen Schriftsteller, welch musische Eigenschaften so eine Old-School-Schreibmaschine habe... Nun, aus dieser Sparte fand sich in den Weiten des Netzes folgende Anekdote über die Hermes 3000 (klick):
»After winning a 2006 Golden Globe for his co-screenwriting on Brokeback Mountain, novelist Larry McMurtry caused a certain amount of confusion when his acceptance speech deviated from the familiar litany of award-show thank yous. Instead of acknowledging the usual suspects—mom, dad, husband, wife, agent, stylist, Jesus, etc.—McMurtry made the following statement: “Most heartfelt, I thank my typewriter. My typewriter is a Hermes 3000, surely one of the noblest instruments of European genius.”«

Soso, ein Golden Globe Gewinner ist der Meinung, dass die Hermes 3000 "surely one of the noblest instruments of European genius" ist. Na dann...

Ich weiß noch nicht, was ich mit der Maschine mache... vielleicht schreibe ich Briefe damit.

Kommentare:

  1. Macht sicherlich Freude, damit zu schreiben :-) ...vorausgesetzt Du hast genügend TIPPEX und einen großen Vorrat an Papier zu Hause plus Papierkorb und starke Nerven...aber d a m a l s war das 'nochmal schreiben' nichts Besonderes...und Zeit dafür gab's auch noch mehr :-(

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  2. Die Liebe zu alten Maschinen kann ich verstehen. Ich habe noch eine WSR 160 (WSR = Walther Schnellrechenmaschine).

    Die kann prinzipiell nur Plus und Minus, aber wenn man oft genug Plus rechnet, hat man ja sowas wie Multiplizieren etc.

    Hier auf dem Photo habe ich mal die Wurzel aus 2 gezogen (mittels Töpler-Algorithmus). Das Ergebnis ist in dem Feld links unten (Umdrehungszählwerk) zu sehen.

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    1. Was mir gerade noch einfällt.
      Wenn Du das Schreibgefühl unter den Fingern der alten Maschinen magst, dann besorg Dir als Computertastatur eine aus der Model-M Serie von IBM. Am besten natürlich eine Original.
      Es muß nicht zwingend so ein Monster sein wie meine 1397003 auf der ich gerade tippe.
      -> KLICK

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  3. Ich glaube nicht. Aber Danke für den Hinweis ;)

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