Montag, 30. September 2013

Relativiert Franziskus die Morallehre?

Papst Franziskus äußert im "Jesuiteninterview" die Meinung, dass wir Katholiken nicht immer gleich mit der Moralkeule auftreten sollten. Von "liberal" wird gejubelt, der Papst würde die "mittelalterliche" Moral der Kirche, insbesondere jene im Hinblick auf Abtreibung und Homosexuelität, abmildern oder gar abschaffen. Von "konservativ" hört man dieser Tage den gleichen Choral, aber nicht als Jubel, sondern als Klagelied, zuweilen auch höhnich oder gar despektierlich: Was soll das? Will er sich anbiedern? Sind ihm diese Themen nicht wichtig? Will er uns das Reden darüber vermiesen und den eifrigen "Streitern für den Herrn" in den Rücken fallen?

O-Ton Papst:
»Wir sollten uns unseren Glauben nicht durch vielfältige Einzelheiten zerreden lassen, sondern doch zu allererst seine Größe immer wieder vor Augen haben. Ich kann mich erinnern: Wenn ich in den achtziger, neunziger Jahren nach Europa kam, wurde ich um Interviews gebeten, und ich wußte immer schon im voraus die Fragen. Es ging um Frauenordination, um Empfängnisverhütung, um Abtreibung und um ähnliche Probleme, die ständig wiederkehren. Wenn wir uns einfangen lassen in diese Diskussionen, dann fixiert man die Kirche auf ein paar Ge- oder Verbote, wir stehen da als Moralisten mit ein paar etwas altmodischen Ansichten, und die eigentliche Größe des Glaubens erscheint gar nicht. Daher meine ich, diese Größe unseres Glaubens immer wieder herauszustellen, ist etwas ganz Grundlegendes, wovon wir uns durch solche Situationen nicht abbringen lassen dürfen.«

Schlimm, dass der Papst da allenernstes fordert, wir sollten nicht immer nur über diese immer gleichen (Moral-)Themen reden...
Nur ein kleines Detail: Das eben zitierte stammt zwar von einem Papst, aber nicht von Franziskus. Ich habe nur das Wort "Deutschland" durch "Europa" ersetzt... es ist nämlich aus einer Ansprache von Benedikt XVI. zum Abschluss eines Treffens mit schweizer Bischöfen aus dem Jahre 2006 (hier nachzulesen). Auch bei anderen Gelegenheiten hat sich Benedikt in diese Richtung geäußert.

Natürlich haben beide Päpste absolut recht. Franziskus zumal darin, dass er seine Forderung nicht einfach so in den Raum stellt, sondern im Kontext unmissverständlich von einer missionarischen Verkündigung spricht, was aber sowohl von "liberal" wie von "konservativ" allenthalben völlig ignoriert wird.
Wir werden immerzu in diese Ecke gedrängt und dadurch letztlich gelähmt. Als bloße Moralanstalt braucht es nämlich die Kirche nicht! Auch Atheisten können moralisch gut handeln udn philosophieren (es gibt sogar eine facebook-Gruppe "Atheists Against Abortion"). Es braucht die Kirche nicht, wegen des Lebensschutzes und der heterosexuellen Ehe. Darum finde ich es auch sehr befremdlich, dass Robert Zollitsch den Lebensschutz als Markenzeichen der Kirche bezeichnet hat (s. hier): Damit stößt er alle Nichtkatholiken bzw. Nichtchristen die sich für den Lebensschutz und die Familie einsetzen, denn solch eine Moral ist bekenntnisunabhängig!, durchaus vor den Kopf.  Und er engt den Auftrag und die Natur der Kirche Jesu Christi dramatisch ein auf exakt das, wovon die Massenmedien feuchte Träume haben: die Kirche als Nein-Sager. 
Auch politisch wird die Daseinsberechtigung der Kirche immerzu darauf eingeengt: Werte. Aber dazu braucht es, wie gesagt, keine Kirche. Die Kirche ist vor allem anderen eine Heilsanstalt für für alle Menschen... und dieses Heil ist eines nicht: diesseitig.

Natürlich ist die Moral auch wichtig und für einen Christen eigentlich nicht anders denkbar. Aber es darf nicht die oberste Priorität haben, nicht in der Verkündigung und nicht in der Wahrnehmung derselben. Ich kenne niemanden, mich eingeschlossen, der katholisch wurde wegen der moralischen Standpunkte der Kirche. Diese sind eine Folge, eine Konsequenz aus dem eigentlichen Markenzeichen der Kirche: Sie ist die eine, heilige, katholische und apostolische Kirche. Nicht die "moralische", nicht die "Werte vermittelnde". Sie ist Leib und Braut Christi, vom Heiligen Geist beseelt - nicht Gottes moralischer Zeigefinger.

O-Ton, diesmal wirklich von Papst Franziskus (s. hier):
»Die Lehren der Kirche - dogmatische wie moralische - sind nicht alle gleichwertig. Eine missionarische Seelsorge ist nicht davon besessen, ohne Unterscheidung eine Menge von Lehren aufzudrängen. Eine missionarische Verkündigung konzentriert sich auf das Wesentliche, auf das Nötige. Das ist auch das, was am meisten anzieht, was das Herz glühen lässt - wie bei den Jüngern von Emmaus. Wir müssen also ein neues Gleichgewicht finden, sonst fällt auch das moralische Gebäude der Kirche wie ein Kartenhaus zusammen, droht, seine Frische und den Geschmack des Evangeliums zu verlieren. Die Verkündigung des Evangeliums muss einfacher sein, tief und ausstrahlend. Aus dieser Verkündigung fließen dann die moralischen Folgen.«

Also, liebe "Konservative", kommt mal wieder runter, alles wird gut!

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